Annalena Baerbock - Anita Partanen - E-Book

Annalena Baerbock E-Book

Anita Partanen

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Beschreibung

Eine grüne Bundeskanzlerin – allein der Gedanke erschien vor nicht einmal einem Jahr unglaublich. Doch seitdem Annalena Baerbock ihre Kandidatur verkündet hat, erscheint nichts mehr unmöglich. Sie hat ihre Partei zu nicht gekannten Höhen in den Umfragen geführt – und die Menschen zu der Frage gebracht, wer diese Frau denn eigentlich ist. Dieses Buch beschreibt den Weg der Annalena Baerbock von einer Kindheit in einem Hippie-Haushalt auf dem Dorf, über den Wunsch, als Kriegsreporterin von den Krisenherden der Welt zu berichten, bis zu den Beweggründen, den Weg einer politischen Karriere einzuschlagen. Es beschreibt außerdem die Hintergründe der nicht enden wollenden Attacken auf vermeintliche Fehler in ihrem Lebenslauf und zeichnet so ein exklusives und umfassendes Bild der Grünen-Chefin und Kanzlerkandidatin.

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Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Anita Partanen

ANNALENA BAERBOCK

Die Biografie

Anita Partanen

ANNALENA BAERBOCK

Die Biografie

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2021

© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Redaktionsbüro Diana Napolitano

Umschlaggestaltung: Marc Fischer

Umschlagabbildung: imago images/0095891555

Layout und Satz: Andreas Linnemann

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-7423-1959-3

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1694-0

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1695-7

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

INHALT

Prolog

Wie alles begann – das Jahr 1980 als »Urknall«

Kinderjahre einer (möglichen) Kanzlerin

Lenchen, die Kandidatin

Und dann doch Politik

Aufstieg und Niedergang – der Parteieintritt

Der grüne Mann

Viel zu tun – die Karriere nimmt Fahrt auf

Nun aber – ab in den Bundestag

Klimaschutz – und …?

Weiter nach oben

Hinter den Kulissen

Fettige Näpfchen und andere Stolpersteine

(Um-)Fragen über (Um-)Fragen

Schlusswort: Lenchen, die Kanzlerin?

Über die Autorin

Quellenangaben

PROLOG

»Schönen guten Tag!«

 

Im Grunde begann alles damit, dass Annalena Baerbock am Rednerpult stehend ein Glas Wasser zu ihrem Mund führte und mit Blick in die Kameras einen »Schönen guten Tag!« wünschte. Danach sprach sie gut elf Minuten – und am Ende ihrer Rede war das Phänomen Baerbock geboren.

All das fand an einem Montag statt, und zwar dem 19. April 2021. Jenem Tag also, an dem die Bundesvorsitzende der Grünen als Kanzlerkandidatin der Partei vorgeschlagen wurde. Zu einem Phänomen wurde Baerbock allerdings nicht allein durch die Tatsache, dass sie sich nun als erst zweite Frau nach Angela Merkel um das höchste Regierungsamt bewarb. Vielmehr schaffte sie es nicht zuletzt mit ihrer Bewerbungsrede, sich und ihre Partei als Option für die gesamte Wählerschaft ins Gespräch zu bringen. Und ihr gelang genau das, weil sie eben nicht allein klassisch grüne Themen ansprach, sondern auch das, was jene Wähler hellhörig machte, die bislang mit den Grünen wenig anzufangen wussten.

In ihren elf Minuten am Rednerpult machte Baerbock die Grünen endgültig zu einer Volkspartei – ohne die langjährigen Stammwähler vor den Kopf zu stoßen. Vor allem schaffte sie es in diesen elf Minuten auch, glaubwürdig zu wirken, ohne den Anschein eines Anbiederungsversuches zu erwecken. Das gelang unter anderem mit dem Verweis darauf, dass man die Partei öffnen wolle. Dass die Grünen Politik für die »Breite der Gesellschaft« machen wollten.1

Dieser gesamten Gesellschaft wolle sie ein Angebot machen: dieses vielfältige und reiche Land in eine gute Zukunft zu führen. Dafür seien Veränderungen notwendig, Veränderungen die machbar seien – die jedoch auch wirklich durchgeführt werden müssten.

