Goldene Jahre - Manfred Otzelberger - E-Book

Goldene Jahre E-Book

Manfred Otzelberger

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Beschreibung

Sie sind alt – und voller Tatendrang und Neugier: Dieses Buch versammelt Menschen, die zeigen, dass Ruhestand kein Stillstand sein muss. Die das Alter nicht als Bremse sehen, sondern als Freiraum für neue Erfahrungen, Projekte und Ideen. In 25 lebendigen Interviews erzählen inspirierende Persönlichkeiten von einem selbstbestimmten, sinnerfüllten Leben rund um die 80 – oft mit mehr Elan als so mancher Mittdreißiger. Es geht um Leidenschaft statt Langeweile, um Well-Aging statt Anti-Aging – und darum, wie erfüllend das späte Leben wirklich sein kann. Die Gespräche mit Elke Heidenreich, Marie-Luise Marjan, Reinhold Messner, Peter Kraus, Rainer Callmund, Alice Schwarzer u. v. m. machen Mut, sprühen vor Lebenslust – und verändern den Blick aufs Alter grundlegend.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buchvorderseite

»Jugend hat kein Alter. Man braucht sehr lange, um jung zu werden.«

Pablo Picasso

Titelseite

Manfred Otzelberger

Goldene Jahre

25 Prominente über die neue Lust am Altern

Impressum

Bildnachweise Cover

Alice Schwarzer: © Stephan Prick

Reinhold Messner: © Paul Schirnhofer

Theo Waigel: © Peter Jirmann Jr.

Elke Heidenreich: © Stephan Prick

Peter Kraus: © Mike Kraus

Marie-Luise Marjan: © Stephan Prick

Erika Pluhar: © Christina Häusler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2025

Hermann-Herder-Str. 4, 79104 Freiburg

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

 

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an [email protected]

 

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Layout: Sabine Hanel, Gestaltungssaal, Rohrdorf

 

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster

 

ISBN Print 978-3-451-60171-2

ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-83937-5

Inhalt

Prolog: Ich liebe, was ich tue. Und tue, was ich liebe

Elke Heidenreich

Reinhold Messner

Alice Schwarzer

Marie-Luise Marjan

Wolf Biermann

Theo Waigel

Brigitte Fassbaender

Rainer Langhans

Eva Umlauf

Helmut Markwort

Alice und Ellen Kessler

Peter Orloff

Justus Frantz

Simone Rethel

Peter Kraus

Judy Winter

Jack White

Helma Sick

Kathrin Ackermann

Wolf Singer

Marika Kilius

Reiner Calmund

Bruno Reichart

Erika Pluhar

Günter Wallraff

Epilog: Je oller, je doller

Eine kleine Danksagung

Über den Autor

Über das Buch

Prolog: Ich liebe, was ich tue. Und tue, was ich liebe

Sie sind agil und ambitioniert, aufmerksam und aktiv. »Alt« ist für sie nur eine Taste am Laptop. Die Generation rund um die 80 ist zu großen Teilen nicht pflegebedürftig, nicht gebrechlich. Sie pflegt eher ihren Leidenschaften nachzugehen. Und den Schatz ihres Könnens nicht wegen eines angeblichen Renteneintrittsalters wegzuwerfen und sich dann in einer Art Selbstabwertung zum »alten Eisen« zu zählen. Das Wort »Ruhestand«, gerne im Zusammenhang mit »wohlverdient« gebraucht, kennen sie nicht. Es ist nicht die Generation Lehnstuhl, es ist die Generation Nimmermüd. 80 ist für manche wirklich das neue 60, die aktiven Alten gestalten ihr Leben. Erfahrung zählt – und jede Menge Lebensfreude.

Das gilt zum Beispiel für Rod Stewart, der mit 80 weiter voll auf der Bühne steht. Und einfach cool ist. »Rod Stewart segelt in seine goldenen Jahre«, schreibt die Presse. Und der Rockstar mit der Reibeisenstimme wirkt auch nicht gerade deprimiert von der Zahl 80: »Es ist ein fröhliches Alter. Ich liebe, was ich tue. Und tue, was ich liebe. Ich bin fit. Ich habe volles Haar, und ich kann 100 Meter in 18 Sekunden laufen.« Der Mann, der mit 54 Jahren den Schilddrüsenkrebs besiegte und mit 71 den Prostatakrebs, ignoriert die Vorstellungen zur Zahl 80: »Ich weiß, dass es irgendwann zu Ende ist, aber die Zahl 80 sagt mir nichts.«

»Goldene Jahre« ist ein gutes Etikett für die »Jungen Alten«. Es sind keine blechernen Jahre, Menschen sind kein Alteisen. Schon gar nicht die, die in diesem Buch zu Wort kommen. Es ist kein künstliches Anti-Aging, dem sie hinterherlaufen. Sie sind nicht die Fassadenoptimierer, die sich an Bauch, Lippen und Hintern operieren lassen. Das brauchen Menschen, die gut altern, nicht. Es geht um Well-Aging, die Kunst des Älterwerdens, den Genuss daran. Diese Menschen haben ein Rezept dafür: Sie arbeiten einfach weiter, und das ist für sie erfüllend. Ich tue, also bin ich. Arbeit ist für sie keine lästige Unterbrechung der Freizeit, keine Fron, der sie sich unterwerfen müssen, um zu überleben. Arbeit ist ihr Leben. Ihre Sinnstiftung, ihr Vergnügen. Ihre Passion. Lebenstüchtigkeit statt Versorgungsmentalität. 

Von solchen charismatischen Menschen wird in diesem Buch die Rede sein. Sie lieben ihr Leben, sie gingen durch Täler und erklommen Gipfel, sie wissen, dass die dunkelste Stunde die vor dem Sonnenaufgang ist. Sie wollen das Alter von dem Image befreien, dass es belastend sei, ja ein »Massaker«, wie der amerikanische Großschriftsteller Philip Roth einmal sagte. Sie sagen: Das Alter kann ein Fest sein.

