Eleven hills (deutsche Version) - Elias J. Connor - E-Book

Eleven hills (deutsche Version) E-Book

Elias J. Connor

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Beschreibung

Als Hannah Fanning ihr Studium an der UCLA beginnt, glaubt sie an einen Neuanfang: Vorlesungen, schlaflose Nächte in der Bibliothek, ein Campus voller Möglichkeiten. Doch etwas stimmt nicht. Wiederkehrende Träume verfolgen sie – von einem fremden Himmel, von nebligen Hügeln und einem Stern, der ihren Namen zu kennen scheint. Und dann ist da Dawson, der stille Kommilitone, dessen Blick mehr weiß, als er sagt. Ein verborgener Spiegel im Keller der Universität wird zum Riss in Hannahs Realität. Dahinter liegt Naytnal, eine zerfallende Zwischenwelt aus Magie, alten Bündnissen und gefährlichen Wesen: Feen mit tödlichen Versprechen, Gnome mit mechanischen Geheimnissen, Drachen, Dämonen und Elfen, die längst vergessen haben, was Vertrauen bedeutet. Naytnal stirbt – und Hannah könnte der Schlüssel zu seiner Rettung sein. Zwischen Prophezeiungen, Verrat und einer Reise durch die elf Hügel dieser Welt muss Hannah sich fragen, wer sie wirklich ist: Studentin, Retterin oder etwas, das sie längst vergessen hat. Während Dawsons Vergangenheit sie beide einzuholen droht, wird klar, dass Macht immer einen Preis fordert – und dass manche Entscheidungen keine unschuldigen Auswege kennen. ELEVEN HILLS, der erste Band der Reihe THE STORY OF HANNAH FANNING, ist eine düstere Dark-Fantasy-Geschichte über Erinnerung und Identität, über Liebe als Stärke und Schwäche zugleich – und über den Mut, eine Welt nicht zu beherrschen, sondern neu zu denken.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Elias J. Connor

Eleven hills (deutsche Version)

ELEVEN HILLS, der erste Band der Reihe THE STORY OF HANNAH FANNING, ist eine düstere Dark-Fantasy-Geschichte über Erinnerung und Identität, über Liebe als Stärke und Schwäche zugleich – und über den Mut, eine Welt nicht zu beherrschen, sondern neu zu denken.

Widmung

Für meine Freundin.

Deine Träume bereichern mein Leben.

Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Ich bin glücklich, an deiner Seite sein zu dürfen.

Elias

Impressum

FINN Books Edition FireFly

c/o Elias J. Connor

Bahnhofstraße 10

50169 Kerpen/Germany

Autor: Elias J. Connor

Verlag: FINN Books Edition FireFly

Lektorat: FINN Books Edition FireFly

Korrektorat: FINN Books Edition FireFly

Bei diesem Werk wurde partiell an manchen Sätzen und Absätzen das KI-Modell ChatGPT eingesetzt, jedoch nur an einigen Passagen, um einige Sätze oder Absätze zu verbessern. Für das Cover wurde das KI-Modell Dall-E verwendet. Das Urheberrecht liegt zu 100% bei Elias J. Connor.

Die Bücher der Fantasy-Reihe THE STORY OF HANNAH FANNING

ELEVEN HILLS

(The story of Hannah Fanning – Buch 1)

ELEVEN SEAS

(The story of Hannah Fanning – Buch 2)

ELEVEN TEMPLES

(The story of Hannah Fanning – Buch 3)

ELEVEN NIGHTS

(The story of Hannah Fanning – Buch 4)

Kapitel 1 - Ankunft in Los Angeles

Ich steige aus dem Auto, und für einen Augenblick steht die Welt still – nicht so, wie sie stillsteht, wenn man ein Foto macht, sondern so still, dass ich meinen eigenen Herzschlag höre, laut und gleichmäßig, als wolle er mir etwas Wichtiges sagen. Vor mir liegt der Campus der UCLA, ein Geflecht aus Sandstein, Rasenflächen, Eukalypten, Treppen, die in die Luft steigen, als führten sie irgendwohin, wo man bleibt. Studenten ziehen wie Ströme vorbei: eine Stimme, die immer noch lacht, ein Rucksack, der zu groß scheint. Alles ist neu, alles ist möglich. Ich atme tief ein. Die Luft riecht nach Sonne und Zigaretten, nach Kaffee und Kaugummi, nach einer Stadt, die niemals ganz zur Ruhe kommt.

Meine Eltern sagen Dinge, die wie Anker klingen. „Ruf an, wenn du angekommen bist.“ „Pass auf dich auf, Hannah.“ Sie drücken mich länger als nötig; Einschnitte, die versiegeln sollen. Ich lächle, weil ich nicht will, dass ihre Augen nass werden, und in dem Lächeln steckt ein Versprechen: Ich werde es schaffen. Neunzehn, Studentin, Los Angeles – das klingt wie ein Absatz in einem Roman, den ich noch schreiben muss.

Die ersten Tage sind ein Rausch aus Läufen und Listen. Orientierung, Einschreibungen, Gruppenfotos, die nach einem Semester bereits vergilbt sein werden. Ich lagere meine Nervosität in To-Do-Listen und beantworte Fragen, die mir gestellt werden, mit der Art von Selbstsicherheit, die ich mir selbst noch nicht gebe. In Vorlesungen sitze ich vorne, weil ich Angst habe, mich zu verlieren, wenn ich mich weiter nach hinten setze. Dort, inmitten der Hunderten, höre ich Vorlesungen über Dinge, die ich lernen will, aber nicht sofort verstehe. Die Professoren sprechen mit einer autoritären Gelassenheit; ihre Stimmen sind wie die Möwen über dem Meer – vertraut und doch entfernt.

Zwischen diesen Stunden bildet sich eine andere Routine: Bibliothek nachts. Die Powell Library ist ein Tempel aus Eichenholz und Lampenlicht; in ihr verfangen sich die Geräusche der Stadt wie in einem Netz. Wenn die meisten Studenten verschwinden, bleiben die Nachtschwärmer, die Arbeitssüchtigen. Ich liebe diese Stunden, weil alles reduziert ist: nur Papier, der Schein einer Lampe und das monotone Blättern der Seiten. Hier ist die Welt einfach zu verstehen – oder so tue ich mir vor.

Es ist an einem dieser Abende in der Bibliothek, als ich ihn zum ersten Mal wirklich sehe. Nicht nur als ein Gesicht in der Menge, sondern als etwas, das am Rand meiner Wahrnehmung haftet, so wie man ein Stück Stoff bemerkt, das an der Ecke eines Tisches hängt.

Er sitzt ein paar Tische weiter, in Schwarz, mit einem Notizbuch vor sich, das so abgegriffen ist, dass die Kanten weicher sind als das Papier. Er wirkt nicht, als wolle er auffallen. Seine Haltung ist auf eine merkwürdige Art wachsam, als ob er jederzeit bereit wäre, aufzustehen oder zu verschwinden. Als er den Blick hebt, treffen sich unsere Augen. Es ist kein freundlicher Blick, kein neugieriger; eher wie das flüchtige Innehalten eines Vogels, bevor er wieder in die Richtung seiner Reise gleitet.

Ich zwinge mich, nicht zu starren. Trotzdem finde ich heraus, dass ich ihn öfter sehe – am Rande eines Vorlesungsraums, neben einem Automaten mit kalter Cola, im Halbschatten eines Ganges. Nie genug Nähe, nie genug Worte. Er spricht nicht; er beobachtet. Und doch ist da etwas an ihm, das mich nicht loslässt. Später, als ich meine Nachrichten checke und mir die Liste der Namen durchlese, die ich kennen will, fällt seiner nicht auf: Dawson. Ein Name, so schlicht wie sein Auftreten.

Die Träume beginnen wie kleine Kratzer im Glas meines Alltags – zunächst kaum spürbar. Ich nehme sie nicht ernst. Eine neue Stadt, neue Eindrücke, so erklärt mein Verstand schnell Bilder, die keinen Platz in einer vernünftigen Welt haben. Beim ersten Mal stehe ich auf einem Hügel, und Nebel rollt an meinen Knöcheln vorbei wie kaltes Wasser. Über mir ist ein Himmel so tief, dass er meine Gedanken zu ertränken droht; er ist erfüllt von einem einzigen großen, kalten Licht, das nicht die Sonne ist, eher wie ein Stern, der nicht leuchtet, sondern beobachtet. Es ist schön und beängstigend zugleich. Ich wache auf, mein Herz fliegt, und ich lache, weil mein Mund glaubt, er müsse das tun.

Die Träume kehren zurück.

Am Anfang sind sie Bruchstücke: der Hügel, die Nebelreihe, die Kälte des Lichts. Dann kommen Stimmen, wie abgeschnittene Melodien, Worte ohne Syntax. Einmal glaube ich, meinen eigenen Namen zu hören; einmal denke ich, dass jemand neben mir steht, so nah, dass sein Atem meine Schulter berührt. Das Aufwachen ist ein Rutschen zurück in eine Welt, die sich plötzlich leichter anfühlt, weil die andere Welt unsichtbar zurückbleibt.

Ich erzähle niemandem davon. Es ist peinlich, erzählen zu müssen, dass man wiederkehrende Träume hat, die nicht nur Träume zu sein scheinen. Außerdem glaube ich nicht, dass die Leute es ernst nehmen würden. „Du bist müde“, würden sie sagen. Oder: „Stressreaktion.“ Vielleicht hätten sie recht. Vielleicht will ich die Erklärung hören, weil sie mich beruhigt.

