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Der ganz andere Gott Jede Zeit hat ihr Bild von Gott. Vor 100 Jahren galt er als streng, zornig und patriotisch. Die Hölle war eine reale Endstation. Heute stellt sich das linksliberale Milieu Gott als friedensbewegt, feministisch und multireligiös vor. In theologisch liberalen Kreisen warnt er als Prophet auch mal, in evangelikalen ist er als Sohn Gottes lieb und in vielen charismatischen Kreisen vor allem ein Heilmacher. Wer aber ist Gott tatsächlich? Er ist auf jeden Fall souverän. Das kennzeichnet ihn in der Bibel mehr als alles andere. Gott ist Gott. Das einzige Gebet, das er zu 100 Prozent erhört, findet sich im Vaterunser: "Dein Wille geschehe". Und da kann Gott eben auch ganz anders handeln, als wir uns das wünschen. Helmut Matthies berichtet als Journalist und Zeitzeuge über bewegende Erfahrungen, die evangelikale und liberale Denkfiguren über den Haufen werfen. Gott passt in keine Schublade und in kein Konzept. Er ist der ganz Andere. Und wo das persönliche Verstehen an seine Grenzen kommt, da bleibt nur das Vertrauen: das Vertrauen, dass Gott gut und in allen Nöten gegenwärtig ist. Das Buch bricht mit liebgewordenen Tabus. Ent-Täuschungen aber befreien von Täuschungen. Sie führen zurück zur biblischen Wahrheit. So kann es zu neuem Vertrauen in die biblische Botschaft kommen.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Helmut Matthies Gott kann auch anders
Für Stephan Helmut
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2019 by Fontis-Verlag Basel
Die Bibelstellen wurden, soweit nicht anders angegeben, folgender Übersetzung entnommen:
Luther 1984 und Luther 2017
Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Fotos Umschlag: © by Helmut Matthies Fotos Innenteil: Archiv idea E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg
ISBN (EPUB) 978-3-03848-536-0
Statt einem Vorwort: Mit fröhlichem Ernst
Zum Geleit: Erfahrungen meines Lebens
1. Familie: Auch Eltern können Christen werden
2. Glaube: Von der Versuchung, katholisch zu werden
3. Niederlagen: Gott kann mit Versagern viel anfangen
4. Erweckung: Ich bin dann im Himmel
5. Mein Lehrer: Was er mit seinen Honoraren bewirkte
6. Helden: Freunde, die den Tod nicht fürchten
7. Heilungswunder: Wenn die Ehefrau plötzlich stirbt
8. Zweifel: Habe ich eigentlich den Heiligen Geist?
9. Christsein: Vom Segen der Enttäuschungen
10. Propheten: Die Mauer fiel trotzdem
11. Volkskirche: Aussterben oder auf Mission umstellen
12. Das Ende bedenken: Christen sind besser dran
Danksagungen
Der Autor
Berlin, wo sonst. Der Fall der Mauer jährte sich zum siebenten Mal, ich war noch Student, Du, Helmut, damals schon gefühlt ein halbes Jahrhundert idea-Chefredakteur. Das Abendprogramm beim Politikertreffen in Spandau wäre in Ordnung gewesen. Stattdessen hast Du mich eingeladen:
«Komm, Junge, ich zeig dir mal, wie großartig unsere Hauptstadt ist.»
Eine erste gute Stunde ging es mit dem Hunderter-Bus. Brandenburger Tor, Schloss Bellevue, Goldene Else. Nach einem Hungerhappen in den Hackeschen Höfen führte die hauptstädtische Horizonterweiterung ins Kabarett. Musikalisch trafen wir dort auf die Mutter aller schwarzen Sängerinnen: Aus der Statur einer Mahalia Jackson röhrte die Stimme von Joe Cocker. Es war eine heiße Mischung. Ich begann zum musikalischen Groove mit den Schultern zu rollen, Du mit den Augen. Je später der Abend, desto skurriler wurde die Aufführung. Das Einzige, was noch lauter war als die nicht enden wollenden Gesangseinlagen von Frau Jackson-Cocker, war Dein Lachen. Und das kann anstecken. Zu Beginn noch bemüht, das laute Lachen zu unterdrücken, prusteten wir irgendwann so los, dass uns die Tränen liefen. Zum Ende der Vorstellung hatten wir kaum noch Kraft, uns aus den Sesseln zu heben.
