16,99 €
»Kann man denn zu Kafka noch irgendetwas Neues sagen?«, fragt der Soziologe und Philosoph Michael Löwy zu Beginn seines großartigen Essays – und schafft tatsächlich innerhalb weniger Zeilen einen Zugang zu dem deutschen Literaturklassiker, der ein völlig neues Licht auf einen der bedeutendsten Autoren der Moderne wirft. Löwy erzählt von biografischen, oft vernachlässigten Umständen und führt uns dabei den politisch sensiblen Kafka vor Augen, der als Schüler provozierend die rote Nelke am Revers trug, und der als Student enge Kontakte zum libertären Milieu seiner Heimatstadt Prag pflegte und begeistert anarchistische Autoren wie Pjotr Kropotkin las. Auf Grundlage einer sorgfältigen literarischen Analyse von Kafkas Romanen und wichtigsten Erzählungen erarbeitet Michael Löwy die These, dass vor allem Antiautoritarismus den roten Faden in Kafkas Werk bildet. Von der Rebellion gegen die Autorität der Väter über die Auseinandersetzung mit der (jüdischen) Religion bis hin zur schonungslosen Entlarvung der Brutalität kapitalistischer Verhältnisse und anonymer Apparate folgt Kafka diesem Grundmotiv. Dieser Analyse folgend beleuchtet Löwys Essay die erschreckende Aktualität des literarischen Werks von Franz Kafka.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2023
Michael Löwy
MICHAEL LÖWY
EINE ANNÄHERUNG AN SEIN WERK
Aus dem Französischen von Bruno Kern
»Fesseln aus Kanzleipapier«
1 »An Kropotkin nicht vergessen!«Kafka und der libertäre Sozialismus
2 Tyrannei.Vom autokratischen Vater zu den anonymen Apparaten
3Der Prozess.Von Mendel Beiliss, dem ausgestoßenen Juden, zu Joseph K., dem universalen Opfer
4 Die Religion der Freiheit und die ParabelVor dem Gesetz (1915)
5Das Schloss:Bürokratischer Despotismus und freiwillige Unterwerfung
6 Ausflug ins Anekdotische:War Kafka Realist?
7 Eine kafkaeskeSituation
Meiner Mutter, Hedi Löwy
Kann man denn zu Kafka noch irgendetwas Neues sagen? Und ob! Das will ich in diesem Buch zeigen. Ich meine in der Tat, dass es an der Zeit ist, einen anderen Blick auf dieses Werk zu riskieren, um sich seines faszinierenden rebellischen Potenzials bewusst zu werden.
In seinem berühmten Aufsatz über Kafka hat Walter Benjamin zu dessen Werken eine Warnung ausgesprochen, die man leider kaum ernst genommen hat: »Mit Umsicht, mit Behutsamkeit, mit Misstrauen muss man in ihrem Inneren sich vorwärtstasten.«1 Die folgenden Ausführungen kann man in der Tat als ein vorsichtiges Herantasten verstehen, als eine Arbeitshypothese, die sich bewähren muss, als einen möglichen Ausgangspunkt für zukünftige Forschungen.
Die Kommentare zu Kafka – ein wahrer Berg an Papier, der nicht aufhört zu wachsen – haben im Lauf der Zeit die Gestalt eines Turms zu Babel angenommen: eine treffende Metapher angesichts der »Sprachverwirrung«, zu der sie geführt haben, aber auch, weil dieses Unterfangen niemals an ein Ende kommt. Ist es eigentlich Zufall, dass es gerade Frauen waren, die oft die interessantesten Zugänge zur Lektüre Kafkas erschlossen haben? Jedenfalls kann ich mich vor Autorinnen wie Hannah Arendt, Marthe Robert, Rosemarie Ferenczi und Marina Cacarocci-Arbib nur in Ehrfurcht verneigen. Ihre Arbeiten unterscheiden sich sehr deutlich von der grauen und eintönigen Masse eines guten Teils der »Sekundärliteratur«. Ich stimme mit den Analysen dieser Frauen nicht immer völlig überein, doch ich stütze mich in hohem Maß auf etliche ihrer Beiträge, um meine eigenen Gedanken zu Kafkas Werk zu entwickeln, die dann doch in eine andere Richtung führen.
Den Großteil der Arbeiten über den Prager Schriftsteller kann man in sechs Kategorien unterteilen:
Eine im strengen Sinne literarische Lektüre, die sich bewusst nur auf den Text konzentriert und dabei den »Kontext« außer Acht lässt;
2
eine biografische, psychologische und psychoanalytische Lesart;
eine theologische, metaphysische und religiöse Lektüre;
eine Lektüre aus der Perspektive der jüdischen Identität;
eine soziopolitische Lektüre;
postmoderne Lesarten, die im Allgemeinen zur Schlussfolgerung gelangen, dass ein Urteil über die Bedeutung der Werke Kafkas »unentscheidbar« sei.
