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Der Erzähler aus "ANA - Perdita" musste sich einer Prostatakrebs-Operation unterziehen und sich in der Zeit seiner Rehabilitation seiner geschwundenen Manneskraft stellen. Als er schon fast der Sehnsucht nach einer Beziehung zu einer Frau abgeschworen hatte, begegnet er auf seiner ersten Mountainbike-Tour nach dem Lockdown im Corona-Jahr Fredda, einer umwerfenden jungen Frau, die viele Jahre zuvor bei ihm in Therapie war. Mit ihrem unverblümten Angebot, ihm bei der Wiedererlangung seiner sexuellen Funktionen behilflich zu sein, betritt er eine Art Parallelwelt mit Versuchungen und Verboten, als er sich auf sie einlässt und sie zu einer russischen Grillparty begleitet, die einen völlig unerwarteten Verlauf nimmt. "Der Erzähler von "ANA" lässt lustvoll seine Abenteuer und Sehnsüchte nach der Wiedererlangung seiner verloren geglaubten Manneskraft im Kontakt zu einer hinreißenden Sexualbegleiterin mit viel Erzählfreude und nicht ohne Selbstironie freien Lauf."
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2021
Jürgen Kemper
FREDDA
Bocca
© 2021 Jürgen Kemper
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-24393-4
Hardcover:
978-3-347-24394-1
e-Book:
978-3-347-24395-8
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Widmung
Für Mila Luna, die ihr ganzes Leben mit all ihren Träumen noch vor sich hat
Erwachen
Es hatte nur eine kleine Verzögerung gegeben, das war nicht meine Schuld. Aber ich dachte jetzt daran, fünf Minuten. Fünf Minuten hatte ich gewartet, dass meine, ja was war sie für mich, ich wusste es noch nicht, Fredda auf die Straße kam, die ich erst am 1. Mai überraschend wiedergetroffen hatte. Es war der 1. Juli, ein Mittwoch, und ich holte sie immer um diese Zeit ab, Viertel nach vier, nicht später. Aber sie hatte noch nicht an der Straße gestanden, vor der Einrichtung, wo sie mittwochs auf mich wartete, so wie die letzten fünf Mittwoche. Ich war mir nicht sicher gewesen, ob sie dieses sechste vereinbarte Treffen überhaupt wollte, nach dem letzten Treffen mit der überraschenden Wende, doch sie hatte auf meine letzte Mail nur kurz geantwortet: „Komm vorbei.“ Also stand ich nun hier, bei schönem sonnigem Sommerwetter, mit etwas zwiespältigem Gefühl, was mich erwartete.
Sie hatte die Stelle bei dem Träger im Dortmunder Norden als Sozialassistentin seit sieben Jahren, seit dem Jahr, in dem ich sie kennengelernt hatte. Zuerst hatte sie nur mit Zeitvertrag, als Springerin, wo sie gerade gebraucht wurde, gearbeitet. Letztlich wurde ihr Vertrag in einen unbefristeten umgewandelt, so dass sie sich keine Sorgen mehr machen musste um ihre finanziellen Verhältnisse, eher um die Betreuung ihrer beiden Kinder, die heute schon vierzehn und siebzehn Jahre alt waren, also etwas jünger als meine Enkeltöchter, aber das schien kein Problem zu sein, unser Altersunterschied schon eher, jedenfalls wenn ich mir vorstellte, wie wir von anderen wahrgenommen wurden, die uns nicht kannten.
Wenn ich sie meinen Freunden vorgestellt hätte, hatte ich aber nicht.
Ich befürchtete von den Männern eher plumpen Neid oder respektvolle Zurückhaltung, bei den Frauen eher kühle Abneigung. Das wäre mir ziemlich egal, wer da ein Problem mit hatte, sollte das für sich behalten, für mich war das eher eine Form der Selbstoffenbarung. In der Regel ging es doch immer nur um deren eigene Befürchtungen für die Beziehung, die sie selbst führten oder auch nicht führten, aber ich hatte solche Situationen tunlichst vermieden. Wir verabredeten uns ja auch erst seit Ende Mai, in diesem so allseits verrückten Corona-Jahr, sechs oder sieben Mal insgesamt und eine Freundschaft war das nicht, eher etwas anderes.
Jetzt war sie nicht da und eine gewisse Beunruhigung beschlich mich, meine Alarmglocken waren schnell aktivierbar aufgrund meiner Erfahrungen seit dem Verlust von Ana, wenn es Brüche in den normalen Abläufen gab. Ich musste dann immer an den alten Filmklassiker „Matrix“, mit Keanu Reeves in der Hauptrolle, denken, wo die Realität sich auch als etwas anderes entpuppte als die sie erschien, rote oder blaue Pille, man musste sich immer entscheiden, was man für die Realität halten wollte.
Irgendetwas stimmte nicht. Ich stieg aus, umgeben von Bussen der Einrichtung, die die Klienten aus der Einrichtung abholten, ein Gewusel von Menschen mit Handicaps, einige in Rollstühlen, als ich aufgeregt einen der Mitarbeiter aus dem Haus stürmen sah, der den Bus direkt vor dem Haupteingang der Werkstatt anwies, die Einfahrt frei zu machen. Er streifte meinen fragenden Blick und wartete darauf, dass der Bus die Einfahrt freigab. Noch beim Wegfahren des Busses hörte ich eine Sirene, die bedrohlich näherkam und meine böse Vorahnung wechselte in Gewissheit, wenngleich ein zaghafter Gedanke auch einen Notfall bei einem der Beschäftigten zuließ. Aber Fredda war nicht da. Einer Intuition folgend schnappte ich meine Maske und ging in die Einrichtung. Ich wusste, wo ihre Gruppe war und bog am Eingang entsprechend ab. Auf dem langen Flur war niemand zu sehen, offensichtlich hatten die Beschäftigten bereits alle die Werkstatt verlassen. Ich war keine zehn Meter gegangen als der Mitarbeiter, der den Bus verscheucht hatte, im Laufschritt an mir vorbeieilte, gefolgt von zwei Sanitätern mit einer Bahre. Unschwer erkannte ich im Vorbeieilen einen der Sanitäter als Vladi, der mich leicht irritiert anschaute. Ich folgte ihnen zügig und fand mich an der Tür vor ihrer Werkstattgruppe wieder, an der ich wie angewurzelt stehen blieb. Der Anblick, der sich mir bot, hatte mich gestoppt. Eine Gruppe von fünf Personen, Männern wie Frauen, kniete am Boden und hielt mit einem großen Verband bewaffnet den Kopf einer Frau in stabiler Seitenlage, deren langer blonder Zopf auf der rechten Schulter ruhte, merkwürdig rot verfärbt, die Frau bewegte sich nicht - Fredda.
