Euer Traum war meine Hölle - Natacha Tormey - E-Book

Euer Traum war meine Hölle E-Book

Natacha Tormey

4,8
6,99 €

Beschreibung

Natashas Eltern sind echte Hippies, sie träumen von der freien Liebe und dem Weltfrieden. Naiv lassen sie sich von der Sekte Children of God anwerben - so wird ihre Tochter Natasha in die Sekte hineingeboren, ebenso wie ihre Geschwister. Ein normales Familienleben wird Natasha nie kennenlernen. Die Sekte propagiert die freie Liebe, auch mit Kindern! Getrennt von ihren Eltern, sind Natasha und ihre Geschwister dem Missbrauch durch fremde "Onkel" und "Tanten" schutzlos ausgeliefert.

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Seitenzahl: 371

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Über die Autorin

Natacha Tormey ist heute 29 Jahre alt. Sie wurde in die Sekte Children of God (auch bekannt als The Family) hin­eingeboren und wuchs in verschiedenen Kommunen in Südostasien, Ostafrika und Europa auf. Mit 18 Jahren verließ sie den Kult und stellte sich der zweiten schweren Aufgabe: in der modernen Welt Fuß zu fassen. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von London.

Natacha Tormeymit Nadene Ghouri

EUER TRAUM WAR MEINE HÖLLE

Als Kind misshandelt und missbraucht in einer Sekte

Aus dem Englischen von Magdalena Breitenbach

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2014 by Natacha Tormey and Nadene Ghouri

Titel der Originalausgabe: »Born into the Children of God«

Originalverlag: Harper Element, an Imprint of HarperCollinsPublishers

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Covermotive: © Trevillion Images/Kelly Sillaste

© shutterstock/James Steidl

© getty-images/Martin Barraud

Umschlaggestaltung: Thomas Krämer

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-5863-3

Sie finden uns im Internet unter www.luebbe.deBitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Für diejenigen von euch, die diese Welt verlassen haben, da der Schmerz einfach zu groß, zu unerträglich war.Ihr sollt wissen, dass wir sie endlich so gezeigt haben, wie sie wirklich sind.Dieses Buch ist für euch: die namen- und stimmlosen Kinder dieser Sekte.Ihr werdet immer meine Familie sein.

Inhaltsverzeichnis

Familienstammbaum

Bergs Haushalt

Vorbemerkung der Autorin

Prolog

1. Kapitel – Stern und Mondschein

2. Kapitel – Gottes Huren

3. Kapitel – Märchen und Blitze

4. Kapitel – Tänze für den König

5. Kapitel – Horror in der Hütte

6. Kapitel – Ein Hoffnungsschimmer

7. Kapitel – Auseinandergerissen

8. Kapitel – Von Furcht beherrscht

9. Kapitel – Liebesgrüße aus Moskau

10. Kapitel – Meuterei beim Tee

11. Kapitel – Unter Büffeln

12. Kapitel – Das Land des Teufels

13. Kapitel – Bewegung

14. Kapitel – Neuer Wein

15. Kapitel – Der Wandel der Zeit

16. Kapitel – Glückliche neue Endzeit

17. Kapitel – Eine Tür öffnet sich

18. Kapitel – Ein Vogel im Käfig

19. Kapitel – Hat Armageddon ohne mich begonnen?

20. Kapitel – Der Prinz ist tot

21. Kapitel – Reinkarnation

22. Kapitel – Die Frau im Spiegel

Danksagung und Nachwort

Familienstammbaum

Bergs Haushalt

Vorbemerkung der Autorin

Dieses Buch ist die Geschichte meiner Vergangenheit und beruht auf dem, was ich in meiner Kindheit gesehen und erlebt habe. Nicht in böswilliger Absicht habe ich es verfasst, sondern um – auch durch das Schreiben – Heilung zu finden. Ich hoffe, meine Geschichte wird dazu beitragen, ein Bewusstsein zu schaffen für die lang anhaltenden Folgen, die das Aufwachsen in einer Sekte auf junge Menschen haben kann.

Um die Identität mir nahestehender Menschen zu schützen, habe ich die meisten Namen geändert und einige Gesichter auf den Fotos unkenntlich gemacht.

Prolog

Der scharfe säuerliche Geruch stieg mir in die Nase und brannte in meiner Kehle. Ich musste husten, doch ich wusste, wenn ich irgendeine negative Reaktion zeigte, würde es Schläge setzen, also zwang ich mich zu kurzen, heftigen Schnaufern durch den Mund.

Onkel Isaiah stand am Lagerfeuer und schwenkte eine schwere eiserne Bratpfanne über den Flammen. Ein grässlicher Gestank stieg daraus empor. Ein halbes Dutzend Kinder, einschließlich meiner selbst, befanden sich auf der kleinen Lichtung, die man aus dem dichten tropischen Farn- und Blätterdschungel gehauen hatte. Wir saßen im Schneidersitz und mit kerzengeradem Rücken im Kreis, wie er es uns befohlen hatte. Hohe Bäume überragten uns, weit oben bildeten sie ein Blätterdach, das keinen Windhauch hindurchließ und unter dem sich der üble Gestank ansammelte.

Mein jüngerer Bruder Vincent hatte den Platz neben mir. Ich spürte, wie verkrampft er war, wagte jedoch nicht, ihn anzusehen. Ich warf einen Blick auf die anderen Kinder, um in ihren Gesichtern zu lesen. Sie starrten entweder zu Boden oder geradeaus, bemühten sich um einen neutralen und unbesorgten Ausdruck. Es waren die gehorsamen, unterwürfigen Mienen, die alle Kinder perfekt beherrschten und die wir mehrmals täglich aufsetzten, wenn man uns zwang, trockenen Reis oder schlabbrigen Porridge zu essen, Übungen zu machen oder uns peinliche Word-Time-Vorträge über Sex anzuhören. Doch ich durchschaute all die geheuchelte Fügsamkeit und wusste, dass alle das Gleiche dachten wie ich: Wie schaffe ich es bloß, mich nicht zu übergeben?

Vor einer Stunde vielleicht hatte Onkel Isaiah uns gezeigt, wie man Feuer macht, indem man Stöcke aneinanderreibt. Es schien ihm Freude zu machen, uns bei dieser mühseligen Arbeit zuzuschauen, und nun waren meine Hände von all den Versuchen wund und voller Blasen. Am Ende brannte das Feuer endlich, und ich sah ungeheuer stolz zu, wie die orangefarbenen Flammen an den schweren Ästen züngelten, die wir von den Bäumen geschlagen und durch den Wald herbeigetragen hatten. Inzwischen war es später Nachmittag, und es herrschte noch immer eine glühende Hitze, die so nahe am Feuer nur noch schlimmer wurde. Onkel, der mir den Rücken zuwandte, beugte sich vor, seine stämmigen, haarigen Beine ragten aus den Khakishorts, und ich musste an die großen Spinnen denken, die unter unseren Betten hervorgekrabbelt kamen, wenn wir den Schlafsaal fegen mussten. Es war April, Anfang der Monsunzeit in Malaysia. Die hohe Luftfeuchtigkeit sorgte dafür, dass Ströme von Schweiß an meinem Körper hinabrannen. Dieser ganze Schweiß, zusammen mit dem allgegenwärtigen Dreck, ließ mir die verblichenen Shorts und das weite T-Shirt am Leib kleben. Wir besaßen nur wenige Kleider, und die paar, die wir hatten, waren von wohlmeinenden Leuten gespendet, so dass sie nur selten richtig passten.

