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In zahlreichen Reportagen haben Journalisten der F.A.Z. die Stationen dieser Migration beschrieben: Was bewegt die Menschen in Afghanistan, Eritrea, Westafrika und den Flüchtlingslagern in Jordanien, dem Libanon und der Türkei, sich auf den Weg zu machen? Welches Wissen, welche Träume und welche Illusionen haben sie vom Leben in Europa? Wie sieht ihre Reise aus: Was erleben die Flüchtlinge unterwegs, wer verdient an ihnen, was passiert mit den Orten, durch die sie ziehen? Und schließlich: Was erleben sie in Deutschland - und wie bewältigen deutsche Behörden und Helfer den Ansturm?
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Die Völkerwanderung des 21. Jahrhunderts
F.A.Z.-eBook 43
Frankfurter Allgemeine Archiv
Herausgeber: Reinhard VeserRedaktion und Gestaltung: Hans Peter Trötscher
Projektleitung: Franz-Josef GastericheBook-Produktion: rombach digitale manufaktur, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten. Rechteerwerb und Vermarktung: [email protected]© 2015 F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main Titelbild: Flüchtlingslager Roszke in Ungarn. F.A.Z.-Foto / Daniel Pilar.
ISBN: 978-3-89843-416-4
Von Reinhard Veser
Der Strom von Menschen, die aus Afrika, dem Nahen Osten und Asien in die EU streben, ist seit langem ein Dauerthema der europäischen Politik. Schon seit mehr als zehn Jahren lesen und hören wir regelmäßig Nachrichten über in Massen auf der italienischen Insel Lampedusa ankommende Migranten aus Afrika, über beim Untergang kaum seetüchtiger Schiffe Ertrunkene, über versuchte Erstürmungen der von hohen Zäunen umgebenen spanischen Exklaven in Marokko, über wachsende Zahlen von Menschen, die auf dem Landweg über die Türkei und Griechenland nach Mitteleuropa zu kommen versuchen, über Tausende, die in Calais versuchen, durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Ebenso lang dauert die Debatte darüber, wie die EU und wie Deutschland mit dieser Wanderungsbewegung umgehen sollen.
Doch auch wenn das Thema so beständig wie kaum ein anderes hoch oben auf der politischen Tagesordnung stand, blieb es doch auf eigenartige Weise im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung. Es war ein schleichender Prozess, der immer wieder von akuten Krisen und Konflikten in den Hintergrund gedrängt wurde: Finanzkrise, Arabellion, Griechenland, Ukraine. Das änderte sich ab dem Frühjahr 2015, als die Zahlen der Flüchtlinge dramatisch zu steigen begannen, zuerst auf dem Mittelmeer, dann auf dem Landweg über den Balkan. Aber nicht so sehr die abstrakten Zahlen, sondern vielmehr die Bilder langer Trecks von Menschen, die zu Fuß über Grenzen ziehen, die neuen Zäunen in Europa, die Wiedereinführung von Grenzkontrollen, überfüllten Bahnhöfe und Sonderzüge und die zu Notunterkünften umgewandelten Sporthallen haben die Dimension dieser Völkerwanderung fassbar gemacht. Die Flüchtlingskrise verändert den europäischen Alltag und die europäische Politik. Die damit verbundenen Herausforderungen sind größer als je zuvor, doch die Suche nach Lösungen ist heute kaum weiter vorangeschritten als vor zehn Jahren.
Lösungsvorschläge finden sich in diesem eBook nicht – dafür aber viele genaue Blicke auf das Geschehen. In zahlreichen Reportagen haben Journalisten der F.A.Z. die Stationen dieser Migration beschrieben: Was bewegt die Menschen in Afghanistan, Eritrea, Westafrika und den Flüchtlingslagern in Jordanien, dem Libanon und der Türkei, sich auf den Weg zu machen? Welches Wissen, welche Träume und welche Illusionen haben sie vom Leben in Europa? Wie sieht ihre Reise aus: Was erleben die Flüchtlinge unterwegs, wer verdient an ihnen, was passiert mit den Orten, durch die sie ziehen? Und schließlich: Was erleben sie in Deutschland – und wie bewältigen deutsche Behörden und Helfer den Ansturm?
