Frauen um Goethe - Astrid Seele - E-Book

Frauen um Goethe E-Book

Astrid Seele

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Beschreibung

Neun faszinierende Frauenschicksale, untrennbar verbunden mit dem Leben und Wirken des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe. Friederike Brion, Charlotte Buff, Lili Schönemann, Charlotte von Stein, Christiane Vulpius, Minchen Herzlieb, Bettine von Arnim, Marianne von Willemer und Ulrike Levetzow - diese neun bemerkenswerten Frauen prägten nicht nur das Leben von Goethe, sondern hinterließen auch selbst ihre Spuren in der Geschichte. In dieser einfühlsamen Biografie gelingt es Astrid Seele, die Lebenswege dieser Frauen nachzuzeichnen und ihnen eine eigene Stimme zu verleihen, ohne dabei voyeuristisch oder moralisierend zu wirken. Gestützt auf verbürgte Quellen, entsteht ein facettenreiches Bild der Beziehungen dieser Frauen zu Goethe, das weit über die oftmals einseitige Darstellung aus Sicht des Dichters hinausgeht. Seele zeigt auf, wie diese Frauen trotz der übermächtigen Präsenz Goethes ihre eigene Persönlichkeit bewahren und entwickeln konnten. Eine fesselnde Lektüre für alle, die sich für die Biografien bemerkenswerter Frauen in der deutschen Literaturgeschichte interessieren und einen neuen Blick auf das Leben und Wirken Goethes werfen möchten.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Astrid Seele

Frauen um Goethe

 

 

 

Über dieses Buch

Friederike Brion, Charlotte Buff, Lili Schönemann, Charlotte von Stein, Christiane Vulpius, Minchen Herzlieb, Bettine von Arnim, Marianne von Willemer und Ulrike Levetzow, neun Frauen um Goethe, lösen sich aus dem übermächtigen Schatten des Dichters und gewinnen eigene Kontur – auch wenn das Leben der meisten, zumindest für die Zeit ihrer Beziehung zu Goethe, allein aus seiner Sicht kenntlich wird. Verbürgte Quellen erlauben jedoch, ihre Lebenswege nachzuzeichnen, ohne Voyeurismus oder moralisierendes Urteil.

 

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

Impressum

rowohlts monographien

begründet von Kurt Kusenberg

herausgegeben von Uwe Naumann

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2018

Copyright © 1997, 2000 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Für das E-Book wurde die Bibliographie aktualisiert, Stand: Juni 2018

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten

Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier

Umschlaggestaltung any.way, Hamburg

Umschlagabbildung Constantin Beyer/Artothek (Der junge Johann Wolfgang Goethe mit einem Scherenschnitt. Gemälde von Georg Melchior Kraus, 1775/76. Weimar, Kunstsammlungen)

ISBN 978-3-644-40366-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Frauen um Goethe – Goethe und die Frauen

Johann Wolfgang von Goethes Drang, sich selbst darzustellen, über sich selbst Rechenschaft abzulegen, ist bekannt. Seine dichterischen Werke bezeichnete er selbst einmal als «Bruchstücke einer großen Konfession»[1]. Gegen seine Absicht legitimierte diese Äußerung den oft platten Biographismus seiner Ausleger. Deutlicher autobiographische Zeugnisse sind jedoch seine zahlreichen erhaltenen Briefe, von denen weit über ein Zehntel an die Seelenfreundin Charlotte von Stein gerichtet sind. Hinzu kommen die Tagebücher, die autobiographischen Fragmente und die im Alter niedergeschriebenen Erinnerungen in «Dichtung und Wahrheit». Eine Biographie, die Goethes Leben aus seiner eigenen Sicht darstellen möchte, kann sich somit auf eine ungeheure Materialfülle stützen.

Anders sieht es mit den Frauen um Goethe aus. Versucht man herauszufinden, wie die Frauen, die von dem Dichter einst verehrt oder geliebt wurden, nun ihrerseits ihre Beziehung zu Goethe interpretierten, was sie ihnen bedeutete, so fehlt es häufig gänzlich an Selbstzeugnissen. Dies mag zum einen an der zufälligen Ungunst der Überlieferung liegen, beruht bisweilen jedoch auf der ganz bewussten Vernichtung wertvollen Quellenmaterials. Nicht nur hat Goethe selbst in einem großen Autodafé 1797 alle bis 1792 erhaltenen Briefe verbrannt, sondern schon Jahre zuvor, nach ihrem Bruch mit Goethe, hat Charlotte von Stein etwa ihre Briefe an Goethe zurückgefordert und vernichtet. So ergibt sich im Falle gerade dieser für Goethe so wichtigen Beziehung die eigenartige Situation, dass uns von Goethes Dialog mit Frau von Stein während seines ersten Weimarer Jahrzehnts lediglich die eine Hälfte überliefert ist, die Antworten der geliebten Freundin jedoch unbekannt geblieben sind. Auch sonst, bei Charlotte Buff-Kestner etwa oder Lili Schönemann-von Türckheim, setzen Selbstzeugnisse häufig erst in einer Zeit ein, in der ihre Beziehung zu Goethe längst abgeklungen ist. So gewinnt der Interpret oft nur aus vielfältigen Brechungen oder, um einen Ausdruck Goethes zu verwenden, aus «wiederholten Spiegelungen» seine Eindrücke und muss aus indirekten Quellen Rückschlüsse zu ziehen suchen, welche Bedeutung Goethe im Leben der jeweiligen Frauen besaß.

