Eine Vorzeigefamilie - Rochus Hahn - E-Book

Eine Vorzeigefamilie E-Book

Rochus Hahn

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Beschreibung

Eine Vorzeigefamilie - Schein und Sein meiner Eltern Eine Familie aus dem Bilderbuch: Ein studierter Chemiker mit Doktortitel und eine ebenso fleißige wie fromme Ehefrau, perfekte Umgangsformen. Dazu drei Söhne, brav, gehorsam und pflegeleicht. Das jedenfalls ist das Bild, das die Außenwelt zu sehen bekommt. Doch hinter den verschlossenen Türen fällt die Maske. Eine Ehe, die nicht funktioniert, Alkoholismus, Demütigung, emotionale Kälte und Gewalt. Drei Brüder als zitternde Untertanen in einer Atmosphäre ständiger Angst. Wer in dieser Familie Liebe finden will, muss tief graben ... Eine deutsche Zeitreise über fünf Jahrzehnte: berührend, skurril, amüsant, erschütternd und tröstlich. Rochus Hahn arbeitete lange Jahre als Drehbuchautor für Film und Fernsehen. Aus seiner Feder stammen die Drehbücher zu "Das Wunder von Bern", "SketchUp", "Der Geschmack von Apfelkernen" Als Horst Brack, "der Bestrafer" moderierte R.Hahn 1989-1991 das Wrestling-Format "Catchup" bei RTL plus. Seit 2015 schreibt Rochus Hahn Unterhaltungs-Romane. Unter dem Pseudonym R.P. Hahn erscheinen Rügen-Krimis des Autoren bei Piper.

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Teil 1 - Mein Vater und ich

1. Kapitel: Mein Vater - Die frühen Jahre

2. Kapitel: Neuanfang in Deutschland

3. Kapitel: Ungemütliche Zeiten

4. Kapitel: Das große Abenteuer

5. Kapitel: Meine Jahre als Jugendlicher

Familienfotos

6. Kapitel: Mein Vater und die Dinge des Lebens

7. Kapitel: Fulda

8. Kapitel: Auf Augenhöhe

9. Kapitel: Die nächste Generation

10. Kapitel: Der Abschied

Teil 2 - Erinnerungen an meine Mutter

11. Kapitel: Annemarie Hahn

12. Kapitel: Gottgefällig

13. Kapitel: Morbus Osler

14. Kapitel: Gott ist überall

15. Kapitel: In Teufels Küche

16. Kapitel: Der letzte Vorhang

17. Kapitel: Späte Erkenntnisse

18. Kapitel: Das Trauma

19. Kapitel: Versöhnung

Danksagung

Mein Dank geht an meine Frau Sibylle Meyer, die mich bei diesem Projekt immer unterstützt hat, an meine beiden Brüder und an Eduard Wieczorek.

Mein weiterer Dank geht an Dr. med. Godhard Reuter, sowie an meine langjährige Therapeutin Barbara Renner-Wiest, den Systemischen Familien-Therapeuten Friedrich Wiest, an die Diplom-Psychologin AnnaLee Scholz, an Dr. Markus Föh, FA für Neurologie und Psychiatrie und das Therapieteam der Schön Klinik Roseneck unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert (Facharzt für psychotherapeutische Medizin) sowie an Dr. Reto Götte

Vorwort

Im Sommer des Jahres 2021 beschloss ich, ein Buch über meinen Vater zu schreiben. Vorher hatte ich nur humoristische Lektüre oder Krimis verfasst. Aber mir schien es an der Zeit zu sein, näher am Leben zu erzählen. Mein Vater bot sich an. Er gibt als Persönlichkeit eine Menge her und meine Erinnerungen an ihn sind lebendig. Also begann ich loszulegen. An meine Mutter dachte ich dabei nicht, denn mir fiel wenig ein, was als Geschichten-Sammlung neben dem schillernden Portrait meines Vaters hätte bestehen können.

Die Erinnerungen an meinen alten Herrn kamen flüssig aus meiner Feder, waren nach drei Monaten zu Papier gebracht.

Ich dachte, die Geschichte zwischen mir und meinem Vater sei auch deswegen interessant, weil es nicht allein um die vielen Narben geht, für die er verantwortlich ist, sondern um eine über die Jahre gehende Entwicklung, eine Reise, die uns nicht als unvollendet zurückgelassen hat.

Kurz nachdem ich das Manuskript über meinen Vater fertig hatte, erreichte mich die Nachricht, dass meine Mutter in ihrer Wohnung gestürzt sei. Dabei war ein Knochen im Ober-schenkelbereich gebrochen. Sie war dreiundneunzig und es war der Anfang vom Ende. Sie starb vier Wochen später.

Nachdem ich meine Vaterthematik aufgearbeitet hatte, stellte ich mir die Frage, wie es denn nun zwischen mir und meiner Mutter aussah? Ich fand keine schnelle Antwort.

Und je mehr ich über sie nachdachte, desto mehr Ungereimtheiten fielen mir auf.

Mir kam schnell der Gedanke, dass ich dem Buch über meinen Vater noch ein Kapitel hinzufügen musste, in dem es um meine Mutter gehen sollte. Was genau ich da schreiben wollte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Ich hatte die Idee, den Arbeitsprozess zu nutzen, um mir besser über mein Verhältnis zu ihr klar zu werden.

Anders als bei meinem Vater versprach das Buch über meine Mutter eine Reise ins Unbekannte zu werden. Ich wusste nicht genau, wo ich landen würde, war aber zuversichtlich, bald auch mit ihr abschließen zu können.

Doch es sollte eine längere Odyssee werden, als ich gedacht hatte. Erst im Sommer des Jahres 2023 waren alle Puzzleteile beisammen und die Geschichte fügte sich buchstäblich auf den allerletzten Metern zu einem würdigen Ende.

Ich habe überlegt, ob ich das komplette Buch noch einmal neu beginnen und die Profile meiner Eltern zu einer homogenen Geschichte verweben sollte, doch das fand ich zu schwierig, Also bleibe ich bei meiner Chronologie der zwei Teile. Ich betrachte erst meinen Vater, zeichne seine bzw. unsere Geschichte und beleuchte seine Persönlichkeit, thematisiere meine Reise mit ihm, erzähle, wie er mich geprägt hat und berichte über die Empfindungen, Traumata und Entwicklungen, die er bei mir ausgelöst hat.

Wie ich meinen Vater erlebt habe, schreibe ich intuitiv, mache auch Abstecher in meine eigene Geschichte, wenn sie mit ihm zu tun hat und gehe dabei chronologisch vor.

In der zweiten Betrachtung wende ich mich dann meiner Mutter zu. Der Teil ist kürzer, da ich die Historie der Familie bereits im ersten Abschnitt abgehandelt habe. Hatte ich sie und ihre Persönlichkeit im Vorfeld gewogen und für zu leicht befunden, muss ich meine Meinung heute, nachdem ich mir über so vieles klargeworden bin, revidieren.

Sie und ihre eigenartige Geschichte scheinen mir das schwierige Schicksal meines Vaters in ihrer Tragik noch in den Schatten zu stellen.

Fangen wir mit ihm an.

Teil 1: Mein Vater und ich

Einführung

Mein Vater, Burkhard Hahn, ist im Januar 2009 gestorben, im Alter von neunundsiebzig Jahren. Das ist nun bald fünfzehn Jahre her. Hatten wir eine enge Bindung? Vielleicht enger, als ich es mir eingestehen will. Ich denke selten an ihn, so kommt es mir vor und trotzdem ist er allgegenwärtig in mir.

Natürlich war und ist er wichtig für mich. Er hat sich vielleicht mehr in mir verewigt, als ihm bewusst gewesen ist. Gleichzeitig habe ich ihn als bedrohlichen Tyrannen in Erinnerung, der mir als Kind heftig zugesetzt hat.

Wenn ich in den Spiegel sehe, dann erkenne ich meine Ähnlichkeit zu ihm. Manchmal denke ich, ich habe kaum etwas mit ihm gemeinsam, dann wieder kultiviere ich Rituale, die er mir vorgelebt hat. Meine Brüder und ich haben uns ganz unbewusst mit vielem identifiziert, was uns von unserem Vater vorgelebt worden ist. In jungen Jahren habe ich es zum Beispiel nicht infrage gestellt, dass die CDU, die meine Eltern wählten, die beste Partei ist. Später begann ich zu differenzieren. Wenn mein Vater sagte: „Alle Russen sind Verbrecher!“, dann speicherte ich das nicht ab, weil ich selbst mit nur zwölf Jahren ahnte, dass das nicht stimmen konnte.