Der Dschungel war beängstigend für ein Kind. Jeden Augenblick, so fürchtete ich, könnte eine Giftschlange mich beißen oder ein fauchender Tiger zwischen den Bäumen hervorspringen und mich mit seinen gewaltigen Zähnen packen. Ständig blickte ich hinter mich und hielt nach funkelnden Augen im Unterholz Ausschau. Die Luft wimmelte von riesigen Schwärmen summender Insekten. Moskitos stießen immer wieder in regelrechten Angriffswellen auf meinen Kopf und meine nackten Arme herab. Zwar verscheuchte ich sie, so gut ich konnte, aber nicht gestochen zu werden war schier unmöglich.

Ich hatte weder Mückenspray, um die Insekten in Schach zu halten, noch Sonnencreme, um meine empfindlich helle Haut vor dem Verbrennen zu schützen. Ganz alltägliche Annehmlichkeiten waren etwas für Außenstehende, die als Angehörige des »Systems« galten, und auf derartige Dinge zurückzugreifen verstieß gegen unsere Regeln.

Jetzt hob Onkel Isaiah mit triumphierendem Grinsen die heiße Pfanne aus dem Feuer und ließ seinen Blick über die versammelte Gruppe schweifen.

Alle Kinder der Kommune teilten sich einen Schlafsaal und lernten gemeinsam mit den anderen ihrer Altersgruppe. Vincent und ich waren damals in der MK – das stand für »Mittlere Kinder« und bezeichnete die Gruppe der Kinder von neun bis zwölf Jahren. Unsere Lehrer wechselten alle paar Monate, und der aktuelle hieß eben Isaiah. Seinen tatsächlichen Namen kannten wir nicht, weil alle Erwachsenen bei ihrem Eintritt in die Gruppe einen biblischen Sektennamen erhielten. Für uns Kinder waren sie einfach Onkel und Tanten.

Sobald es Tag wurde, erwartete man von uns Kindern, dass wir klaglos aufstanden und uns anzogen. Nach dem Frühstück begann Onkel Isaiah mit unserem Schul- und Word-Time-Unterricht. Weil das Haus keinen zusätzlichen Raum für ein eigenes Klassenzimmer besaß, fanden auch die Unterrichtsstunden im Schlafsaal statt. Wir verließen diesen Saal nur zu den Mahlzeiten, wenn wir uns in schweigendem Gänsemarsch zum Essensraum begaben, oder zu unserem militärischen Überlebenstraining für die Endzeit, weswegen wir uns auch dieses Mal bis in den Abend hinein im Dschungel aufhielten.

Was immer wir taten oder sagten, Onkel Isaiah kontrollierte alles. Sogar auf die Toilette begleitete er uns. Ich hasste es, wenn er da stand, mich beim Pinkeln belauerte und aufpasste, dass ich ja nicht mehr als die zwei Blatt Toilettenpapier benutzte, die uns nach Vorschrift zugeteilt waren. Er wurde sehr schnell ungehalten.

Als er uns jetzt die Pfanne hinhielt und durch eine Handbewegung zu verstehen gab, dass wir einen Blick hineinwerfen sollten, taten wir daher sofort, was er verlangte. Mehrere riesige schwarze Ameisen brutzelten auf dem Pfannenboden vor sich hin und sonderten einen widerlich chemischen Geruch ab, der mir in der Nase brannte.

»Nimm!«, befahl Onkel Isaiah mit seinem starken irischen Akzent.

Ich wollte mir auf keinen Fall mein Zögern anmerken lassen, als ich zaghaft nach ein paar Ameisen griff und nach Möglichkeit vermied, eine noch lebende zu erwischen oder mir an der heißen Pfanne die Finger zu verbrennen.

»Iss!«, befahl er.

Ich hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne und sah den strengen Blick des Onkels. Ich holte tief Luft, schob mir die Ameisen in den Mund und schluckte. Ich spürte das Kitzeln ihrer Beine in der Kehle. Ich spürte, wie mir die Galle hochstieg, schluckte sie dann aber mitsamt den Ameisen herunter.

Sie schmeckten so bitter, so widerwärtig. Und doch verschlang jedes der Kinder mindestens eine Handvoll davon. Ein Junge brachte es sogar fertig zu lügen: »Mmmm, Onkel Isaiah, Ameisen sind lecker.«

Mit der Unerschrockenheit seiner Schützlinge ganz offensichtlich zufrieden, lächelte uns unser Lehrer wohlwollend zu. Ich wusste zwar, dass all das Training nur zu unserem Besten war, damit wir stark und mutig wurden und unsere Superkräfte entwickeln konnten, aber trotzdem hoffte ich dabei inständig, dass sein Lächeln das Ende des Unterrichts bedeutete und wir nach Hause und ins Bett durften. Stunden waren wir durch den Wald marschiert und hatten Holz gesammelt. Die Glieder taten mir weh, weshalb mich seine nächste Anweisung innerlich regelrecht aufjaulen ließ.

»Und als Nächstes lernen wir nun, Heuschrecken zu frittieren. Geht, sucht welche und bringt sie mir zum Braten.« Wortlos taten wir, was er uns gesagt hatte. Zwanzig Minuten später kaute ich auf einer knusprig gebratenen Heuschrecke herum – und sie schmeckte nicht einmal so übel. Irgendwie nussig.

1. Kapitel

Stern und Mondschein

Es war jener Jahrhundertsommer des Jahres 1976 mit der größten Hitzewelle seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Europa. Der Kalte Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der kommunistischen Welt befand sich auf dem Höhepunkt. Das daraus resultierende Wettrüsten beherrschte die Nachrichten, und die allgegenwärtige Drohung eines Atomkrieges hielt sogar uns Kinder nachts wach. Im Radio liefen die Bohemian Rhapsody der Gruppe Queen, Abbas Dancing Queen und A Kind of Hush von den Carpenters. Die wahnsinnig populären Beatles wurden in Indien mit Turban auf dem Kopf fotografiert, und die in den späten 1960ern aufgekommene Gegenkultur der Hippies verlor gegenüber Disko und Glamrock allmählich an Boden. Allerdings nicht ehe die Hippie-Ideale weltweit noch Hunderttausende Jugendlicher aufwühlten, die sich verzweifelt danach sehnten, die Fesseln ihrer Nachkriegs-Elterngeneration abzuschütteln.

Vor diesem Hintergrund lebte in der schönen Künstlerstadt Paris ein gut aussehender Zwanzigjähriger namens Marcel gemeinsam mit mehreren anderen jungen Hippies in einem Haus. Die Hausgenossen waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus sämtlichen Teilen der Welt und von unterschiedlichster Herkunft. Gemeinsam war ihnen der Hass aufs Althergebrachte, der Wunsch, sich nicht für seinen Lebensunterhalt abrackern zu müssen sowie der inbrünstige Glaube an Jesus. Sie verbrachten ihre Tage in einem euphorischen Nebel aus Gitarrengeschrammel, Tamburingeschüttel, dem Singen von Folksongs oder indem sie die Pariser Straßen abklapperten, um andere für ihren Glauben zu gewinnen.