«Frauen um Goethe» – aus dieser Formulierung wird bereits deutlich, dass Goethe der Fokus ist, an dessen Biographie auch die Frauenviten sich zunächst einmal orientieren müssen. Die goethezentrierte Betrachtungsweise, die einst in der deutschen Geistesgeschichte Programm war (Goethe als die alles beherrschende Sonne, deren Strahlen den Menschen in ihrem Umkreis erst Licht verliehen), scheint damit zunächst einmal auch in diesen biographischen Skizzen zwar beibehalten, ist hier aber durch die Einsicht bedingt, dass die Quellenlage in einigen Fällen kein anderes Verfahren zulässt: Die einseitige und verzerrende Perspektive der Überlieferung erlaubt einen Blick auf die Frauen um Goethe oft nur aus der Sicht Goethes.

Diese Einsicht wiederum führt einerseits dazu, dass die ‹erotische Biographie› des Dichters als chronologischer Leitfaden durch die Lebensgeschichten der einzelnen Frauen dient; sie soll andererseits keineswegs verhindern, dass der Lebensweg dieser Frauen auch über die Zeit ihres Umgangs mit dem Dichter weiterverfolgt wird. Wo immer dies möglich ist, soll durch die Wiedergabe überlieferter Zeugnisse und Selbstzeugnisse auch diesen Frauen Gerechtigkeit widerfahren, sollen sie gleichsam aus dem Bannkreis Goethes herausgelöst und als die unabhängigen Persönlichkeiten charakterisiert werden, die sie waren.

Unabhängige Persönlichkeiten einerseits, typische Vertreterinnen der Frauen der Goethezeit andererseits: Dies waren sie allesamt, die Goethe auf ihrem Lebensweg begegneten. Die Generation seiner Eltern (Goethes patente Mutter), seine Altersgenossinnen (frühe Freundinnen wie Friederike Brion, Charlotte Buff, Lili Schönemann) und schließlich die Generation seiner Kinder (zu einem solchen ‹Kind› stilisierte sich insbesondere Bettine Brentano-von Arnim gern): Sie alle waren jeweils besondere Persönlichkeiten, trugen zugleich jedoch auch an den typischen Frauenproblemen der Goethezeit, die ihnen allen gemeinsam waren.

Das wichtigste Kennzeichen, nicht nur alle Generationen, sondern auch alle Stände durchziehend, stellte sicherlich der Kinderreichtum dar, verbunden mit einer nach heutigen Begriffen kaum vorstellbar hohen Kindersterblichkeit. Betrachten wir die Viten der Beamtengattin Charlotte Buff-Kestner (zwölf Kinder, davon zwei im Kindesalter gestorben), der Kaufmannsgattin Maximiliane von LaRoche-Brentano (dreizehn Kinder; Maxe selbst stirbt nach der Geburt ihres dreizehnten Kindes im Alter von erst siebenunddreißig Jahren), der Bankiersgattin Lili Schönemann-von Türckheim (sechs Kinder, davon eines im Kindesalter gestorben), der adligen Hofdame Charlotte von Stein (sieben Kinder, davon vier im Kindesalter gestorben), der Christiane Vulpius (fünf Kinder, davon vier im Kindesalter gestorben) und auch noch der Dichtersgattin und nachmaligen Schriftstellerin Bettine Brentano-von Arnim (sieben Kinder), so muten deren Lebenswege zunächst gleichförmig an: Der ständige und zermürbende Wechsel von anstrengenden Schwangerschaften über die Freude am Nachwuchs und seine Taufe bis hin zum Kinderbegräbnis bestimmte den Familienalltag häufig weit mehr als ein Jahrzehnt, oft zwei Jahrzehnte lang.

