Goschamarie S'Dieterle - Stefan Mitrenga - E-Book

Goschamarie S'Dieterle E-Book

Stefan Mitrenga

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Beschreibung

Eine Serie merkwürdiger Baustellunfälle erregt die Aufmerksamkeit von Zeitungsausträger Walter und seinen Freunden. Was erst nach einer Ansammlung von Zufällen aussieht, entpuppt sich als eine Reihe bewusster Manipulationen. Schnell ist ein Verdächtiger gefunden, doch Walter hat seine Zweifel, da der mutmaßliche Täter einer seiner besten Freunde ist. Walter macht es sich zur Aufgabe seinen Freund zu entlasten und den wahren Täter zu finden.- Ein amüsanter Dorfkrimi mit launigen Geschichten von der Goschamarie. Schwäbischkenntnisse sind hilfreich.

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Seitenzahl: 359

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Goschamarie

S‘Dieterle

Der achte Taldorf-Krimi

Impressum

Texte: © Copyright by Stefan Mitrenga 2025Umschlaggestaltung: © Copyright by Stefan Mitrenga 2025

Foto von Dieterles Hütte: ChatGPTKorrektur: Claudia Kufeld, Kierspe

Verlag:Stefan MitrengaBodenseestraße 1488213 [email protected]

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Vorwort

Tatsächlich ist das Vorwort immer das Letzte, was ich schreibe. Also sitze ich jetzt mit einem zufriedenen „Uff-ich-hab‘s-geschafft“-Lächeln in meinem Schaukelstuhl.

Es ist doch immer wieder ein kreativer Marathon, wenn eine neue Geschichte entsteht. Diesmal hat es die kleine Ermittlergruppe um Zeitungsausträger Walter mit einer Serie merkwürdiger Baustellenunfälle zu tun. Die Ermittlungen laufen zäh, doch dann gerät einer von Walters Stammtischfreunden unter Verdacht. Eine schwierige Situation für Walter und seine Freunde.

Natürlich sind auch wieder einige schöne Geschichten von der Goschamarie dabei, die sich mit durstigen Bauarbeitern und einem zechprellenden Pfarrer herumschlagen muss.

Eine besondere Rolle spielt diesmal einer, der sonst nur eine kleine Nebenrolle hatte: s‘Dieterle. Endlich lernen wir seine ganze Geschichte kennen.

Allerdings kam ich mit ihm auch an meine Grenzen. Auf allen Covern, der bisherigen sieben Bücher, ist irgendetwas aus Taldorf zu sehen. Diesmal sollte es Dieterles Hütte sein. Doch leider war es mir nicht möglich, das reale Vorbild meinen Vorstellungen entsprechend zu dekorieren. Daher habe ich einen ersten KI-Versuch gestartet. Ich finde ChatGPT hat das ganz gut gemacht. Die KI ist aber ausschließlich für das Bild auf dem Cover verantwortlich. Jedes einzelne Wort in diesem Buch stammt von mir. Ausnahmslos. Die KI käme mit meinen Geschichten wohl auch an ihre Grenzen. Probiert doch einfach mal aus, wie ChatGPT die schwäbischen Sätze von Marie übersetzt. So intelligent ist die Maschine dann wohl doch nicht.

Ich wünsche viel Spaß mit meinem achten Taldorf-Krimi!

Goschamarie,

eigentlich „Marie“, die schlagfertige Wirtin im Gasthaus„Zur Traube“.

Walter,

der Zeitungsausträger in Taldorf und Umgebung.

Liesl,

Walters Freundin. Ist erst vor ein paar Jahren in das Haus neben Walter gezogen.

Balu,

Walters treuer Wolfsspitz.

Kitty,

beste Freundin von Balu. Die Tigerkatze gehört eigentlich zur Wirtschaft.

Eglon,

Liesls mürrischer, roter Kater.

Eugen,

Gymnasiallehrer im Ruhestand. Ewiger Besserwisser.

Jussuf,

sympathischer Türke, liefert Walter jeden Morgen die Zeitungen.

Theo, Elmar, Max und Peter,

Stammtischfreunde von Walter.

Faxe,

Kfz-Mechaniker mit faszinierender Ausstrahlung.

Kripo-Hubert, Manni, Streifenkollege Hans und Anne,

gehören zu Walters Ermittlergruppe. Anne ist außerdem mit Elmar zusammen.

Klein-Walter,

der kleine Sohn von Anne und Elmar.

Georg,

mürrischer Landwirt und Walters Freund. Seit kurzem erfolgreicher Romanautor.

Trockenbauer Hansi,

selbständiger Trockenbauer. Erst seit kurzem Gast am Stammtisch bei der Goschamarie.

Chiara und Fred,

die Hunde von Georg. Chiara ist Balus Freundin, Fred ihr gemeinsamer Sohn.

Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden, auch die Personen und ihre Handlungen. Eventuelle Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig.

Vorspiel

22. März 2015

„Wie fühlen Sie sich heute?“, fragte Dr. Pol und wartete geduldig auf die Reaktion ihres Patienten.

„Genauso wie letzte Woche … und die Woche davor … und auch wie die anderen Male“, antwortete Werner zögerlich.

Die Therapeutin hörte die Resignation in seinen Worten. Das war nicht ungewöhnlich. Viele Patienten erwarteten von den Sitzungen schnelle Hilfe, als müsste man nur das richtige sagen, und alles wäre gut. Doch so funktionierte das nicht. Eine Therapie war ein Prozess, der in kleinen Schritten vorankam, oft gab es auch Rückschläge, die die Patienten noch weiter frustrierten.

„Sie gehen nach wie vor ins Büro?“

Werner nickte.

„Die Arbeit lenkt mich ab. Je mehr ich eingespannt bin, desto weniger denke ich an Rike …“

Er verwendete die Kurzform ihres Namens, wie immer in den letzten zweiunddreißig Jahren. Es kam ihm unpassend fremd vor, wenn er sie „Ulrike“ nannte. Obwohl es eigentlich keinen Unterschied mehr machte.

„Warum wollen Sie nicht an ihre Frau denken?“

Werner blickte auf und fixierte einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand.

„Weil es … weh tut …“

Seine Augen wurden feucht.

„Was tut Ihnen weh? Die Erinnerung an Ihre Frau oder die Tatsache, dass Sie sie verloren haben?“

„Beides“, platzte es aus Werner heraus. „Jede Ecke unseres Hauses erinnert mich an sie. Egal was ich tue … sofort frage ich mich, was Rike gesagt oder getan hätte. Und dann wird mir bewusst, dass ich das nie mehr erfahren werde.“ Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Diese Leere … dieses Verlangen nach ihr … es zerreisst mich. Meine Brust schnürt sich zusammen und es raubt mir den Atem. Mein ganzer Körper schmerzt.“

Werner hatte sich in Rage geredet und rang nach Luft. Die Tränen rannen über sein Gesicht und tropften vom Kinn auf den Kragen seines Hemdes.

Dr. Pol wartete, bis er sich etwas beruhigt hatte.

