„Entweder die Tapete verschwindet oder ich!“. Kuriose und mysteriöse Todesfälle berühmter Dichter – von Albert Camus bis Stefan Zweig - Martin Schnick - E-Book
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„Entweder die Tapete verschwindet oder ich!“. Kuriose und mysteriöse Todesfälle berühmter Dichter – von Albert Camus bis Stefan Zweig E-Book

Martin Schnick

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Beschreibung

Schriftsteller leben gefährlich: Einige erliegen ihrer Alkoholsucht (Joseph Roth) oder richten sich mit Drogen zugrunde (Klaus Mann), andere ereilt ein Unglück in Form eines herabstürzenden Astes (Ödön von Horváth). Viele versterben an unheilbaren Krankheiten wie Krebs (Heiner Müller) oder Aids (Hervé Guibert) oder werden Opfer von Gewaltverbrechen (Frederico Lorca). Nicht wenige scheiden freiwillig aus dem Leben; geben sich die Kugel (Ernest Hemingway) oder drehen den Gashahn auf (Sylvia Plath). Doch am Ende bleiben Fragen offen: Wo sind Schillers Gebeine? Hat der KGB das Auto, in dem Camus saß, manipuliert? Und wurde Tucholsky womöglich von einer Nazifeme vergiftet? Martin Schnick spürt den seltsamen Todesumständen nach und rekonstruiert die letzten Lebensstunden berühmter Literaten.

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Martin Schnick

»Entweder die Tapeteverschwindet oder ich!«

Kuriose und mysteriöse Todesfälleberühmter Dichter – von Albert Camus bis Stefan Zweig

Schnick, Martin: »Entweder die Tapete verschwindet oder ich!«. Kuriose und mysteriöse Todesfälle berühmter Dichter – von Albert Camus bis Stefan Zweig. Hamburg, Charles Verlag 2020.

1. Auflage 2020

Buch-ISBN: 978-3-948486-16-7

ePub-eBook: ISBN 978-3-948486-18-1

Lektorat: Thomas Pregel, BerlinKorrektorat: Charles Verlag, Hamburg

Umschlaggestaltung: © Annelie Lamers

Umschlagmotiv: Tapete © LeitnerR / stock.adobe.com; Bild, Rahmen und Blutspritzer © pixabay.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der Charles Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg und Mitglied der Verlags-WG: www.verlags-wg.de

© Charles Verlag, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

www.charlesverlag.de

Vom Ende her gesehen – Eine Einleitung

Berühmte Literaten sind selten vom Schlage Thomas Manns, die ihren Beruf gewissenhaft und stetig wie einen „nine to five“-Bürojob ausüben. Ihre Biographien sind geprägt von Brüchen und Lebenskrisen, von Schreibblockaden und Getriebenheit. Einige sind zu Lebzeiten schon angesehen, nicht wenige gelangen erst nach ihrem Tod zu Ruhm. Der Tod ist die unwiderrufliche Zäsur, die zweite Klammer einer Biographie, die erst eine Retrospektive auf das ganze Leben eines Menschen ermöglicht. Seine größte Angst sei es, so gestand einmal der Entertainer Helge Schneider, dass er stürbe und es sei nicht aufgeräumt. Der Tod kommt oft ungefragt und hinterlässt selten ein aufgeräumtes Leben. Und er wirft mehr Fragen auf, als dass er Antworten gibt.

Schriftsteller, so scheint es, leben gefährlich. Nicht wenige von ihnen scheiden früh aus dem Leben. So originell die Werke, so außergewöhnlich der Lebenslauf, so sonderbar sind in vielen Fällen ihre Todesumstände. Stehen gewöhnlich Leben und Werk im Zentrum literaturwissenschaftlicher und biographischer Betrachtungen, wird das Ableben meist nur in wenigen Sätzen rasch skizziert. Aber genau hier wird es oft spannend. Der vorliegende Band spürt den letzten Stunden nach und erhellt die oftmals fragwürdigen Umstände, unter denen große Dichter aus dem Leben geschieden sind. Anhand von Abschiedsbriefen, Krankenakten, Autopsie-Berichten, Testamenten, aber auch auf Basis von Zeitzeugen-Berichten wird eben genau jene letzte Lebensphase ausgeleuchtet.

„Jedes Leben macht sich seinen eigenen Tod“, konstatierte einst der Dramatiker Christian Friedrich Hebbel. Der Tod kommt mal langsam, schleichend daher und zieht sich wie bei Heinrich Heine über Jahre hin, mal biegt er unerwartet um die Ecke wie jenes Auto, das Margaret Mitchell über den Haufen fährt. In seltenen Fällen schlüpft der Tod in die Rolle eines Komikers. So bricht Molière unter dem tosenden Beifall des Publikums in der Rolle des „eingebildeten Kranken“ auf der Theaterbühne zusammen und verstirbt Stunden später. Weit häufiger beherrscht der Alte Schnitter das tragische Fach. So gleicht der Tod des russischen Dichters Sergej Jessenin eher einer Szene aus einem Horror-Movie denn einer Komödie: Der 30-jährige Poet öffnet sich zunächst mit einem Messer die Pulsadern, schreibt mit dem eigenen Blut noch ein letztes Gedicht an die Wand, bevor er sich an den Heizungsrohren erhängt.

Bei aller Individualität im Ableben lassen sich die Todesursachen dennoch sieben übergeordneten Kategorien zuordnen.