Dennoch klebt etwas an den Träumen wie Tau an einem Grashalm: Vertrautheit. Nicht das flache Vertraute, das man über neue Orte sagt, sondern etwas Tiefes, wie das Wissen um eine Melodie, die man im Schlaf summt, weil man sie einst gehört hat. Wenn ich morgens aus dem Fenster sehe und der Campus im goldenen Licht liegt, habe ich das Gefühl, als säße die Erinnerung schon in mir, wie ein eingestochenes Wort, das man nicht ganz lesen kann.

Dawson bleibt still. Manchmal sitzt er näher, als es der Zufall erlaubt zu glauben. In einem Seminar redet die Referentin über Kommunikationstheorie; ich schreibe mit, aber meine Gedanken sind nicht zuhause. Als ich den Kopf hebe, sitzt er da, ein Schatten an der Seite des Saals, und ich habe für einen Sekundenbruchteil das Gefühl, er kennt meine Träume. Es erscheint mir übertrieben, und doch ist da dieses kleine Ziehen in meiner Brust.

Eines Abends, als Regen die Bibliothek von außen wäscht und die Lampen wie flackernde Sterne wirken, sitze ich mit einer Tasse verbrannten Kaffees auf dem Tisch. Die Seite meines Skripts wird feucht vom Nebel, den die Tür herein schüttet. Jemand setzt sich ohne Worte gegenüber. Ich hebe den Blick – Dawson. Er hat sein Notizbuch aufgeschlagen, zeigt keine Seiten. Er sieht aus, als hätte er die Bibliothek mit einer anderen Aura gesehen, die nur er erkennt.

„Du arbeitest spät“, sage ich, mehr als Feststellung denn als Frage.

„Die Ruhe ist gut zum Denken“, antwortet er leise. Seine Stimme ist tiefer, als ich erwartet habe, und das Wort „denken“ trägt eine Schwere, als ginge es ihm nicht um Vorlesungen, sondern um etwas, das schwerer wiegt.

„Ich nenne es Überleben“, antworte ich und lächle, doch das Lächeln bleibt an der Oberfläche hängen.

Ich erzähle ihm nicht von den Träumen. Ich weiß nicht, ob ich es will. Stattdessen beobachte ich, wie er das Notizbuch schließt. Auf dem Einband ist ein gezeichneter Kreis mit elf Punkten — wie ein Stern, nur anders.

„Kann ich fragen, woher du kommst?“ frage ich, weil es einfacher ist, über Belangloses zu reden.

Er zuckt kaum merklich mit den Schultern. „Nicht weit.“ Es klingt distanziert, wie ein Wort, das nicht aus einer konkreten Stadt stammt. „Und du?“

„San Diego.“ Ich füge hinzu: „Aber das ist Jahre her.“ Ein unnötiges Detail, das meine Stimme weich macht.

„Bist du glücklich hier?“

Seine Frage trifft mich in einer Weise, die eine Instanz entfernt in mir berührt. Glück ist nicht das richtige Wort. Ich denke an meine Eltern, an die Erwartungen, an die Listen. Ich denke an die Träume, die an meiner Seele zehren.

„Manchmal“, sage ich. „Meist ist es eher… kompliziert.“

Er nickt, als bestätige er etwas, das keiner Worte bedarf. „Kompliziert ist ehrlich.“ Seine Augen bleiben einen Moment zu lange an meinem Gesicht haften, als suche er nach einem Zeichen, das ich nicht geben will.

„Dawson“, sage ich. „Warum…?“ Ich stoppe, weil ich nicht weiß, wie ich die Frage beenden soll.

„Warum ich oft hier bin?“, schlägt er vor. „Warum ich beobachte?“

„Ja.“

Er atmet aus. „Vielleicht interessiere ich mich für Dinge, die andere übersehen“, sagt er einfach. „Manche Leute sind empfänglicher für Muster.“

„Muster?“ Ich taste nach einem Anker. „Muster wovon?“

Er lächelt ohne Humor. „Von der Art, wie Orte atmen. Wie sie Erinnerungen halten. Manche Orte sind wie Bücher, die man falsch zuschlägt – man liest sie nicht, und trotzdem bleibt eine Seite offen. Andere Orte rufen.“

Sein Blick bleibt auf mir. „Und manchmal“, fügt er hinzu, „rufen sie dieselbe Person.“

Es ist eine Eigenschaft von Sätzen, die plötzlich entscheidend klingen, obwohl sie es vielleicht nicht sind. Ich muss lachen, um nicht mit der Angst fertigzuwerden, die mir wie eine kalte Hand die Kehle umklammert. „Also bin ich ein Ort?“

„Nicht nur“, sagt er. „Eher ein Echo.“

In dieser Nacht schlafe ich schlecht. Die Bilder kommen dichter. Ich sehe Hügel, die wie Rücken alter Riesen aus dem Nebel spitzen; ein Stern, der wie ein Auge scheint; Schatten, die nicht ganz Schatten sind. Einmal streiche ich im Traum mit der Hand über raues Gestein, und als ich aufwache, ist meine Hand weiß von etwas, das wie Puder aussieht. Ich reibe sie, aber es ist nur mein eigenes Herz, das in meiner Haut arbeitet.

Am nächsten Tag laufe ich durch den Campus, und die Sonne steht schräg über den Dächern. Ich habe das Gefühl, mich zu verlangsamen, als würde die Welt nebenher laufen und ich selbst bin in eine andere Frequenz geschaltet. Menschen sprechen, Telefone klingeln, aber alles kommt von einer Distanz, wie aus einem Raum mit zu dichten Wänden. Ich beginne, Dinge zu bemerken, die mir vorher egal gewesen wären: die Art, wie das Moos an einer Mauer wächst, die kleine Einkerbung an einer Treppenstufe, die, wenn man genau hinsieht, wie ein Finger aussieht, der nach etwas greift.

In der Mensa biege ich um eine Ecke und sehe ihn wieder – Dawson, in der Schlange, in der Hand eine Brotdose.

Unsere Blicke kreuzen sich, und er kommt näher, um etwas zu sagen. Wir stellen uns nebeneinander an, als wäre das Arrangement vorher beschlossen.

„Ich habe gestern mit dir geredet“, sagt er unvermittelt.

„Ja“, antworte ich, obwohl ich nicht weiß, ob er mir damit einen Vorwurf macht oder eine Beobachtung.

„Ich habe nachgedacht“, sagt er. „Über das, was du sagst. Über die Träume.“

Mein Herz setzt einen Schlag aus. „Du hast…?“ Ich versuche, ruhig zu klingen, bringe es aber nicht übers Herz zu fragen, was er denkt.

„Manchmal sind Träume keine Fehler“, sagt er langsam. „Manchmal sind sie Erinnerungen, die das Hirn nicht ganz bearbeiten kann. Manchmal sind sie Signale.“

„Signale wovon?“ Ich merke, wie die Worte zusammenziehen, als legte man eine Hand um sie.

Er sieht mich an, und jetzt ist sein Blick entschlossen, als hätte er sich entschieden, näher zu treten, etwas auszusprechen, das lange in ihm gelegen hat. „Dass da eine andere Welt ist, die Menschen wie uns erreichen kann. Dass manche Menschen…“ Er macht eine kleine, ungenaue Geste mit der Hand. „…sensibel sind für diese Risse.“

Ich weiß auf einmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Die Möglichkeit, dass er mich für verrückt hält, ist plötzlich weniger beängstigend als die Tatsache, dass er möglicherweise Recht haben könnte. „Du scheinst das zu wissen“, sage ich, in der Hoffnung, dass seine Antwort mich trocknet wie ein Fön.

„Ich weiß mehr, als ich sagen darf“, antwortet er. „Manchmal ist es schwer, Dinge auszudrücken, ohne dass sie aussehen wie Geschichten.“

Er geht weg, ohne dass ich ihn zurückhalte. Ich stehe einen Moment länger, halte meinen Löffel in der Hand, spüre die Kälte von Aluminium, die mich an den Rand der Realität zurückholt. Sein Gesicht bleibt vor meinem inneren Auge, als wäre es auf Glas gemalt.

Die Tage vergehen, und die Träume werden nicht seltener. Sie werden lauter. Ich beginne, kleine Muster zu sehen: ein bestimmter Geruch, wenn der Traum kommt – verbranntes Harz; eine Erinnerung, die bruchstückhaft wiederkehrt: ich halte etwas, das wie ein Amulett aussieht, in der Hand; jemand ruft meinen Namen, und die Stimme ist vertraut, als stamme sie aus meinem eigenen Mund. Ich frage mich, ob ich früher ein anderes Leben hatte, oder ob mein Verstand mir Streiche spielt. Beides fühlt sich gleichermaßen möglich an.

Eines Abends, als ich die Tür zu meinem Wohnheim aufschließe, bleibt mein Blick an den Bewegungen der Bäume hängen. Sie schaukeln nicht, aber ich habe das Gefühl, als würden sie lauschen. Ich schalte das Licht ein, und für einen Moment ist das Zimmer normal: mein Bett, ein Poster, ein aufgeschlagenes Buch. Dann, als würde etwas Gewicht auf der Luft liegen, spüre ich es wieder – das Beobachten. Nicht körperlich, kein Schatten, kein Geräusch. Eher ein Druck, ein Blick, der direkt hinter mir ruht, so nah, dass ich das Gefühl habe, meine Schultern krümmen sich unter ihm.