Dieser charismatische Abend war der Beginn einer tragenden Freundschaft über jetzt zwei Jahrzehnte.
Eine Nachrichtenagentur zu führen ist für sich schon eine ernste Sache. Eine evangelikale besonders. Denn hier gibt es nicht nur viel Gegnerschaft «von draußen» gegen die christliche Botschaft, sondern insbesondere auch Scharmützel aus den eigenen Reihen. «Christen sind die Einzigen, die auf ihre eigenen Truppen schießen», sagte mir mal ein Freund. Ich befürchte, er hat recht.
Du hast diese Kämpfe weder gescheut noch gefürchtet. Du hast sie ertragen. Mit Demut und Stehvermögen. Oft beeindruckt hat mich Deine Klarheit in der Sache und gleichzeitig immer wieder auch Deine Bereitschaft, die eigene Position durch die Stimme Andersdenkender abgleichen zu lassen. Du hast beherzt Freundschaften mit katholischen Geschwistern geschlossen. Bist elastisch geblieben, ohne Dich verbiegen zu lassen. Eine pointierte Meinung auch zu politisch keineswegs korrekten Themen, darauf konnte man sich bei Dir immer verlassen.
In vielen Fragen empfand ich Deine Meinung als richtig. Noch eindrücklicher aber war mir, dass ich spürte und wusste: Du machst die Dinge aufrichtig.
Die Härte des Nachrichtengeschäftes kann Menschen ernst machen. Und nicht selten sind Journalisten Berufszyniker. Der liebe Gott mag hier ein Einsehen gehabt haben und Dir ein paar Esslöffel mehr Humor ins Blut gegeben haben, als das bei vielen anderen der Fall ist. Darum konntest Du Deine Berufung und Dein Christsein nicht nur mit Ernst ausfüllen, sondern – wie ich es immer empfand: mit fröhlichem Ernst. Das aber ist wahrhaft evangelisch.
Dominik Klenk, Publizist und Verleger
Als Kind – und auch später noch – kam mir das Leben immer wie eine einzige Abfolge von Hindernissen vor. Kaum hatte ich ein Hindernis bewältigt, türmte sich das nächste vor mir auf. Wie oft denkst du: Das schaffe ich nie, nie, nie! Wie durch ein Wunder geht es aber doch. Gott kann auch anders!
In deinen trüben Momenten erscheint dir die deutsche Einheit wie eine Fata Morgana, ein übles Trugbild, eine Spinnerei – und du bist der Letzte, der sich das Träumen noch nicht abgewöhnt hat. Und plötzlich stehst du unter dem Brandenburger Tor. Leute strömen in die Freiheit, jubelnd, verrückt vor Freude. Es stinkt nach Benzin, Autos hupen, du verstehst dein eigenes Wort nicht mehr … Wow, die erste unblutige Revolution in der Geschichte der Menschheit – ein Wunder, und du warst dabei. Du stehst auf einer Stufe, die du niemals zu erreichen glaubtest. Und du spürst es handfest: Gott kann auch anders!
Aber statt dankbar zu sein und in ewige Gewissheit über die täglichen Wunder Gottes zu verfallen, blickst du nach vorne auf die nächste Stufe, die sich als neue Mauer vor dir auftürmt – und du denkst: Das werde ich nie schaffen. Aber wenn du als Christ zurückblickst, wirst du sehen, dass du wirklich schwach, ratlos, unfähig warst – und ein anderer dir die Kraft gab: «Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.» Das ist meine Gewissheit, das ist mein Zeugnis – und das ist der einzige Grund, warum ich den Berg meines Lebens in seinen prägnanten Herausforderungen beschreibe.
