Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein - Maximilian Buddenbohm - E-Book

Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein E-Book

Maximilian Buddenbohm

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Beschreibung

«Die Luft riecht kalt und fischig, weil der Sturm der letzten Tage Berge von zerfetztem Tang und Muscheln angespült hat, die jetzt am Ufer verrotten. Die wenigen Touristen, die im Winter hier sind, halten diesen gammeligen Geruch immer für besonders gesund. Touristen sind seltsam.» Die Liebhaber seiner Mutter, Rentner, die zu Trinkern werden, alternde Imbissbesitzer, Aussteiger, die es nur bis an die Ostsee schaffen – Maximilian Buddenbohm hat in seiner Jugend in Travemünde eine Menge skurriler, liebenswerter und merkwürdiger Menschen kennengelernt. Über diese Menschen und über die Nöte und Freuden eines Heranwachsenden schreibt er lakonisch, witzig und pointiert.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Maximilian Buddenbohm

Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein

Eine Strandjugend

Für meine Söhne, Julius und Johann

Mit Dank an die Herzdame

Das pralle Leben

Zwischen meinem elften und zwanzigsten Lebensjahr wohnte ich in Travemünde, einem Vorort von Lübeck an der Ostseeküste. Meine Eltern hatten sich, wie es viele gutverdienende Menschen aus Lübeck oder Hamburg in den späten siebziger Jahren getan haben, dort eine Wochenendwohnung gekauft. Das hatte weniger mit der Liebe zum Meer als vielmehr mit sogenannten Steuersparmodellen zu tun, aber das sagte mir als Kind natürlich nichts; alle Menschen wollten doch sowieso immer am Meer sein, dachte ich damals.

Unsere Wohnung war in einem Gebäude, das «Strandresidenz» hieß, es hatte vier Stockwerke und fünfundsiebzig Wohneinheiten, die alle recht winzig waren. Wie die meisten dieser großen Wochenendbauten war die Residenz etwas merkwürdig geformt, damit alle Balkone möglichst viel Sonne abbekamen und einige sehr teure Wohnungen in der obersten Etage gerade eben noch etwas kostbaren Seeblick hatten, knapp über die Nachbarhäuser hinweg. Wenn man diese Gebäude heute sieht, hält man sie nur für allmählich verfallende, deutlich überdimensionierte Bausünden in fragwürdiger Architektur. Damals galt es aber als geradezu feudal, sich am Wochenende für ein paar Stunden mit der ganzen Familie auf den doch immerhin meernahen Balkon drängen zu können. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich elf Jahre alt war, und meine Mutter und ich bezogen daraufhin diese Wochenendwohnung als dauerhafte Bleibe.

An den Wochenenden im Sommer wurde das Haus von zahlreichen Familien mit Kindern belebt, die am Abend lärmend vom Strand zurückkamen und auf dem Rasen vor dem Haus weiterspielten, wo die Mütter sie von den Balkonen aus beobachten konnten. Es roch dann im Treppenhaus und aus jeder Wohnung nach Sonnenöl, und auf den dunklen Teppichen der langen Flure waren überall feine, helle Spuren von Sand und zertretenen Muscheln. Aus einigen Apartments hörte man Säuglinge schreien, gelegentlich hingen vergessene Badehandtücher über dem Treppengeländer, das Haus roch und klang ganz wie ein weitläufiges Hotel am Meer. Es war aber merkwürdig, während der Woche durchgehend dort zu wohnen, denn spätestens am Montagmorgen leerte sich das ganze Haus. Die Wochenendgäste fuhren alle zurück in die Stadt, um wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Wenn nicht gerade Ferienzeit war, gab es ganze Wochen, in denen abends nur bei uns Licht brannte, alle anderen Wohnungen standen leer und blieben dunkel. Das verlassene Gebäude war gespenstisch ruhig. In der Tiefgarage des Hauses, gebaut für fünfundsiebzig Autos, stand unter der Woche meist nur unser R4, daneben mein Fahrrad und weiter hinten ein abgemeldetes Cabrio ohne Vorderreifen. Es war mein größtes tägliches Grauen, dort am Morgen hallenden Schrittes vom Fahrstuhl zu unserem Stellplatz zu gehen, wo sicher hinter jeder der rohen Betonsäulen in der riesigen, leeren Garage fernsehkrimimäßige Unholde lauerten.

Im Laufe der Jahre zogen erst nach und nach noch andere Parteien dauerhaft in die Residenz ein, Rentner zumeist, die ihren Ruhestand am Meer verbringen wollten. Unsere Nachbarwohnung gehörte auch so einem Paar. Hilde und Hans hießen die Eigentümer, sie kamen aus Hamburg, wo sie gemeinsam einen Handwerksbetrieb führten. Einen Betrieb, der ganz außerordentlich gut lief. Beide waren etwa Anfang sechzig, und sie hatten es geschafft. Sie hatten Geld, viel Geld, und sie legten auch Wert darauf, die entsprechenden Statussymbole zu zeigen. Teure Anzüge, Pelzmäntel, Schmuck, immer der jeweils neueste Mercedes. Begleitet wurden sie von einem würdevollen und steifbeinigen Zwergpudel in feinem Silbergrau, der im Winter und bei kühlem Regenwetter ebenfalls teure Mäntelchen über seinem kunstvoll geschorenen Fell tragen musste.