„Sie müssen lernen, diese beiden Dinge zu trennen. Natürlich dürfen Sie Rike vermissen, Sie dürfen trauern, und ja: Sie dürfen auch richtig traurig sein, aber Sie müssen einen Weg finden, die schönen Erinnerungen zu bewahren und sich daran zu erfreuen. Verdrängen Sie nicht die wunderschönen Erlebnisse, die Sie gemeinsam hatten. Sie sind ein wichtiger Teil Ihrer Persönlichkeit. Das waren sie schon in den letzten dreißig Jahren, und wenn Sie irgendwann wieder ganz der alte werden wollen, müssen Sie diese Erinnerungen in Ihr Leben lassen. Sie müssen sie als das akzeptieren, was sie sind: die Grundpfeiler Ihrer Persönlichkeit. Wir alle sind von dem geprägt, was wir erlebt haben. Das macht uns als Individuum aus.“

Werner blickte auf seine Schuhe.

„Und wenn ich das nicht schaffe?“

Dr. Pol rückte die Brille auf ihrer Nase zurecht und lächelte versöhnlich.

„Sie werden es schaffen. Früher oder später. Eines Tages werden Sie an einen besonders schönen Moment mit Rike denken und dabei lächeln, weil Sie sich ihr in diesem Moment wieder nahe fühlen. Doch dafür müssen Sie lernen, den Schmerz über den Verlust, von diesen Erinnerungen zu trennen. Das braucht seine Zeit.“

Die Worte der Therapeutin hallten noch in ihm nach, als er mit der S-Bahn zurück ins Büro fuhr. Das braucht seine Zeit. Wie lange konnte das denn noch dauern? Rikes Beerdigung lag schon fast sechs Monate zurück, sechs Monate, an die er sich kaum erinnern konnte. Wenn er zur Arbeit ging, funktionierte er, machte seine Sache sogar gut - wie immer - doch sobald er alleine war, legte sich ein betäubender Schleier über seine Gedanken. Oft saß er stundenlang auf dem Sofa, unfähig, irgendetwas zu tun, vernachlässigte den Haushalt, vergaß zu Essen. Im Schlafzimmer stapelten sich seine getragenen Hemden neben dem Bett. Er war längst dazu übergegangen, neue zu kaufen, anstatt die benutzten zu waschen. Und ständig spielte er in Gedanken durch, was damals passiert war.

An jenem Morgen hatte er sich mit einem Kuss von Rike verabschiedet. Für den Abend hatten sie ein Essen mit einem befreundeten Ehepaar geplant gehabt. Wie so oft, war er viel zu spät im Büro weggekommen und hatte ein Taxi genommen, um wenigstens ein paar Minuten gutzumachen. Zu Hause hatte er sich gewundert, dass Rike ihn nicht schon ungeduldig erwartete. Irritiert hatte er nach ihr gerufen. Als er keine Antwort bekommen hatte, war er durch die einzelnen Zimmer gelaufen und hatte ihren Namen gerufen. Erst in normalem Ton, dann immer lauter. Dann die Erleichterung, als er Rike schlafend auf der Wohnzimmercouch entdeckt hatte. Sie hatte sich in ihrer Lieblingsdecke eingemummelt und lächelte im Schlaf. Kurz hatte er sie liebevoll betrachtet, bis er bemerkt hatte, dass ihr Gesicht jegliche Farbe verloren hatte. Er hatte sich vorsichtig zu ihr aufs Sofa gesetzt und leise angesprochen, doch sie war nicht aufgewacht. Als er ihr zärtlich über die Stirn gestrichen hatte, hatte er ihre kalte Haut gespürt. Er hatte sie an den Schultern gepackt und geschüttelt, in der Hoffnung, dass sie aufwachte. Doch das war nicht passiert.

Der herbeigerufene Notarzt hatte vermutet, das Rike schon mehrere Stunden tot war. Als Todesursache, hatte er ein plötzliches Herz-Kreislaufversagen festgestellt.

Seitdem grübelte Werner, ob er sie hätte retten können. Wenn er nur früher nach Hause gekommen wäre, oder gar nicht erst gegangen wäre. An einem Wochenende hätte er bemerkt, dass es Rike nicht gut ging und hätte rechtzeitig den Notarzt gerufen. Dann wäre alles gut gegangen. Vielleicht.

„Da bist du ja endlich“, begrüßte ihn Jochen, sein Kompagnon, ärgerlich. „Hast du den Termin mit DeGrano vergessen?“

Werner brauchte einen Moment, bis er seine Gedanken geordnet hatte.

„Natürlich nicht. Die S-Bahn hatte Verspätung. Das ist alles.“

Jochen sah ihn misstrauisch an.

„Hör mal, wenn dir das alles zu viel wird, können wir dir helfen. Wir sind vier Anwälte in der Kanzlei. Wir könnten deine Fälle unter uns aufteilen, dann hättest du etwas mehr Zeit für dich.“

Werner schüttelte energisch den Kopf.

„Das ist das letzte, was ich jetzt brauche. Wo ist DeGrano?“

„In Besprechungsraum vier. Nicht erschrecken: er hat zwei Bodyguards dabei.“

Als er den Besprechungsraum betrat, schoben sich zwei hünenhafte Männer zwischen ihn und DeGrano. Mit einer Hand langten sie in ihre geöffneten Jackets. Werner hatte keinen Zweifel, dass sie bewaffnet waren.

„Ist schon gut Jungs“, beschwichtigte DeGrano. „Das ist mein Anwalt.“

Die beiden Männer entspannten sich, ließen ihn aber nicht aus den Augen.

Während Werner seine Unterlagen sortierte, musterte er seinen Mandanten unauffällig. DeGrano war tiefenentspannt und fläzte in dem achttausend Euro teuren Besuchersessel. Die Besprechungsräume der Kanzlei waren unterschiedlich ausgestattet. In Raum eins gab es für die Mandanten nur billige Plastikklappstühle, Raum zwei hatte immerhin schon gemütliche Schwingfederstühle zu bieten (die bei der kleinsten Bewegung quietschten) und Raum drei wartete mit bequemen Bürostühlen auf. Besprechungsraum vier war den wohlhabenden Mandanten vorbehalten und dementsprechend ausgestattet: zwei schwere Ledersessel standen dem Anwaltsschreibtisch gegenüber, eine fast lautlose Klimaanlage sorgte für angenehme Temperaturen, die dunkel vertäfelten Wände dämmten Geräusche und in der hinteren Ecke befand sich eine kleine Bar mit erlesenem Hochprozentigem.

DeGranos arrogante Art nervte Werner. Er war die Art Mann, die glaubte, nichts könnte ihm etwas anhaben. Dabei war er so schuldig, wie die Sünde selbst. Der Mann leitete eine kleine Import-Export-Firma. Das allein ließ Werners Alarmglocken klingeln. Zusätzlich unterhielt er eine Kette italienischer Restaurants. Was für einen Laien nach engagiertem Unternehmertum aussah, roch für Werner nach Schmuggel und Geldwäsche. Doch offensichtlich war DeGrano geschickt bei dem was er tat, denn der Grund für seinen Anwaltsbesuch war lediglich eine Anzeige wegen Steuerhinterziehung.