An jenem Nachmittag war Marcel die Seine entlanggeschlendert und hatte versucht, radikale christliche Pamphlete loszuschlagen, die die vorübereilenden Passanten vor dem Ende der Welt warnten. Der Antichrist – glaubte Marcel – war überall und aufs Emsigste damit beschäftigt, den Niedergang einer Menschheit zu planen, die zu verblendet war, dies zu erkennen. Marcels Warnungen waren daher aufrichtig und leidenschaftlich, doch für die schwitzenden, genervten Pendler in ihren Anzügen, denen es wichtiger war, nach einem langen Bürotag die nächste Metro zu erwischen, war er nur ein Spinner.

Am Ende des Tages hatte er bloß eine Handvoll seiner Pamphlete an den Mann gebracht und nur wenige Francs eingenommen. Und lediglich zehn Prozent davon durfte er behalten, um sich etwas zu essen zu kaufen, der Rest seiner Einnahmen ging an seinen Aufseher – eine Art Manager. Verzagt blickte er auf die Münzen in seiner Hand und gelangte zum Schluss, dass er, obwohl er sehr durstig war, nicht einmal genug besaß, um sich ein kaltes Getränk zu kaufen. Hol dir den Sieg, Marcel, hol dir den Sieg, feuerte er sich mit der üblichen Floskel, die die Kinder Gottes zur Motivation nutzen, selbst an, ehe er den nächsten Boulevard ansteuerte.

Als die Stoßzeit vorbei war und die Straßen sich leerten, sah er keinen Sinn mehr darin, länger zu bleiben, und machte sich in der Hoffnung, endlich ausruhen zu dürfen, auf den Heimweg. Doch er hatte sich zu früh gefreut. Der Aufseher erwartete ihn bereits in der Diele. Ohne eine Miene zu verziehen, reichte der Mann Marcel ein schickes Hemd und eine Hose und befahl ihm, sein T-Shirt und seine rote Samtschlaghose abzulegen. Verdutzt tat Marcel, was man ihm sagte. Als Nächstes beorderte ihn der Aufseher in ein Nebenzimmer und befahl ihm, einen Bericht über all seine Erlebnisse des vergangenen Tages zu verfassen und auch alle bösen oder unreinen Gedanken niederzuschreiben, die im dabei durch den Kopf gegangen waren.

Zwei Stunden später hockte Marcel noch immer in diesem Zimmer und fragte sich, was das Ganze sollte. Er traute sich aber nicht, den Raum ohne Erlaubnis zu verlassen. Allmählich wurde er nervös.

Schließlich kehrte der Aufseher zurück. Mit steinerner Miene führte er Marcel in den großen Salon, wo all seine Hausgenossen in einem Kreis dastanden. Als sie ihn sahen, begannen sie zu jubeln und zu klatschen. Marcel fühlte sich zwar ungeheuer erleichtert – offenbar hatte er nichts Schlimmes zu befürchten –, doch was eigentlich los war, wusste er immer noch nicht.

Da trat eine bildschöne Frau mit strahlenden grünen Augen und in einem langem Baumwollkleid hinter den Hausbewohnern hervor. Ein Kranz aus Gänseblümchen saß auf ihrem Haar, das wie ein goldener Wasserfall bis zu ihrer Taille hinabfiel. Der Aufseher verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen, klopfte Marcel auf den Rücken und verkündete das Programm des bevorstehenden Abends.

Marcel war mein Vater, Geneviève, die Frau mit den strahlend grünen Augen meine Mutter – und dieser Abend sollte ihre Hochzeit sein.

So begann – ohne jede Vorwarnung – ihr Leben zu zweit.

Das Haus, in dem Marcel lebte, gehörte den Children of God, den Kindern Gottes, einer evangelikalen christlichen Sekte, die sich später The Familiy of Love und The Family nannte. Meine Mutter, die zur Zeit ihrer Heirat achtzehn Jahre alt war, gehörte erst seit wenigen Monaten zur Gruppe. Mein Vater hatte sich ihnen bereits drei Jahre zuvor als Siebzehnjähriger angeschlossen.

Gründer und Chef der Gruppe war David Berg, Sohn eines evangelikalen Predigers aus Kalifornien. Die Kinder Gottes bekannten sich zum Christentum, bedienten sich aber auch aufs Großzügigste beim Anti-Establishment-Hippie-Zeitgeist mit seiner freien Liebe, ostwestlicher Spiritualität und Philosophie. Derart verquaste Mixturen waren damals absolut »in« und Berg nicht der einzige berühmte Guru, der in diesen Jahren seinen großen Auftritt hatte. Berg war, wie es erfolgreiche Gurus immer sind, ein charismatischer und beeindruckender Redner mit der Fähigkeit, andere zu überzeugen. Doch er war auch ein Sexualstraftäter, der es mochte, wenn ihm seine Jünger Videos von ihren Orgien schickten. Jesus, predigte er, sei ein Mann gewesen, der Sex geliebt habe, weswegen man sich seiner sexuellen Neigungen nicht zu schämen brauche.

Überall in Amerika und Europa ließen sich Zehntausende junger Hippies wie meine Eltern von den Kindern Gottes anwerben, da sie sich einbildeten, die Sekte stehe für ein übergeordnetes Wohl – für Liebe, Freiheit, Frieden und den Wunsch, die Welt zu retten.

Zwar ahnten meine Eltern es damals noch nicht, doch ihr Hochzeitstag sollte lediglich eine Kostprobe dafür sein, wie die Sekte fortfahren sollte, jeden einzelnen Aspekt ihres künftigen Lebens zu bestimmen. Genauso wie auch jede Facette des meinen.

* * * * * *

Als Fünfzehnjähriger, also fünf Jahre zuvor, hatte mein Vater entsetzt beobachtet, wie Männer in weißen Kitteln auf sein Elternhaus im ländlichen Frankreich zuschritten. Sie trugen die weißen Pflegerkittel der örtlichen Heilanstalt. Sein älterer Bruder Frédérique vermutete ganz richtig, dass sie seinetwegen gekommen waren, und versuchte, zur Hintertür zu laufen, doch dies hatten die Männer vorausgesehen. Als seine Mutter einigen von ihnen die Vordertür öffnete, lauerten andere bereits mit schlagbereiten Fäusten und Zwangsjacke am Hinterausgang auf ihr Opfer.

Mein Vater hat Frédériques angstvolle Schreie, als sie seinen Bruder grob in den Krankentransporter stießen und die Tür hinter ihm verriegelten, niemals vergessen können. Ebenso wenig wie die Resignation im versteinerten Gesicht seiner Mutter. Ihren Mann – seinen Vater – einen Alkoholiker, der meist zu betrunken war, um zu arbeiten, hatte seine Frau häufig in die gleiche Anstalt einliefern lassen, in die nun auch Frédérique geschafft wurde.