Von Leonie Feuerbach und Morten Freidel
Merkel kennen alle. Wenn man Flüchtlinge fragt, was sie von Deutschland wissen, dann holen sie ihre Handys heraus und zeigen Bilder der Bundeskanzlerin. Die meisten stehen auf arabischen Facebookseiten. Da gibt es eine Fotomontage, die Angela Merkel im Bischofsgewand zeigt, einen Kreuzstab in der Hand. Darunter steht: »Geht zu Merkel, weil sie gerecht ist und keinem Menschen Unrecht tut.«
Auf einem anderen Bild hebt Merkel die Hand zum Amtseid. Sie schwört aber nicht auf das Grundgesetz. Sondern sie schwört laut arabischem Text: »Beim allmächtigen Gott: Ich werde alle Syrer beschützen.« Noch ein Bild zeigt Merkel im Bundestag, das Gesicht auf die Hände gestützt. Sie sieht müde aus. Bei Facebook aber soll ihre Geste Betroffenheit signalisieren. Denn darunter hat jemand ein Foto montiert, das einen Flüchtling im Mittelmeer zeigt, Unterzeile: »Wir werden unseren Kindern erzählen, dass die irakischen und syrischen Flüchtlinge zu uns geflüchtet sind, obwohl Mekka näher liegt.«
Das sind nur ein paar Beispiele für Merkel-Bilder. Es gibt sie in allen Varianten: Merkel mit Deutschland-Fahne, Merkel vor Deutschland-Fahne, Merkel staatsmännisch, besorgt, verträumt. Die Flüchtlinge erzählen auch von einem Bild, auf dem die Kanzlerin neben dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan abgebildet ist. Die Bundeskanzlerin hält ein Glas Bier in der Hand, Erdogan den Koran. Der Text dazu lautet in etwa: Wieso beschützt Erdogan uns nicht, obwohl er Muslim ist? Wieso beschützt uns Merkel, obwohl sie keine Muslimin ist? Auch den arabischen Regierungschefs wird sie häufig gegenübergestellt. Dann heißt es: Eine Frau ist mehr wert als all diese Männer.
Solche Bilder spielen für Flüchtlinge eine große Rolle, besonders für Syrer. Sie kommentieren und teilen sie. Aus ihnen speist sich ihr positives Deutschland-Bild. Etwa Odai, 27 Jahre (wir haben alle Namen geändert): Als er zum ersten Mal daran dachte, aus Syrien zu fliehen, schaute er zuerst bei Facebook vorbei. Dort lernte er: Merkel hilft den Syrern. Sie sind in Deutschland willkommen. Sie werden zumindest nicht wieder weggeschickt. Auch Bakir, einen 26 Jahre alten Pakistani, haben die vielen Bilder der Bundeskanzlerin beeinflusst. Zuerst floh er nach Griechenland, 2009. Als er in der Krise seinen Job als Gemüseverkäufer verlor, überlegte er, wohin er als Nächstes gehen könnte. Dazu suchte er im Netz nach Fotos europäischer Regierungschefs. Er sah vor allem: Merkel. Da hatte er schon eine Ahnung, wer in Europa die Zügel in der Hand hält. Sicherheitshalber fragte er auf einer Party von griechischen Freunden aber noch mal nach, wer das Sagen habe. Die Antwort: »Itʼs Big Boss Merkel.« Das war nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Bakir aber verstand es so.
Natürlich ist die Bundeskanzlerin nicht das Einzige, was Flüchtlinge von Deutschland gesehen haben, bevor sie kommen. Sie schauen sich auch Fotos von deutschen Städten an, von Wäldern und Cafés. Sie kennen den FC Bayern München, Borussia Dortmund und die deutsche Nationalmannschaft. Deren Spiele haben viele schon gesehen, als sie noch Kinder waren. Odais großes Idol war Michael Ballack. Er hat ihn über das Spielfeld laufen sehen, auf einem Fernseher in Aleppo. Auch nach Ballacks Karriereende schaute er sich die Spiele der Nationalmannschaft an. Aber seit 2011 schieben sich vor die Erinnerungen an Tore und nassgeschwitzte Fußballtrikots Bilder des Bürgerkriegs. Odai weiß nur noch: Er war immer für Deutschland. Und bei irgendeiner Weltmeisterschaft hat einmal Shakira gesungen.
Die Flüchtlinge kennen nicht nur Bilder, sie haben auch Geschichten von Bekannten in Deutschland gehört. Ein Cousin, eine Tante, ein ehemaliger Nachbar – irgendjemand ist immer schon da. Und der berichtet zum Beispiel, dass es in Deutschland Sprachkurse für Asylbewerber gibt. Oder dass die Kinder von Anfang an in die Schule gehen können. Dass die Schulen gut sind und die Universitäten auch. Dass es Arbeit gibt in Deutschland und Gesetze, an die sich nicht nur die Bürger halten, sondern sogar die Politiker. Und dass die Ärzte in Deutschland sehr gut sind, besonders im Vergleich mit den arabischen.