1. Alkohol- und Drogenkonsum

Whisky sei ein guter Brennstoff, ein gutes Betriebsmittel, um die Hochkonzentrationsphasen durchzustehen, in denen Dichtung und Literatur entstehen, so der Lyriker Durs Grünbein in einem SPIEGEL-Gespräch mit dem Neurowissenschaftler Ernst Pöppel1. Was für Grünbein gilt, gilt offenbar für viele Literaten. Seit alters her ist Alkohol eine beliebte Droge, der auch beim kreativen Schaffensprozess eine positive Wirkung zugesprochen wird. Im dionysischen Rausch lassen sich Worte, die sonst nicht zusammengehen wollen, verleimen, lassen sich Sinneseindrücke und Gedanken verdichten und in neuer, ästhetischer Form wiedergebären. Kurz: Wo gedichtet wird, wird auch gesoffen.

Doch so anregend der Rausch, so zerstörerisch die langfristige Wirkung des Alkohols. Und nicht auf wenige Schriftsteller trifft zu, was Heinrich Heine in seinen Memoiren über den Dramatiker Christian Dietrich Grabbe notierte: „[...] zuletzt mochte er zur Flasche gegriffen haben, wie andre zur Pistole, um dem Jammertum ein Ende zu machen.“2

Ob Joseph Roth, Ferdinand Pessoa oder Gottfried Keller, viele große Literaten gehen am Alkohol zugrunde. Man ist geneigt, Maxim Gorki Recht zu geben: „Die meisten zeitgenössischen Schriftsteller trinken mehr, als sie schreiben.“3 Auch für US-amerikanische Autoren ist Alkohol der Stoff der Stoffe. Angeblich sind 70% aller amerikanischen Literaturnobelpreisträger im 20. Jahrhundert schwere Alkoholiker gewesen.

In gleicher Weise scheinen Dichter von anderen Drogen fasziniert. Sie experimentieren mit allem, was Natur und Chemielabore so hergeben. Während sich Friedrich Schiller noch am Geruch verfaulender Äpfel berauschte, die er stets in seiner Schreibtischschublade aufbewahrte, so beherrschen von der Romantik an neue Drogen die Literaturszene. Drogen- und Rauscherfahrungen mit Haschisch und Opium werden explizit zum Thema: Thomas de Quincey verfasst die „Bekenntnisse eines Opiumessers“ (1822), Charles Baudelaire seine „Künstlichen Paradiese“ (1860). In Paris schließen sich Intellektuelle zusammen zum „Club des Hachichins“. Neben Baudelaire berauschen sich in dem Club auch Théophile Gautier und Gérard de Nerval regelmäßig mit Haschisch. Nur der berüchtigte Absinth ist ähnlich populär. Ende des 19. Jahrhunderts kommt eine neue Droge auf den Markt: Kokain. Die Substanz, eigentlich zur Lokalanästhesie entwickelt, wird auch in Künstlerkreisen wegen der euphorisierenden Wirkung geschätzt. Einer der ersten Anhänger der Droge ist der 28-jährige Sigmund Freud. Dieser schreibt am 2. Juni 1884 an seine Martha:

„Wehe, Prinzeßchen, wenn ich komme. Ich küsse Dich ganz rot und füttere Dich ganz dick, und wenn Du unartig bist, wirst Du sehen, wer stärker ist, ein kleines, sanftes Mädchen, das nicht ißt, oder ein großer, wilder Mann, der Cocain im Leib hat. In meiner letzten schweren Verstimmung habe ich wieder Coca genommen und mich mit einer Kleinigkeit wunderbar auf die Höhe gehoben. Ich bin eben beschäftigt, für das Loblied auf dieses Zaubermittel Literatur zu sammeln“4.

Noch im gleichen Jahr erscheint sein medizinischer Aufsatz „Über Coca“, in dem er die Substanz nicht nur zur Behandlung von Hysterie, Hypochondrie und Depression empfiehlt, sondern sie auch als probate Substitution für Morphium- und Alkoholabhängige anpreist. Freuds Coca-Hymne, die das Suchtpotenzial völlig unterschätzt, hat ebenfalls ihren Anteil an der raschen Verbreitung. Viele Literaten wie Arthur Conan Doyle und Gottfried Benn haben fortan wie Freud ein Näschen für diese Droge. Einer der interessantesten Romane zu dem Thema hat der Italiener Pitigrilli verfasst, mit dem knappen wie einschlägigen Titel: „Kokain“ (1921).

Opiate und Kokain haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Hochkonjunktur und werden aufgrund der beiden Weltkriege in Massen produziert. So leicht die Drogen zu haben, so hoch die Zahl der Abhängigen. Georg Trakl, Klaus Mann und auch Hans Fallada sind ihr Leben lang schwer morphiumsüchtig.

Mit einer zunehmend restriktiven Drogenpolitik in der Nachkriegszeit ändert sich auch das Konsumverhalten. Während sich die Beatgeneration mittels LSD in surreale Traumwelten katapultiert, werden parallel vermehrt synthetisch erzeugte Tabletten geschluckt. Starke Schlafmittel mit narkotisierender Wirkung wie Veronal oder stimulierende Amphetamine sind sehr beliebt und in hoher Dosis tödlich. Doch auch diese Apotheken-Pillen haben Suchtpotenzial. Tennessee Williams braucht seine tägliche Dosis ebenso wie Kurt Tucholsky oder Ingeborg Bachmann.