Werner kannte die Aktenlage. Er kannte auch die Buchhaltungsunterlagen. Die Frage war nicht, ob die Ermittler etwas finden würden, sondern wie viel sie finden würden.

„Ich habe mir die Fakten angesehen“, begann Werner. „Und es gibt da tatsächlich einige … Ungereimtheiten. Das Finanzamt wird sich darauf stürzen.“

DeGrano zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.

„Und? Was erwartet mich?“

„Wir sollten auf eine Einigung hinarbeiten. Ich denke, es läuft auf eine Nachzahlung hinaus.“

DeGranos Blick verfinsterte sich.

„Über wie viel reden wir?“

„Das ist Verhandlungssache, aber ich denke, der Betrag wird irgendwo im hohen sechsstelligen Bereich liegen.“

DeGrano sprang aus seinem Sessel auf.

„Eine knappe Million? Sind Sie wahnsinnig? Wir reden hier von meinem Geld, das ich mit harter Arbeit verdient habe und das soll ich dem Staat einfach so in den Rachen werfen?“

Werner wusste, dass er vorsichtig sein musste.

„Wenn wir die Sache mit einer einmaligen Zahlung vom Tisch bekommen, sollten wir das Angebot annehmen.“ Er sah seinen Mandanten direkt an. „Oder wollen Sie, dass die Ermittler ihr Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen?“

DeGrano kniff die Augen zusammen.

„Was wollen Sie damit andeuten?“

„Gar nichts … nichts bestimmtes. Aber ich bin mir sicher, dass ein guter Ermittler auf die Idee kommen könnte, dass Sie … hmm … sagen wir: auch in anderen Geschäftsfeldern aktiv sind.“

Mehrere Sekunden herrschte Stille. Werner konnte nicht erkennen, was in DeGranos Kopf vorging. Der Unternehmer starrte ihn nur regungslos an.

„Sie würden einen Deal aushandeln?“

Werner nickte.

„Damit wäre dann endgültig Ruhe?“

„Sehr wahrscheinlich.“

„Nur sehr wahrscheinlich? Was könnte im schlimmsten Fall passieren?“

Werner lehnte sich zurück und tippte auf die Akte.

„Im schlimmsten Fall bekommen die Ermittler Wind von Ihren anderen Aktivitäten. Doch das ist sehr unwahrscheinlich. Sie haben sie sehr geschickt verborgen. Ich nehme an, es gibt nicht viele Leute, die davon wissen?“

DeGrano zögerte mit der Antwort, die einem Eingeständnis gleichkam.

„Nur ein paar enge Mitarbeiter, die absolut loyal sind. Auf die kann ich mich verlassen.“

Werner nickte und lächelte.

„Dann sollten wir es so machen. Ich versuche, den Deal auszuhandeln und Sie verhalten sich erst mal ruhig.“

Als DeGrano mit seinen Bodyguards endlich die Kanzlei verlassen hatte, verbarrikadierte Werner sich in der Toilette. Er hatte das dringende Bedürfnis die Hände zu waschen. Am liebsten hätte er geduscht. Heiß und lang, um die widerwärtige Ausstrahlung des Mannes abzuwaschen. Gefühlt klebte sie auf jedem Zentimeter seines Körpers.

Nachdem er die Hände ausgiebig geschrubbt hatte, warf er sich kaltes Wasser ins Gesicht und tupfte sich mit einem Handtuch trocken. Sein Bild im Spiegel gefiel ihm gar nicht. Kein Wunder, dass Jochen und die anderen Kollegen sich Gedanken machten. Unter seinen Augen blähten sich gerötete Tränensäcke auf, seine Wangen waren blass und von dünnen, blauen Äderchen durchzogen, während die Haut an seinem Hals ledrig und schlaff herunterhing. Eine Folge seines Gewichtsverlusts auf Grund der unregelmäßigen Ernährung.

Seine Therapeutin hatte ihn schon vor Rikes Tod gewarnt: die viele Arbeit, der Stress mit den Mandanten, der Unwille, mal einen Gang zurückzuschalten … das alles würde ihn direkt auf einen Burnout zu- treiben. Werner hatte sich das durchaus zu Herzen genommen, doch was hätte er tun können? Die Arbeit musste erledigt werden und er war einer der begehrtesten Anwälte Deutschlands. Prominente aus allen Bereichen rannten ihnen die Tür ein, ganz zu schweigen von den zwielichtigen Geschäftsleuten wie DeGrano, die versuchten, mit seiner Hilfe einer Verurteilung zu entkommen.

Im Grunde hatte er kein Problem damit: jeder sollte vor Gericht bestmöglich juristisch vertreten sein, doch wenn er ehrlich war, gönnte er es manchen Menschen nicht. Typen wie DeGrano, die machten was sie wollten und dann einen teuren Anwalt engagierten, der sie wieder herausboxen sollte. Solche Typen widerten ihn an. Am liebsten hätte er ihn einfach rausgeschmissen, doch er musste auch an seine Kompagnons und die Kanzlei denken, die das horrende Honorar, das DeGrano einbrachte, gut gebrauchen konnten.

Er seufzte. Die einzige Möglichkeit dieser Tretmühle zu entkommen, war alles hinzuschmeißen. Doch nach Rikes Tod, war die Arbeit seine einzige Ablenkung, die dafür sorgte, dass er weiter machte. Alles hinzuschmeißen, würde bedeuten aufzugeben. Wollte er aufgeben?

Die Möglichkeit bestand. Als seine Therapeutin ihn vor dem Burnout gewarnt hatte, hatte er begonnen, nach einem Rückzugsort zu suchen. Einem Ort, wo er einfach verschwinden konnte. Seine erste Idee war ein Kloster gewesen. Viele erfolgreiche, und am Ende restlos ausgebrannte Unternehmer, flüchteten in ein Kloster, um Geist und Körper eine Auszeit zu gönnen. Doch irgendwie hatte er sich bei dem Gedanken nicht wohl gefühlt, außerdem war er in keiner Weise religiös und konnte sich nicht vorstellen, dass ihm ein paar Wochen mit beten und arbeiten, helfen würden.

Dann war Tiberius in sein Leben getreten. Ein einfacher Pfarrer vom Land, der auf der Suche nach einem Anwalt gewesen war, der für den Fall seines Todes ein paar Dinge regeln sollte. Erst hatte Werner ihn als Mandant ablehnen wollen, doch Tiberius war persönlich in die Kanzlei gekommen und hatte ihn überredet. Er hatte den Mann von Anfang an gemocht. Der Pfarrer schien mit sich und der Welt im Reinen zu sein, doch auf Grund seines Alters machte er sich Gedanken über seinen Nachlass. Werner sollte nach seinem Tod eine Stiftung gründen, die sich um ganz bestimmte Belange rund um das Heimatdorf des Pfarrers kümmern sollte. Großzügig, unbürokratisch, schnell. Als er erfuhr, welche Summe die Stiftung erhalten sollte, hatte Werner erst an einen Scherz geglaubt. Woher sollte ein einfacher Dorfgeistlicher auch über einhundertmillionen Euro haben? Tiberius hatte ihm lächelnd von seinem Erbe erzählt und wie sein Vater so reich geworden war. Danach verstand Werner, warum er das Geld nie angerührt hatte.