Es geht nicht um Verdrängung der Realität. Es gibt ein Elend im Alter, aber eben längst nicht für alle. Hilfsbedürftigkeit mag bei einigen über 80 durchaus der Fall sein, der Pflegenotstand ist heute schon zu spüren, das Abschieben in ein Altersheim kann deprimierend sein. Aber es gibt so viele Menschen, die aufrecht und ungebrochen durchs Leben gehen, die die Kostbarkeit des Lebens verstanden haben und guter Dinge sind. Sie sind kreativ. Sie sind selbstständig. Sie sind gut gelaunt. Weil sie sich selbst ermächtigt haben, ein freies Leben zu führen und sich nicht von Klischees durchs Leben führen lassen. Die Würde des Alters besteht für sie nicht im Konjunktiv: würde, hätte, könnte. Sie tun einfach, was in ihnen steckt. Sie sind Macher. Und leben ihr Leben lässig bis zum hoffentlich guten Ende. Ohne jede Spur von Lebensmüdigkeit. Es gibt keinen Grund, dass man über 80 nicht noch große Dinge schaffen kann. Nur der Druck, den sich viele als jüngere Menschen machten, fehlt. Elke Heidenreich bringt es tiefenentspannt auf den Punkt: »Ich bin mit 82 glücklicher, als ich es mit 20 war.«

Also lassen Sie uns einen neuen Blick auf die jungen Alten werfen. Es gibt sie als Prominente, aber auch als Betreiber eines Tante-­Emma-Ladens, eines Friseursalons, eines Handwerkbetriebs. Sie sind überall. Weil es ein menschliches Grundbedürfnis ist, sich durch Arbeit Teilhabe zu sichern. Es geht dabei um Sinn. Die Langlebigen sind nicht verzweifelt. Es ist die Generation Unverzagt. Und die Generation Dankbar.

Barbara Bleisch hat mit ihrem Bestseller Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre bereits ein treffliches Plädoyer gegen den Jugendkult vorgelegt. Jetzt geht es darum, dem letzten Lebensabschnitt den Schrecken zu nehmen. Ein Schritt mehr. Der Blick auf das Alter kann spannend und anregend sein. Gutes Altern ist ein Megathema in einer alternden Gesellschaft.

In diesem Buch sprechen Role Models, die eine Menge davon verstehen. Und Selbstermächtigung als ihr Geheimnis enthüllen. Sie machen einfach weiter – weil sie es können. Und sie haben Humor. Joan Collins, bekannt aus der Serie Denver Clan, die gerade mit 91 Jahren den Film The Bitter End gedreht hat, sagte über das Alter: »Alter ist irrelevant. Es sei denn, du bist eine Flasche Wein.« Klingt nicht nach bitterem Abgang.

Lesen Sie die 25 Interviews von Elke Heidenreich bis Reinhold Messner, von Alice Schwarzer bis Theo Waigel, von Marie-Luise Marjan bis Peter Kraus. Sie werden staunen, wie viele Wege es zum Glück der späten Jahre gibt. Eines verbindet alle Interviewpartner und Zeitzeugen: Sie halten sich an den Volksmund »Wer rastet, der rostet«. Sie rasten auch, und zwar mit Genuss, aber erst nach der Arbeit, die sie nie als lästige Unterbrechung der Freizeit begriffen haben. Das Glück, etwas selbst geschaffen zu haben und nicht nur serviert zu bekommen, funkelt in ihren Augen. Wenn Arbeit Spaß macht, ist es keine Arbeit.

Elke Heidenreich

Jahrgang 1943

Schriftstellerin

»Ich bin mit 82 Jahren deutlich glücklicher, als ich es mit 20 war«

Niemand kann so geschliffen, elegant und ehrlich über das Alter schreiben wie Elke Heidenreich. Sie hat mit 81 Jahren den größten Erfolg ihrer wahrlich nicht an Triumphen armen Schriftstellerlaufbahn errungen: Ihr Buch Altern führte in Deutschland, der Schweiz und Österreich die Bestsellerlisten an. Weil Heidenreich, inzwischen 82, nichts schönredet, aber auch die Freuden des Alters schildert: »Wir sollten nicht jammern, das Leben im Alter ist nicht weniger wert als das in der Jugend. Was geht noch? Was kommt noch? Das Alter ist nichts für Feiglinge, das stimmt. Aber das gilt für jede Lebensphase. Ich bin schon in der Bonusphase meines Lebens. Wenn jedes Leben ein Thea­terstück ist, nehme ich das Rollenfach ›Altern‹ an und altere mit Neugier. Mein Grundgefühl ist Dankbarkeit, nicht Verlust.« Deutschlands Bestsellergarantin Nr. 1 liebt es, zu Hause mit ihrem Hund auf dem Sofa zu sitzen: »Mit einem Buch in der Hand und einem Glas Wein vor mir, dazu eine Tafel Schokolade fast täglich. Die Allianz Mensch, Buch, Lampe ist nicht zu toppen.«

Sie sind die letzte »Rock ’n’ Rollerin der Literatur« (Hubertus Meyer-­Burckhardt) und haben Millionen von Fans. Welcher blieb Ihnen besonders in Erinnerung?

Ich hatte das schöne Erlebnis, am Bahnhof in Frankfurt einen schick gekleideten Mann mit Einstecktuch zu treffen, der mich umarmen wollte. Er war 75, mein Buch hat ihm neuen Lebensmut nach dem Tod seiner Frau gegeben, den er erst nicht verkraftet hatte. Ich hätte ihm die Augen geöffnet, dass noch so viel gutes Leben vor ihm liegt, meinte er. Er zieht sich jetzt wieder fein an, hat das Ehebett halbiert, geht wieder ins Kino und ins Café, nimmt am Leben teil, trinkt jeden Samstag ein Glas Champagner. Solche Begegnungen sind die Sternstunden einer Autorin. Dass ich oft auf der Straße angesprochen werde mit den Worten »Frau Heidenreich, was soll ich lesen?«, daran habe ich mich gewöhnt. Ich antworte gern. Über Literatur muss man so reden, dass es alle verstehen.