2. Krankheiten

Viele Menschen sterben an Krankheiten. Es ist daher nur natürlich, dass etliche Schriftsteller von Tuberkulose (Franz Kafka), Typhus (Georg Büchner) oder Krebs (Heiner Müller) dahingerafft werden. Nicht wenige trifft auch der Schlag (Charles Dickens). Beim empfindlichen Marcel Proust genügte am Ende eine Bronchitis. Das Lazarett der Literatur ist gut gefüllt. Anton Tschechow inspiriert die Klinikatmosphäre kurz vor seinem Ableben noch zu einer Idee für ein Drama, Oscar Wilde konstatiert auf dem Totenlager in einer heruntergekommenen Pariser Absteige, als die beiden Ärzte fürchten, kein Geld mehr zu sehen, dass er wahrscheinlich über seine Verhältnisse versterben werde. Wenig später ist es soweit: „Entweder die Tapete verschwindet oder ich“. Es war nicht die Tapete. Wilde starb nach einer schweren Mittelohrentzündung, doch trugen sicherlich auch die Folgen seines Gefängnisaufenthalts in Reading ihren Anteil zum frühen Ableben bei. Einige Schriftsteller ignorieren konsequent ihre Krankheiten und arbeiten bis zum Schluss wie Friedrich Schiller, andere machen ihre Diagnose obsessiv zum literarischen Topos wie der lungenkranke Thomas Bernhard. Auch Geschlechtskrankheiten drehen fröhlich ihre Runden. Viele Dichter infizieren sich mit der Syphilis, die in Deutschland die „französische Krankheit“, in Frankreich – wen wundert’s – die „deutsche Krankheit“ genannt wird. Baudelaire, Flaubert, Maupassant, aber auch E.T.A Hoffmann, Grabbe und Heine fallen der Lues zum Opfer. Behandelt wird die damals unheilbare Infektion mangels Alternativen mit hochgiftigem Quecksilber. Doch ob auch Shakespeare und Wilde tatsächlich an der Syphilis gestorben sind, ist mehr als fraglich. Historische Ferndiagnosen stehen meist auf tönernen Füßen. Zugegeben, Geschlechtskrankheiten waren damals mehr noch als heute mit einem Tabu behaftet und wurden häufig und gerne von Autoren und Biographen verschwiegen. Doch scheint sich in jüngster Zeit der Trend geradezu verkehrt zu haben: Heute gibt es kaum mehr einen Autor, dem jüngere Publikationen nicht eine Syphilis-Erkrankung anhängen. Monogamie ist sicherlich nicht die typische Lebensform von Literaten, und Geschlechtskrankheiten waren wahrscheinlich weiter verbreitet als gedacht. Doch geht es offenbar so manch neuer Publikation weniger um wissenschaftliche Aufklärung denn um öffentliche Aufmerksamkeit.

In den 1980er Jahren taucht in den USA eine neue tödliche Infektionskrankheit auf, die zunächst als „Schwulenkrebs“, später dann unter dem Namen AIDS für Angst und Schrecken sorgt. Hysterie und Unwissen sind groß, und in den USA debattieren Politiker allen Ernstes über eine Internierung von HIV-Erkrankten. Zu den ersten AIDS-Opfern gehören auch Autoren wie Bruce Chatwin, Harold Brodkey, Hervé Guibert oder der deutsche Schriftsteller Hubert Fichte. Wenig später wird AIDS dann – vor allem in der „gay-literature“ – zum Thema.

Neben physischen Erkrankungen gibt es natürlich auch die psychischen. Viele Dichter sind phasenweise depressiv, beziehungsweise manisch-depressiv. Heute spricht man von „bipolaren Störungen“. Diese moderne Terminologie beschreibt ein ebenso diffuses wie facettenreiches, pathologisches Krankheitsbild. Doch die Symptome sind seit alters her bekannt, früher sprach man von Schwermut oder Melancholie. Und auch schon antike Gelehrte hatten einen medizinischen Befund und allerlei therapeutische Ratschläge zur Hand. Nach der Lehre der vier Säfte leiden Melancholiker an einem Zuviel von schwarzer Galle. Bei schweren Symptomen raten sie zu kalten Bädern und zu sexueller Enthaltsamkeit, gelten doch gerade Melancholiker als besonders wollüstig. Gleichzeitig erkannte man einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Melancholie und literarischer Produktivität. „Wo ein Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide“, legte einst Goethe seinem „Torquato Tasso“ in den Mund. Bei Menschen, bei denen Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, ist der Drang, sich literarisch zu betätigen, eher gering. Schwermut scheint eine conditio sine qua non, also der Motivationsgrund nicht nur für Literatur, sondern für fast jede ästhetische Produktion überhaupt.