Für die zu gründende Stiftung, hatte der Pfarrer ganz bestimmte Vorstellungen, was die rechtlichen Formulierungen nicht einfacher machte, außerdem gab es da noch eine Schwester, vor der das Vermögen geschützt werden musste. Tiberius war sich sicher gewesen, dass sie nach seinem Tod alles daransetzen würde, um sich das Geld unter den Nagel zu reißen.

Nur ihre ersten beiden Besprechungen hatten in den Räumen der Anwaltskanzlei stattgefunden, später waren sie dazu übergegangen, sich in gemütlichen Lokalen zu treffen. So wurde aus der anfänglichen Geschäftsbeziehung schnell eine Freundschaft.

Als das Testament fertig war, hinterlegten sie es bei einem Notar in Ravensburg, dem der alte Pfarrer vertraute. Und sie trafen sich weiter. Jetzt rein privat. Immer öfter kamen auch persönliche Themen zur Sprache, sowohl von Werners Seite, als auch von der des Pfarrers. Als Werner von der Idee erzählte, eine Auszeit zu nehmen, eventuell in einem Kloster, hatte Tiberius nur gelacht.

„Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass das nicht dein Ding ist. Aber wenn du einfach nur mal untertauchen willst, habe ich da vielleicht etwas für dich.“

Er erzählte von einem vergessenen Weinkeller, den er in seiner Gemeinde zufällig entdeckt hatte. Irgendwelche Mönche hatten ihn vor langer Zeit angelegt.

„Er ist in einen Hang gegraben und kaum zu finden. Das ganze Gewölbe ist erstaunlich gut erhalten. Mit etwas Geld könnte man daraus einen ganz besonderen Rückzugsort machen.“

Die Idee hatte Werner sofort fasziniert. Ein befreundeter Architekt hatte sich den Keller angesehen und Tiberius` Einschätzung bestätigt: statisch war das Gewölbe in hervorragendem Zustand. Er hatte Pläne für den Ausbau erstellt und Möglichkeiten gefunden, den Weinkeller an Strom, Internet und Kanalisation anzuschließen.

Von all dem hatte Werner niemandem erzählt. Nicht einmal Rike. Rückblickend wusste er nicht, warum er das Projekt vor allen geheim gehalten hatte. Den Kauf des Grundstücks hatte dann wieder Tiberius eingefädelt. Der bisherige Besitzer, ein gewisser Pankraz Wagner, hatte sofort eingewilligt, und so war der Ausbau nach nur sechs Monaten fertig gewesen.

Seitdem war kein Tag vergangen, an dem Werner nicht an seinen Rückzugsort gedacht hatte. Aussteigen. Alles hinter sich lassen.

Doch er wusste nicht, wie er es Rike beibringen sollte. Wie würde sie reagieren, wenn er sich für ein paar Monate verabschiedete? Dann kam der Tag, nach dem er sich diese Frage nicht mehr stellen musste. Doch mit dem Tod seiner Frau, endete auch Werners Interesse an einer Auszeit. Im Gegenteil: er stürzte sich mehr denn je in seine Arbeit.

DeGranos Besuch in der Kanzlei lag zwei Wochen zurück. Die Verhandlungen mit dem Finanzamt kamen gut voran. Über die Jahre hatte Werner in der Behörde zahlreiche Kontakte knüpfen können, die ihm nun die Arbeit erleichterten. Gegenüber DeGrano hatte er absichtlich übertrieben, was die zu erwartende Nachzahlung betraf. Es kam immer gut an, wenn die Mandanten am Ende weniger bezahlen mussten. Mit dem zuständigen Sachbearbeiter hatte er schon mehrere Male gut zusammengearbeitet und so stand am Ende die Summe von sechshunderttausend Euro auf dem Papier. Der Rest war reine Formsache. Der Vorgesetzte seines Bekannten musste der Einigung noch zustimmen, dann war die Sache vom Tisch.

So lief es normalerweise, doch an diesem Morgen erwartete Werner eine Überraschung. Sein Kontakt beim Finanzamt hatte ihm eine private Mail geschickt. Sein Chef hatte dem Deal zwar zugestimmt, doch dann war der ganze Vorgang plötzlich gestoppt worden. Noch schlimmer: die Zuständigkeit hatte sich geändert. Sie lag nun nicht mehr beim Finanzamt, stattdessen hatte sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und sämtliche Unterlagen beschlagnahmt.

Werner runzelte die Stirn.

Was war passiert?

Hatte jemand doch genauer hingeschaut und DeGranos Machenschaften unter die Lupe genommen? Doch das würde noch nicht das Eingreifen der Staatsanwaltschaft erklären. Es musste etwas Tiefgreifendes passiert sein, von dem er keine Ahnung hatte.

Er hatte die Mail kaum gelesen, als sein Telefon klingelte.

„Wir müssen uns treffen. Sofort!“, knurrte DeGrano. Werners Einwand, er habe heute keine Zeit, ignorierte er.

„Um zwölf zum Mittagessen. In meinem Lokal!“

Werner sagte zu, hatte aber kein gutes Gefühl dabei. Der Ton seines Mandanten hatte ihm nicht direkt Angst gemacht, doch er empfand ihn durchaus als bedrohlich. DeGrano ließ ihm keine Wahl.

Von der S-Bahnhaltestelle waren es nur ein paar Minuten bis zu DeGranos Restaurant. Werner war früh genug dran und ließ sich auf dem Weg noch einmal alles durch den Kopf gehen, doch er konnte sich nicht vorstellen, was vorgefallen sein könnte.

Als er das Lokal betrat, stieg ihm sofort der Duft von Knoblauch und Oregano in die Nase. Kurz fragte er sich, ob es für italienische Restaurants ein geheimes Raumdeo gab, das alle Pizzerien auf der Welt verwendeten.

Er sah sich im Gastraum um, konnte DeGrano aber nirgends entdecken. Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein Kellner vor ihm und zeigte auf eine Tür im hinteren Bereich des Lokals.

„Sie werden erwartet. Wenn Sie mir bitte folgen würden?“

Obwohl der Kellner höflich geklungen hatte, ließ sein Blick keinen Zweifel daran, dass es keine Frage gewesen war.

Das Nebenzimmer war nur durch die eine Tür mit dem Lokal verbunden. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt, ein Fenster gab es nicht. Am Kopfende des langgezogenen Tischs saß DeGrano, flankiert von den Bodyguards, die Werner schon kannte.

Der Gesichtsausdruck seines Mandanten ließ nichts Gutes erahnen.

„Die Polizei war heute bei mir“, zischte DeGrano und beobachtete die Reaktion seines Anwalts.

„Mein Kontakt beim Finanzamt berichtete mir, dass sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat“, sagte Werner zögerlich. „Was ist passiert?“

DeGrano rümpfte die Nase.

„Das frage ich Sie!“

Er erhob sich aus seinem Sessel und kam auf ihn zu.