Mein Vater trat nach außen hin seriös, höflich und fast schüchtern auf. Keiner wäre auf den Gedanken gekommen, wie verdreht, gewalttätig und unberechenbar er in Wirklichkeit war. Er konnte furchtbar zu seinen Kindern sein und verbreitete bei uns Angst und Schrecken. Er schlug uns nicht selten und dann mit aller Härte. Oft reagierte er rücksichtslos seinen Frust an uns ab. Seine weiche Seite dagegen versuchte er zu verbergen. Schwäche glaubte er, sich nicht erlauben zu dürfen. Das gilt noch mehr für Trauer. Er hat sein Inneres sehr abgeschottet und ließ kaum Einblicke zu.

Als ich schon erwachsen war und angefangen habe, Therapien zu machen, da lernte ich, wie man Gespräche führt, dabei bei sich bleibt und es schafft, dennoch in die Tiefe zu gehen. Ich habe trotz solcher Techniken nicht viel aus meinem Vater herausholen können. Er war ein Schweiger, der in Gesellschaft niemals von sich aus das Wort ergriff. Er kam nicht einmal aus seiner Muschel, wenn er getrunken hatte.

Unser Verhältnis hat sich über neunundvierzig Jahre entwickelt, man kann es nicht mit wenigen Worten auf den Punkt bringen. Während ich als Schüler hart von ihm rangenommen wurde, hob er die väterliche Faust von meinem Nacken, als ich sechzehn wurde. Da hörte er von einem Moment zum anderen auf, Druck auf mich auszuüben, Einfluss zu nehmen oder mich zu züchtigen. Bis zu dieser Zeit hatte er mich in erster Linie in schulischen Belangen gefordert. Als ich zu einem jungen Erwachsenen wurde, zog er sich zurück. In meinen Abiturjahren war ich bereits allein für mich verantwortlich, da hielt er sich schon komplett raus.

Ich ging mit zwanzig Jahren nach München, um an der Filmhochschule zu studieren. Er rief mich niemals an. Mein Vater war es gewohnt, dass man ihn aufsuchte, der Berg kam nicht zum Propheten.

Mochte ich meinen Vater? Als ich sehr klein war, konnte man mit ihm schmusen. Ja, es gab eine Ebene der Wärme und Zuneigung. In späterer Zeit regierte die Angst. Sehnte ich mich nach seiner Anerkennung? Oh ja, sehr. Habe ich sie bekommen? Jein. Es war eine spärliche Dosis. Und es hat lange gedauert, bis Lob von ihm kam, da war ich schon längst erwachsen. Viele solche Ereignisse gab es nicht, aber ich vergesse keine von ihnen.

In meinen Kinderjahren gab es keine Aufmunterung, kaum Rückenwind. Meine Brüder und ich wurden „zur Schnecke gemacht“, wenn etwas nicht lief. Und die Dinge liefen verdammt oft nicht so, wie sie sollten.

Während mein Vater mit neunundsiebzig starb, lebte meine Mutter noch, als ich begann, dieses Buch zu schreiben. Sie wurde dreiundneunzig Jahre alt und war bis zum Schluss geistig wach. Zu der Blutgerinnungsschwäche, an der sie zeitlebens litt, kam im Alter noch eine Herzkrankheit. Es war klar, dass es irgendwann ganz schnell mit ihr gehen konnte.

Meinen Vater und seine Persönlichkeit kann ich nicht auf Begriffe wie „gut“ und „böse" herunterbrechen. Viele Aussagen, die er getätigt hat, seine politischen Ansichten, die gegen die wehrlosen Schutzbefohlenen erhobene Hand und seine Charakterschwächen geben keine vorteilhafte Visitenkarte ab. Es wäre einfach, ihn zu verurteilen und als „schlechten Menschen“ abzustempeln. Doch so kann und will ich ihn nicht sehen. Auch er hatte sein Päckchen zu tragen, und ich bin viel zu befangen, um ein Urteil über ihn zu fällen.

1. Kapitel: Mein Vater - Die frühen Jahre

Als der zweite Weltkrieg in sein letztes Jahr ging, zählte mein Vater gerade vierzehn Jahre und er hatte Glück, nicht am Ende noch im „Volkssturm“ in die Kampfhandlungen hineingezogen zu werden. Seine Mutter, Elisabeth Hahn, das „Treppchen“, musste ihre beiden Kinder allein großziehen, denn Rudolf, mein Großvater, war früh verunglückt, das war im Jahre 1933.

In Braunschweig, wo meine Großeltern lebten, stürzte Rudolf Hahn bei Malerarbeiten vom Baugerüst und verletzte sich schwer. Er war nicht sofort tot, es ging noch sechs Wochen im Krankenhaus weiter. Mein Vater war fünf, seine Schwester Elisabeth sieben Jahre. Rudolf war ein musischer Mensch gewesen, dem Leben zugewandt. Er kam jedoch im Krankenhaus nicht wieder auf die Beine. Eine Infektion ließ ihn dahinsiechen.

Treppchen, meine Großmutter väterlicherseits, die wir Kinder später immer „Kleine Oma“ nannten, tat damals etwas, das man heute nicht mehr so macht, sie ließ ihre Kinder nicht mehr zum sterbenden Vater. „Das hätten sie nicht verkraftet!“, so waren die Worte, die sie mir zur Erklärung gab, als ich sie zu Lebzeiten fragte. Ihre Tochter, die ältere Schwester meines Vaters, die wie ihre Mutter den Namen Elisabeth bekam, hat ihr Leben lang darunter gelitten, dass es keinen persönlichen Abschied gab und ich denke, bei meinem Vater verhält es sich ähnlich. Rudolf Hahns Kinder waren durch den Verlust ihres Papas traumatisiert.

Nach dem frühen Ausfall des Familienoberhauptes musste mein Vater den Platz des Mannes in der Familie einnehmen. Meine Großmutter hievte ihn auf die Position neben sich, denn er war das „Gold“. Eine weitere unglückliche Entscheidung meiner Großmutter, die damit ihre Kinder entzweite. Meine Tante Elisabeth, alle nannten sie „E“, konnte nicht akzeptieren, dass mein Vater die Position ihres geliebten Papas einnahm, und sie begann ihn zu bekämpfen. Das blieb Zeit ihres Lebens so. E war, in Bezug auf ihren Bruder, immer auf Krawall gebürstet. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, woher das kam. Ich erlebte oft seine Irritation über ihre schroffe Haltung ihm gegenüber. Er dachte, dass sie nicht ganz richtig im Kopf sei, und er sprach das auch uns gegenüber aus. Aus heutiger Sicht ist es offensichtlich: beide Geschwister verstanden nicht, was da zwischen ihnen stand.

Rudolf war tot und für die Familie ging es ohne ihn weiter. In dieser Situation bot das Schicksal meinem Vater einen Ersatz für den früh ausgefallenen Vater an: Adolf Hitler. Treppchen hatte ein naives Wesen, sie sympathisierte mit dem Diktator, immerhin ohne dabei in einen Fanatismus abzudriften und etwa Juden zu verteufeln. Für meinen Vater, den Hosenmatz, wurde Hitler ein neues Leitbild. Das große Ganze hinterfragte der Knabe nicht, politische Inhalte waren zu hoch für ihn. Seine Mutter jedoch glaubte der Propaganda. Also applaudierte man Hitler, weil er nach dem Elend des ersten Weltkriegs, den Versailler Verträgen und der gescheiterten Weimarer Republik in Deutschland wieder Stärke und Macht demonstrierte.

Die Zeiten waren schwer, auch wenn es in Deutschland unter der NSDAP erstmal gefühlt aufwärts ging. Mein Vater war ein stilles, eingeschüchtertes Kind, tief verunsichert, ein Außenseiter. Er schlug sich nie mit anderen Jungs oder stellte gar etwas an. Mein Vater war still, fügsam und ging Schwierigkeiten aus dem Weg. Ein Lehrer von ihm sagte einmal: „Ich wünschte, der Bub würde einfach mal eine Scheibe einschlagen, ich würde sie ihm sogar bezahlen.“

In der Schule bemühte mein Vater sich und fand in guten Leistungen einen für ihn gangbaren Weg, wenigstens die Lehrer auf seine Seite zu bekommen. Es stellte sich heraus, dass er sehr intelligent war. Mathematik, Deutsch und Latein lagen ihm und seine Noten waren immer recht gut.