Desgleichen macht der Wahnsinn vor Genie nicht halt. Immer wieder wird Dichtern eine Schizophrenie attestiert. Schizophrenie meint weniger eine „Persönlichkeitsspaltung“, sondern vereint eine Vielzahl psychischer Störungen wie Realitätsverlust, Angstpsychosen und Wahnvorstellungen. Scheinbar grundlos kommt es zu einer Störung in der Wahrnehmung und im Denken. Auch wenn Affekte abflachen, bleibt die Intelligenz meist unbeeinträchtigt. Anders als bei Nietzsche und Maupassant, deren geistige Umnachtung das Resultat einer Gehirnerweichung nach einer Syphilis-Infektion war, gibt es für die Schizophrenie keine äußeren Ursachen. Die Psychosen treten in unregelmäßigen Schüben auf und treffen den Erkrankten wie seine Umgebung oft aus heiterem Himmel. Als Virginia Woolf einmal mehr fürchtet, innere Stimmen übernähmen wieder die Kontrolle, die sie in den Wahnsinn treiben wollen, bereitet sie ihrem Leben kurzerhand ein Ende. Viele Dichter bevölkern die psychiatrischen Anstalten: Gérard de Nerval, dem die Ärzte eine Theomanie bzw. Dämonomanie bescheinigen, sucht so oft die Anstalt auf, dass er schließlich ein eigenes Zimmer erhält. Sergej Jessenin wird wegen Halluzinationen und Verfolgungswahn behandelt. Auch der junge Jakob van Hoddis wird von seiner Familie für verrückt erklärt. Ärzte attestieren eine „dementia praecox“ (dt. vorzeitige Demenz), und er verbringt die letzten Lebensjahrzehnte in einer Heilanstalt. Sylvia Plath und Ernest Hemingway lassen sich in US-amerikanischen Kliniken wegen ihrer Depressionen mit Elektroschocks therapieren – ohne Erfolg. Auch der morphiumsüchtige Klaus Mann wird schon wenige Tage nach einer Entziehungskur wieder rückfällig. Auffällig oft gehen psychische Erkrankungen mit einer Drogensucht einher. Die Debatte, ob der Drogenkonsum ursächlich oder eine Folgeerscheinung der Schizophrenie ist, ist aus medizinischer Sicht nicht endgültig geklärt. Ein extremes Beispiel für den Wahnsinn findet sich bereits in der frühen Romantik: Ganze 36 Jahre verbringt Hölderlin in geistiger Umnachtung zurückgezogen im Turm. Schon kleinste Veränderungen in der gewohnten Umgebung verstören ihn zutiefst. Pierre Bertaux hingegen behauptet in seiner Hölderlin-Biographie, der Dichter habe die „Reise ins Innere“ bewusst angetreten, habe den Wahnsinn bloß vorgetäuscht. Doch stellt sich dann die Frage: Wie „gesund“ ist ein Mensch, der vier Jahrzehnte lang konsequent einen Wahnsinnigen spielt?

3. Politische Gewalt

Auf die Frage hin, was er denn lese, antwortet Hamlet lakonisch: „Wörter, Wörter, Wörter“. Aber Worte sind mehr als nur Wörter, sind sie doch oftmals ein Sprungbrett für Taten. Zu allen Zeiten fürchten die Mächtigen die Macht der Wörter. Schriften werden zensiert oder indiziert, Schriftsteller eingeschüchtert, ins Zuchthaus gesteckt oder außer Landes vertrieben.

Standen bis zum 17. Jahrhundert Glaubensfragen im Zentrum der Kritik, die der Klerus mittels Inquisition zu bekämpfen suchte, waren im 18. Jahrhundert vor allem die politisch-philosophischen Schriften der Aufklärer gefürchtet. Selbstbewusst forderten diese Natur- und Freiheitsrechte und forderten damit nicht nur die Kirche, sondern auch die absolutistischen Monarchien heraus. Vor allem Satire, die die Mächtigen bloßstellt und verspottet, trifft die Herrschenden ins Mark. Sie reagieren stets empfindlich, drohen mit Haftstrafen, Folter oder Verbannung. Einiger Freigeister entledigt man sich auch, indem man sie kurzerhand in die Psychiatrie steckt (Marquis de Sade). Später herrscht die Guillotine. Damit sind die Köpfe zwar ab, die Gedanken aber nicht aus der Welt.

Mit der Französischen Revolution weht ein neuer Wind durch Europa. Schiller verlangt „Gedankenfreiheit“, der Philosoph Immanuel Kant fordert dazu auf, „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Die alte europäische Ordnung steht zur Disposition, allerorten formieren sich Geheimbünde. Napoleon verbreitet blutig die neuen Ideen in ganz Europa. Der Code civil prägt auch nach seiner Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 die Gesetzgebung in vielen Ländern. Nach den Befreiungskriegen bleibt die intellektuelle Elite gespalten in pro und contra. 1819 wird der reaktionäre Trivialautor August von Kotzebue von dem Burschenschaftler Karl Ludwig Sand ermordet. In Konsequenz wird durch die „Karlsbader Beschlüsse“ erneut die Zensur eingeführt. Zwischen den Mahlsteinen von Restauration und Revolution folgt die schwere Geburtsstunde moderner Nationalstaaten. Auch die Literatur wird nach der Epoche der Romantik politischer, ergreift Partei, wie etwa Heinrich Heine für den Aufstand der schlesischen Weber. Charles Dickens schreibt seinen „Oliver Twist“ (1838), Victor Hugo lenkt das Augenmerk auf „Die Elenden“ (1868). Etliche deutsche Schriftsteller sehen sich nach der gescheiterten Märzrevolution 1848 zum Exil gezwungen. Vor allem Paris wird vielen zum Zufluchtsort.