Ich drehe mich langsam um. Niemand. Nur die Reflexion des Fensters, in dem die Lichter der Stadt als ferne Sterne glimmen. Ich lache, weil Lachen leichter ist als Angst. Aber das Lachen klingt hohl in meinen Ohren. Ich ziehe die Vorhänge zu, als würde Stoff irgendeine Barriere ziehen können.

Ich lege mich hin. Das Licht der Lampe zeichnet ein Rechteck auf die Decke. Ich starre hinein, bis meine Augen schwer werden. Die Träume kommen nicht gleich, aber wenn sie kommen, sind sie wie Fluten, die über die Deichmauer schießen. Dieses Mal ist der Hügel näher; ich kann die Maserung eines Steins sehen, als hätte ich ihn gestern berührt. Und in einem Teil des Traums – so klar, dass mein Hals trocken wird – höre ich eine Stimme, die nicht mein eigenes Denken ist, die mein Namen flüstert mit einer Zärtlichkeit, die mir fremd ist und die mich zugleich tröstet. Ich liege ruhig da und nehme das seltsame Flüstern in mich auf, ohne die Worte zu verstehen.

Als ich erwache, ist der Morgen über den Dächern weich wie Wachspapier. Ich sitze aufrecht, mein Herz rattert. Ich weiß nicht, ob ich träume oder wach bin. Gedanken sind unruhig wie ein Schwarm Insekten. Irgendetwas ist anders als am Tag zuvor, eine Feinheit, die mir das Innere vibrieren lässt. Jemand oder etwas hat meine Anwesenheit bemerkt – nicht abstrakt, nicht als Statistik, sondern persönlich. Und es scheint nicht unbedingt neutral zu sein. Das Gefühl, das sich wie ein Mantel über mich legt, ist weder rein drohend noch rein freundlich; es ist nur aufmerksam.

Ich öffne die Tür, gehe in den Flur, und auf dem Weg zurück zum Campus fühle ich mich beobachtet. Nicht von Menschen, von etwas Anderem, Glatterem, das an der Kante der Wahrnehmung sitzt. An der Bushaltestelle sehe ich Leute, die in ihre Telefone starren, eine Frau, die mit einem Kind spricht, zwei Männer, die laut lachen. All das spielt sich ab, während ich das Gewicht dieser Beobachtung wie ein zusätzliches Kleidungsstück trage.

Am Nachmittag finde ich Dawson in der Bibliothek, auf dem gleichen Platz wie immer. Er hebt kaum den Blick, als ich ankomme, aber als er mich sieht, ist da eine Art Erwarten in seinem Gesicht, als würde er auf ein Signal warten.

„Du siehst müde aus“, sagt er, und diesmal ist es mehr Feststellung als Frage.

„Ich bin es“, antworte ich. Ich setze mich ihm gegenüber. „Ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden.“

Seine Augen verengen sich. „Nicht nur du“, sagt er. „Es gibt da etwas, das Aufmerksamkeit sucht. Manchmal ist es neugierig, manchmal… hungrig.“

„Hungrig?“, wiederhole ich beinahe lachend, weil das Wort so groß ist, klobig und ungeeignet.

„Hungrig ist vielleicht zu stark“, sagt er. „Sagen wir: aufmerksam und erwartend.“

„Warum ich?“, frage ich und sehe ihn direkt an.

„Weil du dich erinnerst, mehr, als du zugibst“, antwortet er. „Weil du… etwas bist, das diese Welt noch nicht ganz kennt.“

Ich lasse die Frage, die in mir brennt, unausgesprochen: Kennst du dieses Etwas? Bist du Teil davon? Stattdessen sage ich: „Warum sagst du das?“

Er klappt sein Notizbuch auf, zeigt mir eine leere Seite, auf die er mit einem Bleistift einen Kreis zeichnet und darin elf Punkte setzt – exakt dieselbe Zeichnung, die ich an seinem Einband gesehen habe. „Weil ich darauf vorbereitet bin“, sagt er. „Nicht auf alles, aber auf genug.“

Ich sehe die Punkte, und in meinem Innern regt sich etwas wie eine Übereinkunft. Es ist kein klares Wissen, eher ein Ziehen. „Was, wenn ich Angst habe?“, frage ich schließlich.

„Dann sag es mir“, antwortet er. „Angst ist nicht etwas, das man alleine tragen muss.“

Seine Worte sind einfach, aber sie klingen wie ein Versprechen, und ich finde, dass das Versprechen mich ruhiger macht. Ich lächele schwach, und er lächelt zurück, ohne dass es auf seinen Lippen richtig warm wird.

Am Abend gehe ich hinaus in die kühle Luft. Die Palmen zeichnen Muster in den Himmel, und über allem liegt der immer gleiche Geruch von Stadt. Ich bleibe stehen und drehe mich langsam. Für einen Moment – oder eine Minute oder eine Ewigkeit, ich weiß es nicht mehr – habe ich das Gefühl, dass etwas unmittelbar hinter mir atmet. Nicht körperlich, nicht warm. Ein kalter Hauch, der die Nackenhaare aufrichtet. Ich drehe mich um. Nichts. Nur die Nacht, die Bäume, das diffuse Licht der Straßenlaternen.

Ich laufe die Treppe hinauf, die zum Wohnheim führt, und plötzlich ist das Beobachten so dicht, dass es sich wie eine zweite Haut anfühlt. Ich will schreien, will jemanden wecken, will die Welt verkünden, dass hier etwas ist, das man beachten muss. Aber die Stimme bleibt in mir, klein wie ein Funken, der sich fürchtet, angezündet zu werden.

Als ich die Tür aufschließe und mein Zimmer betrete, schalte ich das Licht an. Die Lampe wirft ihr gedämmtes Rechteck über den Schreibtisch, und auf dem Regal scheint ein Schatten zu zittern, so als hätte er Atem. Ich schnappe nach Luft. „Das ist lächerlich“, murmele ich zu mir selbst und lege die Schlüssel auf den Tisch.

Ich setze mich auf mein Bett und starre die Decke an. Die Träume hatten mir nie einen Namen gegeben, aber plötzlich fühlt sich alles, was ich erlebe, wie eine Vorbereitung an, als würde etwas lauern, das auf meinen nächsten Schritt wartet. Etwas, das mich kennt. Etwas, das mich sucht.

Draußen auf dem Campus verschiebt sich das Leben weiter, wie eh und je. Studenten lachen, Liebespaare teilen Kopfhörer, jemand wirft einen Ball über den Rasen. Und unter dieser normalen Oberfläche läuft etwas, unsichtbar wie ein Fluss unter Eis. Ich weiß in diesem Moment nicht, ob ich mich darauf freuen soll oder ob ich mich fürchte. Ich weiß nur, dass die Träume bleiben, dass Dawson nicht nur ein stiller Beobachter ist, und dass – so seltsam es klingt – ein Echo in mir antwortet, wenn der Stern im Traum aufleuchtet.

Am Fenster sitzend, den Sternanhänger in Gedanken tastend, lausche ich dem leisen Flüstern, das am Rand meiner Wahrnehmung hängt. Jemand – oder etwas – beobachtet mich. Es ist kein endgültiges Urteil, nicht einmal eine klare Bedrohung. Es ist nur Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit hat Gewicht. Ich spüre es wie einen Druck auf der Brust, als würde die Welt mich prüfen, ob ich bereit bin.

Kapitel 2 - Der stille Blick

Der Seminarraum leert sich schneller, als ich gedacht habe. Die letzten Studierenden raufen ihre Notizen zusammen, lachen verlegen über eine Frage des Professors, und die Scheinwerfer der Nachmittagssonne lassen die weißen Tafeln wie kleine, kalte Monde glänzen. Ich schließe meinen Laptop, schleppe meine Notizen zusammen und trete hinaus in den Flur, wo Stimmen wie Wasserströme an mir vorbeifließen. Mein Herz ist noch beim Thema – Erinnerungstheorie, Signale und Rauschen – aber mein Kopf beginnt schon zu wandern. Zu vielen Dingen, die nichts mit den Vorlesungen zu tun haben.

Dawson steht an der Wand, halb im Schatten, die Arme verschränkt. Er trägt wieder das gleiche dunkle T-Shirt, das ich schon häufiger gesehen habe, und diese unaufgeregte Haltung, die ich noch nicht zu deuten weiß.

Als ich ihn bemerke, tut mein Puls für einen Moment so, als hätte er eine eigene Agenda. Ich richte mich auf, zögere – und gehe dann auf ihn zu, weil ich das Gefühl habe, dass diese Begegnung nicht einfach nur zufällig ist.

„Hey“, sage ich, und die Begrüßung fühlt sich plötzlich so gewöhnlich an, wie eine Hand, die eine andere greift.

Er schaut auf, und als sich unsere Blicke kreuzen, ist da dieses vertraute Ziehen, das ich schon so oft verspürt habe. Seine Augen sind dunkel, aber nicht leer; sie haben etwas Gelassenes, das keineswegs gleichgültig ist.

„Hi“, antwortet er knapp.

Seine Stimme ist angenehm leise, so dass ich mich beinahe zwingen muss, näher zu treten, um jedes Wort zu fangen und zu verstehen.

„Der Vortrag war… viel“, bringe ich hervor. Das ist ungenau, aber es ist, was ich fühle: viel Input, viel Gewicht, als würde mein Verstand versuchen, Dinge zu sortieren, die noch nicht ihre Regale gefunden haben.