Diese Interpretationen sind von unterschiedlichem Wert: Einige vermitteln wichtige Einsichten, doch viele versuchen, das literarische Werk auf ein vorab entwickeltes Modell zu reduzieren, das Situationen und Personen als Symbole oder Allegorien einer Botschaft deutet. Übrigens muss man dieser Fülle an Sekundärliteratur eine neue Gattung hinzufügen, die in den letzten Jahren eine wahre Blüte erlebt hat: die der Tertiärliteratur, das heißt die Erforschung der unterschiedlichen Interpretationen des Prager Schriftstellers.3 Wann haben wir mit einer »Quartärliteratur« zu rechnen?
Im bereits erwähnten Aufsatz von Walter Benjamin über Kafka heißt es an anderer Stelle, es gäbe zwei Weisen, Kafka mit Sicherheit zu verfehlen: die natürliche und die übernatürliche Auslegung, oder anders gesagt: die psychoanalytischen und die theologischen Lesarten. Diese Bemerkung Benjamins scheint mir ins Schwarze zu treffen. Beide genannten Dimensionen sind sehr wohl in Kafkas Werk vorhanden, aber sie sind aufgehoben im dialektischen Sinne des Wortes: negiert, bewahrt und überwunden zugleich. So ist zum Beispiel der Ödipus-Konflikt – die heftige Auseinandersetzung mit dem Vater – in den Schriften Kafkas sehr wohl anzutreffen, aber seine ganze Kunst besteht ja genau darin, diesen psychologischen Aspekt in eine imaginäre Welt hinein zu überschreiten, in der sich die Frage nach Autorität im Allgemeinen stellt. Dies gilt ebenso für das Judentum: Das Judesein ist ein wesentlicher Ausgangspunkt, der genauso innerhalb einer allgemeineren Problematik negiert und bewahrt zugleich wird. Marthe Robert bemerkt dazu: Die Situation der Prager Juden, die in »ein Ghetto mit unsichtbaren Mauern« eingesperrt waren, wird im Werk Kafkas – insbesondere in seinen drei posthum erschienenen Romanen – »zum Modell einer Situation, die von unendlich allgemeinerem Charakter ist«4. Was das theologische Moment betrifft, so ist es zweifellos vorhanden, aber in indirekter und »negativer« Weise, wie ich noch zeigen werde.
Bleibt die ausschließlich literarische Annäherung an Kafkas Werk. Ohne jeden Zweifel lebte Kafka nur für die Literatur. Sie war seine Obsession, sein alleiniger Daseinsgrund, die einzige Planke, an der er sich festhalten konnte, um nicht zu ertrinken. Sie ist seine Antwort auf eine Welt, die dem Verfall preisgegeben ist. Ausgehend von diesem Befund – der aus der Lektüre des Tagebuchs und des Briefwechsels klar hervorgeht – sind viele Interpreten in die Falle getappt, aus der Literatur den Gegenstand, den Inhalt, den Webfaden seiner Schriften selbst zu machen, die dann wie in einem Spiegelkabinett zu einer Art raffinierter Allegorie des literarischen Werkes selbst werden, das sich in unendlichen Spiegelungen seiner selbst entfaltet. Doch diese Auffassung ist illusorisch. Auch Robert Musil war von seinem eigenen Werk in Beschlag genommen, doch die Literatur ist nicht der Gegenstand ihrer selbst, und »Kakanien«5 ist keine Allegorie seiner eigenen Werke. In den Romanen Kafkas geht es nicht um die Literatur als solche, sondern um die Beziehung des Individuums zur Welt. Sicherlich mag die eine oder andere Erzählung das literarische Werk selbst zum Gegenstand haben. Das trifft sehr wahrscheinlich auf die Gestalt des »Odradek« in der berühmten Erzählung Die Sorge des Hausvaters zu. Dies hat jedenfalls Marthe Robert in brillanter Weise in Seul, comme Kafka (»Allein wie Kafka«) aufgezeigt. Doch wollte man dieses Raster auf seine Romane und seine Schriften insgesamt anwenden, so wäre dies verfehlt.
Angesichts der Flut an Sekundärliteratur zu Kafkas Werk stellt sich die Frage: Warum sollte man dieser hermeneutischen Pyramide nochmals einen Stein hinzufügen? Mein Beitrag fügt sich am ehesten in die »soziopolitische« Deutungstradition ein, doch er versucht, die anderen Ebenen mit einzubeziehen, und zwar anhand eines »roten Fadens«, mithilfe dessen man die Revolte gegen den Vater, die Religion der Freiheit (die sich aus dem Quell eines heterodoxen Judentums speist) und den – libertären – Protest gegen die mörderische Macht der bürokratischen Apparate miteinander in Beziehung setzen kann. Dieser rote Faden heißt Antiautoritarismus. In seinem Aufsatz zum Surrealismus aus dem Jahr 1929 schrieb Walter Benjamin: »Seit Bakunin hat es in Europa keinen radikaleren Begriff von Freiheit mehr gegeben.«6 Diesen Satz kann man exakt auf Franz Kafka anwenden.
