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Am 15. Juli 2008 wurde Hannibal Gaddafi, Sohn des damaligen libyschen Diktators Muammar Gaddafi, in Genf vorübergehend in Haft genommen. Der Vorwurf: Er und seine Frau hätten ihre Bediensteten misshandelt. Der Gaddafi-Clan sah dadurch seine Familienehre beschmutzt und begann einen unerbittlichen Rachefeldzug gegen die Schweiz, der zwei Jahre dauern und in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Um der Schweizer Regierung Zugeständnisse abzupressen, nahm das libysche Regime den Schweizer Max Göldi und den schweizerisch-tunesischen Doppelbürger Rachid Hamdani in Haft. Nun erzählt Max Göldi von den schwierigen, nervenraubenden, bizarren und völlig absurden Irrungen und Wirrungen, die sein Leben zur Hölle machten. Er erzählt von immer wieder zerstörten Hoffnungen und großen Ängsten, davon, wie er sich während seiner Haft den sich ständig verändernden Lebensumständen anpassen musste, vom Überleben in libyschen Gefängnissen, von Entführung, Einzelhaft, Lösegeldforderungen, Willkür und kafkaesken Schauprozessen. Er weiht uns in Fluchtpläne ein, erinnert sich an boshafte Mitmenschen, überforderte Beamte, schillernde Vermittler und standfeste Diplomaten. Und daran, wie es war, als er am 14. Juni 2010 in Begleitung der damaligen Außenministerin Micheline Calmy-Rey in der Schweiz landete und endlich seine Frau wieder in die Arme schließen konnte.
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Seitenzahl: 767
Veröffentlichungsjahr: 2018
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2018 Wörterseh, Gockhausen
Juristisches Lektorat: Dr. Georg Gremmelspacher, Rechtsanwalt, BaselLektorat: Claudia Bislin, Zürich; Brigitte Matern, KonstanzKorrektorat: Andrea Leuthold, ZürichFoto Umschlag vorn: www.shutterstock.comFotos Umschlag hinten: oben, von links – Max Göldi mit seiner Mutter am Flughafen Zürich, 14. Juni 2010, der Tag seiner Rückkehr; Max Göldi mit Rachid Hamdani vor der Schweizer Botschaft in Libyen, 9. Dezember 2009; Max Göldi am Flughafen Zürich am Tag seiner Rückkehr; unten – Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz bei seinem Treffen mit Muammar Gaddafi in New York am 23. September 2009(alle Privatarchiv)Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina, HolzkirchenLayout und Satz: Beate Simson, Pfaffenhofen a. d. RothDruck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
Print ISBN 978-3-03763-103-4E-Book ISBN 978-3-03763-761-6
www.woerterseh.ch
Dieses Buch gründet auf meinen Tagebuchnotizen. Aus persönlichkeitsschutzrechtlichen Gründen wurden einige Namen geändert. Sie werden im Text ausgewiesen und finden sich auch im Personenverzeichnis am Schluss des Buchs.
Über das Buch
Über den Autor
Bemerkung zur Schreibung arabischer Namen
Vorwort
Auge um Auge, Zahn um Zahn
Im Visier des Gaddafi-Clans
Arabische Gastfreundschaft
Wohngemeinschaft in der Botschaft
Verhandlungen ohne Ende
Plan B
Hoffnung auf Durchbruch in Davos
Der Konsul verlässt unser sinkendes Schiff
Der Verteidigungsattaché auf Geheimmission
Medialer Wirbel
Madame kommt nach Tripolis
Home alone
Rendezvous außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone
Blitzbesuch des Bundespräsidenten
Der Millionen-Coup und anderes Skurriles
Genf liefert uns erneut ans Messer
Die Entführung
Gerichtsurteile nach Drehbuch
Virtuelle Kerzen
Deutschland vermittelt
Kafkaeske Schauprozesse
Der Visakrieg eskaliert
Das Ultimatum
Hannibal triumphiert
Im Jdeida-Gefängnis
Die Hinrichtungen
Der letzte Akt
Nachwort
Das Schicksal des Gaddafi-Regimes
Dank
Personenverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Übersichtskarten
Am 15. Juli 2008 wurde Hannibal Gaddafi, Sohn des damaligen libyschen Diktators Muammar Gaddafi, in Genf vorübergehend in Haft genommen. Der Vorwurf: Er und seine Frau hätten ihre Bediensteten misshandelt. Der Gaddafi-Clan sah dadurch seine Familienehre beschmutzt und begann einen unerbittlichen Rachefeldzug gegen die Schweiz, der zwei Jahre dauern und in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Um der Schweizer Regierung Zugeständnisse abzupressen, nahm das libysche Regime den Schweizer Max Göldi und den schweizerisch-tunesischen Doppelbürger Rachid Hamdani in Haft. Nun erzählt Max Göldi von den schwierigen, nervenraubenden, bizarren und völlig absurden Irrungen und Wirrungen, die sein Leben zur Hölle machten. Er erzählt von immer wieder zerstörten Hoffnungen und großen Ängsten, davon, wie er sich während seiner Haft den sich ständig verändernden Lebensumständen anpassen musste, vom Überleben in libyschen Gefängnissen, von Entführung, Einzelhaft, Lösegeldforderungen, Willkür und kafkaesken Schauprozessen. Er weiht uns in Fluchtpläne ein, erinnert sich an boshafte Mitmenschen, überforderte Beamte, schillernde Vermittler und standfeste Diplomaten. Und daran, wie es war, als er am 14. Juni 2010 in Begleitung der damaligen Außenministerin Micheline Calmy-Rey in der Schweiz landete und endlich seine Frau wieder in die Arme schließen konnte.
Hans-Rudolf Merz, Alt-Bundesrat
© Wörterseh
Max Göldi, geb. 1955, arbeitete nach seiner Lehre als Elektroniker und einem abgeschlossenen Informatikstudium beim weltweit operierenden Technologiekonzern ABB. Für diesen war er nicht nur in der Schweiz, sondern auch in verschiedenen Positionen im Ausland tätig. So zum Beispiel in Irak, Pakistan, Kanada, China, Libyen und Japan. Während seines Einsatzes als ABB-Länderverantwortlicher für Libyen wurde er vom Gaddafi-Clan fast zwei Jahre lang als Geisel festgehalten. Heute ist er pensioniert und lebt in Asien.
Es gibt keine allgemeingültigen Regeln, wie ein arabisches Wort im lateinischen Alphabet geschrieben wird. Aus diesem Grund gibt es für arabische Personennamen, Ortsnamen oder Straßennamen auch sehr unterschiedliche Schreibweisen. Der Familienname Gaddafi wird beispielsweise auch Ghaddhafi, Ghadhafi, Ghadafi, Qadhafi, Kadhafi oder al-Gaddafi geschrieben.
Am 15. Juli 2008 wurde Hannibal Gaddafi, Sohn des langjährigen libyschen Diktators Muammar Gaddafi, in Genf verhaftet. Als Vergeltung dafür und um der Schweizer Regierung Zugeständnisse abzupressen, hielt das libysche Regime mich und einen weiteren Schweizer während fast zwei Jahren in Libyen als Geiseln fest.
Diese sogenannte Libyen-Krise war für die Schweiz wohl eine der größten außenpolitischen Herausforderungen der letzten Jahrzehnte. In den Schweizer Medien wurde detailliert und zum Teil auch sehr emotional darüber berichtet, aber aus verschiedensten Gründen sind interessante Details und Episoden dieses skurrilen zwischenstaatlichen Konflikts nie publik geworden. Die nicht libyschen Interessengruppen (die Behörden des Kantons Genf, das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten, die Geiseln und ihre Familien, mein Arbeitgeber, die Presse et cetera) verfügen zwar alle über mehrere Puzzleteile dieser komplexen diplomatischen Krise, aber wohl niemand kann diese Einzelteile zu einem kompletten Bild zusammenfügen.
Die Geschäftsprüfungskommission des Ständerats (der »kleinen Kammer« des Schweizer Parlaments) hat zwar im Dezember 2010 einen interessanten Untersuchungsbericht mit dem Titel »Verhalten der Bundesbehörden in der diplomatischen Krise zwischen der Schweiz und Libyen« veröffentlicht, aber darin werden nur bestimmte Teilaspekte analysiert.
Als direkt Betroffener verfüge ich über viele Informationen. Vieles habe ich in persönlichen Gesprächen, insbesondere mit Schweizer Diplomaten, erfahren. Da ich während der ganzen Libyen-Krise in Tripolis festsaß, bekam ich aber nur indirekt Einsicht in Vorgänge, die sich auf anderen wichtigen Schauplätzen (Bern, Genf, Berlin et cetera) abspielten. Es wäre vermessen, zu behaupten, dass dieses Buch die Krise umfassend beschreibt, aber es vermag sicherlich einige Lücken in diesem Puzzle zu schließen. Meine umfangreichen und sehr detaillierten Tagebücher, die ich während dieser Zeit geschrieben habe, bilden die Grundlage dieser Publikation. Zur Ergänzung habe ich – in serifenloser Schrift – persönliche Korrespondenz sowie einige öffentlich zugängliche Dokumente eingefügt.
Schon als Jugendlicher verspürte ich einen großen Drang, zu reisen. Das Exotische ferner Länder hatte mich immer fasziniert und wie magisch angezogen. ABB, ein führender und weltweit tätiger Technologiekonzern mit Hauptsitz in der Schweiz, hatte mir im Lauf meiner beruflichen Karriere immer wieder ermöglicht, fern von Europa in verschiedensten Positionen zu arbeiten. Unter anderem war ich in Ländern tätig, die nicht in gängigen Ferienprospekten zu finden sind, wie zum Beispiel in Irak, Pakistan, Algerien und Saudi-Arabien.