Hans war ein aufrechter und sehr stattlicher Mann von großer Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Curd Jürgens. Man sprach ihn oft darauf an, worauf seine Frau sehr stolz war. Wenn er am Freitagnachmittag in seinem edlen Anzug direkt nach dem Bürotag in Travemünde ankam, sah er ausnehmend gut aus. Hilde war etwas mollig und, wenn man es gut mit ihr meinte, dem Typ der späten Simone Signoret nicht unähnlich. Beide legten, als wir sie als Nachbarn kennenlernten, großen Wert auf korrektes Benehmen, waren betont höflich und etwas reserviert.

Ich sah von unserem Balkon aus, wie sie am Freitag ankamen; er parkte den Mercedes am Straßenrand vor dem Haus, stieg aus und öffnete ihr die Tür. Sie war dann meist «schöngemacht», was bedeutete, dass sie gerade vom wöchentlichen Friseurbesuch kam. Ihre blaustichige und naturwidrig gewellte Frisur saß wie ein Drahtgestell auf ihrem Kopf, und auch der auffrischende Abendwind von der Ostsee konnte kein Härchen darin bewegen. Sie winkten zu uns nach oben, kommentierten das Wetter und sprachen jedes Mal über ihre Begeisterung, endlich wieder da zu sein, am Meer, in der guten Luft, in der Stille.

Mit der Zeit blieben sie immer öfter auch an den Werktagen in Travemünde. Hans hatte begonnen, die Geschäftsführung des Unternehmens seinem längst erwachsenen Sohn zu übergeben. Sie fühlten sich am Meer viel wohler als in ihrem Haus am Stadtrand von Hamburg, das zu dicht an der Einflugschneise des Flughafens stand und in dem sie alles immer wieder an die Arbeit und die vielen Jahre voller endloser Anstrengungen erinnerte. In Travemünde waren sie frei davon. Man sah schon bei ihrer Ankunft am Freitagabend, wie sie aufatmeten und ein klein wenig ihrer sonst sehr zusammengerissenen Haltung ablegten. In Travemünde konnten sie ziellos spazieren gehen oder einfach stundenlang auf dem Balkon sitzen, ohne etwas tun zu müssen. Hier gab es ganz ungeahnte Freiräume. Sie konnten morgens länger schlafen als in Hamburg und auch, in geradezu rührend gemäßigter Extravaganz, an einem Montagmorgen zum Frühstück schon mal ein Glas Sekt oder sogar, man hatte es ja, Champagner trinken.

Nach einer Weile lösten sie ihr Haus in Hamburg ganz auf und verkauften es. Die teuersten der exquisiten Stilmöbel mussten mit nach Travemünde, wo sie in das winzige Zweizimmerapartment gequetscht wurden. Sehr eng war es jetzt dadrin, zwischen den Kirschholzschränken kaum ein freier Meter. Teilweise lagen drei Orientteppiche übereinander, sie mussten ja irgendwohin, und die Erben sollten sich doch gefälligst noch gedulden. An den Wänden viel maritimes Messingzeug, das Hans an seine Kriegszeit bei der Marine erinnerte, der Balkon überladen mit schweren Liegestühlen aus Tropenholz, die vorher in ihrem weitläufigen Garten gestanden hatten.

In der ersten Zeit kamen sie aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wie schön so ein freier Werktag ohne Termine sein konnte und wie herrlich es doch war, jederzeit an das Meer gehen zu können. Sie meinten zwar, sie wären schon zu alt, um sich noch selbst in Bademode am Strand präsentieren zu können, aber genossen es oft, die Promenade auf und ab zu gehen, den immer ferienhaften Anblick des Strandes vor Augen.

Mit der Zeit konnte man kleine Veränderungen an ihnen beobachten. Hans trug immer seltener seine dunklen Anzüge, sondern zunehmend legere und meist helle Freizeitkleidung. Oberhemden musste man bügeln oder zumindest zum Bügeln bringen; es gab aber gar keinen Grund, sich noch die Mühe zu machen. Ein Pullover oder ein Polohemd gingen doch auch. Seine Garderobe wurde nach und nach ausgetauscht, die Sachen blieben zwar teuer, waren jetzt aber geradezu lässig.

Hilde wurde immer seltener «schöngemacht». Die Termine dauerten ihr viel zu lange, und sie mochte auch nichts vorhaben. Mit der jetzt beinahe frei wehenden Frisur bekam sie einen verwegenen Zug, pustete sich die Strähnen aus dem Gesicht wie ein junges Mädchen und lachte bei den Spaziergängen über den Wind, der ihr die Haare zerzauste. Je lockerer die beiden wurden, desto öfter sah ich sie. Die Besuche zwischen den Wohnungen wurden immer häufiger, wir aßen manchmal gemeinsam und spielten in großer Runde abends mit Würfeln um wenig Geld. Schließlich ging ich in ihrer Wohnung so selbstverständlich ein und aus, als wären sie meine Großeltern. Es war sehr tröstlich, dass nun wenigstens in der Wohnung neben uns an jedem Abend ein weiteres Licht brannte, auch an Werktagen, auch im Winter.

Die beiden gingen sehr viel spazieren, kehrten hier und da in einer der Imbissbuden am Strand ein und tranken ein Bier oder ein Glas Sekt in der Sonne. Besonders Hilde konnte dort, den Pudel zu ihren Füßen, lange auf einem der billigen Plastikstühle sitzen und mit den Einheimischen plaudern. Von Zeit zu Zeit betonte sie, wie schön das doch sei, dass sie nirgendwo hinmüsse. Sie reckte sich wohlig seufzend in der Sonne, streichelte den Pudel und hielt ihr Gesicht in den Wind. Ganze Nachmittage saß sie so. Hans beobachtete derweil mit dem Fernglas die Fährschiffe vor der Küste und murmelte langatmige Erklärungen über ihr Fassungsvermögen in Bruttoregistertonnen, über ihre Maximalgeschwindigkeit in Knoten, über die Kabinenzahl und wie viele Lastwagen in den Laderaum passten. Er kannte sich aus und fand meist auch noch andere interessierte Gäste, andere alte Männer, mit denen er am Fenster stehen und lange Fachgespräche führen konnte. Die Rentner aus dem Binnenland standen am Imbissfenster wie langgediente Kapitäne.