Ich hatte eigentlich von Anfang an null Chance, für die Herausforderungen meines Lebens ausreichend gerüstet zu sein. Nun preise ich die Großtaten Gottes in meinem Leben. Er macht es anders, als ich es je gekonnt hätte! Ich bin in die letzte Phase meines Lebens eingetreten, und die größte Stufe liegt noch vor mir …
Helmut Matthies
BEI GOTT IST NICHTS UNMÖGLICH. Viele Christen leiden darunter, dass ihre Eltern oder Kinder nicht auch Anhänger Jesu sind. Wird bei Seminaren das Thema angeboten: «Was tun, wenn Eltern oder Kinder keine Christen sind?», dann sind sie meistens bestens besucht. Als ich einen bekannten, erfahrenen Seelsorger fragte, ob meine alten Eltern sich vielleicht doch noch für ein Leben als Christen entscheiden könnten, winkte er resigniert ab: «Alte Leute ändern sich nicht!» Doch Gott kann – anders, als wir es erwarten.
Auf der geistlichen Landkarte Deutschlands kann man sich kaum einen größeren Unterschied vorstellen als den zwischen Nord und Süd. Fast alles, was besonders in Württemberg, im Erzgebirge und in gewissen Teilen Bayerns an manchen Orten noch selbstverständlich ist, gilt nördlich des Mains, von wenigen Ausnahmen abgesehen, als völlig ungewöhnlich: reger Kirchenbesuch und eine selbstbewusste Kirchlichkeit. Man ist Christ, und man weiß, was das bedeutet. Das ist selbst in den traditionellen Erweckungsgebieten des Westens und Nordens, im Siegerland, in Minden-Ravensberg und in Hermannsburg in der Lüneburger Heide längst nicht mehr so wie noch vor dem Zweiten Weltkrieg. Weithin herrscht Unchristlichkeit, wenn nicht blankes Heidentum. Die meisten sind zwar nicht direkt gegen Kirche (nach dem Motto: «Ein Pastor ersetzt fünf Polizisten»), aber auch nicht dafür. Ihre Kirchenmitgliedschaft erschöpft sich im Zahlen der Kirchensteuer sowie der Inanspruchnahme von Taufe, Konfirmation, Trauung und auf jeden Fall der kirchlichen Bestattung.
Trotzdem wirkt Gott auf vielfältige Weise auch im Norden. Ich bin in einem Dorf zwischen Hannover und Braunschweig mit etwa 2.000 Bewohnern aufgewachsen, von denen in meiner Kindheit 1.800 evangelisch waren. Kamen an einem normalen Sonntag mehr als 30 in den Gottesdienst, fragte der Küster den Pastor schon aufgeregt: «Was ist denn passiert?» Eine Landeskirchliche Gemeinschaft gab es in der nächsten Stadt, aber sie war völlig überaltert. Wer in den Fünfzigerjahren auf dem Dorf zur Schule kam, ging häufig wie selbstverständlich auch in den Kindergottesdienst. (Es lebe die Tradition!) Wir hatten einen hochintelligenten und – wie man unter Pietisten sagt – «gläubigen» Pastor, der sich in seiner Gemeinde schwertat, das Evangelium unter die Bauern und Arbeiter zu bringen. Da er bei den Erwachsenen kaum «Erfolg» verzeichnete, konzentrierte er sich zusammen mit seiner Ehefrau mit großer Liebe und Hingabe auf die Kinder.
Das habe ich selbst erlebt. In meinem Elternhaus hörte ich nie etwas von Gott. Eines Morgens ging ich durch unser Dorf und muss wohl hungrig ausgesehen haben. Jedenfalls sprach mich eine mir unbekannte Frau an und fragte, ob ich Hunger hätte. Als ich es bejahte, fragte sie gleich, was ich denn gern mal essen würde. Meine Antwort bestand aus einem Wort: «Schokoladenpudding.»
Sie lud mich ein, am nächsten Sonntag um 12 Uhr in ein Haus am Ende der Straße zu kommen. Ich erfuhr erst von meinen Eltern, dass es das Pfarrhaus war. Ich bekam wunderbaren Pudding mit Vanillesoße – jeden Sonntag.