Während im Fin de Siècle der ermüdete Dandy allmählich abtritt, entsteht im Zuge der aufkommenden Industrialisierung ein neuer Menschentyp: der Proletarier. Eine Entwicklung, die nicht nur in politischen Schriften von Karl Marx, sondern auch in der Literatur ihren realistischen Widerhall findet, sei es in Dostojewskis „Dämonen“(1873), sei es in Zolas „Germinal“ (1885). Der einstige Ästhetizismus mit seinem „l’art pour l’art“-Konzept ist damit endgültig passé. Der Realismus wird zur vorherrschenden literarischen Strömung.

Das 20. Jahrhundert beginnt mit einer Urkatastrophe. Erstmals werden in einem Krieg Panzer und Massenvernichtungswaffen eingesetzt. Hunderttausende Soldaten fallen an der Front. Die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs prägen eine ganze Generation und werden auch zum bestimmenden Thema in der Literatur, ob heroisch-verklärend geschildert wie in Ernst Jüngers „Unter Stahlgewittern“ (1920) oder drastisch-grotesk wie in Celines „Reise ans Ende der Nacht“ (1932). Einige Schriftsteller werden die Schreckensbilder nicht mehr los und nehmen sich das Leben. Noch vor Ende des Ersten Weltkriegs bricht in Russland 1917 die Oktoberrevolution aus. Das zaristische System wird gestürzt und der Bolschewismus übernimmt die Macht. Im Schatten der Bombenhagel zersplittern auch die Kunstströmungen in vielfältige Ismen: Es entstehen Dadaismus, Expressionismus, Futurismus und Surrealismus. Wenig später sprießen in ganz Europa faschistische Systeme wie Pilze aus dem Boden. In Deutschland kommt Hitler an die Macht, in Italien Mussolini, in Spanien Franco. Federico García Lorca wird 1936 von Franquisten kurzerhand verhaftet und erschossen. In Deutschland werden im Mai 1933 Bücher von den Nationalsozialisten als „entartet“ deklariert und verbrannt. Zahlreiche Schriftsteller sehen sich einmal mehr zum Exil gezwungen. Tausende Menschen werden während des Zweiten Weltkriegs in deutschen KZs ermordet, darunter auch Schriftsteller wie Jakob van Hoddis oder Walter Serner. Die wenigen, die diese Hölle überlebt haben, finden nicht mehr zurück ins Leben und begehen später Selbstmord (Paul Celan). Auch in Russland werden unzählige Dichter Opfer stalinistischer Säuberungsaktionen, werden ermordet oder landen im Gulag (Alexander Solschenizyn). „Ein Mensch, ein Problem, kein Mensch, kein Problem“, so lautet Stalins zynische Devise. Arthur Koestler protokolliert den stalinistischen Terror in seinem Roman „Sonnenfinsternis“ (1940). Die nüchterne Bilanz lautet: Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hat auch in die Literaturgeschichte eine Schneise der Verwüstung geschlagen.

Nach Kriegsende 1945 kommt es schon bald erneut zu Spannungen zwischen dem Westen und dem Ostblock. Es herrscht der Kalte Krieg. In Amerika macht sich eine Kommunismus-Hysterie breit. Unter US-Senator McCarthy geraten auch massenhaft Schriftsteller unter Verdacht, werden überwacht und kommen auf eine Schwarze Liste. Osteuropäische Dissidenten und Schriftsteller, die sich in den Westen absetzen, müssen zudem um ihr Leben fürchten. So wird der bulgarische Schriftsteller Georgi Markow 1978 in London Opfer des spektakulären Regenschirm-Attentats. Desgleichen geben sich lateinamerikanische Diktatoren im Umgang mit Regimekritikern wenig zimperlich. Ob der chilenische Dichter Pablo Neruda einem Krebsleiden erlag oder im Auftrag Pinochets vergiftet wurde, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Nach wie vor fürchten autoritäre Regime die Macht des Wortes. Ob in China, Russland oder in islamischen Staaten, Schriften werden zensiert, Publikationen verboten, Dichter an Leib und Leben bedroht. In Weißrussland sind nur wenige Schriften der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch erhältlich, in Saudi-Arabien wird der Schriftsteller Ashraf Fayadh mit Peitschenhieben öffentlich gefoltert, seit vielen Jahren muss der britische Autor Salman Rushdie wegen einer Fatwa um sein Leben fürchten. Willkommen im 21. Jahrhundert!

4. Private Gewalt

Auch im Dickicht zwischenmenschlicher Beziehungen werden Dichter immer wieder in Gewalttaten verwickelt. Lange Zeit steht die persönliche Ehre hoch im Kurs, und schon kleinste Beleidigungen zeitigen fatale Folgen. Das Duell gilt über Jahrhunderte als das probate Mittel, um Satisfaktion zu erlangen. Viele Dichter duellieren sich, so Alexandre Dumas, Victor Hugo, Heinrich Heine und Leo Tolstoi. Und der in Liebesdingen sehr umtriebige Giacomo Casanova sieht sich zeitlebens gleich fünf Mal zum Duell gefordert. Die Bedingungen für die privaten Scharmützel werden oftmals vorab in einem Duellvertrag so ausgehandelt, dass schwere Verletzungen auszuschließen sind. Die meisten Auseinandersetzungen verlaufen glimpflich. Für Alexander Puschkin jedoch endet im Jahr 1837 der Schusswechsel mit seinem Widersacher Baron D’Anthès tödlich.