Als das gesagt war, begann quasi der Rundumschlag, der besagte Gesamtgesellschaft ins Boot holen sollte. Dieser Rundumschlag umfasste die Themen Kitas, Pflegekräfte, Digitalisierung, Diversität, Werte und auch die wehrhafte Demokratie. Der Klimaschutz kam außerdem zur Sprache – als Basis für Wohlstand und Sicherheit. Und damit auch beim Klimaschutz wirklich jeder angesprochen wurde, sprach Annalena Baerbock davon, dass dieser Klimaschutz die Pendler auf dem Land ebenfalls berücksichtige. Angesprochen wurden zudem Alleinerziehende mit geringem Einkommen, Industriearbeiter – letztlich, sagte sie, gehe es darum, dass alle gut leben könnten.

Als sie weitersprach, war immer noch der Klimaschutz das Thema, doch nun schaffte Baerbock es noch einmal auf gänzlich andere Weise, weitere Menschen – und damit mögliche Wähler – für sich und ihre Ideen zu gewinnen. Nun ging es um den emotionalen Moment, in dem sich bei der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 nicht weniger als 197 Staaten auf ein neues globales Klimaschutzabkommen einigten – gleichzeitig vergaß die designierte Kanzlerkandidatin aber nicht, darauf hinzuweisen, dass sie diesen Moment gemeinsam mit ihrer damals sechs Monate alten Tochter erlebte.

Und während Annalena Baerbock weiter über den Klimaschutz sprach, schaffte sie es auch, einen Seitenhieb auf die nahezu gesamte etablierte Politik zu verteilen. Nicht nur zum Thema Klimaschutz habe man in den vergangenen Jahren zur Genüge gehört, was denn alles nicht gehe, nicht möglich sei. Nun aber zähle, was alles gehe, was alles möglich sei.

Und dann sagte sie noch etwas, das vielen anderen Politikern zum Verhängnis geworden wäre, das aber ebenfalls durchweg positiv aufgenommen wurde. Sie wolle nämlich verändern, statt zu versprechen. Niemand hinterfragte den Umstand, dass sie ja noch gar nicht in der Lage war, wirklich etwas zu verändern – sodass dieser Satz ja im Grunde nichts anderes als ein Versprechen darstellte, von dem niemand wissen konnte, ob es überhaupt jemals eingelöst würde.

All das geschah in besagten gerade einmal elf Minuten und es geschah ohne den bollernden Ton, der manche Politikerreden oftmals schwer erträglich macht. Dass diese elf Minuten aber genauso abliefen, wie sie eben abliefen, machte sie am Ende zu etwas Besonderem. Und es machte die Rede nicht zuletzt auch zur Initialzündung eines Phänomens. Denn jetzt war Annalena Baerbock in aller Munde. Nicht nur, weil sie die erst zweite Kanzlerkandidatin der Geschichte der Bundesrepublik war. Vor allem aus dem Grund, weil sich die Menschen fragten, warum sie diesen Worten mehr Glauben schenkten, als es bei manch anderem Politiker der Fall ist.

Nicht wenige fragten sich außerdem, warum sie es überhaupt für möglich hielten, bei der nächsten Wahl ihre Stimme den Grünen zu geben – woran sie zuvor niemals gedacht hatten. Was letztlich zu der einen Frage führte, die in diesem Buch beantwortet werden soll: Wer ist diese Annalena Baerbock eigentlich? Wie schafft sie es, die Grünen zu immer neuen Hochs der Zustimmung zu führen, ohne die klassischen Rattenfänger-Tricks der Politik zu nutzen? Und: Wie will sie es schaffen, jenen Fallen auszuweichen, in die vor der letzten Wahl vor vier Jahren SPD-Kandidat Martin Schulz stapfte, dessen Weg vom Umfrage-Hoch zum schlechtesten Ergebnis seiner Partei in der Nachkriegsgeschichte führte?

WIE ALLES BEGANN – DAS JAHR 1980 ALS »URKNALL«

Geburt einer Partei – und einer Kandidatin

 

Zu sagen, dass Annalena Charlotte Alma Baerbock 1980 in Hannover geboren wurde, ist nur eine Hälfte der Geschichte, die zu ihrer Kanzlerkandidatur im Jahr 2021 führen sollte.2 Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sie damit das gleiche Alter wie die Partei hat, für die sie nun antritt.

