"Güle Güle Süperland!" - Hülya Özkan - E-Book

"Güle Güle Süperland!" E-Book

Hülya Özkan

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Beschreibung

»Wir haben dir ein Opferlamm geschlachtet«, verkündet Hülya Özkans Mutter gerne am Telefon. Auch sonst bleiben die kleinen Eigenheiten ihrer türkischen Familie kaum verborgen – etwa wenn Tante Handans Heiratsinstitut aktiv wird, sich der gut gemeinte Reiseproviant als gefüllte Eingeweide entpuppt oder der Kaffeesatz mal wieder Erstaunliches zu Tage fördert. Nun hat Hülya Özkan sich auf eine Reise zu ihren türkischen Wurzeln begeben. Humorvoll, warmherzig und mit einem feinen Blick für die kleinen Unterschiede erzählt sie, was sie dabei erlebt hat und wie ihr nach nächtelangen Verwandtenbesuchen klar wurde, dass ihre schrecklich nette türkische Familie vor allem eins ist: einfach süper! "Güle, Güle, Süperland!" von Hülya Özkan: auch im eBook erhältlich!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Hülya Özkan

Güle Güle Süperland

Eine Reise zu meiner schrecklich netten türkischen Familie

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

ZDF-Moderatorin Hülya Özkan macht sich auf die Suche nach ihren eigenen Wurzeln und besucht ihre türkische Familie. Dabei erfährt sie, was alles zu einer gelungenen türkischen Hochzeit gehört, wie man den perfekten Partner für die eigenen Kinder findet und welche Geheimnisse sich im Kaffeesatz verstecken. Ein liebevoller Blick auf die skurrile Seite der türkischen Kultur und eine höchst unterhaltsame Reise ins Süperland.

Inhaltsübersicht

Wir saßen im Flieger [...]

Alarmstufe Heimat

Außen türkisch, innen deutsch

Westsidestory

Was sollen die Leute denken?

Willkommen in Almanya

Mit Risiken und Nebenwirkungen

Ein Paradies mit kleinen Schönheitsfehlern

Von Wunderheilern und Doktoren

Eine schrecklich nette Familie

Im Heiratsfieber

Was guckst du?

Armer deutscher Mann

Mit dem Mund einen Vogel fangen

Im Bürokratiedschungel

Besuch der »alten Dame«

Güle Güle Süperland

Wir saßen im Flieger von Istanbul nach Frankfurt, und kurz vor der Landung sagte ich zu meinem Mann: »Hoffentlich gibt es keinen Ärger mit dem Mumbar.«

»Mit dem was?«

»Das, was dir meine Mutter mitgegeben hat«, antwortete ich, ohne die Konsequenzen zu bedenken.

»Davon weiß ich ja noch gar nichts! Was soll das sein?« Mein Mann roch wohl den Braten, aber noch war er guter Dinge.

»Lammdärme. Sie sind gefüllt mit Hackfleisch, Reis, Zwiebeln und Kräutern und sehen aus wie lange, dünne Würstchen«, erklärte ich ruhig und fügte noch hinzu: »Eine Spezialität aus dem Südosten.«

»Gefüllte Eingeweide!« Mein Mann war entsetzt.

»Mutter wollte, dass wir es mitnehmen. In Deutschland gibt es so was nicht. Gekocht und eingefroren hält der Mumbar wochenlang.«

»Das ist illegal«, zischte mein Mann mir ins Ohr. »Das Einführen von Lebensmitteln wie Käse, Eier, Fisch, Wurst und Fleisch aus Nicht-EU-Ländern ist verboten. Wegen MKS, BSE und Vogelgrippe«, dozierte er.

»Lebensmittel wie Schweinshaxe, Saumagen oder Griebenschmalz können aber in die Türkei eingeführt werden. Wie ungerecht!«, entgegnete ich.

»So sind nun mal die Bestimmungen. Ich kann auch nichts dafür«, flüsterte er mir ins Ohr und verwies noch darauf, dass Schmuggler, die erwischt würden, die Kosten für das Vernichten der Lebensmittel übernehmen müssten.