Halbwegs glimpflich kommt im Jahr 1873 Arthur Rimbaud davon, als der betrunkene Verlaine zwei Pistolenschüsse auf ihn abfeuert. Rimbaud wird nur leicht an der Hand verwundet, Verlaine jedoch zu zwei Jahren Zuchthaus verdonnert.

Anders als erhofft endet für Hans Fallada der Plan, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Im Jahr 1910 sucht der 17-jährige Gymnasiast gemeinsam mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker den Tod. Beide wollen sich gegenseitig in einem Duell erschießen. Necker stirbt, Fallada überlebt schwer verletzt und wird anschließend in die Psychiatrie eingewiesen.

Im Mordfall Pasolini aus dem Jahr 1975 deutet zunächst alles auf eine Beziehungstat hin: Der Autor und Filmemacher wird im Streit von einem Stricher niedergeschlagen und anschließend von diesem mit dem Auto überfahren. Doch schon früh melden sich Zweifler und vermuten ein politisches Mordkomplott.

Das Fazit: Auch in Dichterkreisen kommt es häufig zu Beziehungsdramen, doch enden diese – anders als in ihren Romanen und Bühnenstücken – selten letal.

5. Selbstmord, Freitod, Suizid

„Ich scheide freiwillig aus dem Leben und finde es lustig. Der Schlüssel liegt bei der Concierge.“5 So lautet die kurze Notiz des Objektkünstlers Pierre Molinier, der 1976 Selbstmord beging. Auffällig viele Künstler und Literaten nehmen sich das Leben. Einige tun es freiwillig, anderen scheint dieser Exitus der einzig verbliebene Ausweg. Schon die Wortwahl erfordert eine Entscheidung: Je nach Standpunkt spricht jener von Freitod, ein anderer von Selbstmord. Hierzulande stellt die Selbsttötung, beziehungsweise der Versuch sich umzubringen, keinen Straftatbestand dar, wird also juristisch nicht als „Mord“ gewertet und geahndet. Anders sehen das naturgemäß die monotheistischen Religionen. Allein Gott gibt und nimmt das Leben. Selbst Hand an sich zu legen, ist ein Sakrileg und wird entsprechend sanktioniert. Selbstmörder landen nach christlicher Vorstellung in der Hölle, und eine Bestattung auf einem kirchlichen Friedhof ist ihnen über Jahrhunderte verwehrt. Daher ist vielen Angehörigen daran gelegen, den Selbstmord zu kaschieren, einen natürlichen Sterbegrund vorzuschieben. So geschehen bei Hofrat Adalbert Stifter. Trotz seines Suizidversuchs erhält er die Sterbesakramente und eine kirchliche Bestattung. Und auch den Freunden von Gérard de Nerval gelingt es, den Priester zu überzeugen: Der Selbstmord war eine Tat im Wahnsinn. Nerval wird nach kirchlichem Ritus auf dem Père Lachaise beigesetzt. Für den Schriftsteller und Arzt Georg Büchner geschieht der Selbstmord nicht aus freiem Willen, sondern ist die Folge einer pathologischen Erkrankung. So schreibt er in seinem Aufsatz „Über den Selbstmord“ (1830): „Der Selbstmörder aus physischen und psychischen Leiden ist kein Selbstmörder, er ist nur ein an Krankheit Gestorbener.“6 Eine moderne Sichtweise, die sich erst später im Laufe der Zeit durchsetzen wird.

Selbstmord ist ein Symptom, keine Diagnose. Die Motive sind so zahlreich wie die Wahl der Mittel. Die einen erschießen sich (Ernest Hemingway) oder nehmen Tabletten (Klaus Mann), andere gehen ins Wasser (Virginia Woolf) oder drehen den Gashahn auf (Sylvia Plath). Nur wenige schreiten so heiter und gelassen aus dem Leben wie Heinrich von Kleist. Oft geht dem Freitod eine schwere Depression voraus. Hier zeigt sich die Schattenseite der Melancholie, die nicht nur Antriebsfeder für kreative Prozesse ist, sondern auch eine unkontrollierbare, destruktive Kraft entfalten kann. Wenn das „taedium vitae“ einen erfasst, erscheinen alle Früchte zu reif. Antriebslosigkeit und Lebensekel lähmen das Leben. Allein die Tatsache zu existieren, wird zur untragbaren Last, oder wie Georg Büchner in seinem Lustspiel „Leonce und Lena“ (1836) diesen Zustand auf den Punkt bringt: „es gibt Menschen, die unglücklich sind, bloß weil sie sind.“ Der Freitod wird zum einzig verfolgenswerten Lebensziel.

Natürlich gibt es auch äußere Umstände, die Menschen dazu bringen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden: Phobien, Angst vor Krankheiten oder vor dem Alter. Ferdinand Raimund erschießt sich aus Angst vor Tollwut, nachdem ihn ein Hund gebissen hat. Adalbert Stifter, seit Jahren an einer Leberzirrhose erkrankt, sind die Schmerzen am Ende so unerträglich, dass er sich mit einem Rasiermesser die Kehle durchschneidet. Daneben sind nicht selten politische Ereignisse und Kriegserfahrungen Auslöser. Georg Trakl, traumatisiert von den schrecklichen Fronterlebnissen im Ersten Weltkrieg, nimmt sich 1914 mit einer Überdosis Kokain das Leben. In Wien springt 1938 Egon Friedell aus dem Fenster, um seiner Verhaftung durch die SA zu entgehen. Als 1942 Brasiliens Eintritt in den Zweiten Weltkrieg bevorsteht, macht der dorthin ins Exil geflüchtete Stefan Zweig Schluss. Jean Améry, der die Frage nach dem Freitod in seinem Essay „Hand an sich legen“ thematisiert, schluckt 1978 eine Überdosis an Schlaftabletten. Auf seinem Grabstein lässt er sich seine KZ-Nummer aus Auschwitz einmeißeln.

