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Christoph Peters

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Beschreibung

Der weite Weg zurück in die Nüchternheit

„Entzug“ beginnt mit einer Wodkaflasche auf dem Küchentisch einer dreiköpfigen Familie an einem Montagmittag – und der Frage, wie sie da hingekommen ist. Hat der Erzähler sie allen Ernstes dort vergessen, während Frau und Kind auf dem Spielplatz waren? Am Anfang des Romans steht ein Schriftsteller, der trinkt, um schreiben, denken, fühlen zu können. Der irgendwann nur noch trinkt, um zu trinken, bis zu dem Punkt, an dem die Frage lautet: Trinken und sterben oder aufhören und leben? Er beschließt, sich in eine Klinik einweisen zu lassen. „Entzug“ ist ein schonungslos ehrlicher Roman, er handelt von der komplizierten Logistik der Abhängigkeit, vom Betrug an den Menschen, die einem am wichtigsten sind, vom Betrug an sich selbst. Und er erzählt voller Hoffnung vom Weg heraus aus der Hölle der Sucht, zurück in ein Leben, das auch nüchtern wert ist, gelebt zu werden.

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Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch

»Entzug« beginnt mit einer Wodkaflasche auf dem Küchentisch einer dreiköpfigen Familie an einem Montagmittag – und der Frage, wie sie da hingekommen ist. Hat der Erzähler sie allen Ernstes dort vergessen, während Frau und Kind auf dem Spielplatz waren? Am Anfang des Romans steht ein Schriftsteller, der trinkt, um schreiben, denken, fühlen zu können. Der irgendwann nur noch trinkt, um zu trinken, bis zu dem Punkt, an dem die Frage lautet: Trinken und sterben oder aufhören und leben? Er beschließt, sich in eine Klinik einweisen zu lassen. »Entzug« ist ein schonungslos ehrlicher Roman, er handelt von der komplizierten Logistik der Abhängigkeit, vom Betrug an den Menschen, die einem am wichtigsten sind, vom Betrug an sich selbst. Und er erzählt voller Hoffnung vom Weg heraus aus der Hölle der Sucht, zurück in ein Leben, das es auch nüchtern wert ist, gelebt zu werden.

Zum Autor

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit »Innerstädtischer Tod« (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.

Christoph Peters

ENTZUG

Roman

Luchterhand

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Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Auf S. 54f wird zitiert aus Raid Sabbah: Der Tod ist ein Geschenk. Die Geschichte eines Selbstmordattentäters, Droemer 2002

Auf S. 240 wird zitiert aus Janwillem van de Wetering: Die Katze von Brigadier de Gier. Kriminalstories, Rowohlt 1984

Auf S. 356 und S. 358 wird zitiert aus ders.: Der Tote am Deich, Rowohlt 1978

Copyright © 2026 Luchterhand Literaturverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

buxdesign | Ruth Botzenhardt

unter Verwendung eines Motivs von © Christoph Peters

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-32253-3V001

www.luchterhand-literaturverlag.de

facebook.com/luchterhandverlag

Für Veronika, die immer noch da ist.

I.Trinken

Was macht die Flasche da?«, ruft die Frau. – »Welche Flasche?«, rufe ich zurück. »Die auf dem Tisch.« –

Ich erinnere mich an keine Flasche, zumindest nicht an eine, die den gereizten Ton rechtfertigen würde. Es muss ein Missverständnis sein, eine Verwechslung. Andererseits ist der Mensch keine Maschine, ihm unterlaufen Fehler, gerade wenn er auf sich allein gestellt ist. Ich beuge mich hinunter, greife in den Hohlraum hinter den Aktenordnern unter dem Schreibtisch. Er ist leer. Mir wird heiß und kalt. Ich stehe auf, atme durch, bewege mich vom Arbeitszimmer in die Küche, wo unübersehbar mit weiß-rot-goldenem Etikett eine halbvolle Flasche Smirnoff in der Mitte des blanken Holztischs steht. »Keine Ahnung«, sage ich, um Zeit für eine Antwort zu gewinnen. Die Frau darf auf keinen Fall denken, dass ich eine – diese – Wodkaflasche dort abgestellt habe. »Ich weiß nicht, wie sie dorthin gekommen ist«, sage ich. Es ist ein idiotischer Satz. Mir fällt kein besserer ein. – »Was soll das heißen: Du weißt nicht, wie sie dorthin gekommen ist?« – »Von mir ist sie nicht«, sage ich, was in der Konsequenz, wenn man es zu Ende denkt, bedeutet, dass während der zwei Stunden, in denen die Frau mit dem Kind, unserem Kind, meinem kleinen Mädchen, das ich lieb habe wie sonst niemanden auf der Welt, so sehr, dass ich manchmal weinen muss, wenn ich nur daran denke … – »Ist nicht dein Ernst, oder?«, sagt die Frau. – »Ja, doch«, sage ich. Die logische Schlussfolgerung, die ich mit meiner Bestätigung unumkehrbar festgeschrieben habe, wäre, dass während der Zeit, in der die Frau mit dem Kind auf dem Spielplatz, vielleicht auch im Kaufhof, auf dem Spielplatz und im Kaufhof, mit dem Fahrrad, sie hatte gesagt, sie wolle noch etwas am Alex besorgen, dicke Socken vielleicht, weil es jetzt kühler wird, oder eine Regenjacke, dass also während dieser Zeit, zwei Stunden, maximal zweieinhalb, die ich zum Arbeiten nutzen wollte, um diesen fürchterlichen Roman, der trotz allem geschrieben werden muss, einige Sätze voranzubringen, hochkonzentriert, ganz eingetaucht in den Text, dass jemand, der einen Schlüssel zu unserer Wohnung hat, zum Beispiel Lennard, als ich an meinem Schreibtisch gesessen habe, hereingekommen wäre und die halbvolle Flasche Wodka auf den Küchentisch gestellt hätte, wie er uns auch sonst hin und wieder etwas vorbeibringt, Steinpilze oder Miesmuscheln, die ihm im Kaiser’s oder bei Lindenberg ins Auge gesprungen sind, heute dann eben Smirnoff, warum nicht? Solche Dinge sind normal unter Freunden, Nachbarn, insbesondere wenn man sich schon seit Schulzeiten kennt und im selben Haus wohnt. Vielleicht hatte er Zitronensorbet übrig, nachdem er die Komposition »Zitronensorbet mit einem Schuss Wodka« gestern Abend Gästen serviert hat, und war der Meinung, wir müssten es unbedingt probieren, weil das Sorbet ihm noch nie so gut gelungen sei. Er hätte lautlos die Tür geöffnet, wäre auf Zehenspitzen durch den Flur geschlichen, um mich nicht zu stören, weil er ja weiß, wie empfindlich ich bei der Arbeit auf Unruhe reagiere … – »Da steht eine Wodkaflasche auf dem Tisch, und du willst mir erzählen, dass du nicht weißt, wie sie dorthin gekommen ist?« – »Irgendjemand wird sie dort hingestellt haben.« – »Irgendjemand?« – »Lennard vielleicht.« – »Warum sollte Lennard eine halbvolle Flasche Wodka auf unseren Küchentisch stellen?« – »Das musst du ihn fragen. Er hat ja manchmal solche Einfälle.« – Vermutlich, höchstwahrscheinlich, ein verschwommenes Bild taucht auf, es könnte so gewesen sein, dass ich diesen Wodka vorhin in der Küche vergessen habe, nachdem ich, statt an meinem Text zu arbeiten, bei den Mülltonnen und im vietnamesischen Eckkiosk gewesen bin, um die leere Flasche aus dem Hohlraum unter dem Schreibtisch gegen eine volle aus dem dortigen Spirituosenregal zu tauschen. Anschließend habe ich womöglich Grappa und Gin auf dem Barwagen in der Küche mit Wodka aufgefüllt, damit sie weniger leer wirken, aber das kann ich der Frau nicht sagen, nicht einmal in einer modifizierten Version. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dessentwegen ich montagmittags um eins eine Wodkaflasche auf dem Küchentisch vergessen haben könnte, weshalb ich überhaupt um diese Zeit mit Wodkaflaschen hantieren sollte, noch dazu mit einer Sorte, die wir gar nicht im Haus haben: Im Eisfach liegt Grasovka, der mit dem Büffelgras aus den polnischen Steppen, das ist ein respektabler Digestif nach einem üppigen Abendessen, über den sich alle freuen, wenn ich ihn anbiete. Selbst meine Eltern waren begeistert davon, als sie uns zuletzt besucht haben, mein Vater hat gleich eine Flasche gekauft und mit an den Niederrhein genommen, von der er jetzt ausschenkt, wenn Aquavit verlangt wird, »probiert mal den hier, kennt ihr nicht, haben wir aus Berlin mitgebracht.« – Aber diese Allerweltswodkas, Smirnoff, Gorbatschow, Moskovskaya, schmecken einfach nach nichts und das auch noch schlecht, keine feinen Noten von Sherry, Holunder, Eichenfasslagerung … – »Hältst du mich eigentlich für völlig bescheuert?«, fragt die Frau. »Nein, überhaupt nicht, aber … Es tut mir leid, ich kann dir beim besten Willen nicht sagen, wie diese Flasche dorthin gekommen ist. Ich mag ja gar keinen Wodka, jedenfalls nicht diesen, warum sollte ich ihn kaufen und dann auch noch dort stehen lassen, das ergibt ja alles überhaupt keinen Sinn.« – »Eben, es ergibt überhaupt keinen Sinn«, sagt die Frau, dreht sich um und verlässt die Küche Richtung Kinderzimmer.