Ich will diesen roten Faden aufnehmen und chronologisch verfolgen. Dabei berücksichtige ich einige biografische Daten, die oftmals nicht beachtet werden, insbesondere Kafkas Beziehung zum anarchistischen Milieu Prags. Dann werde ich die drei großen unvollendeten Romane und einige der bedeutendsten Erzählungen interpretieren. Ich werde gleichermaßen auf Fragmente und Erzählungen, auf den Briefwechsel und das Tagebuch zurückgreifen, um die großen literarischen Texte zu deuten, wobei ich jedoch nicht das gesamte Werk mit einbeziehe. So habe ich zum Beispiel die ersten Schriften Kafkas, also die Schriften vor 1912, und auch die letzten Werke wie etwa Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse oder Forschungen eines Hundes usw. nicht berücksichtigt. Ich kann nicht sagen, ob diese Texte und einige andere Erzählungen, Aphorismen und Fragmente meine Hypothese stützen oder nicht.
Ich glaube mich nicht zu sehr aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich behaupte, dass eine solche Lesart anhand dieses Ariadne-Fadens durch Kafkas Labyrinth, nämlich seiner Sehnsucht nach Freiheit, wirklich neu ist. Ich habe jedenfalls nichts Vergleichbares in der Sekundärliteratur gefunden. Worauf ich in bestimmten Interpretationen gestoßen bin, sind eher Spuren, Fragmente, Einsichten und einige Textabschnitte, die ich – zugegebenermaßen aus ihrem Kontext gelöst – zitiere, um meine Argumentation zu untermauern. Doch nirgends findet sich eine systematische Analyse von Kafkas Werk aus dem Blickwinkel seines leidenschaftlichen Antiautoritarismus, von dem es gleichsam elektrisch aufgeladen ist. Dank dieser Lesart fügt sich das Puzzle zusammen, und die Hauptwerke Kafkas weisen unter diesem Vorzeichen eine sehr große innere Übereinstimmung auf. Natürlich geht es dabei nicht um die Geschlossenheit einer Lehre, sondern vielmehr um die Kohärenz, die innere Stimmigkeit des Empfindens.
Meine Deutung erhebt also keineswegs den Anspruch, erschöpfend zu sein. Es handelt sich vielmehr um einen Entwurf, um den Versuch, die überwältigende kritische und subversive Dimension von Kafkas Werk, die so oft im Verborgenen bleibt, herauszustellen. Meine Art, Kafka zu lesen, ist keineswegs auf Konsens bedacht und wird sicher Kontroversen auslösen, da sie sich vom üblichen Kanon der Literaturkritik zu Kafka entfernt. Mein Versuch ist sehr stark von Walter Benjamin geprägt – nicht nur von seinem eigenen Aufsatz zu Kafka aus dem Jahr 1934, sondern vor allem von seinen Thesen über den Begriff der Geschichte aus dem Jahr 1940. In dieser seiner letzten Schrift schreibt er den Historikern ins Stammbuch: »In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von Neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.«7 Dieses Buch will ein wenig zu dieser Aufgabe beitragen.
Die hier vorgeschlagene »politische« Lektüre ist selbstverständlich nicht erschöpfend. Kafkas Universum ist viel zu reichhaltig, komplex und vielfältig, als dass man es auf eine einfache Formel bringen könnte. So überzeugend eine Interpretation auch sein mag: Kafkas Werk bewahrt sein ganzes beunruhigendes Geheimnis und seinen einzigartigen traumhaften Charakter, es ist wie eine Art »erweckter Traum«, inspiriert von der Logik im Wunderbaren8. Für dieses Werk gilt, was man im Anschluss an André Breton so formulieren könnte: Jede Poesie enthält in ihrem innersten Kern »undurchdringliche Nacht« …
Das Adjektiv »politisch« ist überdies ziemlich unangemessen. Was Kafka interessiert, ist meilenweit von dem entfernt, was man üblicherweise mit dem Wort »Politik« verbindet, nämlich politische Parteien, Wahlen, Institutionen, Verfassungsorgane, usw. Vielleicht wäre »kritisch« der bessere Ausdruck. Diese kritische Dimension wird oftmals von einer bestimmten Art akademischer Interpretation verdunkelt. Doch wahrscheinlich wird gerade sie von den Millionen zeitgenössischer Leser und Leserinnen, für die Kafka zum Synonym für Beunruhigung angesichts des bürokratischen Systems geworden ist, am tiefsten empfunden.