Mitte 2007 wurde ich von ABB zum Länderverantwortlichen in Libyen ernannt. Nicht zuletzt auch, weil das Land in fast jeder Hinsicht als schwierig galt, schien mir dieser Posten genau die richtige Herausforderung für mich zu sein. Auch meine Frau war ohne Zögern mit mir nach Tripolis umgezogen. Wir waren uns bewusst, dass Wohnen und Arbeiten in Libyen nicht leicht sein würde, aber wir hatten ja schon in verschiedenen schwierigen Ländern gelebt. Die ersten Monate waren dann auch recht hart. Selbst einfachste Besorgungen benötigten oft enorm viel Geduld und Energie, und wir mussten immer wieder Rückschläge einstecken, sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Bereich. Aber nachdem wir ein Jahr in Libyen gewohnt hatten, waren wir privat ganz gut eingerichtet und organisiert, und auch geschäftlich stellten sich erste Erfolge ein. Nie hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen können, dass ich demnächst im Zentrum eines schwerwiegenden Konflikts zwischen Libyen und der Schweiz stehen würde.
Unzählige Personen haben dazu beigetragen, dass ich am Ende wohlbehalten nach Hause zurückkehren konnte. Es sind Leute aus verschiedenen staatlichen und nicht staatlichen Organisationen, Menschen aus der Schweiz und anderen Ländern, Personen, die ich persönlich kennen gelernt habe, und andere, die im Hintergrund ihren Beitrag geleistet haben und mir unbekannt blieben. Auch viele Freunde und Bekannte haben mich und meine Familie während dieser Zeit der Angst und Ungewissheit auf vielfältigste Art und Weise unterstützt. Ich kann sie hier nicht einzeln aufzählen, aber ihnen allen bin ich zu großem Dank verpflichtet.
Meine Frau, meine Mutter – mein Vater ist bereits verstorben – und meine drei Geschwister Moritz, Margrith und Christian waren während der dreiundzwanzig Monate einer enormen Belastung ausgesetzt und haben unter meiner Geiselnahme sehr gelitten. Wahrscheinlich sogar noch mehr als ich selber. Auch sie mussten den vielen bizarren Irrungen und Wirrungen in dieser Tragödie weitgehend machtlos zusehen. Aber sie haben nichts unversucht gelassen und keinen Aufwand gescheut, um eine Lösungsfindung zu begünstigen und meine Situation zu verbessern. Dafür bin ich ihnen zutiefst dankbar.
Anfang Juli 2008 reist Hannibal Gaddafi, Sohn des libyschen Diktators Muammar Gaddafi, zusammen mit seiner Frau Aline, dem gemeinsamen dreijährigen Sohn, zwei Hausangestellten und zwei Leibwächtern nach Genf. Die Gaddafis beziehen zwei Suiten im Nobelhotel President Wilson. Die hochschwangere Aline beabsichtigt, ihr zweites Kind in einer Genfer Klinik zur Welt zu bringen.
Am 12. Juli 2008 reichen die zwei Hausangestellten von Hannibal und Aline in Genf Anzeige wegen einfacher Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Entführung sowie Drohung und Nötigung gegen ihre Arbeitgeber ein. Sie kehren nicht mehr ins Hotel President Wilson zurück.
Am Morgen des 15. Juli beschließen der diensthabende Polizeikommissar und die Genfer Staatsanwaltschaft gemeinsam, zwei Vorführungsbefehle (»mandats d’amener«) gegen das Ehepaar Gaddafi auszustellen. Ende des Vormittags werden die beiden in ihrer Hotelsuite von einem Großaufgebot der Genfer Polizei verhaftet. Hannibal wird ins Untersuchungsgefängnis gebracht, während seine hochschwangere Frau Aline in einem Krankenhaus unter Arrest gestellt wird.
Am 16. Juli eröffnet der Genfer Untersuchungsrichter ein Strafverfahren gegen das Ehepaar Gaddafi wegen einfacher Körperverletzung, Drohung und Nötigung.
Am 17. Juli ordnet der Genfer Untersuchungsrichter die vorläufige Freilassung des Paars gegen Kaution an. Die Kaution für Hannibal wird auf 200 000 Franken und diejenige für Aline auf 300 000 Franken festgesetzt. Das Ehepaar Gaddafi verlässt die Schweiz noch gleichentags.
Aischa Gaddafi, Hannibals Schwester, ist inzwischen in Genf eingetroffen, um ihrem Bruder beizustehen. Sie verliest im Hotel President Wilson eine Erklärung, in der sie Vergeltung für die Verhaftung ihres Bruders ankündigt. Sie droht wörtlich mit »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Zu diesem Zeitpunkt realisieren wohl nur wenige Kenner des Gaddafi-Regimes, dass dies eine Kriegserklärung an die Schweiz ist.
Ahmed Sharata, mein Stellvertreter, ruft an und informiert mich, dass die für Firmenregistrierungen zuständige Behörde um ein Uhr zu einer wichtigen Besprechung in unser ABB-Büro in Tripolis kommen wird. Hausbesuche dieser Behörde sind völlig unüblich, und zudem ist ja Wochenende und die Büros dieser Behörde sind eigentlich heute geschlossen. Was kann wohl so dringend sein? Im vergangenen Jahr hatten wir intensiven Kontakt mit dieser Behörde, da wir für die ABB-Gruppe nicht nur eine sogenannte Repräsentanz (auf Englisch »representative office«) neu registriert hatten, sondern auch langwierige Verhandlungen für die Eröffnung einer Niederlassung für ABB Italien führten.
Ahmed Sharata und Shebani Hadi1, der in meinem Team für »Behörden-Kontakt« zuständig ist, warten schon auf mich, als ich beim ABB-Büro vorfahre. Pünktlich erscheinen drei Behördenvertreter. Das ist äußerst bemerkenswert, denn Pünktlichkeit ist in Libyen ein Fremdwort. Zwei der Besucher tragen Uniform, und einer ist in Zivilkleidung. Sie präsentieren eine Liste mit fünf Dokumenten, die wir haben sollten, um unsere Repräsentanz zu betreiben. Ahmed und Shebani Hadi können vier der verlangten Dokumente vorlegen, das fünfte ist ihnen jedoch völlig unbekannt und demzufolge auch nicht vorhanden. Der Beamte in Zivil ist überhaupt nicht überrascht, dass wir das fünfte Dokument nicht haben. Ganz offensichtlich hat er genau das erwartet. Er sagt, da wir nicht alle notwendigen Bewilligungen hätten, müsse er unser Büro umgehend schließen, und wir dürften das Gebäude nicht mehr betreten. Zum Glück lässt er mich aber mein Notebook und ein paar Unterlagen aus meinem Büro holen, bevor er die Haupteingangstür versiegelt.
Wir sind ziemlich überrumpelt und ratlos. Ahmed, mein Stellvertreter, vermutet, dass die Firmenschließung mit der Verhaftung von Hannibal in Genf zusammenhängt. Wurde tatsächlich die ABB-Repräsentanz deswegen dichtgemacht? Heute können wir in dieser Angelegenheit nichts weiter unternehmen, deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen. Ich informiere aber Liliana Pescini, die Schweizer Vizekonsulin in Libyen, und Gian Francesco Imperiali, meinen direkten Vorgesetzten, der sein Büro in Mailand hat. Zudem informiere ich diverse ABB-Kollegen, die entweder in Libyen arbeiten oder sonst geschäftlich mit Libyen zu tun haben.
Abends um zehn Uhr klingelt die Hausglocke. Ein Polizeiauto und drei Uniformierte von der Einwanderungsbehörde stehen vor dem Eingangstor. Sie wollen mich zur Befragung mitnehmen. Zu dieser späten Stunde? Nun, Libyer sind ausgesprochene Nachtmenschen, und vieles wird spätabends erledigt. Auch Kundenmeetings hatten wir schon mitten in der Nacht. Vom Gartentor aus rufe ich den Schweizer Konsul, Frédéric Schneider2, an. Er kann mir keinen brauchbaren Ratschlag geben, lässt aber immerhin Hassan, den Übersetzer der Botschaft, mit den Polizisten sprechen. Danach rufe ich auch noch Ahmed Sharata an und bitte ihn, mit den Polizisten zu verhandeln. Die lassen sich aber nicht umstimmen und werden langsam ungeduldig. Es ist offenbar nichts zu machen, und ich muss mitgehen. Ich ziehe mich um, nehme wie verlangt meinen Pass mit und verabschiede mich von Yasuko, meiner Frau.
Wir fahren zu einer Polizeistation der Einwanderungsbehörde in der Nähe der Altstadt. Vom Auto aus rufe ich Ahmed an. Er hat aber schon mitgekriegt, wo ich hingebracht werde, und ist sogar schon dort, als wir ankommen. Zum Glück weiß jetzt wenigstens jemand, wo ich bin! Ahmed darf aber das Gelände der Polizeistation nicht betreten. Die Polizisten lassen mich etwa eine Stunde im Auto warten, bevor ich ins Gebäude gebracht werde. Dort muss ich den Pass abgeben, und dann werde ich befragt: Name von Vater, Mutter, Großvater, Einreisedatum, Wohnadresse, wo ich arbeite und so weiter und so fort. Nach der Befragung muss ich Mobiltelefon und Gurt abgeben, danach werde ich in eine Zelle gebracht. Dort ist das Licht an, eine Klimaanlage läuft, und es gibt vier Metallbettgestelle mit dünnen Matratzen. Drei der Betten sind bereits belegt. Zwei der Häftlinge schlafen, der dritte ist wach und recht gesprächig. Er ist aus Indien und arbeitet für die Genfer Firma P & S Products and Services SA, die medizinische Geräte vertreibt. Auch diese Firma wurde heute durch die libyschen Behörden geschlossen. Der Inder sagt, dass die zwei schlafenden Zellengenossen auch beide für Schweizer Firmen arbeiten würden. Der eine ist Bulgare und arbeitet als Wächter. Der andere heißt Rachid Hamdani und ist tunesisch-schweizerischer Doppelbürger. Ahmed hatte wohl recht, es sieht tatsächlich so aus, als hätten die Firmenschließungen und die Verhaftungen mit dem Hannibal-Vorfall in Genf zu tun. Die Beziehung Schweiz–Libyen war in den letzten Jahren eigentlich gut, und ich bin zuversichtlich, dass die Schweiz umgehend alles Notwendige in die Wege leiten wird, um die aufgebrachten Libyer baldmöglichst zu beschwichtigen.