Marcel hatte seine Mutter damals regelmäßig begleitet, wenn sie den Vater besucht hatte, der jedoch meist so stark unter Beruhigungsmitteln stand, dass er nur lallte, oder aber mit breiten Schnallengurten ans Bett gefesselt war. Der Vater weinte dann und flehte seine Frau an, ihn mit nach Hause zu nehmen, und versprach ihr, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren. Marcel hoffte jedes Mal, dass die Mutter den Vater mitnehmen würde, und fürchtete sich gleichzeitig allein bei dem Gedanken an das Leben mit dem alkoholisierten Vater vor dessen Gewalttätigkeit und Ausrastern. Ihren Mann dort zu lassen war für die Mutter wohl die einzige Möglichkeit, sich und ihre sieben Kinder vor Schlägen und Erniedrigungen zu schützen. Das Geld allerdings war so knapp, dass es nur selten reichte, alle Familienmitglieder satt zu bekommen. Zweimal wurden die Kinder für eine gewisse Zeit in verschiedenen Pflegefamilien untergebracht. Die Leute, zu denen mein Vater kam, waren derbe Bauern, die ihn bis zur Erschöpfung schuften und fast verhungern ließen und ihn schlugen, wenn er sich beklagte.

Trotz seiner harten Erziehung entpuppte sich der junge Marcel als der Intellektuelle der Familie, war gut in der Schule, und alle erwarteten, dass er es als Erster in der Familie vielleicht auf eine Universität schaffen würde. Frédérique hatte in dem Jahr, bevor er von den Männern in weißen Kitteln fortgeschafft worden war, als Metzgerlehrling gearbeitet, wo er zwei Finger bei der Arbeit am Fleischwolf verlor. Nach dem Unfall war Frédérique auf eine lange Reise gegangen und durch Frankreich, Italien und die Schweiz getrampt. Zurück kam er mit wilden Geschichten über die Hippiekommunen, in denen er unterwegs übernachtet hatte. Er hatte einige Zeit bei den Hare-Krishna-Leuten und in einem Kinder-Gottes-Haus in der Schweiz verbracht. Zwar hatte ihm das Leben in einer Kommune auf Dauer nicht zugesagt, doch es mal ausprobiert zu haben, wollte er gewiss nicht missen. So manchen Abend unterhielt Frédérique seinen jüngeren Bruder mit seinen Abenteuern.

Der heranwachsende Marcel aber erstickte fast am Leben in der Provinz, suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus der Armut und wollte nichts wie fort aus der öden Kleinstadt, wo der Ruf der Familie schon lange ruiniert war. Ihn umgaben kleingeistige Enge, stetes Unglück und die missbilligenden Blicke der Nachbarn. Durch die Erzählungen seines Bruders jedoch tat sich vor Marcels innerem Auge plötzlich eine sehr viel weitere und aufregendere Welt auf.

Die Mutter war allerdings weniger beeindruckt, vor allem störte sie das Haschischrauchen, das sich Frédérique auf seiner Reise angewöhnt hatte. Da Frédérique aufgrund seiner verstümmelten Hand nicht an seine alte Stelle in der Metzgerei zurückkehren konnte, hockte er nun den ganzen Tag berauscht im Haus herum, ließ sich durchfüttern und trug selbst nichts zum Familieneinkommen bei. Für dieses heikle Problem hatte die Mutter eine nur allzu vertraute Lösung, sie ließ Frédérique in die Anstalt einweisen, wie schon zuvor seinen Vater.

Während Marcel fassungslos dem Krankentransporter mit seinem Bruder nachsah, sagte seine Mutter tonlos: »Die werden sich um ihn kümmern.«

Als er seinen Bruder ein paar Wochen später besuchen durfte, ähnelte der einst so lebhafte Frédérique einem Zombie. Genötigt, in der Zwangsjacke zu essen und zu schlafen, war er zum Dahinvegetierenden verdammt – und er bekam zudem so starke Medikamente verabreicht, dass er keinen vollständigen Satz mehr bilden konnte. Damals konnten psychiatrische Krankenhäuser grausame Orte sein, Medikamententests an wehrlosen Patienten, Elektroschockbehandlungen oder Lobotomie, ein Eingriff, bei dem ein Teil des Gehirns entfernt wird, waren in vielen Kliniken an der Tagesordnung.

Einem Kind, das solche Umgangsformen und Auswirkungen miterleben muss, graben sich die Erlebnisse ins Gedächtnis ein, und es wird sie bestimmt nie mehr vergessen. Ganz offensichtlich hinterließen sie deutliche Spuren in der Psyche meines Vaters und ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Autoritäten.

Er begann, sich in der Schule schlecht zu benehmen und sich zu prügeln, hasste seine Lehrer und nahm an radikalen politischen Demonstrationen teil.

Mit siebzehn war er dann bereits von der Schule geflogen und lebte allein in einer Jugendherberge im westfranzösischen La Roche-sur-Yon. Er schlug sich mehr schlecht als recht durch und wurde valiumabhängig. Als sein behandelnder Arzt ihm die Chance »auf eine Ruhepause in einer Nervenheilanstalt« anbot, glaubte er tatsächlich, sein Leben sei vorbei, und dachte an Selbstmord.

Dann aber lernte er eine Gruppe fahrender Musiker kennen, die ebenfalls in der Jugendherberge übernachteten. Sie waren kaum älter als er und verströmten pure Lebenslust und Freude. Sie luden ihn ein, mit ihnen zu Abend zu essen. Während er über seine Probleme redete, fühlte er sich von ihrer Herzlichkeit und ihrem Interesse an ihm geradezu überwältigt. Als sie ihm erzählten, dass sie einer Gruppe namens The Children of God angehörten, erinnerte er sich an Frédériques Reisegeschichten und daran, welchen Spaß Frédérique in der Schweizer Kommune gehabt hatte. Als die Musiker am nächsten Tag abreisten, fragte er sie, ob er sich ihnen anschließen dürfe. Sie jubelten zustimmend und umarmten ihn.

Einen Tag später erreichten sie Paris, wo die Kinder Gottes in Frankreich damals ihren Hauptsitz hatten. Seit ihrer Gründung in Kalifornien im Jahre 1968 hatte die Gruppe zahlenmäßig rapide zugelegt und rühmte sich nun Zehntausender junger Mitglieder aus aller Welt. Dazu gehörten unter anderem die Eltern der Schauspielerbrüder River und Joaquín Phoenix, die Eltern der Schauspielerin Rose McGowan und die Mutter von Julian Assange – jenes Mannes, der inzwischen wegen Wikileaks berüchtigt ist. Sogar Prominente der damaligen Zeit stießen dazu. Eine der berühmtesten Bands jener Jahre war Fleetwood Mac, und eines Nachts nach einem Livekonzert verschwand der Gitarrist Jeremy Spencer, ohne seinen Bandkollegen auch nur Bescheid zu sagen. Einige Kinder-Gottes-Anhänger waren im Publikum gewesen, und nachdem er sich eine Weile mit ihnen unterhalten hatte, schloss er sich ihnen noch in derselben Nacht an, schnitt sich die langen Haare ab und verzichtete auf sein gesamtes Vermögen.