Um die unterdrückerische Macht dieses Systems zu beschreiben, hat Kafka eine verblüffende Metapher erfunden: »Die Fesseln der gequälten Menschheit sind aus Kanzleipapier.«9 Kanzlei meint weitaus mehr als etwa Büro. Das Wort hat seine Wurzel im mittelalterlichen Latein. Cancelleria bezeichnet einen durch Gitter oder Schranken (lat.: cancelli) abgesperrten Bereich, wo offizielle Dokumente vorbereitet werden. Das Wort »Kanzlei« kommt in Der Prozess oder Das Schloss bei Kafka oft vor, um die Orte zu beschreiben, wo die Instanzen residieren. Es handelt sich um Orte, die stets von sehr hohen sichtbaren oder unsichtbaren cancelli umgeben sind, die den einfachen Sterblichen auf Distanz halten. Die Kanzleipapiere, von denen Kafka spricht, sind ganz offensichtlich schriftlich verfasste oder gedruckte Dokumente: offizielle Formulare, Fahndungsplakate, Personalpapiere, Anklageschriften oder Gerichtsurteile. Die Schrift ist also das Medium, mittels dessen die leitenden Instanzen ihre Macht ausüben. Die Antwort Kafkas darauf bedient sich desselben Mediums, schlägt aber in einem radikalen Sinn die umgekehrte Richtung ein: Es sind literarische und poetische Schriften der Freiheit, die die Anmaßungen der Mächtigen subversiv unterlaufen.
Die Metapher von den »Fesseln aus Kanzleipapier« scheint überdies doppeldeutig zu sein: Sie gemahnt einerseits an die unterdrückerische Natur des bürokratischen Systems, das die Individuen mit seinen offiziellen Dokumenten in Knechtschaft hält, andererseits erinnert sie daran, wie schwach diese Fesseln sind, die leicht zerrissen werden könnten, wenn sich die Menschen nur befreien wollten …
Kafka wurde oft – etwa von György Lukács, Günther Anders und anderen – vorgeworfen, er würde aufgrund seines radikalen Pessimismus der Resignation und dem Fatalismus das Wort reden. In einem Brief an seinen Freund Oskar Pollak vom 27. Januar 1904 erläutert er seine Auffassung von der Rolle der Literatur nun folgendermaßen: Ein Buch sei nur dann von Interesse, wenn es uns wie »ein Faustschlag auf den Schädel« weckt, wenn es wie eine »Axt« für »das gefrorene Meer in uns« sei.10 Das klingt ganz und gar nicht nach einem Aufruf zur Resignation.
Der väterliche Zweig meiner Familie, die Löwys, kam ursprünglich aus Böhmen, genauso wie der mütterliche Zweig von Kafkas Familie; seine Mutter hieß übrigens Julia Löwy. Dieser Name war in Österreich-Ungarn recht verbreitet, und meines Wissens gibt es zwischen den beiden Familien keine verwandtschaftlichen Beziehungen, abgesehen von der – weitgehend mythischen – Zugehörigkeit zum weitverzweigten jüdischen Stamm der Leviten, der großen Schriftgelehrten und Pergamentschreiber vor dem Ewigen …
Zum ersten Mal hörte ich von Kafka während meiner Gymnasialzeit in Brasilien anlässlich eines Vortrags von Mauricio Tragtenberg über »Die Bürokratie in Kafkas Roman Das Schloss«. Mauricio war damals ein junger jüdischer Autodidakt mit Sympathien für einen libertären Marxismus. Erst später sollte er eine akademische Karriere einschlagen. Ich erinnere mich nicht mehr an Einzelheiten des Vortrags, doch im Großen und Ganzen vertrat er die Meinung, dass Kafkas Roman eine der interessantesten kritischen Analysen dessen darstellt, was bürokratische Mächte in modernen Gesellschaften bedeuten. Mein Buch verdankt der unvergesslichen Stellungnahme dieses Freundes vor langer Zeit sehr viel.
Von allen Mitgliedern des Prager Kreises um Kafka hatte ich nur einen das Glück zu kennen: seinen Schulkameraden Samuel Hugo Bergmann, der auch als Erster Kafkas sozialistisches Engagement bezeugte. Ich gehörte einer Gruppe von Hebräisch-Schülern an, die er an einem Samstagnachmittag des Jahres 1963 in seinem Haus in Jerusalem empfing. Er ließ uns an einigen Gedanken zum modernen Leben anhand einer Alltagsszene teilhaben, die er erlebt hatte: zwei Verliebte in einem Park, ganz versunken ins Gespräch … eines Transistorradios, dem sie beide lauschten. Unsere Gesellschaft, so Bergmann, ist dabei, ihre Fähigkeit zum Dialog und zum gegenseitigen Zuhören zu verlieren. Wir erleben eine Krise der menschlichen Kommunikation, einen Verfall des direkten Austauschs zwischen Personen zugunsten unpersönlicher Apparate. Das war eine unvergessliche Lektion in »Kulturkritik der Moderne« in der schönsten Tradition der jüdisch-deutschen Romantik Mitteleuropas …
Der Beginn meiner Forschungsarbeit zu Kafka geht auf einen Aufsatz aus dem Jahr 1960 zurück, der ein reichlich sonderbares Schicksal haben sollte: Er wurde unter dem Titel »Kafka und der Anarchismus« auf Hebräisch im April-Heft 1967 der in Tel Aviv erscheinenden Zeitschrift Beayot Beinleumiot (»Internationale Probleme«) veröffentlicht. Einige Monate später wurde er ins Jiddische übersetzt und erschien in der Zeitschrift Freie Arbeiter Stimme in New York. Es folgten eine spanische Übersetzung in der argentinischen Zeitschrift Tierra y Libertad und später (1972) eine englische Version in Form einer Broschüre, als deren Autor ein gewisser »Mijal Levy« genannt wurde – möglicherweise die spanische Transkription meines Namens auf Jiddisch. Ich wusste von all diesen Übersetzungen gar nichts, doch im Jahr 1981 veröffentlichte ich eine überarbeitete und korrigierte Fassung auf Französisch mit demselben Titel in einem Sammelband11, einer Festschrift zu Ehren von Lucien Goldmann. Dieser erste Aufsatz hat der Biografie über den jungen Kafka von Klaus Wagenbach viel zu verdanken, stellt aber bereits den Versuch einer Interpretation seines Werkes dar.