„Viel ist ein guter Anfang“, sagt er, und ein Hauch von Ironie streift seine Stimme. „Oder ein Problem, je nachdem, auf welcher Seite man steht.“

Wir laufen die Treppe hinunter, er in meinem Tempo, als wäre unser Fußschritt synchronisiert. Für einen Moment läuft alles wie in Zeitlupe – das Quietschen eines Schuhs auf einer Stufe, das Klacken einer Tür, das ferne Piepen eines Fahrrads. Ich bin mir bewusst, wie oft ich ihn bereits gesehen habe. Zu oft, um vollkommen zufällig zu sein.

„Du warst doch auch beim Seminar gestern, oder?“ frage ich, halb neugierig, halb aus Höflichkeit.

Er nickt. „Manchmal gehe ich zu solchen Dingen. Man hört Dinge, die anderswo fehlen.“

„Wie…?“ Ich taste nach einer Brücke, einem Öffner.

Er schmunzelt, kurz, kaum sichtbar. „Wie Legenden.“ Seine Stimme senkt sich. „Alte Geschichten, die Menschen erzählen, wenn sie nicht zur Ruhe kommen.“

„Legenden?“ Ich muss lachen, obwohl ein Teil von mir nicht lachen will. In meiner Welt sind Legenden Texte in Büchern, Aufgaben in Mythologie-Seminaren oder – auf dem besten Weg – vergessen. „Meinst du die Art von Legenden, die man im Pub hört? Oder die in alten Pergamenten?“

„Beides“, sagt er ruhig. „Und noch anderes. Es gibt Geschichten, die keinen Anfang und kein Ende kennen, weil sie weder erfunden noch erlebt sind. Sie sind eher… vorhanden. Manchmal nennt man sie Sagen; andere nennen sie Erinnerungen von Orten selbst.“

Ich bleibe stehen. „Erinnerungen von Orten?“

„Ja.“ Er sieht mich an, und in seinem Blick ist jetzt etwas, das nicht nur Neugier, sondern auch eine Einladung enthält. „Manche Orte behalten Dinge. Sie sammeln sie wie Staub. Und wenn jemand kommt, der die richtige Resonanz hat, geben sie etwas davon zurück.“

Die Worte klingen poetisch, aber nicht ineffektiv. Es ist, als würde er mit mir eine Art Vokabular teilen, das mir fremd ist und doch seltsam vertraut vorkommt. Mein Gedächtnis schiebt sich an diesen Worten, tastet: Staub, Orte, Resonanz. Mein Herz macht einen kleinen Klick, ein mechanisches Geräusch, als fände ein Puzzleteil seinen Platz.

„Kennt man so etwas nicht aus alten Märchen?“, frage ich. „Feen, Hüter, Häuser, die leben?“

„Märchen sind oft nicht so weit von der Wahrheit entfernt, wie viele denken“, sagt er. „Sie sind nur Menschen-Sprach-Versuche, etwas Unaussprechliches verständlich zu machen.“

Wir stehen neben einem Aushang mit Kursankündigungen; die Sonne fällt in scharfen Kanten und teilt uns in Hälften. An seiner Jacke klebt ein minimaler Staubfilm, wie von einem alten Buch. Ein kleines Detail, das mein Gehirn sofort abspeichert.

„Und was hat das mit dir zu tun?“ frage ich, bevor ich es zurücknehme, denn die Frage ist ehrlich – und vielleicht zu direkt.

Dawson zuckt nicht. „Ich sammle gern Geschichten“, sagt er. „Nicht um sie zu besitzen, sondern um sie zu verstehen. Warum sind sie da? Was halten sie? Warum singen sie?“

„Singen?“

„Manche Orte singen“, sagt er. „Nicht mit Stimmen, wie wir sie kennen. Sie singen mit dem, was sie halten. Man muss nur genau hinhören.“

Seine Worte sind seltsam konkret; sie haben eine Schwere und ziehen an einem Faden in mir. Ich spüre, wie sich etwas öffnet: ein Bild aus einem meiner Träume, das größer wird, wenn ich nur lange genug hinschaue. Ein Schrank, dunkel. Ein Spiegel, alt, mit einem Rahmen, dessen Muster ich in meinen Händen zu kennen glaube, obwohl mir niemand je davon erzählt hat. Die Erinnerung glimmt in mir auf wie Glut.

„Ich habe so etwas geträumt“, sage ich leise, wie eine Geständnisformel. „Einen Spiegel. In einem Schrank. Dunkel. Nicht… normal.“

Sein Gesicht verändert sich in einer so feinen Abstufung, dass ich zuerst denke, es sei nur Lichtspiel. Dann aber flackert da etwas: Erleichterung? Sorge? Ein Schatten von beidem. Es ist nicht laut, nicht dramatisch – nur ein Flackern, wie wenn man ein altes Radio einstellt und kurz ein anderes Programm aufleuchtet.

„Beschreib ihn“, bittet er.

Ich schließe die Augen. Die Bilder rollen zusammen, als hätte ich sie bisher in mehreren Körben gehalten. „Der Schrank ist alt, aus dunklem Holz. Die Tür ist schwer, als würde sie etwas halten, nicht nur Kleidung. Im Inneren ist es noch dunkler, fast feucht. Und in der Mitte steht ein Spiegel, der… nicht von hier ist. Er reflektiert nicht nur Licht. Er reflektiert Tiefe, als wäre durch ihn eine andere Luft zu sehen, eine andere Dichte.“

Er hört mir zu, ohne mich zu unterbrechen. Als ich ende, bleibt seine Miene ernst, nachdenklich. Er streicht mit dem Daumen über den Rand seines Handys, nicht weil er es benutzen will, sondern als würde diese Bewegung etwas in ihm beruhigen.

„Und du fühlst dich dort…?“ Er formuliert die Frage langsam, wählt die Worte, als wären sie empfindlich.

„Vertraut“, antworte ich offen. „So, als hätte ich dort schon einmal gestanden. Aber ich weiß, dass das unmöglich ist. Ich bin neunzehn. Ich habe mein ganzes Leben in einer Welt verbracht, die sich nicht so anfühlt. Aber…“ Ich ringe nach dem richtigen Wort. „Es ist, als würde meine Seele einen alten Stiefel wiedererkennen. Als würde ein Teil von mir sagen: Du warst schon mal hier.“

Dawson bleibt still. Für einen Moment denke ich, er schweigt, weil er nichts sagen will, was ich bereue. Dann atmet er aus, und es ist ein hörbares Geräusch, als würde er etwas loslassen, das lange in ihm wartete.

„Du erinnerst dich“, sagt er. Es ist eher eine Feststellung als eine Frage.

„Erinnern? Aber ich habe doch keine…“ Ich fange an, unsicher zu werden. „Ich meine, wie?“

„Es gibt Dinge, die man nicht in Lebensjahren messen kann“, erklärt er. „Manche Erinnerungen sind nicht an das Gehirn gebunden, sondern an Resonanzen. An Plätze, an Kristallmuster, an…“ Er fährt die Hand über seine Stirn, als könnte er ein kompliziertes Wort wegwischen. „An Verbindungen. Nicht jeder fühlt sie. Nicht jeder kann sie lesen.“

„Und du kannst?“ Die Frage rutscht heraus, trotz des leisen Widerhalls in meinem Magen.

Er schaut mich an, und für einen winzigen, schneidenden Moment ist seine Zurückhaltung weg. Da ist etwas darunter: eine Art aufrichtige Angst, oder vielleicht ein schlichtes Leid. „Mehr, als mir lieb ist“, antwortet er schließlich. „Manchmal mehr, als ich gestehen darf.“

Wir gehen schweigend weiter, zwei Körper, die die gleiche Richtung haben, und die Kälte eines späten Nachmittags legt sich wie eine dünne Hand auf meinen Nacken. Über uns schrumpfen Fenster zu Augen; unter uns murmelt der Campus weiter seine tägliche Litanei. Ich möchte Fragen stellen, die ich nicht stellen kann. Ich möchte, dass er mir alles erklärt, und zugleich ahne ich, dass manche Dinge nicht wie Worte sind, die man einfach so austauscht.

„Warum erzählst du mir das?“, frage ich, als die Stille zu lang wird.

Er bleibt für einen Moment stehen, dreht sich zu mir und sieht mir direkt in die Augen. „Weil du es fühlst“, sagt er. „Weil du reagierst. Und weil… weil ich glaube, dass du wissen solltest, dass nicht alles, was du für dich hältst, nur für dich ist.“

Seine Antwort ist mehrdeutig, aber sie enthält eine warme Klarheit, die an den Rändern leuchtet. Ich nicke, mehr um ihm zu signalisieren, dass ich sein Vertrauen empfinde, als weil ich alles verstehe.

„Es gibt Legenden von Zwischenwelten“, fährt er fort, als hätten seine Lippen einen Schalter umgelegt, „Orte, die nicht ganz hier und nicht ganz dort sind. Manche nennen sie Schleifen, manche Risse, manche nennen sie bei Namen, die so alt sind, dass die Zunge bricht, wenn man sie ausspricht. Für manche sind sie gefährlich; für andere sind sie Heimat.“

„Naytnal“, flüstere ich, ohne zu wissen, woher das Wort kommt. Es fällt mir ein wie ein Stück, das vorher in der Luft hing und jetzt endlich zu Boden fällt.

Dawson blickt auf, und in seinen Augen sehe ich dieses flache Erschrecken wieder, dann ein Zustand, den ich inzwischen kenne: ein Schatten, halb Erleichterung, halb Sorge.