Wie in einem angehaltenen Film, der wieder gestartet wurde, sah ich die Menschen sich wie in Zeitlupe bewegen. Die beiden Sanitäter hatten sich zu Fredda gekniet, Vladi hatte sie sofort erkannt und „Fredda, Schwesterchen, was hast du gemacht?“ gesagt, ganz professionell mit seinem Kollegen ihre Vitalfunktionen überprüft, eine Infusion gelegt und dem Kollegen wortlos zugenickt: „Einpacken“. Sie war offensichtlich bewusstlos, als einer der Mitarbeiter, der sich zuvor um Fredda gekümmert hatte, zu mir kam und mich wahrscheinlich entfernen wollte, mich aber im letzten Moment zu erkennen schien, jedoch trotzdem von der Tür und dem Blickfeld auf das Geschehen wegschob, was ich widerwillig zuließ.
„Was?“, war das Einzige, was ich hervorbrachte.
„Beruhige dich“, antwortete er, meine Frage musste wohl etwas schrill aus mir hervorgebrochen sein. „Sie ist von Bernd, einem Beschäftigten, gebissen worden, eine Fleischwunde im Gesicht.“
„Was?“, entglitt es mir erneut.
„Ja, undenkbar, Fredda kennt Bernd schon sechs Jahre, sie hatte ihn zuvor gebadet, wollte ihn danach wie immer aus seiner Ruhematte in den Rollstuhl heben und hat ihn wie üblich von vorn umarmt. Als sie ihn in den Rollstuhl setzen wollte, hat er sie umklammert und zugebissen und zwar sehr heftig. Wir mussten die beiden am Boden liegend voneinander trennen. Dabei ist sie wohl bewusstlos geworden.“
„Und was ist mit ihr passiert?“
„Sie hat eine große Bisswunde im Gesicht, ihr Kollege Hans war gleich zur Stelle und hat die beiden getrennt, Bernd von einem anderen Kollegen in einen anderen Raum bringen lassen und über das Notfallsystem die Kollegen aus der Nachbargruppe alarmiert. Wir haben versucht, die starke Blutung zu stillen und den Notdienst angerufen.“
„Und ihr Gesicht?“
„Eine Bisswunde, Bernd hatte sich regelrecht festgebissen, ich weiß es nicht, sie muss erst einmal wieder zu Bewusstsein kommen.“
Hinter uns entstand Bewegung und Vladi und sein Kollege hatten Fredda auf der Liege fixiert, der Tropf baumelte an Vladis Schulter, der hinten ging und mich im Vorbeigehen fixierte.
„Wo bringt ihr sie hin, Vladi?“, entwich es aus mir.
„Ins Klinikum Nord“, war seine knappe Antwort und eilig gingen sie weiter.
Ich war wohl etwas wackelig auf den Beinen, denn Freddas Kollege fragte mich:
„Willst du dich setzen? Soll ich dir ein Glas Wasser holen? Das wird schon wieder, Fredda ist stark.“
„Nein, geht schon. Und ihr schönes Gesicht?“
Darauf erhielt ich keine Antwort und wandte mich im Gehen von ihm ab, ich musste ins Klinikum Nord, weit konnte das nicht sein.
Therapieren
Ihr Gesicht hatte ich zum ersten Mal im letzten Jahr meiner familientherapeutischen Praxis, im Frühjahr 2013, noch bevor ich mich in Italien verwickelt hatte, in Bochum gesehen, als sie erst kurz vorher ihren Job angenommen hatte. Mein alter psychiatrischer Kollege Bert hatte sie zu mir geschickt, weil er wusste, dass ich langsam meine Termine abbaute und ahnte, dass ich noch jemand Dringendes über Vitamin B ohne die übliche halbjährige Wartezeit dazwischen nehmen konnte und auch würde - wenn er mich bat und das tat er.
„Fredda Lienen, 30 J.
- verheiratet, zwei Töchter, die Ältere 2006, die jüngere 2009 geboren
- Ehemann Marko, 35 J., Zimmermann bei einer größeren Hallenbaufirma
- lebt in Dortmund, arbeitet als Sozialassistentin bei einem Dortmunder Träger der Behindertenhilfe
- will sich scheiden lassen und ihr Ehemann, der das nicht will, hat sie vor vier Tagen in ihrer Wohnung, er hat noch einen Schlüssel, vergewaltigt und ziemlich übel im Gesicht zugerichtet, unterhalb des rechten Ohrs musste sie genäht werden, halb so schlimm, aber der Schock und die Scham sitzen tief
- die Kollegen von der Chirurgie haben mich konsiliarisch hinzugezogen, sie hat etwas zurückhaltend erzählt, aber eine stationäre Aufnahme zur weiteren Behandlung, die ich ihr angeboten habe, hat sie kategorisch wegen ihrer Töchter abgelehnt, sie sei schon drei Tage im Krankenhaus und wollte nach Hause, meinen Vorschlag zur ambulanten Therapie kommentierte sie mit den Worten „Bei so einer emanzipierten Psychotante vom Frauenhaus?“ Als ich ihr sagte: „Ne, bei einem älteren Herrn mit zwei Töchtern, der sich zur Ruhe setzen möchte“, lachte sie, was sie wegen der Schmerzen aber abbrach und stimmte zu.“
So weit meine Notizen nach dem Telefongespräch.
„Und jetzt kommst du ins Spiel“, hatte er angefügt.
Er hatte wohl den Schlüssel zu ihrer Zustimmung gefunden und sie an mich verwiesen, obwohl er noch nicht wissen konnte, ob ich ja sagte.
„Sie ist sehr attraktiv“, hatte er noch gesagt.
Kurz vor Feierabend hatte ich alles notiert, sie wollte noch am gleichen Tag vorbeikommen - was ich aber ablehnte, das war mir dann doch etwas zu schnell - und hatte per Mail für den folgenden Morgen einen Termin vereinbart.
Am nächsten Morgen war ich schon kurz vor acht in meine Praxis gegangen, eine Stunde eher als üblich, lüftete meinen Therapieraum, stellte fünf Stühle bereit und kochte mir erst einmal meinen obligatorischen englischen Tee, als sie plötzlich hinter mir in der Tür stand und mich mit „Hallo!“ ansprach. Ich hatte mir angewöhnt, meine Tür offen zu lassen, wenn ich Klienten erwartete, das fand ich irgendwie einladender als das Geschelle vor einer verschlossenen Tür. Ich hatte mich etwas erschrocken, da ich wegen des Wasserkochers nichts gehört hatte. So standen wir etwas verlegen an der Tür zu meiner Teeküche und ich fragte sie:
„Wollen Sie auch einen?“
„Was für einen denn?“
„Ach so, einen englischen Tee.“
„Englisch?“
„Ja, mit Milch und Zucker.“
„Ja, sehr gern“, und lächelte mich mit einem umwerfenden offenen Lachen an, was sie jedoch schnell abbrach.
Sie streckte mir ihre Hand entgegen, sie war einige Zentimeter größer als ich.
