8,99 €
Anfangs stand sie einsam vor dem Reichstag in Stockholm, mit einem selbstgemalten Schild in den Händen: "Schulstreik für das Klima". Heute ist die 16-jährige Greta nicht mehr allein, Millionen Teenager weltweit haben sich ihr angeschlossen, um für eine konsequentere und gerechte Klimapolitik zu demonstrieren. Dieses Buch erzählt die Geschichte von Greta Thunberg, der Ikone der "Fridays for Future"-Bewegung. Es ist die Geschichte einer Rebellion gegen die Ignoranz der Politiker und Lobbyisten, die im Begriff sind, die Zukunft der Menschheit zu verspielen. Wer ist dieses Mädchen, das den Klimaschutz so radikal in unsere Tagespolitik zurückgeholt hat? Anita Partanen beschreibt, wie sie lebt und was sie fordert, welche Anfeindungen sie ertragen musste und wo ihr Weg sie noch hinführen wird.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2019
Anita Partanen
Anita Partanen
Ein Mädchenverändert die Welt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Originalausgabe
1. Auflage 2019
© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Susann Harring
Umschlaggestaltung: Manuela Amode
Umschlagabbildung: Manuela Amode
Layout: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)
Satz: bären buchsatz, Berlin
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-1146-7
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0806-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0807-5
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
VORWORT
MIT PROFIS IN DEN UNTERGANG
FAMILIENGESCHICHTEN
KINDHEIT OHNE KINDLICHKEIT
EIN »GESCHENK« NAMENS ASPERGER
WAS DAS SOLL
AUF DER STRASSE
GRETA GRENZENLOS
DER BEGINN EINER BEWEGUNG
IM KREIS DER GROSSEN
UND NUN NACH DAVOS
DIE GEHASSTE HELDIN
DER PREIS IST SCHEI…NHEILIG
ZWISCHEN POLITIK UND PAPST
IMMER AUCH AUF DER STRASSE
WEITER, IMMER WEITER
NEXT GENERATION LEADERS
SCHLUSSBEMERKUNG
ANMERKUNGEN
Der 20. August 2018 war ein Montag – und ein eigentlich recht ereignisloser Sommertag. Deutschlandweit schwitzte man bei rund 30 Grad Celsius, die Nachrichten widmeten sich unter anderem Themen wie einem Schlagloch in Mönchengladbach, das eine Künstlerin mit viel Fantasie, künstlichen Pflanzen, ebenso künstlichen Goldfischen und reichlich Harz in einen winzigen Kunst-Teich verwandelt hatte. Worüber an diesem Tag jedoch niemand berichtete, war die Tatsache, dass in Stockholm eine 15-Jährige die Schule ausfallen ließ und sich stattdessen vor das Reichstagsgebäude setzte, wo sie von nun an drei Wochen lang während der Unterrichtszeit sitzen sollte – immer dabei ein selbst gefertigtes Schild mit der Aufschrift »Skolstrejk för klimatet«, übersetzt also »Schulstreik für das Klima«. Für den Schlagloch-Teich hat sich nach diesem Tag kaum noch jemand interessiert, über die Unterrichts-Verweigerin aus Schweden dagegen sollte bald die ganz Welt sprechen. Der Name der Schülerin lautet Greta Thunberg, und sie kündigte am 8. September an, sie werde auch nach den schwedischen Parlamentswahlen vom 9. September 2018 ihren Unterrichtsboykott an Freitagen so lange fortsetzen, bis die Klimapolitik Schwedens den Grundsätzen des Pariser Klimaabkommens entspreche. Wie inzwischen üblich, verbreitete Greta ihre Pläne über die Sozialen Medien, nutzte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter dabei Hashtags wie #climatestrike, #schoolstrike, #FridaysForFuture und #FFF.1 Noch vor wenigen Jahren wäre die Geschichte damit vermutlich beendet gewesen, da sich kaum jemand für die Gedanken eines schwedischen Teenagers interessiert hätte. Heute allerdings interessieren sich immer weniger Menschen dafür, was die klassischen Medien zu sagen haben, Inhalte der Sozialen Medien dagegen finden häufig rasend schnell Gehör. Vor allem, wenn es sich um Nachrichten von jungen Menschen an junge Menschen handelt. Was im Fall von Greta Thunberg bedeutete, dass sich binnen weniger Monate in Ländern wie Australien, England, Italien, Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Kanada, Frankreich, Schweiz, Österreich, Irland oder auch Schottland eine Jugendbewegung formierte, die sich hinter Greta und ihre Forderungen stellte. Bereits am 15. Februar 2019 – und damit knapp sechs Monate nach dem ersten Ein-Personen-Schulstreik in Stockholm – gab es 155 Fridays-For-Future-in-Deutschland-(FFFD)-Ortsgruppen. Insgesamt nahmen an diesem Tag 30 000 Schüler, Studierende und Auszubildende an FFFD-Demonstrationen teil. Am 15. März schließlich fand der erste globale Protesttag von Fridays For Future statt, an dem allein in Deutschland 220 Proteste angekündigt waren, an denen nicht weniger als 300 000 Menschen teilnahmen. Spätestens seit diesem Zeitpunkt fragen sich zahllose Menschen, wie sich diese Bewegung dermaßen schnell entwickeln konnte. Außerdem stellen sie sich immer wieder die eine Frage: Wer ist eigentlich Greta Thunberg, wie konnte es die inzwischen 16-Jährige im Alleingang schaffen, die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen auf sich zu ziehen, sogar bei erfahrenen Wissenschaftlern Gehör zu finden?