„Naytnal“, wiederholt er, und das Wort schmeckt in der Luft wie Eisen. „Ein alter Name. Nicht viele sprechen ihn aus. Nicht viele hören ihn mit Ohren, die nicht weinen.“

„Wie weißt du das?“, frage ich, zu direkt vielleicht, aber die Neugier brennt in mir. Mein Magen vergeht sich an dieser brennenden Frage.

„Ich habe gelesen“, sagt er schulterzuckend, als wäre das die leichteste Entschuldigung der Welt. „Nicht nur in Büchern. Texten, Karten, bruchstückhaften Notizen. Manchmal finde ich Hinweise in gerissenen Seiten in Antiquariaten, manchmal in Handschriften, die niemand mehr ordnen will.“

Er öffnet sein Notizbuch, das ich schon einmal gesehen habe – das mit dem Kreis und den elf Punkten. Heute ist die Seite frisch beschrieben, voll kleiner, schematischer Skizzen, Texte in einer Handschrift, die klein, scharf und entschlossen wirkt. Ich lehne mich vor, obwohl ich weiß, dass er nicht vorhat, alles zu zeigen. Doch seine Hand streicht nur über eine Skizze, als wolle er sie für mich markieren. Sie ist undeutlich, aber irgendetwas daran zieht mich magisch an.

„Das ist kein Spiel“, sagt er leise. „Und auch kein Märchen zum Vorlesen am Kamin. Es ist gefährlich, wenn man es nicht versteht. Es ist verführerisch, wenn man es nicht beherrscht.“

„Warum sollte es mich interessieren?“, frage ich, weil die Möglichkeit, dass mein ganzes Leben – meine Fakultät, meine Vorlesungen, meine Eltern – in irgendetwas älteres, tieferes verknüpft ist, plötzlich so real wirkt, dass ich wanke.

„Weil du dich erinnerst“, antwortet er ohne Zögern. „Weil du reagierst. Und weil dich etwas ruft, das nicht unbedingt auf den ersten Blick gut ist.“

Sein Blick ist ernst, und als ich ihn fixiere, läuft ein kalter Fluss durch mich. Erinnern – rufen – nicht gut. Die Wörter legen sich wie Frost über die Sonne des Campus.

„Hat es dir das schon einmal gesagt – dass es nicht gut ist?“, frage ich, stumm, halb indem ich frage, halb indem ich mir selbst die Bestätigung holen will.

„Nein“, entgegnet er. „Es hat nie direkt gesprochen. Mehr ein Ton. Ein Druck. Ein Ziehen von Dingen, wenn man zu lange in die falsche Richtung geht. Und Dinge, die man nicht rechtzeitig erkennt, können… sich drehen.“

Ich habe das Gefühl, meine Atemzüge kommen zu schnell.

„Drehen? Wie?“

„Sie können dich sehen und umformen“, sagt er, ohne melodramatisch zu werden. „Sie haben Muster, die Menschen nicht leicht durchschauen. Manche nehmen, andere verleihen. Manche schenken, manche fordern. Und manche halten eine Balance, die nicht für uns gemacht ist.“

Die Worte malen in mir Bilder, nicht klar, sondern wie Aquarelle, die verwischen, sobald ich blinzle. Ein Schrank, ein Spiegel, ein Ruheraum, eine Welt, die vielleicht existiert, die vielleicht mich schon kennt. Ich will glauben, dass er sich irrt, dass es nur Metaphern sind, die man im Seminar benutzt, um komplexe Theorien zu erklären. Aber ich habe das Bild des Spiegels. Und Dawson sieht mich an, als würde er dieselbe Karte lesen.

„Warum erzählst du mir das jetzt?“ frage ich, weil ich mehr will, eine Brücke, eine Antwort.

Er zögert einen Atemzug zu lange. Dann sagt er: „Weil du erwähnt hast, dass du dort warst – oder glaubst, dort gewesen zu sein. Nicht alle, die das wissen, hören sich die Stimme derselben Dinge an. Ich habe diese Stimme gehört. Manchmal. Nicht so oft. Nicht so klar.“ Seine Finger spielen nervös am Einband seines Notizbuchs. „Und wenn du schon die Erinnerung trägst, dann ist es besser, dass du nicht allein bist.“

„Du willst mir helfen?“, frage ich fast ungläubig. Es ist überwältigend. Fremde Hilfe klingt in meiner Welt selten wie ein Angebot — meistens ist sie ein Preis.

„Wenn du es willst“, erwidert er mit ruhiger, tiefer Stimme. „Ich weiß nicht alles. Ich weiß nur, dass ich nicht gerne zuschaue, wenn etwas, das Menschen festhält, sie zerreißt. Ich habe genug Geschichten gesehen, die nicht gut enden.“

Noch bevor ich antworten kann, klingt das Glockenläuten des Hauptgebäudes monoton auf. Studenten huschen vorbei, der Flur erfüllt sich mit dem Timbre des Alltags. Dawson schiebt sein Notizbuch zurück in die Tasche, als würde er ein lebendes Tier beruhigen.

„Wenn das alles wahr ist“, sage ich, „wenn es ein ‚dort‘ gibt – wie komme ich dahin? Wie findet man so etwas?“ Die Fragen schießen aus mir wie Kieselsteine ins Wasser.

Er atmet aus.

„Man trifft Türen. Manchmal sind sie echt. Manchmal sind sie im Kopf. Manchmal sind sie Spiegel in Schränken. Leute finden sie auf Wegen, die ihnen vertraut sind, oder auf Wegen, die so fremd sind, dass kein Pfad sie führt. Es ist nicht systematisch. Es ist…“ Er schaut mich an, und für einen Moment ist seine Stimme brüchig, „Es ist gefährlich, aber oft unvermeidlich.“

Ich kann nicht anders, ich lache kurz schrill, weil die Kombination von Bürokratie meiner Kurse und dem Bild eines Spiegels in einem Schrank zu absurd scheint. „Ein Spiegel in einem Schrank, wirklich?“

Er lächelt nicht, aber seine Augen glänzen leicht. „Spiegel sind Tandler. Sie zeigen, was fehlt oder was zu viel ist. In alten Geschichten sind sie nicht nur aus Glas, sie sind Tore. Alte Schränke sind Hüter, manchmal von Kälte, manchmal von Zeit.“

„Hast du das alles im Seminar gelernt?“, frage ich, halb sarkastisch.

„Einige Teile“, sagt er. „Den Rest findet man in Büchern, die keiner liest, oder in Nächten, in denen alte Regale atmen.“

Seine Antworten sind wie kleine Öffnungen in einer verschlossenen Tür. Ich verliere mich in der Idee – in dem Bild des Spiegels, des Schrankes, der vielleicht in einem Keller steht, vielleicht in einer Wohnung, vielleicht in einem Raum voller vergessener Dinge. Die Vorstellung, dass so etwas in meiner Welt existiert, und dass ich es schon einmal gerochen, gespürt, geträumt habe, macht mir Angst und gleichzeitig erfüllt es mich mit einem seltsamen Verlangen.

„Wenn das wahr ist“, sage ich schließlich, „und wenn ich wirklich eine Erinnerung habe – warum erinnere ich mich jetzt? Warum nicht früher?“

Er betrachtet meine Hände, als versuchte er, in ihnen Linien zu lesen. „Vielleicht, weil du nun an einem Ort bist, an dem die Resonanzen anders gestimmt sind. Vielleicht, weil du älter bist und deine Wahrnehmung sich verändert hat. Vielleicht, weil etwas dich zurückzuholen versucht. Oder vielleicht, weil die Zwischenwelt selbst nach einem Anker sucht.“

„Einem Anker?“

„Ja. Etwas, das sie an uns bindet. Vielleicht sind das Menschen, die Erinnerungen tragen. Vielleicht sind es Objekte. Vielleicht ist es schlicht der natürliche Drang eines Ortes, sich zu erneuern. Ich weiß es nicht.“ Er spricht, als würde er sich selbst Mut machen, während er mir gleichzeitig Informationen gibt.

Wir stehen da, zwei Schatten im Gang, und die Welt fließt weiter an uns vorbei, ahnungslos. Ein Student rempelt uns an, entschuldigt sich hastig und eilt davon. Das Leben schmiegt sich an seine Routine – Vorlesungen, Mensa, Bibliothek – und doch hat sich für mich etwas verändert: Der Campus ist nicht mehr nur ein geplanter Raum, sondern eine Landschaft mit Rändern, und irgendwo dort, jenseits der geplanten Ränder, liegt etwas, das mein Herz kennt.

„Was willst du jetzt tun?“, frage ich, obwohl tief in mir schon eine Idee wächst, die gefährlich und unwiderstehlich ist.

Dawson schaut mich an, und in seinem Blick liegt eine kleine, zerbrechliche Hoffnung. „Wenn du möchtest, können wir nach Hinweisen suchen“, sagt er. „Langsam. Ohne Heldentum. Mit Vorsicht.“

„Hinweise? In der Bibliothek?“

„Ja. In der Bibliothek, in Archiven, an Orten, die selten besucht werden. Manchmal verstecken sich Antworten in Fußnoten. Manchmal in alten Rechnungen. Manchmal in etwas, das auf den ersten Blick wie Müll aussieht.“

Sein Vorschlag klingt vernünftig, und doch weiß ich, dass hinter dem „langsam“ ein anderer Wunsch steckt – ein Drängen, das nicht nur die Neugier befriedigen will, sondern etwas tieferes, persönliches.