„Fredda Lienen.“
„Angenehm, ich weiß.“
Ihre Hand war sehr schlank, hatte aber einen unerwartet festen Griff und sie schaute mir direkt in die Augen. Ihre Augen waren wasserblau und ihre Pupillen so groß wie Unterteller.
Sie löste sich aus meiner Hand und sagte: „Nein, ich nehme keine Drogen, wenn sie es genau wissen wollen.“
„Habe ich das gesagt?“
„Nein, aber gedacht, meine Pupillen oder ich sind nicht ganz normal, mein Pupillenerweiterungsmuskel ist zu stark ausgeprägt oder sein Gegenspieler zu schwach, sagt jedenfalls mein Augenarzt, deswegen muss ich bei Sonnenschein immer eine Sonnenbrille tragen.“
Dabei tippte sie auf die über ihre blonden Haare gesteckte schwarze Sonnenbrille und dann auf ihren Verband, der auffällig und weiß an ihrem rechten Ohr prangte und einen Teil ihrer Wange bedeckte.
„Der hässliche Verband muss noch eine Woche dranbleiben, die Fäden werden erst nächste Woche gezogen. Ich habe versucht, es mit meinen Haaren so gut zu verdecken, wie es ging.“
Mein Blick musste wohl auch dort etwas zu lange hängen geblieben sein, ihr schwerer geflochtener Zopf hing über dem Verband, sie schien das genau zu registrieren.
„Das ist Ihnen doch ganz gut gelungen.“
„Aber sie haben trotzdem draufgeguckt.“
„Nein“, log ich: „Ich habe mir ihren dicken Zopf angeschaut.“
Der war nun wirklich sehr ansehnlich und vor allen Dingen so fett, dass er schwer wie ein Kuhschwanz an ihrer rechten Seite baumelte, über ihrem rechten Busen hing und frei darüber hängend Halt suchte, erst kurz vor ihrer Taille in einem Haargummi gebändigt wurde und ihr Dekolletee nur halb verbarg, wo mein letzter Blick hängen blieb, den ich jedoch schleunigst senkte. So einen dicken Zopf kannte ich nur von meiner verstorbenen Frau Carina, sie hatte ihn fast immer gebunden, besonders liebte ich es, wenn er beim Motorrad fahren zwischen ihrem Helm und der schwarzen Lederjacke herausbaumelte und dem Fahrtwind erfolgreich Widerstand leistete, denn er war schwer genug.
„Oh ja, der musste heute sein“, und warf diesen beeindruckenden Flechtkranz mit einer Kopfbewegung über ihre rechte Schulter, womit sie mir einen vollständigen Blick auf ihre Frontseite gewährte. Sie trug ein burschikoses Outfit mit hautenger Jeans und Stiefeletten, einem breiten Ledergürtel und einem Hölzfällerhemd, das definitiv eine Nummer zu klein für sie war und einem Lederblouson, die beide ihren vollen Busen nur notdürftig bedeckten. Verstecken, wie ich das schon bei anderen Frauen mit vergleichbaren Erfahrungen, erlebt hatte, wollte sie sich nicht. Ich löste meinen Blick und erinnerte mich an Berts Worte. Er hatte nicht übertrieben. Trotzdem war ich überrascht von ihrer Präsenz. Ich hatte es offensichtlich mit ‚Jemander‘ zu tun, die sich die Wurst nicht so schnell vom Teller stehlen ließ. Wie war sie nur in eine solche Situation geraten und wie sollte sie wieder herauskommen?
Ich beendete diese etwas verfängliche Situation mit:
„Nehmen Sie ihren Tee selbst mit? Lassen Sie uns nach nebenan gehen.“
Ich reichte ihr den frisch aufgegossenen Becher. Sie nahm ihn, drehte sich um, ging mit ihrem Tee voran und verströmte mit ihrem wackelnden Zopf, der ihr fast bis zum Hintern reichte, einen angenehm frischen Duft aus gewaschenem Haar und einer Creme, die mich entfernt an Fenjala, das meine verstorbene Frau benutzt hatte, erinnerte. Ihr wiegender Gang hatte einen Schwung, der zeigte, dass sie sich ihrer Wirkung mehr als bewusst war und sie offensichtlich einzusetzen wusste. Was immer das in meinem Fall bewirken sollte, eine Wirkung hatte es so oder so.
Ich schloss das Fenster in meinem Therapieraum und als wir uns in meinen kleinen Stuhlkreis gesetzt hatten, bemerkte ich, wie sie wegen der drei leeren Stühle und der Platzwahl etwas irritiert war und sie fragte etwas unsicher:
„Erwarten wir noch jemanden?“
„Ihren Mann und ihre Töchter“, hatte ich trocken geantwortet.
„Dieses Schwein, der kommt keine zehn Meter an mich heran, das ist nicht ihr Ernst.“
Sie war aufgesprungen, ihre Miene hatte sich verfinstert, ihre Pupillen hatten sich schlagartig verkleinert und sie wandte sich der Tür zu.
Mit so einer direkten und heftigen Reaktion hatte ich nicht gerechnet und sagte:
„Sie kommen nicht, Frau Lienen.“
Darauf schaute sie mich verdutzt an: „Was jetzt?“
„Frau Lienen, ich weiß nicht, was mein Kollege ihnen erzählt hat, aber ich bin systemischer Familientherapeut und ich werde die Perspektiven ihrer Töchter und ihres Mannes mit in die Therapie einbeziehen, soweit das sinnvoll ist und Sie das zulassen, sie entscheiden das, aber vielleicht wollen Sie sich erst einmal wieder hinsetzen und erzählen, was passiert ist.“
Das schien sie zunächst nicht zu wollen, sie hatte sich nach einiger Zeit zwar hingesetzt, doch ich sah, wie es in ihr arbeitete, ihre stark verkleinerten Pupillen hatten sich wieder ein wenig geweitet und ich erwartete ob ihres offensichtlichen Temperamentes eine heftige Abwehrreaktion. Die kam auch.
„Das Schwein hat mich überfallen und geschlagen, der wird seine Töchter nie wiedersehen, das kann er sich abschminken, der ist ja völlig durchgeknallt und will sich wahrscheinlich bei der Polizei noch rausreden, dass er betrunken war.“
„Haben Sie ihn angezeigt?“
„Natürlich habe ich ihn angezeigt, gleich am nächsten Tag nach der Operation war eine Kripobeamtin in so einem Military-Look im Krankenhaus und hat meine Anzeige aufgenommen, der kann was erleben. Einen vorläufigen Arztbefund hat sie mitgenommen, auch einen von ihrem Kollegen glaube ich.“
„Ging es Ihnen danach besser?“
„Nein, verdammt nochmal, mir ging es beschissen, die ganze Scheiße nochmal zu erzählen und dann auch noch so detailliert, die wollte das ganz genau wissen, das war fürchterlich, genauso wie die körperliche Untersuchung, Hauteinrisse an der Vagina und ein Bluterguss am Busen, von meinem halb abgebissenen Ohr ganz zu schweigen, haben Sie das gesehen.“
„Gebissen? Sie müssen das nicht alles noch einmal erzählen, wenn Sie nicht wollen, mich interessiert mehr, wie Sie sich fühlen.“
„Wie ich mich fühle? Ich hätte ihm gleich an der Tür in die Eier treten sollen und am besten gleich abschneiden, diesem armseligen Penner.“
„Also empfinden Sie eine ungeheure Wut auf Ihren Mann“, ich hatte versucht, meine Worte mit Bedacht zu wählen.