Ich habe ein wenig geschlafen, obwohl das Bett ziemlich durchhängt und es recht kalt ist. Wir dürfen die Toilette neben unserer Zelle benutzen. Um zehn Uhr werden mein Zellengenosse Rachid Hamdani und ich ins Verhörzimmer gebracht. Rachid bekommt seinen Gurt, meiner ist nicht mehr auffindbar. Wir steigen in ein Polizeifahrzeug und fahren sogleich los. Vor der Polizeistation steht Ahmed. Guter alter Ahmed! Seine Anwesenheit macht mir etwas Mut in dieser ungemütlichen Situation. Ich kann ihm gerade noch zurufen, dass wir jetzt zum Richter fahren. Tatsächlich fahren wir aber zu einem anderen Polizeiposten. Dort will man mit uns aber nichts zu tun haben.
Unsere zwei Polizisten sind offensichtlich etwas ratlos, aber nach etwa einer Stunde fahren wir weiter. Rachid erweist sich als große Hilfe, da er vom Arabischen ins Englische übersetzt und mich so auf dem Laufenden halten kann. Unsere nächste Destination ist ein Gerichtsgebäude »für kleine Fälle«, wie Rachid sagt. Kleine Fälle? Klingt doch irgendwie beruhigend! Dort angekommen, stehen wir lange im Korridor herum. Dann erscheint plötzlich Rachids kleine Truppe: Nadia, die Frau von Rachids Neffen Sami, ein Mitarbeiter von Rachids libyscher Firma sowie der Anwalt dieser Firma. Rachid sagt, sein Geschäftspartner sei der Waadtländer Geschäftsmann Jean-Miguel Stucky.
Es kommt mir wie ein kleines Wunder vor, dass Rachids Leute uns hier aufgespürt haben, denn Ahmed hat unsere Fährte inzwischen offenbar verloren. Ich bitte Nadia, die Schweizer Botschaft anzurufen und dort mitzuteilen, wo wir sind. Rachid und ich werden nun in eine große Zelle mit etwas über zehn Häftlingen gebracht. Es ist sehr schmutzig, und es hat nur wenige Sitzgelegenheiten. Einige der Zellengenossen waren offenbar in einen Unfall oder eine schlimme Schlägerei verwickelt, denn sie haben Kopfverbände, tragen blutverschmierte Kleider und halten Röntgenbilder sowie Tüten mit Medikamenten in den Händen. Gott sei Dank werden wir nach einer Stunde wieder abgeholt. Offenbar fühlt sich auch dieses »Gericht für kleine Fälle« nicht zuständig für uns.
Jetzt fahren wir zu einem Richter in der Nähe des Gargaresch-Kreisels im Westen der Stadt. Völlig unerwartet bringt uns Nadia Essen, aber wir haben keinen Hunger. Wir vereinbaren, dass Rachids Rechtsanwalt auch mich vor Gericht vertreten wird. Aber es kommt nicht so weit, denn es ist inzwischen drei Uhr nachmittags und somit Feierabend. Wir fahren zurück zur altbekannten Polizeistation. Rachid ist sehr deprimiert.
Zurück in unserer Zelle, haben wir nun einen fünften Mithäftling. Es ist ein Libyer, der für Luc Tissot arbeitet. Ich kenne Luc, ein Sprössling der Gründerfamilie der bekannten Schweizer Uhrenmarke Tissot. Also schon wieder eine Schweizer Firma, die geschlossen und versiegelt wurde und deren Angestellter verhaftet wurde! Am Abend wird der Libyer dann aber weggebracht, und somit muss keiner von uns sein Bett mit ihm teilen. Rachid ist sehr niedergeschlagen. Zum Glück kann ich etwas schlafen.
Die Polizisten lassen uns lange warten, bis wir endlich einer nach dem anderen auf die Toilette dürfen. Um zehn Uhr geht es dann aber wieder los für Rachid und mich. Auf zum Richter beim Gargaresch-Kreisel! Dort angekommen, treffen bald schon Rachids tunesische Familienangehörige und sein Rechtsanwalt ein. Kurz danach kommt auch Ahmed, mein Stellvertreter. Im Schlepptau hat er Nour Salam3, den Anwalt von ABB. Während wir warten, treffen der Schweizer Konsul Frédéric Schneider und Yasuko ein. Wir können zwar nur kurz miteinander sprechen, doch meine Frau wirkt gefasst. Sie wohnt seit Samstagabend mit allen anderen Schweizern in der Botschaft.
Der ABB-Anwalt Nour Salam und ich werden zuerst zum Richter vorgelassen. Der Fernseher ist eingeschaltet. Steht ein Fernseher in einem libyschen Büro, bedeutet dies, dass es der Arbeitsplatz einer wichtigen Person ist. Während Besprechungen Trickfilme zu schauen, ist hier nichts Ungewöhnliches. Da ich kein Arabisch kann, wird die Anhörung unterbrochen und Rachids Fall vorgezogen. In der Zwischenzeit verlangt Anwalt Salam von Ahmed relevante Firmenregistrierungsunterlagen, und ich bitte Yasuko, einen bestimmten Ordner mit Geschäftsunterlagen aus unserem Haus zu holen.
Als Salam und ich wieder vor den Richter gerufen werden, sind nebst ihm nun auch eine junge Übersetzerin, eine zweite junge Frau sowie ein Protokollführer anwesend. Der Fernseher ist immer noch an. Die Befragung beginnt mit der Aufnahme der Personalien aller Anwesenden. Danach werde ich gefragt, wann ich in Libyen eingereist bin, was meine Position ist und so weiter. Ich werde auch nach den Namen der Firmen meiner Kunden gefragt und danach, was genau ABB in Libyen macht. Ich erkläre, dass ABB alle erforderlichen Bewilligungen für die Repräsentanz hat, und wir geben als Beweis eine Kopie der »Decision 174« ab. Das ist die Betriebsbewilligung, die uns das zuständige Ministerium erteilt hatte.
Am Schluss der Anhörung wird mir eröffnet, dass ich gegen die Immigrationsgesetze verstoßen hätte. Zudem habe ABB keine gültige Firmenregistrierung, und die Steuern seien nicht ordnungsgemäß bezahlt worden. Ob ich dazu etwas zu sagen hätte? Nun, diese Vorwürfe sind nicht nur ganz schön happig, sondern völlig aus der Luft gegriffen. Das kann ich natürlich so nicht sagen. »Ich bin mir keines Vergehens bewusst, und mein Visum ist korrekt für die Tätigkeit, die ich ausführe«, sage ich. Salam fügt dem noch etwas auf Arabisch bei, danach müssen wir das Büro verlassen.
Ahmed hat mir inzwischen Kleider und Toilettenartikel gebracht. Ich wechsle Unterwäsche und Hemd und packe Zahnbürste, Zahnpasta und Handtuch ein. Nach einer Stunde werden wir Angeklagten und unsere Anwälte zur Urteilsverkündung gerufen. Der Richter ist nicht anwesend, es herrscht ein Durcheinander, und ich verstehe nicht genau, was gesagt wird. Aber das Urteil für Rachid und mich lautet offenbar vier Tage Gefängnis. Ich verabschiede mich von Salam und Ahmed, kann aber vorher noch kurz Frédéric anrufen und informieren. Danach fahren wir mit dem Polizeiauto zum »Registrierungszentrum«. Dort bekomme ich als Erstes eine Häftlingsnummer. Dann wird mir Blut abgenommen, ein Foto (ohne Brille, aber mit Häftlingsnummer) gemacht, und zum Schluss werden auch meine Fingerabdrücke genommen.
Nun gehts per Polizeiauto weiter zum Gefängnis Ainsarah im gleichnamigen Stadtteil. Dort gibt es zwei Haftanstalten. Die eine ist für politische Gefangene. Steckst du einmal da drin, sieht es schlecht aus für dich. Glücklicherweise liefern sie uns in das andere Gefängnis ein.
Dort angekommen, müssen wir zuerst einmal unser Geld abgeben. Ich schummle ein wenig und behalte fünfzig Dinar, das sind etwa fünfzig Schweizer Franken. Man weiß ja nie, etwas Bargeld könnte noch nützlich sein. Wir sollen dem Gefängnisdirektor vorgeführt werden, sagt man uns. Daraus wird dann aber nichts, stattdessen höre ich plötzlich Ahmeds unverwechselbaren Handy-Klingelton im Nachbarraum. Und tatsächlich, plötzlich stehen Ahmed und Shebani Hadi vor uns. Offenbar hat Shebani Hadi einen Verwandten in der Gefängnisverwaltung, was sich nun als sehr nützlich erweist. Die beiden versuchen, mir etwas Mut zu machen. Ich bin auch froh, dass sie wissen, wo ich bin. Ahmed hat fünf Pizzas dabei.
Bald danach werden Rachid und ich zum »Hangar« gebracht. Dieser »Hangar« ist eine eingeschossige Baracke mit einem einzigen großen Raum. Wahrscheinlich ist er für sechzig oder mehr Häftlinge gedacht. An einem Ende der Baracke gibt es rudimentäre sanitäre Einrichtungen mit einer Dusche, zwei Toiletten und zwei Waschtrögen. Die Halle ist durch aufgehängte große Tücher in mehrere Abteile untergliedert. Jedes besteht aus etwa vier Doppelstockbetten.