Nach einem Vierteljahr fragte mich die Frau unseres Pfarrers, ob ich schon ein Buch besäße. Ich hatte als Achtjähriger tatsächlich nur die von der Schule gestellten Bücher. Sie schenkte mir die Kinderbibel von Anne de Vries. Da der Pudding gut war, ist für mich die Frau gut gewesen. Jetzt musste es auch das Buch sein. Ich habe selten einen Wälzer so häufig gelesen. Es hat mich geradezu fasziniert, was ich über Gott las, und nun wollte auch ich Christ sein. Bald lud sie mich in den Kindergottesdienst ein. Ich saß in der ersten Reihe und sang die Choräle mit so großer Begeisterung, dass mich unser Pastor ermahnte, die anderen Kinder nicht zu übertönen.
Im Konfirmandenunterricht, der zwei Jahre lang zweimal in der Woche stattfand, mussten wir den gesamten Kleinen Katechismus von Martin Luther, zahlreiche Psalmen und viele Choräle auswendig lernen. Damals stöhnte ich oft. Heute bin ich «meinem» Pastor sehr, sehr dankbar, dass er uns viel Stoff pauken ließ, denn ich habe dadurch viele geistliche Schätze verinnerlichen können.
Als ich nach der Konfirmation als Letzter meines Jahrgangs noch regelmäßig den Gottesdienst besuchte, gingen Leute aus dem Dorf zu meinen Eltern – sie betrieben eine Waldgaststätte – in der Sorge darüber, ob ich seelische Probleme hätte. Mit mir könne etwas nicht stimmen. Im Übrigen sei man doch nicht katholisch, brauche also nicht immer «in die Kirche rennen».
Meine Eltern, denen ich trotz großer Armut eine glückliche Kindheit verdanke, ließen mich in großer Toleranz gewähren. Besonders mein Vater hörte geduldig zu. Aufgrund einer ärztlichen Fehldiagnose im Ersten Weltkrieg war er ein Krüppel (siehe hier). Trotzdem war er immer dankbar. Meine Eltern meinten, die «Kirchenrennerei» gebe sich schon wieder.
Für mich war es der größte Wunsch, dass meine Eltern und meine beiden Geschwister auch entschiedene Christen würden. In unserer ganzen Sippe gab es niemanden, mit dem ich über meinen christlichen Glauben reden konnte. In meinem Übermut machte ich zunächst einmal alles falsch: Ich betete demonstrativ bei Tisch und bedrängte meine Eltern und Geschwister, doch den Gottesdienst zu besuchen. Mit dem ersten Ergebnis, dass mein Bruder zum nächstmöglichen Zeitpunkt aus der Kirche austrat.
Nachdem ich mit 16 zur Ausbildung das Elternhaus verlassen hatte, redeten wir kaum noch über den Glauben. Jeder wusste, was der andere dachte.
Ich hatte den Mut verloren, meine Hoffnung jedoch nie aufgegeben. Aber offen über meinen Glauben zu reden – das traute ich mich nicht mehr.
Es blieb die Angst, dass meine Eltern unbekehrt sterben könnten. Anfang 1988 erfuhr mein ohnehin schwerbehinderter Vater im Alter von 72 Jahren sein Todesurteil: Er hatte Krebs im letzten Stadium.
Als ich ihn einen Tag, nachdem er die Diagnose gehört hatte, im Krankenhaus besuchte, wagte ich zum ersten Mal seit langem, in seinem Beisein zu beten. Am Krankenbett bat ich hörbar Gott, meinem Vater nahe zu sein.
Mein Vater antwortete mit «Amen». Er hatte nie an den Gott der Bibel geglaubt. Sein Gott war die Natur. Wenn andere zum Gottesdienst gingen, wanderte er im Wald. Als er einmal mit unserer Dorfpfarrerin (die wir inzwischen hatten) darüber sprach, meinte sie keck: «Wenn Sie glauben, Gott in der Natur finden zu können, dann lassen Sie sich doch auch vom Oberförster beerdigen.»
Schon nach fünf Tagen konnte mein Vater das Krankenhaus verlassen. Es war ja nichts mehr zu machen. Mein Vater lebte nun ganz bewusst auf seinen Tod hin. Er regelte alles, was zu regeln war, sprach ganz offen über seine Beerdigung und wie es dann mit uns weitergehe.