Die Partei Die Grünen wurde ebenfalls im Jahr 1980 offiziell gegründet, auch wenn ihre Geschichte noch länger zurückreicht – was wiederum ebenfalls eng mit dem Leben der Annalena Baerbock verflochten ist.3 Die Geschichte der Partei, die nun die Kanzlerin stellen will, begann mit einer ganzen Reihe von Protestbewegungen, die sich schließlich unter einem Dach vereinen sollten. Protestbewegungen, deren Wurzeln sich in den 70erwie in den 60er-Jahren finden. Dazu zählte etwa die Studentenbewegung, die heute meist als linksgerichtete, gesellschaftskritische und politische Protestbewegung bezeichnet wird, die sich nicht zuletzt gegen eine »kapitalistische Ausbeutung« der Menschen zur Wehr setzen wollte. Man protestierte gegen den Vietnamkrieg ebenso wie gegen den Axel-Springer-Verlag und dessen Publikationen wie die Bild-Zeitung. Immer wieder und immer mehr wurde in diesem Zusammenhang auch die Polizei zu einem Feindbild – etwa nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg nach einer Demonstration im Jahr 1967.

In den 70er-Jahren kamen schließlich weitere Protestbewegungen hinzu, deren Beweggründe sich teilweise überlappten. Was etwa für die Umwelt- und die Anti-Atomkraftbewegung gilt. So kam es 1974 zu Protesten gegen den Bau eines luftverschmutzenden Chemiewerkes im elsässischen Marckolsheim4, während im gleichen Zeitraum die Menschen im baden-württembergischen Whyl gegen den Bau eines geplanten Atomkraftwerks auf die Straße gingen.5 Hinzu kam dann noch die Friedensbewegung, die ab 1977 nach der Entwicklung der Neutronenbombe durch die USA weltweit einen neuen Aufschwung erlebte.6 Ergänzt wurde all das durch die Frauenbewegung, die 1971 zu Protesten gegen den Paragrafen 218 führte, der einen Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellte.

All diese Proteste und die Unzufriedenheit der Protestierenden mit der aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Situation führte schließlich dazu, dass seit 1976 immer mehr Wahlbündnisse bei den Wahlen antraten – zunächst allerdings mit überschaubaren Erfolgen. Vor allem in den Großstädten traten immer wieder »Alternative« oder »Bunte« Listen an. Aber auch in den Flächenländern stellte sich etwa die Grüne Liste Umweltschutz in Niedersachsen oder die Grüne Liste Schleswig-Holstein zur Wahl. In der Regel aber scheiterten die Versuche an der Fünf-Prozent-Hürde.

Entscheidend verändern sollte sich die Lage jedoch im Jahr 1979. Denn nun trat bei der Europawahl die »sonstige Politische Vereinigung« Die Grünen an. Eine solche Vereinigung ist eine Wählergruppe, die nicht den Status einer Partei für sich beansprucht. Gesicht dieser Vereinigung war vor allem Petra Kelly, die einst gegen den Vietnamkrieg protestiert hatte, die sich 1968 im US-Präsidentschaftswahlkampf für Robert Kennedy engagierte, die dann in der Europäischen Kommission in Brüssel arbeitete und die schließlich 1979 Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) wurde.7 Dass Kellys Leben im Jahr 1992 tragisch enden sollte, konnte zu jener Zeit natürlich niemand ahnen.8

1979 erlebte Kelly vielmehr einen kleinen Triumph, als sie gemeinsam mit dem ehemaligen CDU-Bundestags-Abgeordneten Herbert Gruhl als Spitzenkandidatin bei der Europawahl 3,2 Prozent der Stimmen erhielt. Das bedeutete neben Anerkennung auch Geld: Denn die »sonstige Politische Vereinigung« Die Grünen erhielt eine Wahlkampfkostenerstattung in Höhe von 4,5 Millionen Deutschen Mark. Diese Summe wollte man nun nutzen, um die Vereinigung zu einer bundesweiten Partei weiterzuentwickeln.

Inzwischen ging es mit der Bewegung auch in Deutschland aufwärts. So überwand die Bremer Grüne Liste im Jahr 1979 erstmals die Fünf-Prozent-Hürde und zog in das Landesparlament ein.9 Ebenfalls 1979 gründeten sich erste Landesverbände der ökologischen Bewegung als »Grüne«. Dann kam das Jahr 1980, und aus grünen Listen sowie Landesverbänden wurde eine echte Partei. Am 12. und 13. Januar wurden Die Grünen als Partei gegründet, außerdem wurde ein Grundsatzprogramm verabschiedet, das die Eckpfeiler dessen formulierte, wofür die neue Partei stehen wollte und sollte.