Befinden Sie sich gerade in der glücklichsten Phase Ihres Lebens?

Eine der glücklichsten ganz sicher. Das Alter schimmert golden bei mir, weil ich es auch feiere. Es gibt diesen Schlager von Willy Schneider: »Man müsste noch mal 20 sein.« Bloß nicht! Im Alter bin ich viel weniger verzweifelt, als ich es in der Jugend war. Alles über 60 ist ein Geschenk, alles unter 30 eine Quälerei. Zwischen 60 und 90 ist eine unglaublich wichtige Zeit, die wir mit Sinn und Freude füllen können. Auf jeden Fall bin ich mit 82 Jahren deutlich glücklicher, als ich es mit 20 war. Ich war da viel dümmer, unsicherer, von falschen Männern umgeben. Da läuft man doch noch etwas orientierungslos durch die Gegend, leidet an Liebeskummer, lebt in Miniwohnungen, hat Nebenjobs wie Putzen oder Briefe austragen, um über die Runden zu kommen. Die wichtigste Lebensfrage »Was will ich eigentlich?«, war noch unbeantwortet. Ich musste damals sogar heiraten, um mit meinem Freund Gert Heidenreich, von dem ich den Namen habe, zusammenleben zu können, es gab ja noch den Kuppeleiparagrafen, der liberale Vermieter bedrohte. Was für eine dumme Moral und Prüderie! So war das zumindest bei mir. Heute bin ich dankbar für das, was ich mir erschrieben habe. Ich lebe in Köln in einem schönen alten Haus mit einem Garten und prächtigen Bäumen, habe einen Hund, viele Freunde und einen Lebensgefährten. Mein Freund ist Musiker, und wir haben viele Anfragen für gemeinsame Auftritte. Lesungen mit Musik. 2026 bin ich schon ziemlich ausgebucht. Viel länger plane ich nicht. Solange ich noch kann, mache ich das.

Sind es goldene Jahre für Sie?

Das klingt ein bisschen kitschig und frohlockend, das ganze Leben gehört ja zusammen. Die Wahrheit ist: Es gibt goldene Zeiten und düstere: Trennungen, Wechseljahre, Fehlentscheidungen, Krankheiten. Man kann das Leben so oder so sehen: gelungen oder in den Sand gesetzt. Beides gehört zusammen, das Auf und das Ab. Der Dichter Jean Paul sagte: Im Augenblick unserer Geburt wird ein Pfeil abgeschossen, er fliegt, solange wir leben. Wenn er uns trifft, sind wir tot. Sein Surren höre ich schon. Manchmal. Und dann wieder scheint mir, als flöge mein Schicksalspfeil noch weit in der Ferne.

Es ist also eine Frage der Einstellung. Besteht das Leben aus 90 Prozent Interpretation und zehn Prozent Fakten?

Gut geschätzt. In meinem Alter steht man auf einer Anhöhe des Lebens und übersieht es. Es gibt kein ständiges reines Glück, wo man jauchzend über Tische und Bänke springt. Ich erfreue mich an Gelassenheit, Zufriedenheit und Abgeklärtheit, die sich bei mir eingestellt haben.

Ihr gefühltes Alter?

Meistens fühle ich mich wie 60. Manchmal aber auch wie 108. Mein Beruf hält mich wach und kregel. Meine Zukunft ist wahrscheinlich nur noch kurz, aber die Gegenwart leuchtet. Ich will auch nicht jünger wirken, als ich bin. Ich will gar nicht wirken. Ich will nur ich sein.

Sie sind aber keine nette Alte, darauf legen Sie Wert. Streitbar waren Sie immer.

Mit meinen Freunden bin ich schon nett, aber ich kann spöttisch und störrisch sein. Ich lasse mir auch nicht einreden, dass meine Generation an allem schuld ist, an der Klimakrise, an Überschwemmungen und Dürren, an Kriegen. Wir haben viel Gutes geschafft: von Amnesty bis zu Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen, die Gründung der Grünen, der Feminismus, die Aufwertung der Frau. Leider ist jetzt wieder das Zeitalter der machtgeilen Männer angebrochen: von Trump bis Erdoğan, von Putin bis Netanjahu. Diese Kerle zerstören die Welt.

Leben wir trotzdem noch in der besten aller bisherigen Welten?

Ich finde, ja. In Deutschland sind wir noch auf der Insel der Seligen. Niemand muss hungern, wir haben eine reiche Kulturlandschaft und noch immer eine starke Wirtschaft. Wir haben Frieden, Meinungsfreiheit, Demokratie. Die Welt könnte schöner sein. Aber schon mein Freund Heiner Geißler, mit dem ich noch vierhändig Schubert am Klavier gespielt habe, hat gesagt: Die größten Bedrohungen sind der Kampf um Wasser und der Islam, der sich mit Brutalität ausbreitet. Israel will die Hamas ausrotten und sorgt doch nur dafür, dass der Hass auf Juden die nächsten zehn Generationen weitergegeben wird. Die Weltlage belastet mich sehr. Ich hatte eine Zeit lang in den Neunzigerjahren das Gefühl, ich lebte im irdischen Paradies, und jetzt zerbricht alles vor meinen Augen. Ich bin froh, dass ich mir das voraussichtlich nicht mehr länger als zehn Jahre angucken muss. Ich fasse es nicht, was wir einander antun.

Moment, bei Ihnen muss es doch heißen: Totgesagte leben länger. Als Ihnen mit 23 der linke Lungenflügel entfernt wurde, hat der Arzt Ihnen gerade noch fünf Jahre gegeben.