Ein Syrer erzählt, dass sein Vater schon vor Jahren für eine Operation am Ohr nach Deutschland reiste. An diesem Eingriff hatten sich schon syrische Ärzte vergeblich versucht. In Bonn sollte es jetzt endlich klappen. Alles war bereit: der Vater lag im Operationssaal, Kanülen im Arm. Dann begrüßte ihn der Arzt – auf Arabisch. Der Vater riss sich die Schläuche heraus und rannte aus dem Saal. Er wollte sich nicht noch mal von einem Araber operieren lassen, selbst in Deutschland nicht. Schließlich fand sich doch noch ein deutscher Arzt. Seitdem kann der Mann wieder hören. Auf die Frage, was sein Sohn mit Deutschland verbindet, erzählt der diese Geschichte.
Nicht jeder Deutsche hat ein Haus und für viele Flüchtlinge wird es bestenfalls Zelte geben, wie hier in einem Lager in Darmstadt. F.A.Z.-Foto / Patricia Kühfuss.
Ada aus Albanien, 19 Jahre alt, erzählt eine andere. Von einem Verwandten hat sie gehört: Wenn junge Frauen in Deutschland auf die Straße gehen, ruft ihnen niemand »Honey« oder »Sweetheart« hinterher. Oder jedenfalls nicht sehr oft. Niemand fragt: Wohin willst du? Warum bist du allein unterwegs? Und die Polizei schützt die Leute. Das ist Ada besonders wichtig. Denn ihr Mann konnte in Shkodra jahrelang nicht das Haus verlassen. Er fürchtete, Opfer von Blutrache zu werden, weil sein Onkel einen Arzt zum Krüppel geschossen hatte. Mit dieser Sache hatte der Mann von Ada zwar nichts zu tun, doch Ruhe kann es nach der albanischen Tradition erst geben, wenn es als Nächsten einen aus seiner Familie trifft.
Der Iraker Hoakan, 26, hörte von einem norwegischen Freund vor allem eines: Nirgendwo kann man so gut wresteln wie in Deutschland. Für ihn das Wichtigste – im Irak war er Sportsoldat und mehrfacher Wrestlingchampion. Dann sollte er zu einem einfachen Soldaten degradiert werden und gegen den IS kämpfen. Bevor es so weit kam, floh er. Gleich nach seiner Ankunft in Deutschland schrieb er einen Wrestlingverein an. Deutsch konnte er nicht, er ließ sich seine Fragen einfach von Google übersetzen. Die Konversation ging so: Hoakan: »Ich wartete auf Ausbildung, aber ich habe nicht einen finden. Ich Player Wrestling irakischen.« Wrestlingtrainer: »Willst Du bei uns ringen?« Hoakan: »Yes. Ich warte an Ort und Stelle.« Seitdem kommt er jeden Tag.
Im Prinzip ist es so: Was Flüchtlinge über Deutschland hören wollen, das hören sie auch. Sie müssen nur die richtigen Fragen stellen. So kursiert alles Mögliche über Deutschland. Zum Beispiel die Geschichte mit der Fähre. Ein Syrer zeigt ein Bild des Bootes auf seinem Handy. Er hat gehört, das habe die deutsche Regierung höchstpersönlich losgeschickt, um Flüchtlinge an der libyschen und jordanischen Küste abzuholen. Ein anderer glaubte über Deutschland vor allem zu wissen: Hier besitzt jeder ein Haus. Als ihm zum ersten Mal jemand sagte, dass das nicht stimmt, antwortete er: »Das kann gar nicht sein.«
So paradiesisch stellen sich die Flüchtlinge andere europäische Länder nicht vor. Nach Frankreich zum Beispiel will kaum jemand. Dort bekommen sie kein Geld, glauben viele, und keine Arbeit. Sicher könne man sich dort auch nicht fühlen. Und Sprachkurse gäbe es ebenfalls nicht. Viele können gar nicht so recht sagen, woher sie das wissen. Diese Gerüchte verbreiten sich einfach, und sie wirken umso glaubhafter, je besser Deutschland im Vergleich wegkommt. Es muss nur ein Bekannter erzählen, dass Flüchtlinge in Frankreich auf der Straße landen, und schon wissen es Hunderte. Wenn sich im Gegenzug aber Merkel hinstellt und sagt: »Wir schaffen das!«, dann erfahren es Zehntausende. Sie gieren nach Nahrung für ihre Hoffnungen.
Trotzdem gibt es immer noch viele, die gar nichts über Deutschland wissen und erst auf der Flucht ein paar Brocken aufschnappen. Da hören sie zum Beispiel: Deutschland ist gut, deswegen gehen da alle hin. Mehr nicht. Aber das reicht, um mitzugehen. So war das auch bei Alafom, 25 Jahre alt, aus Eritrea. Eigentlich wollte er nach England. Von Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland wusste er nichts. Nur, dass es Länder in Europa gibt, die so heißen. Aus England kannte er immerhin den FC Arsenal und Manchester United. Doch dann strandete er für vier Monate in einem libyschen Asylgefängnis. Dort bekam er zum ersten Mal mit, was in Calais los ist. Er sah ein Video von dem verwahrlosten Lager und eine Äthiopierin, die weinend vor einem Zelt im Wald sitzt. Ihm wurde klar: Calais ist eine Sackgasse. Später, in einem griechischen Flüchtlingscamp, hörte er dann: Deutschland ist genauso gut wie England. Und man kommt viel leichter hin.
