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,,helle" sind nicht nur die Kinder in Berlin, wenn man weiß, was mit dem Berliner Ausdruck gemeint ist. Gemeint ist "helle im Kopf", oder aufgeweckt, clever, fix im Denken zu sein, sowie eine schnelle Auffassungsgabe zu haben und dergleichen mehr. Diese geistigen Fähigkeiten stehen im krassen Gegensatz zum Slogan des 3. Reiches über die damalige Jugend, wie sie zu sein hat: "flink wie wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl". Auch heute wollen einige in unserer Gesellschaft die Zeit zurückdrehen. Es wird ihnen nicht gelingen, denn die Erinnerungen von damals, wie sie hier geschildert sind, zeigen ein völlig anderes Bild auf, als sich das die Ideologen von einst hätten träumen lassen. Das Fazit aus dem Buch kann für den modernen Menschen von heute ebenso hilfreich sein, wie es für den Autor während seines Lebens war. Mensch und Natur in einer gemeinsamen Umwelt bleiben hoffentlich für längere Zeit noch immer dieselben - wenn man sorgsam mit ihnen umgeht.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2020
Jan-Ole Filùt
helle
TurbulenteKindheitsjahreeines kleinenumtriebigen
Jungen
© 2020 Jan-Ole Filùt
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch: 978-3-7497-0652-
ISBN Hardcover: 978-3-7497-0653-
ISBN E-Book: 978-3-7497-0654-
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
KAPITEL I
– Carlotta Marske -
Die Strategin
Ihr Sohn
Ihr Ehemann
Ihr Elternhaus
Ihre Ausbildung und Beschäftigung
KAPITEL II
– Jan-Ole in Berlin -
Meine ersten Erlebnisse
Mein erstes Schuljahr
Besuch aus der Gneisenaustraße
Unser Wohnumfeld
Kapitel III
– Nach Ostpreußen -
Die Evakuierung
Auf dem Hof Massat
Umzug in den Ort Birkenmühle
Meine Schulzeit in Birkenmühle
Meine Schulkameraden
Bei Bürgermeister Kirstein
Aufkommende Unruhe
KAPITEL IV
– Wieder in Berlin -
Gewohntes Umfeld
Unsere Straße
Neue Perspektiven
Umorientierung
Die Flucht
KAPITEL V
– Zwischenstation Tirol -
Zufluchtsort Mayrhofen
Die neue Umgebung
Meine vorübergehende Integration
Der Feind als Freund
Die Abschiebung
KAPITEL VI
– Auf nach Norden -
Zurück ins „Reich“
In eine ungewisse Zukunft
Die Ausgangslage
In meinem zehnten Lebensjahr
Unser Wohnumfeld
Meine neue Welt
Vorwort
Erkenntnisse aus Erlebnissen, Selbsterfahrenem oder von anderen zu sammeln, bereichern, wenn sie etwas zu sagen haben und gut nachvollziehbar sind. Deshalb ist die Zeit nicht verloren, in der man sich in die Lektüre eines Buches vertieft. Es ist umso spannender, je mehr Fälle darin vorkommen, die man selbst ähnlich erlebt hat. Ich denke, die Auswahl hier ist reichlich, auch wenn sie nur die Kindheit betrifft.
Es gibt zwei wichtige Gründe, sich an seine Kindheit zu erinnern. Das ist das Interesse am eigenen Werdegang, und es ist die Dankbarkeit an die Mutter oder eine andere wichtige Bezugsperson, die mit ihrer Fürsorge ihr Bestes zum Wohle des Nachwuchses gegeben hat. Der Werdegang ist insofern interessant, als er sowohl die Entwicklung des Kindes über Erlebnisse und Erfahrungen als auch die damit verbundene geistige Entwicklung gefördert hat bzw. haben könnte. Das zu ergründen und zu hinterfragen, ist eine spannende Geschichte, die hier geschildert wird. Dabei ist es völlig egal, wann das passierte und welche Jahre betroffen waren, das Thema ist immer aktuell.
Trotz der grässlichen Realität des 2. Weltkrieges, seiner verheerenden Auswirkungen während dieser Zeit und auch danach auf die Psyche jedes einzelnen Menschen, hat sich das Geschehen unterschiedlich ausgewirkt. Neben Not, Elend und Tod konnte sich im Überlebensfalle die Individualität dennoch selbständig weiter entwickeln, denn es haben mehr Menschen den Krieg überlebt, als „unter einer Eiche Platz gehabt hätten“ (Slogan 3. Reich).