Rachid und ich werden einem Abteil zugewiesen, in dem es noch freie Plätze gibt. Die vier oder fünf Leute dort heißen uns willkommen. Ich gebe ihnen zwei Pizzas. Dummerweise hatte ich den Gefängniswächtern schon drei Pizzas gegeben, um uns ihr Wohlwollen zu sichern. Das war aber wohl etwas voreilig, da unsere neuen »Kollegen« wohl mindestens so wichtig sind wie die Wächter. Wie in arabischen Ländern üblich, werden wir mit Tee empfangen. In unserem Abteil gibt es einen uralten Kühlschrank, einen Fernseher, eine elektrische Kochplatte und zwei Ventilatoren. Die unteren der Doppelstockbetten haben Stoffvorhänge, um minimale Privatsphäre zu gewähren. Es gibt auch ein Gemüselager mit Tomaten, Zwiebeln und Pfefferschoten.
Bevor man das Abteil betreten darf, muss man Schuhe und Flipflops ausziehen. Der Hof vor dem Hangar ist tagsüber offen, und die Gefangenen sitzen dort herum. Die Häftlinge haben einige Bäume gepflanzt, die aber noch sehr klein sind und keinen Schatten spenden. Auch etwas Mais wurde angepflanzt. Alle Mitgefangenen sind so weit nett, und einige sprechen sogar Englisch. Wir werden natürlich sofort gefragt, warum wir hier sind. Das möchte ich selber ja auch gern wissen.
Irgendwann müssen wir alle zur Zählung in Fünferreihe antreten. Es sind 44 anwesend, und 5 sind angeblich auf Arbeit. Man zeigt uns den Gefängnisladen, wo ich mir eine Seife kaufe. Man kann »anschreiben« lassen. Später dürfen wir auch das Café besuchen. Der Kaffee schmeckt schrecklich, aber was solls. Zurück im Hangar, essen wir mit unseren neuen Freunden, was Rachids tunesische Verwandte uns gebracht haben: Couscous, Reis mit Mandeln und Weinbeeren sowie Fisch und Huhn. Rachid hat auch Kleider und Leintücher bekommen. Tja, Rachids arabische Verwandte wissen halt, wie das hier im Gefängnis läuft. Zum Glück hatte ich Zahnbürste, Handtuch und neue Kleider schon im Gerichtsgebäude bekommen. Um Mitternacht ist Lichterlöschen, aber einige Häftlinge haben eine eigene Lampe, und auch der Fernseher läuft weiter. Ich schlafe nicht tief, wache immer wieder auf.
Muammar Gaddafi,1942 in Sirte geboren, kam am 1. September 1969 durch einen unblutigen Militärputsch an die Macht. Als Revolutionsführer bestimmte er von da an diktatorisch die Politik Libyens. Gaddafi sicherte seine Macht auch durch ein rentenökonomisches, auf den Exporterlösen von Erdöl und Erdgas beruhendes Verteilungssystem nach innen ab. Außerdem instrumentalisierte und politisierte er die Stämme, nach dem Prinzip »Teile und herrsche«.
Mohamad:1970 geboren. Einziges Kind aus Gaddafis erster Ehe. Hatte Informatik studiert, führte das Libysche Olympische Komitee an und soll Besitzer der beiden libyschen Mobilfunkunternehmen Libyana und Al Madar gewesen sein. Außerdem saß er dem staatlichen Post- und Fernmeldeunternehmen vor.
Saif al-Islam:1972 geboren, studierte Architektur in Tripolis und einige Jahre lang an einer Privatuniversität in Wien Management. 2002 begann er sein Promotionsstudium an der London School of Economics and Political Science. Er besaß verschiedene im Wirtschafts- und Medienbereich aktive Gesellschaften und gründete 1999 eine Stiftung für Entwicklung, über die er quasi als Entwicklungsminister Libyens auch als Vermittler zwischen ausländischen Regierungen und seinem Vater fungierte. Er galt neben Mutassim als möglicher Nachfolger seines Vaters.
Saadi:1973 geboren, besuchte eine libysche Militärakademie, wo er den Rang eines Obersts erreichte. In den 1990er-Jahren stand er einer Elitebrigade vor, die Islamisten bekämpfte, und soll ab 2006 die Special Forces befehligt haben. Er leitete die Libyan Football Federation und spielte im italienischen Fußballteam Perugia Calcio. Er verdiente ein Vermögen in der Ölindustrie und als Filmproduzent.
Mutassim:1974 geboren, war Oberstleutnant in der libyschen Armee. Nach einem Umsturzplan gegen seinen Vater floh er nach Ägypten. Als Gaddafi ihm vergab, kehrte er nach Libyen zurück und wurde Anführer der Präsidentengarde. Er soll Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrats gewesen sein. Er und Saif al-Islam wurden als mögliche Nachfolger ihres Vaters gehandelt.
Hannibal:1975 geboren, erregte 2004 Aufmerksamkeit, als er mit 140 Kilometern pro Stunde die Pariser Champs-Elysées entlangfuhr. Hannibal Gaddafi soll ab 2007 eine militärische Führungsposition in der Region Bengasi innegehabt haben.
Saif al-Arab:1982 geboren. Kam in Deutschland verschiedentlich mit dem Gesetz in Konflikt – unter anderem wegen Verkehrsdelikten, Waffenschmuggels und Körperverletzung.
Khamis:1983 geboren. Es wird angenommen, dass er wie seine Brüder Saadi und Mutassim eine Laufbahn bei den Sicherheitskräften einschlug.
Aischa:1976 geboren, Gaddafis einzige Tochter. Sie ist Anwältin und schloss sich 2004 dem Verteidigerteam von Saddam Hussein an. 2009 wurde sie zur Ehrenbotschafterin des UN-Entwicklungsprogramms ernannt.
(Quelle: Wikipedia)
1 Name geändert.
2 Name geändert.
3 Name geändert.
Im Hangar wird offenbar lange geschlafen. Gegen neun Uhr gehe ich duschen, die Warteschlange ist überschaubar. Eine Stunde später wird das Eingangsgittertor geöffnet, und Rachid und ich setzen uns in den Hof. Als der Laden öffnet, kaufe ich vier Flaschen Trinkwasser. Dann wird wiederum eine Mannschaftszählung im Hof durchgeführt. Dabei geht es chaotisch zu und her, und deshalb müssen alle wieder zurück in die Baracke, wobei wir wiederum gezählt werden. Es scheint aber noch immer etwas nicht zu stimmen, und wir müssen alle erneut raus in den Hof und wieder in Fünferreihen zum Zählen antreten. Jetzt endlich stimmt der Mannschaftsbestand.
Plötzlich wird Rachid und mir befohlen zu packen – wir sollen in eine bessere Unterkunft transferiert werden. Wir sammeln unsere Habseligkeiten zusammen und sind hoffnungsvoll, aber auch verunsichert. Als wir in Begleitung eines Wächters über den Gefängnishof marschieren, kommen uns Rachids tunesische Verwandte mit einem Vertreter der tunesischen Botschaft im Schlepptau entgegen. Sie haben Taschen voller Kleider und Lebensmittel für Rachid mitgebracht. Nadia trägt auch Plastiktüten von Jelmoli und Coop, die mir irgendwie vertraut vorkommen. Ich gehe direkt auf sie zu, da ich denke, dass die Tüten von Yasuko sein könnten. Und tatsächlich: Yasuko hat für mich Kleider, Leintücher, Biskuits, ein Notizbuch und ein arabisches Wörterbuch mitgegeben.
Der Wächter drängt zur Eile, und bald schon geht es weiter über den staubigen Hof auf das dominante Gebäude in der Platzmitte zu. Eine große Treppe führt zum Haupteingang im ersten Stock des dreistöckigen Gebäudes. Die vergitterten Fenster sind klein, und das Gebäude sieht irgendwie bedrohlich und finster aus. Kann sich hier wirklich die angekündigte bessere Unterkunft befinden? Mit gemischten Gefühlen steige ich die Treppe hoch. Im Eingangsbereich versperrt ein altes Pult den Weg, und ein paar Wächter albern herum. Als das düstere Gebäudeinnere langsam erkennbar wird, stockt mir fast der Atem. Das sieht nun wirklich nicht nach einem Upgrade aus! Auch Rachid steht der Schock ins Gesicht geschrieben, seine Schritte werden zögerlich. Wir gehen am Pult vorbei und biegen dann links in einen Seitengang ein.
Auf der rechten Seite hat es drei Zellen, auf der linken nur eine, ganz am Ende des Gangs. Wir werden in die hinterste rechts gebracht. Sie ist quadratisch und etwa dreißig Quadratmeter groß. Darin befinden sich sechzehn Menschen, sechs Doppelstockbetten, eine Toilette, eine elektrische Kochplatte, ein Deckenventilator, ein Fernseher und Standventilatoren. Gleich unterhalb der Decke gibt es ein vergittertes längliches Fenster, das etwa fünfzig Zentimeter hoch und drei Meter breit ist. Zum Korridor hin besteht die Zellenabgrenzung aus einem großen Eisengitter, das vom Boden bis zur Decke reicht. Kleider und andere Habseligkeiten sind daran aufgehängt. Im Innern der Zelle, gleich beim Eingang, sind alle Schuhe und Flipflops deponiert. Eine Schnur am Boden markiert den Beginn des schuhlosen Wohnbereiches. Die anderen drei Zellen unseres Korridors sind etwa gleich groß.
Ganz offensichtlich gibt es in unserer Zelle mehr Menschen als Betten. Es ist düster, heiß und eng. Es ist ein Albtraum! Unsere neuen Zellengenossen sind weniger gesprächig als die Kollegen im Hangar. Wir dürfen uns aber immerhin auf eines der unteren Betten setzen. Rachid offeriert vom Essen, das Nadia gebracht hat, aber niemand rührt etwas an. Rachid meint, das sei, weil wir hier Gäste sind. Wir beide sind total deprimiert. Die Frage, welche Schlafgelegenheiten wir bekommen, wird nicht beantwortet. »Später«, sagt man uns. Wie werden wohl die zwölf Betten auf die achtzehn Personen aufgeteilt?