So schnell gab ich aber nicht auf und machte ihn darauf aufmerksam, dass er als Deutscher sowieso nie kontrolliert würde, im Gegensatz zu mir.

»Stell dich doch nicht so an. Was ist schon dabei?«, versuchte ich, die Sache weiter kleinzureden.

»Und wenn ich dabei erwischt werde?«

»Übertreibst du nicht ein bisschen? Das sind doch nur gefüllte Lammdärme und keine harten Drogen.«

Ich konnte machen, was ich wollte, mein Mann ließ sich zu keiner Gesetzlosigkeit überreden.

Er wehrte sich vehement, wollte keinen Ärger und meinte, wir Türken würden ihn immer wieder in irgendwelche krummen Geschichten hineinziehen. Mit einem Mal stand er ganz entschlossen auf, angelte aus dem Handgepäckfach seine Tasche und holte das Einmachglas heraus.

Sein türkischer Sitznachbar rief beim Anblick der sich darin schlängelnden Gedärme schon begeistert: »Ist das Mumbar? Das hab ich ja seit Jahren nicht mehr gegessen!«

Jetzt hatte er die Chance dazu, denn mein Mann hielt ihm das Glas vor die Nase.

Von schräg hinten fragte eine Deutsche: »Sind das Würstchen?«

»Nein, gefüllte Eingeweide«, erklärte mein Mann. »Greifen Sie ruhig zu.«

Die Frau lehnte dankend ab.

Die Türken aber ringsum aßen mit großem Appetit. Bis zur Landung war alles weggeputzt.

Alarmstufe Heimat

Seit über vierzig Jahren lebe ich in Deutschland, zahle meine Steuern, komme zu jedem Termin zur verabredeten Zeit, mache Deutsch-Aufsätze mit meinen Kindern, feiere Weihnachten – die Lightversion – und trinke auch mal Wein. In Maßen natürlich. Außerdem bin ich seit einundzwanzig Jahren mit einem Deutschen verheiratet, noch dazu einem Preußen, und tapfer habe ich unzählige Male bei geselligen Abenden die Frage bejaht, ob ich denn auch integriert sei.

Aber trotz allem gibt es sie noch, die türkische Seite in mir. Oder direkt gesagt: meine schrecklich nette türkische Familie mit den Kraken-Armen, die streicheln, aber auch erdrücken können.

Die türkische Familie, das sei hier versichert, ist nicht wie eine deutsche Familie – nein! Sie ist mal ein wärmendes Gefieder, das man nicht missen mag, mal eine strenge Instanz mit der Schärfe der katholisch-päpstlichen Inquisition. Bei den herzlich-heftigen Gesprächen im Kreis der Verwandtschaft sind die Grenzen zum handfesten Streit oft fließend. Die türkische Familie gibt und verlangt alles. Jeder Anruf aus der Türkei versetzt mich in freudige und ängstliche Aufregung zugleich: Alarmstufe Heimat. Was ist es wohl diesmal?

Bei chronischer Übererregung raten Therapeuten, das Problem offensiv anzugehen. Also habe ich beschlossen, Urlaub zu nehmen und die Reise anzutreten zu den Tiefen der familiären Verstrickung – allein und ohne schützenden Beistand meiner deutschen Familie. Ein Selbstversuch mit Mutter, Vater, Tanten, Onkel und Cousinen: Wie werde ich mit ihnen klarkommen? Was wird mich jenseits des Bosporus erwarten?

Meine Mutter besuche ich, sooft es geht, die übrige Verwandtschaft aber habe ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Ich fürchte, sie ist mir doch ein wenig fremd geworden.

Ich weiß, ohne Gastgeschenke brauche ich den Flieger nach Istanbul nicht zu besteigen, aber was soll ich mitbringen?

»Braucht ihr etwas aus Deutschland?«, frage ich Tante Handan am Telefon.

»Nein danke, wir haben hier alles«, antwortet sie, ganz die Patriotin. Na klar, in der Türkei ist sowieso alles besser …

Doch wehe, ich komme mit leeren Händen, dann heißt es schnell, ich habe die türkischen Sitten und Gebräuche vergessen. Darauf falle ich bestimmt nicht rein. Denn bei Türken muss ein »Nein« nicht immer ein »Nein« bedeuten. Es kann auch ein »vielleicht« oder ein »von mir aus« gemeint sein – das habe ich inzwischen gelernt.