Syrien: Yezidisches Flüchtlingslager im Kurdengebiet. F.A.Z.-Foto / Helmut Fricke.
Oder Eslam, 18 Jahre alt, aus Afghanistan. Er dachte immer: Wer in Europa lebt, hat es gut, egal in welchem Land. Bis ihn Polizisten in Griechenland verprügelten. Dann hörte er die Flüchtlinge über Deutschland reden. Sie sagten: Dort sind alle Menschen gleich. Und sie trugen Deutschland-Fahnen bei sich. Eslam gefielen die Farben. Als er im Erstaufnahmelager in Gießen ankam, traf er ein kleines Mädchen mit einem ausgeschnittenen Zeitungsporträt von Merkel. Es war nur noch ein Fetzen. Das Mädchen sagte: Sie ist eine gute Frau. Das ist alles, was Eslam bisher über Deutschland weiß.
Sein Freund Rashid, 33 Jahre alt, hörte sich erst in Istanbul um. Bis dahin wusste der Afghane nicht, in welches Land er fliehen sollte. In Istanbul aber sagten viele: Deutschland nimmt uns wenigstens auf. Merkel schickt niemanden zurück. Schon in Afghanistan hatte er deutsche Soldaten bei Patrouillengängen in Kabul gesehen. Wie sie den Kindern Halstücher abkauften, ihnen die Köpfe tätschelten und mit ihnen durchs Regierungsviertel streiften. Diese Bilder schossen ihm durch den Kopf, am Stacheldrahtzaun in Ungarn.
Ob alle Deutschen so sind wie die Soldaten in Kabul, konnte er bisher noch nicht herausfinden. In der Flüchtlingsunterkunft wohnen nur Ausländer. So geht es auch den anderen Asylbewerbern. Sie wohnen in Turnhallen, in denen keine deutschen Kinder mehr spielen. Oder in Containerdörfern auf dem Feld, in Gewerbegebieten, wo keiner sein Haus hat. Die meisten sind weiter auf die Bilder in ihrem Kopf angewiesen. Denn von Deutschland haben sie bisher nur wenig gesehen. Auch Merkel kam noch nicht vorbei.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.09.2015
Von Felix Knoke
Am Abend des 22. März 2015 schaute Mohammeds Familie noch einmal zum Abendessen vorbei. Sein Onkel war schon da, seine Schwestern und Schwager hatten Süßigkeiten mitgebracht, um den syrischen Muttertag nachzufeiern. Aber Mohammed war zum Schreien zumute. Niemand von ihnen durfte erfahren, dass er morgen früh verschwinden würde und sie ihn vielleicht nie wiedersehen würden. Nur seine Eltern waren eingeweiht: Morgen früh um fünf Uhr würde er an einem geheimen Treffpunkt in einen Lastwagen klettern, sich hinter ein paar Tomatenkisten verstecken und mit einem Schleuser bis zur türkischen Grenze fahren. Danach würde er durch ein Loch im Grenzzaun in die Türkei steigen, mit einem Taxi bis zur türkischen Küste fahren und einem Schleuser ein paar tausend Dollar geben, damit der ihn in einem völlig überfüllten Frachter übers Mittelmeer nach Italien fahre. Dann würde er sich irgendwie in den Norden durchschlagen, nach Schweden am besten, und dort ein neues Leben aufbauen. Und diesen Krieg, diesen Wahnsinn endlich hinter sich lassen. Zumindest war das Mohammeds Plan. Er kannte die Geschichten von jenen, die es schon vor ihm versucht hatten: von denen, die von Schleusern verraten und von Soldaten ermordet worden, die im Mittelmeer ertrunken, im Maschinenraum erstickt oder entkräftet von irgendwelchen Banditen im Wald halb tot geprügelt worden waren.
Mohammed kannte das Risiko. Aber hier zu bleiben, in seinem Heimatdorf Badda, wäre sein sicherer Tod. Weil Mohammed nicht beim Bürgerkrieg mitmachen wollte, war er schon auf der Flucht, lange bevor er sein Land verließ, ein Deserteur, der von der syrischen Armee gesucht wurde. Also hörte er auf diejenigen, die ihm Hoffnung machten, auf seine Freunde, die schon irgendwo in Europa in einem Auffanglager auf Asyl warteten, die auf ihrem Weg Freunde verloren und beinahe unerträgliche Zustände überlebt hatten, die aber wenigstens wieder etwas hatten, das Mohammed nur noch aus Erinnerungen kannte: eine Zukunft.