Wollen wir Greta Thunbergs Engagement verstehen, dann müssen wir uns nur den öffentlichen Umgang mit der Fridays-for-Future-Bewegung und das gleichzeitige Desinteresse an wissenschaftlichen Fakten anschauen. Wie zu erwarten war, mischten sich bald auch die Politiker ein, wenn Schüler für ihre Zukunft auf die Straße gingen. Nicht zuletzt FDP-Chef Christian Lindner zeigte dabei, welches Denken immer noch in vermeintlich erwachsenen Köpfen vorherrscht. Der nämlich wurde mit der Aussage zitiert, man könne von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, dass sie in der Lage seien, die gesamten globalen Zusammenhänge zu erkennen, »das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen.«2 Und weil das so sei, sollten sich eben Profis um die Sache beziehungsweise das Thema kümmern – wobei mit Profis natürlich erwachsene Menschen gemeint sein dürften. Allerdings bewies der Herr Linder mit dieser Aussage, dass er selbst nicht in der Lage ist, globale Zusammenhänge zu erkennen. Denn nahezu zeitgleich mit dieser Aussage des deutschen Politikers diskutierte die wissenschaftliche Welt eine Studie der University of Wisconsin-Madison aus den USA, in der es grob zusammengefasst darum geht, dass bereits im Jahr 2030 auf der Erde ein Klima wie zuletzt vor drei Millionen Jahren herrschen könnte. Sollte sich der Klimawandel ungebremst fortsetzen, könnte es sogar zu einer extremen Warmzeit wie vor 50 Millionen Jahren kommen – mit Folgen, die sich kaum jemand wirklich ausmalen möchte.3 Die Erde bewege sich demnach auf Klimabedingungen zu, die man seit der Entstehung des Homo sapiens vor rund 300 000 Jahren noch nicht erlebt habe. Denn selbst in der wärmsten Zeit des gegenwärtigen Erdzeitalters Holozän vor rund 6000 Jahren sei die globale Mitteltemperatur nicht so hoch gestiegen, wie sie heute liegt. Und man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen: Die Rede ist dabei von einer Entwicklung bis zum Jahr 2030, also gerade einmal elf Jahre in der Zukunft. Vermutlich erinnert sich noch jeder an US-Präsident Barack Obama – der wurde 2008 zum ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA gewählt. 2008, das war vor elf Jahren – wir reden also von einer gar nicht mal so langen Zeitspanne.
Außerdem: Wenn Christian Lindner davon spricht, man solle die Sache doch besser Profis überlassen, dann ist auch die Frage zu klären, was denn besagte Profis bisher getan haben und wie sie mit den Warnungen junger Menschen umgegangen sind. Tatsächlich nämlich ist Greta Thunberg gar nicht die erste Jugendliche, die versucht hat, besagte Profis aufzurütteln. Zwar ist der Name Severn Cullis-Suzuki inzwischen etwas in Vergessenheit geraten, im Grunde steht dieser Name aber für genau das, wofür auch Greta Thunberg steht.