Nussschokolade von Aldi, Medizin, Nivea oder Shampoo gegen Haarausfall ist also ein absolutes Muss – ja, das ist als Gastgeschenk bestimmt willkommen.

Mit schwerem Gepäck mache ich mich auf den Weg zum Flughafen. Der Taxifahrer, der mich abholt, ist Türke – aus Izmir. Schon während der ersten Minuten erklärt er mir, dass er »die« aus Diyarbakir – meiner Geburtsstadt – nicht leiden könne.

»Halte Taschen zu und rede nicht über Geld, sonst wirstu ausgeplündert und bistu arm wie Bettler nach dem Urlaub«, gibt er mir zum Abschied am Terminal 1 in Frankfurt mit auf den Weg. Ein Philosoph … Das kann ja heiter werden, denke ich. Andererseits: So schlimm muss es ja nicht kommen, rede ich mir ein. Den Selbstversuch bei meiner schrecklich netten Familie werde ich schon überleben.

Außen türkisch, innen deutsch

Über Istanbul hörte ich mal jemanden sagen: Diese Stadt kannst du nicht erobern, sie erobert dich. Sollte dies ein Kompliment sein, dann ist es wohl Istanbuls magischer Schönheit geschuldet. Will man die Stadt aber wirklich begreifen, sollte man Augen und Ohren aufsperren und sich treiben lassen. Man sollte bereit sein, ihre faszinierenden Gegensätze auf sich wirken zu lassen.

Trotzdem: Istanbul ist nichts für Schwächlinge oder für Leute, die die starre Verlässlichkeit lieben. Man muss schon sehr leichtfüßig, besser gesagt: eine multiple Persönlichkeit sein, um sich von Istanbul nicht kleinkriegen zu lassen – genau wie meine Mutter. Stau, Stress und die Widrigkeiten des Alltags – damit kommt sie erstaunlicherweise ganz gut klar.

Seitdem sie in Rente ist, pendelt sie zwischen Deutschland und der Türkei hin und her, wie so viele Türken der ersten Generation. Und ich, die zweite Generation, fliege oft hinterher, um nach dem Rechten zu sehen. Frankfurt – Istanbul mit SunExpress – der Flug dauert knapp drei Stunden, und schon bin ich in einer anderen Welt. Ich lande im asiatischen Teil und wechsele den Kontinent. Denn jenseits des Bosporus, im europäischen Teil, wohnt meine Mutter.

Sie begrüßt mich so überschwenglich, als hätten wir uns seit Jahren nicht mehr gesehen. Dabei war ich erst im letzten Sommer hier.

Das Rentnerleben habe sie von einer großen Last befreit, erzählt sie mir, als wir später bei einer Tasse Tee zusammensitzen. Langsam käme sie zu sich, nach den ewigen Kämpfen in Deutschland.

»Das monotone Leben, das Hetzen von Arbeit zu Arbeit haben mich ausgelaugt und mir die Lebensfreude geraubt.«

Sie wirkt sehr nachdenklich, als spukten ihr alte Erinnerungen im Kopf herum.

Fast vierzig Jahre habe sie ununterbrochen geschuftet, sagt sie und fügt stellvertretend für ihre Generation noch blumig hinzu: »Während unsere Hände arbeiteten, wanderten unsere Seelen umher.«

Ich verstehe, was sie meint, aber anscheinend ist ihre Seele viel mehr gewandert, als es ihr guttun konnte. Denn irgendwann begann sie, merkwürdige Dinge zu tun: Sie führte Dialoge mit sich selbst, was ihre Kollegen belustigt zur Kenntnis nahmen. Doch sie wollte nicht, dass man sie mitleidig anstarrte. Damit die Selbstgespräche aufhörten, kam sie auf die Idee, Kaugummi zu kauen.