Ich habe Mohammed über das Internet kennengelernt. Der niederländische Journalist Sam Nemeth, der Mohammed auf Lesbos begegnet war, hatte Bilder und Whatsapp-Nachrichten seiner Flucht auf Facebook veröffentlicht. Wochenlang konnte man dort verfolgen, wie Mohammed über den Balkan floh, im Gefängnis landete oder verletzt irgendwo festsaß. Dieser Live-Bericht war spannend und rührend – vor allem aber erfüllte er nicht die naiven Vorstellungen, die ich bis dahin von Flucht hatte. Schon das Wort Flüchtling ist so irreführend: Mohammed war kein Getriebener, sondern jemand, der all seine finanziellen, mentalen und sozialen Ressourcen zusammentat, um seinem Leben wieder eine Perspektive zu geben.
Nach Mohammeds gelungener Flucht machte ich ein Treffen mit ihm im Auffanglager im niederländischen Budel aus. (Mohammed ist ein Pseudonym, seinen richtigen Namen soll man nicht in der Zeitung lesen.) Drei Tage lang interviewte ich ihn zu allen Details seiner Flucht, wir rekonstruierten seine Fluchtroute, stellten Etappenpläne auf und führten Buch über seine Ausgaben und Kontakte. Mich überraschte seine Offenheit, die manchmal an Entblößung grenzte. Aber das hatte System: »Niemand versteht, wie schrecklich Flucht ist«, erklärte er mir. »Wenn ich aber dazu beitragen kann, dass mehr Menschen das verstehen, dann haben es vielleicht diejenigen leichter, die nach mir kommen.«
Die Zukunft – sie war Mohammed vor drei Jahren abhandengekommen. Er hatte seinen Abschluss in Englischer Literatur und Ägyptisch an der Universität von Damaskus gemacht, als er zum Pflichtwehrdienst in der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor eingezogen wurde. Mohammed hielt nichts davon, Soldat zu sein. Hätten seine Eltern Geld gehabt, hätten sie ihn vielleicht vom Wehrdienst befreit. Nur 5000 Dollar, vielleicht wäre ihm dann alles erspart geblieben. Er hatte Glück: Statt den Umgang mit Waffen zu erlernen, durfte er den Töchtern seines Majors Englisch beibringen.
Ein paar Monate später erreicht der Arabische Frühling auch Syrien. In nur wenigen Wochen wird aus den Demonstrationen gegen das Assad-Regime ein Aufstand. Die Polizei schießt auf unbewaffnete Demonstranten. Es gibt Tote. Die Lage eskaliert. Auch Mohammed und seine Einheit sollen auf die Regimegegner schießen. Sie weigern sich und beschließen kollektiv zu desertieren. In der Nacht entkommen die Soldaten samt Major in einem ihrer Militärlaster. Es gibt es nur einen Weg: zur frisch formierten Freien Syrischen Armee (FSA), die Deserteuren wie ihnen Schutz und eine sichere Fluchtroute bietet.
Wochenlang werden Mohammed und seine Gruppe aus 35 Fahnenflüchtigen im Zickzackkurs durch die Kriegszonen geleitet. Von einem Dorf in Rebellenhand zum nächsten, dazwischen lebensgefährliche Passagen unter Feuer der Regierungstruppen. Mohammed sieht zum ersten Mal in seinem Leben, was Krieg bedeutet. Seine Kameraden scheinen weniger nachdenklich denn euphorisch. Es gibt ein Video von ihnen. Wie Fußballfans hängen sie aus den Fenstern eines Pick-ups und strecken die Kalaschnikows der FSA in den Himmel. Nur Mohammed läuft mit gesenktem Kopf nebenher. Man spürt die Euphorie seiner ehemaligen Kameraden: Sie hatten Scharfschützen und Kampfflugzeuge überstanden, in einem winzigen Boot den Euphrat überquert, sich vor Panzergranaten in Sicherheit gebracht und die Bombardements der Rebellengebiete überlebt.
Ein paar Tage später leben von den 35 Deserteuren nur noch zwei: Mohammed und ein Freund. Ein Provinzaufseher hatte die Gruppe an die Regierungstruppen verraten. Mohammed überlebte nur durch Glück. Sein Heimatdorf Badda lag auf der Fluchtroute, also wurden er und der Freund vorgeschickt. Der Rest der Gruppe wollte es durch die Al-Kalamun-Berge nach Ostsyrien schaffen. Aber in den Bergen wartete ein Kampfhubschrauber der Armee und erschoss alle Deserteure – es war ein Massaker.