Sicherlich ist Überleben Glücksache, die Bombe nicht abbekommen zu haben, kann aber auch heißen, dass Glück aus der Vermeidung unnötiger Risiken resultiert, eben zum Teil rational abläuft. Vielleicht dürfte bei manchen Ereignissen auch das Unterbewusstsein eine wichtigere Rolle spielen - eine Ahnung darüber zu haben, wie so etwas enden könnte - als man gemeinhin annimmt.
KAPITEL I
Carlotta Marske
Die Strategin
Trotz des obigen Titels handelt das Thema von einem Berliner Jungen, der es noch bis heute als besonderes Glück empfindet, von einer so patenten und pragmatischen Mutter erzogen und angeleitet worden zu sein, die nicht nur sein Überleben in den Kriegswirren sicherte, sondern auch sein Denken und Einschätzen der Gegenwart, der Umstände allgemein und der menschlichen Eigenarten formte. Sie hatte einen 7. Sinn für außergewöhnliche Situationen, entstehende Gefahren und wich ihnen instinktiv oder auch bewusst aus. Vom totalen Krieg hatte ihr Sohn bis auf einen zerstörten Stadtteil von Berlin und einem brenzligen Erlebnis in einem Bunker nichts mit bekommen.
Doch beginnen wir zunächst mit ihr, einer waschechten Berlinerin mit dem Herz auf dem rechten Fleck, die im Jugendalter gezwungen war, sich im turbulenten Leben des beginnenden technischen Zeitalters und während des 1. Weltkrieges durchzusetzen. Später, als junge Frau war sie eine würdige Vertreterin ihrer Generation, geprägt von der wilden und frechen Zeit vor und nach der Depression der zwanziger Jahre.
Anfangs der 30er Jahre genoss Carlotta ihre Freizeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten, und das in vollen Zügen. Mit selbstgeschneidertem, elegantem Outfit nahm sie an Tanzveranstaltungen und Kostümbällen teil. Ein Lied hatte es ihr besonders angetan, das sie später immer wieder trällerte: „Unter Linden, unter Linden, gehen spazier ‘n die Mägdelein, wenn du Lust hast anzubinden, dann marschier nur hinterdrein…“ Es war die Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs und der vielfältigen Gelegenheiten im quirligen Berlin.
Ihr Sohn
Wie passte ihr Sohn Jan-Ole da nur hinein? Um allen Spekulationen vorzubeugen, er war kein „Betriebsunfall“, das würde nicht zu ihr passen. Jan-Ole wurde im goldenen Oktober 1936 geboren. Die Herbstfärbung war ihr wahrscheinlich schnuppe, als sie ihren Knirps zum ersten Mal in der Klinik sah. „Der ist meiner“, hatte sie ausgerufen, noch bevor sie ihren Sohn in den Armen hielt. Sie konnte später nicht oft genug davon erzählen, als sie seine Stubsnase und sein gewinnendes Lächeln sah. Er war ihr erstes Kind, das sie kurz vor ihrem 31. Geburtstag bekam. Eigentlich wollte sie ihn an ihrem Geburtstag zur Welt bringen, er war aber drei Tage schneller.
Erst über zwei Wochen später verließ sie das Krankenhaus, um in die Wohnung bei Bekannten zurückzukehren, in die sie und ihr Mann vorübergehend untergekommen waren, denn sie wollte, dass ihr Sohn in Berlin zur Welt kommt. Mit seiner Gesundheit stand es anfänglich nicht zum Besten, wie sie später betonte. Deshalb hatte er die evangelisch-lutherische Taufe noch im Krankenhaus erhalten, die sie stets als Nottaufe bezeichnete. Dabei war zu berücksichtigen, dass solche Taufen nach der NS-Ideologie verpönt waren. Nichts desto trotz dachte sie sicherlich auch, die Einbindung der Kirche könnte bei der Gesundung ihres Sohnes hilfreich sein, denn ein wenig abergläubisch war sie schon.
Ihr Sohn wuchs zu einem prächtigen Wonneproppen heran, dessen Entwicklung sie in ihrem Album spärlich dokumentierte und dieses über die Wirren des 2. Weltkrieges hinüber rettete. Wider aller Unkenrufen war er schon im darauf folgenden Sommer nach seiner Geburt kräftig genug, dass sie mit ihm und Ehemann an die See fahren konnte, um die gesunde jodhaltige Seeluft zu genießen, denn Gesundheit stand bei ihr an erster Stelle. Sie bevorzugte die „Badewanne der Berliner“, die Ostseeinsel Usedom aber auch die nicht weit entfernt von einander liegenden Inseln Rügen und Hiddensee.