Als der Krieg nach Deutschland kam, wurde mein Vater aus Braunschweig, dem Ziel alliierter Bomber, in das Landschulheim nach Tanne im Harz gebracht. Das war das erste Mal, dass er den schützenden Flügel seiner Mutter verlassen musste. Ich weiß über diese Zeit wenig, denn der Alte redete nicht darüber. Doch von Tante E erfuhr ich: Bis zum zwölften Lebensjahr war mein Vater Bettnässer. Es ist zu bezweifeln, dass in dieser nationalsozialistischen Zeit, in einem Schlafsaal mit Dutzenden von Jungen, sensibel mit so einem Handicap umgegangen worden ist. In jedem Fall war mein Vater anderen Menschen gegenüber so zurückhaltend, dass er niemanden von sich ansprach, wenn es nicht erforderlich war. Die Zeit des Nationalsozialismus dürfte für den Halbwaisen ein denkbar schlechter Nährboden gewesen sein und ich glaube, dass er, besonders im Landschulheim, unangenehme und demütige Erfahrungen gemacht haben muss.

Nach dem Krieg lief es besser für ihn. Seine schulischen Erfolge trugen ihn und er reifte zu einem jungen Mann. Er gab Gerd, dem acht Jahre jüngeren Bruder meiner Mutter Nachhilfe in Mathematik und irgendwann kam er mit ihr zusammen. Mein Vater studierte Chemie und 1956 heiratete er meine Mutter. Ein Jahr später erblickte mein älterer Bruder das Licht der Welt, 1960 kam ich und noch einmal drei Jahre später machte mein jüngerer Bruder das Jungen-Trio komplett. Mein Vater hätte gerne eine Tochter gehabt. Als es dazu nicht kam, redete er sich später ein, dass er ganz froh sei, weil Mädchen ja „schwieriger“ seien.

Bad Salzdetfurth

Die erste Station der Familie war Bad Salzdetfurth. Mein Vater arbeitete schon als Chemiker, meine Mutter war Hausfrau. Es existieren viele Fotos von mir und meinen Brüdern, doch die ersten drei Jahre meines Lebens sind für mich weitgehend ohne Erinnerungen.

Mein Vater hatte früh Gefallen an Alkohol gefunden, geistige Getränke waren seit dem Studium sein ständiger Begleiter. Als ich meine Mutter dazu befragte, meinte sie, dass er schon immer getrunken habe. Die belastenden Ereignisse seiner Kindheit scheinen die Türen zu dieser Art der Problembewältigung für ihn geöffnet zu haben. Mit Bier und Schnaps versuchte er seinem Seelendruck entgegenzuwirken. Er hatte viele Favoriten. Whisky, Sliwowitz, Ratzeputz, Bier und Rotwein waren bei ihm auf den vorderen Plätzen. Gin, Grappa oder Calvados trank er nicht.

Als junge Ehefrau merkte meine Mutter sehr schnell, dass er nicht ohne Not so viel Alkohol konsumierte und überredete ihn, eine Psychotherapie zu machen. Für meinen Vater muss das eine große Überwindung gewesen sein. Es war ihm bestimmt klar, dass er sich in einer solchen Behandlung nicht ausschweigen konnte, sondern ran ans Eingemachte musste, was völlig gegen seine Natur ging. Ich bin sicher, dass eine gute Therapie sehr viele Dinge in seinem Leben verändert hätte, doch dazu sollte es nicht kommen. Meine Mutter, die ihn zu der ersten Konsultation mit dem Therapeuten begleitete, erzählte mir, dass der Psychologe im Grunde genommen nur über ein Thema geredet habe, nämlich darüber, dass sein Honorar nach jeder Sitzung pünktlich und umgehend zu überweisen sei. Vielleicht hatte der Mann schlechte Erfahrungen gemacht und versuchte, dem Schlendrian vorzubeugen, aber er erreichte das komplette Gegenteil. Mein Vater konnte in der Erpichtheit des Mannes, stets unverzüglich bezahlt zu werden, kein irgendwie geartetes Interesse an seiner Person erkennen und legte das Thema Therapie ernüchtert zu den Akten. So blieb alles beim Alten, mein Vater trank weiter und fand, dass der Geist des Weines sowieso ein viel besserer Therapeut war als alle studierten Psychoklempner dieser Welt.

Carlsbad

Meine frühesten Kindheits-Erinnerungen setzen erst in den USA richtig ein. Unsere Familie wanderte 1963 in die Vereinigten Staaten aus. Mein Vater war nämlich ein leidenschaftlicher Karl-May-Fan. Er hatte bereits als Junge alles verschlungen, was er von Karl May in die Finger bekommen konnte und schon früh wurden der „Silbersee“, der „Rio de la Plata“ oder das „Tal des Todes“ für ihn zu perfekten Fluchtwelten. Das prägte ihn so sehr, dass er vieles aus dem Sprachschatz Mays verinnerlichte. Daher erklärt es sich auch, dass jeder seiner Söhne einen indianischen Namen bekam. Mein älterer Bruder war „Gelbe Sonne“, ich wurde „Feuerstern“ getauft und der Jüngste hieß „Schwerer Mokassin“. Das waren keine selbst ausgedachten Namen, nein, die stammten alle aus den Karl-May-Vorlagen aus seinem Bücherschrank. Das waren nicht nur gute Charaktere, da befanden sich auch sehr zwielichtige „Indsmen“ darunter. Für meine Mutter fand mein Vater ebenfalls einen passenden Namen, nur keinen indianischen. Er nannte sie „Resedilla“. Er hat uns nie verraten, woher das stammte, ich fand es eines Tages selber heraus. Als ich den Fünfteiler um Dr. Karl Sternau und das Schloss Rodriganda las, da begegnete mir Resedilla wieder, als Freundin des heldenmütigen „Schwarzen Gerards“.

Viele Aussprüche, die Karl May seinen unterschiedlichen Charakteren in den Mund legte, wurde bei meinem Vater zu geflügelten Worten. Stellte man ihm eine Frage, auf die er bequem mit 'ja' hätte beantworten können, kam stattdessen: „Es mag so ähnlich sein, Mr. Cutter!“ Das stammte aus dem Roman „Old Shurehand I“, wie ich später herausfand.

Machte mein Vater eine Ansage, die er nicht diskutiert haben wollte, fügte er am Ende hinzu: „It’s clear!“

Ein weiteres Beispiel für einen Satz, den ich mehr als einmal hörte: „Fünfzig auf die nackten Fußsohlen und dann nicht mehr gesehen werden!“ Das kam aus der Welt Kara Ben Nemsis und bezog sich auf die drastische Strafe der Bastonade.

Ich könnte viele Zitate auflisten. Für meinen Vater waren die Welten, in denen sich Karl Mays Alter Egos bewegten, allgegenwärtig. Ich selbst versank ebenfalls früh in den schillernden Sphären meiner Fantasie. Niemand sagte dann: „Das hat er von seinem Vater.“ Aber ich denke, so war es.

Die Lektüre der vielen Karl-May-Bücher hatte schon früh ein großes Fernweh bei meinem Vater ausgelöst, seiner Heimat stand er wenig patriotisch gegenüber. Meiner Mutter war das nicht verborgen geblieben. Als junge Ehefrau bestärkte sie ihren Mann darin, sich in den USA zu bewerben. Nicht irgendwo, nein, wenn schon, denn schon: In den „Wilden Westen“ sollte es gehen, in die hitzeflimmernde Wüste, ins Indianerland, da wo ein Waldläufer eben hingehörte. Und so geschah es. In Carlsbad, New Mexico, wurden die Gebete meines Vaters erhört und man bot ihm einen Job als Chemiker an. Er unterschrieb bei dem Unternehmen und so flog die junge Familie mit den drei kleinen Kindern in den heißen Südwesten der Vereinigten Staaten.

Wir Hahns bezogen in Carlsbad ein Haus, das komplett aus Holz war und einen Garten besaß, in dem nichts wuchs. Einen grünen Daumen hatte mein Vater nicht, aber die Steppe hinter dem Haus kümmerte ihn wenig. Die Rollenverteilung war klassisch: Er arbeitete, kam nach Hause und legte dort dann die Beine hoch. Die Hausarbeit war allein Sache meiner Mutter.

Es gab eine deutsche-jüdische Community in Carlsbad, die uns unter ihre Fittiche nahm. Ich habe bereits angedeutet, dass ich unter meinem Vater zu leiden hatte, aber als ganz kleiner Steppke gab es für mich noch nicht so viele Probleme. Am Wochenende krabbelten wir Jungs früh in sein Bett und weckten ihn. Er wollte weiterschlafen und sagte: „Komm, seid still und lasst uns noch eine Stange abreißen!“ Ich weiß bis heute nicht, woher das kommt, mit der Stange, die man noch abreißen möchte, aber ich tippe hier ebenfalls auf den guten alten Karl May.