Mohammed bekam von alldem nur wenig mit. Er war schon bei seinen Eltern, als er die vielen Schüsse und den Helikopter hörte, nur ein paar Kilometer entfernt. Ein paar Stunden später kamen die Gerüchte, viel später dann das Video. Es ist ein schreckliches Video, aber Mohammed will, dass man es sich ansieht. Er könnte jetzt auch so daliegen wie seine Freunde. Mit dem Fuß eines triumphierenden Soldaten im Rücken im blutigen Schotter, die Brust aufgeschossen, ein Loch im Hinterkopf, die Hände auf den Rücken gebunden.
Dass er nicht in Syrien bleiben konnte, wusste Mohammed seit seiner Fahnenflucht. Aber jetzt hatte er auch einen Maßstab für das Risiko, das er bereit sein muss, auf seiner Flucht nach Europa einzugehen.
Mohammeds Eltern hatten andere Pläne. Sie verbaten ihrem Sohn die Flucht. Das Dorf zu verlassen sei viel zu gefährlich, und außerdem werde ja eh bald alles wieder gut. Mohammed gehorchte. Drei Jahre harrte er bei seiner Familie aus, half seinem Vater beim Verladen von Gemüse und gab im Freundeskreis Englischunterricht. Kein Tag verging ohne Angst. Und natürlich wurde nichts besser. Immer öfter drangen Soldaten der Regierung ins Dorf vor, schnappten echte und angebliche Rebellen und zerstörten Häuser mit Bomben und Feuer. Einmal griffen sie sogar seinen Bruder auf: Wo ist Mohammed? An einem anderen Tag stürmten sie vier Mal sein Zuhause – aber Mohammed entkam, weil ein Verwandter mit Kontakten die Familie vorgewarnt hatte. Der Krieg tobte auch mitten in Badda, das verstanden irgendwann auch die Eltern – und ließen ihn gehen. Mohammed spürte in diesem Moment vor allem Erleichterung. Die Zeit der hilflosen Angst wäre vorbei. An ihre Stelle träte das Gefühl, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu haben.
Flucht wird oft falsch dargestellt. Wer flüchtet, weiß genau, was er tut. Flucht ist eine gewaltige Aufgabe, die intensiver Planung, Entscheidungskompetenz und Einteilung der Ressourcen bedarf. Wer sich einmal zur Flucht entscheidet, für den gibt es keinen Weg zurück. Es gilt nur noch der Flucht-Imperativ »Vorwärtskommen!«. Wer zu langsam ist oder stecken bleibt, verliert Zeit und damit Geld. Und nur mit Geld kann man die Schleuser bezahlen, die einem dabei helfen, große Distanzen und Hindernisse zu überwinden.
Andererseits muss man alles meiden, was das Fortkommen verzögern könnte: also vor allem betrügerische Schleuser, versperrte Fluchtrouten, Polizisten und bürokratisches Geplänkel. Man darf nicht krank werden oder alt sein, sollte nicht Frau und Kinder bei sich haben. Wer von sich aus zu langsam ist, muss größere Risiken eingehen, also die riskanteren, aber auch schnelleren und vermeintlich leichteren Fluchtrouten nehmen: im Schlauchboot übers Meer, im Kühllaster durch den Ärmelkanaltunnel. Das hohe Risiko ist keine Folge schlechter Entscheidung: Es ist, in der »Immer vorwärts«-Fluchtlogik, die rationalere Wahl.
Mohammed hatte lange über dem idealen Fluchtplan gebrütet. Es ist ein bisschen, wie eine Reise zu planen, bei der die Übernachtungskosten gering, die Reisekosten immens und der Reiseplan sehr eng sind. Der einfachste Fluchtweg ist immer der teuerste. Für einen Flug mit gefälschten Papieren aus Griechenland nach Nordeuropa hätte Mohammed 7000 bis 8000 Euro zahlen müssen. Allerdings ist das Risiko sehr hoch, entdeckt zu werden. Wer sich finanziell nur einen einzigen Fluchtversuch leisten kann, wählt deshalb den Seeweg. Die Fahrt von der Türkei auf eine griechische Insel kostet 1000 Dollar Einheitspreis. Um nicht in Griechenland stecken zu bleiben – hier gibt es auch keine Zukunft –, muss man danach aber über den Landweg nach Zentraleuropa, eine lange, komplexe Route mit vielen Sackgassen.
Mohammed entschied sich für eine Zwischenlösung: per Auto von Syrien in die Türkei und dann mit dem Schiff nach Italien. Zusammen sollte das rund 6500 Euro kosten. Zusätzlich würden jeweils zwischen 200 und 900 Euro für Autofahrten mit Schleusern, eventuell mehrere hundert Euro Bestechungsgeld und die Lebenshaltungskosten dazukommen, etwa zehn Euro pro Fluchttag.