Im Jahr 1988 kam ich in meinem Buch Rédemption et Utopie (»Erlösung und Utopie«)12 auf das Thema zurück. Das Kapitel über Kafka war darin überschrieben mit Kafka: theologia negativa et utopia negativa. Es nimmt in erweiterter Form die Themen des ersten Aufsatzes wieder auf. Ich hatte Gelegenheit, diese Fassung mit keinem Geringeren als Gershom Scholem zu diskutieren. Er war an der Problematik sehr interessiert, ohne sich jedoch zwangsläufig meiner Analyse anzuschließen. Und im Lauf der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts habe ich meine Arbeit zu Kafka fortgesetzt. Kürzere Versionen von bestimmten Kapiteln dieses Buches sind in folgenden Zeitschriften erschienen: Archives de sciences sociales des religions (CNRS, Paris), L’Homme et la societé (Paris) Diogène (Unesco, Paris) Réfractions (Lyon), Analogon (Prag), Salamandra (Madrid).
Wenn ich mich nun entschlossen habe, diese Baustelle noch einmal zu betreten, dann aus der Überzeugung heraus, dass Franz Kafka heute aktueller ist, denn je, dass er inmitten unserer Ängste mehr als jemals zuvor den Leserinnen und Lesern zugänglich ist, dass er am Beginn des 21. Jahrhunderts aufgeladen ist mit dem, was Walter Benjamin »Jetztzeit« nennt. Mehr noch als zu Lebzeiten Kafkas, dieses rebellischen Träumers, gilt: »Die Fesseln der gequälten Menschheit sind aus Kanzleipapier.«
1
Walter Benjamin: Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages, in: Rolf Tiedemann / Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften, II/I, Frankfurt a. M. 1977, S. 422.
2
Das trifft insbesondere auf den
New Criticism
zu, wie er sich in den USA entwickelt hat. Aus Franz Kafka und James Joyce – wobei man zuweilen auch Robert Musil oder T. S. Eliot, ja sogar Ezra Pound mit hinzunimmt – macht man die Gründerväter einer »modernistischen« ästhetischen Stilrichtung. Dieser Ansatz ist aber ziemlich konstruiert.
3
Ein Beispiel aus jüngerer Zeit, das sogar sehr erfolgreich war, bezeichnet der Autor selbst als »Tertiärliteratur«: Franz R. Kempf: Everyone’s Darling. Kafka and the Critics of His Short Fiction, Columbia, 1994.
4
Marthe Robert: Introduction, in: Franz Kafka: Journal, Paris 1954, S. XIV–XV.
5
So nannte Musil die seit 1867 in Personalunion der habsburgischen Herrscher vereinte österreichisch-ungarische Doppelmonarchie in Anspielung auf das stets vorangestellte Kürzel »k.u.k.« für »kaiserlich und königlich«. (Anm. d. Übers.)
6
Walter Benjamin: Der Sürrealismus, in: Gesammelte Schriften, aaO., Bd. II/1, S. 306.
7
Walter Benjamin: Thesen über den Begriff der Geschichte (These VI), in: Gesammelte Schriften, aaO., Bd. I/2, S. 695.
8
Der Ausdruck »Logik im Wunderbaren« taucht in einer Rezension von Kafkas
Die Verwandlung
auf, die Oskar Walzel im Berliner Tagblatt vom 6. Juli 1916 veröffentlicht hat. Vgl. Oskar Walzel: Logik im Wunderbaren, in: Jürgen Born et al.: Kafka-Symposion, Berlin 1965, S. 140.
9
Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka. Erweiterte Ausgabe, Frankfurt a. M. 1968, S. 165.
10
Franz Kafka: Briefe 1902–1924, Frankfurt a. M. 1975, S. 27 f.