Die Hackordnung wird erst nach und nach sichtbar. Etwas später nimmt uns der Zellenchef mit ins Café. Drei weitere, wahrscheinlich privilegierte Zellengenossen dürfen auch mit. Der Chef bestellt ein Sandwich für mich. Es ist angenehm kühl, und die frische Luft tut gut. Nach einer halben Stunde müssen wir aber wieder zurück in unser Verlies. Ich habe gerade mit Tagebuchschreiben begonnen, als plötzlich alle vier Zellen nach Mobiltelefonen durchsucht werden. Die Wächter schmeißen alles wild durcheinander. Mein Portemonnaie mit meinem Fahrausweis und dem ABB-Fahrzeugausweis wird mir weggenommen. Diverse Handys werden konfisziert. Die betroffenen Häftlinge nehmen es gelassen. Natürlich ist es den Häftlingen verboten, Mobiltelefone zu besitzen, aber einige haben wohl die Wächter bestochen. Allerdings, so sagt man uns, dürften die eingeschmuggelten Geräte unter keinen Umständen eine Kamera haben. Diese technische Einschränkung wird von allen Häftlingen auch tatsächlich respektiert.
Mittlerweile ist es schon Mitternacht, aber niemand scheint schlafen zu wollen. Jemand hat Couscous gekocht, und Rachid und ich dürfen mitessen. Es ist heiß im Raum, ich bin verschwitzt und fühle mich nicht wohl, und eigentlich habe ich auch keinen Hunger. Aber das Couscous schmeckt gut.
Später hören wir das Gerücht, dass Mussa Kussa, der Leiter des libyschen Geheimdiensts, uns gestern im Hof beim Hangar gesehen habe. Offenbar war ihm der Hangar zu komfortabel für die Schweizer Geiseln, worauf er uns in das Zentralgebäude transferieren ließ.
Rachid und ich bekommen je eines der oberen Betten zugewiesen. Es ist heiß und laut, und der Fernseher läuft bis gegen vier Uhr am Morgen, aber ich kann mit Unterbrüchen ein wenig schlafen. Ich denke, dass drei der Zelleninsassen im Korridor schlafen müssen, da in der Zellenmitte bloß drei Reservematratzen Platz finden.
Morgens um acht Uhr ist es kühler, und die meisten schlafen noch. Es ist ein guter Zeitpunkt für die Morgentoilette. Ein etwa ein Quadratmeter großer, von der restlichen Zelle abgetrennter Raum mit Tür kombiniert Klo, Dusche und Waschraum. Es gibt ein Plumpsklo, einen Wasserhahn und einen Plastikkübel. Das Wasser rinnt nur sehr spärlich, richtig duschen kann man nicht. Aber zum Glück ist der Kübel voll mit Wasser. Diese Toiletten-Dusche schaut nicht gerade einladend aus, aber ich verlasse sie schließlich doch einigermaßen erfrischt. Klopapier gibt es keines, denn die Araber reinigen sich ihren Hintern mit Wasser und der linken Hand. Für diesen Zweck steht üblicherweise ein kleines Plastikgefäß mit Wasser neben dem Klo. Ich bin etwas beunruhigt, weil mein Urin ziemlich dunkel ist. Ich muss unbedingt mehr trinken! Ungekochtes Leitungswasser sollte man in Libyen aber besser meiden.
Gegen zehn Uhr müssen alle Gefangenen vor der Zelle zum Zählen antreten. Zwei Häftlinge werden ohne ersichtlichen Grund von den Wächtern herumgeschubst. Dann heißt es wieder warten. Wie es wohl weitergeht? In der uns gegenüberliegenden Zelle hausen Schwarzafrikaner, die ziemlich laute Musik hören. Es fällt mir auf, dass hier im Knast niemand liest oder schreibt. Nirgends sehe ich Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften, abgesehen von den paar wenigen religiösen Schriften, die bei der Gebetsecke herumliegen.
Gegen Mittag erreicht uns das Gerücht, dass die beiden Schweizer auf Instruktion von oben keine Besucher empfangen dürften. Offenbar wissen die Wächter jetzt auch, warum wir hier sind. Rachid sagt, es gebe in diesem Gebäude auch einen Laden. Wir fragen den Zimmerchef, ob wir dort Trinkwasser kaufen dürfen. Er führt uns im Eingangsbereich zu einem mit Brettern verrammelten Loch in der Wand. Dahinter sei der Laden, sagt er. Aber im Moment ist niemand da, und die Wachen schicken uns wieder zurück in unsere Zelle. Eine Stunde später klappt es dann doch noch. Der Gefängnisfraß wird von den Insassen gemieden, soweit es irgendwie geht, aber viele Häftlinge haben kein Geld, um eigenes Essen zu beschaffen. Unser Zimmerchef, der angeblich Direktor einer Baufirma ist, sponsert das Essen für alle in unserer Zelle. Dafür müssen sie dann aber für ihn arbeiten: kochen, abwaschen, putzen, Kleider waschen, ihn bedienen und so. Der Chef will kein Geld von uns, denn wir sind offenbar seine Gäste.
Heute ist es weniger heiß, und ich vermute, dass der Himmel bedeckt ist. Wir können nicht nach draußen sehen, da das Fenster ja eher nur ein schmaler Schlitz ist und sich zudem ganz oben an der Decke befindet. Im Juli beträgt die durchschnittliche Tagestemperatur in Tripolis 36 °C, und in den sechs Monaten von April bis September fällt eigentlich nie Regen.
Ein Wächter, der im Korridor vor unserer Zelle herumgeschlichen ist, konfisziert plötzlich ein Mobiltelefon von einem unaufmerksamen Häftling. Er zerschlägt das Gerät an einem Bettgestell. Etwas später wird Razzia-Alarm gegeben, aber es entpuppt sich zum Glück als Fehlalarm. Leider wird es dann aber um halb vier Uhr ernst, und unsere Zelle wird während der Durchsuchung wirklich ganz schlimm zugerichtet. Alles, was mit Schnüren am Zellengitter aufgehängt ist, wird weggeschnitten. Matratzen werden gekehrt, Taschen und Plastiksäcke durchsucht. Alle Habseligkeiten der achtzehn Männer werden in der Zellenmitte auf einen großen Haufen geschmissen. Die Häftlinge verstummen, und die Stimmung ist gedrückt. Ich fühle mich schuldig, aber nur einer sagt zu mir, dass das alles wegen uns Schweizern sei. Es ist wirklich erstaunlich, dass Rachid und ich von den Mithäftlingen deswegen nicht schikaniert oder bestraft werden. Diese Solidarität ist wirklich bemerkenswert.
Das spärliche Rinnsal in der Toilette ist inzwischen vollends ausgetrocknet. In der Zelle gegenüber, bei den Schwarzafrikanern, fließt aber noch Wasser. Ich helfe mit, dort zwanzig Sieben-Liter-Plastikflaschen mit Wasser abzufüllen. Da in unserer Zelle sehr viele dieser großen Flaschen verfügbar sind, vermute ich, dass es wohl öfters Probleme mit dem Wasser gibt.
Plötzlich wird unsere Zellentür abgeschlossen, im Korridor ist ein Tumult zu hören. Man hört Schläge und Schreie. Offensichtlich wird jemand verprügelt. Der tägliche Ausflug zum Café wird heute für alle gestrichen. Wahrscheinlich wegen uns Schweizern. Wohl weil unsere Zellentür abgesperrt bleibt, haben sich zwei Mithäftlinge schon um sieben Uhr entschlossen zu kochen. Das ist ein sehr frühes Abendessen für libysche Verhältnisse. Es gibt Thunfischsandwich mit Harissa (eine Paste aus Chili). Später teilt uns ein Wächter mit, dass wir morgen um neun Uhr einem Richter vorgeführt werden. Von unseren Mitgefangenen erfahren wir, dass sich das Gericht hier im Gefängnis befindet. Rachid und ich sind froh, dass es endlich vorwärtsgeht, aber gleichzeitig mache ich mir auch Sorgen, da alles völlig willkürlich ist.
Ich komme mit meinem Bettnachbarn etwas ins Gespräch. Er ist Berber, nicht Araber und kommt aus Yfren, das südlich von Tripolis liegt. Die Berber werden vom Gaddafi-Regime unterdrückt und dürfen ihre eigene Sprache nicht sprechen.
Plötzlich fällt das Empfangssignal des TV-Satellitenempfängers aus. Offenbar wollen die Libyer verhindern, dass die zwei Schweizer Informationen von außerhalb bekommen. Die Nachrichtensperre umfasst nun Mobiltelefone, Satellitenfernsehen und Besuche.
Rachid lässt sich vom »Boy« rasieren. Der »Boy« arbeitet sozusagen als Diener für den Zimmerchef. Er ist 24 Jahre alt und sitzt schon ein Jahr hier. Rachid ist ein guter Organisator. Er findet auch jemanden, der ihm die Wäsche macht. Später gibt es nochmals Essen, das wirklich gut schmeckt: Spaghetti und Huhn. Der Koch in unserer Zelle ist Ägypter.
Ich bekomme wieder dasselbe Bett zugeteilt und lege mich um halb zwei Uhr am Morgen schlafen.
Kurz vor sieben Uhr werden die Gittertüren der Zellen eins bis vier aufgesperrt. Ich möchte duschen, es gibt aber nur noch zwei Plastikflaschen mit Wasser, die für Rachid und mich reichen müssen. Gegen acht Uhr müssen wir mit rund vierzig Mitgefangenen im Innenraum nahe dem Ausgang warten. Es scheint, dass all diese Häftlinge dem Richter vorgeführt werden. Nach einer Stunde werden wir in kleinen Gruppen zu einem nahe gelegenen Gebäude geführt und müssen uns dort in einem kleinen Raum auf den Boden setzen. Nach einer Weile werden Rachid und ich erneut in einen anderen Raum verlegt, in dem nur ein paar kaputte Stühle herumstehen. Plötzlich erscheint Rachids Rechtsanwalt im Türrahmen, aber er darf keinen Kontakt mit Rachid aufnehmen und wird von den Wächtern umgehend weggeführt. Wieder warten. Dann endlich wird Rachid aufgerufen und mitgenommen. Nach weniger als zehn Minuten kommt er schon wieder zurück. Er ist total niedergeschlagen und murmelt etwas von zwanzig Tagen.