Zusätzlich kontrollierte sie ihre Mimik – mit Hilfe eines kleinen Spiegels, den sie an ihrem Arbeitsplatz aufgestellt hatte. Sie war so auf die Vertuschung ihrer Psychose fixiert, dass sie nicht einmal merkte, wie ihre Hand unter eine Stanzmaschine geriet. Und selbst da wollte sie nicht negativ auffallen und arbeitete weiter …

Zum Glück verfolgen sie die Geister der Vergangenheit heute nicht mehr.

Wir sitzen vor dem überdimensionalen Plasmafernseher »Made in China«, den ihr mein Bruder aus Deutschland mitgebracht hat. Dafür hat er Hunderte Euro Zoll bezahlt, weil Mutter türkischen Fernsehern misstraut – sie würden zu schnell kaputtgehen, behauptet sie.

Auch der Hightech-Kühlschrank mit integriertem Eiswürfelspender ist ein bewährtes Fabrikat aus Almanya. Mein Bruder hat ihn in Einzelteile zerlegt, mit einem Kleinbus über Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien und Bulgarien bis nach Istanbul transportiert. Ich glaube mich erinnern zu können, dass er sogar quer durch die Ukraine gefahren ist, wohl aus zolltechnischen Gründen.

Mutter hängt an »Made in Germany«, auch wenn viele dieser vermeintlich deutschen Produkte heute ganz woanders hergestellt werden. Ein Zimmer ihrer Wohnung ist daher wie eine Lagerhalle vollgestopft mit allerhand Gebrauchsgegenständen, die sie von ihren Trips nach Deutschland mitgebracht hat. Alles auf Vorrat, wie ein Hamster, damit sie immer alles zur Hand hat, wenn mal einer danach fragt: Netzkabel, Textmarker oder Sparschäler, Notstromaggregat, Heftklammern oder eine Salatschleuder.

Im Haus gibt es Kabelfernsehen, aber Mutter braucht unbedingt Satellitenschüsseln, und zwar zwei große auf einmal. Ich vermute, dass auch diese aus Deutschland stammen. Wie sie diese monströsen Teile hierhergeschleppt hat, kann ich nicht sagen. Sie will wohl nicht nur die türkischen und deutschen Fernsehsender empfangen, sondern auch die 100 bis 200 anderen aus dem Nahen und Mittleren Osten und aus Fernost. Ob sie all diese Sender tatsächlich guckt, ist eine andere Frage. Hauptsache, sie könnte.

Pech nur, dass ihr Superfernseher aus Deutschland immer dann nicht funktioniert, wenn wir in Istanbul sind.

Ich erinnere mich an einmal, als ich bei ihr zu Besuch war und den Fernseher einschaltete. Statt der »heute«-Sendung war auf dem Bildschirm jedoch nur Grießeln zu sehen.

Sofort griff Mutter zum Hörer, um einen Fernsehtechniker anzurufen, einen aus dem Südosten des Landes, versteht sich. Mit Handwerkern aus anderen Regionen habe sie schlechte Erfahrungen gemacht, meinte sie.

Er kam tatsächlich sehr schnell, hantierte allerdings sehr lange am Fernseher herum. Immerhin, als er fertig war, funktionierte das Gerät wieder.

Diese vermeintliche Reparatur hielt jedoch nur für zwei Tage, dann mussten wir den Mann erneut kontaktieren. Denn wieder war kein Bild zu empfangen.

Auch dieses Mal kam der Techniker sehr schnell, und plötzlich fiel ihm ein, dass er vielleicht auch mal nach den beiden Satellitenschüsseln schauen könnte. Also stieg er auf das Dach und blieb fast eine Stunde verschollen. Ich machte mir schon Sorgen und dachte, er sei vielleicht abgestürzt. Also beschloss ich, nach ihm zu suchen, und kämpfte mich durch den Sperrmüll, den die Nachbarn verbotenerweise auf dem Dachboden lagerten. Durch die Dachluke konnte ich sehen, wie er in luftiger Höhe unschlüssig auf den Dachpfannen balancierte. Er wird schon wissen, was er tut, überlegte ich, ließ ihn weiterarbeiten und ging zurück in die Wohnung, wo wir voller Erwartung auf den Bildschirm starrten.