Schon der erste Satz des Programms unterstrich das damalige Selbstverständnis, lautete er doch »Wir sind die Alternative zu den herkömmlichen Parteien«. Weiter enthielt das Programm die Forderung, alle Atomkraftwerke stillzulegen, man forderte die einseitige Abrüstung Deutschlands sowie die Auflösung der sich damals im Kalten Krieg gegenüberstehenden Militärblöcke der Nato und des Warschauer Paktes. Außerdem standen Die Grünen für eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich und wollten die Abschaffung des »Abtreibungsparagrafen« 218.10

Doch die Gründungsphase der Partei war nicht allein von hochgesteckten Zielen gekennzeichnet. Alsbald hatte man es mit internen Streitigkeiten zu tun. Wählte die erste Bundesversammlung im März in Saarbrücken neben Petra Kelly und Rolf Stolz noch August Haußleiter zu ihrem Sprecher, musste Haußleiter schon bei der nächsten Bundesversammlung im Juni sein Amt abtreten – es waren nationalistische Äußerung Haußleiters aus den 50er-Jahren öffentlich geworden. Außerdem wurde bei der Versammlung die gerade erst angetretene Schatzmeisterin Grete Thomas abgewählt – sie hatte ein Parteimitglied von einem Privatdetektiv beobachten lassen, weil sie vermutete, es könne sich um einen Agenten des Verfassungsschutzes handeln.

Solche internen Querelen sollten die Geschichte der Grünen noch manches Jahr begleiten. Vor allem fehlte es der Partei zunächst aber an messbarem Erfolg. Zwar traten Die Grünen nun bei der Bundestagswahl 1980 erstmals offiziell an. Der Erfolg fiel mit gerade einmal 1,5 Prozent der Stimmen überaus bescheiden aus. Was jedoch gar nicht mal an der neuen Partei, ihrem Programm oder ihren Kandidaten lag. Vielmehr hatten die Wähler damals ein vollkommen anderes Thema im Kopf. Denn während für die SPD der mittlerweile schon legendäre Helmut Schmidt um Stimmen warb, trat auf der Gegenseite der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß an. Zu sagen, dass Strauß jemand war, der polarisierte, wäre eine schamlose Untertreibung – viele Wähler hassten ihn und das wofür er stand regelrecht. Was eben dazu führte, dass sich kaum jemand um Die Grünen scherte. Nicht wenige Wähler gaben an jenem 5. Oktober der SPD und Schmidt ihre Stimme nur aus dem Grund, dass man einen Kanzler Strauß verhindern wollte.11 Mit Erfolg: Schmidt wurde bestätigt. Die Grünen wiederum ließen sich von dem enttäuschenden Ergebnis nicht beirren und feierten bald darauf bei Landtagswahlen bereits wieder deutliche Erfolge, nahmen in Berlin, Niedersachsen, Hamburg und Hessen die Fünf-Prozent-Hürde.

Wer sich nun fragt, was all das mit Annalena Baerbock zu tun hat, bekommt auf diese Frage eine ebenso kurze wie deutliche Antwort: alles. Denn diese und weitere noch folgende Fakten sind das, was Baerbocks Elternhaus und bald auch sie selbst prägen sollten. Die Parteigründung war nämlich nicht nur das Ergebnis der vielen Bewegungen jener Zeit, nach und mit der Gründung verstärkten sich Protestbewegungen sogar noch einmal sehr deutlich.

So erreichte etwa die Friedensbewegung im Jahr 1983 ihren Höhepunkt, als deutschlandweit nicht weniger als 1,3 Millionen Menschen auf die Straßen gingen, um gegen Atomwaffen zu demonstrieren. Die wohl größte Demonstration fand im Bonner Hofgarten statt, wo sich nach konkurrierenden Angaben 200 000 bis 500 000 Menschen versammelten und Reden des Nobelpreisträgers Heinrich Böll sowie des damaligen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt hörten.12

Geholfen hat all der Einsatz wenig. Denn am 22. November 1983 kam es im Deutschen Bundestag zu einer Diskussion über die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen im Land – alle etablierten Parteien sprachen sich dafür aus und unterstützten somit das damalige Wettrüsten.13 Die Friedensbewegung musste sich daraufhin ihr Scheitern eingestehen. Und weil man nun im Grunde nicht mehr wusste, gegen was man noch demonstrieren sollte, fiel die Friedensbewegung letztlich in sich zusammen. Allerdings herrschte daraufhin nicht plötzlich völlige Ruhe im Land, denn viele der Friedensbewegten fanden sehr schnell neue – oder gar nicht so neue – Ziele, für die es sich zu kämpfen lohnte.