Nun werde ich geholt. Salam, mein Anwalt, ist im Gerichtszimmer. Bei der kurzen Begrüßung kann ich ihm, ohne dass es die Wächter bemerken, einen Brief in seine Jackentasche stecken. Was für eine filmreife Szene! In weiser Voraussicht hatte ich gestern Abend einen Brief an Yasuko geschrieben. Darin teile ich ihr mit, dass es mir gut geht, und liste auf, was für Sachen des täglichen Bedarfs ich gern bekommen würde.
Salam darf nicht mit mir sprechen. Der Richter sitzt hinter einem Pult, neben ihm haben ein Übersetzer, ein Protokollführer und eine Staatsanwältin Platz genommen. Der Richter liest die Anklagepunkte vor. Ich kann alle drei parieren und sage, dass ich ein gültiges Visum hätte, dass die ABB-Firmenregistrierung absolut in Ordnung sei und dass ABB die Steuern immer korrekt bezahlt habe. Der Richter blättert etwas missmutig in den Akten. Andauernd kommen irgendwelche Leute ins Gerichtszimmer und gehen wieder raus. Es ist ein ständiges Hin und Her. Nun darf Salam kurz etwas sagen, und anschließend spricht der Richter auch schon sein Urteil: Zwanzig Tage! Ich werde gefragt, ob ich das Urteil annehme. Natürlich nehme ich das Urteil nicht an. Und das wars auch schon. Ende der Vorstellung. Diese groteske Inszenierung hat nur rund fünf Minuten gedauert. Mir ist nicht klar, ab wann die zwanzig Tage zählen. Kann ich das Urteil anfechten? Wann darf ich mit meinem Anwalt sprechen? Darf ich Besucher empfangen? Werde ich in ein anderes Gefängnis verlegt? Fragen über Fragen.
Rachid sagt mir später, dass der Staatsanwalt jetzt zwanzig Tage Zeit hat, um Beweise zu sammeln. Er ist sehr deprimiert.
Zurück in unserer Zelle, heißt es wieder Wasserflaschen abfüllen. Das ist wenigstens eine kleine Ablenkung. Inzwischen sind zwei der Mitgefangenen verlegt worden. Der verantwortliche Zellenblockoffizier kommt vorbei und will bei uns neue Häftlinge einquartieren, aber der Zimmerchef kann dies verhindern. Wir erfahren auch, dass es im zweiten Stock oben viel heißer ist und dass dort bei gleicher Zellengröße 24 Häftlinge je Zelle eingesperrt sind.
Der Berber und der Koch finden, dass meine langen Hosen zu unbequem sind, und insistieren, dass ich kurze Hosen trage. Der Koch leiht mir eine von seinen.
Gegen sechs Uhr gibt es erneut eine Razzia. Und tatsächlich, es wird schon wieder ein Telefon gefunden. Wiederum wird in der Zimmermitte ein großer Haufen mit allen Habseligkeiten aufgetürmt. Unsere Zellengenossen befinden, dass dies eine gute Gelegenheit ist, um den Boden und auch unter den Betten wieder mal gründlich sauber zu machen. Im Eingangsbereich, dort, wo alle Schuhe und Flipflops gelagert sind, gibt es eine Unmenge Ungeziefer, das nun, so gut es geht, beseitigt wird. Die höhergestellten Häftlinge überlassen die Putzerei den Habenichtsen. Der Satellitenfernsehempfang bleibt heute den ganzen Tag über unterbrochen.
Irgendwann im Lauf des Abends bin ich eingenickt, aber um zwei Uhr morgens wache ich auf. Es gibt Essen: Kartoffeln mit Kichererbsen, Tomaten, Huhn, Reis und Brot. Alle essen mit den Händen direkt aus der großen Schüssel, wie dies in arabischen Ländern üblich ist. Ich bekomme als Einziger einen Löffel. Das Essen schmeckt gut, aber eigentlich hätte ich lieber etwas weitergeschlafen.
Um sieben Uhr höre ich, wie in der Toilette Wasser in den Kübel tröpfelt. Ich nutze diese Gelegenheit für einen Toilettengang, kombiniert mit Kleiderwaschen und Duschen. Ich muss das Wasser aber sehr sparsam einsetzen, denn die Leitung gibt nur ein bescheidenes Rinnsal her. Rachid und ich füllen danach bei den Afrikanern drüben unsere zwanzig großen Wasserflaschen.
Ahmed, der Zimmerchef der Zelle Nummer 2, lädt mich in sein Reich ein. Als mir Mangosaft offeriert wird, lasse ich mir nicht anmerken, dass ich die Sauberkeit des Glases anzweifle, denn schließlich sind auch die Gastfreundschaft und das Wohlwollen der Zellennachbarn wichtig für mein Überleben hier im Gefängnis. Wir schauen auf DVD eine Tanzshow mit algerischer Raï-Musik und danach ein Autorennen.
Heute dürfen Rachid und ich mit einer großen Gruppe das Café besuchen. Es geht weniger locker zu als vor zwei Tagen, als wir mit unserem Zimmerchef dort waren, denn heute müssen wir vor dem Gebäude in Fünferreihe niederkauern und lange warten. Die Wächter brüllen: »Khamsa, khamsa, khamsa!«, was »Fünf, fünf, fünf« bedeutet. Die frische Luft tut gut. Zurück in der Zelle, bekommt Rachid T-Shirts und Sandwiches von seinen tunesischen Verwandten und von der Botschaft seine Medikamente.
Es ist schon Mittag, als mich Ahmed, der Zimmerchef der Zelle Nummer 2, ruft. Er sagt, ich hätte Besuch. Wer kann das sein? Der längliche Besucherraum ist in der Mitte durch zwei Gitter aus massiven Metallstäben in eine Besucherzone und eine Gefangenenzone getrennt. Die zwei Gitter sind rund einen Meter voneinander entfernt und reichen vom Boden bis zur Decke. Auf beiden Seiten der Gitter versuchen Gefangene und Besucher, miteinander zu kommunizieren, aber da alle gleichzeitig sprechen und sich jeder bemüht, den anderen in Sachen Lautstärke zu überbieten, herrscht ein so fürchterlicher Lärm, dass man das eigene Wort nicht versteht.
Ich entdecke Salam, meinen Anwalt, auf der Besucherseite. Offenbar verhandelt er mit den Wächtern. Schließlich händigen mir die Beamten zwei Plastiksäcke, eine Tasche und einen Umschlag aus. Salam sagt etwas zu mir, und ich glaube zu verstehen, dass die Regierung nach einer Lösung sucht. Ich versuche, Salam mitzuteilen, dass Rachid Medikamente bekommen hat. Doch es ist unmöglich, sich zu verständigen. Wir winken uns zum Abschied zu, und ich gehe mit meinen Kostbarkeiten zurück zur Zelle. Ich habe von Yasuko Bananen, Äpfel, Trinkwasser, zwei kurze Hosen, eine Pyjamahose, ein Hemd, ein Reisenecessaire, ein Buch, ein Büchlein »Arabisch für Anfänger«, eine Blechtasse, einen Löffel und einen Brief bekommen. Ich bin froh über ihren Brief und die vielen nützlichen Dinge, die sie für mich organisiert hat.
Abends hat der Häftling, der vor der Zellentür Schmiere stehen sollte, nicht gut aufgepasst, und der »Libanese« wird beim Telefonieren ertappt. Sein Telefon wird umgehend konfisziert. Der Libanese kommt natürlich aus dem Libanon und ist im richtigen Leben »die rechte Hand« des Zimmerchefs in dessen Baufirma.
Heute dürfen Rachid und ich nicht ins Café. Kurz vor Mitternacht gibt es schon wieder eine Razzia in den Zellen 1 bis 4. Diesmal werden die Zellen durchstöbert, während die rund siebzig Gefangenen in den engen Besucherraum gepfercht werden. Bevor wir wieder zurückgebracht werden, wird jeder Häftling gefilzt.
Es war eine heiße und schwüle Nacht. Einige der Jungs in unserer Zelle haben bis gegen sechs Uhr morgens Karten gespielt. Jetzt schlafen aber alle bis auf den Ägypter. Zuerst fülle ich alle Wasserflaschen bei den Afrikanern drüben, danach wasche ich Kleider.
Rachid und ich setzen uns später vor unseren Zelleneingang und beobachten das Treiben unserer Mithäftlinge. Zur Abwechslung drehen wir im »Innenhof« ein paar Runden. Der Innenhof ist kein Hof an der frischen Luft, sondern ein größerer Raum in der Mitte des Gebäudes. Einige Häftlinge hängen dort ihre Wäsche zum Trocknen auf. Von diesem Hof aus sieht man weiter in den hinteren Teil des Gebäudes, aber ich habe Angst, in diese Katakomben vorzudringen, denn es sieht dort noch düsterer und bedrohlicher aus.
Der Ägypter legt sich tagsüber oft in Rachids Bett. Nachts schläft er mit drei anderen auf dünnen Reservematratzen in der Zellenmitte. Viele Häftlinge haben einen »leeren Blick« und wirken sehr apathisch. Die meisten Gefangenen rauchen. Rachid und ich sind in unserer Zelle die einzigen Nichtraucher. Niemand liest ein Buch. Ich sehe auch nie, dass sich einer der Zellenmitbewohner die Zähne putzt. Die Zeit kriecht dahin, und ich kann mich beim Lesen schlecht konzentrieren.