„Ist es nicht ein komischer Zufall, dass sich die Staatsanwaltschaft einschaltet, kurz nachdem Sie Einsicht in meine Unterlagen hatten?“

Werner hob abwehrend die Hände.

„Ich habe damit nichts zu tun. Ich habe es selber erst heute morgen erfahren.“ Er versuchte selbstsicher zu klingen, was ihm angesichts der bewaffneten Bodyguards schwerfiel.

„Ich bin Ihr Anwalt. Ich unterliege der Schweigepflicht. Von mir hat niemand etwas erfahren.“

„Das wird gerade überprüft. Auch ich habe Kontakte.“

DeGrano setzte sich wieder. Erst jetzt bemerkte Werner, dass der Tisch eingedeckt war.

„Es wird nicht mehr lange dauern. Essen wir bis dahin eine Kleinigkeit.“

DeGrano nickte einem der Bodyguards zu, der sofort den Raum verließ.

„Ich hoffe, Sie mögen Spaghetti aglio e olio?“

Werner war irritiert. Die Stimmung im Raum als angespannt zu bezeichnen, war stark untertrieben. Er spürte die Gefahr, die von seinem Gegenüber ausging. Er schwitzte und hatte einen Kloß im Hals. Nach Essen war ihm überhaupt nicht zu Mute.

„Natürlich. Eins meiner Lieblingsgerichte“, log er und lächelte gezwungen.

Der Bodyguard, der eben den Raum verlassen hatte, kam mit zwei dampfenden Tellern zurück. Er servierte sie mit der Eleganz eines professionellen Kellners, bevor er sich wieder neben DeGrano stellte und die Hände hinter dem Rücken verschränkte.

„Essen Sie“, befahl DeGrano. „Wenn es kalt wird, schmeckt es nicht mehr.“

Werner rollte die Spaghetti auf seine Gabel und bekam tatsächlich ein paar Bissen hinunter. DeGrano hingegen, schaufelte die Pasta in sich hinein, als gäbe es kein Morgen.

Sie aßen schweigend und Werner fragte sich, ob dies seine Henkersmahlzeit war. Nach ein paar Minuten war DeGranos Teller leer, Werners noch halb voll, trotzdem räumte der Bodyguard beide Teller ab.

DeGranos Handy summte.

„Darauf habe ich gewartet.“

Er nahm das Gespräch an.

„Pronto?“

Die Stimme am anderen Ende der Leitung sprach leise, zumindest leise genug, dass Werner nicht hören konnte. DeGrano nickte mehrmals, verzog das Gesicht, dann schüttelte er den Kopf.

„Wissen Sie, was das Schlimmste ist?“

Es war eine rhetorische Frage und er fuhr fort.

„Wenn dich jemand verrät, dem du blind vertraut hast.“

Er seufzte.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Sie haben tatsächlich nichts verraten … wobei mir das fast lieber gewesen wäre. Sie nehmen Ihre Schweigepflicht ernst?“

Werner nickte.

„Auch jetzt noch?“

Werner wusste nicht, worauf sein Mandant hinaus wollte.

„Natürlich!“

„Ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich meinen Leuten vertrauen kann … das liegt vor allem daran, dass sie alle zur Familie gehören. Meine beiden Söhne, meine drei Brüder, vier Neffen … und eine Nichte. Monalisa. Sie führt seit Jahren meine Bücher.“

DeGrano sackte auf seinem Stuhl zusammen und schüttelte resigniert den Kopf.

„Sie war für mich wie eine Tochter … und nun …“

Er blickte zur Decke.

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Werner ahnte, dass das nichts Gutes bedeutete. Endlich richtete sich DeGrano auf und wandte sich an seine Bodyguards.

„Monalisa hat uns verraten. Sie ist verschwunden, hat aber vorher noch Kopien von den Dateien auf ihrem Computer gemacht. Bestimmt versteckt die Staatsanwaltschaft sie irgendwo. Schickt alle Jungs raus und besorgt mir diese Kopien.“

Die Bodyguards nickten.

„Und was machen wir mit Monalisa?“, fragte einer der beiden emotionslos.

DeGrano blickte ihn direkt an.

„Das, was wir mit Verrätern immer machen. Lasst sie verschwinden.“

Die Bodyguards zückten ihre Handys und verließen den Raum. Auch Werner erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu, doch DeGrano legte ihm von hinten eine Hand auf die Schulter. Werner schloss die Augen und hielt die Luft an.

„Ich kann Verräter nicht davonkommen lassen, auch wenn sie zur Familie gehören. Denken Sie daran: Sie gehören jetzt auch zur Familie. Verhalten Sie sich dementsprechend, sonst werden sich meine Jungs auch um Sie kümmern.“

Ohne ein weiteres Wort verließ DeGrano den Raum und ließ Werner allein zurück.

War das gerade wirklich passiert?

Hatte DeGrano in seinem Beisein einen Mord befohlen?

Und: er hatte ihn bedroht!

Er schlängelte sich durch das vollbesetzte Lokal, nicht ohne ein paar der Gäste anzurempeln, die ihm verärgert hinterher blickten. Als er ins Freie trat, blieb er stehen und atmete tief durch. Seine Hände zitterten und er verspürte das erste Mal seit über dreißig Jahren das Verlangen nach einer Zigarette.

„Reiß dich zusammen“, murmelte er und reihte sich in den Strom der Fußgänger auf dem Gehweg ein. Alle paar Meter blickte er verstohlen über die Schulter, doch anscheinend folgte ihm niemand. Erst nach mehreren Minuten entspannte er sich und versuchte seine Gedanken zu ordnen.

So etwas war ihm noch nie passiert. Natürlich hatten ihm Mandanten schon oft Geheimnisse anvertraut, doch DeGrano hatte gerade in seiner Gegenwart einen Mord befohlen.

Als Anwalt unterlag er der Schweigepflicht, doch es gab Ausnahmen. Von einer bevorstehenden schweren Straftat zu erfahren war eine davon. Eine andere war, wenn ein Mandant seinen Anwalt persönlich bedroht. DeGrano hatte ihn also gerade gleich zweimal von der Schweigepflicht entbunden. Doch was sollte er tun? Er zweifelte keinen Moment daran, dass DeGrano seine Drohung gegen ihn wahr machen würde, aber er wusste, dass das Leben einer jungen Frau in Gefahr war. Das konnte er nicht ignorieren. Und es musste schnell gehen. Bestimmt war schon eine kleine Armee auf der Suche nach dieser Monalisa.

Werner blieb stehen und suchte erneut nach Verfolgern. Er wurde von zwei Passanten angerempelt, doch niemand schien ihn zu beobachten. Er zögerte noch einen Moment, dann zog er sein Handy aus der Tasche. Er hatte die Nummer nicht im Kopf und musste erst nach dem entsprechenden Eintrag in seinen Kontakten suchen. Als er die Wahltaste drückte, wusste er, dass es kein Zurück gab.

„Kriminalpolizei München, Kommissar Berberich am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

„Grüß dich. Ich bin‘s Werner.“

Das kurze Schweigen verriet, dass der Kommissar nicht sofort wusste, mit wem er sprach.

„Werner. Dr. Werner Dietrich“, wiederholte er deshalb.