„Mein Mann, das ist er die längste Zeit gewesen, der ist schneller geschieden, als er gucken kann und die Fresse kriegt er auch noch poliert.“
„Sie wollen ihm die Fresse polieren?“
„Nene, das überlasse ich Vladi, der macht das schon.“
„Vladi?“
„Ja, der ist wie mein Bruder, wir haben Blutsbrüderschaft geschlossen und unser Blut von den Handgelenken des Anderen abgeleckt, das hält ein Leben lang.“ Sie streckte mir ihr rechtes Handgelenk, an dem eine kleine Narbe sichtbar war, entgegen und grinste.
„Oh! Und der poliert ihrem Mann die Fresse?“
„Nein, aber der kennt Leute, die das machen, sie wissen es nur noch nicht.“
„Er ist der Vater Ihrer Töchter.“
„Das war er die längste Zeit, das können Sie mir glauben.“
„Glauben Sie, dass Ihre Töchter das auch so sehen?“
„Wenn ich ihnen erzähle, was er gemacht hat ja.“
„Das wollen Sie ihnen erzählen? Wie alt sind sie?“
Ich fragte, obwohl Bert es mir erzählt hatte.
Etwas leiser antwortete sie: „Sie sind erst sieben und zehn.“
Sie senkte ihren Kopf und schluchzte.
„Sie sind noch sehr jung oder? Wie heißen sie?“, versuchte ich.
„Marta und Emma, sie sind da doch viel zu klein für … .“ Sie schluchzte weiter. „… meine Süßen, das verstehen die doch gar nicht“, sagte sie jetzt und weinte hemmungslos.
Ich wartete.
Ihre Wangen wurden langsam überzogen von einem schwarzen Streifen aus Tränen und Wimperntusche, sie machte keine Anstalten, sie wegzuwischen, zog nur regelmäßig die Nase hoch.
Ich wartete.
„Nein, das kann ich doch nicht machen, das kann ich ihnen doch nicht erzählen.“
„Schämen Sie sich?“
„Was? Nein! Ja! Ich weiß nicht. Ich bin für die beiden doch immer die Starke, die brauchen mich doch.“
„Ja, aber hier dürfen Sie die Schwache sein.“
„Ich soll mich hier ausheulen und zu Hause die Starke spielen?“
„Nein, zu Hause sollen Sie die Starke sein.“
„Und hier flennen?“ Sie schaute sie mich mit ihrem verheulten, verschmierten Gesicht an und löste alle meine schlummernden Beschützerinstinkte aus, die ich dringend zurückhalten musste.
„Ja, wenn Sie das empfinden und glauben, dass ihnen das hilft.“
„Ich kann doch nicht die ganze Zeit heulen“, und weinte weiter.
„Doch, die Tränen werden weniger.“
„Wann?“
„Vielleicht beim nächsten Mal.“
„Sicher?“
„Vielleicht, das kommt darauf an.“
„Worauf?“
„Wieviel Traurigkeit noch in Ihnen ist.“
„Ich bin eine Frohnatur.“ Sie musste etwas quer mit einem „Aua“ lachen und fasste sich an ihr rechtes Ohr.
„Haben Sie Schmerzen?“
„Das tut sauweh, wenn ich lache, das Schwein.“
„Hat er Ihnen vorher auch schon wehgetan?“
„Was? Nein. Nicht so.“
„Wie dann?“
„Er hat mir beim Sex öfter wehgetan, er wiegt über hundert Kilo und er hat mir blaue Flecken verpasst und mich festgehalten, das tat oft weh.“
„Haben Sie ihm das nicht gesagt, dass er Ihnen wehtut.“
„Ne, danach hatte ich wenigstens meine Ruhe.“
„Sie wollten das gar nicht?“
„Doch, Sex ja, am Anfang war er noch zärtlicher, da war das ja noch ganz lustig, aber nicht so heftig, mit Schmerzen, besonders wenn er mich aufs Bett warf oder meinen BH zerriss, die sind viel zu teuer, habe ich ihm gesagt. Er brachte mir dann auch öfter neue und so Strapse und Lacksachen mit und dann fing er an, mich meistens von hinten zu nehmen, das würde ihn mehr anmachen, wenn er meinen Arsch sehe, an meinen Titten hatte er sich wohl satt gesehen, da kümmerte er sich gar nicht mehr drum, obwohl ich ihm gesagt habe, dass ich das sehr gern habe und mich antörnt, aber er machte einfach weiter, ohne darauf zu gucken, ob ich auch kam, das war ihm irgendwann scheinbar vollkommen egal, der ist ein totaler Versager, nur an seinem Schwanz und seinem eigenen Abgang interessiert. Ich habe ihm dann immer vorgespielt, dass ich komme. Ich habe mich dann oft selbst befriedigt, dann ging es.“
Sie hatte sich in Fahrt geredet und mit ihrem Ärmel ihre linke Wange abgewischt, so dass sie jetzt etwas gefährlich wie auf dem Kriegspfad aussah.