Von jetzt an beteten viele Freunde für meinen Vater. Meine Frau und ich taten es natürlich auch. Wir versuchten darüber hinaus, einfach für ihn da zu sein, besuchten ihn trotz großer Entfernung mindestens jedes Wochenende. Dabei hatten wir es uns zur Regel gemacht, kurz vor unserer Abreise immer mit ihm zu beten. Er ertrug es – so war unser Eindruck. Mehr nicht. Sein Herz schien unberührt.
Eines Tages wurde unser dreijähriger Sohn – sein einziger Enkel – unbewusst zum Missionar. Am Geburtstag meines Vaters sang er ihm unaufgefordert am Telefon ein schlichtes Kinderlied vor: «Eins, zwei, der Herr ist treu. Drei, vier, er ist bei mir. Fünf, sechs, sieben, ich will ihn lieben. Acht, neun, zehn, und immer mit ihm geh’n.»
Mein Vater weinte.
Später hat er sich das Lied immer wieder von seinem Enkel gewünscht. Trotzdem konnten wir keinerlei geistliche Fortschritte erkennen. Wir fragten Seelsorger um Rat. Kaum einer machte uns Hoffnung. «Ich habe nie erlebt, dass sich auf dem Sterbebett noch jemand bekehrt hat. Alte Menschen sind hier stur oder feige – sie schämen sich vor einer Lebenswende», meinte ein erfahrener schwäbischer Pfarrer zu mir.
Inzwischen hatte sich der Zustand meines Vaters dramatisch verschlechtert. Er konnte kaum noch Nahrung zu sich nehmen und hatte starke Schmerzen. Zwei Wochen vor seinem Tod, als er wieder entsetzlich litt, wagte ich, ihm zu sagen: «Vater, jetzt kannst du nur noch auf Jesus vertrauen.»
Seine Antwort überraschte mich tief:
«Junge, das tue ich doch!»
Offensichtlich hatte Gott bereits seit längerem in ihm gewirkt.
Danach fragte ihn meine Frau: «Vater, du hast immer für alles vorgesorgt, weißt du denn jetzt auch, ob du in den Himmel kommst?»
«Nein, das kann man doch nicht wissen.»
Dann erklärte sie ihm anhand der Worte im Johannesevangelium (3,16), was Jesus für ihn bedeutet. Diesen Vers – «Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben» – kannte er noch aus dem Konfirmandenunterricht.
Beim nächsten Besuch wiederholten wir diesen Vers. Wir sagten noch, es sei gar nicht so schwer zu glauben, man müsse nur innerlich Ja dazu sagen. Vater antwortete:
«Ja, es ist eine innere Umstellung.»
Am Vorabend seines Todes haben wir ihn in seiner großen Not mit dem Hinweis zu trösten versucht, dass ihn die Engel in die Ewigkeit geleiten werden. Spontan antwortete er mit den Worten:
«Ja, das glaube ich.»
Ein paar Stunden später fiel er ins Koma. Seine letzte Regung zur Überraschung meiner Geschwister war, dass er die Hände zum Gebet faltete. Mein Vater ging heim zum Vater im Himmel.
Vorher hatte er noch im Beisein meiner Mutter bestimmt, dass ich ihn beerdigen sollte. Die vielen Trauergäste konnten gar nicht glauben, dass mein Vater – für viele «ihr» Gastwirt – Christ geworden sei.
Und meine Mutter? Sie schien von der Bekehrung ihres Ehemannes nicht sonderlich beeindruckt zu sein, schwieg sie doch dazu. Immerhin besuchte sie jetzt öfter den Gottesdienst. In der Evangelischen Frauenhilfe war sie zuständig für das Kaffeekochen. Aber über ihre Beziehung zu Gott wollte sie – nicht untypisch im Norden – nicht reden. Das verstärkte sich noch dadurch, dass bei einem Urlaub übereifrige freikirchliche Christen meinten, meine Mutter zu einer eindeutigen Bekehrung drängen zu müssen. Das hatte sie komplett irritiert.