Heute Abend kann plötzlich wieder Satellitenfernsehen empfangen werden. Das ist doch zur Abwechslung mal eine erfreuliche Entwicklung! Aber wir dürfen auch heute nicht ins Café gehen.
Um zwei Uhr in der Früh werden Reis und Huhn serviert. Wie immer hat der Ägypter gekocht. Am Morgen beschäftige ich mich wieder mit dem Abfüllen der zwanzig Wasserflaschen, und danach wasche ich erneut Kleider. Ich bin froh, wenn ich etwas tun kann und nicht bloß rumsitzen muss. Später gehe ich mit Rachid in den Innenhof, um ein paar Runden zu drehen.
Gegen Mittag wird schon wieder eine Telefon-Razzia durchgeführt. Diesmal ist ein hoher Offizier dabei. Unsere Zelle wird besonders gründlich durchsucht, und der hohe Offizier zertrampelt die Shisha, die Wasserpfeife, des Berbers. Wir alle werden gefilzt, und man nimmt mir dabei dreißig Dinar weg. Es ist kaum zu glauben, aber es werden tatsächlich schon wieder zwei Telefone gefunden. Das eine gehört Tariq, der aus Sebha stammt, und das andere dem Polizisten aus Tripolis, der angeblich jemanden aus Versehen erschossen hat. Beide werden abgeführt. Später erfahre ich, dass sie in eine Einzelhaftzelle gesteckt wurden, die ungefähr so groß ist wie unsere Toilette, also einen auf einen Meter. Das ist doch Folter! Niemand weiß, wie lange sie dort bleiben müssen. Und das alles wegen uns beiden Schweizern. Mir ist gar nicht wohl bei dem Gedanken. Unsere Zelle ist einmal mehr ein totales Chaos. Alles liegt auf dem Boden, und es dauert ganz schön lange, bis jeder seine Sachen gefunden hat und alles wieder an seinem richtigen Platz ist. Während alle mit Aufräumen beschäftigt sind, nutzt ein Wächter unsere Unaufmerksamkeit aus und schleicht sich unbemerkt in unsere Zelle. Und findet noch ein Telefon!
Heute gibt es zur Abwechslung wieder einmal fließendes Wasser. Einige nutzen die Gelegenheit für eine ausgiebige Dusche.
Es scheint, dass nur sehr wenige Häftlinge religiös sind. In der Zelle Nummer 2 gibt es aber einen Frömmling, der sich als Vorbeter aufspielt. Er hat angeblich seine Frau umgebracht. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit bedrängt er Rachid, dass er mit ihm und den paar anderen Frömmlern beten solle. Rachid zeigt aber überhaupt kein Interesse.
Plötzlich wird unsere Zellentür abgeschlossen. Nach einer Stunde wird sie wieder geöffnet. Hier ist wirklich fast alles willkürlich, die meisten Handlungen wirken planlos und ohne ein erkennbares System.
Arbeitet die Schweizer Regierung an unserer Freilassung? Was unternimmt der Rechtsanwalt, was die Botschaft? Wann kann ich Yasuko sehen? Wann kann ich mit dem Rechtsanwalt sprechen? Die Ungewissheit zermürbt.
Die Wasserversorgung ist bereits wieder unterbrochen, und um elf Uhr nachts gibt es erneut eine Telefon-Razzia. Es ist die sechste innerhalb von sechs Tagen. So langsam wird das zur Routine. Diesmal wird nichts gefunden.
Am Vormittag drehen Rachid und ich schweigend unsere Runden im Innenhof. Jeder ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ein Gefängnisangestellter sagt uns, dass wir uns bereit machen sollten, da wir demnächst entlassen würden. Er sagt, dass für uns eine Kaution bezahlt worden sei. Ich bin etwas skeptisch, packe meine Habe aber trotzdem in zwei Plastiksäcke und ziehe meine lange Hose an.
Der Zimmerchef wird mit einem Mobiltelefon erwischt, und der Wächter zerschlägt es sogleich am Bettgestell. Ich kann es fast nicht glauben, dass nach all den Razzien immer noch Handys zu finden sind.
Um sechs Uhr werden Rachid und ich endlich gerufen. Der junge Wächter ist arrogant und drängt zur Eile. Ich verabschiede mich von meinen Mithäftlingen, die uns mit offenen Armen aufgenommen haben und uns trotz den Schwierigkeiten Gastfreundschaft gewährt haben. Vor dem »Laden« heißt es dann wieder warten, denn offenbar werden auch noch andere Häftlinge entlassen. Der Wächter ist schlecht gelaunt und schreit herum. Er befiehlt uns, auf die andere Seite des Gangs zu gehen, uns mit dem Gesicht zur Wand zu stellen, die Arme auszustrecken und mit den Handflächen die Wand zu berühren. In dieser Stellung warten wir, bis die fehlenden Häftlinge endlich eintreffen. Unsere Gruppe umfasst nun etwa fünfzehn Gefangene. Nachdem wir zur »Administration« ins Erdgeschoss geführt worden sind, müssen wir der Wand entlang niederkauern und erneut warten. Viele der zu entlassenden Häftlinge sind Somalier, wahrscheinlich Flüchtlinge. Nachdem meine Einkäufe im Gefängnisladen von meinem Guthaben abgezogen worden sind, bekomme ich den Restbetrag in bar ausbezahlt. Es ist erstaunlich, dass hier so etwas tatsächlich funktioniert. Aber die hundert US-Dollar, die mir bei der Einlieferung auch abgenommen wurden, muss ich wohl definitiv als Verlust abbuchen, denn der Schlüssel zum Safe ist momentan angeblich nicht verfügbar. Vor dem Gefängnis warten Salam, Frédéric, Ahmed Sharata und die Angehörigen von Rachid.
In der Schweizer Botschaft werden Rachid und ich von allen herzlich begrüßt und dann auch Pascal Holland1 und Éva Giger2 vorgestellt. Das Schweizer Außenministerium EDA hatte diese zwei Diplomaten nach Tripolis entsandt, um mit den Libyern zu verhandeln. Sie sind jetzt innert weniger Tage bereits zum zweiten Mal hierher gereist. Die beiden logieren in der Residenz von Botschafter Daniel von Muralt, die zu Fuß nur knapp zehn Minuten von der Botschaft entfernt liegt. Rachid und ich gehen zuerst einmal ausgiebig duschen und freuen uns danach auf frische Kleider.
Ich bekomme viele Anrufe. Unter anderem auch von Micheline Calmy-Rey, der Außenministerin der Schweiz, und dem CEO ad interim des ABB-Konzerns, Michel Demaré. Beide sagen, dass sie mich treffen möchten, sobald ich in die Schweiz zurückgekehrt bin. Gian Francesco Imperiali, mein Vorgesetzter, ist natürlich auch sehr erleichtert über meine Freilassung. Ich rufe auch meinen Bruder Moritz an. Er wird nun alle meine Verwandten in der Schweiz informieren.
Rachid und ich lassen in einer nahe gelegenen Klinik eine medizinische Kontrolluntersuchung machen. Wir beide scheinen okay zu sein. Ob wir uns mit Tuberkulose angesteckt haben, eine Krankheit, die häufig in überbelegten Gefängnissen auftritt, lässt sich erst in ein paar Wochen feststellen.
Nach dem Check-up fahren wir zu einem Restaurant in der Nähe, um ausgiebig zu essen. Nebst Rachid sind Yasuko, Frédéric, ein Mitarbeiter der Firma Stucky und ein Neffe von Rachid dabei. Ich fühle mich aber nicht wohl an öffentlichen Orten in Tripolis und wäre viel lieber in der Botschaft geblieben. Nach dem Essen geht Rachid zu seiner Firmenresidenz im Jansur-Quartier, weil er bei seinen tunesischen Familienangehörigen übernachten möchte. Yasuko und ich fahren mit Frédéric in die Botschaft, wo wir in der Dienstwohnung für Besucher übernachten dürfen. Zurück in unser Haus wollen wir nicht. Das Botschaftsgebäude ist dreistöckig. Im Erdgeschoss befinden sich die Büros und in den beiden Obergeschossen die Dienstwohnungen von Konsul, Vizekonsul und Teamassistent sowie eine Wohnung für Besucher, die nun unsere ist.
1 Name geändert.
2 Name geändert.
Wie sauber hier alles ist, und wie angenehm es ist, mit warmem Wasser zu duschen! Was für eine Wohltat! Yasuko und ich haben einander viel zu erzählen. Sie ist gleich nach meiner Verhaftung in die Botschaft geflüchtet, wo sie seither wohnt.
Hans Berner1, der Teamassistent der Botschaft, bringt uns die EDA-Presseschau, eine Zusammenstellung ausgewählter Pressemeldungen des Tages. So erfahre ich, dass die Genfer Strafverfolgungsbehörden gegen Hannibal und Aline Gaddafi wegen einfacher Körperverletzung, Drohung sowie Nötigung ermitteln. Der Genfer Untersuchungsrichter Michel-Alexandre Graber, der Hannibal angeklagt hat, bereut seinen Entscheid nicht. Er will das Verfahren in aller Unabhängigkeit fortsetzen.
Libyen verlangt eine Entschuldigung der Schweiz sowie die Einstellung des laufenden Verfahrens. Die Genfer Justiz hätte tatsächlich die Möglichkeit, es wegen »höherer Interessen der Schweiz« einzustellen. Die »Weltwoche« rätselt, warum die Genfer Behörden im Fall Hannibal Gaddafi nicht behutsamer vorgegangen sind, wie dies sonst allgemein üblich ist bei straffälligen Personen aus dem näheren Umfeld von Potentaten. In solchen Fällen schickt die Staatsanwaltschaft normalerweise eine schriftliche Vorladung für den nächsten Tag und nimmt nicht gleich mit einem Polizeigroßaufgebot eine Verhaftung vor. Der Missetäter hat so natürlich die Möglichkeit, das Land zu verlassen und sich einer Verhaftung zu entziehen. So hätte sich wohl diese Krise vermeiden lassen. Zudem lese ich, dass die Schweiz auf eine Vermittlung durch eine dritte Partei, zum Beispiel durch eine bekannte Persönlichkeit wie Nelson Mandela oder Abdelaziz Bouteflika, verzichtet. Die Schweiz denkt, dass sie den Konflikt ohne Mediation selber lösen kann.