Andere Länder, andere Sitten. In Japan begeht 1970 der Schriftsteller Yukio Mishima nach erfolglosem Putschversuch Seppuku, den ehrenvollen Freitod der Samurais, hierzulande besser bekannt als Harakiri. Der Freitod als Akt der Ehre – ein Motiv, das vornehmlich unter Militärs, Adeligen und Politikern zu finden ist.

Bemerkenswert ist, wie wenig Schriftsteller sich à la Romeo und Julia aus Liebeskummer das Leben nehmen – sei es wegen unerwiderter oder unmöglicher Liebe –, sind doch gerade dies Dauerthemen in der Literaturgeschichte. Aber genau hierin scheint auch der Grund für diesen Sachverhalt zu liegen. Offenbar ist Literatur ein geeignetes Mittel, diese Art Lebenskrisen erfolgreich zu bewältigen. Schreiben zeitigt therapeutische Wirkung. Indem der junge Goethe seine aussichtslose Liebe zur bereits vergebenen Charlotte Buff in „Die Leiden des jungen Werther“ (1774) aufarbeitet, indem er Werther statt seiner Selbstmord begehen lässt, überwindet er diese schwere Krise. Dennoch entsteht ein Paradoxon: Was für den Autor gilt, gilt nicht für den Rezipienten. Während Goethe seine Selbstmordfantasien durch das Schreiben des Briefromans bändigt, schürt er diese beim Leser. In ganz Europa nehmen sich viele unglücklich Verliebte nach der Werther-Lektüre das Leben.

6. Unglücksfälle

Als ein Orakel dem griechischen Tragödiendichter Aischylos voraussagt, er werde von einem Haus erschlagen, flieht jener aus der Stadt hinaus aufs freie Feld. Hier wähnt er sich sicher. Doch wie die Mächte des Schicksals spielen, entgleitet einem Adler eine erbeutete Schildkröte aus den Krallen und trifft den Dichter tödlich am Kopf. Auch Schriftsteller sind nicht vor Unglück gefeit. Das gilt von der Antike bis in die Gegenwart. Doch drohen in der Neuzeit weniger Gefahren von Tieren denn von Automobilen. Rolf Dieter Brinkmann, 1975 zu Gast auf einem Poetry Festival in London, blickt vor Überqueren der Fahrbahn in die gewohnte, in England aber falsche Richtung und wird von einer schwarzen Limousine überfahren. Der Chauffeur von Italo Svevo setzt 1928 das Fahrzeug gegen einen Baum. Zwei Tage später ist der italienische Dichter tot. An einem Baum endet auch das Leben des Beifahrers Albert Camus. Am Steuer des PS-starken Sportwagens saß sein Freund Michel Gallimard. Kein Wunder also, dass es Menschen gibt, denen Autofahren nicht geheuer ist. Ödön von Horváth ist so jemand. Trotz Sturm und Regen schlägt er das Angebot, mit dem Auto in sein Pariser Hotel gebracht zu werden, aus und geht lieber zu Fuß. Wenig später wird er unweit der Champs-Élysées von einem herabstürzenden Ast erschlagen (1938). In einem Sturm vor der italienischen Küste kentert im Sommer 1822 die Yacht von Percy Bysshe Shelley. Die Leichname aller Bootsinsassen werden Tage später an den Strand gespült. Im Winter 1912 verunglückt der erst 24-jährige Georg Heym beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, als er versucht, seinen im Eis eingebrochenen Freund zu retten. Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann schläft mit glimmender Zigarette ein und erleidet schwerste Verbrennungen, denen sie später im Krankenhaus in Rom 1973 erliegt. Der Grat zwischen Banalität und Tragik ist oft schmal. So auch bei Tennessee Williams, der den Plastikverschluss seiner Augentropfen verschluckt und daran erstickt.

Eine besonders poetische Variante eines Unfalltodes ereignete sich im Jahr 762 in China. Damals fiel der Dichter Li Tai-Bo aus einem Boot und ertrank, als er im betrunkenen Zustand den sich im Wasser spiegelnden Mond umarmen wollte.

7. Der natürliche Tod

„Mors certa, hora incerta“ – der Tod ist gewiss, ungewiss die Stunde. So wusste schon ein lateinisches Sprichwort mahnend zu vermelden. Und abgesehen von den vielen Dichtern, die durch mehr oder weniger dramatische Umstände viel zu früh aus dem Leben gerissen wurden, gibt es natürlich auch die unzähligen Schriftsteller, denen ein langes Leben beschieden war. So erreichte Umberto Eco wie Victor Hugo das 84. Lebensjahr, Günter Grass brachte es auf 88 Jahre, und Ernst Jünger, der Johannes Heesters unter den Autoren, wurde sogar 102 Jahre alt. Natürlich steht auch hier am Ende eine Todesursache auf dem Totenschein, sei es Alterskrebs, Herzversagen oder Lungenentzündung. Als „natürlichen Tod“ bezeichnen wir daher den Tod, der absehbar eintritt, der also aufgrund des erreichten Alters niemanden mehr wirklich überrascht.