Ein erfreutes Lachen.

„Werner, schön von dir zu hören! Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen.“

Werner hatte mit Kommissar Berberich vor ein paar Jahren in einer Hobby-Fußballmannschaft gespielt. Auch beruflich hatten sie schon ein paarmal miteinander zu tun gehabt. Doch auch das war schon eine ganze Weile her.

„Du musst mir helfen, Armin. Ich bin da in eine unmögliche Situation reingerutscht.“

Der Ton des Kommissars wurde sachlich.

„Worum geht es?“

„Um ein Verbrechen.“

„Hast du etwas angestellt?“

Werner schüttelte heftig den Kopf, was sein Gesprächspartner natürlich nicht sehen konnte.

„Nein, um Gottes Willen. Du kennst mich doch.“

„Worum geht es dann?“

Werner atmete tief durch. Wenn er jetzt weitersprach, konnte ihn das sein Leben kosten.

„Ich habe von einem Verbrechen erfahren.“

„Etwas Schlimmes?“

„Ja. Ein Mord.“

Die Stimme des Kommissars wurde nun bestimmter, die Tonlage etwas höher.

„Mord? Wer ist getötet worden?“

„Das ist es ja: der Mord ist noch nicht passiert. Aber ich weiß, wer das Opfer ist … und auch wer dahintersteckt.“

Zehn Minuten später saß Werner Kommissar Berberich gegenüber und erzählte von seinem Treffen mit DeGrano, von der Verräterin in dessen Organisation und dem Befehl, Monalisa verschwinden zu lassen.

„Außerdem hat er mir gedroht für den Fall, dass ich etwas ausplaudere.“

Kommissar Berberich nickte.

„Du hast dich richtig entschieden. Wir müssen die Frau unbedingt vor DeGrano finden. Ich hole mal den zuständigen Kollegen her.“

Er griff zum Telefon und ließ sich zweimal weiterverbinden, bis er den richtigen in der Leitung hatte. Er fasste zusammen, was er gerade von Werner erfahren hatte. Dann legte er auf. Nur Sekunden später stürmte ein atemloser Kriminalbeamter zur Tür herein.

„Wie ist er auf Monalisa gekommen?“, fragte er, ohne sich vorzustellen.

Werner zuckte mit den Schultern.

„Wir saßen beim Essen. Er sagte, er habe Kontakte, die nach dem Verräter suchen. Dann klingelte sein Handy und man sagte ihm, dass es Monalisa sei.“

Der Beamte sank auf einen Stuhl.

„Das darf nicht wahr sein. Eigentlich dürfte niemand davon wissen.“

„Ihr habt was am Laufen?“, hakte Kommissar Berberich nach.

Der Mann nickte.

„Wir hatten DeGrano schon lange im Visier, aber wir konnten ihm nie etwas nachweisen. Er ist clever und vorsichtig. Eine schwierige Kombination. Doch dann meldete sich Monalisa bei uns und sagte, sie liefert uns DeGranos Geschäftsunterlagen. Ihre einzige Bedingung: sie will Zeugenschutz. Natürlich sind wir darauf eingegangen. Sie hat uns einen USB-Stick mit tausenden Dokumenten übergeben und ist jetzt in einer sicheren Wohnung. Zwei Beamte sind ständig bei ihr. Sie sollte sicher sein.“

Kommissar Berberich zog die Stirn kraus.

„Wenn DeGranos Kontakte herausbekommen haben, dass Monalisa die Verräterin ist … ist es denkbar, dass sie auch ihren Aufenthaltsort kennen?“

„Eigentlich … nein. Aber …“

Man sah wie der Beamte mit sich rang. Dann sprang er auf.

„Ich schicke sofort eine Einheit zu der Wohnung. Verdammt, ich will mir hinterher nicht vorwerfen müssen, nicht reagiert zu haben.“

Der Beamte stürmte aus dem Büro und ließ die Tür offenstehen. Kommissar Berberich stand auf und schloss sie.

„Und nun müssen wir über dich reden. In DeGranos Augen bist du nun auch ein Verräter. Wie ernst nimmst du seine Drohungen?“

Werner hatte sofort DeGranos Gesicht vor Augen.

„Denken Sie daran: Sie gehören jetzt auch zur Familie. Verhalten Sie sich dementsprechend, sonst werden sich meine Jungs auch um Sie kümmern.“

„Ich nehme sie sehr ernst.“ Er verschränkte seine Finger, um ihr Zittern zu verbergen. „Vielleicht hätte ich doch nichts sagen sollen.“

Kommissar Berberich beugte sich vor.

„Dafür ist es jetzt zu spät. Außerdem hast du das Richtige getan. Vielleicht rettest du mit deiner Aussage das Leben dieser Frau. Leute wie DeGrano sind so erfolgreich, weil sie ihr ganzes Umfeld unter Druck setzen oder sogar bedrohen. Wir dürfen ihn nicht damit durchkommen lassen.“

Werner blickte auf.

„Er wird herausfinden, dass ich geredet habe.“

„Wahrscheinlich.“

„Und was mache ich jetzt?“

„Du solltest erst mal nicht nach Hause gehen. Dort werden sie zuerst nach dir suchen. Wir werden dich ebenfalls in einer sicheren Wohnung unterbringen.“

Werner schnaubte verächtlich.

„Wie sicher kann die sein? DeGranos Leute haben von Monalisa erfahren. Sie werden erst sie finden und dann mich. Egal wo du mich versteckst. Wahrscheinlich hat er sogar Spitzel hier bei der Kripo.“

Kommissar Berberich antwortete nicht sofort. Während er nachdachte, trommelte er mit einem Bleistift auf die Schreibtischunterlage.

„Vertraust du mir?“, fragte er schließlich.

„Natürlich. Sonst wäre ich nicht zu dir gekommen.“

„Dann werde ich dir ein Versteck heraussuchen. Ich werde der einzige sein, der davon weiß.“

Kommissar Berberich führte Werner in einen kleinen Aufenthaltsraum und ließ ihm einen Kaffee aus dem Vollautomaten. Er schmeckte erstaunlich gut. Werner hielt die Tasse mit beiden Händen und nahm immer nur einen kleinen Schluck. Sein Freund ging zurück in sein Büro, um die sichere Unterkunft vorzubereiten.

Werner wusste nicht, wie lange er dort gesessen hatte, als er einen Tumult vor Kommissar Berberichs Büro bemerkte. Mehrere Beamte hasteten vorbei, einen erkannte er als den, der vorher in Berberichs Büro gestürmt war.

Plötzlich stand der Kommissar in der Tür.

„Kommst du bitte in mein Büro? Es gibt Neuigkeiten.“

Werner folgte ihm, der andere Beamte erhob sich aus dem einzigen Besucherstuhl und bot ihm seinen Platz an. Zwei weitere Polizisten standen an der hinteren Wand. Beide trugen ihre Waffen an der Hüfte und hatten Schutzwesten an.

„Herr Dr. Dietrich, ich muss mich bei Ihnen bedanken“, begann der Beamte. Erst jetzt bemerkte Werner, wie abgekämpft er aussah. Dunkle Schweißflecken zeichneten sich unter seinen Achseln ab.