Severn Cullis-Suzuki wurde im Jahr 1979 im kanadischen Vancouver geboren und rief bereits im Alter von neun Jahren an ihrer Grundschule den Umwelt-Club Environmental Children’s Organization (ECO) ins Leben. Kaum zwölf Jahre alt, sammelte sie 1992 Spenden, um an der ersten Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro teilzunehmen. Dort angekommen, hielt sie schließlich vor den Delegierten eine sechsminütige Rede. Die Medien feierten sie daraufhin als das Mädchen, das die Welt für einige Minuten zum Schweigen gebracht hatte. Inzwischen ist das alles 27 Jahre her, und damals steckte das Internet noch in den Kinderschuhen – von Sozialen Medien ganz zu schweigen. Trotzdem fanden die Aufnahmen der Rede später den Weg ins Internet, wo sie bis heute in diversen Kopien millionenfach aufgerufen wurden.4 Wer sich die Worte der Zwölfjährigen heute anhört, der wird unweigerlich feststellen, dass die Warnungen von damals frappierende Ähnlichkeit mit dem haben, was heute Greta Thunberg den erwachsenen Profis à la Christian Lindner zu vermitteln versucht. Severn begann ihre Ansprache mit der Aussage, sie habe keine versteckte Agenda, sie kämpfe vielmehr für ihre Zukunft. Diese Zukunft zu verlieren sei nicht dasselbe, wie eine Wahl zu verlieren oder einige wenige Prozentpunkte an der Börse. Eltern sollten ihre Kinder mit den Worten trösten können, dass alles gut werde, dass es nicht das Ende der Welt sei und die Erwachsenen alles tun würden, was in ihrer Macht stehe. Nur glaube sie nicht, dass Eltern das noch sagen könnten. »Sind wir überhaupt auf eurer Prioritätenliste?«, fragte sie daraufhin die Delegierten. Was dann wieder zu besagten Profis und schließlich auch zu Greta Thunberg führt. Denn die sprach im Dezember 2018 auf der UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz. Dort fand sie Worte, die wie eine moderne Interpretation dessen wirken, was Severn 1992 in Rio ausdrückte. Die Menschen, so Greta, würden sagen, dass sie ihre Kinder über alles liebten, gleichzeitig jedoch würden sie ihnen die Zukunft nehmen. Man könne eine Krise nicht lösen, ohne sie wirklich wie eine Krise zu behandeln.5 Die Führer der Welt hätten die Menschen in der Vergangenheit ignoriert, und sie würden dies sicher wieder tun. Nur seien ihnen inzwischen die Entschuldigungen ausgegangen, und nun würde auch noch die Zeit verstreichen. Sie sei gekommen, um zu sagen, dass Veränderung komme, ob es besagten Führern nun gefalle oder nicht. Die wirkliche Macht nämlich liege bei den Menschen. Zwischen beiden Reden liegen 27 Jahre. 27 Jahre, in denen die erwachsenen Profis nichts oder nur wenig zustande gebracht haben. Damals hat man es noch geschafft, die Worte einer Severn Cullis-Suzuki dem Vergessen zu überlassen. Greta Thunberg allerdings verfügt mit den Sozialen Medien über Mittel, die ihrer Vorkämpferin noch nicht zur Verfügung standen. Und schon aus diesem Grund wird sie sich weiter Gehör verschaffen. Damit, dass sie aufhört, ihre Finger auf die von den Profis verursachten Wunden zu legen, ist nicht zu rechnen. Auch Severn Cullis-Suzuki tat das nicht. Die inzwischen 39-Jährige reiste vielmehr 2012 als Botschafterin für nachhaltige Entwicklung erneut nach Rio de Janeiro, wo sie an der Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung teilnahm. Erneut hielt sie eine Rede, und sie stellte fest, dass sich seit ihrer letzten Rede vor mittlerweile 20 Jahren die Situation nur verschlimmert habe.6 Nach dem aktuellen Stand stehen uns nun allerdings nur noch elf Jahre zur Verfügung.