Ich habe meinen Vater Jahre später einmal gefragt, wieso er Kinder wollte. Die Antwort hat mich überrascht: „Weil sie Freude machen.“

Rückblickend hatte ich nicht den Eindruck, dass wir ihm sonderlich viel Freude gemacht hatten. Natürlich, als wir klein waren und am Samstag das Bett der Eltern stürmten, da waren wir wohlgelitten.

Mein Vater sagte gerne: „So, wir kaufen jetzt eine Form für jeden von euch, da kommt ihr rein, damit ihr nicht mehr wachst!“

Meine Mutter protestierte jedes Mal mit gespielter Empörung, aber ich fand es lustig. Mein Vater war ein strenger Mann und schon als kleiner Junge war mir bewusst, dass man vorsichtig bei ihm sein musste. Aber solange wir noch in Carlsbad lebten, erinnere ich mich an keine Schläge.

Ich weiß noch viel von unserer Zeit in Amerika. Unvergesslich ist mein Flussabenteuer. Meine Eltern teilten sich die Kinder manchmal auf. Eines Tages passte mein Vater auf meine Brüder auf, während meine Mutter mich zu einer kleinen Auszeit an den Rio Pecos mitnahm. Da gab es eine flache Stelle, wo auch ein Vierjähriger wie ich herumplantschen konnte. Meine Mutter lag am Ufer und las, während ich im Wasser herumspielte. Doch dann passierte es, ich verlor mit einem Male den Grund unter den Füßen. Schwimmen konnte ich noch nicht. Ich war ein mageres Bürschlein, für das mein Vater den spöttischen Begriff „Stöckerbein“ geprägt hatte. Viel wusste ich nicht, mir war aber völlig klar, dass ich sterben würde, wenn ich jetzt einen Fehler beging. Ich machte mich steif wie ein Brett und das Wasser trug mich. Ich war starr vor Angst und traute mich nicht, zu rufen, denn ich befürchtete, bei der geringsten Bewegung unterzugehen. Der Rio Pecos ist ein träge dahingleitendes Gewässer, aber ich trieb unweigerlich davon, auf eine Brücke zu. Ich starrte steil nach oben, hielt das Genick steif und hoffte innerlich, dass meine Mutter kam und mich rettete. Das passierte auch. Irgendwann blickte sie auf und sah, wie weit weg ich war. Sie schwamm zu mir und zog mich aus dem Fluss. Das Zeitgefühl ging mir völlig ab, mir war es sehr lange vorgekommen, wie ich da so zwischen Leben und Tod dahingetrieben war. Meine Mutter hatte, bezeichnenderweise, in späteren Jahren keine Erinnerung mehr an diesen Vorfall. Vielleicht hat es sich nur um wenige Minuten gehandelt, die ich in Gefahr war, aber für mich war es eine Ewigkeit gewesen und meine erste Berührung mit Todesangst.

Mein Vater lebte in Carlsbad seine Karl-May-Romantik in vollen Zügen aus. Er wanderte viel, erkundete die Landschaft und ließ sich in Westmann-Pose in der Prärie fotografieren. Hatte er sich als Kind vorgestellt, wie Old Shatterhand zu sein, so war er es jetzt wirklich, in einer Light-Version, denn es gab niemanden, den er mit seiner „Schmetterfaust“ hätte niederstrecken müssen.

Häufig war unsere ganze Truppe gemeinsam unterwegs. Einmal fuhren wir mit unserem Station-Waggon, einem Kombi, durch die Wüste, als wir eine Schlange sahen. Sie lag über dem Weg wie ein Schlauch, über drei Meter lang und sie rührte sich nicht. Mein Vater überfuhr sie. Sie war tot. Trotzdem trauten wir uns nicht, den Wagen zu verlassen. Es war unheimlich und ich erinnere mich noch, wie aufgeregt ich war. Irgendwann fuhren wir weiter.

Wir besichtigten alle Highlights in unserer neuen Heimat. Unter anderem die Carlsbad Caverns, die berühmten Tropfsteinhöhlen von New Mexico. Ich war davon mehr beeindruckt als von der eintönigen Wüste, die mein Vater favorisierte. Die Caverns blieben aber die Ausnahme, meist gingen die Ausflüge dorthin, wo man wandern konnte.

Wir fanden bei einer unserer Exkursionen eine Pfeilspitze aus der Indianerzeit, die einfach auf dem Boden lag, seit über hundert Jahren. Der Fund war etwas Besonderes und wurde zu einer Initialzündung. Denn das Aufspüren von Relikten der „Native Americans“ entwickelte sich in der Folge zu einem Hobby. Da, wo die Apachen ihre Jagdgründe gehabt hatten, suchten wir oft bei Tagesausflügen den Boden ab. Wir fanden fast immer etwas.

Am Ende unserer Expeditionen sollten wir ein Konvolut von etwa fünfzig „Arrowheads“ zusammenbekommen haben. Nicht alle Fundstücke waren in perfektem Zustand, manchmal handelte es sich nur um Bruchstücke, doch ich liebte diese außergewöhnliche Sammlung.

Nach dem Tod meines Vaters wollte ich vermeiden, dass die Pfeilspitzen durch eine Erbschaft an die drei Söhne auseinandergerissen wurden, und überzeugte meine Mutter, sie in Gänze dem Karl-May-Museum in Radebeul zu stiften. Dem hat sie zugestimmt.

Man hat die Sammlung dort gerne genommen, aber ich weiß nicht, ob sie damit jemals eine Ausstellung gemacht haben. Ich war mir nur sicher, dass mein Vater diese Idee gut gefunden hätte.

Nicht nur beim Wandern fand mein alter Herr in New Mexico Erfüllung, auch beim Fotografieren zeigte er Engagement. Oft zu unserem Leidwesen, denn wenn er nicht gerade Landschaften fotografierte, wurde es anstrengend. Wir mussten unsere Positionen einnehmen und dann hieß es, so zu bleiben, während er die Entfernung abschritt. Mittels eines Belichtungsmessers stellte er an der Kamera dann die Blende ein. Kam plötzlich die Sonne heraus und das Licht änderte sich, wiederholte sich diese Prozedur. Wenn er irgendwann endlich den Auslöser betätigte, waren unsere Gesichter schon lange eingeschlafen und die Füße taten vom Herumstehen weh.

Die zwei Jahre in den USA dürften wohl die glücklichste Zeit meines Vaters gewesen sein. Die Kinder waren klein und niedlich, er hatte eine gute Arbeit und lebte seinen Traum vom Wilden Westen. Nach Kämpfen um Leben und Tod gelüstete es ihn nicht, die malerische Kulisse reichte ihm. Alles war gut und es hätte eigentlich so bleiben können.

Dann aber begab es sich, dass mein Vater von einem Priester einen „guten Rat“ erhielt. Der Geistliche setzte ihm den Floh ins Ohr, wieder nach Deutschland zurückzukehren, da die Bildung in den Vereinigten Staaten doch bei weitem nicht an die hohen Standards in deutschen Schulen heranreiche. Dieses Argument traf bei meinem Vater einen Nerv. Selbstverständlich war es ihm ein großes Anliegen, dass wir Jungs eine gute Ausbildung bekamen. Diesen Weg wollte er uns ebnen. Zudem hatte er in der Schule noch Latein und Griechisch gehabt, was in New Mexico in dieser Zeit nicht angeboten wurde, jedenfalls nicht in Carlsbad. Damit das möglich wurde, brachte er das große Opfer, die Zelte in seiner Wunschheimat abzubrechen. So wurde nach etwas mehr als zwei Jahren die Rückkehr nach Deutschland eingeleitet.

Es war eine Entscheidung, die mein Vater später bitter bereuen sollte. In New Mexico hatte es ihm gefallen, er konnte mit seinem Cowboyhut durch die Prärie streifen und war seiner Fantasiewelt mit Winnetou, Old Firehand, Sam Hawkens und all den anderen ganz nahe. Mein Vater konnte zu dieser Zeit nicht ahnen, dass keiner seiner Söhne im schulischen Bereich in seine Fußstapfen treten sollte. Die so hochgepriesene altphilologische Bildung mochte nicht an uns haften. Ich absolvierte mein Abitur 1980 mit einem Schnitt von 3,3. Dumm waren wir Hahn-Buben alle nicht, aber in der Schule keine großen Leuchten.

Wenn wir unseren Vater später fragten, wieso er denn aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt war, ernteten wir nur ein barsches „Halt den Mund!“ Er wollte das nicht diskutieren, dass er für das Hirngespinst einer überlegenen Bildung der Söhne seine geliebte Prärie eingetauscht hatte.

Meine Mutter hatte bei der Entscheidung zur Rückkehr keine große Rolle gespielt. Heimweh verspürte sie nicht, sie hätte es, wie sie mir versicherte, in New Mexico ganz gut ausgehalten, notfalls auch ein Leben lang.