Eine weitere halbe Stunde verging, ohne dass etwas geschah. Als der Techniker sich endlich wieder bei uns blicken ließ, sagte er, er habe jetzt alles im Griff. Ein Sturm hätte die Satellitenschüsseln abgerissen, aber er habe sie mit Kabeln fest umwickelt, und zwar am Kamin des Hauses. Er strahlte, als habe er Großes vollbracht. Und auch ich war überwältigt von dieser einfachen Lösung: endlich mal einer, der nicht gleich aufgibt und Einfallsreichtum beweist.

Wir schalteten hin und her und erfreuten uns an der Sendervielfalt. Am Anfang funktionierten noch alle Programme, doch wenige Zeit später nur die türkischen, und am Abend gab es erneut einen Totalausfall.

Mutters Stimme war eisig, als sie am nächsten Morgen wieder beim Techniker anrief. Er könne sich das Ganze nicht erklären, murmelte er und versprach, sofort vorbeizukommen. Schon zehn Minuten später war er da, bereit, noch einmal auf das Dach zu klettern.

Er machte es spannend, denn wieder dauerte es eine Ewigkeit, bis er uns mit der Aussage überraschte, dass die Satellitenschüsseln, die er gestern notdürftig am Kamin fixiert hatte, wieder abgefallen seien. Gestern habe er seinen Bohrer nicht dabeigehabt – er hätte ihn einem Kollegen ausgeliehen –, doch jetzt habe er unter Schwierigkeiten mehrere Löcher in den Kamin gebohrt und die beiden Satellitenschüsseln fachmännisch mit Schrauben daran angebracht. Er hoffe, dass das alte Gemäuer das aushalten würde, denn man wisse ja nie …

Das klang nicht gerade optimistisch. Sollte das Wohnhaus also in absehbarer Zeit über den Bewohnern zusammenbrechen, wäre die Schuldfrage schnell geklärt.

Immerhin, bis es so weit war, kamen wir in den Genuss, aus mehreren hundert Programmen wählen zu können …

 

Meine Mutter ist Perfektionistin, aber vor allem ist sie keine Rentnerin, die ihren Lebensabend taubenfütternd auf irgendeiner Parkbank verbringt. Nein, sie durchstreift für ihr Leben gern Baumärkte – ihr liebstes Hobby, das war schon in Deutschland so.

Als sie anfing, ihre Wohnung zu renovieren, um sie auf den letzten europäischen Stand zu bringen, glich das fast einem Abrisskommando. Über Monate mussten die Nachbarn in dem vierstöckigen Haus die täglichen Erschütterungen des Gemäuers ertragen. Den drei jungen Studenten neben ihr mit einer Vorliebe für Heavy-Metal-Musik machte das nichts aus, den anderen Nachbarn aber schon. Dem jungen Ehepaar von nebenan und der Oma mit den drei Katzen direkt unter ihr ging Mutters Sanierwahn ziemlich auf die Nerven. In ihren Augen war das alles blinder Aktionismus, den sie als deutsche Besserwisserei deuteten.

Trotzdem ließ es sich Mutter nicht nehmen, Wände zu versetzen, Küche und Bad zu erneuern und eine Fußbodenheizung und neue Fenster einzubauen. Doch kaum waren die Handwerker aus der frisch renovierten Wohnung abgezogen, fielen ihr die ersten Mängel auf: Einige Fenster ließen sich nicht richtig schließen. Unglücklicherweise war das im Herbst.

Der Kampf mit dem Fensterinstallateur, in der Türkei Pimapenci genannt, ist noch nicht beigelegt, als ich sie nun in Istanbul besuche. In der Zwischenzeit ist Mutter aber fest entschlossen, das Problem an der Wurzel zu packen, denn mittlerweile regnet es durch die Fenster herein.

Wir gehen zusammen ins Schlafzimmer, und sie zeigt mir eine der undichten Stellen. Dass hier gepfuscht wurde, ist auch dem letzten Laien klar, denn an den Wänden zeigen sich schon erste Schimmelspuren.

»Das ist gesundheitsgefährdend!«, stelle ich entrüstet fest.