Als Severn Cullis-Suzuki im Jahr 1992 ihre legendäre Rede hielt, war Greta Thunberg noch nicht einmal auf der Welt. Und auch deren Eltern gingen seinerzeit noch eigene Wege – hatten sie damals doch gerade erst das zarte Alter von 20 Jahren überschritten. Trotzdem zählten sowohl Gretas Vater Svante Thunberg als auch ihre Mutter Malena Ernman schon damals nicht zu den Durchschnittsmenschen. Svante Thunberg trug schließlich einen in seiner Heimat recht berühmten Familiennamen. Dessen Vater Olof Thunberg nämlich ist in der Filmszene Schwedens eine wahre Berühmtheit. Geboren im Jahr 1925, spielte er in zahllosen schwedischen Filmen und TV-Serien mit. Berühmt allerdings wurde er nicht allein wegen solcher Rollen, sondern wegen seiner sonoren Stimme. Die lieh er unter anderem dem bei Kindern sehr populären Bamse, dem stärksten Bären der Welt, der als Cartoon-Figur Held diverser Zeichentrickfilme war. Und noch einer Comic-Berühmtheit lieh Olof Thunberg seine Stimme: nämlich Agaton Sax, dem Helden der gleichnamigen Detektiv-Serie, die ebenfalls verfilmt wurde. Eng verbunden ist der Name Olof Thunberg zudem mit vielen Walt-Disney-Produktionen. Schon in den Fünfzigerjahren sprach er in Susi und Strolch den Pluto. Und mit Hunden ging es weiter: 1961 folgte 101 Dalmatiner – wo er die schwedische Stimme des Colonel übernahm. Von den Hunden ging es dann zu den Großkatzen. In der 1967er-Produktion des Dschungelbuches sprach Thunberg die schwedische Version des Tigers Shir Khan. Diese Synchronisationen von Figuren in Animationsfilmen von Disney ziehen sich durch die gesamte Karriere des Olof Thunberg – im Jahr 2003 sprach er erneut Shir Khan im zweiten Teil des Dschungelbuches.
Verheiratet war Olof Thunberg mit der ebenfalls bekannten schwedischen Schauspielerin Mona Andersson.7 Sie spielte unter anderem 1982 in Fanny und Alexander mit, dem letzten Film des Starregisseurs Ingmar Bergman.8 1994 war sie in der deutsch-schwedischen Co-Produktion Kommissar Beck – verschlossen und versiegelt zu sehen.9
Aus der Ehe der beiden ging schließlich der am 10. Juni 1969 geborene Svante Fritz Vilhelm Thunberg hervor, Gretas Vater. Der schlug nach seiner Schulausbildung eine Laufbahn ein, die sich am Vorbild seiner Eltern orientierte. Im Jahr 1991 bekam er ein erstes Engagement am Königlichen Dramatischen Theater,10 bevor er eine dreieinhalbjährige Ausbildung als Schauspieler am Theater and Opera College der Universität Göteborg absolvierte. Danach tourte er mit diversen Programmen durch das Land und erhielt schließlich im Jahr 1998 eine Rolle in Skärgårdsdoktorn, einer der erfolgreichsten schwedischen TV-Dramaserien jener Zeit.11 Im Jahr 2002 übernahm er in dem Konzertfilm Joseph – musikens förförare die Hauptrolle des deutsch-schwedischen Komponisten Joseph Martin Kraus.12 Dennoch – der wirklich große Durchbruch gelang dem Schauspieler Svante Thunberg nie. Dann jedoch traf er eine Frau, die ein echter Star nicht nur in Schweden war. Die am 4. November 1970 geborene Sara Magdalena »Malena« Ernman und er wurden ein Paar und heirateten im Jahr 2004. Nach ersten musikalischen Gehversuchen in Laienchören absolvierte Ernman eine professionelle Gesangsausbildung an der Königlichen Musikakademie Stockholm, am Musikkonservatorium in Orléans, Frankreich, sowie an der schwedischen Staatsoper und brillierte bald als herausragende Opernsängerin mit einem beeindruckenden Stimmumfang von fast vier Oktaven.13 Diese Stimme sollte sie bald zu einer begehrten Sängerin auf der ganzen Welt machen. So stand sie in Berlin, Rom, Los Angeles, Paris, Japan und vielen anderen Städten auf der Bühne und arbeitete mit einigen der berühmtesten Dirigenten der Welt, wie Esa-Pekka Salonen, René Jacobs, Daniel Barenboim, Nicolaus Harnoncourt, Philippe Herreweghe, Herbert Blomstedt, Marc Minkowski, Daniel Harding und Sir Simon Rattle. Neben diversen Opernproduktionen performt sie aber auch Folksongs sowie Jazz und tritt in