Ja, und die Ironie ist: Ich lebe! Und der Arzt ist tot. Ich hätte ihm gerne noch mal eine gescheuert. Ich bin heute noch entsetzt über seine empathielose Botschaft, die er mir ohne jede Sensibilität serviert hat. Machen Sie schon mal Ihr Testament, meinte er. Das hat mich so wütend gemacht. Ich dachte mir: Freundchen, jetzt erst recht! Und ich bin mir ganz sicher, dass die Operation unnötig war. Wenn ich ein Mädchen aus reichem Haus gewesen wäre, hätte man mich in ein Sanatorium wie auf Thomas Manns Zauberberg geschickt. Ich hatte verstopfte Bronchien, das war es. Aber immerhin konnte ich viel liegen und lesen, dadurch habe ich mich nie in die Krankheit reinfallen lassen, sondern mich herausgelesen. Nach der OP habe ich sogar wieder geraucht. Mit dem Gefühl: Ganz egal, ich sterbe sowieso. Heute komme ich nicht mehr jeden Berg hoch, aber leide ich darunter? Nein. Kürzlich war ich im Engadin, mit meinem Hund habe ich Stöckchen am See geworfen, das Hotel war ganz oben am Berg, ich hätte es nicht mehr raufgeschafft. Na und? Ich bin getrampt, sofort hat mich jemand mitgenommen. Das bestätigt mich in meiner Überzeugung: Die Menschen sind grundsätzlich gut. Und lieben es, anderen einen Gefallen zu tun. Weil das einem selbst gute Gefühle gibt. Wer anderen hilft, hilft sich selbst. Ich will ermutigen: einfach Augen aufmachen. Rangehen. Zupacken.

Hatten Sie nie Selbstmitleid?

Hielt sich in Grenzen. Der Dichter Frank McCourt hat einmal gesagt, es gebe nichts Besseres für einen Künstler als eine unglückliche Kindheit. Die überbehüteten Kinder von heute, die reiten und zur Schule gefahren werden, halten nicht so viel aus, sie können keine Tiefe entwickeln, keine Widerstandsfähigkeit. Ich habe erst aus Büchern gelernt, dass es nicht normal ist, sich anschreien zu lassen. Lesende Kinder sind erst mal pflegeleicht. Sie sitzen still in der Ecke, aber sie werden später gefährlich: weil in guten Büchern die Rebellion angelegt ist.

Kann das Alter schön sein? Sie haben Ihr Buch Ihrer Freundin Elisabeth von Borries gewidmet.

Ja, kurz vor ihrem Tod konnte ich ihr das Buch noch in die Hand geben, sie starb mit 105 Jahren. Ich durfte sie in den Fünfzigerjahren als Schülerin besuchen, sie war die Mutter einer Klassenkameradin, und sie hat mich wie ihr Kind aufgenommen. Bei ihr war ich geborgen und aufgehoben und spürte die Herzlichkeit, die ich in meiner Geburtsfamilie und auch bei dem kinderlosen Pfarrerehepaar, bei dem ich dann ab 15 aufwuchs, vermisste. Ich musste das Pfarrerpaar immer siezen, es gab keine Umarmung. Obwohl sie mich, dafür bin ich sehr dankbar, mit Bildung und Büchern bekannt machten. Wichtige und interessante Menschen kamen zu uns nach Hause und am Tisch wurde über Adorno und Habermas geredet. Aber bei Elisabeth wurde ich einfach lieb gehabt. Da ging es um Herzensbildung. »Wo so viele Leute in unserem Haus sind, ist für Elke auch noch Platz«, meinte sie ganz schlicht. Als Elisabeth ihren 100. Geburtstag feierte, rief sie: »Wo ist denn mein viertes Kind?« Damit war ich gemeint. Das war ihre zutiefst menschliche Botschaft. Ich war beglückt.

Hat sie Ihnen die Angst vor einem langen Leben genommen?

Ich habe die sowieso nicht. Der Blick dieser Frau zeigte Güte und Freundlichkeit, das Allerwichtigste im Leben. Wichtiger als Reichtum und Ruhm. Auf dem Sterbebett hat sie mich noch mal an sich gedrückt und mir ganz friedlich und furchtlos gesagt: »Ich geh gerne jetzt!« Das hat mich beruhigt. Ich habe auch gute Freunde, die mich in den Tod begleiten würden. Und die wichtigste ist meine Freundin Leonie, die so viel für mich erledigt. Aber ich glaube, ich wünsche mir eher einen schlichten Tod im Bett, einfach aufhören zu atmen. Und möglichst allein. Danach bitte keine Todesanzeigen und großen Trauerfeiern. Ich habe auch schon beschlossen, was von mir bleibt. Und was verbrannt werden soll. Als ich auf Instagram bekannt gab, dass ich gerade frühe Aufzeichnungen vernichte, gab es einen Sturm der Entrüstung. Aber das ist doch keine Weltliteratur, das ist nur mein banales Leben als Teenagerin. Das nur mir gehört. Also kann ich sagen: Weg damit! Da bin ich unsentimental.

Auch die Kinder von Elisabeth waren in ihrer letzten Stunde anwesend, warum wollten Sie nie eigene Kinder?

Es hat nicht in mein Leben gepasst. Ich hatte keine schöne Jugend, das wollte ich nicht noch mal erleben. Ich hatte Angst, dass die Härte, die ich von meiner Mutter erlebt habe, zum Beispiel Ohrfeigen, dass ich die an eigene Kinder weitergeben würde und mir die Hand ausrutscht. Zweitens hatte ich körperlich nie den Wunsch, ein Kind zu kriegen. Drittens leide ich mein ganzes Leben an Atemproblemen, schon wenn ich eine Treppe raufgehe. Ich habe ja nur noch eine halbe Lunge. Und viertens fehlte mir der richtige Mann für ein Kind. Bernd Schroeder, meine große Liebe, mit dem ich 25 Jahre zusammen war, ließ sich schon früh sterilisieren. Er wollte auch keine Kinder.

Was war Ihnen wirklich wichtig?

Unabhängigkeit, ich war nie einen einzigen Tag fest angestellt. Das ist mir wichtig. Manchmal bin ich ganze Tage nicht erreichbar, wenn ich schreibe. Dann blende ich den Rest der Welt aus. Ich muss niemandem Rechenschaft ablegen. Aber ich bin zuverlässig, liefere meine Texte pünktlich ab.