In der kleinen Wohnung wussten sich die beiden dagegen nicht recht zu beschäftigen, nachdem sie die Möbel lange genug hin und her geschoben hatten. Die freie Zeit schien ihnen zwar kostbar, war aber gar nicht einfach zu füllen, wenn man nicht gerade mit dem Hund um den Block ging, was dem hüftkranken Tier leider nicht ganztägig zuzumuten war. Der Fernseher lief permanent, und sie lösten viele Kreuzworträtsel, aber eigentlich warteten sie nur auf den nächsten Spaziergang und die nächste Gelegenheit, sich wieder zu den anderen Gästen in der Strandimbissbude um die Ecke zu gesellen und auf das Meer zu sehen. Sie sahen beide oft zu der alten Schiffsuhr an der Wand, die alle halbe Stunde mit heller Glocke Glasen schlug.

Im Herbst hatten sie es wirklich schwer. Das Wetter wurde unfreundlich, sie mussten oft zu Hause bleiben. Es war irgendwann nicht mehr zu übersehen, dass sie sich furchtbar langweilten. Hans bot seinem Sohn nach langer Überlegung schließlich doch wieder an, ein oder zwei Tage in der Woche im Betrieb zu helfen, erfuhr jedoch, dass das gar nicht mehr erwünscht war. Er sprach daraufhin über ein Jahr nicht mehr mit seinem Sohn und murmelte, wenn sein Name erwähnt wurde, leise grummelnd seemännische Flüche vor sich hin. Da es Hilde währenddessen zunehmend egal wurde, sich bei ihrem Tageslauf nach der Uhr oder auch nach anderen Leuten zu richten, nippte sie öfter einmal zu ungewöhnlichen Zeiten an ihrem Sektglas, und bald kam es häufiger vor, dass sie dabei nicht eben wenig trank. Nach gar nicht langer Zeit nahm sie möglichst viele Gelegenheiten wahr, ein Schlückchen zu trinken, um bald danach in zusehends aufgekratzter Stimmung nach mehr zu verlangen. Sie wurde dann etwas lauter und sehr jovial im Umgang mit den anderen Gästen im Imbiss und entwickelte sich mehr und mehr zu einer Stimmungskanone, die sich als ganz hervorragend für den Umsatz an Bier und anderen Getränken erwies. Hilde war ein gerngesehener Gast, zumal sie spendabel mit Lokalrunden war und die Kinder der anderen Gäste an ihrem Tisch großzügig mit Eis und Pommes versorgte. Wenn einer von uns zwischendurch mit dem Pudel um den Block ging, wurde er reichlich entlohnt, sodass das Tier mehr Bewegung als jemals zuvor im Leben hatte. Es wirkte allerdings keineswegs so, als wäre es davon begeistert. Immer wieder betonte Hilde, dass sie machen könne, was sie wolle, denn sie fürchtete auch bei heftigem Trinken keinen Kater: «Muss ich vielleicht morgen irgendwohin? Nein! Ich nicht mehr! Ich kann machen, was ich will!» Sie wurde erstaunlich schnell in den verschworenen Kreis der einheimischen Stammgäste in der Imbissbude aufgenommen.

Ich wurde gelegentlich zum Imbiss geschickt, um sie von der Bude nach Hause zu bringen, wenn es allzu spät wurde und ihr Pegel schon dramatisch gestiegen war, was ihr jedes Mal großen Spaß bereitete. Hilde war viel schwerer und auch stärker als ich und genoss es sichtlich, sich gewichtig in meinen Arm zu hängen und mich dann in Schlangenlinien durch die Gegend zu schieben, wobei sie mir stets lachend vorwarf, wie unmöglich es wäre, dass ich in meinem zarten Alter schon nicht mehr geradeaus gehen könne. Auf der Hälfte des Weges legten wir einen kleinen Ringkampf ein, weil sie doch lieber nochmal auf ein Glas zurückwollte, und es konnte eine Weile dauern, bevor sie mich etwas gönnerhaft gewinnen ließ und ich sie schließlich doch in ihre Wohnung bugsieren konnte, wo Hans im Schlafanzug auf sie wartete. Hilde musste mit der Zeit immer häufiger aus der Bude geholt werden. Da ich dafür jeweils ein Trinkgeld bekam, war mir diese Entwicklung natürlich angenehm.