„Es gibt drei Sorten von Menschen“, befand einst Winston Churchill, „solche, die sich zu Tode sorgen; solche, die sich zu Tode arbeiten; und solche, die sich zu Tode langweilen.“7

Johann Wolfgang von Goethe bildet einmal mehr die Ausnahme. Er steht in diesem Band stellvertretend für alle Dichter, die eines natürlichen Todes verschieden sind. Er hat sich weder zu Tode gesorgt noch zu Tode gearbeitet oder gelangweilt. Auch im Ableben hat er einmal mehr allen gezeigt, wie es richtig geht: Geistesgegenwärtig bis zum Schluss haucht der 82-Jährige, im Lehnstuhl sitzend, im Kreise seiner Familie und Freunde friedlich seinen letzten Odem aus: „Mehr nicht!“

8. Todeskult …

Als Anton Tschechow zu Grabe getragen wird, wundern sich die Trauernden darüber, dass eine Kapelle Marschmusik aufspielt. Erst auf dem Friedhof stellt die Tschechow-Trauergemeinde entsetzt fest: Sie ist einem falschen Sarg gefolgt. Im Eisenbahnwaggon wurde mit Tschechow zeitgleich auch der Leichnam eines Generals überführt. Nicht alle Beerdigungen verlaufen nach Plan: Joseph Roth, der die Grabrede auf den verstorbenen Ödön von Horváth hält, ist so betrunken, dass er in die ausgehobene Grube fällt. Auf seiner eigenen Beerdigung ein Jahr später kommt es zu tumultartigen Szenen zwischen Juden, Kommunisten und Monarchisten. Viele große Dichter werden in einem Staatsakt unter die Erde gebracht, bei Wladimir Majakowski säumen sogar 150.000 Menschen die Straßen. Andere wiederum werden in aller Stille beigesetzt, sei es aus politischen Gründen, um einen Aufruhr zu vermeiden wie bei Puschkin, sei es, weil sie im Exil verstorben sind wie Zweig. Einige sind am Ende schlicht vereinsamt: Zur Beerdigung von Klaus Mann in Cannes ist von seiner Familie allein sein Bruder Michael anwesend. Dem Sarg von Rimbaud folgen nur zwei schwarz gekleidete Frauen: seine Mutter und seine Schwester. Wieder andere bleiben ohne Grab, stürzen mit dem Flugzeug über dem Meer ab wie St. Exupéry, werden anonym im Massengrab verscharrt wie Lorca oder vermutlich vergast und verbrannt wie van Hoddis.

Kaum ist der Tote unter der Erde, beginnen oberirdisch die Streitigkeiten. Da geht es in Dichterkreisen nicht anders zu als in stinknormalen Familien. Gestritten wird um Gebeine, um Testament und Erbe, um den Nachlass. Bei den Hemingways klagen die Kinder aus vier Ehen auf ihren Anteil. Keine leichte Aufgabe für die Gerichte, hier die Übersicht zu behalten. Überdies geht es auch kruder: Der Neffe von Erich Friedell bezichtigt die alleinerbende Witwe, sie trüge Mitschuld am Tod, erfindet sogar einen Mordvorwurf, um an das Erbe zu kommen. Neben dem Vermögen sind die Rechte an den Werken häufig Ausgangspunkt für Zwistigkeiten. Während die Brecht-Erben posthum auf strikte Werktreue bestehen und damit ganze Generationen von Theaterregisseuren in die Verzweiflung treiben, möchte Leo Tolstoi sein Werk am liebsten zum Allgemeingut erklären. Zum Schrecken seiner Gattin Sofia, die eine ganze „Kelly Family“ durchzufüttern hat. Ganz anders Thomas Bernhard. Dieser verfügt in seinem Testament ein striktes Aufführungs- und Publikationsverbot, an das sich schon wenige Jahre später aber in Österreich niemand mehr gebunden fühlt. Skandalös finden nicht wenige auch das Verhalten der „Horváth-Witwe“. Die Gattin des Bruders – nicht des Schriftstellers wohlgemerkt! – erwirkt für ihren berühmten Schwager, den sie persönlich niemals kennengelernt hat, in Wien ein Ehrengrab. Dieses Ehrengrab wird zugleich zum Familiengrab umgemünzt, und sie liegt jetzt selbst mit drin. Überhaupt werden im Laufe der Zeit ziemlich viele Dichtergebeine umgetopft. Als beim toten Oscar Wilde die Tantiemen wieder sprudeln, lässt Nachlassverwalter Robert Ross ihn auf den Père Lachaise überführen, wo über seinen sterblichen Überresten zudem ein pompöses Denkmal errichtet wird. Den ganz Großen wie Émile Zola, Victor Hugo und Voltaire ist zudem ein Platz im Pantheon reserviert. Als Albert Camus im Jahr 2009 ebenfalls in diesem illustren Kreis seine letzte Ruhe finden sollte, stellte sich sein Sohn jedoch quer. Überhaupt scheint es eine Crux mit den Gebeinen: Knochen werden gestohlen oder verschwinden. Nur selten findet sich ein reuiger Dieb, der die anatomischen Reliquien wieder herausrückt wie im Fall Raimund. Wo