Ich warte einen Moment, bis ich keine Schritte mehr höre, nur eine Tür, die ins Schloss gezogen wird, nicht mit einem lauten Knall, wie man sie aus Wut zuschlagen würde, auch nicht leise, als wollte sie auf keinen Fall jemanden stören. Klar und entschieden. Das bedeutet, die Frau wird auf absehbare Zeit im Kinderzimmer bleiben, nicht umgehend zurückkehren, um etwas zu sagen oder zu fragen, was es denn heute zu essen gibt oder ob ich mal daran gedacht hätte, wegen der niedrigen Temperaturen im Bad bei der Hausverwaltung anzurufen? Ich kann die Flasche also vom Tisch nehmen, den Verschluss abschrauben, sie an den Hals setzen, vier, fünf Schlucke trinken, die ohne Schwierigkeiten die Kehle hinunterrinnen und eine mittlere Hitze in meinem Magen verbreiten. Ein Gefühl der Erleichterung. Es wird sich für alles eine Lösung finden. Da dieser Wodka nicht hierhergehört, im Grunde gar nicht in unserer Wohnung sein kann, weil es niemanden gibt, der ihn gekauft oder mitgebracht hat, zumindest solange ich selbst oder wenigstens die Frau meiner eben getätigten Aussage Glauben schenke beziehungsweise schenkt, kann sich die Flasche auch wieder in Luft auflösen wie eine Fata Morgana, und wenn sie erst verschwunden ist, wird es sein, als wäre sie nie hier gewesen. Sollte sich die Frau nachher, wenn sie in die Küche zurückkehrt, um dem Kind, unserem Kind, meinem kleinen Mädchen ein Glas Pastinake-Kartoffel oder Kürbis-Karotte aufzuwärmen, erkundigen, wo der Wodka abgeblieben sei, besteht die Möglichkeit, je nachdem, wie die Situation sich darstellt, so zu tun, als wisse ich überhaupt nicht, wovon sie redet, »Welcher Wodka? Im Eisfach liegt Grasovka, wenn du willst, kann ich uns einen zum Aperitif ausschenken«, oder mit düsterem Gesichtsausdruck: »Ich habe den Rest weggeschüttet, die Flasche in den Müll geworfen, das wolltest du doch.« Sie wird nicht nachschauen, ob sich in einer der Tonnen unten im Hof tatsächlich eine leere Flasche befindet. Dementsprechend kann ich den Wodka genauso gut mit ins Arbeitszimmer nehmen und im Hohlraum hinter den Aktenordnern oder den Büchern über den Islam verstauen. Da zieht sie nie etwas heraus. Allerdings liegt hinter dem Islam vielleicht, wahrscheinlich, noch eine leere Flasche Jägermeister, also doch besser unter dem Schreibtisch, was eigentlich vor anderthalb Stunden, unmittelbar nachdem ich ihn gekauft und die dringend notwendigen Ergänzungen der Füllstände bei Grappa und Gin vorgenommen habe, schon hätte geschehen müssen, von mir jedoch in einem Anfall unfassbarer Dämlichkeit versäumt wurde.

Lieber Peter, beginnt die E-Mail des Verlegers – er schreibt oft Peter, was weder mein Vorname noch mein Nachname ist, die ersten Male hat er sich umgehend dafür entschuldigt, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre, ich hänge weder an diesem noch an jenem, inzwischen sehen wir beide achselzuckend darüber hinweg, herzlichen Dank für die Übersendung der ersten Seiten des zweiten Teils von Gotteskrieg. Ich war natürlich sehr gespannt, wie die Geschichte nach dem fulminanten Showdown in der ägyptischen Bananenplantage weitergehen würde.

Leider kann ich Dir diesmal nach der Lektüre nicht einfach von meiner Begeisterung schreiben: Für mich ist der Text, so wie er sich in seiner jetzigen Fassung darstellt, noch nicht in dem Stadium, das ich eigentlich von Dir gewohnt bin. Versteh mich bitte nicht falsch: Ich sehe den Ansatz, den Du verfolgst, aber im Moment scheint er mir weder konzeptionell noch was die sprachliche Durchformung anlangt tragfähig zu sein. Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass die Figur des Botschafters als zweiter Ich-Erzähler, unmittelbar im Anschluss an die extrem starke Stimme Jochen Sawatzkys, einfach abfallen muss.

Lass uns doch in den kommenden Tagen einmal ausführlicher telefonieren und gemeinsam überlegen, welche Lösungen wir für diese Probleme finden. Da ich ja weiß, wie intensiv Du Dich mit dem Thema beschäftigst, bin ich mir sicher, dass es am Ende der herausragende Roman werden wird, auf den wir hier alle gespannt sind.

Herzlich, Jörg

Ich klopfe am Kinderzimmer, obwohl ich natürlich jederzeit berechtigt bin einzutreten, es sagt auch niemand »herein«, öffne die Tür. Die Frau sitzt mit dem Kind auf dem Teppich, sie legen ein Holzpuzzle.