Die Rückkehr

Als wir den USA Lebewohl sagten, teilte sich die Familie für die Rückreise auf. Meine Mutter übernahm meinen jüngeren Bruder, der noch nicht einmal das dritte Lebensjahr vollendet hatte, und begleitete unsere Umzugsgüter, die nach Deutschland verschifft wurden. Mein Vater und wir anderen flogen nach New York, um von dort weiter in die Heimat zu jetten.

Der 9. November 1965 sollte ein ganz besonderes Datum werden. Wir saßen bereits angeschnallt in unserer Lufthansa-Maschine und rollten am frühen Abend zur Startbahn des John F. Kennedy Airports. Um kurz nach siebzehn Uhr war die Dunkelheit schon hereingebrochen. Ich hatte einen Fensterplatz ergattert und schaute interessiert hinaus. Und dann passierte es: die Positionsleuchten auf der Startbahn gingen aus. Ich dachte mir erst nicht viel dabei, aber da kam bereits die Durchsage des Kapitäns. Der Start müsse verschoben werden, weil es einen Stromausfall gegeben habe. Man kehre nun zurück zum Gate.

Wie ich später erfuhr, war es der historische Stromausfall an der Ostküste, der 1965 als der große „Blackout“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Wir drei wurden in ein nahes Hotel gebracht, denn keiner wusste, wann man wieder Strom haben würde. Es sollte fast 14 Stunden dauern, bis das Netz wiederhergestellt war. Für uns Heimkehrer stellte sich das Problem zu keiner Zeit als bedrohlich dar. Unser Hotel hatte Notstrom und wir verbrachten eine Nacht ohne Störungen.

Am nächsten Tag war der Strom wieder da und wir fuhren zum Flughafen. Diesmal klappte es mit dem Start unserer Boeing und ehe ich es mich versah, verschwand der erste Teil meiner Kindheit hinter mir in den Wolken.

2. Kapitel: Neuanfang in Deutschland

Eine neue Arbeitsstelle hatte mein Vater bereits in der Heimat, nur eine Wohnung fehlte noch. Deswegen kamen wir zuerst bei meinen Großeltern in Braunschweig unter. Anna Winner war aus der mütterlichen Linie und wir nannten sie „Große Oma“. Zu dieser Zeit lebte auch Opa Franz noch, ein gemütliches Dickerchen, das immer eine Zigarre im Mund hatte. Er war aber nicht der Chef im Ring. Anna Winner, eine resolute pommernstämmige Frau, gab den Ton an.

Sehr groß war die Altbauwohnung im Altewiekring nicht, doch wir blieben dort einige Wochen, bis geklärt war, wo wir unterkommen würden. Das war noch eine Zeit, in der wir Kinder in Konservendosen pinkeln musste, wenn das Klo besetzt war, was schon mal vorkam. Und Toilettenpapier gab es auch nicht, mein Opa riss Zeitungen und Illustrierte in handliche Fetzen und man putzte sich damit die Kehrseite.

Im Braunschweiger Land lebte auch Gerd Winner, der jüngere Bruder meiner Mutter. Er war zu der Zeit mit seiner ersten Frau Ingema zusammen und bereits in der Kunstszene etabliert. Mit seinen Siebdrucken von den „London Docks“ hatte er sich einen Namen gemacht, es gab schon Bildbände von ihm. Eigentlich waren Gerd und Ingema für uns Onkel und Tante, aber mein Vater bestand in seiner Verschrobenheit darauf, dass wir sie „Oheim“ und „Muhme“ zu nennen hätten. Das war sein Humor.

Große Oma war tiefgläubig und hatte das an ihre Kinder weitergegeben. Deswegen war bei uns der sonntägliche Kirchgang obligatorisch. Die Messen wurden zu dieser Zeit noch in Latein abgehalten und ich fand sie furchtbar. Man war gezwungen, eine Stunde still zu sitzen und den immer gleichen Sermon über sich ergehen zu lassen.

Auch mein Vater gesellte sich beim sonntäglichen Kirchgang dazu, aber es kam mir nicht so vor, als sei er bei der Sache. Es schien, als sei die Messe für ihn eine ähnlich nötige Pflichterfüllung wie die Abgabe der Steuererklärung. Vielleicht spielte mein Vater auch deswegen mit, weil es meiner Mutter sehr wichtig war. Sie nickte stets zu allem, was er sagte, aber bei einem Verstoß gegen die Christenpflicht ging sie auf die Barrikaden. Eine spirituelle Ader konnte ich in dieser Zeit bei meinem Vater nicht erkennen. Ich sah zwar, wie er in der Kirche sein Gebetbuch hielt, aber in seinem Alltag draußen spielte das Thema „Gott“, so wie ich es erlebte, nicht die geringste Rolle.

Sehr viel später in seinem Leben, da ging er bereits auf die Siebzig zu, erzählte er mir, dass ihm bei einer Pilgerreise nach Fatima „die Augen geöffnet worden waren“. Ab da wurde er dann fromm. Folglich war sein Glauben vorher eher eine äußerliche Haltung gewesen.

In der Zeit, in der wir im Altewiekring wohnten, gab es einmal einen Sonntagsausflug zum Löwenwall in Braunschweig. Dort steht ein Obelisk mit Steinlöwen drumherum. So lustig wie ein Rummelplatz mit Karussells und Autoscooter war das nicht. Meine Eltern forderten uns Kinder auf, doch auf die Löwen zu klettern, was wir taten. Ich hätte mir etwas Spannenderes vorstellen können, aber die Großen waren sich einig, dass es das Schönste für uns Kinder gewesen war, auf den Löwen zu reiten. Wir wurden nicht gefragt.

Ich erinnere mich gut an diesen Tag, denn ich fing mir meine allererste Ohrfeige ein. Mein Vater verweigerte mir einen Wunsch, woraufhin ich sagte: „Du bist gemein“. Unvermittelt ohrfeigte er mich. Der herbe Schlag war aus dem Nichts gekommen. Ich war geschockt und konnte nicht sagen, womit ich diese Handgreiflichkeit verdient hatte.

Ich reagierte eingeschüchtert und sagte nichts mehr. Insgeheim fand ich die Ohrfeige ungerecht.

Diese Episode ist für mich um so bedeutsamer, weil ich weiß, dass mein Vater diese Züchtigung danach vergessen hat. Für mich, den kleinen Jungen, galt das nicht, das hat sich unauslöschlich eingeprägt. Angeblich sollen Elefanten nie vergessen, wenn sie jemand misshandelt. Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich bin aber überzeugt, dass es für Kinder gilt. Jeder Schlag, den ich in meinem Leben bekommen habe, war eine Erschütterung meines ganzen Weltbildes und hat mich sehr lange nicht losgelassen.

Die Eilenriede

Die Wohnung in der Eilenriede war unsere erste Bleibe in Hannover. Ich weiß das noch gut, weil dort unsere andere Großmutter bei uns einzog, Treppchen, die Kleine Oma. Elisabeth Hahn war eine sanfte Frau mit einem großen Herzen. Ich war gerne bei ihr. Mit Treppchen stand auch mein Vater in gutem Einvernehmen. Und ihr gegenüber saß ihm der Schalk im Nacken. Kleine Oma war eine Verfechterin von „guter Butter“. Margarine sah sie als neumodische Verirrung, die kam ihr nicht aufs Brot. Auch Große Oma sagte nicht einfach nur „Butter“, nein, man sprach nur von „guter Butter“.

Mein Vater, der den Errungenschaften der Moderne als Chemiker recht aufgeschlossen gegenüberstand, schlug Treppchen vor, Margarine einfach mal zu probieren. Das lehnte die alte Frau ab. Bei uns gab es zum Abendbrot nämlich keine Butter, nur Rama. Die, mit ihren ungesättigten Fettsäuren, stand im Ruf, viel gesünder zu sein als gute Butter.

Eines Abends bestrich mein Vater eine Brotscheibe mit Rama und servierte sie Treppchen, ohne das zu erwähnen.

Da die Rama-Butter-Diskussion zwei Tage vorher stattgefunden hatte, war das Thema bei allen noch präsent.

Nach dem Essen fragte mein Vater seine Mutter scheinheilig, wie das Brot ihr denn geschmeckt habe. Treppchen, in der Annahme eine Scheibe mit Butter gegessen zu haben, meinte, dass es heute besonders gut gewesen sei. Da trumpfte mein Vater lachend auf und verriet ihr, dass er Rama genommen hatte.