Der zweite Frauentypus, der nämlich der unverheiratet gebliebenen Frauen, begegnet uns auffallend häufig in Goethes Biographie – oft (freilich nicht notwendigerweise) entsprach dieser Frauentypus dem einer unnahbaren «Äbtissin». Der Keim hierzu mag in Goethes intensiver, latent inzestuöser Beziehung zu seiner Schwester Cornelia gelegt worden sein, von der er im achtzehnten Buch von «Dichtung und Wahrheit» selbst sagt: «Aufrichtig habe ich zu gestehen, daß ich mir, wenn ich manchmal über ihr Schicksal phantasierte, sie nicht gern als Hausfrau, wohl aber als Äbtissin, als Vorsteherin einer edlen Gemeine gar gern denken mochte. Sie besaß alles, was ein solcher höherer Zustand verlangt, ihr fehlte, was die Welt unerläßlich fordert.»[2]

Seine Jugendliebe Friederike Brion starb unverheiratet, geliebt und geachtet zwar als ‹Tante› zahlreicher Patenkinder, aber ohne ihr Glück in einer sinnlichen Beziehung gefunden zu haben. Minchen Herzlieb starb in einer psychiatrischen Heilanstalt, nachdem eine von Anfang an unlustig eingegangene Ehe sie ähnlich wie Cornelia in die Katastrophe gestürzt hatte. Auch Ulrike von Levetzow, Goethes letzte Liebe, starb als hochbetagtes Stiftsfräulein in Böhmen. Nur die Hand, um die Goethe einst angehalten hatte, küsste man ihr ehrfurchtsvoll.

Ulrike von Levetzows Biographie spiegelt den typischen Lebenslauf einer unverheirateten Dame von Adel wider. Während einfachere junge Frauen wie Friederike Brion oft keine andere Wahl hatten, als ein Leben in völliger Zurückgezogenheit zu führen, abhängig zu sein davon, dass verheiratete Schwestern oder andere Verwandte ihnen Kost und Logis gewährten, fanden Damen von Adel ihr neues Zuhause häufig in einem Stift, einer religiösen Institution, die vom Landadel eigens zu diesem Zweck gegründet worden war und in der die Stiftsdamen zwar ähnlich wie Nonnen lebten, an eine klösterliche Regel oder gar ein Gelübde jedoch nicht gebunden waren. Manchmal konnte es geschehen, dass ein solches Stiftsfräulein doch noch heiratete und dann aus dem Stift wieder auszog. Diesen Weg ging etwa Goethes Briefvertraute Auguste zu Stolberg, die im Jahre 1783 im für damalige Begriffe hohen Alter von vierunddreißig Jahren den Grafen Andreas Peter von Bernstorff ehelichte. Meistens jedoch bedeutete, wie im Falle der Ulrike von Levetzow, die teure Aufnahme in ein Stift so viel wie ‹lebenslänglich›.[3]

Neben die sozialen Gemeinsamkeiten (hier der Kinderreichtum der verheirateten Frauen, dort die Einsamkeit der Stiftsfräulein) treten die zeitgeschichtlichen Geschehnisse, insbesondere die für die Goethezeit so ungemein prägende Französische Revolution und die Ära Napoleons, die auch auf die Frauen um Goethe Auswirkungen zeitigen sollten.

Wir werden sehen, wie Revolutionskriege und Feldzüge Napoleons zunächst 1794 Lili von Türckheim betrafen, die in Straßburg dem Geschehen natürlich am nächsten war und aufgrund der politischen Ereignisse mit ihrer Familie ins Exil gehen musste, wie sie sodann Charlotte Kestner erreichten, die ein ganzes Jahrzehnt lang, von 1803 bis 1813, in Hannover unter französischen Einquartierungen zu leiden hatte, wie sie schließlich auch Weimar und Jena heimsuchten, wo französische Soldaten nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt von 1806 plündernd durch die Städte zogen.

Charlotte von Stein etwa verlor als Dreiundsechzigjährige einen großen Teil ihres Besitzes. Christiane Vulpius hielt tapfer zu ihrem Lebensgefährten, der es ihr noch während der Belagerung von Weimar damit dankte, dass er sie nach achtzehn gemeinsamen Jahren zu seiner legitimen Ehefrau machte – mit der Begründung, dass man in friedlichen Zeiten die Gesetze sehr wohl umgehen, in Zeiten politischer Wirren und chaotischer Zustände aber umso mehr sie achten müsse. Johanna Schopenhauer, gerade erst zugezogen in Weimar, bestand nach einem Diktum Goethes ihre Feuertaufe glänzend, da sie zahlreichen Betroffenen Hilfe und Trost gewährte.

Hier geht es jedoch nicht in erster Linie um eine exemplarische Studie über Frauen der Goethezeit. Auch und vor allem interessiert uns das Thema «Goethe und die Frauen». Die Biographie des Dichters fungiert somit nicht nur als historisches Gerüst, als chronologischer Leitfaden durch die Frauenviten. Vielmehr geht es gleichzeitig um Goethes prekäres Verhältnis zu den Frauen, zu Fragen also wie: Zu welchem Frauentypus fühlte sich Goethe hingezogen? Welcher Frau neigte er sich wann zu und warum? Welche weiblichen Eigenschaften schätzte er in welcher Phase seines Lebens?