War es gut, dass Sie sich mit Ihrer Mutter noch mal versöhnen konnten vor ihrem Tod?

Ja, wir haben noch Gespräche geführt und einiges Unausgesprochene bereinigt. Ich trage heute noch gern ein Nachthemd von ihr. Sie war Näherin, und ich hatte ihr eine Eigentumswohnung gekauft, damit sie im Alter sorglos sein konnte. Aber mit 90 stürzte sie und kam in eine Art betreutes Wohnen, bevor sie einen Schlaganfall erlitt. Im Kopf war sie nicht mehr da, sie lag zwei Wochen im Krankenhaus, ich war jeden Tag bei ihr am Bett, obwohl sie nicht mehr ansprechbar war. Aber einen Tag fehlte ich wegen eines Umzugs von Freunden, das muss sie gespürt haben, da ist sie gegangen. Sie war lebensmüde, eigentlich ihr ganzes Leben, und sagte jedes Jahr: »Dieses Weihnachten ist mein letztes.« Gewundert hat es mich nicht: Sie war depressiv, hatte zwei Weltkriege erlebt, war im Beruf und in ihrer Ehe nicht glücklich. Ich habe sie nie strahlend, glücklich und lustig erlebt. Ganz im Gegensatz zu meinem Vater, der beim Gassigehen am Tag auf der Straße zusammenbrach: Herzinfarkt. Keiner beugte sich runter, man dachte, er wäre betrunken. Sein Hund bellte stundenlang neben ihm. Vielleicht wäre er noch zu retten gewesen. Er ähnelte Steve McQueen, klein, charmant. Er war ein Hallodri und Mechaniker von Luxusautos. Dennoch war ich meinem Vater näher als meiner Mutter.

Was hat sich in Ihrem Leben im Alter verändert?

Ich fahre nicht mehr Motorrad. Ich hatte eine BMW 500. Dann hatte ich einen Unfall mit der aufgerissenen Tür eines unaufmerksamen Autofahrers, der Arm war fast Brei. Jetzt fahre ich höchstens mal bei Marc-Aurel auf seiner Maschine mit, aber er muss mir beim Auf- und Absteigen helfen.

Wie gesund sind Sie jetzt?

Ich bekomme Spritzen in die Augen wegen Makuladegeneration, das ist entsetzlich. Aber sonst geht es mir gut. Ich stehe um acht Uhr auf, gehe jeden Tag mit Freundinnen und den Hunden eine Stunde spazieren. Und nachmittags und abends noch mal kurz. Das tut mir gut, ich verbringe ja viel Zeit am Schreibtisch. Nach dem Hundespaziergang ziehe ich mich fünf Stunden eisern zum Schreiben und Postbeantworten zurück, der Hund schaut mir zu. Danach mache ich den Haushalt, schaue jeden Tag um 19:20 die Sendung Kulturzeit auf 3Sat, die großartig ist, obwohl sie da gendern, was ich sprachlich ekelhaft finde. Und auch sinnlos. Das ändert gar nichts. Und abends relaxe ich nach dem Abendessen.

Der Blick in den Spiegel – erfreut er oder erschrickt er?

Weder noch. Ich habe die gute Haut von meiner Mutter geerbt, bin nicht zerknittert, sie sah mit 90 noch klasse aus. Ich bin optisch zufriedener als früher. Im Alter werde ich eher schöner, das ist mein Lebensgefühl. Viel kaltes Wasser ins Gesicht, das ist mein Rezept. Nie Botox, ich habe auch eine gute Creme. Schönheits-OPs lehne ich für mich ab, es ist grauenhaft, wie verschnitten und unnatürlich viele Frauen danach aussehen. Das ist so ein verzweifelter Schrei nach Liebe von Frauen, denen es an Selbstvertrauen fehlt. Ich hatte den Vorteil, dass ich nie eine klassische Schönheit war und immer eher mit Witz und Klugheit und Frechheit auf mich aufmerksam gemacht habe. Als ich 19 war, bewunderten die Männer meine hübsche Freundin. Aber ich war lustiger. Nach mir drehten sich wenige um, ich fiel erst auf, wenn ich redete. Und die Männer entschieden sich dann oft für mich. Eigenschaften wie Charme und Humor kann man lebenslänglich nutzen, während der körperliche Lack abblättert. Auf der Rolltreppe im Kaufhaus komme ich mir manchmal glanzlos vor, sehe da in den Spiegeln eine zerzauste ältere Frau mit mausigen Haaren, aber solche Momente kennt jeder. Und ich kann ja auch strahlen. Wenn ich Bilder von mir von früher sehe, bin ich ganz zufrieden: Ich war schon ein Schuss, auch wenn ich nie einen Schönheitswettbewerb gewonnen hätte. Aber muss man das? 2008 habe ich bei den Salzburger Festspielen in einem Kleid meiner Mutter mit Mottenlöchern, über dem ich eine Samtjacke trug, die Eröffnungsrede gehalten, danach habe ich zwei elegant aufgeputzte Frauen auf der Toilette reden hören: »Gescheit ist sie ja schon, aber fesch ist sie nicht.« Als ich rauskam und konterte: »Aber fesch sind doch Sie, meine Damen«, sind sie sehr blass geworden. War mir ein Fest.

Was ist einer der größten Irrtümer am Alter?

Dass man denkt, wir alle sind gleich. Nach Lesungen kommen Frauen zu mir und sagen stolz: Ich bin der gleiche Jahrgang. Aber wenn ich ihnen ins Gesicht schaue, denke ich mir: Wir sind so verschieden, so individuell. Das Alter legt uns nicht fest. Ich finde auch die Frage nach dem Alter bei einer Frau nicht unziemlich, das hat mit mangelnder Höflichkeit nichts zu tun. Wir Frauen dürfen uns nicht selbst für unser Alter schämen und es zum Tabuthema erklären, damit legitimieren wir ja den verächtlichen Blick. Dahinter steckt die Vorstellung, dass man als alter Mensch nichts oder wenig wert ist. Was für ein Unsinn! Wir sollten selbstbewusst auftreten. Ältere Menschen sollten sichtbar sein. Und nicht mausgrau. Sie sollen rausgehen, Menschen treffen, Freundschaften pflegen, zum Geburtstag gratulieren. Dann rufen andere auch bei einem selbst an oder kommen vorbei. Aktivität ist das Zauberwort, nicht auf andere warten. Das Glück klingelt selten an der Tür.