Hans war im Imbiss meist dabei, aber eher still. Er trank zwar auch, trank mit seiner Frau und den anderen mit und dadurch auch zusehends mehr, aber er blickte dabei immer öfter unbeteiligt ins Leere oder, nach seinen Erzählungen zu urteilen, in die Vergangenheit. Er war im Zweiten Weltkrieg auf einem U-Boot vor Norwegen herumgefahren, und sobald er mehr als drei, vier Bier getrunken hatte, hakte er gedanklich unweigerlich in dieser Zeit fest. Er erzählte dann, ob man es hören mochte oder nicht, von den gefallenen Kameraden – «alle weg, alle»–, von den beinharten Vorgesetzten und vor allem aber von den wundervollen, unerreichten norwegischen Nutten, wobei er mit den Händen ganz unwahrscheinliche Frauenproportionen in die Luft formte. «Lass ihn reden», sagte Hilde und zuckte mit den Schultern, «lass ihn einfach reden.» Je später der Abend, desto weniger musste man ihm zuhören, er sprach im Zweifelsfalle zu fortgeschrittener Stunde auch mit der Wand weiter oder beschrieb seiner Bierflasche zum hundertsten Mal, wie er einmal mit einem ganz jungen Ding noch im Schnee lag, in irgendeinem Hafen oben im Norden, während die Kameraden schon von Bord nach ihm riefen. Das junge Ding konnte das Wort Schnee nicht aussprechen, Snee sagte es stattdessen, und er wiederholte es für sich mit einem wehmütigen Lächeln: «Snee. Ich hab da unten alles voller Snee, hat sie gesagt.»

Hilde dagegen dachte nicht an die Vergangenheit, Hilde war hungrig auf Gegenwart. Sie hatte ihr Leben lang gearbeitet und von dem verdienten Geld nicht viel gehabt, außer Pelzmänteln und teuren Autos, sagte sie. Hilde wollte jetzt mehr. Spaß! So viel Spaß, wie nur zu haben war. Die Besuche im Imbiss waren nur ein kleiner Teil dieses Programms. Sie ging auch ins Casino, damals gab es in Travemünde noch ein großes Spielcasino, und verlor dort bedeutende Summen, was Hans mit steinerner Miene zur Kenntnis nahm. Sie gab den Croupiers verschwenderische Trinkgelder und bestellte dazu wahllos Cocktails, Hauptsache, bunt und groß. Man sah ihr einen gewissen Triumph beim Bezahlen an; sie machte einfach alles nach, was ihr an glanzvollen Szenen aus früheren Filmen einfiel. Sie ging zur Travemünder Woche, zu allen Straßenfesten, Kurkonzerten und Veranstaltungen, die es im Laufe des Sommers gab, sie flirtete heftig, wenn auch erfolglos, mit fremden, besonders jüngeren Männern, die aber doch ohnehin alle nach ihrem abschließenden Befund «nicht genug Mumm in den Knochen hatten», um wirklich interessant zu sein. Ein zweiter Kerl wie Hans war natürlich nie dabei; Männer wie Curd Jürgens wurden zu der Zeit schon lange nicht mehr ausgeliefert.

Aus ihrer Vergangenheit habe ich nur einmal durch einen Zufall einen kleinen Ausschnitt erfahren. Als sie uns an einem Nachmittag besuchte, lagen auf meinem Tisch ein Skizzenblock und ein Bleistift, da ich gerade beschlossen hatte, ein genialer Zeichner und großer Künstler zu werden. Sie setzte sich, rief mich heran und sagte: «Guck mal, so hab ich ganz früher einmal gearbeitet.» Und dann zeichnete sie mit größter Sicherheit, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, Modebilder. Mit sehr flottem und federleichtem Strich entstanden da ohne jede Mühe und ohne jedes Nachdenken zierliche Frauen mit wehenden Röcken, Frauen in Abendroben, Köpfe von Models mit kleinen Krönchen im Haar, ganze Gruppen von jungen Mädchen auf schmalen Bistrostühlen an einem Gartentisch vor einem nur gerade eben angedeuteten Café. Es sah perfekt, professionell und für meine Begriffe schlicht umwerfend aus. Die Mode auf den Bildern war die der fünfziger Jahre, denn in dieser Zeit hatte sie das Zeichnen als Beruf gelernt, und andere Stilrichtungen meinte sie auch gar nicht darstellen zu können. Sie konnte nur genau diese Modezeichnungen, sonst nichts, sagte sie. Ich habe sie später oft gebeten, mir noch einmal solche Zeichnungen zu machen, denn zum einen war ich wirklich beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der sie entstanden waren, ich hätte ihr stundenlang beim Zeichnen zusehen können. Zum anderen hatte ich die Blätter erfolgreich in der Schule als eigene Produktion ausgegeben, was meinem Ruf als Nachwuchskünstler äußerst guttat. Sie lehnte aber stets ab: «Lass mal, mein Jung, vorbei ist vorbei.»

Im dritten endlosen und langweiligen Winter am Meer änderte Hilde ihre Trinkgewohnheiten und stieg an den Abenden nach und nach von Sekt und Bier auf härtere Getränke um, zunächst noch in der gepflegten Variante eines teuren Cognacs. Der edle Cognacschwenker hatte noch so einen gewissen bürgerlichen Anschein, auch wenn er bereits zum fünften Mal wohlgefüllt auf dem Tisch stand; es war ein Trinken auf vermeintlich hohem Niveau. Auch das Einkaufen dieser Getränke war noch unverdächtig, Rémy Martin ist nicht gerade als typische Alkoholikermarke bekannt. Es wirkte immer noch so wie das gewöhnliche Nachrüsten einer gepflegten Hausbar, und natürlich verteilte sie die Beschaffung des Nachschubs auf alle Geschäfte, die dafür in Frage kamen, sodass sie in jedem nur selten kaufte. Wegen der Touristen aus Skandinavien gab es viele Spirituosenläden in Travemünde.