Vierzehn Jahre nach dem Heimgang meines Vaters stürzte meine Mutter in meinem Elternhaus eine große Treppe hinunter – die Folge eines Hirnschlags. Die 77-Jährige fiel ins Koma, aus dem sie nie wieder erwachte. So war kein Gespräch mehr möglich. Ich schämte mich, weil ich es zuvor nicht mehr gewagt hatte, sie auf die Ewigkeit anzusprechen.
Nach der Beerdigung besuchte ich einen betagten Lehrer in meiner einstigen Heimatgemeinde, weil ich ihn seit Jugendtagen als vollmächtigen Seelsorger schätzte. Zu meiner völligen Überraschung berichtete er mir, dass meine Mutter eine der eifrigsten Besucher des Bibelkreises war, den er leitete. Nie hatte sie uns Kindern davon berichtet, dass sie «an so was» überhaupt teilnahm. Auf meine Frage, ob ich meine Mutter einmal im Himmel wiedersehen würde, meinte er mit großer Bestimmtheit: «Ganz gewiss! Sie hat sich im Bibelkreis stets zu Jesus Christus bekannt.» Auch das hätte ich nicht für möglich gehalten!
Eine weitere Bestätigung fand ich nach ihrem Heimgang am Rande ihres Kopfkissens. Auf einen Zettel hatte sie in bunten Farben ein Wort von dem alttestamentlichen Propheten Sacharja (2,14) geschrieben: «Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr.» Dass meine Mutter sich einen Bibelvers aufs Kopfkissen legen könnte – auch das schien mir zuvor völlig undenkbar. Aber bei Gott ist eben nichts unmöglich.
GOTT HAT ÜBERALL SEINE LEUTE. Aus Enttäuschung überlegen sich zahlreicher werdende Christen in den evangelischen Landeskirchen, ob sie nicht austreten und beispielsweise in eine Freikirche oder in die katholische Kirche übertreten sollten. Es gibt zwar mehr Katholiken, die zu EKD-Mitgliedskirchen konvertieren, aber umgekehrt sind es besonders Intellektuelle, die diesen Schritt vollziehen, wie beispielsweise der Regierungssprecher der deutschen Bundesregierung, Steffen Seibert, die Bestsellerautorinnen Christa Meves und Birgit Kelle oder der einstige EKD-Synodale und Theologieprofessor Horst W. Bürkle. Doch wohin begibt man sich, wenn man in die katholische Kirche in Deutschland übertritt?
Im Sommer 2019 haben die beiden Volkskirchen in Deutschland die Statistik über ihre Entwicklung im vergangenen Jahr veröffentlicht. Erstmals verzeichnete die katholische Kirche mit 216.000 fast ebenso viele Austritte wie die evangelische mit 220.000. In früheren Jahren war der Abstand zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) fast immer sehr viel größer.
Sofort meinten zahlreiche Medien und Kirchenvertreter, der Grund liege in den vielen Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch durch Priester und ihrer mangelnden Aufarbeitung. Medien wie katholische Laienvertreter vermuteten auch gleich die Ursache für das Übel zu wissen: die Ehelosigkeit der Priester.
Doch wenn das ein Hauptgrund wäre, dürfte es nur wenige sexuelle Übergriffe durch evangelische landes- wie freikirchliche Pastoren geben, sind sie doch in der Regel verheiratet. Missbräuche kommen jedoch leider auch im Protestantismus genauso häufig vor. Das ergab eine im März 2019 bekannt gewordene Studie der Universität Ulm. Danach sei davon auszugehen, dass von katholischen Pfarrern etwa 114.000 Menschen in Deutschland sexuell missbraucht worden seien. Zur großen Überraschung wurde festgestellt, dass noch einmal ebenso viele durch Pastoren und Mitarbeiter in evangelischen Kirchen betroffen sein sollen. Auch sogenannte bibeltreue – also evangelikale – Gemeinden bleiben von Missbrauchsfällen nicht verschont.
Viele Evangelikale waren überrascht und erschrocken, als der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz und einstige Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Peter Strauch (Witten), 2015 in seiner Biografie bekannte, dass sein Vater – in der Gemeinde «ein legendäres Vorbild» – sich an seinen beiden Enkeltöchtern vergangen habe.