»Ich bin mal kurz unterwegs«, sage ich. – »Wohin?«, fragt sie, ohne von den ausgesägten Bären aufzuschauen, die in einem wilden Knäuel umeinander turnen. Das Kind schiebt die Katze zur Seite, weil sie versucht, mit ihrer Pfote ein hölzernes Bärenbein in die falsche Richtung zu ziehen. »Was besorgen«, sage ich, füge »Überraschung« hinzu. »Ok?«, sagt die Frau mit fragendem, vielleicht zweifelndem Unterton. »Bis gleich«, sage ich. – »Wir essen dann schon mal«, sagt sie. Ich schaue auf die Uhr, Viertel vor zwei, sage: »Sonst gäbe es schnelle Nudeln, sobald ich zurück bin.« – »Das wird uns zu spät.« – »Wie du willst.« – Ich habe es angeboten, sie kann mir keinen Vorwurf machen. In einer halben oder Dreiviertelstunde hätte ich angefangen zu kochen, Spaghetti mit Tomatensauce oder Rigatoni Quattro Formaggi, wie ich auch sonst jeden Tag koche, seit wir zusammen sind, es sei denn, wir gehen ins Restaurant, was gelegentlich vorkommt, aber nicht zu oft. Weder die Frau noch das Kind haben unaufschiebbare Termine, und eine gewisse Flexibilität im Alltag wäre meiner Meinung nach ein wichtiges pädagogisches Ziel, für das in diesem frühen Stadium die Grundlagen gelegt werden. Wenn unbedingt jetzt sofort Essen auf dem Tisch stehen muss, ist es definitiv nicht meine Verantwortung. Manchmal kommen einem eben Dinge dazwischen, machen Pläne zunichte, ganz gleich, wie zwingend sie einem erschienen sind, zum Beispiel die E-Mail eines Verlegers, die eine Katastrophe ist, von der ich befürchtet hatte, dass sie eintreten würde, und deren Tragweite ich noch gar nicht absehe. In jedem Fall muss ich darauf reagieren, ohne die geringste Idee zu haben, wie. Es ist das erste Mal, dass ich eine solche Rückmeldung auf eine längere Textpassage bekomme. Bislang waren immer alle zufrieden mit dem, was ich abgeliefert habe. Wobei die Agentin sich auch noch nicht gemeldet hat. Normalerweise ist sie diejenige, die am schnellsten liest und dann sofort reagiert. Wenn sie von dem, was ich geschickt habe, begeistert wäre, stünde es Meinung gegen Meinung. Ich würde zumindest etwas Zeit, vielleicht sogar Argumente gewinnen. Vielleicht zögert sie aber auch mit der Antwort, weil sie – genau wie der Verleger – von dem, was ich abgeliefert habe, nicht überzeugt ist. Jetzt überlegt sie, wie sie es mir schonend beibringt. Unter solchen Umständen kann die Frage nach einem gewöhnlichen Montagmittagessen schon mal in den Hintergrund treten. Die Frau hat ja keine Ahnung, welche Last auf meinen Schultern liegt durch diesen Beruf, die Arbeit, das Schreiben – Tag für Tag an die Grenze zu gehen und darüber hinaus, all das auszuhalten, diesen Kopf, den ich mir nicht ausgesucht habe, dessen Annahme ich verweigert hätte, wäre ich vorher gefragt worden. Im Übrigen hätte ich mich natürlich auch heute um das Essen gekümmert, nur eben nicht sofort. Soll sie sehen, wie sie klarkommt. Das Kind ist mit Fertigbrei zufrieden, dafür gibt es einen Gläschenwärmer; für sich selbst kann sie Spiegeleier braten oder eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben. Andere Leute ernähren sich ausschließlich von solchem Zeug. Ich habe keinen Hunger, im Gegenteil: Mir ist schlecht. Nicht so, dass ich mich übergeben müsste, eher flau, verbunden mit Wellen von Essensekel. Die Nachricht des Verlegers ist mir auf den Magen geschlagen. Trotzdem sollte ich in absehbarer Zeit irgendeine Form von Nahrung zu mir nehmen, und sei es Zwieback. Oder Toast. Zu lange auf mehr oder weniger nüchternen Magen zu trinken, führt zu Sodbrennen, Brechreiz. Wodka, Gin, Grappa, selbst Fernet Branca oder Underberg verwandeln sich unvermittelt in scharfe Säure oder saure Schärfe. Als Alternativen bleiben Jägermeister, Ramazotti, Averna. Letztere haben allerdings fünf beziehungsweise sechs Prozent weniger Alkohol, dementsprechend muss ich mehr oder öfter trinken, um das Zittern zu verhindern, und das ist die Hauptsache: dafür zu sorgen, dass die Hände ruhig bleiben. Sechs Prozent weniger hätten zur Folge – wenn man es genau ausrechnen würde, was eine vermutlich relativ unkomplizierte mathematische Operation wäre, für die es sicher eine Formel gibt, aber Zahlen waren nie meine Stärke … Auf jeden Fall summiert es sich. Dann muss ich noch häufiger die Flaschen austauschen, und jeder Gang zum Müll, zum Kaiser’s, zum vietnamesischen Eckkiosk ist riskant.

Ich streife den Mantel über, nehme meine Umhängetasche vom Haken, LKW-Folie, olivgrün und cremeweiß, öffne die Wohnungstür, ziehe sie hinter mir zu, stehe im Treppenhaus, höre, dass jemand von unten heraufkommt. So schnell, dass ich mich unbemerkt in unseren Flur zurückziehen könnte, schaffe ich es nicht, die Tür wieder zu öffnen. Ich gehe den ersten Absatz hinunter, die linke Hand am Geländer, dann wirken die Schritte fester, halte die Luft an. Es ist Hans-Gerd aus dem vierten Stock. »Hallo«, sagt er. Unsere Blicke treffen sich. Ich nicke, lächle, zeichne mit der Rechten eine Figur in die Luft, die signalisieren soll, dass ich es eilig habe.

Wir verstehen uns insgesamt gut in unserem Haus. Im Sommer trifft man sich zwanglos im Innenhof, sitzt zusammen, trinkt Wein, manchmal wird gegrillt, aber niemand erwartet, dass man zu jeder sich bietenden Gelegenheit endlos die allgemeine oder besondere Lage miteinander beredet. Bei einem Schriftsteller gehen die Leute ohnehin davon aus, dass er sich oft mitten in wichtigen Gedanken befindet und die Welt um sich herum kaum wahrnimmt. Manchmal tue ich so, als wäre ich hochkonzentriert, damit mich niemand anspricht, weil man riechen würde, dass ich getrunken habe. Das kann je nach Tageszeit zu Irritationen führen. Zwar heißt es, Wodka mache keine Fahne, doch ich vermute, dass es nicht stimmt, zumindest nicht so vollständig, wie es nötig wäre, um zu verhindern, dass Gerüchte entstehen. Abgesehen davon kann ich wegen meines empfindlichen Magens nicht ausschließlich Wodka zu mir nehmen.

Ich trete auf den Bürgersteig, die Luft ist feucht und kühl, zünde mir eine Zigarette an. Automatisch wende ich mich nach rechts, halte inne, weil es doch einen sehr abgewrackten Eindruck machen würde, wenn ich erneut bei dem Vietnamesen auftauche, der mir vorhin den Wodka verkauft hat, und ihm jetzt eine Flasche Jägermeister auf den Tresen stelle, sonst nichts. Andererseits ist es auch egal. Er lebt in einer völlig anderen Welt. Lennard sagt, sein Kiosk diene ausschließlich der Geldwäsche. Angeblich betreibt Herr Pham vier Bordelle in den angrenzenden Vierteln. Er fährt einen schweren Mercedes-Geländewagen, dazu einen neuen Mercedes-Transporter, um Waren aus dem Großmarkt zu holen. Kaum vorstellbar, dass ein schlecht geführter Spätkauf einen solchen Fuhrpark finanziert. Außer Sätzen wie »Wo steht der Tequila?«, »Haben Sie Nordhäuser?«, »Ein Päckchen Roth-Händle ohne Filter« versteht er kaum Deutsch. Wenn er überhaupt antwortet, ist es ein Nuscheln, das eine unwirsche Handbewegung in diese oder jene Richtung unterstreicht. Ich entscheide mich, lieber zum Kaiser’s zu gehen. Im Kaiser’s war ich seit drei Tagen nicht, außerdem wechselt dort mehrmals täglich das Personal. So oder so muss ich den Jägermeister kaufen, auf den ich vorhin beim Austausch des Wodkas aus Gründen, an die ich mich nicht erinnere, verzichtet habe, wahrscheinlich ein Anfall von Größenwahn: Ich komme heute mit weniger aus. Natürlich komme ich nicht mit weniger aus. Die Linie, vor der die Möglichkeit bestand, mit weniger auszukommen, wurde vor elf Monaten überschritten. Ich weiß das, außer mir weiß es niemand – höchstens Uwe, der diesen Zustand kennt, aber selbst vor zehn Jahren aufgehört hat zu trinken, die Frau jedenfalls nicht. Sie ist die Letzte, die es erfahren darf, sonst besteht die Gefahr, dass sie geht, endgültig, zusammen mit dem Kind, unserem Kind, meinem kleinen Mädchen. Das muss ich auf jeden Fall verhindern, irgendwie, bevor es zu spät ist, so wie auch das Buch geschrieben werden muss, dieser unfassbar komplizierte, in seiner Tendenz absolut inakzeptable Roman, der mir das Genick brechen wird, entweder weil ich es nicht schaffe, ihn zu Ende zu bringen, oder wegen der Missverständnisse, die unweigerlich folgen werden. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, wie ich die Arbeit fortsetzen soll angesichts des katastrophalen Zustands, in den ich mich hineinmanövriert habe, willentlich, fahrlässig oder auch schuldlos. Wer weiß schon, warum es auf einmal kippt, nachdem es über Jahre, Jahrzehnte immer Auswege gab, gegeben hätte, die ich jedoch nicht genommen habe, weil ich, seit ich sechzehn bin, ohne zu trinken nicht schreiben, nicht zeichnen, nicht denken kann. Ohne zu trinken bin ich tot, fühllos, ein Nichts und ein Niemand. Dann dehnt sich die Angst bis an die Grenzen des Hirninnenraums aus – Angst vor dem Leben, dem Sterben, den Menschen, die ich kenne, den Menschen, die ich nicht kenne, der Leere, dem ersten Satz, dem nächsten Satz, vor dem Zusammenbruch, vor Verarmung, Finanzbehörden, Vollstreckungsbeamten, Obdachlosigkeit, vor dem Zittern, dem Zahnausfall, dem tauben Gefühl in den Füßen, das immer höher die Unterschenkel hinaufkriecht und vielleicht das erste Anzeichen von Raucherbeinen ist, auch wenn ich dafür eigentlich noch zu jung bin. So oder so kann ich jetzt nicht mit dem Rauchen aufhören, es geht einfach nicht, und meistens wird es im Laufe des Tages auch besser.