KINDERJAHRE EINER (MÖGLICHEN) KANZLERIN

Zwischen Gorleben und Trampolin

 

Annalena Baerbock hat immer wieder davon erzählt, dass zu ihren frühen Kindheitserinnerungen auch die Teilnahme an Demonstrationen gegen das Atommülllager in Gorleben zählt. Dort habe allerdings nicht sie selbst protestieren wollen, vielmehr hätten ihre friedensbewegten Eltern sie mit zu Demonstrationen in den Ort im nordöstlichen Niedersachsen genommen.14 Trotzdem habe es sich bei ihrem Zuhause nicht um eine hochpolitische Familie gehandelt, es sei vielmehr eine Art »Hippie-Haushalt« gewesen.15

In diesen Haushalt wurde Annalena Charlotte Alma Baerbock am Montag den 15. Dezember 1980 in Hannover geboren. Über die Zeit danach hat die Politikerin heute wenig zu erzählen. Wenn überhaupt, dann erzählt sie davon, bald in einem niedersächsischen Dorf gelebt zu haben. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Im Grunde folgte nach ihrer Geburt eine Art Deutschlandreise: Denn von Hannover ging es nicht direkt aufs Dorf, vielmehr zog die Familie quasi an das andere Ende der Republik – nach Nürnberg. Baerbock selbst erklärte dazu einmal, sie wisse, dass sie im Kindergartenalter eine Zeitlang in der fränkischen Großstadt gelebt habe, sie erinnere sich auch noch bruchstückhaft an einige Orte im Stadtteil Gostenhof.16 Dass die Erinnerung derart bruchstückhaft ist, dafür gibt es einen Grund: Der Aufenthalt in Nürnberg währte nur kurz. Bereits im Jahr 1985 ging es zurück in die niedersächsische Heimat. Allerdings nicht direkt zurück in die Landeshauptstadt Hannover, sondern in das etwas südlich der Metropole liegende Pattensen – einer Kleinstadt mit etwa 15 000 Einwohnern. Pattensen ist zwar klein, aber immerhin noch so groß, dass es sich in eine Reihe von Ortsteilen aufteilt. Einer davon ist Schulenburg, direkt an dem Fluss Leine. Genau dorthin zog es nun die Familie. Und zwar auf einen Bauernhof, den ihre Eltern – eine Sozialpädagogin und ein Maschinenbauingenieur zuvor saniert hatten. Dort sollte Annalena fortan mit den Eltern, zwei Schwestern und auch zwei Cousinen leben.17

Die Erinnerung an diese Zeit ist etwas umfassender als das, was der Kandidatin von Nürnberg im Gedächtnis geblieben ist. So erinnert sie sich etwa an den Geruch von Zuckerrüben, nur spielt ihr in diesem Fall wohl die Erinnerung einen Streich. Denn an sich riechen diese Rüben nicht wirklich. Wenn sie einen Geruch haben, dann den der Erde, aus der man sie geholt hat. Gibt es einen erinnerungswürdigen Geruch der Rüben, dann ist es derjenige, der entsteht, wenn sie in der Fabrik verarbeitet werden – dann trägt der Wind nämlich wirklich einen süßlichen Geruch in die gesamte Umgebung, der sich in der Erinnerung des Menschen festsetzen kann, und es meist auch über viele Jahre und Jahrzehnte tut.18

Doch auch an andere Dinge erinnert sich die Politikerin noch heute. Etwa daran, wie es war, im tiefsten Winter auf dem Dorfteich Eishockey zu speilen, Fußball hat sie damals ebenfalls gespielt. Ihre größte Leidenschaft allerdings sollte bald das Trampolin werden, auf dem sie jedoch nicht einfach nur zum Spaß herumhüpfte, sondern das sie als wirkliches Sportgerät nutzte, und auf dem sie es auch zu einer gewissen Meisterschaft brachte – im Wortsinne. Denn während ihrer gesamten Kindheit und Jugend betrieb sie das Trampolinspringen als regelrechten Leistungssport, nahm für den TSV Pattensen an Deutschen Meisterschaften teil und gewann dreimal Bronze im sogenannten Doppel-Mini-Tramp.