„Haben Sie sich das lange gefallen lassen?“
„Am Anfang dachte ich, dass das normal ist, so ist das eben, ich war ja noch sehr jung und recht unerfahren. Als ich dann mit meiner Freundin mal darüber gesprochen habe und mein Frauenarzt mich bei einer Untersuchung auf Sexualpraktiken angesprochen hat, leuchtete mir langsam ein, dass ich es wohl mit einem speziellen Prachtexemplar Mann zu tun hatte.“
„Heißt das, dass er die ganze Zeit so mit Ihnen umgegangen ist?“
„Er war ja erst mein zweiter Freund und er hat mich ja gleich geschwängert mit zweiundzwanzig, er wollte ja nie ein Kondom benutzen. Am Anfang ging es noch, später sollte ich ihm auch immer erst einen blasen, damit er in Fahrt kam, das hat er bei mir nie gemacht, alles war auf seinen Genuss angelegt, der hat sich wahrscheinlich zu viele Pornos reingezogen und er hat sich immer Zeit gelassen, er hatte wohl mehr Erfahrung als ich und meinte immer, ich solle mich nicht so haben, es ginge doch nur um den Spaß am Sex. Den hatte aber nur er.“
„Und Sie haben die ganzen Jahre stillgehalten?“
„Ne, still halten sollte ich nicht. Ich sollte ihn immer anmachen mit lautem Stöhnen und ‚Ja, komm, fick mich, härter‘ und so schreien.“
„Und das haben Sie gemacht?“
„Ja, ich kann super spielen und einen Orgasmus kriege ich auch gut hin, da ist der gar nicht dahintergekommen.“
„Und dafür wollen Sie ihn jetzt bestrafen, dass Sie die ganzen Jahre mitgespielt haben?“
„Nein, weil er mich vergewaltigt hat.“
„Hat er das nicht die ganzen Jahre?“
Das war riskant, sie hielt kurz inne, dann sagte sie:
„Ja! Nein! Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn verlasse, da wollte er noch mal eben 'ne Ansage machen, wer hier über wen bestimmt.“
„Und das ist ihm gelungen?“
Sie weinte wieder und sagte unter Schluchzen:
„Das war das letzte Mal, er hatte doch einen Schlüssel, ich hatte gar nicht bemerkt, dass er reingekommen war, er hat mich an meinen Haaren ins Schlafzimmer gezerrt, mich sofort auf´s Bett gedrückt und sich mit seinem massigen Körper auf mich gesetzt und mir eine schallende Ohrfeige gegeben, so dass ich besser nichts mehr gesagt habe und dann hat er mir die Bluse aufgerissen und die Hose runtergezogen.“
„Sie müssen mir das nicht erzählen.“
„Wollen Sie das nicht hören?“
„Nur wenn Sie das wollen.“
„Es war so erniedrigend, früher hat er mir immer noch Komplimente zu meinen Titten und meinem Arsch gemacht. Er hat mich nie geschlagen, hart angefasst, aber nie geschlagen. Er hat mich als eine hässliche Hure mit Mädchenhaaren beschimpft und dass ich es nicht bringen würde, ihn scharf zu machen, ihm nur den Arsch hinhalten würde. Am Ende hat er sich dann auf mich gestürzt mit seiner Alkoholfahne, ist mit seinem massigen Körper auf mir rumgeturnt, hat meine Hände festgehalten, bis er kam, hat sich komplett auf mich fallen lassen, dass ich kaum Luft kriegte und mir ins Ohr geschrien: ‚Mal sehen, wer sich noch für dich interessiert ohne Ohr.‘ Er hat versucht, mein rechtes Ohr abzubeißen. Das müssen Sie sich mal vorstellen, wie pervers der ist. Das war so erniedrigend. Dafür muss er bezahlen.“
„Deswegen sind Sie so wütend, weil Sie das so erniedrigend fanden? Hier nehmen Sie das Taschentuch und wischen sich ihre Tränen ab.“ Ich reichte ihr eins von meinen immer bereit liegenden Tempos.
Sie schaute mich mit ihrem tränenverschmierten Gesicht an und wirkte sehr verletzlich, aber in ihrem Blick war auch etwas Gelöstes. Ihre Pupillen waren wieder so groß wie Unterteller.
Ich wartete.
Sie schnäuzte sich ihre Nase. „Kann ich morgen wiederkommen?“, und lächelte mich dabei mit ihrem unschuldigen jugendlichen Gesicht an.
Ihr Mund stand dabei halb offen, ihre Zunge klebte eingerollt an ihrer oberen Zahnreihe, als wenn sie schnalzen wollte oder noch etwas sagen wollte. Doch sie wartete einfach.
Sie hatte mich mit ihrer Frage überrascht und ich sagte zu ihr:
„Sie können dreimal die Woche kommen, bis Sie sich ausgeweint haben.“
„Dann nicht mehr?“, und wieder lächelte sie mich mit ihren vollen Lippen an.
„Nur wenn Sie das wollen.“
„Danke.“
Dann stand sie auf.
Normalerweise beendete ich die Therapiesitzungen, ich hatte mich ihr nicht vorgestellt, ich hatte auch ihre Versicherungsdaten nicht aufgenommen, aber die würde ich eh noch von Bert mit seinem Kurzbericht, den auch schon die Polizei hatte, bekommen. Eine normale Therapie würde das nicht werden, das war mir klar, aber das war nicht wichtig. Ich hatte einen Schlüssel zu ihren Gefühlen gefunden und sie war auf mehrfache Weise attraktiv, also schrieb ich in meinen Notizen, die ich meist noch machte, bevor der nächste Klient kam:
VORSICHT, VLADI, VATER
Fallen
Ich hatte Fredda wieder getroffen, völlig unerwartet, am 1. Mai 2020. Meine Tochter war mit ihrer Familie über den Feiertag zu Freunden gefahren, das durfte man in Corona-Zeiten mittlerweile ja wieder, ich hatte niemanden gefunden, der mit mir biken wollte, also hatte ich mir von Bochum aus eine schöne Tour mit meiner komoot-App zusammen gestellt, zum Kemnader See, an der Ruhr entlang, Harkortsee, Hengsteysee zur Ruine Hohensyburg, sogar eine Fährfahrt hatte ich eingebaut und 35 km schienen mir angemessen. Ich hatte meine Sachen zusammengepackt, mein focuse-bike gecheckt, die Kette gefettet und meinen kleinen Hund Bello allein in meiner Wohnung gelassen. Er wirkte etwas beleidigt, aber das hielt er so lange aus. Ich war um halb zehn gestartet, gegen Mittag sollte ich mein Ziel erreicht haben, vielleicht waren ja schon einige Gastrobetriebe zum Feiertag trotz Corona geöffnet, aber wahrscheinlich war das wegen des Lockdowns nicht. Ich fuhr los und genoss die Natur, nachdem ich Bochum verlassen hatte. Es waren noch nicht viele Menschen unterwegs an diesem Maifeiertag, obwohl die Sonne vom Himmel schien, es war auch erst noch ziemlich frisch. Am Hengsteysee waren dann schon mehr Leute unterwegs, auch Biker.
Wie so oft, wenn ich allein unterwegs war, hing ich meinen Gedanken nach und dachte daran, wie schön es wäre, wenn sie mich begleiten würde, meine geliebte Ana, auch wenn sie nie mit mir gebiked hatte. Ich vermisste sie immer noch. Im letzten Jahr hatten Suchgruppen auf Veranlassung der anderen Angehörigen noch einmal versucht, Ana und ihre Freunde im Bondasca-Tal in den Schweizer Alpen unterhalb des Cengalo zu finden, der in einer einzigen Schlamm- und Felslawine alle unter sich begraben hatte und offensichtlich nicht vorhatte, sie wieder herzugeben. Ich hatte das Anas Vater und ihrer Großmutter erzählt, als ich sie im letzten Jahr auf Sizilien besucht hatte. Es gab keinen Ort der Trauer, nur das von ihrem Vater Santi aufgestellte Kreuz im Bondascatal und meine Erinnerungen an sie, die ich zum großen Teil in meinem Buch niedergeschrieben hatte, das ich in diesem Jahr endlich publizieren wollte.