„Warum hilfst du mir?“

„Weil du nicht die einzige Person bist, die sich an solche Dinge erinnert“, sagt er. „Und weil ich es hasse, wenn Leute glauben, sie seien allein mit etwas, das sie zerreißen kann.“

Die Ehrlichkeit in seiner Stimme trifft mich wie eine Welle. Ich erkenne darin etwas Seltenes: einen Menschen, der beobachtet, und der doch nicht tut, was andere tun – fliehen vor dem Unbekannten. Stattdessen bleibt er und versucht, es zu verstehen.

„Gut“, sage ich schließlich und spüre, wie meine Stimme stärker wird. „Dann suchen wir Hinweise. Zusammen.“

Er nickt, knapp, aber mit einem Anflug von Zustimmung, der mehr ist als nur Höflichkeit. „Morgen Abend? Powell Library, hinter dem dritten Regal der Ostflanke?“

„Das klingt sehr präzise“, antworte ich und lache, weil ich plötzlich den Mut dazu habe.

„Präzision ist Komfort in einer Welt, die unlogisch ist“, sagt er mit einem Hauch von Humor, und ich erkenne darin eine weitere Schicht – jemanden, der Witze benutzt, um Unruhe zu verarbeiten. „Um sieben Uhr?“

„Sieben ist gut“, sage ich, und ein seltsames Gewicht fällt von meiner Brust. Es ist, als hätte ich einen Handschlag geschlossen, auf den ich mich nicht vorbereitet habe. Ich weiß nicht, was morgen bringt. Ich weiß nur, dass die Entscheidung getroffen ist, kaum dass die Worte ausgesprochen sind.

Wir gehen auseinander, aber die Schritte, die uns zurück in den Alltag tragen, sind leichter. Oder vielleicht ist es nur der Wille, etwas zu tun, der mir neue Energie schenkt.

Zuhause auf meinem Bett liege ich lange wach. Die Decke über mir bleibt unverändert, das Zimmer gleich, das Licht der Straßenlampe wie immer. Trotzdem hat die Welt eine neue Tiefe angenommen. Ich halte meine Fingerspitzen aneinander, spüre die Textur meiner Haut, die Echtheit meines Körpers, als wollte ich der Erinnerung versichern, dass ich real bin.

Draußen, irgendwo zwischen den Bäumen und den Gebäuden, in einem Raum, dessen Ränder ich nicht sehen kann, spürt etwas meine Bewegung. Ich weiß das nicht bewusst, nur als Gewissheit, die sich in meinem Magen festsetzt und mich zugleich erschreckt und betört. Jemand oder etwas beobachtet mich. Und jetzt weiß ich, dass ich nicht nur beobachtet werde – ich bin eine Antwort. Ich habe mich entschieden, zurück zu sprechen.

Kapitel 3 - Erste Zweifel

Ich erzähle mir die vernünftige Geschichte so oft, dass ich sie beinahe glaube: Das sind Stress-Träume. Das große Wort „Studium“ deckt alles ab wie eine Decke, die man über die Schultern zieht, wenn es kalt wird. Kurse, Essays, Gruppenarbeiten, die sich wie Schnüre um meinen Alltag wickeln – und jede Schnur zieht. Ich bin neu an der UCLA, die Erwartungen meiner Eltern sitzen wie unsichtbare Professoren auf meinen Schultern; ich habe Angst, zu versagen, und das Gefühl, mich jeden Tag neu beweisen zu müssen. In dieser Logik sind seltsame Bilder, die nachts auftauchen, nichts weiter als Nebenprodukte schlafloser Nächte.

Tagsüber halte ich mich an die Routine. Ich bin in Vorlesungen, notiere, blättere, lerne. Ich sage mir, dass mein Kopf die Bilder als eine Art Ventil benutzt.

Abends gehe ich zu Partys, weil soziale Interaktion wie eine Decke aus Stimmen wirkt, die den Lärm in meinem Inneren dämpft. Ich lache, ich tanze halbherzig, ich nicke bei Gesprächen, die nach keiner Tiefe verlangen. Die Partys schmecken nach billigem Wein und Zigaretten, nach dem mutigen Gefühl, sich für ein paar Stunden nicht entscheiden müssen. Doch morgens ist meine Kehle immer noch trocken; das Heimweh sitzt mir im Nacken wie ein kleiner, ständiger Hund, der an meinem Saum zieht.

„Du wirkst abwesend“, sagt meine Mitbewohnerin Anya einmal, als ich spät in unser Zimmer komme, die Haare noch halb vom Wind zerzaust. Sie ist so etwas wie ein Sonnenstrahl, eine Person, die mit ihrem Lachen Türen öffnet. „Ist alles okay?“

„Alles gut“, lüge ich. Ich habe das Üben des Lügens fast perfektioniert: kurz, plausibel, ohne Schnörkel. „Ich bin nur müde.“

Sie sieht mich an, als würde sie zwischen meinen Rippen nach meinem Herzen scannen, aber sie nickt. „Pass auf dich auf, okay? Und knack die Bibliothek nicht zu sehr – der Kaffee dort ist nur Psychologie.“

„Kaffee und Psychologie – das passt“, sage ich. Wir lachen, und für einen Moment ist die Welt leicht.

Doch zwischen den Vorlesungen und dem Lachen wächst etwas anderes. Dawson wird mehr als ein flüchtiger Schatten. Er ist nicht der Typ, der laut ist; er ist die Art Mensch, die in Räumen zu schweben scheint, ohne sie zu stören, und gerade weil er nicht drängt, fällt er auf. Er ist da, wenn ich in der Bibliothek einen Platz suche, wenn ich spät aus einem Seminar komme, wenn die Sonne schon müde in die Palmen schneidet. Er spricht nicht viel – seine Worte sind knapp, gewogen – aber sie haben immer Substanz. Es ist, als würden seine Sätze das Gewicht von Dingen tragen.

Am verabredeten Abend sitzen wir nebeneinander in der Powell Library, die Luft schmeckt nach altem Papier, und ich arbeite an einem Entwurf für einen Essay, während er in alten, zerfledderten Folianten liest. Ich frage ihn, halb im Spaß, halb aus echter Neugier.

„Was liest du da?“

„Fragmentarische Texte über kulturelle Erinnerungen“, sagt er ohne aufzublicken. „Archäologische Narrative, die sich überschneiden mit mündlicher Überlieferung. Viel Theoretisches. Vieles, das niemand als Fakt hinstellt, aber jeder als Möglichkeit akzeptiert.“ Seine Stimme ist leise, aber fest.

„Also Geschichten“, sage ich. „Legenden und sowas?“

„Legenden werden oft unterschätzt“, erwidert er. „Sie sind nicht nur romantische Geschichten für Touristen. Sie sind Vehikel für Erinnerung. Für Orte. Für Dinge, die nicht leicht mit Archiven allein festzunageln sind.“

Ich runzele die Stirn. „Orte erinnern?“

„Orte sammeln“, korrigiert er. „Nicht im literalen Sinn. Aber sie speichern Gewicht, Stimmung, Muster – alles, was man daraus lesen kann, wenn man weiß, wie man hinhört.“

Seine Metaphern sind eigenartig konkret. Ich merke, wie eine Erregung in meiner Brust wächst: die merkwürdige Hoffnung, dass jemand mit mir „hört“.

„Hast du sowas schon einmal erlebt?“, frage ich.

Er sieht kurz auf. „Einige Resonanzen, ja. Nichts Sensationelles. Mehr… Hinweise.“ Dann legt er den Finger an eine Seite des Einbandes. „Wenn du willst, kann ich dir helfen zu recherchieren. Langsam. Nicht wie in einem Abenteuerroman. Eher wie in einem Puzzle, bei dem man die Ränder zuerst legen muss.“

Es ist so unspektakulär angeboten, dass ich fast davon überzeugt werde, dass es normal ist. Wir verabreden uns noch mal für die Bibliothek in der nächsten Woche, Hintereingang, späte Stunde – weil die späten Stunden meine besten sind, wenn die Welt gedämpft klingt und die Gedanken klarer werden. Dawson bleibt da, als hätte er eine innere Uhr, die mich findet. Er sitzt neben mir, ohne mein Leben aufzufressen. Manchmal reicht seine Anwesenheit.

„Du darfst nicht alles auf Vernunft schieben“, sagt er eines Abends, während wir zwischen Regalen nach Quellen zu „Zwischenwelten“ suchen. Wir sind zu zweit in einem alten Lesesaal, Lampen werfen kleine Inseln Licht. Draußen schreit eine Sirene, irgendwo auf dem Campus, kurz, dann vorbei.

Ich seufze. „Was soll ich sonst tun? Studium ist real. Träume sind… Träume.“

„Realität besteht aus den Dingen, für die wir uns entscheiden, sie zu halten“, entgegnet er ruhig. „Wenn du entscheidest, dass diese Träume nur Träume sind, werden sie das für dich sein. Wenn du sie als etwas ansiehst, das ein Gewicht hat, dann…“ Er lässt den Satz offen.

Ich denke an das Bild des Spiegels – daran, wie mein Traum mich auf einem Hügel stehen lässt, wie der Nebel bis an meine Knöchel reicht, wie das Licht über mir schneidet. „Und wenn ich die Unterscheidung falsch mache?“ frage ich leise.