„Wir kamen gerade noch rechtzeitig. Drei bewaffnete Männer hatten unsere Wachen ausgeschaltet. Sie haben sie niedergeschlagen. Beide sind im Krankenhaus. Monalisa hatte sich im Bad eingeschlossen. Die Eindringlinge waren gerade dabei, die Tür aufzubrechen, als wir die Wohnung gestürmt haben. Es gab einen Schusswechsel. Zwei der Angreifer sind schwer verletzt, außerdem wurde einer meiner Leute angeschossen. Aber wir haben sie überwältigt. Monalisa ist nichts passiert.“

„Das sind … gute Nachrichten?“, fragte Werner unsicher.

„Zum Teil. Die Zeugin ist in Sicherheit und wir haben die Angreifer. Aber DeGrano selbst war nicht dabei. Wir wissen zwar, dass die Männer für ihn arbeiten, aber sie reden nicht und ich denke, das wird auch so bleiben.“

Werner wusste nicht, worauf der Beamte hinauswollte und sah ihn fragend an.

„Das heißt, dass wir nur Ihre Aussage haben, die DeGrano mit dem Mordanschlag in Verbindung bringt.“

„Und was bedeutet das?“

„Das bedeutet, dass wir deine Aussage brauchen“, übernahm jetzt Kommissar Berberich. „Vor Gericht. Anders kriegen wir den Scheißkerl nicht.“

Werner kannte die Konsequenzen.

„Dann erfährt er auf jeden Fall, dass ich geredet habe.“

Kommissar Berberich nickte.

„Und deshalb lassen wir dich jetzt verschwinden.“

Kommissar Berberich hatte Werner persönlich in das sichere Haus gebracht. Es lag in einer ruhigen Wohngegend am Rand von Ismaning. Die Gärten waren gepflegt, auf den Gehwegen führten Hundebesitzer ihre Vierbeiner Gassi, Betonpoller erinnerten die Autofahrer alle paar Meter an die Höchstgeschwindigkeit von dreißig.

In der Straße sahen die Häuser alle fast gleich aus, als hätte ein einziger Architekt das ganze Viertel geplant. In dem sicheren Haus gab es zwei Wohnungen, die durch ein zentrales Treppenhaus verbunden waren. In der oberen Wohnung wurde Werner einquartiert, zusammen mit einem bewaffneten Polizisten. In der unteren Wohnung hatten sich gleich vier Beamte eingerichtet. Jeweils einer bewachte Eingangs- und Terrassentür, während die anderen beiden Pause hatten, doch auch sie waren ständig einsatzbereit.

Berberich hatte ihm versprochen, dass niemand außer ihm von seinem Versteck erfahren würde, doch nun waren fünf Polizisten mit ihm in dem Haus, hinzu kamen weitere fünf, die nach zwölf Stunden ihre Kollegen ablösen sollten. Das waren zehn Leute, die wussten, wo er sich aufhielt. Natürlich brauchte er ihren Schutz, doch mit jedem einzelnen wuchs die Wahrscheinlichkeit für eine undichte Stelle.

Werner hatte kein gutes Gefühl. Noch immer war unklar, wie DeGrano von Monalisas Aufenthaltsort erfahren hatte. Sie befürchteten, dass es einen Spitzel innerhalb der Kripo gab, doch den zu finden, war nicht einfach. Kommissar Berberich selbst ermittelte in dieser Sache.

Doch entgegen Werners Befürchtungen passierte nichts. Dreimal hatte Berberich seine Aussage aufgenommen, um sicher zu gehen, dass nichts übersehen wurde. Nach sieben Tagen hatte ein gesicherter Konvoi Werner abgeholt und ins Gericht gebracht. Dort hatten sie seine Aussage auf Video aufgezeichnet. Sie würde bei der Verhandlung dem Richter vorgespielt. So musste er nicht persönlich im Gerichtssaal erscheinen und ersparte sich die Konfrontation mit DeGrano.

Die Tage vergingen und Werner begann sich zu fragen, wann das alles ein Ende hatte. Sollte er sich bis zu DeGranos Verurteilung in diesem Haus verkriechen? Das konnte Monate dauern. Er verbrachte die meiste Zeit mit Netflix auf Staatskosten und dem ein oder anderen Buch auf seinem Kindle. Seltsamerweise dachte er in dieser Zeit nur selten an Rike. Und wenn doch, dann erinnerte er sich an einige der schönsten Momente, die sie gemeinsam erlebt hatten. Dr. Pol, seine Therapeutin, hatte recht gehabt: endlich konnte er an seine Frau denken und sich an den Erinnerungen erfreuen. Er wusste nicht, ob tatsächlich die Zeit seine Wunden geheilt hatte oder ob es die schwierigen Umstände waren unter denen er in dem Haus gefangen war. Vielleicht eine Mischung aus beidem. Dann müsste er DeGrano sogar irgendwie dankbar sein.

Am einundzwanzigsten Tag stand plötzlich Kommissar Berberich vor der Tür. Werner freute sich, denn mit den Beamten im Haus war ihm schon längst der Gesprächsstoff ausgegangen.

„Wir haben DeGranos Spitzel gefunden“, platzte es aus Berberich heraus. „Ein ziviler Mitarbeiter aus der IT. Er war für die Wartung der internen Kommunikation zuständig, hatte Zugang zu unseren Mails und konnte den verschlüsselten Funk abhören. Wir haben routinemäßig die Kontobewegungen aller Mitarbeiter überprüft und haben bei ihm mehrere Überweisungen über neuntausend Euro entdeckt, die wir nicht zuordnen konnten.“

„Nur neuntausend für so einen Verrat?“, wunderte sich Werner.

„Er wurde in Raten bezahlt. Überweisungen über zehntausend Euro muss die Bank melden. Daher die Stückelung. Als wir ihn befragt haben, ist er sofort eingeknickt und hat alles zugegeben. Er brauchte das Geld für sein krankes Kind. Die Behandlung konnte er sich ohne DeGranos Zahlungen nicht leisten.“

Dafür hatte Werner Verständnis. Fast hatte er Mitleid mit dem Mann, doch nun galt es, eine andere Frage zu klären.

„Hat er DeGrano von diesem Haus erzählt?“

Kommissar Berberich nickte.

„Er hat den Funkverkehr bei der Ablösung deiner Bewacher abgehört und daraus die richtigen Schlüsse gezogen. Du musst hier weg. Und zwar schnell!“

Werner fuhr sich durch die Haare.

„Und was soll das bringen? Egal wo du mich hinbringst, DeGrano hat seine Spitzel überall. Er wird mich finden.“

Kurz herrschte Stille.

„Hast du nicht irgendwelche Verwandten im Ausland, bei denen du unterkommen könntest? Ich denke, soweit reicht DeGranos Einfluss nicht.“

Werner schüttelte resigniert den Kopf.