Beschreibt man anhand exemplarischer Frauenschicksale den ‹erotischen Werdegang› Goethes, so ergibt sich als natürliche Zäsur dieselbe, die auch jede Goethe-Biographie anerkennt, Goethes Reise nach Italien nämlich, von der er als ein ganz anderer zurückkam. Nicht nur verändert in seinen Kunstanschauungen, sondern auch bereichert um eine sinnliche Liebeserfahrung, die ihm – erst jetzt – die Aufnahme einer dauerhaften Beziehung ermöglichte. Zuvor war Goethe immer wieder vor einer allzu intensiven Bindung zurückgeschreckt, möglicherweise aufgrund eines geheimen Bandes, das ihn an die Schwester Cornelia fesselte (wir werden sehen, dass es nicht zuletzt Cornelias Murren war, das ihn seiner einzigen Verlobten Lili Schönemann entfremdete), möglicherweise auch aufgrund seiner Scheu, eine Bindung einzugehen, die ihn in seiner dichterischen Entwicklung zurückgehalten hätte, vielleicht auch – psychoanalytische Deutungen seiner Schriften haben dies nahegelegt – aufgrund einer sexuellen Hemmung, von der ihn erst das befreiende Italien-Erlebnis erlöste. Aus Leipzig flieht er vor Käthchen Schönkopf, aus Sesenheim vor Friederike Brion, aus Wetzlar vor Charlotte Buff, aus Frankfurt vor Lili Schönemann, aus Weimar vor Charlotte von Stein.

Durch die Briefe an die jeweiligen Vertrauten seiner Liebesnöte, an Ernst Wolfgang Behrisch in Leipzig, an den Aktuarius Johann Daniel Salzmann in Straßburg, an Lottes Bräutigam Johann Christian Kestner in Wetzlar oder an die schwesterliche Beichtmutter Auguste zu Stolberg in der Zeit seines Verlöbnisses mit Lili Schönemann, und danach zieht sich wie ein roter Faden das Bild von der «Wetterfahne», als die der hin und her gerissene junge Dichter sich selbst charakterisiert: «Das ist ein trauriger Brief, ein rechter ängstlicher Ton gegen meine launigen, närrischen Briefe. So ist’s. Eine Wetterfahne, die sich dreht, immer dreht.»[4] (An Behrisch am 2. November 1767) – «Der Kopf steht mir wie eine Wetterfahne, wenn ein Gewitter heraufzieht und die Windstöße veränderlich sind.»[5] (An Salzmann am 29. Mai 1771) – «Ich wandere in Wüsten, da kein Wasser ist, meine Haare sind mir Schatten und mein Blut mein Brunnen.»[6] (An Kestner im April 1773) – «Unseliges Schicksal, das mir keinen Mittelzustand erlauben will. Entweder auf einem Punkt fassend, festklammernd oder schweifen gegen alle vier Winde.»[7] (An Auguste zu Stolberg am 3. August 1775)

Verglichen mit diesen stürmischen Gemütsaufwallungen, von denen die Korrespondenzen des jungen Goethe glaubhafteres Zeugnis ablegen als die aus distanzierter Perspektive abgefasste Autobiographie «Dichtung und Wahrheit», hat Goethe nach seiner italienischen Reise in der Tat Stabilität gefunden, nicht zuletzt in seiner Beziehung zu Christiane Vulpius. Zwar fühlte er sich auch während dieser achtundzwanzig Jahre andauernden Lebensgemeinschaft zu anderen Frauen hingezogen, zu Minchen Herzlieb etwa, die er 1807/08 in Sonetten verherrlichte, zu Bettine Brentano, nachmals von Arnim, deren Zudringlichkeit er sich freilich oft genug zu erwehren hatte, oder zu Marianne von Willemer, die als Suleika in seinem «West-östlichen Divan» verewigt wurde, dennoch konnte keine dieser Beziehungen die seelische Balance Goethes so ernsthaft gefährden, wie dies in seiner Jugend der Fall gewesen war. Erst sieben Jahre nach dem Tod seiner Frau Christiane flammt in dem alten Dichter noch einmal eine Leidenschaft zu der jungen Ulrike von Levetzow auf, deren Intensität sie seinen Aufwallungen zu den Geliebten seiner voritalienischen Zeit vergleichbar macht.

Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren oder in mir entstanden, Gott weiß wie.

Goethe am 22. Oktober 1828 zu Eckermann

Sieht man einmal von jenem rätselhaften Frankfurter «Gretchen» ab, das Goethe in seiner Autobiographie, vermutlich stark literarisierend, beschreibt, so erfährt Goethe seine erste Liebe als Leipziger Student in seiner Beziehung zu der Wirtstochter Käthchen Schönkopf, die er 1766 kennengelernt hat. All die typischen Momente, die die Liebesverhältnisse des jungen Goethe kennzeichnen, sind hier bereits vorhanden: die intensive Liebe zu Beginn der Bekanntschaft, die sich sogleich in Dichtungen niederschlägt (das «Buch Annette» verherrlicht seine Beziehung zu Käthchen), sodann eine Periode der Schwankungen, in der Goethe sich mit einer Wetterfahne im Wind vergleicht, und schließlich die Flucht.