Ich habe Kleine Oma nie böse gesehen, aber an diesem Abend war sie es. Sie schimpfte mit meinem Vater und bedingte sich aus, dass er in Zukunft nichts anderes als gute Butter auf das Brot streichen sollte. Mein Vater versprach es lachend, er hatte ja seine kleine Genugtuung gehabt.

Ronnenberg

In der Eilenriede wohnten wir nicht lange, nicht einmal ein Jahr. Wir packten bald wieder unsere Sachen und zogen um.

In Ronnenberg, einem Ort an der Peripherie Hannovers, begann eine längere Phase der Beständigkeit. Hier blieben wir über fünf Jahre.

Es nahte die Zeit meiner Einschulung. So richtig heiß auf das Lernen war ich nicht, doch mein Vater machte uns schnell klar, was er von uns erwartete: In der Schule hatten wir uns anzustrengen.

Mein Vater verließ an Arbeitstagen um halb acht das Haus und kam um siebzehn Uhr wieder. Anders als ich es heute von meiner Gegenwartsfamilie kenne, gab es am Abend Brot mit Belag. Mein Vater aß gerne Käse- oder Mettbrote, die er mit Zwiebeln belegte und mit süßem Paprika bestreute. Dazu genehmigte er sich ein kühles Bier. Er trank Herrenhäuser Pilsener, das damals noch nicht „premium“ war. Das Trinkgefäß seiner Wahl war eine Tulpe. Als Kriegskind war ihm der „Kampf dem Verderb“ in Fleisch und Blut übergegangen. Das führte dazu, dass er die Bierflaschen am Ende kopfüber in das dünnwandige Glas setzte, was eine wacklige Angelegenheit war, aber dazu führte, dass auch der letzte Tropfen den Weg ins Glas fand. Mein Vater, den wir Jungen nur „Daddy“ nannten, was ein Überbleibsel aus unserer Zeit in den USA war, trank jeden Abend vier Flaschen von seinem Herrenhäuser Pilsner. Manchmal gab es noch scharfen „Ratzeputz“ dazu oder einen Sliwowitz, aber richtig betrunken war mein Vater nie. Er ging zeitig zu Bett, meist zwischen 21 und 22 Uhr. Trotz des Rausches fand er nur schwer in den Schlaf. Und über die Nacht war er viel auf den Beinen. Er musste mehrmals zur Toilette, was natürlich an dem guten Pilsener lag

Mein Vater rauchte auch. Das war mehr ein Prestige-Ding als eine Passion. Er wählte keine gängige Marke wie HB, Roth Händle oder Peter Stuyvesant, nein, es musste schon exklusiver sein. Seine Wahl fiel auf „Simon Arzt“, eine filterlose Zigarette mit ovalem Querschnitt, die in Blechschachteln gehandelt wurde und viel teurer war als normale Glimmstengel. Dabei handelte es sich um eine Orientzigarette, die man nur in speziellen Geschäften kaufen konnte. Mein Vater rauchte einmal in der Woche zwei Stück davon, natürlich am Sonntag. Dieses Ritual zelebrierte er richtig, denn er sah sich, nach seinem Auswanderer-Abenteuer, als einen Mann von Welt. In dieser Zeit war es noch kein Thema, dass man in seinen eigenen vier Wänden nicht rauchte, auch dann nicht, wenn man eine Familie hatte. Zwei Zigaretten in der Woche schlugen auch nicht groß zu Buche, es stank bei uns nicht nach Tabak.

Als die Orientzigaretten wegen ihrer Schadstoffe irgendwann in den Achtzigern verboten wurden, stellte mein Vater das Rauchen kurzerhand ein.

Ich weiß nicht, ob mein Vater schon immer zum Jähzorn geneigt hatte, aber nach der Rückkehr in die Heimat saß die Hand bei ihm locker. Er schlug uns, wenn wir nicht parierten, nicht jeden Tag, auch nicht jede Woche, aber oft genug, dass wir begannen, mächtig Respekt vor ihm zu haben. Irgendwann lebten wir dann in einer steten Atmosphäre der Angst.

Es gab Dinge, die er nicht duldete. Dazu gehörte Albernheit. Ich würde meinen Vater keineswegs als humorlos bezeichnen, aber wenn wir Jungen herumblödelten, griff er durch. Ich weiß noch, wie, um 1970 herum, Wahlkampf war in Deutschland. Irgendeine Partei hatte eine Schallplatte gemacht und zu Werbezwecken an die Menschen verschenkt. Wir Buben spielten sie zuhause ab. Die konkurrierenden Parteien wurden auf dieser Platte verulkt, mit einer denkbar simplen Idee. Jemand sang: „Die SPDee ... heeheeheeee ...“ oder „Die CDUuu ... huhuuhuuuu ...“

Uns Kleine amüsierte das königlich, aber als mein Vater dazu kam, setzte es Ohrfeigen, weil wir ausgelassen kicherten. Ich weiß nicht, was der tiefere Grund dafür war, so gegen Kinderlachen vorzugehen, aber Herumgealbere ertrug der Alte nicht. Manchmal sagte man auch etwas Falsches, und peng! watschte er einen. Wir konnten alle drei die roten Linien nicht sehen, erst wenn wir eine dieser unsichtbaren Grenzen überquert und uns eine gefangen hatten, wussten wir, dass sie da war. Dadurch machte sich bei uns Verunsicherung breit und wir verloren alsbald unsere Unbefangenheit.

Schon jung entwickelte ich eine Überlebensstrategie. Man konnte meinen Vater mit einem guten Spruch nämlich zum Lachen bringen. Und wenn er lachte, war er ungefährlich. Von der Natur her neigte er eher dazu, ernst und grüblerisch zu sein. Auch wenn er sich selbstironisch als „Stimmungskanone“ bezeichnete, verbreitete er nur selten Fröhlichkeit.

Er hatte jedoch einen Lieblingswitz und der ging so:

Herr Samuel wird aus der Nervenheilanstalt entlassen. Endlich frei, bummelt er herum. Er kommt in einen Laden, in denen man Töpfe zu einer Pyramide gestapelt hat, aber mit der Öffnung nach unten, damit sie nicht verstaubten. Herr Samuel nimmt so einen Topf in die Hand und sieht ihn ratlos an. „Was sind denn das für Töpfe?“, wundert er sich, „Oben sind sie zu ... und einen Boden haben Sie auch nicht ...!?“ Am nächsten Tage wurde Herr Samuel wieder in die Irrenanstalt eingeliefert.

Wir Kinder waren irritiert, während mein Vater in sich hineinkicherte. Er neigte grundsätzlich eher dazu, bei Witzen zu lachen, die er schon kannte, als bei solchen, die er neu hörte. Wir haben zusammen oft den alten deutschen Spielfilm „Der Maulkorb“ gesehen. Wie auf Knopfdruck lachte der Alte mit königlichem Vergnügen an den immer gleichen Stellen.

Meinen Vater zog es nicht auf die Gasse, er blieb am liebsten zu Hause. Auswärtige Zerstreuungen mied er. Von den Menschen da draußen erwartete er nichts Gutes und so blieb er lieber mit hochgezogener Zugbrücke in seiner Burg. Da passte es, dass wir in den späten Sechzigern unseren ersten Fernseher bekamen. Das war eine große Sache, denn zu dieser Zeit kam manch aufsehenerregende Serie heraus. Ich liebte „Percy Stuart“, durfte es aber nicht gucken, weil es keine Sendung mit einem „Bärchen“ war. Damals hatten wir als Fernsehzeitschrift den „Gong“. Mein Vater hatte dieses Programmheft ausgesucht, weil es als einziges Sendungen, die für Kinder geeignet waren, mit einem Bärchen markierte. Das waren Reihen wie „Schlager für Schlappohren“, „Robbi, Tobbi und das Fliewatüt“ oder die „Sendung mit der Maus“. Natürlich guckten wir heimlich, wenn unser Vater nicht da war. Oder besser gesagt, sobald der Alte außer Haus war, schalteten wir die Flimmerkiste ein.

Es gab eine Sendereihe, die bei meinem Vater in besonderem Ansehen stand, die Augsburger Puppenkiste. In seiner eigenen Kindheit hatte es weder Fernsehen noch Marionettentheater gegeben. Jetzt konnte er dieses Defizit ausgleichen. Die Augsburger Puppenkiste wurde immer eingeschaltet, denn die sprach ihn auch persönlich an. Selbst wenn man gerade „Fernsehsperre“ hatte, für die Kiste wurde eine Ausnahme gemacht.

Zu diesen zauberhaften Marionettenspielen gibt es viele Erinnerungen. Mein Vater flog auf die Bösewichte. Zum Beispiel auf den Schurken „Mister Knister“ aus „Kommt ein Löwe geflogen“. Mister Knister hatte ein Krokodil, dass er immer fies in die Seite trat. Dann beklagte sich das Reptil jedes Mal mit den Worten: „Warum trittst du mich, Mister Knister?“ Den Satz fand mein Vater so gut, dass er ihn sein Sprüche-Repertoire aufnahm.