11
Essais sur les formes et leurs significations, Paris 1981.
12
Michael Löwy: Rédemption et Utopie. Le judaisme libertaire en Europe centrale, Paris 1988.
KAFKA UND DER LIBERTÄRE SOZIALISMUS
Selbstverständlich kann man Kafkas Werk nicht auf eine wie auch immer geartete politische Doktrin reduzieren. Kafka produziert keine Diskurse, vielmehr erschafft er Personen, gestaltet Situationen und bringt in seinem Werk Gefühle, Haltungen, eine Stimmung zum Ausdruck. Die symbolische Welt der Literatur lässt sich nicht auf die diskursive Welt der Ideologien eindampfen, und das literarische Werk ist kein abstraktes Begriffssystem im Sinne von philosophischen oder politischen Lehrgebäuden, sondern die Erschaffung eines imaginären konkreten Universums von Personen und Dingen.1
Doch das heißt nicht, dass es nicht zulässig wäre, die Übergänge, Brücken und unterirdischen Verbindungswege zu erkunden, die zwischen Kafkas antiautoritärer Geisteshaltung, seinem libertären Empfinden, seinen Sympathien für den Sozialismus auf der einen Seite und seinen wichtigsten Werken auf der anderen Seite liegen. Wir haben es hier mit besonders geeigneten Zugängen zu dem zu tun, was man seine innere Landschaft nennen könnte.
Die sozialistischen Tendenzen Kafkas machen sich bereits sehr früh bemerkbar: Seinem Jugend- und Schulfreund Hugo Bergmann zufolge trug Kafka, um seine Meinung nach außen hin zu zeigen, eine rote Nelke im Knopfloch. Während des letzten Schuljahrs (1900/01) hatte sich die Freundschaft zwischen beiden etwas abgekühlt, da »sein Sozialismus und mein Zionismus zu stark« waren.2 Diese Meinungsverschiedenheiten hinderten sie nicht daran, in gleicher Weise auf den germanischen Nationalismus zu reagieren. Als man bei einer Versammlung der deutschen Studentenverbindung in Prag, der sie beide angehörten, die zum üblichen Ritual gehörende Wacht am Rhein intonierte, blieben die beiden Freunde sitzen, woraufhin sie unverzüglich vor die Tür gesetzt wurden …3
Um welche Art Sozialismus geht es hier? Es gibt nichts, was Verbindungen des jungen Kafka zur tschechischen oder österreichischen Sozialdemokratie bezeugen würde, geschweige denn zur kommunistischen Partei der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen neuen Tschechoslowakischen Republik – obwohl einer der Gründer dieser Partei, Stanislav K. Neumann, den Schriftsteller kannte und dessen Erzählung Der Heizer 1920 in einer tschechischen Literaturzeitschrift veröffentlichte. Jedenfalls ist das sozialistische Engagement Kafkas, von dem Bergmann spricht, weit vor Oktober 1917 anzusiedeln.
Es stimmt, dass Kafka Interesse an der russischen Revolution bekundet hat. In einem Brief vom 29./30. August 1920 an Milena (Jesenská bzw. Pollak) nimmt er Bezug auf einen Artikel über den Bolschewismus, der, so führt er aus, einen starken Eindruck auf »meinen Körper, meine Nerven, mein Blut« gemacht habe. Den Herausgebern der neuen Ausgabe der Briefe an Milena zufolge bezieht sich Kafka hier auf einen Artikel von Bertrand Russell, Aus dem bolschewistische Russland, der am 25. August 1920 im Prager Tagblatt erschienen war. Kafka fügt dann die folgende Bemerkung hinzu, die mir sehr wichtig zu sein scheint: »Allerdings habe ich es nicht genau so übernommen, wie es da steht, sondern erst für mein Orchester gesetzt.« Diese Bemerkung lässt sich generell auf die »Einflüsse« anwenden, denen Kafka ausgesetzt war. Niemals geht es hierbei um eine bloß passive Aufnahme, sondern stets um ein selektives Durcharbeiten, um eine einzigartige »Orchestrierung«.4 Um Kafkas Stellungnahme besser zu verstehen, sollten wir zunächst den Inhalt von Russells Artikel näher betrachten. Dieser Text stellt den ersten von fünf Beiträgen dar, welche die Londoner Zeitschrift The Nation während der Monate Juli und August 1920 publiziert hat. Darin unternimmt Russell den Versuch einer ausgewogenen Bilanz der Sowjetmacht. Er betont darin gleichermaßen die aufopfernde Hingabe der Bolschewiki – die er im Hinblick auf die »Kombination von Demokratie und religiösem Glauben« sowie auf ihr »starres politisch-moralisches Ziel« mit Cromwells Puritanern vergleicht – und ihre diktatorischen Tendenzen sowie ihre Intoleranz. In seinem Brief an Milena erklärt Kafka, dass er das Ende des Artikels unterschlagen (»abgerissen«) habe, da es Anschuldigungen enthalte, die ihm nicht gerechtfertigt erschienen. Um welche Anschuldigungen geht es hier? Russell kritisiert im letzten Absatz seines Artikels das, was er die imperialistischen Tendenzen der Bolschewiki seit der Rückeroberung des asiatischen Teils Russlands nennt, und er prophezeit, dass ihre Macht bald »jedem beliebigen asiatischen Regime« gleichen würde. Genau damit habe er nach Kafkas Ansicht das Thema verfehlt. Es seien dies Anschuldigungen, die »nicht in diesen Gesamtzusammenhang gehören«5.