Der Kaiser’s ist nicht voll. Soweit ich den Laden überblicke, kauft gerade niemand ein, den ich kenne. In diesem Viertel wimmelt es von Kollegen, Branchenleuten, Freunden sowie losen Bekannten aus Geburtsvorbereitungskurs, Krabbelgruppe, vom Kinderspielplatz.

Ich nehme einen Plastikkorb, überlege, was ich sonst noch kaufen könnte. Auf den verächtlichen oder mitleidigen Blick der Kassiererin, wenn ich mittags um zwei lediglich eine Flasche Jägermeister aufs Band lege, sie bitte, den vergitterten Zigaretten-Terminal zwei Päckchen Marlboro auswerfen zu lassen, kann ich verzichten. Basmatireis braucht man immer. Thunfisch ist im Angebot: drei Dosen, delfinsicher gefangen, sechs Euro neunundneunzig. Salzcracker. Mozartkugeln. Eine Flasche Bordeaux nehme ich mit, obwohl das Weinregal gut gefüllt ist. Sicher ist sicher. Jeder Franzose trinkt Wein zum Essen, mittags und abends, auf dem Land gern schon ein Glas zum Frühstück, petit rouge. Mein Lieblingslehrer Hans-Hermann Terbrüggen hat erzählt, seine elsässischen Verwandten hätten Anfang der 1950er-Jahre Brot und Speck mit einem halben Zahnputzbecher Kirschwasser gefrühstückt, und das sei nicht das Schlechteste gewesen.

Keine Schlange an der Kasse. Es besteht nicht die Gefahr, dass plötzlich, während ich warte, doch noch jemand hinter mir auftaucht, der mich aus diesem oder jenem Zusammenhang kennt und ein Gespräch anfangen will, meint, beim Blick auf meine Einkäufe eine Bemerkung machen zu müssen, »da hast du ja noch was vor«, oder vielsagend schweigt. »Zweiundvierzigdreiundneunzig«, sagt die Kassiererin, »bar oder mit Karte?« – Ich halte ihr wortlos einen Fünfziger hin, stopfe die Sachen in meine Umhängetasche, die beiden Flaschen zuerst, quer passen sie genau hinein, nehme das Wechselgeld, sondiere den Eingangsbereich. Es gibt eine Tür links und eine Tür rechts, wenn ich einen Bekannten früh genug entdecke – früher als er mich – und schnell reagiere, kann ich fast immer ungesehen entwischen.

Unvermittelt bricht mir der Schweiß aus, obwohl es draußen gar nicht sehr warm ist. Fette Tropfen sammeln sich auf der Stirn. Ich zünde mir eine Zigarette für den Weg an. Vielleicht nehme ich in der Kohlengrube einen schnellen Wodka. Alles, was ich außerhalb der Wohnung trinke, muss ich nicht hineintragen, und in der Kohlengrube interessiert es niemanden, wer zu welcher Uhrzeit welche Art von Getränk in welchen Mengen zu sich nimmt. Freiwillig würde ich nie in diese Art Kneipe gehen, es ist kein gemütlicher Treffpunkt, eher eine Einzeltrinkerkaschemme, aber sie hat vierundzwanzig Stunden geöffnet. Rund um die Uhr sitzt eine Handvoll Leute an der Theke, nie viele, einer wirft neben dem Durchgang zu den Toiletten Geld in den Spielautomaten. Im Innern ist es so dunkel, dass einen von draußen niemand erkennt. Womöglich rührt daher der Name. Vielleicht ist er auch ein Überbleibsel aus der Zeit des Arbeiter- und Bauernstaats, Ehrentitel oder Aufforderung an die Gäste, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass sie unter der Diktatur des Proletariats leben. Soweit ich weiß, hat es in der Gegend um Berlin nie Bergbau gegeben. In letzter Zeit steht manchmal der Filmfreak aus der Videothek gegenüber hinter der Theke. Er kennt alles, was je in einem Kino gezeigt wurde, vom hanebüchenen B-Movie bis zur abseitigsten Art-House-Produktion. Beim Ausleihen von DVDs habe ich mich mit ihm schon über Ozu und Elem Klimow unterhalten, doch als wir uns einmal frühmorgens hier begegnet sind, er beim ersten Bier des neuen Tages, vielleicht auch beim letzten des alten, ich, weil ich auf dem Weg zum Bäcker einen Schnaps nehmen wollte, taten wir beide so, als hätten wir uns noch nie gesehen. Anscheinend hat er die Seiten gewechselt oder den Job oder er arbeitet jetzt abwechselnd in beiden Läden. Außer ihm kenne ich niemanden, der in die Kohlengrube geht. Abgesehen davon ist mein Bedürfnis, mit jemandem zu reden, gleich null. Ich habe keine Meinung, die ich öffentlich kundtun muss, und interessiere mich nicht für die Meinungen von Leuten, die hier trinken.

Als Erstes schält sich die dicke Schwarze – Afrikanerin, Amerikanerin, DDR-Vertragsarbeitertochter – aus der Dunkelheit. Das weite, leopardenartig gefleckte Kleid, das sie fast immer trägt, leuchtet warm. Sie lehnt an einem der Barhocker, dreht sich nicht um, grüßt nicht, als ich mich neben sie stelle. Vermutlich ist sie jünger, als sie wirkt, Anfang bis Mitte dreißig. Sie steht jeden Tag hier, meistens ab mittags bis in den frühen, den mittleren, manchmal den späten Abend. Gelegentlich wirft sie einen Satz in den Raum, mit einem Akzent, der schwer einzuordnen ist. Vielleicht ist es auch gar kein Akzent, sondern die vom Trinken unscharf gewordene Artikulation. Wenn sie genug hat, schwankt sie in Richtung Friedhof davon. Manchmal singt sie oder flucht vor sich hin. Links von ihr stehen zwei Altsozialisten. Ich weiß, dass einer Kurt, der andere Eckhard heißt. Beide sind Rentner oder Frührentner zwischen sechzig und achtzig. Kurt redet, Eckhard schweigt.