Sehr gut fand er auch den Schurken „Burgrat Gibbon“ aus „Gut gebrüllt, Löwe!“ Wenn der redete, setzte er an seine Sätze hinten immer ein affenartiges „Öh, öh!“ an. Das gefiel meinem Vater so gut, dass er es selbst manchmal machte.

Mein älterer Bruder dürfte keine guten Erinnerungen an „Kleiner König Kalle Wirsch“ haben. Hier tummelten sich die Erdmännchen, die Wirsche, Bolde, Gilche, Murke und die zwielichtigen Trumpe, die, wie mein Vater es ausdrückte, „unangenehme Patrone“ waren. Der Oberböse war natürlich ein solcher Trump und er hieß mit Vornamen „Zoppo“. Mein Vater war da gnadenlos, denn er sah Parallelen mit seinem ältesten Sohn und schon hatte mein großer Bruder einen neuen Spitznamen weg. Zoppo war ein „Kosename“, der sich lange hielt, zum Leidwesen des Ältesten.

Das passierte einige Jahre später auch mir, als ich mich für die Kindersendung „Calimero“ interessierte. Da war die Hauptfigur ein Küken, das als einziges unter seinen Geschwistern von schwarzer Farbe war. Und es trug die Hälfte seiner Eierschale als Hut auf dem Kopf. Mein Vater fackelte nicht lange, ab da war ich Calimero. Er nannte mich auch dann noch so, als ich bereits erwachsen war. Die Trickfilmfigur war ein netter Charakter, deshalb störte es mich nicht. Meinem jüngeren Bruder verpasste mein Vater den Spitznamen „Remus“, aber das setzte sich nicht wirklich durch.

Es gab noch eine Inspiration für Spitznamen, das war die amerikanische Krimiserie „Charlie Chan“. Dem asiatischen Detektiv Chan assistierte bei den Ermittlungen immer einer seiner Söhne, die er praktischerweise durchnummeriert hatte, von „Sohn Nummer Eins“ bis „Sohn Nummer Drei“. Namen hatte die Sprösslinge des Detektivs nicht, jedenfalls wurden keine erwähnt.

Mein Vater fand es lustig, auch seine eigenen Söhne durchzunummerieren und sprach uns fortan gerne mal mit unserem jeweiligen Zählwert an.

Unseren Fernsehapparat benutzte mein Vater nicht, um etwa Nachrichten zu sehen, das tat er nie, denn er las Zeitung. Wenn die Flimmerkiste an war, wartete er nur auf alte deutsche Spielfilme oder Hollywood-Klassiker. In seiner Jugend hatte er gerne Lustspiele im Kino angeschaut und war ein Filmfreund. Komödianten wie Heinz Rühmann, Hans Moser und Theo Lingen standen bei ihm hoch im Kurs.

Ein besonderer Liebling von ihm war Oskar Sima, ein beleibter Österreicher, der häufig schillernde Figuren spielte, mit trockenem Schmäh und doppelbödigem Witz, der uns alle königlich amüsierte. Es gab noch viele weitere, die wir mochten, wie zum Beispiel Grethe Weiser, Rudolf Platte, Heinz Erhardt, Eddi Arent oder Hardy Krüger.

Besonders liebte mein Vater Gerichtsfilme. „Hokuspokus“ oder „Die zwölf Geschworenen“ wurden von ihm als Parade-Beispiele herausragender Filmkunst aufgeführt. Alles, was nach 1960 gedreht wurde, insbesondere den „Neuen deutschen Film“ lehnte er ab. Bezeichnenderweise ohne irgendetwas davon selbst gesehen zu haben.

Zeit seines Lebens schaltete mein Vater den Fernseher nicht auf gut Glück an, so wie wir heute das machen. Wir zappen eben herum. So ein Verhalten war meinem Vater fremd. Gut, er hatte damals noch keine Fernbedienung, aber auch in späteren Jahren, als er sie bekam, benutzte er sie nur zum Ein-und Ausschalten. Bevor er den Apparat anstellte, studierte er erst einmal gründlich seine Fernsehzeitschrift Gong. Er schaltete das Gerät nur ein, wenn er eine bestimmte Sendung sehen wollte. Dabei drückte er die Netztaste frühestens eine Minute vor Sendebeginn. Und war das Wort „Ende“ erschienen, sprang er wie ein Kobold aus seinem Sessel und eilte zum Apparat. „Der schönste Knopf ist der zum Ausschalten!“, rief er dann mit Freude und knipste unseren Loewe Opta aus, als könnten seine Augen von den dem Spielfilm folgenden Sendungen irreparable Schäden erleiden.

Es kam selten vor, dass meine Eltern von anderen Leuten eingeladen wurden, aber manchmal passierte es. In der Regel waren das dann Vorgesetzte oder Arbeitskollegen meines Vaters, der fast sein ganzes Leben für Kali und Salz tätig war. Wenn er ging, schärfte er uns ein, „lieb zu sein“. Dann verließ er die Wohnung mit meiner Mutter, nur um nach etwa drei Minuten wieder dramatisch hereinzuspringen und uns mit hoch erhobenem Zeigefinger die Warnung zuzurufen: „Ich kann jederzeit wiederkommen! Jederzeit!!“

Ebenso wie er unsere Bereitschaft, Blödsinn anzustellen, überschätzte, hatte er eine zu geringe Meinung von unserer Intelligenz. Natürlich kam er nicht „jederzeit“ wieder. Der Ablauf war immer der gleiche: Er ging aus der Tür, kam Sekunden später noch einmal „überraschend“ zurück, aber wenn das Auto weggefahren war, war die Luft rein und die Glotze wurde eingeschaltet.

Ich weiß nicht, ob mein Vater gerne spazieren ging oder ob er es tat, weil er dachte, dass er Bewegung brauchte. Da Fitnesscenter noch nicht üblich waren und er auch keinen anderen Sport betrieb, war für ihn ein täglicher Spaziergang obligatorisch. In Ronnenberg hatte er den Gang von unserem Haus im Tulpenweg bis zum örtlichen Bahnhof gewählt. Das war eine lange Strecke, gut zwei Kilometer und dann dasselbe nochmal zurück. Nicht selten mussten wir mit. Diesem Spaziergang gelang dann das Unmögliche, er war noch öder als der Sonntagsgottesdienst, bei dem musste man sich wenigstens nicht bewegen. Mein Vater variierte die Strecke auch nicht, es ging zum Bahnhof und zurück, wieder und wieder, jeden Tag.

Schlimmer wurde es nur, wenn er am Wochenende einen richtigen Ausflug plante, einen Wandertag nach dem Motto „Feuerschuh und Windsandale“. Dazu fuhren wir dann in den Harz oder auch weiter weg, etwa zum Hermannsdenkmal in den Teutoburger Wald. Das war alles andere als ein Vergnügen. Vier oder fünf Stunden musste man die albernen Berge hinauf- und wieder runtertapern und begeistert gute Waldluft atmen. Wenn man Glück hatte, bekam man zum Abschluss eine Bratwurst spendiert oder ein Stück Kuchen, manchmal sogar italienisches Eis. Aber mit diesen Ausflügen konnte man mich jagen.

Der Schlitten

Von Ronnenberg aus brauchte man mit dem Auto etwa eine Stunde nach Braunschweig. So alle sechs Wochen stand ein Besuch bei meinen Großeltern auf dem Programm. Kleine Oma wohnte zu dieser Zeit bei uns im Tulpenweg, bis sie beim Kirchgang stürzte und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog. Sie schaffte es nicht mehr, die Fraktur auszukurieren und starb im Krankenhaus. Sie war zu dieser Zeit bereits in den hohen Achtzigern. Die andere Oma, Anna Winner, lebte immer noch in Braunschweig im Altewiekring, war noch rüstig und freute sich, wenn wir zu Besuch kamen.