Niemand in Mohammeds Familie hatte so viel Geld, immerhin ein Jahreseinkommen. Also verkaufte der Vater ein Stück Feigenplantage, um seinem Sohn einen Fluchtversuch zu ermöglichen. Von dem Betrag würde er zunächst den syrischen Schleuser bezahlen und den Rest Mohammed über einen Gelddienst zukommen lassen, sobald er sicher über der Grenze wäre. Auf dem gefährlichsten Stück seiner Flucht sollte sein Sohn kein wandelnder Geldbeutel sein.
»Reise möglichst leicht« war auch der Tipp, den Mohammed von anderen Flüchtlingen bekam, mit denen er ständig bei Whatsapp und Facebook sprach. Also füllte er eine einfache Laptop-Tasche mit zwei Hosen und Hemden, mit echten und gefälschten Papieren, Rasier- und Zahnputzzeug, etwas Taschengeld und dem Ladekabel für sein Smartphone. Nach jedem Grenzübertritt würde er sich neue Kleidung kaufen, um weniger als Flüchtling aufzufallen. Wirklich wichtig war nur sein Smartphone. Damit würde er mit seiner Familie, Schleusern und anderen Flüchtlingen in Kontakt bleiben, seinen Standort feststellen und spontan seine Fluchtpläne ändern können. Um Diebe abzuhalten, wählte er ein älteres Modell mit kleinem Bildschirm: Es hatte einen guten Ruf unter Flüchtlingen, weil es zwar billig aussah, aber auch robust war und eine gute Antenne hatte.
Von Bekannten bekam Mohammed den Kontakt zu einem Schleuser, der ihn raus aus Badda und bis zur türkischen Grenze bringen sollte: ein ganz normaler Lastwagenfahrer, der hin und wieder auch Flüchtlinge in seinem Laster versteckte und dafür 500 Euro pro Kopf verlangte – zahlbar in bar nach geglückter Fahrt.
Am Vorabend der Flucht entschuldigte sich Mohammed bei seinen feiernden Verwandten: Er müsse noch eine Englischstunde für die Nachbarn vorbereiten. Zwei Tage zuvor hatte ihm der Schleuser das Signal gegeben: Warte am 23. März 2015 um fünf Uhr morgens an jener Straßenecke auf einen Lastwagen. Ich halte nur kurz, und mein Kollege macht dir die Ladetür auf. Spring rein und gehe ganz nach hinten. Erschrick nicht, es fährt noch jemand mit. Und vor allem: Hab keine Angst. Bleibe ganz still. Dann passiert dir auch nichts.
Die Fahrt hinter den Tomatenkisten läuft fast nach Plan. Die Person, vor der er sich nicht erschrecken solle: ein alter Schulfreund. Gemeinsam ist es leichter, die Angst zu ertragen, wenn der Laster mal wieder für einen Militärposten bremst, der Fahrer allzu forsch ums Schmiergeld feilscht oder ein Soldat die Abdeckplane anhebt. Nach 13 Stunden hält der Laster ein letztes Mal. Sie haben die syrische Grenzstadt Aʼzaz erreicht.
Von hier ist es nur noch ein kurzer Fußmarsch bis zur Grenze. Aber der Grenzübertritt ist schwieriger als gedacht. Seitdem hier vor einem Jahr eine Autobombe 16 Menschen in den Tod gerissen hat, ist die Grenze dicht. Die Anwohner sagen: Es wird auf jeden geschossen, der sich ihr nähert. Besser soll er es nördlich von Aleppo versuchen: In Bab al Salam (»Tor des Friedens«) schneide die Freie Syrische Armee jeden Abend für die Flüchtlinge ein Loch in den Grenzzaun.
Der Tipp ist gut – und viele andere Syrer haben ihn auch bekommen. Mohammed sieht, wie sich Hunderte im hohen Gras verstecken. Er legt sich zu ihnen und wartet auf das Signal, stundenlang. Dann kann es plötzlich nicht schnell genug gehen. Es ist ein Rangeln und Stoßen, Babys schreien, Eltern rufen verzweifelt nach ihren Kindern. Wer es jetzt nicht schafft, bevor die türkischen Gendarmen kommen, hat seine Chance vertan. Mohammed hat Glück: Eine kräftige Männerhand streckt sich ihm aus der Dunkelheit entgegen und zieht ihn in die Türkei. Er rennt zum Wald hinter der Grenze – und sieht Taxis. Ganz normale Taxis. Sie fragen nicht, wohin es gehen soll. Jeder hat hier dasselbe Ziel: nach Kilis und dann weiter nach Mersin ans Mittelmeer. Und dann endlich ab nach Europa.
In Mersin wartet Mohammeds Cousin, auch er ist kurze Zeit zuvor aus Syrien geflüchtet. Aber er hat schlechte Nachrichten. Die Schleuser bieten kaum noch Fahrten nach Italien an, weil die Situation im Mittelmeer für Flüchtlinge immer schlimmer wird. Über einen Monat warten sie gemeinsam auf ein Zeichen des Schleusers. Das Warten nagt an Mohammeds Moral. Aber zum ersten Mal seit Jahren spürt er wieder, was Frieden bedeutet: Nachts brennen die Straßenlaternen, die Menschen hier lächeln. Niemand wird ihn erschießen.