In der französischen Sektenzentrale lebten damals zweihundert junge Leute unter fünfundzwanzig. Sie formierten sich in Gesangs- und Tanztruppen, deren Aufgabe es war, »die Botschaft« zu verkünden und Geld einzusammeln. Sie schliefen zu mehreren in einem Zimmer und nannten sich gegenseitig Bruder und Schwester, was meinem Vater sofort ein Gefühl von Zugehörigkeit vermittelte. Mädchen schwebten in fließenden Röcken und durchscheinenden Blusen durch die Gegend (es war die Zeit, in der junge Frauen – quasi als politisches Statement – ihre Büstenhalter verbrannten oder wegwarfen. Und in der Gruppe ermutigte man die Frauen, frei und ungehemmt zu sein). Für den verwirrten und einsamen Jungen vom Lande war dieses neue Leben nichts weniger als eine Offenbarung. Als man ihm erklärte, man erwarte von den Jüngern, alle Verbindungen zu ihren Herkunftsfamilien zu kappen, um sich ganz der Gemeinschaft zu verschreiben, hatte er keinerlei Bedenken. Die Children of God waren jetzt seine Familie, und er war völlig zufrieden damit.

In der Gruppe galt ein äußerst strenges Drogen- und Alkoholverbot. Man ermunterte die Anhänger stattdessen, »durch Jesus high zu werden«. Eines der deutlichsten Zeichen dafür, dass dieser Lebensstil ihm guttat, war für meinen Vater, dass er ohne größere Beschwerden oder Rückfälle von seiner Valiumabhängigkeit loskam. Es war für ihn ein echter Beweis für Gottes Liebe und Fürsorge.

Falls er noch irgendwie gezögert hatte, bei seiner neu gefundenen »Familie« zu bleiben, so war er wenige Wochen nach seiner Ankunft in Paris fest dazu entschlossen – in dem Augenblick nämlich, als er die Nachricht erhielt, sein älterer Bruder Frédérique habe sich das Leben genommen. Unfähig, die Tortur der Irrenanstalt länger zu ertragen, war es dem armen verzweifelten Frédérique gelungen, durch ein vergittertes Fenster zu entkommen und sich von der Klippe eines Steinbruchs zu stürzen. Seine Leiche wurde drei Tage später gefunden. Für Marcel war diese tragische Nachricht ein Warnzeichen Gottes, nie wieder in sein altes Leben zurückzukehren. Und so wurde er endgültig in die Sekte aufgenommen und auf seinen neuen Namen Moonlight, also Mondlicht, Mondschein, getauft.

Als Neuling erwartete man von Moonlight, dass er jeden Tag mehrere Bibelstunden besuchte. Er las das Neue Testament und nahm an »Inspirations«-Kursen teil, in denen die Schüler sangen, tanzten und Gruppenumarmungen praktizierten. Sie hatten sogar einen speziellen Namen für diese Umarmungen – nannten sie love bombing, »Bombardieren mit Liebe«.

An den Wochenenden zog er mit bereits erfahreneren Gruppenmitgliedern los, die ihm zeigten, wie man Geld auftrieb, indem man Broschüren verkaufte oder um Spenden bettelte. Doch sie unternahmen auch Missionsfahrten in verschiedene Großstädte, um dort das Wort Gottes zu verkünden. Bei diesen Reisen forderte man sie auf, »aus dem Glauben zu leben«, was im Grunde nichts anderes hieß, als kein Geld auszugeben und zu versuchen, sich freie Mahlzeiten und Übernachtungen zu erschnorren. Meistens waren sie dabei nicht sonderlich erfolgreich und landeten am Ende in eiskalten Kellern oder Tiefgaragen, wo sie sich in ihren dünnen Schlafsäcken aneinanderdrängten. Doch für meinen Vater war das alles wahnsinnig aufregend.

Was immer sie jedoch an Spenden einsammelten, mussten sie bis auf die zehn Prozent, die ihnen zur eigenen Verwendung zugestanden wurden, zur Gruppe zurückbringen. Wenn Marcel also an einem Tag hundert französische Francs auftrieb, durfte er nur zehn Francs, also nicht einmal zwei Euro davon für seine Verpflegung ausgeben.

David Berg, der Gründer und Chef der Children of God, übte zwar aus der Ferne, aber dennoch einen beträchtlichen Einfluss auf Marcel aus. Jünger in Übersee wurden angehalten, all die Rundschreiben, die MoLetters zu lesen, die Berg fortwährend verfasste, sowie sich seine auf Kassette aufgenommenen Predigten anzuhören. In vieler Hinsicht wurde Berg zu dem Vater, den Marcel nie gehabt hatte, zum einzigen männlichen Rollenvorbild, der Einzige, der ihm je Orientierungshilfe bot oder Ratschläge fürs Leben gab.

Bergs Schriften waren meist Abhandlungen über die Übel der »Systemwelt« – zu der die Regierungen, Wirtschaftskonzerne, aber ebenso die ganz normalen Leute, die in irgendwelchen festen Jobs arbeiteten, gehörten. Berg nahm für sich in Anspruch, ein Prophet zu sein, und erklärte, Gott persönlich habe ihm eine Botschaft anvertraut, die das Ende der Welt voraussage. Die End Time Tribulation, die »Trübsal der Endzeit«, wie man sie nannte, werde an einer ganzen Reihe von Kriegen und Naturkatastrophen zu erkennen sein. Als Belege führte er den drohenden Atomkrieg und die unmittelbar bevorstehende globale Finanzkrise an. Für einen naiven Hippie wie Marcel war das ohne Weiteres akzeptabel und glaubwürdig. Berg versprach seinen Anhängern, sie würden, wenn das Ende der Zeiten bevorstand, als Gottes auserwählte Krieger in die Schlacht von Armageddon ziehen. In den Himmeln würden sie den Antichristen bekämpfen und so zu den Errettern einer neuen friedlicheren Welt werden. Untermauert wurde dies mit einer Reihe von Science-Fiction-Postern, die diesen Kampf illustrierten. Auf diesen schossen Soldaten des Antichristen in grauen Uniformen und Helmen knapp bekleidete junge Frauen in die Bewusstlosigkeit, ehe die mit verzückten Mienen in ein himmlisches Paradies emporschwebten.

Seine jungen Anhänger sogen all dies begierig in sich auf und trieben, während sie ihm an den Lippen hingen, ihre Tamburine in neue Höhen der Raserei.

Marcel lernte schnell und war ein begeisterter Schüler, der jede neue Aufgabe mit freudigem Lächeln erfüllte. Seine Beflissenheit erregte die Aufmerksamkeit der französischen Führung, und nach wenigen Monaten vertraute man ihm die Leitung eines kleinen Fundraising-Teams an. Am Ende jedes Monats wurden sämtliche von den WG-Bewohnern gesammelten Geldbeträge zusammenaddiert – abzüglich der zehn Prozent, die an Evangelisationskosten anfielen. Die Hälfte des verbleibenden Betrags wurde zurückbehalten, um die Hausrechnungen – für Essen, Heizung, Kleidung – zu begleichen. Die übrigen fünfzig Prozent wurden an Bergs Zentrale geschickt. Niemand stellte diese Regelung je in Frage.

Andauernd trafen neue Rekruten, neue Anhänger ein, die mit durchzufüttern waren. Wurden die Vorräte knapp, hielt die Führung die Gemeinschaft einfach zum Beten an, und da es danach noch immer kein Essen gab, beschied man den hungrigen Mitgliedern, dass sie nicht genug gebetet hatten.