Das libysche Außenministerium rät Landsleuten von Reisen in die Schweiz ab. Die Schweizer Behörden hätten fehlenden Respekt gegenüber Libyern und Arabern gezeigt und harsche Maßnahmen ergriffen.
Vor der Botschaft sind permanent acht uniformierte Libyer postiert. Wahrscheinlich dient dies unserer Einschüchterung. Yasuko erzählt mir, dass am 23. Juli ungefähr zweihundert Libyer vor der Botschaft gegen die Schweiz demonstriert hatten. Es war wohl eine durch das Gaddafi-Regime organisierte Protestaktion.
Heute ist Jack Rohner, der Schweizer Verteidigungsattaché, in Tripolis eingetroffen. Jack ist in Kairo stationiert und betreut nebst Ägypten auch Libyen und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Der Botschafter hat uns alle auf vier Uhr zu einer Besprechung in den Konferenzraum bestellt. Er erklärt, dass die Schweiz und Libyen zurzeit über den Wortlaut eines Besprechungsprotokolls »Fall Hannibal Gaddafi« verhandeln. Es ist nicht vorgesehen, dass der »Fall Göldi und Hamdani« in diesem Memorandum erwähnt wird. Das beunruhigt mich sehr. Inzwischen ist auch Rachid in der Botschaft eingetroffen. Auch er ist sehr alarmiert darüber, dass unser Fall nicht gleichzeitig mit Hannibals Fall geregelt wird. Wir beide diskutieren deshalb mit Frédéric, Pascal Holland und insbesondere auch sehr lange mit dem Botschafter und erläutern ihnen unsere Bedenken.
Anschließend rufe ich Ron Popper an. Ron arbeitet in der ABB-Konzernzentrale in Oerlikon und wurde von ABB als Kontaktperson für mich und meine Familie bestimmt. Ich erzähle ihm von der Absicht der Diplomaten, Rachids und meinen Fall nicht gleichzeitig mit dem Fall Hannibal lösen zu wollen. Ein Anwalt des ABB-Konzerns führt daraufhin ein langes Telefongespräch mit Botschafter Daniel von Muralt. Danach verspricht der Botschafter, dass Rachid und ich in den Handel mit den Libyern mit einbezogen werden.
Spät am Abend ruft Michel Demaré an und versichert mir, dass ABB mich nicht fallen lassen wird. Es ist beruhigend, zu wissen, dass ABBs CEO ad interim meinen Fall zur Chefsache erklärt hat und sich persönlich für eine baldige Lösung einsetzt.
Schweizer Nationalfeiertag. Der Botschafter sagt die offizielle 1.-August-Party ab.
Zum Nachtessen treffen wir uns in der Wohnung von Frédéric. Nebst ihm, Liliana, Hans, Jack, Yasuko und mir kommen die sechs weiteren Schweizer, die in Tripolis geblieben sind: Sandra Grendelmeier, Country Manager der Swiss International Air Lines; Eliane Kiener, eine Mitarbeiterin des EDA, die in Tripolis für die UNO arbeitet; Kuno Gross, General Manager der Firma ALGEC; Sven Zumstein von der Firma ALGEC mit seiner Frau und dem Töchterchen.
Holland und Giger reisen ab.
Zum Nachtessen gehen alle von der Botschaft in ein nahe gelegenes Restaurant. Nach dem Essen lädt uns der Botschafter zu einem Glas Wein in seiner Residenz ein. Es ist das große Privileg der Diplomaten, dass sie selbst in »trockenen« Ländern wie Libyen über alkoholische Getränke verfügen dürfen. In Libyen ist es ja illegal, alkoholische Getränke zu importieren, zu handeln, zu besitzen oder zu konsumieren. Am Flughafen werden deshalb alle Gepäckstücke geröntgt, um Schmuggelgut aufzuspüren. Natürlich gibt es einen Schwarzmarkt für alkoholische Getränke, aber davon habe ich immer die Finger gelassen. Der Botschafter lässt durchblicken, dass die Verhandlungen auf gutem Weg sind.
Yasuko möchte mit einer ihrer japanischen Freundinnen einkaufen gehen. Sie kontaktiert deshalb Mohammed, ihren libyschen Taxifahrer, um ihn zu fragen, ob er Zeit hat, sie zu chauffieren. Mohammed ist von Beruf eigentlich Polizist, fährt aber im Nebenerwerb auch regelmäßig Taxi. Unmittelbar nach meiner Verhaftung am 19. Juli hatte Yasuko Mohammed mitten in der Nacht angerufen und ihn gebeten, sie sofort abzuholen. Heute erfährt sie von Mohammed, dass er anderntags vom libyschen Geheimdienst verhört worden sei.
Während des Nachtessens mit Jack und Frédéric erfahren Yasuko und ich, was sich auf diplomatischer Ebene tut. Allen ist eigentlich klar, dass für eine Beilegung des Streits mit Libyen ein baldiges Treffen zwischen Pascal Couchepin, dem Schweizer Bundespräsidenten, und Muammar Gaddafi, dem libyschen Revolutionsführer, notwendig ist. Ein Treffen zwischen Präsidenten sozusagen. Leider weilt Couchepin momentan aber in den Ferien in Vietnam, und anschließend wird er am 8. August in Peking der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele beiwohnen. Offenbar kommt für ihn eine Änderung seiner Reisepläne nicht infrage. Micheline Calmy-Rey würde zwar sofort nach Libyen kommen, aber für ein Treffen mit dem Revolutionsführer ist die Position der Außenministerin wohl nicht standesgemäß genug. Positiv ist, dass die Schweiz jetzt in den Verhandlungen insistiert, dass die zwei blockierten Schweizer ausreisen dürfen.
In der EDA-Presseschau lese ich, dass die EU-Kommissarin für Außenbeziehung, die Österreicherin Benita Ferrero-Waldner, sich offenbar für die zwei Schweizer Geiseln eingesetzt hat. Angeblich hat sie telefonisch den Libyern mitgeteilt, dass die Schweiz uneingeschränkt auf Brüssels Unterstützung zählen könne. Eine Wiederholung des acht Jahre dauernden Skandals um fünf bulgarische Krankenschwestern sowie einen palästinensischen Arzt, denen vorgeworfen wurde, sie hätten vorsätzlich hunderte libyscher Kinder mit dem HI-Virus infiziert, werde die EU nicht hinnehmen. Frau Ferrero-Waldner spielte eine wichtige Rolle bei den langwierigen Verhandlungen mit Libyen, die 2007 schließlich zur Freilassung der Krankenschwestern und des Arztes führten.
1998 wurden etwa vierhundert libysche Kinder in der Kinderklinik des Zentralkrankenhauses El-Fateh in der Stadt Bengasi mit dem HI-Virus infiziert. Die skandalösen hygienischen und die chaotischen organisatorischen Verhältnisse des Spitals haben wohl zu dieser tragischen Epidemie geführt, aber fünf bulgarische Krankenschwestern und ein palästinensischer Arzt mussten 1999 als Sündenböcke herhalten. In Libyen sind immer Ausländer schuld, wenn etwas schiefgeht. Die sechs wurden bezichtigt, die Kinder absichtlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben, und in mehreren Schauprozessen wurden sie zum Tode verurteilt. Das libysche Regime hat in den Prozessen auch behauptet, dass der CIA und der Mossad die HIV-Epidemie gezielt ausgelöst und gesteuert hätten.
Der Fall wurde zu einem internationalen Politikum. Bulgarien, die EU, die USA, aber auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International setzten sich für die Freilassung der sechs Gefangenen ein. Gegen »Entschädigungszahlungen« an die betroffenen libyschen Familien wurden die Todesurteile 2007 in lebenslange Freiheitsstrafen umgewandelt. Am 24. Juli 2007 wurden die Gefangenen nach weiteren Verhandlungen nach Bulgarien ausgeflogen. Die Freigelassenen, die stets ihre Unschuld betont hatten, erhoben schwere Foltervorwürfe gegen Libyen. Im August desselben Jahres räumte Saif al-Islam Gaddafi schließlich ein, dass die Krankenschwestern und der Arzt gefoltert und für politische Zwecke missbraucht worden seien. Ganz entscheidend für die Verhandlungen war, dass Bulgarien am 1. Januar 2007 Mitglied der EU wurde, was die Verhandlungsposition von Bulgarien ganz massiv gestärkt hat.
(Quelle: nach Wikipedia, ergänzt)
Jack Rohner, der Schweizer Verteidigungsattaché, fragt, ob ich ihm einen Kurzwellensender auf dem Flachdach installieren helfe. Diese Anlage ist als Notfunkstation gedacht, falls das libysche Regime die anderen Kommunikationssysteme der Botschaft blockieren würde. Natürlich helfe ich gern, denn es ist eine willkommene Ablenkung. Die Antenne besteht im Wesentlichen aus einem sehr langen Kupferdraht, der von der Spitze eines Masts in Richtung Schweiz auf den Boden abgespannt wird. Um sowohl die geografische Ausrichtung wie auch die empfohlene Antennenlänge einzuhalten, müssen wir einen fünfzehn Meter hohen Mast an der Umfassungsmauer auf der Südseite des Flachdachs befestigen. Der Antennendraht wird dann schräg über das ganze Flachdach gespannt. So ein Mast kann aus handelsüblichen Wasserrohren gebaut werden. Samuel aus Ghana, den hier alle Sämi rufen, ist der Hauswart der Botschaft und kümmert sich um die Beschaffung