Ist Ruhestand auch ein schreckliches Wort?

Nein, das Wort ist nicht schrecklich, höchstens das, was wir daraus machen. Ruhestand – wovor, wozu? Wenn jemand nur noch am Fenster sitzt oder fernsieht – bitte schön. Ich habe es gern ein bisschen unruhiger. Wer rastet, der rostet. Man kann sich überfordern, aber die Unterforderung ist häufiger und schlimmer. Und führt unweigerlich zu Krankheiten. Der Philosoph Peter Sloterdijk meint, es sei ein Privileg, sich anstrengen zu dürfen. Kluger Mann.

Möchten Sie gerne ewig leben?

Nein, das wäre grauenhaft. Die Endlichkeit macht das Leben doch erst kostbar. Ich will es aufrecht leben, das reicht doch. Und ich liebe mein Leben jetzt. Der Himmel ist blau, mein schönes Auto, das ich mir vor drei Jahren noch gekauft habe, ist auch leuchtend blau. Und was andere Wünsche angeht: Das Gehabthaben schützt vor dem Habenwollen. Ich hatte viel und bin zufrieden.

Mit 80 haben Sie sich wieder einen Hund angeschafft – ist das nicht ein bisschen spät?

Ja, weil ich ohne Hund nicht leben will, der alte war gestorben. Es ist ein kleiner Hund, und wenn ich nicht mehr da bin, wird meine Freundin Leonie ihn versorgen. Wenn mein Freund nicht gegen Katzen allergisch wäre, hätten wir auch sicher wieder eine Katze. Mein Katzenbuch Nero Corleone war ja einer meiner großen Buch­erfolge, ich verdanke sozusagen einem Kater mein Haus.

Kann ein Hund ein Kinderersatz sein?

Umgekehrt: Ein Kind wäre ein Hundeersatz (lacht). Ein Kind ist natürlich viel anspruchsvoller als diese zehn Kilo warmes Leben.

Wie wichtig ist die Liebe zu Ihrem 28 Jahre jüngeren Freund?

Sehr wichtig. Als ich jung war, bin ich oft ausgebrochen, jetzt im Alter bin ich dankbar für Beständigkeit. Uns verbindet die Liebe zur Musik. Wir haben uns bei der jahrelangen gemeinsamen Arbeit für die Kölner Kinderoper kennengelernt, er war für die Partituren zuständig, ich für die Texte. Unser Altersunterschied war zwischen uns nie ein Thema. Und warum soll eine Frau keinen deutlich jüngeren Mann haben? Bei Männern ist das ja ganz normal. Wir verstehen uns gut, obwohl wir sehr verschieden sind, wir arbeiten viel zusammen, das ist ganz wichtig, und so tut diese Beziehung uns beiden nun schon seit 20 Jahren gut. Jede Liebe ist anders. Es mangelt in der Welt ja nicht an Liebe, es mangelt an erträglichen Erwartungen. Der armen Liebe wird zu viel aufgebürdet. Es gibt doch kein Recht auf Glück! Wir können uns morgen verkrachen, erkranken, verunglücken, sterben.

Wie schaut Ihr Alltag als Paar aus?

Den gibt es kaum. Er hat bei mir ein Arbeitszimmer, ein Klavier und einen Schlüssel zu meinem Haus, ist aber auch oft in seinem Atelier. Er lässt mir meine Freiheit. Ich habe oft ein höheres Tempo und bin sehr undiplomatisch. Er hat ein paar Jahre gebraucht, um mit meiner Wucht zurechtzukommen, sagt er. Und es stimmt: Ich bin radikal ehrlich, sollte öfter mal die Klappe halten. Er ist im Alltag verpeilter, allein schon weil er so viele Stunden Klavier spielt – Gott sei Dank am Flügel in seinem Studio. Er ist ein Träumer, manchmal holt er mich am Bahnhof in zwei verschiedenen Schuhen ab, und wenn ich dann ausraste, fragt er: »Ist das wichtig?« Und irgendwie hat er ja recht: nein, ist nicht wichtig.

Erotik wird den 80-Jährigen kaum mehr zugetraut.

Das ist dummes Zeug, Liebe, Erotik, Zärtlichkeit, das hört doch nicht einfach auf. Es begleitet uns in verschiedenen Formen durchs ganze Leben, natürlich im Alter nicht mehr so heftig und leidenschaftlich wie in der Jugend.

Was sagen Sie zu dem Kompliment: »Sie sehen noch gut aus – für Ihr Alter!«

Das ist diskriminierend. Das heißt ja: Alle Alten sehen schlimm aus, du nicht. Als ob wir Obst mit Druckstellen wären. Oder verschrumpeltes Gemüse. Die Wahrheit ist: Ich sehe an manchen Tagen großartig aus, an anderen schrecklich. Ich will nicht, dass wir uns ständig bewerten lassen müssen. Und Bewertungen sollten uns auch egal sein. Wir dürfen niemandem Macht über uns einräumen.

Was wünschen Sie sich?

Besseren Schlaf. Ich wache oft zwischen drei und fünf Uhr auf. Dann lese ich. Oder sage mir Gedichte auf. Wenn es ganz schlimm ist, gehe ich nachts mit dem Hund eine Runde um den Block.

Helfen Dichter und die Philosophen beim Blick auf das Alter?

Oh ja, sehr, aber auch da sind die Ansichten ja total verschieden. – Seneca sagt, das Alter sei eine Krankheit, Schopenauer meint, man solle nur hübsch alt werden, dann füge sich schon alles. Und mein Freund Gerhard Polt sagt: »Elke, wir resignieren. Aber vital.« Elias Canetti gefällt mir auch: »Seit wann bist du alt? Seit morgen.«

Das Schlimme am Alter ist dann ...