Nach etwa einem Jahr wurde mein Vater erneut befördert, diesmal zum Home Shepherd, das heißt zum »Hirten eines Hauses«, der für das gute Benehmen seiner Kommunengenossen – kein Alkohol, keine Drogen, kein Sex – zu sorgen hatte. Er war charmant und beliebt, konnte jedoch, wenn nötig, auch streng und zornig sein, so dass er auch in dieser neuen Rolle glänzte.

Mit neunzehn Jahren erreichte Marcel den Rang eines Regionalhirten. Seine Aufgabe war nun die eines reisenden Managers, der in verschiedenen Städten neue Kommunen gründete sowie eine Musiktruppe durchs Land begleitete, die in Restaurants, Schulen und Altersheimen Folksongs zum Vortrag brachte. Im Grunde erwartete man von ihm Unmögliches, denn er sollte in kürzester Zeit mehrere Kommunen besuchen, die oft Hunderte von Kilometern auseinanderlagen. Dabei stellte die Gruppe keinerlei Fahrzeuge zur Verfügung und kam auch für keine Fahrtkosten auf, so dass er überallhin trampen musste. Häufig traf er nach tagelangem Reisen und Übernachten im Freien bei irgendeiner Kommune ein, um einen Schlafplatz auf dem Korridor oder auf einem kalten Küchenfußboden zugewiesen zu bekommen. Doch das war ihm gleichgültig, weil er zum ersten Mal in seinem Leben ein Ziel vor sich sah. Sicher half den Kinder-Gottes-Missionaren damals, wenn sie andere für ihre Überzeugungen gewinnen wollten, dass sie junge Menschen mit Ausstrahlung und Leidenschaft waren und ganz offensichtlich das Leben liebten. Marcel etwa erzählte jedem, der ihm zuhörte, wie Gott und die Gruppe ihn aus einem Leben der Verzweiflung errettet hatten. Jeder Rekrut, den er mitbrachte, galt für die Kinder Gottes als gerettete Seele und brachte Marcel Pluspunkte bei der Führung ein. Sein Aufstieg schien gesichert und unaufhaltsam.

Eine Sache jedoch bereitete ihm wirklich Bauchschmerzen – das Sexverbot. Dabei war Marcel noch Jungfrau, und diesen Zustand wollte er dringend beenden. Ein schönes schwarzhaariges blauäugiges Mädchen namens Creation, das neu in der Gruppe war, hatte es ihm angetan. Doch Neulinge, von allen »babes« genannt, durften bis zum Abschluss ihrer Ausbildung keinen Sex haben. Nur Beziehungen unter bewährten Mitgliedern wurden akzeptiert, wenn auch nur mit Erlaubnis der Hirten.

Marcel und Creation versuchten zwar, ihre aufkeimende Liebesbeziehung geheim zu halten, doch auf dem engen Raum eines Gemeinschaftshauses war dies im Grunde gar nicht möglich. Natürlich bekam der Aufseher es heraus. Er bestrafte die beiden, indem er Creation in ein weit entferntes Ausbildungszentrum schickte, ohne den beiden die Möglichkeit zu geben, sich voneinander zu verabschieden. Mein Vater hatte nach Auffassung der Führung nämlich nicht nur gegen eine ausdrückliche Regel verstoßen, sondern auch als Hirte dabei versagt, mit gutem Beispiel voranzugehen. Er wurde für eine bestimmte Frist zurückgestuft, und man gab ihm unmissverständlich zu verstehen, dass es, sollte dies noch einmal vorkommen, keine zweite Chance mehr für ihn gäbe.

Das war wahrscheinlich das erste Mal, dass ihn Zweifel an seinem neuen Leben beschlichen und ein Unbehagen angesichts der Kontrolle, unter der er stand. Er hatte keinerlei Möglichkeit, mit seiner Geliebten in Kontakt zu treten, herauszufinden, in welche Stadt man sie geschickt hatte, oder auch nur zu erfahren, ob es ihr gut ging. Die Strafe musste ihm hart erscheinen, und vielleicht hat er sie anfangs auch als unfair empfunden, doch er redete sich ein, dass die Regeln der Gemeinschaft nun mal eingehalten werden müssten und er selbst schuld sei, da er sie gebrochen hatte.

Im Frühsommer des Jahres 1976 leitete Marcel ein Team von vier »reisenden« Jüngern. Sie waren die Westküste Frankreichs entlang getrampt, hatten in Bars gespielt und die »Botschaften des Propheten«, von David Berg verfasste Pamphlete, verkauft. Inzwischen nannten die Anhänger ihren Guru David Moses, King David oder auch Father David.

Eines von Marcels Teammitgliedern verließ die Gruppe aus Gesundheitsgründen, so dass Marcel von der Führung Ersatz anforderte.

Schon etwas früher in diesem Frühjahr war er in einem Ausbildungszentrum für neue Rekruten in Bordeaux gewesen, um sich mit Kisten neuer Pamphlete einzudecken. Während die Truppe ein paar Lieder vortrug, tanzte ein neues Mitglied, ein sogenanntes babe, die achtzehnjährige Geneviève, für sie. Marcel konnte kaum die Augen von ihr wenden – von ihren zierlichen Kurven in dem luftigen Kleid. Irgendjemand erzählte ihm, dass sie aus einer gutbürgerlichen Pariser Familie stamme und gerade die Ballettschule aufgegeben habe, um sich selbst zu finden. Ihre anmutige Haltung ließ vermuten, dass das mit dem Ballett stimmte, und ihre Herkunft, so verschieden von der seinen, trug mit Sicherheit zu ihrem Zauber und geheimnisvollen Nimbus bei. Doch da man ihn schon einmal bei einem Regelverstoß ertappt hatte, war Marcel diesmal auf der Hut. Und selbst als Geneviève offen mit ihm flirtete, hielt er sich zurück.

Wie freudig überrascht war er, als er erfuhr, dass sie sein neues Teammitglied werden sollte. Man hatte sie gerade erst auf den Namen Étoile getauft, das französische Wort für Stern. Sie erzählte ihm, dass ihre Kindheit zwar recht glücklich gewesen, ihr Vater allerdings ein strenger Zuchtmeister sei und sie es satt habe, ständig gesagt zu bekommen, was sie zu tun habe. Sie wünschte sich Freiheit, Abenteuer, Reisen und Spaß. Außerdem liebte sie Jesus mehr als sonst irgendetwas auf der Welt.

Mein Vater galt als strenger Chef, der sein Team zusammenstauchte, wenn es nicht enthusiastisch genug »Zeugnis ablegte«. Er war verblüfft, als sie, Geneviève bzw. Étoile – kaum dass er sie das erste Mal laut zurechtwies –, davonstürmte und schnaubte, mit Unfreundlichkeit werde er bei ihr gar nichts ausrichten. Er fand diese Einstellung schwierig und sah seine Autorität bedroht. Sein Aufseher riet ihm jedoch, Geduld mit ihr zu haben – da sie noch nicht ganz für die Sache gewonnen sei.