Meine Sehnsucht nach Nähe und Berührungen hätte größer nicht sein können, doch daran war in Zeiten von Corona überhaupt nicht zu denken. Alle hielten Abstand, sogar nahe Freunde isolierten sich, Ellbogenkicken konnte man sich auch sparen, das ersetzte keine Umarmungen oder Begrüßungsküsse. ‚Social Distancing‘ war das neue Corona-Dogma, das von Virologen aufgestellt wurde, sie schufen eine neue Form von Kultur, während die normalen Kulturschaffenden aus dem Verkehr gezogen worden waren. In dieses Vakuum waren die Virologen und Minister vorgedrungen, da konnte nichts Gutes bei herauskommen, so viel war mir klar. Auch sexuelle Dienstleistungen waren auf Eis gelegt worden, alles wurde neu bewertet, aber Biken durfte man ja immerhin noch.
Unterhalb der Hohensyburg erklomm ich dank E-Unterstützung ohne große Mühe über den Waldweg den Berg zum Denkmal und zur alten Burgruine. Die Sonne lachte durch die Baumwipfel und einige Touristen waren hier schon unterwegs, die Gastro hatte leider noch geschlossen, also ging ich zur Ruine, um ein kleines Picknick zu machen. Ich wollte gerade mein Bike an die Mauer stellen, als ich sie sah, vor ihr lag ein weißblaues Mountainbike. Sie sah nicht auf, hielt sich nur ihr Bein, um das ein Funktions-Shirt gewickelt war, das sie sich wohl ausgezogen hatte, denn sie trug nur ein Top, ich erkannte sie sofort, ging etwas zögerlich auf sie zu und sprach sie an:
„Hallo Frau Lienen, was haben Sie denn gemacht? Ich wusste nicht, dass Sie auch Mountainbike fahren.“
Sie schaute verdutzt und mit gerunzelter Stirn zu mir auf, erkannte mich offensichtlich auch sofort:
„Oh mein Therapeut, Sie haben mir gerade noch gefehlt“, sie ließ ihren Blick nicht von mir, so als würde ich sie bedrohen.
„Oh, Entschuldigung, soll ich wieder gehen?“
„Nein, so war das nicht gemeint, aber ich bin gestürzt und habe mich verletzt, kann jedenfalls nicht mehr mit dem Fahrrad fahren, das hat auch was abgekriegt.“ Sie zeigte auf ihr Vorderrad. „Da ist wohl was verbogen, da ist ein Scheißast reingeflogen, als ich den Downhill zum dritten Mal fahren wollte, an der zweiten Schanze.“
„Sie fahren Downhill?“
„Ja, auch, nicht nur, mit meinem E-bike komme ich fast überall hoch, aber das Runterfahren macht einfach mehr Spaß.“
„Was?“
„Na das Runterfahren“, sagte sie etwas erstaunt, schaute mich dabei direkt an und mir fiel ihre Narbe am rechten Ohr auf, ihr dicker Zopf lag über ihrer rechten Schulter und baumelte über ihrem Busen, der von ihrem Top nur notdürftig verdeckt wurde, ein kleiner gespannter Reißverschluss versuchte vergeblich, ihn im Zaum zu halten, mein Blick war etwas zu lange dort hängen geblieben, déjà vu.
„Ich musste mein Shirt zum Verbinden benutzen.“
„Ach so“, erwiderte ich etwas blöde. „Ist Ihnen kalt?“
„Ne, geht schon, aber es tut ziemlich weh.“
Dabei wickelte sie das T-Shirt von ihrem rechten Knie und legte eine verschmutze Schürfwunde frei, in deren Mitte ein Riss klaffte, der noch leicht blutete, das sah wirklich nicht gut aus.
Ihr Mund hatte sich verzogen und sie hatte vernehmlich die Luft eingesogen.
„Das muss ordentlich verbunden werden, denke ich und auch genäht werden.“
„Ich habe nix dabei.“
„Ich aber“, und ging zu meinem Rad, um meine Verbandstasche zu holen.
Als ich zurückblickte saß sie dort, verdreckt, verletzt und verführerisch. Ich hockte mich vor sie hin und befand mich augenblicklich in ihrer Aura, so nah war ich ihr noch nicht gekommen. Ich fühlte mich etwas befangen, eingefangen von ihren Ausdünstungen, die sich über mich legten, wie eine durchsichtige Decke. Ich hielt kurz inne und breitete meine weiße Tasche mit dem roten Kreuz vor ihr aus und hörte sie laut auflachen und sie konnte sich gar nicht wieder einkriegen.
Ich schaute sie etwas verständnislos an und fragte: „Was ist jetzt auf einmal so lustig?“
„Sie, nein, ich meine Ihr Koffer“, und legte mir ihre Hand auf meine Schulter, was mich leicht aufzucken ließ und schaute mich mit ihren weiten Pupillen direkt an. „Ich habe den Gleichen zu Hause, noch aus meiner Kindheit, das gibt´s doch gar nicht. Meine
Töchter haben mich immer damit verbunden, wenn mal wieder Arzt gespielt werden musste, das ist doch total lustig, wo haben Sie den her?“
„Der ist von meinen Kindern, den habe ich nur umfunktioniert, weil er genau die richtige Größe hat.“
Ich hielt ihren Blick. Sie zog ihre Hand zurück.
„Ist da auch was drin?“
„Ach so, ja, warten Sie.“
Ich kramte meine Sachen heraus und legte alles auf der Mauer aus.
„Als erstes muss ich Ihre Wunde desinfizieren, der Dreck muss da raus, das wird etwas weh tun.“
„O.K.“
Sie löste das T-Shirt wieder von ihrer Wunde und ich sprühte reichlich Desinfektionsmittel auf die komplette Wunde. Sie sagte nichts, hielt aber still.
„Ich muss sie auswischen und noch einmal einsprühen.“
„Vorsichtig bitte.“ Sie legte wieder eine Hand auf meine Schulter, während mein Blick zwischen ihren Busen hängenblieb.
„Ja, ich werde vorsichtig sein.“ Ich schaute sie ermutigend an.
Kurz und kräftig wischte ich das reichlich verwendete Spray mit einem Mullverband aus der Wunde, was sie mit einem deutlichen Seufzer kommentierte, ihre Hand von meiner Schulter nahm, meine Hand ergriff und mich mit zusammengekniffenen Augen scharf anschaute.
„Das tat weh.“
„Ich muss das noch einmal desinfizieren und einen Druckverband machen.“
„Können Sie das denn?“
„Ja, ich habe immer bei meinen Kindern geübt.“
Sie löste den Griff um meine Hand - blindes Vertrauen war ihre Sache nicht - und ich sprühte sogleich noch ein letztes Mal Spray auf die Wunde. Der Riss blutete etwas heftiger.