Anna Katharina Schönkopf, 1746 geboren und damit drei Jahre älter als Goethe, wird von Goethes Freund Johann Adam Horn als «wohl gewachsen, obgleich nicht sehr groß» geschildert, sie habe «ein rundes, freundliches, obgleich nicht außerordentlich schönes Gesicht», «eine offne, sanfte, einnehmende Miene», «viel Freimütigkeit ohne Koketterie» und «einen sehr artigen Verstand, ohne die größte Erziehung gehabt zu haben».[8]

Goethe, so fährt Horn fort, liebe das Mädchen zärtlich, obwohl er wisse, dass sie nie seine Frau werden könne. In seiner Dichtung besingt Goethe die Geliebte, freilich noch ohne sich von den vorgegebenen lyrischen Traditionen des Rokoko lösen zu können. («Warum sollt’ ich, Annette/Die Du mir Gottheit, Muse/Und Freund mir bist und alles/Dies Buch nicht auch nach Deinem/Geliebten Namen nennen?») Dass Goethe in Wirklichkeit das Verhältnis zu Käthchen durch unnötige Eifersuchtsanfälle belastet habe, berichtet er selbst in seiner Darstellung der Leipziger Zeit im siebten Buch von «Dichtung und Wahrheit».

Literarischen Niederschlag hat diese Episode in Goethes frühem Drama «Die Laune des Verliebten» gefunden, auch dies – wie so oft bei Goethe – eine poetische Beichte.

Aus den Briefen an Ernst Wolfgang Behrisch spricht all dies unmittelbarer noch, auch die heftige Gemütsbewegung, die Goethe immer dann zu überkommen pflegte, wenn ein Verhältnis ihn zu ängstigen begann. Die Korrespondenz mit Behrisch dokumentiert eben diese zweite Phase in seinem Verhältnis zu Käthchen: «Liebe ist Jammer, aber jeder Jammer wird Wollust, wenn wir seine klammernde, stechende Empfindung, die unser Herz ängstigt, durch Klagen lindern.»[9] Auch die dritte Phase – die Flucht vor dem Gegenstand der Liebe – können wir in derselben Korrespondenz belegen. Kurz vor seinem endgültigen Bruch schreibt Goethe an Behrisch: «Höre Behrisch, ich kann, ich will das Mädchen nie verlassen, und doch muß ich fort, doch will ich fort […]. Kann sie einen rechtschaffnen Mann kriegen, kann sie ohne mich glücklich leben, wie fröhlich will ich sein.»[10] Und bald darauf kann er dem Freund berichten: «Genug sei dir’s, Nette, ich, wir haben uns getrennt, wir sind glücklich.»[11] Dass «Annette» ihn verlassen habe, wie Goethe in «Dichtung und Wahrheit» an anderer Stelle behauptet[12], scheint somit eine durch Goethes Briefe an Behrisch widerlegbare Darstellung der Ereignisse zu sein. Mehr noch aber wird diese Umkehrung der wahren Verhältnisse dadurch widerlegt, dass die folgenden Liebeserlebnisse des jungen Goethe exakt den gleichen Verlauf zeigen wie seine Leipziger Erfahrung. Wir werden dies beobachten, wenn wir uns nach Sesenheim wenden.

Friederike Brion

«Ein allerliebster Stern» am ländlichen Himmel

Wer sich ein Bild von Friederike Brion, der Pfarrerstochter im elsässischen Sesenheim, machen möchte, sieht sich mit einer misslichen Quellenlage konfrontiert. Von Friederike selbst hat sich kein einziges Bildnis erhalten, das Anspruch auf Authentizität erheben darf, denn dass jenes hübsche Elsässer Mädchen, dessen Porträt sich im Nachlass des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz gefunden hat, mit Goethes Jugendliebe identisch ist, steht keineswegs fest. Selbstzeugnisse Friederikes existieren so gut wie gar nicht, sieht man einmal von einer banalen Nachschrift an Verwandte ab, die sie einem Brief ihrer Schwester Sophie anfügte. Zwar soll der junge Jurastudent Johann Wolfgang Goethe etwa dreißig Briefe an Friederike geschrieben haben, jedoch sind diese von derselben Schwester Sophie – ihrem eigenen Zeugnis zufolge – verbrannt worden. Lediglich ein einziger Brief Goethes an Friederike existiert noch und selbst dieser nur im Konzept.