„Ich habe eh nur noch einen Cousin und der lebt in Augsburg. Das würde nichts bringen.“

„Trotzdem: pack deine Sachen. Mir wird schon etwas einfallen.“

Werner holte zwei Trollis aus dem Schlafzimmer und begann, seine wenigen Sachen einzupacken. Wo sollte er nur hin? Die Flucht ins Ausland kam für ihn nicht in Frage, doch er musste einen Ort finden, an dem DeGrano keinen Einfluss hatte. Am besten einen Ort, von dem DeGrano noch nicht einmal wusste, dass er existierte.

Moment mal.

Werner lächelte. Vielleicht hatte er diesen Ort bereits gefunden.

Er erzählte Kommissar Berberich von seiner Idee.

„Und niemand weiß von diesem Unterschlupf?“

„Niemand. Deshalb habe ich ihn ja ausgewählt.“

Berberich rieb sich nachdenklich das Kinn.

„Das klingt gar nicht so schlecht. Was sagtest du, wo das ist?“

„In Taldorf. Bei Ravensburg. Da kennt mich niemand. Ich könnte mich also sogar frei in der Gegend bewegen, wenn ich etwas vorsichtig bin.“

„Musst du noch etwas vorbereiten?“

„Ein Anruf bei einem Freund reicht. Er wird sich um alles kümmern.“

Kommissar Berberich legte den Kopf schief.

„Vertraust du diesem Freund?“

Werner grinste.

„Unbedingt. Er ist Pfarrer.“

Nur eine Stunde später waren sie mit Kommissar Berberichs Privatwagen losgefahren. Trotz der Bedenken des Kommissars hatten sie noch einen Abstecher zu Werners Wohnung gemacht. Wenn er schon für lange Zeit verschwinden sollte, wollte er noch ein paar Dinge mitnehmen: einige Papiere, Erinnerungsfotos und eine Pflanze. Eine riesige Pflanze.

„Was willst du mit dem Wald?“, fragte Berberich, als sie das riesige Gewächs auf der Rückbank verstauten.

„Das ist Günther!“

Der Kommissar sah ihn irritiert an.

Werner lachte. „Meine Frau hat allen Dingen Namen gegeben. Auch ihren Pflanzen. Günther war ihr Liebling. Leider habe ich einen braunen Daumen. Günther ist der einzige, der bei mir überlebt hat. Er ist ein Pfeilwurzgewächs, wenn ich mich richtig erinnere.“

Als sie sich endlich auf den Weg machten, raschelte Günther in jeder Kurve beruhigend auf der Rücksitzbank.

Diesmal wusste wirklich niemand, wo es hinging. Nicht mal der Kommissar. Das Navi hatte sie zielsicher über die A 96 in Richtung Oberschwaben dirigiert, bei Wangen-West hatten sie die Autobahn verlassen. Die Fahrt durchs Hinterland hatte Berberich nicht gefallen. Die schmalen Landstraßen waren stark befahren, immer wieder mussten sie mehrere Kilometer hinter einem Traktor herfahren. Sie hatten den nördlichen Stadtrand von Ravensburg mitten im Feierabendverkehr erreicht und brauchten eine Ewigkeit, bis sie die Stadt durchquert hatten.

„Wir sind bald da“, seufzte Berberich und zeigte auf das Navi. „Noch drei Kilometer.“

Werner nickte. Gerade durchquerten sie den Ort Bavendorf. Er hatte den Namen noch nie gehört. Er entdeckte eine Wirtschaft direkt an der Durchgangsstraße, ein paar hundert Meter weiter eine Bäckerei, deren Parkplatz komplett belegt war.

Sie passierten eine Ortschaft namens Wernsreute und erreichten kurz darauf Dürnast.

„In fünfhundert Metern bitte rechts abbiegen“, säuselte das Navi und Berberich setzte gehorsam den Blinker. Günthers Blätter knisterten gefährlich, als er etwas zu schnell die Richtung wechselte.

Auf dem Display war das Ziel schon zu sehen. Nur noch ein paar hundert Meter. Vor einem kleinen Häuschen in Alberskirch meldete das Navi endlich: „Sie haben Ihr Ziel erreicht. Das Ziel liegt auf der rechten Seite.“

Kommissar Berberich parkte direkt vor dem Haus und stellte den Motor ab.

„Das ist dein Unterschlupf?“

Werner schüttelte den Kopf.

„Hier wohnt mein Freund. Er bringt mich dann zu meinem Versteck.“

Er grinste den Kommissar an.

„Wenn du mich hier absetzt, weißt nicht mal du, wo ich genau zu finden bin. Sicherer geht es doch gar nicht.“

Berberich nickte.

„Gibt es eine Möglichkeit, dich zu erreichen? Es könnte sein, dass wir für die Verhandlung noch etwas von dir brauchen.“

Werner überlegte kurz.

„Kein Telefon. Das ist zu leicht zu orten. Ich besorge mir eine anonyme Mailadresse und melde mich bei dir. Wenn irgendwas passiert, kannst du mich so erreichen. Ich werde sie regelmäßig abrufen.“

Werner stieg aus und hievte seine Trollis aus dem Kofferraum. Gemeinsam bugsierten sie Günther ins Freie. Dann war der Moment des Abschieds gekommen.

„Pass auf dich auf“, sagte Kommissar Berberich und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Melde dich, wenn du irgendwas brauchst.“

„Das mache ich.“

In diesem Moment öffnete sich die Haustür und ein alter Mann trat ins Freie. Werner nahm sein Gepäck und winkte Berberich hinterher, als er vom Hof fuhr.

„Schön, dass du da bist“, freute sich Pfarrer Sailer und nahm Werner eine Tasche ab.

„Die laden wir direkt in meinen Wagen, dann bringe ich dich zu deinem neuen Zuhause.“

Er stutzte.

„Du hast deinen eigenen Wald mitgebracht?“

Werner zuckte mit den Schultern.

„Ist ne lange Geschichte. Das ist ein Pfeilwurzgewächs. Er heißt Günther.“

Werner saß auf dem Beifahrersitz und wippte nervös mit dem Fuß. Immer wieder musste er Günthers Blätter zur Seite schieben, die von der Rücksitzbank aus seinen Nacken kitzelten. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete. Natürlich hatte er die Pläne des Architekten gesehen und wusste auch, was alles verbaut worden war, schließlich hatte er die Rechnungen bezahlt, doch er hatte das fertige Objekt nie gesehen.

Sie verließen Alberskirch, durchquerten Dürnast und folgten der Beschilderung nach Taldorf. Sie waren gerade mal fünf Minuten gefahren, als Pfarrer Sailer den Motor abstellte.

„Die letzten paar Meter müssen wir laufen.“

Sie luden das Gepäck aus dem Kofferraum und folgten einem kaum sichtbaren Trampelpfad den Hügel hinauf. Werner hatte Günther auf dem Arm und zog einen Trolli hinter sich her, Pfarrer Sailer mühte sich mit dem Rest des Gepäcks ab. Das Gras stand hoch und die Sonne brannte auf sie herab. Milliarden von Grillen begrüßten sie mit einer zirpenden Symphonie.

Plötzlich blieb Pfarrer Sailer stehen und zeigte auf eine kleine Hütte.

„Voilá, wir sind da! Das ist dein neues zu Hause.“