Da das Thema Sexualität in frommen Kreisen bis heute weithin noch ein Tabu ist, schreckt man umso mehr davor zurück, darüber auch nur zu reden. Ein erfahrener Arzt und Seelsorger, der Betroffene aus russland-deutschen baptistischen und evangelikalen Brüdergemeinden betreut, zog bei einem Gespräch in der Zentrale der Evangelischen Nachrichtenagentur idea in Wetzlar die Bilanz:
«Es ist Gott sei Dank eine kleine Minderheit unter den Christen, die mit ihrer Sexualität nicht fertigwird. Theologisch liberale Kirchenmitglieder haben dann meist eine Nebenfrau oder gehen ins Bordell, evangelikale Christen können sich dann auch an ihren eigenen Kindern oder denen von Verwandten vergreifen.»
Das Thema Missbrauch ist also längst nicht spezifisch katholisch. Doch wie kann man überhaupt in Versuchung geraten, katholisch zu werden? Um es schon mal vorweg anzudeuten: aus Verzweiflung über die Situation des Protestantismus und aufgrund von vorbildlichen katholischen Pfarrern und Bischöfen. Meine Begegnungen mit Katholiken sind jedenfalls bis heute fast immer positiv gewesen. Auch habe ich als Journalist weithin gute Erfahrungen mit der katholischen Kirche gemacht.
Weshalb ich dennoch nicht katholisch geworden bin, hängt nicht nur mit theologischen Bedenken zusammen, sondern auch mit der Entwicklung dieser Kirche in Deutschland.
Aber nun der Reihe nach. Ich bin in einem Dorf zwischen Hannover und Braunschweig aufgewachsen, in dem es bis 1945 unter den etwa 2.000 Einwohnern nur einen einzigen Katholiken gab. Nach der Vertreibung aus Schlesien zogen etwa 200 Katholiken in unser Dorf. Meine Familie wohnte außerhalb mitten im Wald, in dem meine Eltern eine Gastwirtschaft betrieben. Als es mit ihr wirtschaftlich bergab ging, kam meinem (schwerbehinderten) Vater der Wunsch der katholischen Gemeinde aus den umliegenden Dörfern gelegen, ihr doch den Tanzsaal mit rund 400 Plätzen zu verpachten.
Wo lange das Tanzbein geschwungen wurde, fanden nun Messen statt. Mein damals noch atheistischer Vater betätigte sich ehrenamtlich als Glöckner, indem er vor der Messe in unserer Gaststube eine Schallplatte mit dem Geläut des Kölner Doms auflegte. Unter den Bäumen vor unserer Gastwirtschaft gab es eine im Sommer viel genutzte Tanzfläche mit Lautsprechern, aus denen nun das Geläut kilometerweit zu hören war.
Die katholische Gemeinde wuchs. Schließlich verkaufte mein Vater einen Teil unseres Anwesens. Der Saal wurde abgerissen, und dort, wo bisher unter Bäumen getanzt wurde, entstand bis 1967 in Fertigbauweise eine schöne katholische Kirche samt Pfarrhaus. Als evangelischer Jugendlicher habe ich mit Staunen ein lebendiges katholisches Gemeindeleben mitbekommen. Die Kirche konnte Sonntag für Sonntag die vielen Gläubigen nicht fassen. Eine ganze Reihe musste draußen stehen. Die Gesänge sind mir bis heute im Ohr.
Die drei Priester, die ich dort im Laufe der Jahre erlebte, habe ich als Vorbilder in Erinnerung. Besonders der letzte – Pfarrer Vöcking – hat mich beeindruckt. Für alle Priester war mein Vater ein gefragter Gesprächspartner. Es stand ja im Wald neben ihrem Pfarrhaus nur unsere Gaststätte. Es gab fast keinen Abend, an dem nicht der Priester zu uns ins Haus kam. Mein Vater war eine Art Beichtvater, ohne die Beichte abzunehmen – wie Pfarrer Vöcking bei der Trauerfeier für ihn sagte. Als mein Vater im Sterben lag, stand er 24 Stunden an seinem Bett. Ich ermunterte ihn immer, sich doch mal schlafen zu legen. Doch er wartete, bis mein Vater in meinen Armen heimging.