Nach nur einem Cognacwinter wurde ihr aber auch dieser alltagskulturelle Aspekt zu lästig. «Wir sind ja unter uns, was?» Sie ging zu billigem Weinbrand über, den man auch an einem Kiosk als Flachmann kaufen konnte: «Schmeckt doch eh alles gleich.» Hilde trank schon vor dem Frühstück und ging noch vor sieben Uhr lauthals frivole Chansons aus ihrer Jugend singend mit dem Pudel über die Strandpromenade. Abends war sie früh im Bett, nachdem sie sich vor dem dröhnend lauten Fernseher, in dem irgendetwas lief, dem sie ohnehin nicht folgte, in den Schlaf getrunken hatte. Hans kommentierte all diese Veränderungen nicht. Er trank ebenfalls immer mehr, wenn auch längst nicht so viel wie sie, sagte aber nichts und sah immer öfter ins Leere.

Hilde wurde mit dem Wechsel der Getränke zusehends ordinär, in einem erschreckenden Ausmaß sogar. Nichts blieb von der höflichen Dame, die ich kennengelernt hatte, als sie einzog. Es war nicht nur so, dass ihre Sprache verfiel und sie eine geradezu kindische Freude an der Verwendung unflätiger Ausdrücke fand. Es kam auch vor, dass sie fremden Menschen, gleich welchen Geschlechts, im Vollrausch und in bester Stimmung zwischen die Beine griff, schrill lachend und mit der anderen Hand ein volles Glas schwenkend: «Das pralle Leben», lallte sie mir dabei zu, «da sitzt das pralle Leben, mein Jung, und nirgendwo sonst!»

Die entsetzten Reaktionen der Opfer dieser Übergriffe genoss sie sichtlich. Auch über ihren still dabeisitzenden Hans fiel sie gelegentlich so her, der es aber stoisch aushielt und nicht ansatzweise darauf reagierte. Er schob sie nur ruhig weg, holte sich ein weiteres Bier aus der Küche und fragte mich dann, ob ich schon einmal den Sonnenaufgang in einem winterlichen Fjord erlebt hätte. Es wurde sehr schwer, Zeit mit den beiden zu verbringen, da die Abende allzu berechenbar in der immer gleichen Weise verliefen. Jeder Besuch war für die beiden ein Grund zu trinken, und der Alkohol beendete den Abend schnell. Bis sie ins Bett mussten, was nie lange dauerte, wiederholten sie in endlosen Gesprächsritualen die immer gleichen Themen, Anekdoten und Witze, und auch die Lieder, die Hilde unweigerlich irgendwann sang, waren immer dieselben. Es war kaum auszuhalten.

Sie rauchten beide sehr viel. Aus schlechtem Gewissen ihren Ärzten gegenüber rauchten sie die vermeintlich gesünderen Mentholzigaretten, was ihrer Schmuckschatulle von Wohnung einen seltsamen, unangenehmen Geruch verlieh, nach kaltem Rauch und Pfefferminzkaugummi. Hans bekam bald ernste Schwierigkeiten mit der Gesundheit, insbesondere mit der Durchblutung der Beine. Das Gehen fiel ihm immer schwerer, die Spaziergänge zogen sich zusehends hin. Er machte auf jeder Bank eine kleine Pause. In Travemünde standen viele Bänke, andere wohlhabende Rentner vor ihm hatten sie nach und nach der Gemeinde gespendet. Bei den Runden mit dem Hund war er irgendwann sogar dem alten Pudel zu langsam, sodass dieser, in aller Vornehmheit, gelegentlich ein leichtes Ziehen an der Leine andeutete.

Die Arztbesuche häuften sich. Hans wurde erst an den Venen operiert, dann am Herzen. Er ließ sich aber auch durch längere Krankenhausaufenthalte überhaupt nicht beeindrucken, klagte nie und rauchte und trank ungeachtet aller ärztlichen Warnungen einfach im gleichen Maß weiter. Wenn man ihn darauf ansprach, sagte er nur etwas wie «Das wird schon» oder «Es kommt eh, wie es kommt» und zündete sich die nächste Zigarette an. Es wirkte nicht aufsässig, wenn er so sprach, nicht trotzig gegen die Herausforderungen der Krankheiten oder des Schicksals, es war einfach nur sein leiser, aber sehr bestimmter Beschluss, nichts mehr zu ändern. Nur eine einzige Sache wollte er richtigstellen, und dafür strengte er sich noch einmal an. Er wollte auf keinen Fall ungetauft sterben. Er war als Kind nicht getauft worden, und dieser Zustand war ihm bisher schon immer unheimlich gewesen. Obwohl er nicht religiös war, wurde er einfach ein leises, lebenslanges Mangelgefühl nicht los. Jetzt aber wurde es seiner Meinung nach höchste Zeit, die kirchliche Segnung endlich nachzuholen. Er arrangierte mit dem Travemünder Pastor eine Haustaufe und war erst zufrieden, als er ganz unspektakulär am Wohnzimmertisch getauft worden war. Nur meine Mutter und ich waren als Gäste dabei. Weder vorher noch nachher besuchte er auch nur einen Gottesdienst, er hatte mit der Kirche und dem Glauben überhaupt nichts im Sinn, aber dieser gewisse Makel, der musste doch noch beseitigt werden. «Man weiß ja nie», sagte er.

Seine stattliche Figur fiel in der nächsten Zeit zusehends zusammen, er wurde sichtlich schmaler und sein Gang unsicher. Er ging kaum noch aus der Wohnung, saß auf seinem immer gleichen Platz auf dem Ledersofa, las Bücher über den U-Boot-Krieg, sah am Fernseher vorbei, rauchte und trank. Er starb innerhalb von drei Jahren nach den ersten Beschwerden und einer ganzen Reihe zunehmend sinnloser werdender Operationen.