Leider hat nicht der Filmfreak Thekendienst, stattdessen schenkt eine DDR-Mutter mit violett gefärbter Kurzhaarfrisur in rosafarbenem Polyesterpulli aus. Sie hat mich bereits vor Wochen als zugezogenen Westler identifiziert – einer von denen, die ihnen erst ihren Staat als Ganzes gestohlen haben und jetzt Straße für Straße, Haus um Haus erobern, mit grenzenlosem Kapital, anfangs die ersehnte Westmark, dann Euro, in der anderen Hand Übernahmeverträge, Kündigungsschreiben, Räumungsklagen, bis auch der letzte sozialistische Ureinwohner aus seinem Revier vertrieben ist. »Einen doppelten Wodka«, sage ich. – »Jeht’s ooch n bissjen jenauer?« – »Ich versteh nicht?« – »Wodka jibt’s wie Sand am Meer, wa.« – »Ja?« – »Welchen hättste denn jern?« – »Moskovskaya«, sage ich, weil ich annehme, dass sie auf Gorbatschow nicht gut zu sprechen ist, ihn für den Grund aller Übel hält, die am Ende zur Abwicklung ihres schönen sozialistischen Lebens geführt haben. Seinetwegen muss sie jetzt hier stehen und sich das Gerede von irgendwelchen Kaputtniks anhören, die früher mit ihr im Gewerkschaftshaus oder beim Staatsfunk gearbeitet, sich nach der Abwicklung für das Trinken statt für das Ausschenken von Getränken entschieden haben, weil das totale Scheitern trotz allem mehr Würde hat als der Abstieg vom Weisungsbefugten zum Weisungsempfänger. Sie sieht mich nicht an, es gibt nichts, was sie, jenseits der Bestellung, mit jemandem wie mir zu besprechen hätte, geht ans Regal, nimmt ein hohes Schnapsglas heraus, zieht die Flasche mit dem grünen Etikett aus dem Kühlschrank, gießt ein, stellt es vor mir auf einen Berliner-Kindl-Deckel: »Macht dreifuffzich.« – Sie kassiert sofort, damit niemand, wenn er voll ist, feststellen kann, dass er sein Portemonnaie zu Hause vergessen hat. Jeder darf trinken, so viel er will, aber es wird nicht angeschrieben, nicht einmal eine einzelne Zigarette, auch wenn sie nur zwanzig Cent kostet. Ich krame Münzen aus der Hosentasche, lege vier Euro hin, zwei einzelne und einen Zweier, sage »stimmt so«, schütte den Schnaps hinunter, stecke mir eine Zigarette an, überlege, ob ich das Glas noch einmal füllen lassen soll. Es wäre sinnvoll. Wer weiß, welche Stimmung oben in der Wohnung herrscht. Vielleicht ist die Frau der Ansicht, dass ich den Rest des Nachmittags mit dem Kind im Kinderzimmer spielen, malen, einen Turm aus Bauklötzen bauen soll, weil sie ihrerseits ebenfalls zu arbeiten hat, was ich im Prinzip einsehe und respektiere. Es kann also sein, dass ich während der nächsten drei, vier Stunden kaum Gelegenheit haben werde, etwas zu trinken. Andererseits besteht die Gefahr, dass von einem Glas auf das nächste meine Beine nicht mehr gehorchen, mir die Sätze durcheinandergeraten, ganz gleich, wie sehr ich mich konzentriere. Dieser Punkt ist zunehmend schwerer zu kalkulieren. Früher habe ich unendlich viel vertragen, zeitweilig wurde ich überhaupt nicht mehr betrunken, doch auf einmal, seit vier, fünf Monaten, bricht mir immer öfter plötzlich die Kontrolle weg. Insofern wäre es besser, jetzt nicht noch mehr zu trinken, sondern mit halbwegs klarem Kopf ins Arbeitszimmer zurückzukehren, eine Antwort an den Verleger zu formulieren, solange ich noch in der Lage bin, vollständige Sätze zu schreiben, die zumindest ansatzweise erfassen und transportieren, was ich sagen will, wobei genau da der Kern des Problems liegt, das der Verleger in Unkenntnis meiner derzeitigen Verfassung in seiner E-Mail diskret umschrieben hat: Ich komme kaum noch an den Punkt, an den ich kommen müsste, früher trotz allem immer gekommen bin, sprachlich, gedanklich, kompositorisch. Stattdessen zerfranst alles, ich verliere die Fäden, bemerke nicht einmal mehr, dass ich sie verloren habe – immerhin bemerke ich manchmal, dass ich es nicht mehr bemerke. Das Zeitfenster, in dem ich arbeitsfähig bin, ist zu klein für ein derart komplexes Gebilde, wie der Roman es darstellt. Jeden Morgen, wenn der Text unerbittlich klar und hart dasteht, sehe ich, dass das, was ich lese, von mir selbst geschrieben und tags zuvor, wenn nicht für gut, so doch für zumindest nicht peinlich befunden, objektiv betrachtet erbarmungslos schlecht ist. Alles, was ich nach elf oder zwölf Uhr mittags in die Tastatur getippt habe, liest sich stümperhaft, wie alkoholbefeuerter Schwulst – ist alkoholbefeuerter Schwulst. Ich weiß, dass der Verleger recht hat. Ich wusste es, als ich ihm die fünfundsechzig Seiten geschickt habe, bevor er mir auf seine freundliche und wohlmeinende Art mitgeteilt hat, dass ich den Anforderungen des Roman-Schreibens augenblicklich auf keiner Ebene gewachsen bin. Die Frage ist, wie ich mich in eine Lage zurückversetze, in der es möglich wäre, diese Arbeit fortzuführen. Neulich habe ich Kokain probiert, weil es einen angeblich sofort klar im Kopf macht, davor ein paar Mal Amphetamine durch die Nase gezogen, beides hat nicht funktioniert.

Ich muss aufhören zu trinken.

Ich kann nicht aufhören zu trinken. Wegen der Panik, die dann ausbricht, vor allem wegen des Zitterns, das jedem, der mich sieht, sofort unmissverständlich vor Augen führt, dass diese Grenze überschritten ist – dass ich diese Grenze überschritten habe, hinter die es kein Zurück gibt.

Ich könnte versuchen, die tägliche Dosis Schritt für Schritt herunterzufahren, so wie man ein Medikament ausschleicht. Dafür müsste ich tage-, vielleicht wochenlang nicht nur den Kopf, sondern meinen gesamten Organismus mit eiserner Disziplin vollständig unter Kontrolle halten, was ein aussichtsloses Unterfangen ist aufgrund der unberechenbaren Schwankungen der inneren Stimmen, die mir jetzt dies, im nächsten Moment das Gegenteil einflüstern, eine Stunde später versichern, dass sich mit ein bisschen Geduld über kurz oder lang alles in Wohlgefallen auflösen wird. Das glaube ich gern – habe ich geglaubt, bis zu dieser verdammten E-Mail.

Ich müsste es versuchen, bevor es zu spät ist.

Bevor die Frau mit dem Kind, unserem Kind, meinem kleinen Mädchen auf und davon, das Buch, dieser grauenhafte Roman auf unbestimmte Zeit verschoben, das Konto leer, die Wohnung gekündigt ist. Dann sitze ich in ein paar Monaten, spätestens anderthalb Jahren auf dem Parkplatz vor dem Aldi, hoffe darauf, dass mir jemand ein paar Münzen für Dosenbier, Goldkrone-Weinbrand in den Pappbecher wirft.

Ich sollte jetzt also auf keinen Fall einen weiteren Wodka bei dieser Frau bestellen, erst wieder in sagen wir zwei Stunden, wenn ich merke, dass meine Hand die Zigarette nicht mehr geordnet an die Lippen führen kann. In meiner Tasche befindet sich eine ungeöffnete Flasche Jägermeister, eine halbvolle Flasche Wodka steht unter dem Schreibtisch, die Küchenschnäpse sind aufgefüllt, so dass ich auch daraus ab und zu einen Schluck nehmen kann, alles in allem reichen die Vorräte für anderthalb Tage.