Er sieht mich an, und in seinen Augen liegt weder Spott noch falsches Mitleid. „Dann lernst du aus Fehlern. Oder du findest Dinge, die erklärt werden müssen. Oder du ignorierst etwas, das wichtig ist. Das ist deine Entscheidung.“

Die Bibliotheksnacht dehnt sich. Wir arbeiten mit Archivkopien, Mikrofilmen, leergeräumten Lesesälen, die eine Art friedliche Strenge ausstrahlen. Dawson ist Ungeduld in Perfektion: ruhig, methodisch, kontrolliert. Wenn er etwas findet, zeigt er es mir ohne großen Triumph, eher wie jemand, der eine Sache aus der Tiefe hebt und sie auf den Tisch legt, damit sie nicht zerbricht. Ab und an tauschen wir Blicke – eine stille Verständigung, mehr Zärtlichkeit als Worte in manchen Momenten.

In einer dieser Nächte verwickle ich mich in ein Gespräch mit der Frau am Fundbüro der Bibliothek. Sie heißt Mrs. Leary, hat graue Haare wie Puderzucker und Augen, die Diäten aus Geschichten kennen. Ich suche nach einem bestimmten Folianten, den das System als „verschollen“ markiert hat. Während sie im Katalog stöbert, fragt sie beiläufig, ob wir oft nachts hier sind.

„Zu oft“, antworte ich. „Zu spannend.“

Sie schmunzelt.

„Junge Leute glauben, sie könnten die Welt allein mit Neugier umkrempeln. Es ist ein schönes Gefühl. Genieße es.“

Während sie tippt, wirft sie immer wieder Blicke auf ein Regal hinter uns, in dem Geräte und zurückgelassene Dinge lagern – verlorene Regenschirme, einzelne Handschuhe, ein alter Schal. Sie bewegt sich, greift, zieht. Ich beobachte, wie sie eine kleine Kiste öffnet, die mit einem verblassten Etikett „Fundstücke – 2012–2019“ beschriftet ist. Ihre Finger gleiten hinein und holen ein Bündel hervor, das in einem kleinen Tuch eingewickelt ist.

„Oh“, sagt sie und hält mir die Handfläche entgegen. In ihr liegt ein Anhänger – metallisch, dunkel angelaufen, mit einer Gravur, die auf den ersten Blick wie ein einfacher Kreis aussieht. Als sie ihn mir näher hält, spüre ich, wie meine Haut kleine Pusteln von Gänsehaut wirft. Weil – ich kann es nicht anders sagen – etwas in mir, das schon immer schlaflos ist, schreit: Das kenne ich.

Der Anhänger ist nicht groß. Vielleicht zwei Zentimeter im Durchmesser. Er ist flach, schwerer, als es sein Anblick vermuten lässt. Die Oberfläche ist matt, eingeritzt mit einem Symbol, das in der Mitte beginnt: ein Punkt, und um ihn herum elf kleinere Punkte, arrangiert wie ein Stern. Doch nicht wie ein gewöhnlicher Stern – die Punkte sind nicht perfekt gleichmäßig; sie lehnen sich wie Körper an, die einander zugetan sind; der äußere Ring ist nicht ganz rund, eher wie ein leichtes, offenes Oval.

„Das ist ungewöhnlich“, flüstere ich. Meine Stimme klingt, als wäre sie aus einer anderen Welt.

Mrs. Leary zieht die Augenbraue hoch, aber es ist ein müdes Heben. „Viele Fundstücke sind ungewöhnlich. Manche sind sentimental – Ringe, alte Medaillons, die Leute suchen. Andere sind merkwürdig, wie dieser hier. Weißt du, woher er kommt?“

Ich schüttele den Kopf, obwohl ich es weiß. Nicht wissentlich, nicht in einem rationalen Sinn. „Nein“, sage ich. „Aber…“ Ich ringe um Worte. Wie erkläre ich, dass ein Symbol in Metall eine Saite in mir anschlägt, die zu vibrieren beginnt? Dass die Hitze meiner Erinnerung plötzlich anders pulsiert?

Dawson ist neben mich getreten. Ich habe nicht gemerkt, dass er aufgestanden ist. Seine Hand berührt leicht meine Schulter, kaum merklich, ein Anker. Er schaut auf den Anhänger, dann auf mein Gesicht.

„Wo haben Sie den gefunden?“ frage ich, obwohl ich den Ort sehe.

„Im Fundbüro“, sagt Mrs. Leary trocken. „Jemand hat ihn im Lesesaal abgegeben. Es ist schon eine Weile her. Niemand hat danach gefragt.“

„Kann ich ihn kurz halten?“, frage ich und weiß nicht, ob die Bitte von Weisheit oder Wahnsinn getrieben ist.

„Nur kurz“, antwortet sie. „Du gibst ihn mir wieder.“

Sie legt den Anhänger in meine Hand. Das Metall ist kühl, aber in dem Moment, in dem ich es berühre, habe ich das Gefühl, als würde ein sehr kleiner Blitz durch meine Finger zucken. Nichts Schreckliches, nur ein kurzes, klares Signal. Etwas wie das Knacken eines alten Radios, bevor Musik einsetzt.

„Spürst du das?“, frage ich – nicht Mrs. Leary, sondern Dawson. Ich blicke auf, finde in seinem Blick dieselbe Mischung aus Ruhe und… etwas, das sich mir als Besorgnis zeigt.

Er sieht den Anhänger an, kurz, dann legt er seine Hand auf meine, so, dass unsere Finger das Metall berühren. „Nicht so stark, wie bei dir“, murmelt er. Seine Stimme ist gewöhnlich, aber ich höre eine Verschiebung, wie wenn ein Stein im Wasser leicht rollt. „Er reagiert auf dich.“

„Wie kann ein Anhänger auf jemanden reagieren?“ Meine Frage klingt albern. Ich weiß das. Aber gleichzeitig stolpere ich innerlich, weil in mir etwas wütet – das Bedürfnis, ihm zu glauben und die Vernunft zu behalten, als könne man beide gleichzeitig umarmen.

Dawson lässt meine Hand los, nimmt etwas Abstand. „Ich habe so etwas einmal in einem der Manuskripte gesehen“, sagt er. „Ein Symbol, das als Markierung diente. Für eine Gemeinschaft. Oder für einen Ort. Es heißt…“ Er hält inne, als suche er nach einem Wort, das nicht ganz zu den akademischen Registern passt, die er sonst benutzt. „Es könnte ein Schlüssel sein – metaphorisch oder real. Es könnte anzeigen, dass jemand dort etwas hinterlassen hat.“

Die rationale Stimme in mir meldet sich: Du nimmst ein altes Schmuckstück auf, deine Hand bekommt einen Winterschauer, und du stellst deine Zukunft in Frage. Aber die andere Stimme – die, die nachts laut wird und nicht logisch argumentiert – flüstert: Das ist kein Zufall.

„Du willst also sagen, das ist ein Hinweis?“, frage ich, obwohl die Antwort längst in meinem Magen gärt.

„Ein Hinweis ist das, was es je nachdem ist, wie man ihn liest“, sagt Dawson. „Ich weiß nicht, ob er zwingend etwas öffnet. Aber er ist ein Zeichen. Und Zeichen sind selten harmlos.“

Ich schiebe den Anhänger vorsichtig in die Tasche meiner Jacke, als hätte ich ein Stück von mir aus Versehen eingesteckt. Der Metallrand kratzt an der Stoffinnenseite. „Ich sollte ihn zurückgeben“, sage ich, bevor die Stimme, die mein Studium beschützt, zu laut wird.

Mrs. Leary lacht leise. „Du kannst ihn gerne wieder abgeben, wenn du möchtest. Wir protokollieren jede Abgabe akkurat. Ich möchte nur...“ Sie sieht mich an, als würde sie etwas aussprechen, das zwischen den Zeilen liegt. Erfahrung, vielleicht. „Dass du ihn nicht wegwirfst. Manchmal haben Fundstücke mehr Geschichten als die Leute, die sie verlieren.“

„Ich werde ihn morgen wieder bringen“, verspreche ich. Aber als ich das sage, weiß ich schon, dass ich es nicht tun werde. Nicht sofort.

Dawson begleitet mich zur Tür. Draußen ist die Luft scharf, als hätte jemand die Hitze abgeschnitten und nur die Konturen dagelassen. Er bleibt stehen, blickt mir in die Augen und sagt leise: „Wenn du ihn behalten willst – für Einsicht, nicht Habgier – dann behalte ihn. Aber hüte dich davor, ihn wie ein Schmuckstück zu tragen. Trage ihn wie eine Frage.“

Seine Worte sind wie Salz auf einer offenen Wunde; sie brennen, aber sie reinigen. Ich nicke, mehr, um die Übereinkunft zu bestätigen als wegen der Erkenntnis. „Ich wollte sowieso noch recherchieren“, gebe ich zu. „Aber nur, wenn es mein Studium nicht zerstört.“

Er lächelt kurz, ein kleines Lächeln, das etwas Wildes an sich hat, bevor es sich wieder verschließt. „Studium zuerst“, sagt er. „Fantasie später. Oder parallel. Aber du willst das Gleichgewicht nicht verlieren. Es ist leicht, die Schräglage zu vergessen, wenn man etwas Faszinierendes findet.“

Ich stopfe den Anhänger tiefer in meine Tasche, als könnte ich ihn so vor schnellen Blicken schützen. Als ob jemand aus der Dunkelheit schauen und prüfen könnte, ob ein Mensch etwas Gefährliches trägt. Die Idee ist lächerlich, und doch kann ich das Gefühl nicht abschütteln, dass wir beobachtet werden. Nicht jetzt. Nicht sichtbar. Eher wie ein Puls hinter dem Stirnbein – präsent, blass, aber unerbittlich.