Dass man viele Freunde verliert, die Einschläge kommen näher. Tomi Ungerer, Jürgen Flimm, gerade meine liebe Freundin, die Verlegerin Ida Schöffling, mein Freund Hans Neuenfels. Wir saßen noch an einem Buch, da legt er sich einfach hin und stirbt. Seine Frau Elisabeth Trissenaar ein Jahr später. Das ist verstörend. Meine Freundin Senta Berger hat ihren Mann Michael Verhoeven nach 60 Jahren Ehe verloren, das ist ein Schmerz, der nie mehr heilt. Jetzt dreht sie wieder. Mit ihrem Sohn Simon. Wie wunderbar ist das? Senta und ich, wir sind beide Kämpferinnen. Mich hält das Schreiben im Rhythmus, Senta das Drehen. Sollen wir etwa Schränke aufräumen? Arbeiten ist ein Privileg. Dass jemand noch etwas von einem will, ist gut. Wir sind nicht überflüssig.

Wie oft sind Sie dem Tod von der Schippe gesprungen?

Meine Schutzengel sind mir treu. Sie haben über meiner schwierigen Kindheit gewacht und auch über einem schweren Autounfall, den ich mit meinem Mann hatte. Dann kam der Brustkrebs, den ich auch überlebt habe, er kam bis heute nicht zurück, nur die Narbe erinnert mich daran. Und es gibt noch so einige sehr heikle Momente – aber es ist bis jetzt immer gut gegangen. Das gehört doch zum Leben: die Gefahr und das Gerettetwerden.

Was wird von Ihnen bleiben?

Vielleicht meine Bücher. Solange sich jemand an mich erinnert oder mich liest, lebe ich noch. Ich habe keine Angst – und keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod. Ich glaube an keine Hölle, keine Bestrafung, keine Belohnung. Es klingt arrogant, ich habe zwar Religionswissenschaft studiert, aber für einen Glauben an Gott bin ich wohl zu nüchtern, es ist in meinen Augen eine Erfindung der Menschen, um mit ihrer Sterblichkeit klarzukommen. Gott ist die Natur und die Schöpfung – Himmel, Wolken, Sterne.

Ist das Erbe geregelt?

Selbstverständlich, wie sich das gehört, mit Notar.

Wird das Alter auch von Werbern missbraucht?

Ja, da findet man sich dann als Seniorin, Silver Ager, Best Ager, Goldie oder Grampie wieder. Das sind alles alberne Etiketten, Verdrängungsvokabeln, Dummdeutsch. Wir Alten sind so wenig homogen wie kaum eine andere Gruppe. Das Alter definiert einen nicht. Picasso hat gesagt: Man braucht lange, um wieder jung zu werden. Um wieder wie ein Kind zu zeichnen. Da ist was dran. Er hat sich seine Kindheit zurückgeholt.

Was ist Ihr bester Vorsatz?

Nie einen Satz mit »Früher« anfangen. Früher war nicht alles besser, nur anders.

Sie sind so produktiv. Haben Sie auch ausreichend geliebt?

Ja, ich habe viel geliebt in meinem Leben: kurze Lieben, lange Lieben. Ich war leicht verführbar und habe verführt. Jeder möchte ein Gegenüber haben, das einen versteht, mit dem man das Leben aushalten kann. Wenn die Funken flogen, hatte ich auch Affären, war auch nicht immer treu. Ich habe die Männer oft verlassen, es hat ihnen manchmal das Herz gebrochen. Aber mein Herz brach mitunter auch – wir sind quitt (lacht). Mein größtes Glück war die lange und gute Ehe mit Bernd Schroeder. Er hat mein Leben mehr bestimmt und bereichert als jeder andere. Wir hatten 25 großartige Jahre, in denen wir immer wieder wunderbar zusammen gearbeitet und geschrieben haben. Diese Zeit gleicht andere Enttäuschungen mehr als aus. Und dass ich jetzt mit Marc-Aurel so lange schon zusammen lebe und arbeite, ist auch ein großes Glück.

In welcher Jahreszeit Ihres bunten Lebens wähnen Sie sich?

Der Frühling strengt mich an, weil ich nach dem Winter keine Kraft mehr habe. Der Winter ist erträglich, aber muss nicht sein. Der Sommer ist mir zu fordernd und anstrengend, ich bin schon als Kind nicht gern ins Freibad gegangen. Ich nehme den Herbst, der hat die schönsten Farben. Alles golden.

Reinhold Messner

Jahrgang 1944

Extrembergsteiger, Abenteurer und Schriftsteller

»Diane ist mein Lebensmensch, mein Jungbrunnen, wir bilden eine Seilschaft der Liebe«

Er hat einen Neuanfang gemacht, einen mutigen, einen liebevollen: Seit Reinhold Messner mit seiner Frau Diane verheiratet ist, hat sich sein Lebensgefühl völlig verändert. Mit der Luxemburgerin hat er eine ebenbürtige Partnerin gefunden, die seine Leidenschaften teilt. Und ihn sichtlich verjüngt. Weil die beiden gemeinsame Projekte rund um die Berge verfolgen. Wie das Reinhold-Messner-Haus in Südtirol am 2433 Meter hohen Berg Helm. Ein Museum, das die Gegenwart der Berge zeigt und in die Zukunft gerichtet ist. »Es ist viel besser und nachhaltiger, hier ein Haus der Kultur zu errichten, das neugierige Besucher anzieht, als die alte Seilbahnstation abzureißen. Das hätte sehr viel Geld gekostet«, meint die Bergsteigerlegende. Dieser Mann hat viele Leben. Er war Felskletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger in den Polarregionen, Forscher, Filmemacher, Politiker im Europaparlament und Gründer von sechs Museen. Aber ein Messner ist noch lange nicht vollendet. Weil er einen Treibstoff in sich hat: »Wenn ich mich ins Tun begebe, mache ich das mit Begeisterung und Intensität. Dann entsteht Glück, ohne es zu wollen. Es passiert. Ich habe mich immer wieder neu erfunden und bei null angefangen. Dann sind die Neugierde und die Lebensfreude am größten.«

Herr Messner, ein Neustart mit 81, wie fühlt sich das für Sie an?