„Sie haben zwei, nicht?“
Ich war etwas überrascht, ich hatte Fredda Lienen sieben Jahre nicht gesehen und schaute sie fragend an.
„Das hat mir ihr Kollege damals erzählt.“
„Aha.“
„Hab ich behalten.“
„Ja, das ist aber nur halb richtig, ich habe zwei Enkeltöchter, von meiner Tochter und einen Sohn.“
„Ach so, dann hat der mich einfach belogen.“
„Nein, das glaube ich nicht, ich glaube eher, dass mein Kollege damals wollte, dass Sie zu mir gehen und da sie auch zwei Töchter haben, dachte er wahrscheinlich, dass das helfen könnte.“
„Helfen, Sie sind mir ja schöne Helfer, arbeiten wohl mit allen Mitteln, um Patienten anzulocken“, und schaute mich leicht erzürnt an.
Unbeeindruckt legte ich einen sterilen Ölvlies auf die Wunde, damit es beim Entfernen nicht so weh tat und bat sie, ihr Bein zu strecken. Ich legte ihr Bein in meinen Schoß und sofort überkam mich eine Gänsehaut, so dass ich wieder kurz zucken musste, ihre Haut hatte mich elektrisiert. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und legte den Druckverband an, während ein Schleier von Gerüchen mich einhüllte und ich dachte nur, ja genau, so riecht das, körperliche Erregung, wobei sich mein eigener Geruch, den ich von meiner Fahrt mitgebracht hatte, mit ihrem vermischte und ich fühlte mich wie in einer Blase. „Bubbles“ fiel es mir ein, dieser wunderschön einlullende Song der Cultured Pearls.
„Was ist los?“ Mein etwas verträumter Blick war ihr scheinbar nicht entgangen, ich hatte es mit einer aufmerksamen Beobachterin zu tun.
„Ach, ich habe nur an etwas gedacht.“
„Aha, und woran?“
„An ein Konzert, eine Band, das ist Jahre her.“
“Welche denn, jetzt tun Sie mal nicht so geheimnisvoll.“
Etwas ertappt fühlte ich mich schon, aber ich sagte trotzdem:
„Ich habe an die Cultured Pearls gedacht.“
„Die kennen Sie? Das war mal meine Lieblingsband, als Jugendliche, bin sogar mal auf einem Live-Konzert in Köln gewesen, Anfang der 2000er, das gibt´s doch nicht.“
„Ich habe sie auch, sogar dreimal live, gesehen, einmal auf der EXPO 2000 in Hannover, sehr schön. Leider ist die Sängerin Astrid North letztes Jahr gestorben, ein Jahr vorher habe ich sie noch als Solokünstlerin in Münster erlebt.“
„Was? Die ist tot? Die war doch noch voll jung.“
„Ja, das war sie, sie war erst 46 Jahre und hatte eine Tochter und einen Sohn.“
„Wie schrecklich.“
„Ja, das fand ich auch.“
Nachdem ich während unseres kurzen Gesprächs mein Werk vollendet hatte, schaute ich sie an und sagte: „Fertig.“
Mein Blick wanderte von ihrem Schenkel über ihr Becken, ihren Bauchnabel, ihren Busen mit dem viel zu engen Top, ihren dicken Zopf zu ihrer Narbe am rechten Ohr und blieb an ihren halb geöffneten Lippen hängen.
„Kann ich mein Bein wiederhaben?“
„Oh ja sicher.“ Ich legte vorsichtig ihr Bein aus meinem Schoß ab.
„Das haben Sie sehr schön gemacht, machen Sie das öfter?“
„Ja, musste ich bei mir auch schon öfter machen. Können Sie aufstehen?“
„Ja, mal sehen, wie das geht“, stand auf und machte ein schmerzverzerrtes Gesicht, wobei sie meinen Arm ergriff. „Aua, tut das weh.“
„So schlimm?“
„Ne, aber ich glaube, meine rechte Hüfte hat auch was abgekriegt.“
Sie hing an meiner rechten Seite, hatte ihr halbes Gewicht auf mich gestützt und ihr linker Busen drückte an meinen rechten Arm, was mir einen erneuten Schauer verschaffte. Ich setzte sie langsam auf die Mauer zurück und sie lupfte schon ihre Radlerhose herunter, so dass gerade ihre Scham von ihrem roten Slip bedeckt blieb.
„Ohje“, sagte sie nur. „Da müssen Sie wohl nochmal ran.“
Ich stockte kurz bei dem Anblick, eine so flotte Entblätterung brachte mich doch etwas aus der Fassung, doch dann griff ich zu meinem Spray, um die weniger schlimme Schürfwunde zu desinfizieren, in der Gott sei Dank kein Dreck war, doch von der Plastik-Funktionskleidung wurden immer üble Schürf- und Brandwunden hinterlassen, wenn man über sie schlitterte. Sie hielt mir ihr entblößtes rechtes Becken entgegen und hielt meine rechte Hand fest, schaute mir mit geweiteten Pupillen genau so fest in die Augen und sagte:
„Vorsicht!“
Ein erneuter Schauer durchschoss mich und als sie lockerließ, sprühte ich die Schürfwunde ein, ohne dass sie mit der Wimper zuckte.
„Lassen Sie da noch etwas Luft dran, ich verbinde das dann auch noch.“
Mein Blick kehrte zurück, die schwarze Radlerhose, der rote Slip, die Schürfwunde, ihr Beckenknochen, der deutlich hervorstand und über dem sich ihr Zopf nach oben schlängelte, formvollendet, satter konnte ich mich kaum gucken.
„Was ist mit Ihrem Rad?“, lenkte ich ab.
„Tja, das braucht wohl auch eine Behandlung.“
Ich ging hin und hob es vom Boden, wendete es mit geübtem Schwung auf Sattel und Lenker und schaute mir die Bescherung an. Es war ein weißblaulackiertes voll gefedertes Haibike Nduro mit Carbonrahmen, mit fettem 630 Wh-Akku, 27 Zoll-Bereifung, 180 mm-Rockshox-Vorderradgabel, Sram NX-11-Gang-Schaltwerk und Sattel-Dropper. Da fehlte es definitiv an gar nichts, so ein Rad bekam man im Laden selten unter 6000 Euro. Alle Achtung, das war ein potentes Bike für ambitionierte Fahrer, Fahrerinnen. Ich drehte das Vorderrad und es kam sofort zum Stillstand, da eine gehörige Unwucht im Rad war.
„Schickes Bike, die Speichen sind heil, aber fahren können Sie da nicht mit.“
„Ja, das hat mir Igor günstig besorgt, vorher hatte ich ein viel zu schweres Bike, damit geht viel mehr, besonders die technischen Passagen.“
Technische Passagen, mein Lieblingsgebiet. Ich ging wieder zu ihr und schaute mir ihre immer noch gelüftete rechte Beckenseite an.