Dadurch ergibt sich die eigentümliche Situation, dass die berühmte und schon bald nach Erscheinen von Goethes «Dichtung und Wahrheit» sagenumwobene Friederike Brion uns nur gespiegelt im Urteil Goethes kenntlich wird. Im zehnten und elften Buch seiner Autobiographie hat Goethe in kunstvoll-novellesker Ausgestaltung und unter permanenter Spiegelung der Familie Brion in der Familie des Goldsmith’schen «Landpfarrers von Wakefield» seine Sesenheimer Liebesgeschichte dargestellt. Dabei hat er allerdings ‹Wahrheit› lediglich auf einer höheren Ebene, nicht aber im historischen Detail angestrebt, ganz im Sinne seiner Äußerung zu Eckermann vom 30. März 1831: «Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte.»

Will man sich der historischen Wahrheit nähern, dann kann dies nur gelingen, wenn man Goethes zeitgenössische Zeugnisse mit seiner Altersdarstellung einer über vierzig Jahre zurückliegenden Episode in Beziehung setzt. Auch in Straßburg, wie Jahre zuvor in Leipzig und bald nach seiner Straßburger Zeit in Wetzlar, vertraut Goethe seine innersten Gefühle, sein Wanken und Irren in Liebesangelegenheiten, einem Dritten an. Hatte er in Leipzig seinen Freund Ernst Wolfgang Behrisch zu seinem ‹Beichtvater› gemacht und in seinem lebhaften und genialischen Briefstil den Sturm und Drang vorweggenommen, noch lange bevor dieser sich als literarische Strömung durchsetzte, so wird er nach seiner Straßburger Zeit Johann Christian Kestner, den Bräutigam seiner verehrten Charlotte Buff, an seinen Gefühlsschwankungen, an seiner inneren Zerrissenheit teilhaben lassen, freilich noch nicht während des insgesamt wohl recht harmonischen Wetzlarer Sommers, sondern erst in den einsamen Frankfurter Jahren 1772 bis 1774, bis hin zur befreienden Niederschrift seines Romans «Die Leiden des jungen Werthers».

Sein Vertrauter in Straßburg war der Aktuarius Johann Daniel Salzmann. Fünf Briefe Goethes an den väterlichen Freund haben sich erhalten, die Aufschluss darüber geben, wie sehr das anfangs so idyllische Verhältnis zu Friederike Brion, insbesondere aber die möglichen Konsequenzen den jungen Studenten bald zu überfordern begannen. Diese wertvollen Zeugnisse ergänzen und korrigieren Goethes verklärende Darstellung der Ereignisse in «Dichtung und Wahrheit» in ähnlicher Weise, wie seine Briefe an Johann Christian Kestner aus den Jahren 1772 bis 1774 seine spätere autobiographische Schilderung der Wetzlarer Geschehnisse in vielen Teilen berichtigen, zumindest aber in ein anderes Licht rücken. Zu diesen Zeugnissen treten Goethes Gedichte der Straßburger Studienzeit, die «Sesenheimer Lieder» an Friederike, die als autobiographische Quellen allerdings nur mit aller Vorsicht hinzugezogen werden dürfen.

Nach seinem abrupten Abschied Anfang August 1771 von Sesenheim und Friederike – der Medizinstudent Friedrich Leopold Weyland hatte den Freund 1770 in der Pfarrersfamilie Brion eingeführt, und Goethe hatte an der Seite der Geliebten zunächst glückliche Monate verbracht – hat der Dichter die einstige Freundin nur noch einmal wiedergesehen, als er sie im September 1779 während seiner zweiten Schweizer Reise in ihrem Pfarrhaus aufsuchte. Diesen Besuch hat Goethe gleich zweimal geschildert: einmal in einem unmittelbar danach geschriebenen Brief an Charlotte von Stein, ein zweites Mal in seinen «Biographischen Einzelheiten», vermutlich 1813 im Zusammenhang mit der Abfassung seiner Autobiographie entstanden.

Hiermit sind die Quellen für eine Darstellung der Beziehung Goethes zu Friederike bereits erschöpft. Für Friederikes späteres Leben sind, neben zahllosen Gerüchten und oft unhaltbaren Legenden, nur wenige äußere Daten überliefert. Der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz verkehrte auf Goethes Spuren ebenfalls im Pfarrhaus zu Sesenheim, auch er fasste zu Friederike eine Neigung, wählte – in merkwürdiger Wiederholung – gleichfalls den Aktuarius Salzmann zu seinem Vertrauten und schilderte ihm seine Liebe. In einem anrührenden Gedicht hat er Friederikes Anhänglichkeit an Goethe in Verse gefasst und damit bei der Nachwelt den Eindruck noch gefestigt, den schon Goethes eigene Darstellung der Liebesgeschichte bei den Lesern von «Dichtung und Wahrheit» hervorgerufen hatte, dass nämlich der junge, verantwortungslose Dichter Johann Wolfgang Goethe der Pfarrerstochter das Herz gebrochen habe:

Ach immer, immer, immer doch

Schwebt ihr das Bild an Wänden noch

Von einem Menschen, welcher kam

Und ihr als Kind das Herze nahm.[13]

Es ist allerdings ungewiss, ob Lenz Friederike tatsächlich liebte oder nur in einer Art Überidentifikation die Erlebnisse Goethes nachempfinden wollte. Er wird schließlich bald nach Weimar ziehen und dort ausgerechnet Goethes Seelenfreundin Charlotte von Stein in der englischen Sprache unterrichten. Ungewiss ist auch, ob und bis zu welcher Grenze Friederike die Liebe von Lenz erwiderte.

Jedenfalls ist verbürgt, dass Friederike bis zum Ende ihres Lebens unverheiratet blieb, dass sie 1787 nach dem Tod ihrer Eltern gemeinsam mit ihrer jüngeren, gleichfalls ledigen Schwester Sophie nach Rothau zog, wo ihr Bruder Christian Brion als Pfarrer lebte, und dass sie dort einen (offenbar erfolglosen) Handel mit Töpfergut betrieb. Von Rothau zog Friederike 1802 zu ihrer älteren, verheirateten Schwester Salome Marx ins Diersburger Pfarrhaus und von dort 1805, gemeinsam mit ihren Verwandten, nach Meißenheim bei Lahr. Sie übernahm zahlreiche Patenschaften und war, zeitgenössischen Zeugnissen zufolge, als ‹Tante› recht beliebt. Sie starb am 3. April 1813, in ebenjenem Jahr, in dem sie durch das Erscheinen von Goethes «Dichtung und Wahrheit» literarisch wiedergeboren wurde, in Meißenheim, wo sie auch begraben liegt. Ein Grabstein, der 1866 ihr zu Ehren enthüllt wurde, widmet ihr die Verse:

Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie

So reich, dass er Unsterblichkeit ihr lieh.[14]

Diese dürren Daten und spärlichen Quellen reichen gerade für ein biographisches Gerüst von Friederike Brions Leben, ein lebendiges Bild der Elsässerin lassen sie allerdings nicht entstehen. Anders als bei Charlotte Buff-Kestner oder Lili Schönemann-von Türckheim, deren Lebenswege wir dank einer Fülle von Zeugnissen, einschließlich vieler Selbstzeugnisse, auch über ihre Episode mit Goethe hinaus verfolgen können, ist die Überlieferung bei Friederike so knapp, dass sie für uns stets jenes Mädchen vom Land bleiben wird, als das Goethe sie im zehnten Buch von «Dichtung und Wahrheit» charakterisiert. Die positivistische Goethe-Philologie des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts freilich mit ihrem Horror vacui hat die Lücken in der Überlieferung fleißig auszufüllen versucht. Dickleibige Friederike-Biographien erschienen, in denen die Elsässer Pfarrerstochter entweder verklärt oder verdammt wurde. Mit wahrem Bienenfleiß wurden Kirchenbücher gewälzt, um Friederike ein oder gar mehrere uneheliche Kinder nachzuweisen, oder alte Elsässer Bauern und Bäuerinnen nach ihren Erinnerungen befragt. Alle Klatsch- und Tratschgeschichten, deren man habhaft werden konnte, wurden (meist ungeprüft) publiziert, und erst 1947 versuchte Stephan Ley in seiner Monographie «Goethe und Friederike» mit dem autoritativen Untertitel «Versuch einer kritischen Schlußbetrachtung» diesem sich als Philologie gebärdenden Treiben ein Ende zu setzen.

Wir wollen diese merkwürdige Forschungsgeschichte hier nicht noch einmal aufrollen, sondern uns auf Goethe und seine Darstellung der Friederike Brion beschränken, zugleich auch versuchen, eine Erklärung für seine Flucht zu finden. Goethe selbst hat sich keineswegs geschont, als er diese Flucht aus Sesenheim in «Dichtung und Wahrheit» darstellte, im Gegenteil. Seine Schilderung der Ereignisse trägt sehr stark den Charakter einer literarischen Beichte, und auch in seinen Dichtungen suchte er «durch selbstquälerische Büßung […] einer innern Absolution würdig zu werden. Die beiden Marien in ‹Götz von Berlichingen› und ‹Clavigo›, und die beiden schlechten Figuren, die ihre Liebhaber spielen, möchten wohl Resultate solcher reuigen Betrachtungen gewesen sein.»[15]

«In diesem Augenblick trat sie wirklich in die Türe», so schildert Goethe seinen ersten Eindruck, «und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf. Beide Töchter trugen sich noch deutsch, wie man es zu nennen pflegte, und diese fast verdrängte Nationaltracht kleidete Friederiken besonders gut. Ein kurzes weißes rundes Röckchen mit einer Falbel, nicht länger, als daß die nettsten Füßchen bis an die Knöchel sichtbar blieben; ein knappes weißes Mieder und eine schwarze Taffetschürze – so stand sie auf der Grenze zwischen Bäuerin und Städterin. Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte; der Strohhut hing ihr am Arm, und so hatte ich das Vergnügen, sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmut und Lieblichkeit zu sehn und zu erkennen.»