Musicals und im schwedischen Fernsehen auf, etwa bei Galaveranstaltungen. Wie wandelbar sie und ihre Stimme wirklich sind, bewies sie im Jahr 2009, als sie für ihr Heimatland beim Eurovision Song Contest in Moskau antrat. Ihr Auftritt mit dem Titel La Voix gilt rückblickend als eines der Highlights der jüngeren Eurovision-Song-Contest-Geschichte, schaffte Ernman es doch auf beeindruckende Weise, Pop und Oper miteinander zu verbinden.14 Vor inzwischen zehn Jahren reichte es dennoch nur für Platz 21 unter den insgesamt 25 angetretenen Interpreten – direkt hinter den deutschen Vertretern Alex Sings Oscar Swings! mit ihrem Titel »Miss Kiss Kiss Bang«.15
Abgesehen davon ist La Voix nicht zuletzt ein Dokument der Veränderungen. Das zeigt sich speziell in dem offiziellen Musikvideo, in dem sich die Sängerin als moderne Kosmopolitin darstellt, die in der ganzen Welt zu Hause ist. Die Ziele in dieser Welt erreichte Malena Ernman vor allem an Bord von Passagierflugzeugen,16 jenem Transportmittel also, auf das sie inzwischen nach eindringlichen Bitten und Hinweisen ihrer Tochter Greta verzichtet. Ernmans gesamter Eurovision-Auftritt ist eng mit gehetzten Flugreisen verbunden. Zunächst einmal sah es überhaupt nicht danach aus, dass Malena Ernman in Moskau antreten würde. Beim schwedischen Vorentscheid setzte die Jury den Titel auf den allerletzten Platz. Allerdings hatte das Publikum auch ein Wörtchen mitzureden. Das war nämlich begeistert und votete La Voix auf den ersten Platz. Malena Ernman selbst hatte allem Anschein nach gar nicht mit einem Erfolg gerechnet, denn schon am Tag nach dem schwedischen Vorentscheid musste sie nach Frankfurt am Main aufbrechen, wo sie bis April ein Opernengagement hatte. Am 12. Mai – dem Tag des Halbfinal-Auftritts in Moskau – stand in ihrem Terminkalender ein Proben-Auftritt in Wien an und am 13. Mai ein Opern-Auftritt in Stockholm. Im Grunde also jettete Malena Ernman in dieser Zeit dauernd kreuz und quer durch Europa von Engagement zu Engagement, von Auftritt zu Auftritt.17 Was ihre zu der Zeit noch kleinen Kinder natürlich mitbekamen. Denn inzwischen hatten Malena Ernman und Svante Thunberg nicht nur geheiratet, sie waren auch Eltern von zwei Töchtern. Als erstes Kind kam am 3. Januar 2003 Greta Tintin Eleonora Ernman Thunberg zur Welt, die wir heute als Greta Thunberg kennen. Die zweite Tochter Beata Ernman wurde 2006 geboren.
Ein achtjähriges Kind, so heißt es, hat bereits eine eigene Meinung und vertritt diese gegenüber anderen. Zudem wird das Kind in diesem Alter zunehmend unabhängiger von den Eltern und löst Probleme lieber allein, ohne die Hilfe der Eltern.18 Die wenigsten Kinder in diesem Alter jedoch werden sich so intensiv mit einer komplexen und damit auch komplizierten Materie befassen, wie Greta Thunberg es tat. Die nämlich erfuhr mit besagten acht Jahren zum ersten Mal von der durch den Mensch verursachten Erderwärmung und deren möglichen Folgen. Im Hause Thunberg-Ernman geschah nun Unglaubliches. Greta nahm die Informationen nicht einfach nur auf, sie litt regelrecht unter ihnen. Was dann folgte, beschreibt Svante Thunberg so: Greta wurde krank, sie hörte auf zu essen und zu sprechen. Schließlich fiel sie in eine tiefe Depression, konnte nicht einmal mehr zur Schule gehen. Und zwar nicht nur für ein paar Tage oder Wochen, sondern für ein knappes Jahr. Während dieser Zeit verlor sie zusehends an Gewicht, was nicht nur Gretas Gesundheit gefährdete, sondern das Leben der gesamten Familie aus dem Gleichgewicht brachte. Svante Thunberg und Malena Ernman stellten ihre beruflichen Karrieren hintan und blieben ebenfalls zu Hause. Als sich Gretas gesundheitlicher Zustand langsam stabilisierte, stellte sich heraus, dass das Thema sie nicht nur körperlich in Mitleidenschaft gezogen hatte. Nun war sie vielmehr äußerst besorgt und gleichermaßen erbost über alles, was mit dem Klimawandel oder der Erderwärmung in Zusammenhang stand.19