Trotz kleinerer Zankereien aber stimmte die Chemie zwischen ihnen. Jede Nacht, gleichgültig wo sie schliefen – sei es am Strand, auf der Straße oder in einem leerstehenden Gebäude –, sorgte Marcel dafür, dass sein Schlafsack neben ihrem lag, und er versprach ihr, bei ihr zu bleiben und sie zu beschützen.

Als die Auftrittssaison sich ihrem Ende zuneigte, erhielt Marcel einen neuen Job, bei dem er die Spendensammelaktionen mehrerer Kommunenhäuser managen musste. Er arrangierte es so, dass sie in ein Haus zog, in dem er häufig zu Gast war.

Für Geneviève war der attraktive, tiefsinnige und auch energische Marcel genau der Typ Mann, von dem sie immer geträumt hatte. Seine natürliche Autorität empfand sie als angenehm, seine ärmliche Herkunft machte ihn interessant, und sein Wunsch, Gott zu dienen, kam in seiner Radikalität nur dem ihren gleich. Die beiden merkten, dass sie sich heftig ineinander verliebt hatten. Marcel bat seinen Aufseher in Paris um die Erlaubnis, sie zu heiraten.

Er erhielt jedoch keine Antwort.

Er wurde immer niedergeschlagener und vermutete in diesem Schweigen eine weitere Strafe für sein früheres sexuelles Fehlverhalten. Geneviève wurde in eine andere Kommune verlegt, so dass sie sich kaum noch sahen.

Dann eines Tages Anfang September wurde Marcel in die Zentrale nach Paris zurückbeordert. Er verbrachte seine Tage mit Missionieren, und ein Tag glich weitgehend dem anderen, bis zu jenem, an dem er heimkam und eine Braut und eine Hochzeitsfeier auf ihn warteten. Man hatte ihn nicht vorgewarnt, und er hatte keine Zeit, es sich anders zu überlegen. Tatsächlich hatte er sich zu fragen begonnen, ob es nicht ein Fehler war, sich so früh zu verheiraten. Er kannte Geneviève schließlich kaum und war selbst erst zwanzig Jahre alt. Und als Gruppenleiter umgaben ihn noch viele andere schöne Mädchen, im Grunde hatte er freie Auswahl. Wollte er sich da wirklich an diese eigensinnige blonde Tänzerin binden?

Am Ende wurde er dann aber gar nicht mehr gefragt.

2. Kapitel

Gottes Huren

»Ich will mitspielen! Sie lassen mich nicht mitspielen. Sag ihnen, dass ich mitspielen darf, Mami!« Ich stampfte mit dem Fuß im Sand auf und schob die Unterlippe so weit vor, dass ich damit hätte Fliegen fangen können.

»Wem denn, ma chérie? Was ist denn los?« Meine Mutter lächelte abwesend, während sie sich auf ihrer Stranddecke liegend um meine kleine Halbschwester Thérèse bemühte. Sie blickte nicht mal auf, sondern fuhr fort, dem Baby dicke fette Erdbeerküsse aufs Gesicht zu hauchen, so dass es gluckste vor Wonne. Und zu meiner Wut gesellte sich beim Anblick der beiden auch noch die Eifersucht.

»Ihnen sollst du es sagen!«, schrie ich und deutete zornig auf meine vier großen Brüder, die auf einem Treibholzstamm auf und ab hüpften und so taten, als sei er ein Piratenschiff. »Sie lassen mich nicht mitspielen.«

»Dann spiel doch etwas anderes, Natacha«, erwiderte meine Mutter, ohne auch nur einen Blick vom Baby zu wenden.

Ich knurrte wütend. Schon im Alter von drei Jahren konnte ich heftig aufbrausen, wenn ich nicht meinen Willen bekam. Leah hockte neben meiner Mutter. Sie zog die Augenbraue hoch, und als ich wütend zurückfunkelte, brach sie in gutmütiges Gelächter aus. Ich rannte durch den Sand zu ihr hinüber, warf mich auf ihren Schoß, vergrub den Kopf in ihrem weichen Busen und umschloss mit meinen kleinen Fingern ein paar ihrer krausen Haarlocken.

Leah war die Mutter von Baby Thérèse und die Geliebte meines Vaters. Sie lebte gemeinsam mit uns in unserem neuen Heim im thailändischen Phuket, das wir mit einer Kommune von etwa zwanzig anderen Erwachsenen und Kindern teilten. Zwar war die ganze Gruppe meine Familie, doch innerhalb davon hatte ich auch noch meinen Dad, meine Mom, Leah, vier große Brüder und Baby Thérèse, die unser Schwesterchen war. Das mochte eine ungewöhnliche Konstellation gewesen sein – aber ich kannte es nicht anders –, und sie ging mit dem zusätzlichen Vorteil einher, dass ich zwei Mamis hatte, während die meisten kleinen Mädchen nur eine besaßen.

Ein paar Jahre nach der Überraschungshochzeit meiner Eltern hatte David Berg seinen Anhängern befohlen, sich »auf den Weg zu machen« und neue Seelen zu suchen und zu retten.

Meine Eltern, die damals bereits Joe und Seb, meine zwei ältesten Brüder hatten, nahmen ihn beim Wort. Sie taten sich mit drei anderen jungen Familien zusammen und bereisten in einem Konvoi aus zerbeulten Wohnwagen das Land. Ihre Mission lautete, »Frankreich eine letzte Warnung« zukommen zu lassen, ehe der Antichrist die Herrschaft übernahm. Dabei waren sie weitgehend sich selbst überlassen und fanden eine Menge Spaß daran, sich alle möglichen Schocktaktiken auszudenken. Sie betrachteten sich als evangelikale Kommandos, störten Gottesdienste und brüllten auf die versammelte Gemeinde ein, das Ende der Welt sei nahe. Um finanziell zu überleben, traten sie wieder in Bars auf, mein Vater spielte Gitarre, und meine Mutter sang dazu. Mom gibt zu, dass das nicht gerade die günstigsten Bedingungen waren, um kleine Kinder aufzuziehen, und ganz sicher war es nicht gut, zwei heulende Babys zu einem Kirchenüberfall mitzuschleppen. Dennoch, dies war das Leben, für das sie sich entschieden hatten, und ein Leben, das sie genossen. Sobald sich ihre anfängliche Überraschung, plötzlich verheiratet worden zu sein, gelegt hatte, waren sie überglücklich miteinander. Aber sie waren beide experimentierfreudige junge Leute, die mit konventionellen Vorstellungen von ehelicher Treue nichts am Hut hatten. Ihre Babys waren zwei und ein Jahr alt, als sie nach einem Gig Leah, ein hübsches junges Hippiemädchen, aufgabelten und mit in ihren Wohnwagen nahmen. Leah blieb, und zusammen bildeten sie eine glückliche Ménage-à-trois. Irgendeinen Tadel riskierten sie damit nicht, da die Gruppenführung erst vor kurzem die Beziehungsregeln gelockert und einvernehmliche Dreierbeziehungen oder Partnertausch als erlaubt erklärt hatte. Auch ihren Namen hatte die Sekte zu diesem Zeitpunkt geändert; aus The Children of God war The Family geworden, was die neue Einstellung zu Sex und Beziehungen widerspiegeln sollte. Selbstverständlich musste sich Leah auch der Family anschließen.