Ich nehme mir vor, rational zu bleiben. Studium vor Fantasie. Essays vor Mythen.

Aber als ich spät in der Nacht in mein Bett sinke, liegt der Anhänger gegen meine Hüfte und sendet winzige Impulse durch meine Kleidung. Nicht stark genug, um aufzuwachen; nur ein stetes, kaum wahrnehmbares Singen – das Echo eines Ortes, der nicht ganz hier ist. Und irgendwo tief in mir registriere ich etwas, was ich längst ahnte: Dass Träume selten Zufall sind, wenn sie sich wiederholen. Dass Fundstücke keine Erfindungen sein können, wenn sie mit einem Muster erscheinen. Dass Dawson nicht nur ein stiller Kommilitone ist, sondern ein Gewicht, das zu wissen scheint, wie man eine Tür aufschließt – oder wie man sie am besten gar nicht erst öffnet.

Kapitel 4 - Der Keller

Dawson schickt mir eine Nachricht mit zwei Worten: „Komm runter.“ Kein Ort, keine Uhrzeit, kein erklärender Satz. So ist er oft – knapp, präzise, als würden Wörter Energie kosten, die man sich nicht leisten darf. Ich antworte mit einem Emoji, das hoffentlich mehr Vertrautheit als Dünkel zeigt, dann schnappe ich meine Jacke und gehe.

Der ältere Teil des Universitätsgebäudes riecht anders als der glänzende Campus draußen. Hier ist die Farbe des Staubs älter, die Luft schwerer, als würde jedes Molekül Geschichten tragen. Staubkörnchen tanzen in den schrägen Lichtstrahlen, die durch kleine, hohe Fenster fallen. Die Treppen knarren, als hätten sie sich an Jahrzehnte von Füßen gewöhnt, und die Fliesen sehen aus, als hätten sie Gras gesehen, bevor der Rasen eintrudelte und die Welt polierte. Dawson wartet nicht in der Nähe der Tür; er steht fast reglos im Gang, halb im Schatten, als gehörte er mehr zu den Mauern als zu den Menschen, die sie umarmen.

„Hier?“, frage ich, halb eine Bestätigung, halb ein Versuch, den Atem zu ordnen, der mir auf einmal flacher geht.

Er nickt und führt mich durch einen kleinen, kaum benutzten Korridor. An den Wänden hängen vergilbte Plakate – alte Veranstaltungen, deren Namen niemand mehr liest. Je tiefer wir gehen, desto kühler wird es. Irgendwo tropft Wasser aus einem Rohr mit einem langsamen, unregelmäßigen Takt, als würde die Zeit dort unten anders pulsieren.

Der Kellerraum, zu dem er mich führt, ist fast so, wie ich es erwartet habe und doch nicht: Ein Raum voller Sachen, die niemand mehr haben wollte oder die jemand vergessen hat, absichtlich oder aus Verlegenheit heraus. Alte Schränke mit abgeplatztem Lack, Regale voller Aktenordner, Kisten mit Mikrofilmspulen, ein rostiger Kartenständer. Bücherstapel kippen in schiefen Bergen. Hier und da Maschinen mit Kabeln, die aussehen wie Adern. Es ist ein Ort, an dem Erinnerungen lagern, als wären sie Waren auf Halde – abgepackt, beschriftet, bereit, abgeholt zu werden.

Dawson bleibt vor einem besonders massiven Schrank stehen, dessen Holz so dunkel ist, dass es fast schwarz wirkt. Er ist älter als der Rest; in seinem Lack haben die Jahre kleine Sternenkratzer hinterlassen. Die Tür ist verschlossen, ein einfacher Riegel, aber kein Schloss. Er legt die Hand an die Tür, seine Finger umschließen das Holz wie ein Mann, der ein verletztes Tier beruhigt.

„Warum ausgerechnet dieser?“, frage ich, obwohl meine Augen auf das kühle Schwarz gerichtet bleiben.

Er antwortet nicht sofort. Er atmet, so ruhig, dass das Geräusch wie ein Blatt im Wind klingt. Dann, ohne große Geste, beginnt er, den Riegel zu lösen. Seine Bewegung hat etwas von einem Ritual, nicht im pathetischen Sinn, sondern in der Art, wie jemand eine alte Melodie anstimmt, die man noch kennt, obwohl man sie nie gelernt hat. Es ist eine Abfolge von Händen, Fingern, einem Klacken, das nicht laut ist, aber die Luft scheint darauf zu horchen.

Die Tür gibt nach; ein Spalt tut sich auf, und als er ihn weiter öffnet, fällt ein feiner Schleier von Staub auf unsere Schuhe. Die Luft, die aus dem Inneren kommt, riecht nach altem Holz und Tinte, nach einer Zeit, die langsam verstaubt ist, aber nicht verrottet.

Im Schrank steht ein Spiegel. Nicht akkurat ein Spiegel, wie ich ihn bisher kenne – größer, mit einem Rahmen, dessen Schnitzereien Muster von Ranken und Sternen bilden, so fein, dass sie mehr wie Runen wirken als wie Dekor.

Das Glas ist so dunkel, dass es zuerst ein schwarzer Fleck im Raum ist, erst beim Näherkommen zeigt es Reflexe.

„Warum ein Spiegel in einem Schrank?“, flüstere ich, obwohl ich die Frage nicht nur an ihn richte. Schon bei der Frage höre ich mich zögerlich, ängstlich, kindlich an. Bei der Idee, dass ein Schrank ein Tor sein könnte, zittern meine Knie leicht.

„Weil manche Dinge sich nicht unbedingt offenbaren, wenn man sie direkt ansieht“, sagt Dawson leise. „Manche Dinge benötigen den richtigen Rahmen.“

Er geht um den Schrank herum, seine Hand streicht über den Rahmen, als würde er dabei eine Melodie erneut hören. Seine Finger legen sich für einen Moment an eine der geschnitzten Ranken, drücken leicht – nicht, als wollte er sie betreten, eher als würde er sie stimmen. Ich beobachte ihn, mein Herz hämmernd, nicht nur wegen der Enge in meiner Brust, sondern weil da etwas in mir ein Echo zurückschickt, so klein, so alt, dass es beinahe zärtlich ist.

„Bist du sicher, dass das hier… sicher ist?“, frage ich. Die Frage ist halb rhetorisch; ich weiß, dass Sicherheit in diesem Raum eine relative Kategorie ist.

Er sieht mich an. In seinen Augen liegt eine Schärfe, die ich selten bei ihm sehe.

„Sicher ist ein Wort, das man hier unten nicht oft benutzt“, sagt er. „Sicher in dem Sinn, den du meinst? Nein. Sicher in dem Sinn, dass wir wissen, was wir tun? Nicht ganz. Aber ich glaube, das ist es, was wir brauchen: Wissen, kein falsches Gefühl von Unverletzlichkeit.“

Seine Antwort beruhigt mich nicht, aber sie ordnet das, was vor mir liegt, in eine Kategorie, die ich begreifen kann: Vorsicht, nicht Panik. Ich nehme einen tiefen Atemzug.

„Warum hast du mich hierher gebracht?“

Er zuckt kaum merklich. „Weil du danach gefragt hast. Und weil…“ Seine Stimme senkt sich. „Weil du reagierst, wenn bestimmte Dinge in der Nähe sind. Und weil ich nicht alleine gehen will.“

Ich hätte erwartet, dass er lauter wird, dramatischer, dass er irgendeine theatrale Enthüllung liefert. Stattdessen ist seine Stimme wie das Aufklappen eines Buches: ein leises Geräusch, das nach mehr verlangt. Es ist nicht viel – nicht das große Geständnis – und doch reicht es, um meine Nerven zu spannen wie Saiten.

Ich trete näher. Der Spiegel sieht aus, als könnte er mehr als nur Licht zurückwerfen. Im Glas ist eine Tiefe, die nicht nur von Reflexion herrührt, sondern das Gefühl vermittelt, als würde man in eine andere Luft schauen, in der Licht anders atmet. Die Kanten des Rahmens sind von einer Kälte, die nicht nur physisch ist. Ich strecke die Hand aus, zögere, als würde meine Fingerspitze durch etwas dickeres als Glas saugen.

„Nicht berühren“, warnt Dawson plötzlich, fremd panisch, so dass mein Arm wie aufgezogen stehen bleibt. Seine Stimme hat etwas, das mir sagt, dass selbst kleine Dinge hier viel bedeuten.

„Warum?“, flüstere ich.

„Weil Spiegel nicht nur zurückwerfen, Hannah. Manchmal zeigen sie, was fehlt, oder was zu viel ist. Manchmal sind sie… Dünnstellen.“ Er benutzt ein Wort, das ich noch nie mit dieser Bedeutung gehört habe. „Dünn zwischen den Welten. Da, wo die Haut zwischen hier und dem, was darunter liegt, ist.“

Mein Magen macht einen Sprung, der nichts mit dem Treppensteigen zu tun hat.

„Zwischenwelten“, sage ich, das Wort fast ausrufend, weil es in meinem Kopf wie ein Schlüssel klingt, den Dawson schon einmal benutzt hat. „Zwischen den Welten...“, hauche ich dann leiser.

„Ja“, antwortet er, als wäre das eine Antwort, die alles erklärt und doch nichts erklärt. „Es gibt Orte, an denen die Welt weniger dicht ist. Die Stoffe dünnen aus. Die Luft lässt andere Luft durch. Dort sind Spiegel Empfänger, Türen, Wunden – je nachdem, was auf der anderen Seite wartet.“