Ich muss sagen, die Ausflüge nach Braunschweig gehören zu den schöneren Momenten meiner Kindheit. An diesen Sonntagen gingen wir früh um acht in die Kirche und fuhren danach zu Omas Wohnung. Meine Großmutter hatte dann ein fürstliches Frühstück aufgefahren und mein Vater prägte den Schlachtruf „Stürzt euch auf die Speisen!“

Ich liebte diese Frühstückstafel, denn Große Oma kochte immer massig weiche Eier. Man konnte drei oder vier essen, mein Vater guckte da nicht so genau hin. Den Kakao, den meine Großmutter braute, probierte er erst gar nicht. Und so wusste er auch nicht, was für eine verbotene Köstlichkeit wir bekamen. Bei uns daheim gab es nur „Kaba, den Plantagentrank“. Der hatte weniger Zucker und galt als gesünder. Meine Oma nahm jedoch den süßeren Nesquik und den zuckerte sie noch anständig nach. Wir schmausten wie die Könige und dann plätscherte der Tag so dahin. Mein Vater ging, meist gegen fünfzehn Uhr, zum Franzschen Feld, zu den Fußballspielen der unteren Ligen. Hier gab es mehrere Fußballplätze. Man zahlte keinen Eintritt, dafür kam ein Mann mit einer Sammelbüchse herum und forderte überall einen Obolus ein. Den hatte mein Vater im Auge. Wenn er ihn kommen sah, schlenderte er einfach weiter, wenn es sein musste, einmal um das ganze Spielfeld herum. So hat er sich immer um das Zahlen gedrückt, obwohl er es sich hätte leisten können.

Ich begleitete meinen Vater gerne zu den Fußballspielen. Nicht, weil ich mich für den Sport interessierte, sondern wegen der seltenen Möglichkeit, Geld zu verdienen. Mit dem Taschengeld war das bei uns nicht sehr üppig. Deswegen nutzte ich jede Gelegenheit, meine Finanzen aufzubessern. Auf dem Sportplatz wurden kleine Flaschen Bier verkauft und für jede gab es zehn Pfennig Pfand. Viele Zuschauer ließen ihre Pullen einfach stehen und sparten sich den Gang zur Abgabe. Das war die Chance für uns Sammel-Kinder, den Pfand einzustreichen. An einem guten Tag verdiente ich fünf oder sechs Mark nur mit dem Flaschensammeln. Mit dem, was beim Abschied noch von meiner Oma kam, hatte ich oft ein tolles Extra-Taschengeld zusammen.

An einem Sonntag im Winter gab es aber keine Fußballspiele. Opa Franz holte stattdessen einen Schlitten aus der Laube, denn es hatte geschneit. Es lag richtig viel Schnee und am Franzschen Feld hatte es einen steilen Hang, wo man, wie der Opa wusste, prima rodeln konnte. Mein Vater machte sich also mit meinem älteren Bruder und mir auf den Weg dorthin. Unterwegs fragte er uns: „Wisst ihr denn, wie man mit so einem Schlitten fährt?“

Wir beide beeilten uns, das zu bejahen, denn sonst, das war klar, wäre es sicher Essig gewesen mit dem Schlittenfahren. In Wahrheit aber konnten wir beide auf keinerlei Erfahrung zurückgreifen, niemand von uns war je einen solchen Abhang runtergerodelt wie den am Franzschen Feld.

Wir stellten uns oben an. Die Sonne schien auf den glitzernden Schnee und viele Leute waren ausgezogen, um hier den Rodelspaß zu genießen. Ich setzte mich hinter meinen Bruder auf den Schlitten, wir rutschten an die Kante vor und schon ging es los. Hui, das war eine verflucht schnelle Piste! Wir nahmen sofort Fahrt auf und sausten dann da runter wie nichts Gutes. Wie erwähnt, hatten wir beide keine Ahnung vom Steuern und der Schlitten zog bald stark nach links. Mein Bruder und ich, ohne jeden Plan, waren der Eigendynamik dieser Fahrt hilflos ausgeliefert und rasten mit einem Affenzahn auf die Leute zu, die links die Abfahrt säumten und zuschauten. Es ging alles viel zu schnell. Wir schossen auf eine mehrköpfige Gruppe zu und rasierten mit der Querstrebe vorne am Schlitten ein kleines Mädchen weg, das vielleicht zwei Jahre alt war. Sie flog einfach über uns drüber. Der Schlitten wurde nicht langsamer und jagte mit uns bis ganz nach unten die Anhöhe hinunter.

Ich war geschockt, denn ich wusste, dass gerade etwas Schlimmes passiert war. Als der Schlitten endlich zum Stillstand gekommen war, sahen wir Jungen uns verstört um. Und da kam auch schon mein Vater herangelaufen. Er war richtig böse. Natürlich hatte er den Unfall beobachtet und wusste nun, dass wir gelogen hatten, als es um unsere Befähigung ging, den Schlitten zu steuern. Mein Vater hätte sich das eigentlich denken können, denn wo hätten wir denn das Rodeln lernen sollen? In der Gluthitze von New Mexico? So viel Schnee hatten wir in unserem Leben noch nicht gesehen.

Mein Vater zerrte uns schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich verstand nicht, was da gerade passierte.

Wir waren „böse“ gewesen, sicher, aber wieso liefen wir einfach davon? Warum ging mein Vater nicht zu dem Mädchen? So wie wir sie umgemäht hatten, konnten wir ihr die Beine gebrochen haben. Mein Bruder und ich hatten das nicht mit Absicht getan, ich hätte dem Mädchen gerne gesagt, wie leid mir die Sache tat. Doch mein Vater ging der Konfrontation mit der betroffenen Familie aus dem Weg und gab Fersengeld. Er hatte einfach Angst, vor fremden Leuten für seine Söhne geradezustehen, wollte sich dem (möglichen) Zorn der Eltern nicht stellen.

Es wurde über diese Geschichte kein Wort mehr verloren. Ich erfuhr nie, was mit dem Mädchen passiert war. Obwohl ich noch klein war, fand ich es nicht richtig, dass wir uns einfach aus dem Staub gemacht haben.

Daddy ist fort

Nach der Kleinkinderzeit kann ich meine Kindheit in zwei Abschnitte unterteilen: Grundschule und Gymnasium. Letzteres war viel schlimmer als die ersten vier Jahre. Mein Vater hielt die Zügel straff, Widerworte und Fehlverhalten von uns Söhnen wurden nicht geduldet und streng geahndet. Verständnis für die Bedürfnisse kleiner Jungen oder gar eine kindgerechte Pädagogik gab es nicht. In unserem kleinen Reich im Tulpenweg war mein Vater der Alleinherrscher, der „Auswüchse“ im Keim erstickte.

Irgendwann jedoch gab es einen Lichtblick. Mein Vater reiste geschäftlich für einige Zeit in die Vereinigten Staaten. Da er längere Zeit in Amerika gelebt hatte, betraute man ihn mit einem Forschungsprojekt, das er drüben gemeinsam mit anderen Chemikern betrieb.

Ich weinte ihm keine Träne nach, das tat niemand von uns. Wenn er weg war, musste man keine Angst mehr haben, denn meine Mutter war nicht die Bohne streng. Wir konnten vor dem Fernseher hocken und wurden kaum reglementiert. Mutti schimpfte viel mit uns, genau wie Große Oma das immer machte, das ging uns rechts rein und links wieder raus. Meiner Mutter rutschte zwar auch schon mal die Hand aus, aber ihre Klapse hatten den Charakter von Hilflosigkeit, vor ihr war uns nicht bang.

Ohne meinen Vater war das Leben eine Lust. Zum ersten Mal fühlte ich mich unbeschwert. In Ronnenberg wohnten wir in einer Neubau-Siedlung am Rande des Ortes. Dahinter gab es Feldwege, Bauernhöfe und Wäldchen. Hier und da gluckerte ein Bächlein, wo man Kaulquappen fangen konnte. Mit meinen Freunden stromerte ich wie Tom Sawyer durch Feld und Flur und wir genossen das Leben, mit Süßigkeiten, Comics und indem wir Fernsehserien nachspielten. Diese wunderbar schwerelose Zeit muss so drei oder vier Monate gedauert haben, und ich war entspannt und glücklich.

Dann aber, irgendwann, kehrte mein Vater zurück und die Farbe wich wieder aus meinem Leben.

Weihnachten

In der Vorweihnachtszeit gab es ein besonderes Ereignis, dann nämlich, wenn mein Vater einen Stollen buk. Da er sonst mit Küche und Kochen nichts am Hut hatte, ging er nach einem aufwändigen Rezept aus dem Dr. Oetker-Buch vor, und diese Köstlichkeit war extrem lecker.

Das Backen dauerte lange und die Küche sah danach aus wie ein Schlachtfeld. Das kratzte keinen, denn meine Mutter machte hernach ja sowieso sauber. Wir Kinder durften immer mithelfen und auch vom Teig probieren, hier zeigte sich mein Vater ganz umgänglich.

Zu jedem Adventssonntag gab es bei uns eine kleine Feier. Dabei spielte mein Vater Klavier und wir mussten ein halbes Dutzend vorweihnachtliche Lieder singen, so etwas wie „Morgen, Kinder, wird‘s was geben“.