Hilde dagegen schien der ungesunde Lebenswandel zunächst überhaupt nichts auszumachen. Sie nahm zwar deutlich zu und wurde dadurch etwas kurzatmig, verfügte ansonsten aber über einen phänomenal robusten Körper, der durch Alkohol und Zigaretten scheinbar nicht im Geringsten zu beeindrucken war. Sie zog, als Hans nicht mehr gehen konnte, unbeirrt draußen allein umher. Über seinen Tod verlor sie nie ein Wort, in der Wohnung änderte sie nichts. Alle Sachen von Hans blieben, wo sie waren, sogar die Bildbände über den U-Boot-Krieg lagen weiter aufgeschlagen neben der Lesebrille auf dem Tisch vor seinem Sessel. Die Borduhr wurde weiter aufgezogen und schlug alle halbe Stunde Glasen, obwohl Hilde nie verstanden hatte, welche Schläge für welche Uhrzeit standen. Hilde machte einfach weiter mit allem. Sie ließ aber sofort und endgültig alle Rücksichten auf die gesellschaftliche Etikette fallen und trank nun hemmungslos und mehr als je zuvor. Zur allgemeinen Verwunderung der anderen Stammgäste im Imbiss schaffte sie es dennoch, sechs weitere lange Jahre am Leben zu bleiben, bevor sie durch einen Schlaganfall ohne langes Fackeln aus dem Leben schied und neben ihrem Hans beerdigt wurde.

Der Pudel lebte danach noch beim Sohn von Hilde und Hans in Hamburg und erreichte, wahrscheinlich weil er in den Travemünder Jahren so viel spazieren ging, ein geradezu unglaubliches Alter für einen Hund. Er starb erst zwei Jahre nach Hilde, in aller Würde. Er wachte eines Morgens einfach nicht mehr auf.

Sag was

Wir saßen auf dem Steg und langweilten uns, Sarah, Stefan, Bente und ich.

Unter normalen Umständen wäre es uns nie eingefallen, uns zu langweilen, aber wenn Erwachsene Sätze wie «Geht spielen» benutzten, wurden wir immer schlagartig einfallslos. «Geht spielen», hatten sie zu Sarah, Stefan und mir gesagt, «und nehmt Bente mit.» Bente war etwas jünger als wir und guckte unentwegt so, als hätte man sie gerade ganz furchtbar erschreckt, auch wenn gar nichts war. Sie war die Tochter einer neuen Freundin meiner Mutter, und immer, wenn die zu Besuch kam, zogen wir mit der Tochter, die eigentlich doch zu klein für uns war, zum Strand. Es war so eine Sache mit der Gastfreundschaft. Bente sprach nicht, nie, kein einziges Wort. Als ihr betrunkener Vater einmal in einem Wutanfall vor ihren Augen all ihre Stofftiere und Puppen im Kamin verbrannte, hatte sie einfach aufgehört zu sprechen. Das war schon über ein Jahr her, aber seitdem sah sie mit einem dauerhaften Ausdruck ungläubigen Staunens in die Welt und sagte lieber nichts mehr. Die Mutter von Bente war nach diesem Vorfall in ein Frauenhaus gezogen, was die Erwachsenen immer ganz besonders leise aussprachen und besonders betonten. Wenn sie meine Mutter besuchte, hörten wir Kinder unweigerlich bald: «Geht spielen – und nehmt Bente mit», denn Bentes und meine Mutter und die anderen Freundinnen führten immer ernste Gespräche, bei denen sie uns ausdrücklich nicht dabeihaben wollten.

Wir gingen hinunter zum Strand und setzten uns auf den Steg.

Mit den Zehen konnten wir, wenn wir uns ein wenig langmachten und mit dem Po ganz nach vorn rutschten, die Kämme der Wellen erreichen, gerade eben. Das Wasser war noch eiskalt, es war erst Anfang Mai. Wir hatten ein kleines Schiff dabei, das mit Batterieantrieb fuhr, allerdings immer nur in einem kleinen Kreis. Wir ließen es fahren und sahen zu, wie es rundherum fuhr, immer wieder. Wir konnten es mit den Füßen anstupsen und seine Richtung dadurch etwas verändern, ließen es Kreise um unsere Füße fahren, und Bente lächelte vergnügt, während sie zusah. Ihre Füße reichten natürlich nicht bis zum Wasser, weil ihre Beine noch kürzer waren als unsere, aber wenn eine etwas größere Welle kam, streifte sie leicht ihre Fußsohlen. «Möchtest du ein Eis?», fragte Sarah Bente.

Natürlich hatten wir die Hoffnung, sie irgendwann zum Reden zu kriegen. Sie hatte mit dem Reden einfach aufgehört, dann konnte sie wohl auch einfach wieder damit anfangen, das war ja sehr naheliegend. Bente nickte nur. «Welches?», fragte Sarah trickreich, aber Bente zuckte die Schultern und machte mit den Händen eine Geste, die ganz danach aussah, als wäre ihr jedes, wirklich jedes Eis recht.