»Ich nehme noch einen«, sage ich und ziehe einen Fünfeuroschein aus dem Portemonnaie. Die Frau greift wortlos nach meinem Glas, dreht sich zum Kühlschrank, zieht die Flasche heraus, schenkt ein, über den Eichstrich bis an den Rand. »Machen Sie vier«, sage ich. Sie nickt, legt mir einen Euro auf den Tresen. Ich kippe den Wodka hinunter, drehe mich um, trete auf die Straße, wieder bricht mir der Schweiß aus.

Im Flur brennt kein Licht, als ich die Wohnungstür öffne. Ich bewege mich zügig an der Küche vorbei, auch hier ist niemand, gehe durch das leere Wohnzimmer ins Arbeitszimmer, öffne meine Umhängetasche, ziehe den Jägermeister heraus, stelle ihn hinter die Bücher über Osama bin Laden, Selbstmordattentäter, den 11. September, nehme die leere Flasche, schiebe sie in die Briefkiste unter dem Schreibtisch, wo bereits eine andere liegt, Moskovskaya, die ich wohl vergessen habe, morgen ebenfalls entsorgen muss, gehe zurück in die Küche, lege den Rotwein ins Regal, räume Thunfisch, Reis, Oliven, Cracker in die Vorratsregale, die Mozartkugeln zu den Süßigkeiten, bin außer Atem, schwitze, weil es in der Wohnung zu warm ist, weil ich alles viel zu schnell, zu hektisch gemacht habe, gehe Richtung Kinderzimmer, die Tür steht offen, rufe »Hallo!« –

Keine Antwort.

Die Frau und das Kind sind fort, mutmaßlich auf dem Spielplatz, oder sie haben sich mit anderen Müttern und Kindern bei irgendjemandem zu Hause verabredet, das heißt, dass sie wahrscheinlich bis zum Abendessen unterwegs sind.

Ich lasse mich auf das Sofa fallen, um einen Moment Luft zu holen, schließe die Augen. Das Kreisen der Welten, der Planeten um die Sonne, der Elektronen auf Orbitalbahnen um den Atomkern, Wellen und Teilchen in unablässigem Wechsel des Aggregatzustands, Leere in den Zwischenräumen, ringsum unendliche Schwärze. Von Physik verstehe ich so wenig wie von Mathematik, aber dass im Kern der Materie Leere herrscht, ist eine Erkenntnis von solch ungeheurer Tragweite, dass sie niemand voll ausschöpft: Form ist nichts anderes als Leere und Leere ist nichts anderes als Form. Dorthin, in den Grenzbereich zwischen Materie und Geist, müsste man vordringen, wollte man etwas von dem begreifen, was passiert, was der Fall ist. Deshalb ist es notwendig, alle Grenzen nach innen und außen sturmreif zu schießen, so wie die Quarks im Teilchenbeschleuniger von Cern zertrümmert werden, um Bilder der Schatten von fast nichts zu gewinnen, den Unterschied zwischen null und eins, Sein und Nicht-Sein abzubilden. Diese Art Experimente mit sich selbst als Material durchführen.

Es wird gleich wieder gehen. Glücklicherweise bin ich allein. Ich kann mich sammeln, ehe mich jemand sieht und fragt, diese dämliche Frage: Ob alles in Ordnung ist? Die Frau stellt sie inzwischen nur selten. Das kann ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sein. So oder so muss etwas geschehen. Die E-Mail des Verlegers ist unmissverständlich, ganz gleich, wie ich es drehe und wende. Ich werde den Roman in diesem Zustand nicht fertig bekommen, ich werde, solange dieser Zustand anhält, überhaupt kein Buch mehr fertig bekommen. Wenn ich trinke, geht es nicht, wenn ich nicht trinke, geht es auch nicht. Aber ebenso wenig kann ich mich hinstellen, vor die Frau, die Agentin, den Verleger, und erklären, dass es vorbei ist, den Freunden, den Eltern, Geschwistern, Nachbarn, all diesen Leuten, mit denen ich mehr oder weniger viel zu tun habe, sagen: Ich bin am Ende, ich löse mich in meine Bestandteile auf, physisch und psychisch, werde zu der Leere, die ich immer schon war, vergesst mich für den Rest eures Lebens, sucht euch jemand anderen für den Platz, den ich darin eingenommen habe – von dem ihr meint, dass ich ihn eingenommen habe, denn in Wirklichkeit war ich immer schon fort, soweit meine Erinnerung zurückreicht, hat sich nur eine wesenlose Hülle in meiner Gestalt unter euch bewegt.

Was sage ich dem Kind, unserem Kind, meinem kleinen Mädchen? Es fängt doch gerade erst an, sich in dieser erbarmungslosen Welt zurechtzufinden. Ich muss ihm dabei helfen, zumindest eine Zeitlang.

Ich bin nicht in der Lage, irgendjemandem zu helfen.

Bei nichts.

Mag sein, dass das Trinken die Ursache dieser schwierigen, ich mache mir keine Illusionen: dieser absolut desaströsen Situation ist, doch in den vergangenen zwanzig, genau genommen fast fünfundzwanzig Jahren war es auch immer die Rettung. Ohne zu trinken wäre ich nicht in der Lage gewesen, das Hologramm, das ich bin, am Laufen zu halten. Was nichts an der Tatsache ändert, dass ich jetzt, nicht unmittelbar sofort, aber morgen oder in ein paar Tagen – so ein Schritt will vorbereitet sein, wenn er Aussicht auf Erfolg haben soll, mental, aber auch praktisch –, dass ich das Trinken beenden muss.

Einmal habe ich auf eigene Faust aufgehört, anderthalb Jahre ist das jetzt her. Damals stand der erste Teil dieses Romans an, der vollkommen nüchtern geschrieben werden musste, weil Jochen Sawatzky als islamischer Konvertit nun einmal nicht trinkt. Wie hätte ich alkoholisiert in seinen Kopf, seinen Körper, seine Wahrnehmungen, seine Empfindungsräume gelangen sollen? Es war nicht leicht, aber es ging. Allerdings habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gezittert. Zumindest nicht stark. Es ließ sich kaschieren. Ich habe eine Magen-Darm-Grippe vorgeschoben, mich ins Bett gelegt, war weder wach noch konnte ich schlafen. Schemen fremder Wesen huschten über die Wände, verformten sich, schnitten Grimassen. Angst und Wahn. Nach zwei Tagen war es vorbei. Die Mauern gewannen ihre Festigkeit zurück, die Geister verzogen sich in Ritzen, Kabelkanäle, Fußleisten. Alles, was ich vor Augen hatte, war tatsächlich vorhanden.

Innehalten. Eine Zigarette auf dem Balkon. Der Rauch, der die Lungen ausfüllt – ein Vorgeschmack des Todes, wenn es gut ausginge. Was eine Illusion ist. Um etwas zu tun, irgendetwas. Eine pathetische Geste des Schmerzes, des Durchhaltens, des Trotzdem. Als Vergewisserung, dass es Möglichkeiten gibt, Spielräume, wenn auch nur geringe. Den Rauch so tief inhalieren, als wäre er ein Notfallmedikament, lebensrettend, mit dessen Hilfe ich aus dem Wachkoma in eine wie auch immer geartete Realität zurückfände. Die vielleicht gar nicht existiert. Nie existiert hat. Nicht auszuschließen, dass die Möglichkeit von Paralleluniversen mit der Leere im Zentrum der Materie zu tun hat. Wenn man etwas von Physik verstünde, käme man näher an die letzten Geheimnisse heran. Andererseits haben sie dort bislang auch nichts entdeckt, das einem helfen würde, dieses Leben – sich in seinem Leben auszuhalten. Zweiundvierzig.