Sein Standpunkt wird in einem weiteren Brief an Milena einige Wochen später klar. Hier heißt es: »Ich weiß nicht, ob du meine Bemerkung über den Bolschewismus-Aufsatz richtig verstanden hast. Das, was der Verfasser dort aussetzt, ist für mich das höchste auf Erden mögliche Lob.«6 Auf welche Kritik Bertrand Russells bezieht sich Kafka hier? Nicht auf die des weggelassenen Absatzes, denn diesen kannte ja Milena nicht, sondern eher auf eine allgemeinere Argumentation des Artikels. Der englische Philosoph fand vieles, was er den russischen Kommunisten vorzuwerfen hatte, doch am gefährlichsten schien ihm ihr Vorhaben, die Revolution auf die ganze Welt auszudehnen, ihr fanatischer Internationalismus. In diesem Sinne schreibt er: »Der wahre Kommunist ist ganz und gar international. Lenin z. B. […] ist nicht mehr über die Interessen Russlands als über die anderer Länder besorgt. Russland ist zurzeit Protagonist einer sozialen Revolution und damit eines Wertes für die ganze Welt, doch Lenin wäre eher bereit, Russland zu opfern als die Revolution, wenn er vor diese Wahl gestellt wäre.«7 Mit anderen Worten: Was Kafka an den russischen Revolutionären als lobenswert erscheint, ist genau das, was ihnen Russell zum Vorwurf macht: ihr im radikalen Sinne internationalistisches Engagement. Wir werden noch sehen, wie dieses Selbstverständnis Kafkas als das eines »kosmopolitischen Sozialisten« von bestimmten Zeugnissen bestätigt wird.8
Gustav Janouch schreibt ihm folgenden Kommentar aus einem Gespräch im Jahr 1920 zu: »Die Menschen versuchen in Russland eine vollkommen gerechte Welt aufzubauen. Das ist eine religiöse Angelegenheit.«9 Diese Kommentare zeugen von einem kritischen Interesse an der sowjetischen Erfahrung, doch geht man vom aktuellen Stand der Forschung aus, so legt nichts eine irgendwie geartete Beziehung des Schriftstellers zur kommunistischen Bewegung nahe. Es gibt keinen Beleg dafür, dass er jemals an einer Versammlung der tschechischen Kommunisten teilgenommen hätte, und in seinen persönlichen Aufzeichnungen (Briefen und Tagebüchern) geht es niemals um Autoren, die für diese politische Strömung repräsentativ wären.10
Umgekehrt aber bezeugen etliche zeitgenössische Aussagen Kafkas Sympathie für die tschechischen libertären Sozialisten und seine Beteiligung an einigen ihrer Aktivitäten. Wenn man also herausfinden will, um welche Art von – nach Bergmann »zu starkem« – Sozialismus es sich beim jungen Kafka handelte, dann muss man in dieser Richtung suchen. Anfang der 1930er-Jahre erhielt Max Brod im Zuge seiner Recherchen für den Roman Stefan Rott (1931) Informationen von einem der Gründer der tschechischen anarchistischen Bewegung, nämlich Michal Kacha. Sie betreffen die Teilnahme Kafkas an Versammlungen des Klub Mladých (»Klub der Jungen«), einer libertären, antimilitaristischen und antiklerikalen Organisation, bei der etliche tschechische Schriftsteller wie etwa Stanislas K. Neumann, Michal Mareš, Jaroslav Hašek und Fráňa Šrámek mitmachten. Max Brod verarbeitete diese Informationen in seinem Roman und berief sich dabei auf »anderweitig bestätigte Berichte« (leider wird diese andere Quelle nicht konkret benannt) und schrieb: »Er sprach den ganzen Abend kein Wort […]. Ruhig pflegte er diesem Zirkel öfters zu assistieren.« Kacha fand ihn sympathisch und nannte ihn »Klidas«, was man mit »der Schweiger« (Brod schreibt »Schweigerich«) übersetzen könnte, oder, stärker an die tschechische Ausdrucksweise angelehnt, exakter mit »Koloss der Stille« (bei Brod heißt es »Schweig-Koloss«). Max Brod hat die Wahrhaftigkeit dieses Zeugnisses nie in Zweifel gezogen und zitiert es in seiner Kafka-Biografie erneut.11