Ihre anfänglichen Bedenken, dass ihr Sohn länger kränkeln könnte, führte sie auf ihre entbehrungsreichen zwanziger Jahre in Berlin zurück, wie sie mir später einzureden versuchte. Es war eine Notlüge, denn sie war fit wie „Turnschuh“ und unternahm vor ihrer Heirat jährlich ausgedehnte Wanderungen vor allem in den Alpen. Sie kannte das Zillertal, die Berliner Hütte und so manchen unsicheren Steg über Wildwasser und Schluchten wie ihre Westentasche.
Auf sommerlichen Alpentouren, mit Steigeisen bewehrt, hielt sich die schlanke aber zähe Frau in Form, um den Alltag in Berlin zu meistern. Bei der Wandertruppe hatte sie dann auch ihren Spitznamen weg: „das lange Bisschen“. Obwohl sie stets geführte Wanderungen mit einem Bergführer und einer kleinen Truppe Bergsteigerinnen und Bergsteigern unternahm, war sie kein Mitglied im Alpenverein. Bei einer späteren Durchsicht ihres Nachlasses sowie eigener Nachforschungen konnte das belegt werden. Aufgrund ihrer Haltung und pragmatischer Sichtweise war ihr die Vereinsmeierei verständlicher Weise suspekt.
Ihr Ehemann
Ihr zwei Jahre älterer Mann war anders „gestrickt“. Er war kein Sportstyp, aber ein wenig gewandert ist er wohl doch, sonst hätten sie sich nicht in der Lüneburger Heide kennen gelernt. Mit der Zeit wurde er genauso naturverbunden wie sie und machte alles mit, was sie für richtig hielt. So schaffte sie es, den etwas pummeligen Bauernsohn durch vegetarische Ernährung auf einen schlanken Vorzeigetyp zu trimmen.
1935 wurde in der Christuskirche zu Berlin bei herrlichem Sonnenschein geheiratet, was beide Sippen erst erfuhren, als das Ereignis vorbei war. Das Hochzeitsbild entstand auf der Straße: sie in einem weißen eleganten Hosenanzug, der ihre schlanke Schönheit betonte, daher schreitend in weißen Pumps, im rechten Arm einen Blumenstrauß mit weißen Blüten. Ihr zur Linken eingehakt ihr ebenfalls schlanker Ehemann im schwarzen Anzug, weißen Hemd und Fliege und weißen Handschuhen. Ein wahrhaft elegantes Paar. Weitere Bilder, wie die einer Hochzeitsfeier mit Hochzeitsgesellschaft, fehlen völlig. Schon damals dürfte die Vorgehensweise in ihrer Beziehung ihre Handschrift getragen haben.
Ihr kluger und fleißiger Mann stammte aus einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb in Niedersachsen, hatte aber an dieser Zunft ebenso wenig Interesse wie sein älterer Bruder. Er war der dritte Sohn nach einer vorausgegangenen Fehlgeburt. Auf der einzigen Aufnahme aus dieser Zeit, die ihn mit 6 Jahren zeigt, war er blass und zierlich. Diese Anzeichen waren nicht grundlos, denn er war später für schwere Arbeiten nicht geeignet. Man sagte, es läge an seinem schwachen Herzen. Deshalb hatte er Zeit seines Lebens, außer im 2. Weltkrieg als Sanitätsgefreiter, nur sitzende Tätigkeit ausgeübt. Seine Stärke war das Lesen sowie die Kenntnis der Literatur. In schwierige bürokratische Arbeitsabläufe konnte er sich gut einarbeiten.
Als sie ihn heiratete, war ihr schon bewusst, dass sie ihr geliebtes Berlin für eine gewisse Zeit verlassen musste. Er hatte als Verwaltungsinspektor bei einer Behörde im Raum Göttingen eine gute Stellung, die er so schnell nicht aufgeben wollte. Wer sie jedoch kannte, konnte sich denken, dass dieser Aufenthalt in der Fremde nicht lange währen würde. Ihr Sohn war gerade einmal zweieinhalb Jahre alt, da hatte sie es geschafft, dass die junge Familie nach Berlin zog. Ihr Mann hatte sich bei der Regierung in Berlin beworben und wurde nach anfänglichen Schwierigkeiten dann auch angenommen.