In «Dichtung und Wahrheit» hat Goethe mehrere diskrete Hinweise gegeben, wie seine Flucht gedeutet werden könne. Da ist zum einen der Verweis auf jene Lucinde, die einst – Goethe schildert den Vorfall im neunten Buch seiner Autobiographie – in grenzenloser Eifersucht auf ihre Schwester, die sie von Goethe bevorzugt glaubte, Goethes Lippen verflucht hatte – und mit diesen auch das erste Mädchen, das von Goethe geküsst werde. Glaubt man Goethes rückschauender Darstellung, so hat abergläubische Furcht ihn noch im Anfang seiner Sesenheimer Zeit davor zurückgehalten, ein Mädchen zu küssen, selbst in harmlosen Pfänderspielen. Doch plötzlich, so Goethe, seien «alle hypochondrischen abergläubischen Grillen» verschwunden gewesen, und er habe Friederike «recht herzlich» geküsst. Nur wenige Zeilen später schildert er, dass er in derselben Nacht von Albträumen geplagt aufgewacht sei. «In solchen Stunden und Lagen ist es, wo die Sorge, die Reue den wehrlos hingestreckten Menschen zu überfallen pflegen.» In seinen Träumen sieht er Lucinde ihre Verwünschung aussprechen, sieht Friederike bleich unter den Folgen jenes Fluches leiden. «Die zarte Gesundheit Friederikens schien den gedrohten Unfall zu beschleunigen, und nun kam mir ihre Liebe zu mir recht unselig vor; ich wünschte über alle Berge zu sein.»[16]

Zwar verflüchtigten sich solch angstvolle Überlegungen bei Tageslicht und insbesondere nach Goethes Rückkehr in die Stadt Straßburg wieder, an ihre Stelle treten aber rationale Bedenken gegen eine Fortsetzung des Verhältnisses: «Allein das Schlimmste war, daß jener Wahn, indem er floh, eine wahre Betrachtung über den Zustand zurückließ, in welchem sich immer junge Leute befinden, deren frühzeitige Neigungen sich keinen dauerhaften Erfolg versprechen dürfen. So wenig war mir geholfen, den Irrtum los zu sein, daß Verstand und Überlegung mir nur noch schlimmer in diesem Fall mitspielten. Meine Leidenschaft wuchs, je mehr ich den Wert des trefflichen Mädchens kennen lernte, und die Zeit rückte heran, da ich so viel Liebes und Gutes, vielleicht auf immer, verlieren sollte.»[17] Ähnlich wie die rationalistische und die psychoanalytische Goethe-Auslegung, so oszilliert bereits Goethes eigene Darstellung zwischen den beiden Polen rationaler und irrationaler Bindungsangst.

Einen zweiten Hinweis auf die Deutung der Flucht aus Sesenheim hat Goethe dadurch gegeben, dass er die Erzählung von der «Neuen Melusine» erwähnt, durch die er die Brions erfreut haben will. Tatsächlich hat Goethe diese Erzählung erst viele Jahre später niedergeschrieben und in «Wilhelm Meisters Wanderjahre» eingefügt. Zwar kann er sie trotzdem schon 1770/71 erzählt haben, dennoch kommt es aber auch bei dieser Episode wieder mehr auf die höhere Wahrheit als auf historische Detailtreue an. «Die Neue Melusine» schildert die Geschichte eines Mannes, der sich am Ende freiwillig schrumpfen lässt, um mit seiner Geliebten, einer Zwergin, glücklich zu werden. Obwohl der Mann sich zunächst durchaus wohl fühlt im Staat der Zwerge, misslingt das Experiment, denn: «Ich empfand einen Maßstab voriger Größe, welcher mich unruhig und unglücklich machte.»[18]

Die rationalistische Goethe-Forschung hat diesen Schluss des Märchens, in dem der Mann sich wieder zu seiner früheren Größe befreit, so gedeutet, als habe Goethe der geistige Horizont der Sesenheimer Pfarrersfamilie nicht mehr genügt, als habe er ausbrechen wollen aus einer Welt, die ihm zu eng geworden war. Freilich legt schon Goethes Beschreibung seiner ersten Unterhaltung mit Friederike eine solche Deutung nahe, zu nahe vielleicht: «Es war mir sehr angenehm, stillschweigend der Schilderung zuzuhören, die sie von der kleinen Welt machte, in der sie sich bewegte […].»[19]