Zwei Jahre lang zogen die drei mit den beiden Kindern in Frankreich herum, standen kalte Winter und schwierige Zeiten miteinander durch, genossen aber ansonsten im Allgemeinen sowohl das Leben als auch einander.

Meine Mutter brachte zwei weitere Kinder zur Welt, im Juli 1980 Matt und im November des darauffolgenden Jahres Marc. Als Marc, ihr viertes Kind geboren wurde, war sie gerade mal dreiundzwanzig. Sie hatte Babys immer geliebt und fand jede ihrer Schwangerschaften absolut aufregend. Aufgrund ihrer Tanzausbildung war sie ungeheuer fit und wurde leicht mit den Schwangerschaften fertig. Kinder waren für sie die natürliche Erfüllung dessen, was sie als die Aufgabe einer Frau ansah, nämlich einem Mann zu dienen und Kinder zu gebären.

Für meinen Vater war es sehr viel schwieriger, sich mit all den Kindern um sich herum zu arrangieren. Sein eigener Vater hatte fast nie ein Gespräch mit ihm geführt, wie auch, er war meist zu betrunken und später in der Klinik durch die Medikamente wie umnebelt. Im Grunde hatte Marcel keinen Schimmer, wie er sich als Vater verhalten sollte. Aber zum Glück – dachte er – gab King David, also Berg, seinen Anhängern jede Menge Ratschläge zur Erziehung und zum Umgang mit Kindern. Und meinem Vater gefiel, dass King David nie darauf beharrte, dass man seinen Rat befolgte, sondern in den regelmäßigen Rundbriefen, den sogenannten MoLetters, seinen Rat anbot. Allerdings machte er in diesen Schriften auch deutlich, dass der wahre Gläubige sich an King Davids Empfehlungen hielt.

Berg hatte selbst vier Kinder und lebte mit einem Harem von Geliebten zusammen, die er alle als Ehefrauen bezeichnete. Die Favoritin unter diesen Frauen war Maria, den Anhängern auch als Mama Maria bekannt. Berg behauptete, eine Reihe von Geisthelfern zu haben, die von seinem Körper Besitz ergriffen, um so Gottes Prophezeiungen zu verkünden. Am häufigsten sprach Geisthelfer Abraham aus ihm – ein alter Zigeunerkönig. In vielen der MoLetters aus dieser Zeit führt Maria mit Abraham Gespräche und stellt ihm Fragen. Doch bevor Abraham sein göttliches Wissen preisgab, verlangte er stets ungeniert und in beachtlicher Menge nach Wein. Dies war umso verwunderlicher, weil den Kindern Gottes selbst das Trinken von Alkohol nicht gestattet war.

Als der Winter des Jahres 1981 näher rückte, hielten meine Eltern die Vorstellung, noch länger im Wohnwagen zu leben, nicht mehr aus. Drei Erwachsene und vier kleine Jungs drängten sich in dem engen Raum.

King David hatte verfügt, seine inzwischen fast zehntausend Anhänger sollten in die »fruchtbaren Länder des Ostens« ziehen. Diese Länder, erklärte er, seien weniger korrupt, und man werde dort auch leichter Seelen finden, die man retten konnte. Abgesehen davon besaßen diese Länder einen weiteren Vorteil, Regierungen nämlich, die sich weniger einmischten und es ausgedehnten Kommunen gestatteten, sich ohne Einschränkungen zu betätigen. Meine Eltern boten sich sofort als Freiwillige an und wurden zu einem Spezialtraining auf einen Bauernhof in Südfrankreich geschickt.

Während ihres Aufenthalts dort änderten sich die Weisungen rund um Ehe und Sex erneut. King David begann, das sogenannte Law of Love, das »Gesetz der Liebe« zu promoten – etwas, das schon in der Bibel vorkomme und so viel heiße wie: Alles, was man aus Liebe tut, ist gut. Bergs Interpretation dieses selbstformulierten Gesetzes hatte allerdings mehr mit körperlicher Liebe, sprich Sex zu tun, den er auch als sharing, »Teilen«, bezeichnete. Er verschickte neue MoLetters, in denen er erklärte, es sei nicht fair, wenn unverheiratete Mitglieder sich einsam und ungeliebt fühlten. Seine Lösung des Problems lautete: Männer sollten zustimmen, ihre Frauen mit anderen Männern zu teilen, und die Frauen hatten sich aus freien Stücken zum Sex mit anderen Männern bereit zu erklären, sofern sie auf diese Weise jemandem helfen konnten.

Als meine Eltern diese Begründung zum ersten Mal hörten, waren sie zwar überrascht, jedoch nicht empört. Sie führten eine offene Ehe, die glücklich war, und meine Mutter hatte kein Problem damit, dass mein Vater neben ihr auch noch seine Freundin Leah hatte und regelmäßig mit dieser schlief. Als King David erklärte, dass solches Tun einen Menschen Demut und Selbstlosigkeit lehre und in engere Verbindung zu Gott bringe, leuchtete ihnen die Theorie des Teilens völlig ein.

Ein weiteres neues Konzept war das sogenannte Flirty Fishing, das die Anhänger kurz FF’ing nannten, und das Sektenanhängerinnen anwies, in Bars zu gehen und mit Männern anzubändeln, um sie entweder zu unserer Sache zu bekehren oder aber eine Geldspende einzufahren. FF’erinnen wurden aufgefordert, »Gottes Huren« zu sein. Plakate mit Anweisungen, wie man ein »good flirty little fishy« werden konnte, wurden verteilt. Eines der Bilder zeigte eine nackt an einem Angelhaken zappelnde Frau, darunter stand: »Hooker for Jesus*«. Ein anderes zeigt eine Frau, die mit einem Mann, den sie zu verführen versucht, am Tisch sitzt, und darunter in Englisch die Worte: »Wenn sie sich in dich verlieben, ehe sie den Herrn finden, so bist du eben einfach Gottes Lockmittel, um sie zu ködern!«

Die Methode war derart erfolgreich, dass The Family Frauen auch aufforderte, sich bei Escort-Agenturen registrieren zu lassen, um sich so fixe Geldzahlungen für sexuelle Dienste zu sichern. Dies vernahmen meine Eltern schon mit einer gewissen Besorgnis. Beide fühlten sich unwohl dabei und fragten sich insgeheim, ob das nicht eigentlich offene Prostitution war. Einer aus David Bergs Führungsstab kam nach Paris, um das Flirty-Fishing-Training zu leiten, und meine Mutter wurde dafür ausgewählt. Während der drei Tage ihrer Abwesenheit war mein Vater außer sich vor Eifersucht und Angst. Er fürchtete, FF’ing könnte die Frauen der Gefahr von Vergewaltigungen aussetzen. Seine Frau mit Männern zu teilen, die man kannte, war eines; aber sie allein in einer Bar Fremde anbaggern zu lassen, etwas ganz anderes. King David räumte sogar ein, dass es zu gewalttätigen Übergriffen kommen könne, meinte jedoch, die Frauen sollten sie hinnehmen, und verglich seine »Girls« mit den frühchristlichen Märtyrerinnen, die von römischen Soldaten vergewaltigt worden seien.