Der Himmel hat mir Diane geschickt. Sie hat mich gerettet, hatte ich mich doch schon damit abgefunden, im Alter allein zu bleiben. Zum ersten Mal habe ich eine Frau, die mich begleitet auf meinen Reisen, die abenteuerlustig ist, die organisieren kann. Ich mag ihre Klugheit, ihre unbändige Neugier, ihre Intuition. Für jedes Problem gibt es eine Lösung, das lebt Diane. Das ist ein unfassbares Glück. Diane toleriert meine Liebe zu den Bergen nicht nur wie meine Ex-Frauen, sie unterstützt sie mit allen Kräften. Das ist neu. Ein Paar, das sich liebt, braucht gemeinsame Projekte. Vor Diane war mein Leben ein ausklingendes. Mit Diane lebe ich Zukunft.

Diane Messner: Und Gegenwart. Wir sind sieben Jahre zusammen, drei davon verheiratet. Wir lachen viel und streiten auch, aber wir sind uns schnell wieder einig. Es gibt nie böses Blut. Ich kann geben. Und ich kann sogar kochen. Das war die erste Frage, die Reinhold mir gestellt hat.

Das war pure Unsicherheit, ich war ja damals ein halbes Jahr Single nach der Trennung von meiner Frau, musste erst mal lernen, wie man eine Waschmaschine bedient. Diane und ich haben uns in einem meiner Museen kennengelernt. Plötzlich stand sie vor mir. Diane tippte mir ihre Nummer in mein Handy ein. Ich spürte, dass das nicht nur eine banale Begegnung mit einem Selfie ist, schnell stellte sich heraus, dass unsere Sehnsüchte zusammenpassen können. Diane ist mein Lebensmensch, mein Jungbrunnen. Mit ihr fühlte ich mich eher wie 60 als 81. Ich genieße eine wunderbare Zweisamkeit. Wir bilden eine Seilschaft der Liebe, zum ersten Mal fühle ich mich darin getragen. Mit ihr lerne ich neue Werte kennen, das kann man nur zu zweit. Nichts ist so intensiv. Vor Diane fühlte ich mich alt und stumpf. Jetzt gehen wir Hand in Hand durch die Welt. Ich war übrigens schon immer für das Matriarchat, Diane ist also meist die Führende. Kein Problem für mich.

Diane Messner: Wir sind auf Augenhöhe. Und reden über alles. Nur am Berg schweigen wir. Ich bremse Reinhold nicht. Auf geht’s – ich bin an deiner Seite. Das ist auch mein Motto.

»Kalipe« ist meines: Das ist der tibetische Gruß und heißt: »Immer ruhigen Fußes.« Ich bin ja ein Mann im Lebensherbst. Da legt sich die Natur langsam hin und schläft. Aber ich bin nach einer schweren Lebensphase wieder hellwach und hoch motiviert. In der ganzen Welt werde ich geschätzt, gerade habe ich in Südkorea einen Preis bei einem Filmfestival bekommen, aber besonders genieße ich meine Heimat. Wir haben in Südtirol einen großen Schatz: die Landschaft. Andere Länder haben Öl. Das Öl geht irgendwann zu Ende, unsere Landschaft bleibt. Die Dolomiten sind 250 Millionen Jahre alt. Diese Berge werden eines schönen Tages als Sand wieder im Meer verschwinden. In der Eiszeit war alles unter vier Kilometer dickem Eis. Die Gletscher verschwinden jetzt schon aufgrund des menschengemachten Klimawandels. Bald gibt es sie nicht mehr in den Alpen. Niemand hat ein Konzept gegen die Erderwärmung. Der Permafrost schwindet, es kommt zu Felsstürzen, die Natur braucht uns nicht. Aber wir die Natur.

Sind Sie voller neuem Tatendrang?

Ja, wir sind ausgebucht bis ins nächste Jahr mit Vorträgen. Und wir haben dieses neue Reinhold-Messner-Haus in einer ehemaligen Seilbahnstation aufgebaut. Allein hätte ich mich das nie getraut. Diane kann alles, was ich nicht kann. Es gibt für die Liebe nichts Besseres, als gemeinsam etwas zu schaffen, was man alleine nicht hinbekommen hätte. Diane ist Inspiration pur, sie hat viele gute Ideen. Wir haben das Start-up Messner-Mountain Heritage gegründet, das es auch nach meinem Tod geben wird. Diane wird das dann übernehmen. Das gibt mir ein gutes Gefühl.

Diane Messner: Ich kenne mich mit den neuen Medien aus. Es ist heute sehr wichtig, digital präsent zu sein, in Luxemburg habe ich als IT-Fachkraft bei der Post gearbeitet. Reinhold und ich, wir sind ein WIR, ein ebenbürtiges. Wir haben schon viele bösartige Attacken überstanden, nachdem seine Kinder und seine Ex-Frau sich von ihm abgewandt haben. Und natürlich wurde über ihn getratscht, weil manche eine junge Frau an seiner Seite nicht ertragen konnten. Dass es bei uns nicht ums Alter ging, sondern um Inhalte, wurde übersehen. Es gab toxische Menschen in Reinholds Nähe, die wir aus unserem Leben entfernt haben. Neid und Intrigen brauchen wir nicht. Leider lehnen mich Reinholds Kinder ab. Ich finde es sehr schade, dass sie ihm sein neues Glück offenbar nicht gönnen. Darüber entscheidet doch nur er selbst. Ich war ja auch nicht der Trennungsgrund, Reinhold war Single, als ich ihn traf. Schade, dass Sprachlosigkeit zwischen ihnen herrscht. Ich nehme ja niemandem etwas weg. Ich füge Reinhold nur etwas dazu.