Ich meine mich zu erinnern, dass es ein Medikament gibt – vor einigen Jahren stand etwas darüber im Spiegel oder im Stern –, das bei Alkohol eine ähnliche Wirkung hat wie Methadon für Heroinabhängige und die Entzugserscheinungen so weit abmildert, dass man nicht wahnsinnig, für sein Umfeld nicht zum Zombie wird. Beim Lesen des Artikels habe ich seinerzeit gedacht, wenn es so weit ist, könnte es das sein, was einen letzten Ausweg eröffnet. Vielleicht lässt es sich beschaffen. Wobei man sicher einen Arzt braucht, der es einem verschreibt. Aber kein Arzt wird es mir verschreiben, bevor er nicht durch diverse Untersuchungen die Notwendigkeit seiner Verabreichung festgestellt hat. Das letzte Mal bin ich vor drei Jahren bei einem Arzt gewesen, Dr. Eibinger, weil ich eine Hepatitis-A-Impfung für eine Recherchereise nach Ägypten benötigte, die dann doch nicht stattgefunden hat. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt ordnungsgemäß als Patient, für den er zuständig ist, in seiner Kartei stehe. Obwohl er gesagt hat, »Lassen Sie sich gelegentlich mal einen Termin für einen Gesundheits-Check geben«, war ich nicht wieder bei ihm. Ich dachte, wenn er sich einen Gesamteindruck verschaffen will, wird er mir nicht nur die Lunge abhören, mich Kniebeugen machen lassen, ein Belastungs-EKG, sondern auf jeden Fall Blut für ein großes Blutbild abnehmen, und dieses Blutbild wird ihm zeigen, dass meine Leberwerte hoch sind, zu hoch, so hoch, dass er sofort weiß, wie viel zu viel ich trinke, und das weiß ich selber.

Die einzige Ärztin, die ich privat kenne, ist Olivers Frau Selma.

Wenn ich mich nicht irre, arbeitet sie als Psychiaterin oder Neurologin in einem staatlichen Gesundheitszentrum. Wer, wenn nicht sie, kann mir helfen, dieses Medikament zu besorgen? Allerdings haben wir uns das letzte Mal während meiner nüchternen Phase gesehen. Sie hatten uns zum Abendessen eingeladen und waren überrascht, als ich mit Verweis auf den anstehenden Roman weder Bier noch Wein trinken wollte, auch keinen Grappa zur Verdauung. Selma wird mir gar nicht glauben, dass ich es innerhalb so kurzer Zeit geschafft habe, mich in einen derart katastrophalen Zustand zu manövrieren. Andererseits haben Ärzte, ganz gleich, was man von ihnen hält, immer viel gesehen. Es beginnt mit den Leichen in Formalin während des Studiums: irgendwelche Penner, die ihre letzten Flaschen mit dem Verkauf ihrer Körper an die Wissenschaft bezahlt haben, Fettlebern, Raucherlungen, überdimensional aufgeblühte, mit Kratern übersäte Nasen, offene Beine. Wenn Selma seit Jahren als Psychiaterin arbeitet, hatte sie mit Sicherheit schon alle Arten Wahnsinn in sämtlichen Verwahrlosungsstadien vor sich, so dass jemand wie ich, der sich noch selber die Schuhe binden und halbwegs geordnet artikulieren kann, ihr wahrscheinlich keinen Schock versetzt. Höchstens, weil sie diese Form des Niedergangs nicht in ihrem Bekanntenkreis erwartet. Oder außerhalb des Untersuchungszimmers nichts damit zu tun haben will. Andererseits gab es Zeiten, in denen auch Oliver wirkte, als wäre er ziemlich von der Rolle. So lange ist das noch nicht her. Wer weiß, ob er seine Krise inzwischen überstanden hat. Zumindest Oliver dürfte sich nicht übermäßig wundern, wenn Selma ihm erzählt, weshalb ich angerufen habe. Wobei sie theoretisch an die ärztliche Schweigepflicht gebunden ist, selbst wenn ich sie privat, als Freundin, kontaktiere. Das Problem ist, wenn ich bei ihr zu Hause anrufe, dass ebenso gut Oliver den Hörer abnehmen kann, oder dass er, falls Selma abnimmt, mit fragendem Gesichtsausdruck danebensteht und wissen will, wer am Apparat ist. Dieses Risiko muss ich eingehen.

Ich kann immer noch sofort auflegen.

Allerdings ist nicht auszuschließen, dass Oliver meine Nummer eingespeichert hat, dass sie zusammen mit meinem Namen auf dem Display erscheint, sobald das Telefon klingelt. Dann wird er vermutlich zurückrufen. Ich kann mich verwählt haben. Er folgt im Adressbuch unmittelbar auf Professor Nager. »Entschuldige, ich wollte eigentlich Professor Nager anrufen.« Vielleicht wäre es gut, es jetzt zu versuchen, weil Selma früher von der Arbeit kommt als er. Vorher rauche ich noch eine Zigarette, trinke einen Schluck Jägermeister. Besser ein Glas Wein. Wenn die Frau und das Kind, wo immer sie gerade sind, zurückkehren, wird es so spät sein, dass ich guten Gewissens beim Feierabendwein sitzen kann. Dagegen ist nichts einzuwenden. Dann ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ich eine leichte Fahne habe.