„Das sieht gut aus. Ich werde jetzt ein paar Mulltücher fixieren, damit das nicht so scheuert.“
„O.K., nur zu, freie Bahn.“ Sie hob ihre Hand von der Stelle und schaute mich aufmunternd an.
Ich nahm den bereitgelegten Mull und das Pflaster und lupfte ihren Slip und die Radlerhose noch ein wenig nach unten, gerade so viel, dass ihre Scham bedeckt blieb. Ich fühlte mich beobachtet und legte schnell mehrere sich überlappende Mullquadrate über die Wunde und verklebte sie mit dem weißen Klebeband.
„Darf ich?“, fragte ich ging und ohne eine Antwort abzuwarten, mit beiden Zeigefingern um ihr Slipgummi, zog es langsam hoch und ließ es ebenso langsam auf dem Verband nieder. Ihre Haut hatte eine leichte Gänsehaut bekommen und etwas verlegen zog ich auch, aber diesmal schneller, ihre Radlershorts darüber und löste mich langsam aus ihrer Aura. Fredda schenkte mir ein breites Lachen.
„So, das sollte für den Abtransport zum Krankenhaus reichen“, während ich meinen 1.-Hilfe-Koffer wieder zusammenpackte und einen Schluck aus meiner Flasche trank.
„Ne, ne, nix Krankenhaus, Vladi kommt mich holen, der weiß schon Bescheid, der kommt gleich mit seinem Bulli.“
„Vladi?“
„Ja, Sie wissen doch, Vladimir, mein Blutsbruder. Sie hielt mir ihr Handgelenk entgegen, wobei sie ihren Zopf noch einmal über ihre Schulter warf, der schwer liegen blieb und mir einen ungehinderten Blick in ihren atemberaubenden Ausschnitt gewährte, aus dem noch das Ende eines Smartphones lugte. Welches Gottesgeschenk! Ich musste mich wieder zwingen, nicht zu lange dort hinzuschauen, zu spät.
„Mögen Sie meine Titten?“, fragte sie mich grinsend.
Ich lief puterrot an und drehte mich zur Seite.
„Bitte?“
Sie ließ nicht locker: „Ob Sie mögen, was Sie sehen?“
„Öh ja, kann ich ja schwer dran vorbeigucken, wenn ich Sie behandele“, antwortete ich etwas verdattert.
„Behandele. Kommen Sie mal her!“
Ich ging einen Schritt auf sie zu und sie zog mich an meiner Hand zu sich, ich leistete keinen Widerstand.
„Schließ die Augen.“
Und dann spürte ich plötzlich ihre Lippen, ihre Zunge umkreiste meinen Mund, drang kurz in ihn ein, ihre Lippen lutschten an meiner Unterlippe und sie ließ sie ganz langsam durch die Zähne zurückgleiten. Ich stand vor ihr wie eine Salzsäule und öffnete meine Augen, der Mund, der gerade noch für einen wohligen Schauer gesorgt hatte, stand halb offen, ihre Zunge lag an ihrer Oberlippe und sie schnalzte damit, was mich aus meiner Erstarrung löste.
„Das hast Du Dir verdient und jetzt, wo wir den Bruder-Schwester-Kuss ausgetauscht haben, kannst Du Fredda zu mir sagen“, grinste sie mich breit an.
Ein warmer Regen war meinen Rücken heruntergeflossen und ich stand immer noch etwas verwirrt vor ihr. So hatte noch niemand mit mir Bruder-Schwesterschaft getrunken. Ich meine, zu trinken gab´s eh nix, aber angetrunken fühlte ich mich schon. Wie lange war es her, dass mich eine Frau so genussvoll geküsst hatte, ich hatte ja nichts gemacht, nichts erwidert, mich nicht getraut, war einfach nur stehen geblieben und hatte sie geschmeckt, oh Mann:
„VERBOTEN!“, schoss es mir durch den Kopf.
„Kannst du dir was drauf einbilden, ich küsse nicht jeden, aber du hast mir jetzt schon zweimal das Leben gerettet. Wie heißt du eigentlich mit Vornamen?“
„Ingo“, war das Einzige was ich hervorbrachte.
„Also gut, Ingo, dann lass uns jetzt mal zum Denkmal gehen, da wollte mich Vladi abholen, der ist bestimmt schon da, aber du musst mich stützen.“
Nichts, was ich lieber getan hätte. Sie schlang ihren Arm um meinen Hals und ich legte meinen Arm um ihre wirklich schmale Taille, so dass sie überwiegend ihr Gewicht auf das linke Bein verlagern konnte und den Rest auf mich, welch süße Last und wieder umschwirrte mich dieser vermischte Geruch von uns, ich fühlte mit meiner rechten Hand ihre Rippen, ihr linker Busen streifte mich und drückte gegen meine rechte Seite, ihr vorn über der linken Schulter liegende Zopf schlug wie das Pendel einer Standuhr zwischen uns hin und her, welches Stündchen schlug mir hier?
Wir waren gerade auf den Platz des Denkmals eingebogen, als laut rufend ein Mann auf uns zueilte: „Sestritschka, was hast du gemacht? Wer ist dieser Mann? Wie siehst du denn aus? Bist du verletzt?“
„Bratok, ganz ruhig. Vladi, er hat mich gerettet und meine Wunde geheilt.“
„Welche Wunde, was ist passiert, was ist das für ein Verband? Zeig her.“
„Vladi, er hat ihn schon verbunden, das geht so.“
Vladi ging direkt auf Fredda zu und begutachtete ihr Bein, indem er es von vorn und hinten anfasste, betrachtete, zu mir hochschaute und sagte:
„Das sieht gut aus, hast du Druckverband gemacht, professionell, schön fest, wo hast du gelernt?“
„Hab ich nicht gelernt, habe ich mir abgeguckt, sie hat von ihrem Sturz eine Schürfwunde und einen drei Zentimeter langen Riss im Knie, der im Krankenhaus genäht werden muss“, rapportierte ich.
„Nein“, entwich es aus Fredda, „auf keinen Fall, das heilt auch so, bring mich nach Hause. Vladi, du kannst das genauso gut weiter behandeln.“
„Bin ich Rettungssanitäter, kein Arzt, darf ich nicht nähen.“
„Da wird auch nichts genäht, sage ich.“
„Aber muss ich mir anschauen vorher.“
„Das kannst du bei mir zu Hause machen.“
Vladi seufzte und sagte zu mir gewandt: „Hat sie Angst vor Spritzen und Nähen wegen ihrer Narbe, lange Geschichte, wer du bist eigentlich ‚Papa‘?“
Diese offensichtlich russische Redewendung für ältere Herrschaften wendete er bei mir ob meines offensichtlichen Altersunterschieds an. Aber ich hatte keine Gelegenheit zu antworten, weil Fredda mein Zögern bemerkt hatte und dazwischen ging: „Er war mein The…, er hat mich gerettet und er hat mich verbunden und er heißt Ingo.“