«Kommst du mit?», fragte Sarah und Bente nickte wieder, stand auf und ging neben Sarah her, zu Hugos Imbiss hinter der Liegewiese. Stefan und ich fragten uns, ob Bente nicht vielleicht etwas sagen würde, wenn wir sie einfach vom Steg ins Wasser werfen würden. Eigentlich erschien es uns sogar ziemlich wahrscheinlich, dass so etwas den Bann brechen könnte, sie würde bestimmt «Hilfe» rufen oder «Holt mich raus» oder so etwas. Im Nachhinein würde es sich dann sogar als durchdachte und gute Tat erweisen, nur leider nicht auf den ersten Blick, das war uns schon klar. Mit großer Sicherheit würde es Sarah erst einmal überhaupt nicht gut finden, wenn wir die Kleine ins Meer werfen würden. Vielleicht fände sie es sogar in einem solchen Ausmaß schlimm, dass sie dann auch uns nicht mehr gut finden würde – und man konnte bestimmt einiges riskieren, um so ein armes, gestörtes Kind zu heilen, aber doch nicht gleich alles.

Sarah kam zurück, Bente ging neben ihr her. Seltsam, mit der Kleinen an der Hand sah Sarah gleich viel älter aus. Bente leckte an ihrem Eis und setzte sich wieder neben uns, wir ließen das Schiff noch einmal fahren und legten es dann auf die ausgebleichten Holzplanken des Stegs zum Trocknen. Bente und Sarah warfen ihre Eisstiele ins Wasser, und wir sahen zu, wie sie von den Wellen langsam schaukelnd an den Strand getrieben wurden. «Soll ich dir mal die Haare flechten?», fragte Sarah Bente, und die nickte wieder begeistert. «Einen Schwanz hinten? Zwei Zöpfe? Oder nur einer? Oder mehr? Links oder rechts?» Bente antwortete auch diesmal nicht, sie hielt nur ihre langen Haare an beiden Seiten des Kopfes hoch und strahlte. Sarah flocht ihr Zöpfe, und wieder sah es so aus, als würde sie dabei älter werden. Bente rutschte auf ihren Schoß. «Schön?», fragte Sarah, und Bente nickte, immer nur dieses lächelnde Nicken, es machte einen wahnsinnig. «Sollen wir dir mal eine Qualle fangen?», fragte ich, denn man musste sich ja mit irgendwas beschäftigen. Aber diesmal schüttelte sie heftig den Kopf. «Also keine Qualle», sagte ich, «verstehe.» Das wäre auch sowieso nichts geworden, schließlich gab es im Mai noch gar keine Quallen, aber man musste dranbleiben und das Kind irgendwie fordern, dachte ich.

Die Zöpfe waren fertig, aber da Sarah keine Gummis oder Spangen dabeihatte, lösten sie sich an den Spitzen gleich wieder auf. Bente fasste die Zöpfe an, schüttelte wild den Kopf und fasste wieder an. Die Zöpfe lösten sich mehr und mehr, und Bente schüttelte die Haare, bis die Zöpfe ganz weg waren, sie sah jetzt aus wie ein ganz normales, vergnügtes kleines Mädchen mit sehr strubbeligen Haaren. Sarah sah ihr lachend zu und strich ihr dann eine Strähne aus dem Gesicht. In ihrer Haltung war jetzt etwas entschieden Mütterliches auszumachen, was Stefan und mich ganz seltsam berührte. Wir legten uns auf den Rücken und sahen in die weißen Wolkenberge am Himmel. Einfach aufzuzählen, was man da sah, konnte auch vielleicht helfen, die Stunden herumzubringen, und so fingen wir an, die vorbeiziehenden Bilder zu benennen, ein Leuchtturm, ein Schaf, der Teufel, ein wirklich riesiger Busen, den Sarah aber nicht erkennen wollte. Zwischendurch hob ich den Kopf und sah zu Bente hinüber. Sie lag auch auf dem Rücken, aber sie hatte die Augen geschlossen, hörte uns zu und malte dabei mit den Fingern Gebilde in die Luft, wahrscheinlich immer das, was wir gerade ansagten. Ihre Beine waren mit denen von Sarah verhakt, ich sah es voller Neid. Sie besucht uns bestimmt gerne, dachte ich. Wer am Meer wohnt, wird immer gerne besucht.

Touristen ragten plötzlich riesengroß über unseren Köpfen auf, zwei ältere Herren, die an uns vorbeigingen, zum Ende des Steges. Sie zeigten auf das Frachtschiff, das gerade am Horizont auftauchte, und unterhielten sich, wir konnten nicht verstehen, worum es ging. Der eine hatte ein Fernglas dabei und sah hindurch, der andere drehte sich um, sah uns an und sagte: «Na, liegt ihr hier rum?», was wirklich eine selten blöde Touristenfrage war. Wir sahen angestrengt weg, und der Mann kicherte hinter uns: «Hoho, bitte nicht stören, was?» Die beiden gingen wieder. Wir sahen nicht hin, aber wir hörten die Schritte, das leichte Klappern der Sandalen. «Na, liegen wir hier rum», machte ich den Tonfall des Mannes nach, und Sarah sagte betont kindlich: «Ja, Onkel, ja.» Bente lachte lautlos, es sah seltsam aus.

«Sag was», flüsterte ihr Sarah zu, während sie Bentes Haarsträhnen wieder sortierte und zwei neue Zöpfe flocht, «sag doch mal was.» Ich konnte es gerade eben verstehen, sie flüsterte die Aufforderung in Bentes Haar hinein, das sie unentwegt zwischen ihren Fingern drehte. Bente hatte die Augen genießerisch geschlossen, lehnte sich an Sarah und schüttelte nur ganz leicht den Kopf. Das Holz war warm unter uns, fast schon heiß wie im Sommer, es war schön, darauf zu liegen. Ein Tretboot fuhr an dem Steg vorbei, mit einem jungen Paar darin, sie saßen Arm in Arm. Er trat, und sie ließ sich fahren. Die beiden winkten uns zu, und wir winkten höflich zurück, wobei wir uns bemühten, etwas herablassend zu wirken, es waren ja bestimmt Touristen in dem Boot. Nur Bente winkte mit beiden Händen, sie stand sogar auf, um das Boot besser im Blick zu haben, und die beiden an Bord lachten über die eifrige Kleine auf dem Steg. Bente hüpfte auf und ab, und wir setzten uns lieber auf, das Hopsen dröhnte auf den Planken und in unseren Ohren.