Jeden Abend sitzt Mohammed mit seinem Cousin am Meer. Sie hören von den steigenden Opferzahlen im Mittelmeer, aber das schreckt sie nicht ab. Eines Abends laufen im Fernsehen Bilder vom Schiffsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa: 700 Flüchtlinge sind tot. Auf dem Handy erscheint eine Kurznachricht seiner Mutter. »Seht Ihr nicht die Bilder im Fernsehen? Wisst Ihr nicht, wie gefährlich es ist? Bitte fahrt nicht!« Aber was sollen sie tun? Auf dem Landweg weiterreisen und irgendwo in Südosteuropa stecken bleiben? Sie wissen, wie in Mazedonien, Ungarn und Serbien mit Flüchtlingen umgegangen wird. Eine Zukunft haben sie dort nicht. Dann sich lieber dem Meer anvertrauen. »Es fühlt sich wie ein gigantisches Risiko an«, sagt Mohammed. »Du riskierst dein Geld, und du riskierst dein Leben. Aber wenn du keine Wahl hast, wenn es keinen Weg zurück gibt, wenn du feststeckst, musst du das einfach tun.«
Irgendwann meldet sich doch noch der Schleuser. Er gibt auf. Ihm ist es zu riskant. Er sucht eine bessere Route. Wenn sie klug wären, sagt er, würden sie es ihm gleichtun und im Norden zur griechischen Insel Lesbos übersetzen.
Noch am selben Abend nehmen sie den Bus nach Izmir und suchen sich einen neuen Schleuser, der Schlauchbootfahrten nach Griechenland organisiert. Mohammed gibt seinem Vater Bescheid, der ihm mehrere tausend Euro nach Izmir transferiert. Die 1000 Euro für den Schleuser hinterlegt Mohammed bei einer Art Notariat. Gelingt die Überfahrt, bekommt der Schleuser einen Auslösecode zugeschickt. Das System ist beliebt, aber riskant. Immer wieder brennen die Notare mit dem Geld der Flüchtlinge durch; einem Freund Mohammeds wurde für so einen Code schon der Arm gebrochen.
Der erste Fluchtversuch scheitert, weil die Polizei den Laster des Schleusers entdeckt. Aber Mohammed und sein Cousin bekommen vom Schleuser ihr Geld zurück. Trotzdem wählen sie für den zweiten Versuch einen anderen Schleuser. Es ist ein alter Syrer, der seine Kunden bei sich zu Hause übernachten lässt und noch keine Tour verloren hat. Zum Sonnenuntergang sollen sie sich bereithalten, dann hole sie ein Lastwagen ab. Mohammed kauft sich in der Stadt noch schnell eine gute Rettungsweste für vierzig Euro und einen Luftballon, um sein Smartphone vor dem Meereswasser zu schützen. Ein völlig überfüllter Lkw bringt sie zum Strand. Dort entbrennt sofort Streit: Der Schleuser hatte ihnen zwei Schlauchboote versprochen, aber die Flüchtlinge sehen nur eines: fünf, sechs Meter lang, ein dürres Stück Kunststoff mit Außenbordmotor. 48 Menschen steigen in das Schlauchboot, einer von ihnen ergreift das Steuer. Es sind nur zehn Kilometer bis nach Griechenland, sie können Europa schon sehen. Aber das Boot kommt kaum vorwärts. Dann lässt auch noch der jugendliche Steuermann plötzlich das Ruder fallen. Er zittert und fleht: Er habe in seinem Leben noch kein Boot gesteuert. Er habe keine Ahnung, wohin er fahren müsse. Er mache das doch nur, weil er kein Geld für die Überfahrt hatte und ihm der Schleuser ein Angebot machte: kostenlose Überfahrt, dafür das Risiko, als Fluchthelfer festgenommen zu werden. Die Passagiere sind außer sich, aber bevor die Situation eskaliert, greift ein Vater, der mit seinen Kindern an Bord ist, nach dem Ruder und fährt die letzten Kilometer bis Lesbos.
Alle kommen sicher an. Sie machen Selfies und singen, während zwei Griechen das Schlauchboot demontieren und den Motor davontragen. Von der Polizei keine Spur. Mohammed kann sein Glück kaum fassen, aber er lacht und singt nicht. Stattdessen schreibt er seinen Eltern: »Ich habe es geschafft. Ich bin in Europa.« Und denkt nur an das, was alles auf ihn zukommen wird. Seine Flucht aus Syrien ist zu Ende. Seine Flucht durch Europa hat gerade erst begonnen.