Nur wenige Jahre danach – Anfang der 90er Jahre – wurde Pfarrer Vöcking versetzt. Seitdem steht das Pfarrhaus leer. Der Priestermangel im Bistum Hildesheim ist unbeschreiblich. Das Gemeindeleben in meiner Heimat ist nur noch ein Schatten im Vergleich zu den 60er bis 80er Jahren.
Beeindruckt schon vom Verhalten des ersten Priesters (ab 1961 Pfarrer Krebs), interessierte ich mich als Schüler für die katholische Kirche. Besonders die Jesuiten hatten es mir angetan, weil ich wissen wollte, wie eine Gemeinschaft beschaffen sein muss, die es schafft, in der Gegenreformation im 16. bzw. 17. Jahrhundert riesige protestantisch gewordene Gebiete zu rekatholisieren – teilweise leider mit brutaler Gewalt.
Ich fuhr an einem Sonntag 1971 zur Philosophisch-Theologischen Hochschule der Jesuiten, Sankt Georgen, in Frankfurt am Main, klingelte und erklärte: «Ich möchte mal einen Jesuiten kennen lernen.»
Es kam ein älterer Mann: Pater Theodor Becker. Er faszinierte mich nicht nur am ersten Tag. Er ist bis zu seinem Tod Anfang der 80er Jahre für mich zu einem Seelsorger geworden. Ich besuchte damals ein evangelisches Internat in Laubach im Vogelsberg und kam fast jeden zweiten Sonntag zu ihm. Auch während meines Theologiestudiums in Berlin, Hamburg und Heidelberg, meiner Zeit als Vikar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und in meinen Anfangsjahren (ab 1977) bei der Evangelischen Nachrichtenagentur idea mit Sitz in Wetzlar hielt ich Kontakt und belegte auch zwei Gastsemester an der Hochschule. Aber Pater Becker blieb in seiner Bescheidenheit und brüderlichen Zuwendung mein Vorbild bis zu seinem irdischen Lebensende. Er hat nie versucht, mich zu überreden, in den Orden einzutreten.
Als ich einmal wissen wollte, was er einem Katholiken sage, der Priester werden wolle, hat er ganz praktisch und nüchtern geäußert: «Da er zölibatär leben muss, frage ich ihn als Erstes, ob er ohne Pornografie und viel Selbstbefriedigung auskomme. Wenn nicht, erübrigen sich Fragen nach der geistlichen Berufung.»
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass plötzlich ein dicker Brief bei mir zu Hause eintraf. Darin fand sich ein Buch über Ignatius von Loyola (1491–1556), den Gründer des Jesuitenordens, und ein Brief, in dem mir Pater Becker mitteilte, dass er sehr bald sterben würde aufgrund einer schweren Krebserkrankung (die er mir verschwiegen hatte).
Gleich am nächsten Tag besuchte ich ihn in der Uniklinik in Frankfurt am Main. Wir hatten ein letztes tief bewegendes Gespräch mit einem abschließenden Segensgebet.
Ich war inzwischen ordinierter Pfarrer und beurlaubt von der hessen-nassauischen Kirche für den Dienst als Leiter von idea. Diese Nachrichtenagentur steht dem evangelikalen Dachverband Deutsche Evangelische Allianz theologisch nahe.
Ich erlebte Ende der 70er und in den 80er und 90er Jahren zahlreiche evangelische Kirchenleiter, die sich dem Zeitgeist theologisch und ethisch angepasst hatten. Demgegenüber standen katholische Bischöfe, die für mich und viele andere Evangelikale wie ein Fels in der Brandung wirkten, allen voran Joachim Kardinal Meisner in Berlin bzw. Köln und Erzbischof Johannes Dyba in Fulda.
Zu den Höhepunkten meines journalistischen Lebens gehörte ein Besuch bei Dyba 1996 und ein langes Interview, das ich mit ihm führen durfte. Es war die Zeit, in der bei evangelikalen Sitzungen so mancher Leiter angesichts bedenklicher Entwicklungen in der EKD stöhnte: «Es ist zum Katholischwerden!»