«Passen Sie auf die Netze auf», rief Stefan zu dem Boot hinüber.

«Netze? Wo?», rief der Mann zurück, und Stefan erklärte ausführlich den komplizierten Verlauf der sehr langgezogenen Fischernetze in Küstennähe, die es in Wahrheit natürlich nicht gab. Touristen konnte man wirklich alles erzählen. Der Mann hörte aufmerksam zu und versuchte, sich Stefans etwas wirre Erklärungen zu merken, dann wendete er das Boot. Er wirkte jetzt etwas angestrengt. Die Frau beugte sich über Bord und sah konzentriert in das Wasser, auf der Suche nach den Seilen, die das vermeintliche Netz hielten.

Wir gingen vom Steg runter und die Promenade entlang, unentschlossen, was wir tun sollten. Wir liefen ein paar Meter mit den Füßen im Wasser, aber die Kälte tat noch weh. Wir setzten uns auf ein paar Steine und warteten, bis unsere Beine wieder trocken waren. Die Liegewiese vor dem Strand war in der Vorsaison noch menschenleer, es roch frühsommerlich frisch gemäht, die Flaggen der Reedereien an den Fahnenmasten regten sich nur leicht in der Brise. Bente nahm meine Hände und zog mich auf die stoppelige Wiese, sie wollte jetzt, was immer irgendwann dran war, wenn sie zu Besuch kam, das Karussellspiel. Dazu musste man sie an beiden Händen fassen und sich dann schnell im Kreis drehen, sodass sie, die nicht sehr schwer war, sich wirbelnd herumdrehte, die Beine in der Luft. Das machten wir alle drei abwechselnd mit ihr, denn etwas anstrengend war es schon, und es wurde einem natürlich schwindelig dabei. Einer nach dem anderen wirbelten wir sie herum, und sie strahlte. Das vergnügte Kreischen, das ein normales kleines Mädchen sicherlich von sich gegeben hätte, hörte man allerdings nicht; sie riss zwar den Mund auf, aber es kam nichts heraus, keine Silbe, kein Ton. Stefan war größer und stärker als Sarah und ich, er konnte sie am besten herumwirbeln, stand wie ein gutmütiger großer Bruder auf der Liegewiese und drehte sich im Kreis, bis auch ihm schwindelig wurde und er sein Gleichgewicht verlor. Bente saß im Gras und breitete die Arme aus, schwankend und schaukelnd. Kaum war sie wieder auf den Beinen, kam sie noch einmal zu mir gelaufen, riss an meinen Händen und sah mich auffordernd an, die Haare wild im Gesicht. Ich fasste zu und fing an, mich zu drehen, schneller und schneller, ihre Beine hoben ab und gingen in die Höhe, ich versuchte, meine Arme ganz lang zu machen, damit sie noch weiter ausschwingen konnte, und dann rutschte sie mir weg.

Es war einfach zu viel Schwung, sie flog mir aus den Händen, und es kam mir vor, als würde sie meterweit über die Wiese fliegen. Sie landete hart auf dem Bauch, und ich hatte Angst, dass sie sich etwas getan haben könnte, denn man konnte ja schlecht ein misshandeltes Kind misshandeln, das war wirklich gegen alle nur denkbaren Spielregeln. Wir liefen zu ihr und drehten sie um, Sarah fauchte Stefan und mich an, gefälligst wegzubleiben, sie nahm Bentes Kopf in den Schoß, fragte, wo es wehtat, und streichelte über ihr Haar und ihr Gesicht. Wenn ich hingefallen wäre, hätte sie mich nicht so gestreichelt, dachte ich, nicht einmal, wenn ich mir dabei beide Beine gebrochen hätte. Bente hatte Tränen in den Augen, ihre Knie waren beide blutig, wenn auch nicht sehr schlimm, eigentlich nur kleine Kratzer, die nicht einmal nach Pflaster aussahen. Ich sagte ihr natürlich, dass es keine Absicht gewesen sei, sie schüttelte den Kopf und nickte abwechselnd, nein, natürlich nicht, keine Absicht, sie verstand schon, zumindest sah es für mich so aus, ich war sehr erleichtert. Es schien aber doch ziemlich wehzutun, denn sie krümmte sich jetzt über ihre Knie, und dann hörten wir ein ganz, ganz leises, langgezogenes «Au», mehr ein reflexhafter Laut als ein gesprochenes Wort. Sarah nahm sie in die Arme, und die Kleine kuschelte sich an sie und weinte und weinte.

Gesagt hat sie dann aber doch nichts mehr, nach dem «Au», alle Fragen von uns blieben unbeantwortet, alle Trostversuche von Sarah, ihre streichelnden Hände, ihre gemurmelten Liebkosungen bewirkten nur ein allmähliches Nachlassen ihres Schluchzens. Es war uns daher gar nicht recht klar, ob wir diese eine Silbe als spektakulären Erfolg auf dem Weg zurück zur Sprache feiern sollten oder nicht. Stefan, Sarah und ich, wir haben uns noch wochenlang darüber gestritten.

Ein Herrengedeck für Canaris