Ihr Elternhaus
Carlotta Marske entstammte als Zweitjüngstes von sechs Kindern einer gut bürgerlichen Familie, die eine Mietswohnung im Bezirk Kreuzberg hatte, in der Gneisenaustraße 39, Ecke Baerwaldstraße, 1. Stock mit Eckbalkon und imposant geschwungener Steinbalustrade. Ihr Vater war Schriftsetzer auch in Englisch und Französisch, ihre Mutter seine Beilegerin beim Setzen der Druckfahnen.
Früher mussten die Bleilettern/Buchstaben noch mit der Hand und in Spiegelschrift, wenig später halbautomatisch, in Spalten gesetzt werden. Sie hatten sich in Berlin an der Arbeit kennen gelernt, denn sie stammten aus verschiedenen an der Ostsee gelegenen Regionen. Nach dem Motto „Großstadt macht frei“ trafen sie sich in der Reichshauptstadt. Sie stammte aus der Hansestadt Greifswald in Mecklenburg Vorpommern er aus Rummelsburg (ehemals Pommern), heute Miastko in Polen.
Ihr Vater führte im Haushalt ein strenges Regiment, Lernen war oberstes Gebot. Alle fünf Kinder erlernten Berufe, von denen sie später leben konnten. Ein Studium, das er hätte finanzieren müssen, kam allerdings nicht in Betracht. „Dafür sparte er auf echte Goldmark“, sagte mir meine Mutter später mit einem gewissen Unterton, „und die gingen für die beiden Weltkriege drauf, denn für das Gold bekam er Papier, was am Ende nichts mehr wert war. Er hatte aus dem 1. Weltkrieg nichts dazu gelernt.“
Man hatte jedoch ein Klavier, auf dem spielte meine Mutter schon ab früher Kindheit. Vermutlich hatte sie auch dazu gesungen, was durch das Repertoire ihrer Berliner Lieder zum Ausdruck kam. Übrigens musste jedes Kind in der Familie ein Musikinstrument spielen, damit Hausmusik gepflegt werden konnte. Ihre beiden Brüder spielten Tuba und Zugposaune ihre Zwillingsschwester Laute. Von Clara, der Ältesten, die mit 14 Jahren an Schwindsucht starb, ist keine musikalische Betätigung bekannt. Vielleicht hatte sie zuvor Klavier gespielt, das dann meine Mutter übernahm.
Die Wände mussten schon dick genug sein, um die Musik nicht durchs Haus schallen zu lassen. Zum anderen musste man sich auch fragen, was das für eine Hausmusik gewesen sein musste, die mit Blech- und Seiteninstrumenten erzeugt wurde. Über die musikalische Begabung ihrer Eltern ist nichts bekannt, man kann aber voraussetzen, dass sie zumindest bei besonderen Anlässen mitgesungen hatten.
Ihre unverheiratete Zwillingsschwester, ebenfalls in Berlin wohnhaft, hatte sich ihr bei allen ihren Freizeit-Aktionen schon in jungen Jahren nur mit halbem Herzen angeschlossen. Durch ihre stets zweifelnde Haltung, die sie mit allerlei Ausreden spickte, blieb sie in ihrer Wohnung hocken, auch als es in Berlin brenzlig wurde. Ihr fehlte einfach der Mut zur Lücke. Sie blieb bei ihrem Vater Carl, der Ende 1945 verstarb, und kam im Herbst 1946 bei einer Lebensmittelbeschaffung im Umland der Großstadt mit ihren Beinen unter die Räder der Bahn und verstarb nach längerem Leiden zwei Jahre später.
Ihre Ausbildung und Beschäftigung
Meine Mutter Carlotta hatte ihren Namen nach einer Großtante. Man nannte sie Carla oder auch Lotta. Verniedlichungen waren nicht bekannt, wie sollte sich das schon anhören. Carlotta gefiel ihr neben ihren weiteren Vornahmen am besten. Sie war auf das Wesentliche bedacht, was auch durch ihr Zeugnis zum Ausdruck kam, das sie als 16-Jährige nach zwei Jahren „Städtische Handelsschule für weibliche Personen“ erhielt. Dieses Zeugnis strotzte nur so von Einser und Zweier bis auf