Der zweite Zeuge ist der anarchistische Schriftsteller Michal Mareš, der Kafka auf der Straße kennengelernt hatte. Von seinem Zeugnis gibt es zwei leicht voneinander abweichende Versionen. Die erste erschien im Jahr 1946 in einer tschechischen Zeitschrift, ohne dass sie Beachtung fand. Und die zweite, detailliertere und wahrscheinlich genauere wurde im Anhang des bemerkenswerten Buches von Klaus Wagenbach über den jungen Kafka (in Deutschland 1958 erschienen) publiziert. Es ist auch das erste Werk, das die Verbindungen des Schriftstellers zu den libertären Kreisen in Prag herausstellt.12 Mareš zufolge nahm Kafka auf seine Aufforderung hin an einer Demonstration im Oktober 1909 gegen die Hinrichtung des libertären spanischen Pädagogen Francisco Ferrer teil. Im Lauf der Jahre 1910 bis 1912 soll er an den anarchistischen Konferenzen über die freie Liebe, über die Pariser Commune, über den Frieden und gegen die Hinrichtung des Pariser Aktivisten Liabeuf teilgenommen haben, die vom Klub der Jungen, dem VereinVilem Körber (ein Antiklerikaler und Antimilitarist) und der tschechischen anarchistischen Bewegung veranstaltet wurden. Bei diesen Versammlungen soll er seinen alten Schulfreund Rudolf Illowny sowie Schriftsteller und Dichter wie Stanislas K. Neumann, Fráňa Šrámek, Karel Toman und Jaroslav Hašek getroffen haben. Er soll sogar mehrmals fünf Kronen Kaution hinterlegt haben, um seinen Freund aus der Gefängnishaft freizubekommen. Wie Kacha betont auch Mareš das Schweigen Kafkas: »Kafka war, soviel ich weiß, kein Mitglied eines der erwähnten anarchistischen Klubs, sympathisierte aber, das kann man sagen, als sozial tief empfindender Mensch stark mit ihnen. Er hatte zwar großes Interesse an solchen Bewegungen (schon, weil er häufig zugegen war), griff aber niemals selbst in die Debatten ein.«13 Dieses Interesse zeigte sich auch an seiner Lektüre: die Worte eines Rebellen Peter Kropotkins (ein Geschenk von Mareš selbst)14 ebenso wie die Schriften der Brüder Reclus, Bakunins und Jean Graves.
Es gibt noch eine weitere, unveröffentlichte, Version von Mareš’ Erinnerungen, die lediglich in einigen Details von den beiden bereits erwähnten abweicht. Hier findet sich folgende Bemerkung: »Ich erinnere mich an Kafkas Zorn auf die amerikanische Jugend, als er erfuhr, dass die Herausgeberin von Mother Earth, Emma Goldmann, diese großherzige und mutige Frau, öffentlich entkleidet, geteert und gefedert wurde.«15 Ganz offensichtlich hatte Mareš hier zwei verschiedene Ereignisse im Auge: Das erste im Jahr 1909 war die lautstarke Störung eines Vortrags von Emma Goldmann an der Universität Ann Arbor in Michigan durch junge Studenten. Dabei ist es Goldmann trotz allem gelungen zu sprechen. Das zweite war der Angriff auf ihren Freund Ben Breitmann vonseiten einer Bande von vigilantes (»Wächtern«) in San Diego, die ihn in der Tat verprügelt, ausgezogen, geteert und gefedert haben. Das Interesse Kafkas an Emma Goldmann ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass der Schriftsteller damals für seinen ersten Roman Informationen über Amerika sammelte, sondern auch auf seine Sympathie und Zuneigung für mutige und rebellische Frauen, die keine Angst vor der Konfrontation mit Widerständen hatten. Wir werden oft in seinen Briefen und Schriften auf Bezugnahmen auf solche rebellischen weiblichen Gestalten stoßen, deren Archetyp und Vorbild ohne Zweifel Kafkas Schwester Ottla war. Er bewunderte deren Widerstand gegen die Autorität des Vaters.
Das dritte Dokument sind Gustav Janouchs Gespräche mit Kafka, die zuerst im Jahr 1951 und dann in einer erweiterten Fassung 1968 publiziert wurden. Dieses Zeugnis, das sich auf Unterhaltungen mit dem Prager Schriftsteller während der letzten Jahre seines Lebens (nach 1920) bezieht, legt nahe, dass Kafka seine Sympathie für die Libertären beibehalten hat. Er bezeichnet hier die tschechischen Anarchisten als »sehr liebe, lustige Menschen«, aber darüber hinaus sind die Gedanken, die er im Laufe dieser Unterhaltungen äußert, immer noch stark von der libertären Strömung geprägt.16 So kommen etwa seine Sichtweise des Kapitalismus als eines hierarchisch aufgebauten Herrschaftssystems und seine nachdrückliche Betonung des autoritären Charakters des Systems dem Anarchismus sehr nahe.17