»Du willst bestimmt Oliver sprechen«, sagt Selma, »der ist leider noch unterwegs …« – »Nein«, sage ich, »eigentlich wollte ich dich sprechen …« – »Ah. Ja? Auch gut. Was kann ich für dich tun?« – »Entschuldige, dass ich dich damit behellige. Es ist etwas kompliziert, also heikel. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll …« – »Am besten so einfach wie möglich.« – »Klar. Genau. Ich versuche es mal. Du bist doch Psychiaterin … Oder Neurologin. Jedenfalls Ärztin. Wobei ich gar nicht genau weiß, wo du eigentlich arbeitest. Spielt ja auch keine Rolle. Es geht sozusagen um ein medizinisches Problem …« Meine Stimme ist brüchig, so klingt sie sonst nicht. Vielleicht war es doch ein Fehler, Selma anzurufen. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, wie sie auf ein Geständnis meinerseits, dass mir vollkommen die Kontrolle entglitten ist, reagieren wird. – »Nur zu. Wenn ich helfen kann, immer gern.« – »Ich bin mir selbst nicht sicher, deshalb frage ich erst mal bei dir, um zu hören, was du meinst, weil wir uns doch schon lange kennen, nicht gut, aber immerhin, ich glaube länger als zehn Jahre, mindestens, da wart ihr sogar mal in meiner Wohnung in Mainz, Oliver und du …« – »Das sehen wir dann. Sag doch erst mal, worum es geht.« – Ist das jetzt schon der Arzt-Patienten-Modus, in dem sie mit mir spricht, ruhig und geduldig, dabei trotzdem hellwach und immer im Blick, was sie eigentlich von mir wissen will? »Es ist so, also, du hast ja auch viel mit Künstlern und solchen Leuten zu tun, insofern kennst du dieses ganze Umfeld, da geht es insgesamt, gerade was Alkohol und Drogen anlangt, immer etwas wilder ab als, ich sag mal, unter normalen Leuten …« Sie hört zu, wie eine Ärztin zuhört, lässt mich reden, bis ich von mir aus zum Punkt komme. Sicherlich hat man ihr das so beigebracht, im Studium oder während der Facharztausbildung. »… Ich bin da keine Ausnahme beziehungsweise vielleicht habe ich auch eine genetische Disposition zu Extremen, zum Exzess. Was ich sagen will, natürlich wurde bei uns immer viel gesoffen, sicherlich zu viel, aber in letzter Zeit ist es ein bisschen sehr aus dem Ruder gelaufen. Ich bin in einer ziemlich schlechten Verfassung, körperlich, aber auch seelisch, wo es – ich formuliere es mal so – einfach nicht mehr sozial kompatibel ist, mein Trinken, aber auch das Nicht-Trinken stellt inzwischen quasi keine Möglichkeit dar, weder für die Familie noch für die Arbeit, deshalb denke ich, dass es besser wäre, ich würde aufhören, ganz, also komplett.« Sie sagt immer noch nichts, gibt keinen Kommentar ab, der mich ermutigt oder auch stoppt, fragt nichts, wahrscheinlich will sie, dass ich selbst, von mir aus, schonungslos ausspreche, was Sache ist. Gut. Wenn es sein muss: »Vor zehn Jahren, das war noch in Mainz, als ich mal wegen Depressionen und Angstzuständen bei einem Psychiater saß und gesagt habe, dass ich vermutlich zu viel trinke, hat er gefragt, ob ich zittere, wenn ich nichts zu trinken bekomme, und als ich das verneint habe, meinte er: ›Dann sind Sie auch kein Alkoholiker.‹ Aber jetzt ist es eben so, seit ungefähr elf Monaten, dass ich tatsächlich zu zittern anfange, sobald ich länger nichts getrunken habe, keine Ahnung, woher das plötzlich kommt, es ist verdammt blöd, rein vom Eindruck her, den es in meinem Umfeld machen würde, also wenn es jemand direkt sieht, weshalb ich es momentan durch regelmäßige Alkoholzufuhr über den ganzen Tag verteilt, so gut es geht, verhindere, das Zittern. Aber ich glaube, wie gesagt, dass ich wohl doch relativ bald mit der Trinkerei Schluss machen muss, bevor es zu spät ist, in jeder Hinsicht. Deshalb dachte ich, ich rufe dich mal an, weil du dich mit solchen Dingen ja auskennst und weil ich gelesen habe, dass es ein Medikament gibt, mit dem sich diese Symptome unterdrücken lassen, so dass ich den Alkohol runterfahren könnte, ohne dass jemand merkt, in welchem Zustand ich bin – also vor allem meine Frau sollte es auf keinen Fall mitbekommen.« Punkt. Weiter weiß ich nicht. – »Entschuldige, wenn ich noch mal nachfrage«, sagt Selma, und es klingt jetzt endgültig, als wäre sie im Facharztmodus, die ganze Art, wie sie ihre Stimme moduliert, während sie redet, was vielleicht sinnvoll ist, aus ihrer Sicht, mich aber trotzdem in eine sonderbare Position bringt, »einfach um sicherzugehen, dass ich alles richtig verstanden habe: Du trinkst nicht mehr nur einfach zu viel, wie das ja hierzulande viele tun, sondern hast festgestellt, dass du, wenn du nicht trinkst, morgens beim Aufstehen zum Beispiel, Entzugssymptome wie Schweißausbrüche, zitternde Hände und so weiter bekommst?« – »Ja, genau.« – »Darf ich fragen, wie viel du in etwa trinkst, und seit wann?« – »Na ja, also das ist verschieden, je nachdem, an Abenden, wo ich mich mit Leuten treffe, natürlich mehr, ich habe ja quasi nur Vieltrinker in meinem Freundeskreis, sagen wir mal ungefähr zwei Flaschen Wein pro Tag, im Schnitt, ab und zu auch härtere Sachen, Wodka, Gin, drei bis vier Mal pro Woche bin ich schon ziemlich betrunken, wenn ich ins Bett gehe.« – »Und du bist entschlossen, damit aufzuhören?« – »Ich glaube, ich muss, weil meine Frau findet, dass es insgesamt mittlerweile zum Problem für die Familie wird. Ich merke es ja auch selbst: Es bekommt mir nicht mehr. Ich kann nicht mehr schreiben, jedenfalls nicht so, wie es sein müsste, und anders als früher kippe ich immer öfter plötzlich weg, von einem Moment auf den anderen …« – »Wie alt bist du?« – »Neununddreißig.« Kann sie mir nicht einfach sagen, wie ich an dieses verdammte Medikament gelange? Alles andere kriege ich dann schon hin. »Das Problem ist dieses Zittern, das ja wohl, wie dein Kollege in Mainz seinerzeit gemeint hat, ein ziemlich eindeutiges Indiz für Alkoholismus darstellt, es hört halt nicht mehr von selbst auf, und das ist wahrscheinlich schon ein Warnsignal, das man ernst nehmen sollte. Aber ich will natürlich lieber erst einmal selbst die Reißleine ziehen, bevor ich es quasi offiziell mache und einen entsprechenden Stempel aufgedrückt bekomme …« – »Klar. Das verstehe ich. Wobei ich fürchte, so einfach, wie du dir das vorstellst, ist es nicht.« – »Also ich traue mir schon zu, wenn ich dieses Medikament hätte, dass ich dann auch die Disziplin aufbrächte, konsequent nicht mehr zu trinken, weil mir ja bewusst ist, was auf dem Spiel steht, wenn ich es nicht durchziehe.« – »Weißt du, es kann durchaus sein, dass du das schaffen würdest, wobei es erfahrungsgemäß nur selten funktioniert. Aber abgesehen davon ist das in diesem Stadium gar nicht die entscheidende Frage: Wenn du nicht nur einfach zu viel trinkst, sondern eine körperliche Abhängigkeit ausgebildet hast – und das Zittern weist ziemlich deutlich darauf hin, insofern hatte der Kollege in Mainz schon recht …« – »Es ist auch nicht immer und auch nicht unbedingt total schlimm. Vielleicht habe ich in der Beschreibung ein bisschen übertrieben.« – »Natürlich. Das spielt aber im Grunde keine Rolle: Dieses Medikament, das es da gibt, ich nehme an, du meinst Distraneurin, ist ausschließlich für den klinischen Entzug gedacht, einfach deshalb, weil die Gefahr besteht, wenn du in diesem Zustand bist, wie du ihn mir beschrieben hast, dass du trotz Medikation in ein Delirium fällst. Und das endet auch heutzutage noch immer in rund einem Viertel der Fälle tödlich, wenn nicht sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Deshalb musst du während dieser Entgiftungsphase rund um die Uhr überwacht werden. Das kannst du nicht selber machen.« – »Und du siehst da, obwohl mich das jetzt echt in eine extrem schwierige Situation bringt, keine Möglichkeit für eine Ausnahme?« – »Leider nein.« – »Gut, dann bin ich am Arsch.« – »Na ja, du hast jetzt schon mal relativ offen mit mir über deine Lage gesprochen, und so wie du sie mir geschildert hast, kannst du sie sicher auch deinem Hausarzt beschreiben.« – »So etwas hab ich gar nicht, einen Hausarzt.« – »Wir sind ja in Berlin, da gibt es relativ viele Praxen …« – »Es ist halt schon eine völlig andere Sache, ob ich das dir, quasi als Freundin, erzähle oder eben einem wildfremden Menschen, der gar nichts über mich und meine Lebensumstände weiß.« – »Eben. Deshalb ist er auch viel besser geeignet, dir weiterzuhelfen, als ich das bin. Ich würde dir raten, such dir einen Arzt, das kann einfach der nächste Allgemeinmediziner bei dir um die Ecke sein, lass dir einen Termin geben oder noch einfacher: Setz dich zu ihm in die Sprechstunde und dann beschreibst du ihm deinen Zustand genau so, wie du ihn mir jetzt geschildert hast. Glaub mir, jeder niedergelassene Arzt in Deutschland ist mit dem Problem vertraut. Er wird dann Möglichkeiten mit dir besprechen, wie es weitergehen könnte, dir die konkreten nächsten Schritte aufzeigen …« – »Also, dass du mir dieses Medikament … wie hieß es noch gleich … Distra oder so … Dass du mir das unter Freunden trotzdem gibst, wenn ich komplett die Verantwortung übernehme? Also ich unterschreib dir auch gern ein Formular oder was da sonst üblich wäre …« – »Nein.«

Es ist nicht auszuschließen, dass sie recht hat. Wahrscheinlich hat sie wirklich recht, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Es nützt mir nur nichts. Wie stellt sie sich das vor? Dass ich allen Leuten, zuerst einmal der Frau, sage: Tut mir leid, ich bin Alkoholiker, ich muss einen Entzug machen, deshalb suche ich mir jetzt einen Arzt, der mich in die Klinik einweist?