Mutter aber meint fast schon verständnisvoll, der Pimapenci habe sich zum Glück doch noch erweichen lassen, vorbeizukommen, um sich die Mängel anzusehen.

Immer diese Horrorgeschichten mit den Handwerkern, überlege ich, als es schon an der Tür klingelt.

Mutter braucht eine Ewigkeit, bis sie öffnet, weil sie gleich drei Sicherheitsschlösser auf einmal aufschließen muss. Ohne viel Geplänkel läuft sie direkt voraus, der Handwerker hinterher, während ich alles aus einiger Entfernung mit Neugier beobachte.

Was in der nächsten Stunde folgt, ist typisch: Der Mann steht zunächst äußerst selbstbewusst vor dem lecken Fenster und versucht sich im Schönreden.

»Sehen Sie es nicht?«, fragt Mutter perplex. Sie steckt demonstrativ die ganze Hand in den Spalt zwischen Rahmen und Fensterflügel, um zu zeigen, woher die Nässe kommt.

»Anscheinend haben Sie die Fenster nicht richtig abgemessen.«

Das sei doch nur eine Petitesse, meint der Handwerker. Und was macht er? Er nimmt eine Säge aus seinem Werkzeugkasten, säbelt schnipp, schnapp einfach ein Stück des abstehenden Fensterflügels ab, bevor er ihn fest nach hinten drückt. Das Gleiche wiederholt er bei den anderen Fenstern.

»So, jetzt passt alles wieder«, verkündet er anschließend zufrieden, als habe er einem Kind das kaputte Spielzeug repariert.

Jetzt lässt sich jedoch das Fenster nicht mehr öffnen, weil es klemmt. Aber warum will man Fenster überhaupt öffnen, und müssen es gerade diese sein?

Türkische Handwerker sind echte Improvisationskünstler. Das kann in vielen Fällen nützlich sein, oft ist es ihrer Arbeit aber anzusehen, dass sie sich ihr Können im Learning-by-doing-Verfahren angeeignet haben.

 

Eigentlich hätten wir schön am Bosporus spazieren gehen oder in einem Café am glitzernden Wasser sitzen und die Fischerboote, Fähren oder Tanker betrachten können. Doch Mutter hat anscheinend Wichtigeres vor: sich mit Handwerkern herumzuschlagen.

Nachdem der Pimapenci gegangen ist, sitzen wir wieder auf ihrem weißen türkischen Sofa und trinken Tee. Mutter rührt geräuschvoll in ihrem zierlichen Teeglas, damit sich die drei Stückchen Zucker auflösen.

»Ich finde, man sollte sich nicht alles gefallen lassen«, sage ich zu ihr, denn sie schien mir gerade doch seltsam distanziert. Früher wäre sie garantiert in die Luft gegangen. Ob sie neuerdings meditiert, um den Zustand innerer Stille zu erleben?

»Eigentlich hätte der Mann alles abmontieren und auf eigene Kosten neue, passgerechte Fenster anbringen müssen«, kläre ich sie auf.

Ich will es nicht allzu kompliziert machen. Denn sie hätte auch alle Mängel zur Beweissicherung fotografieren, dem Handwerker eine schriftliche Mängelliste zuschicken und ihn auffordern können, die Fehler zu beseitigen – mit einer Fristsetzung versteht sich. Zwei Wochen müssten reichen. Das ist jedenfalls in Deutschland so, wenn man dort an schwarze Schafe gerät. In der Türkei aber gelten andere Gesetze, manchmal allerdings auch gar keine. Hier muss man viel Geduld und gute Nerven haben.

Plötzlich schnellt Mutter hoch, weil es geklingelt hat. Sie schaut erst durch den Spion und öffnet dann die Tür. Dort steht ein etwas heruntergekommener Mann in verschmutzter Arbeitskleidung.

»Dich hatte ich ja ganz abgeschrieben!«, ruft sie.

Sie duzt ihn, anscheinend kennen sie sich schon länger.

»Ich hab dich nicht vergessen«, sagt der Mann gönnerhaft und stolz. In der Hand hält er eine durchsichtige Tüte, darin etwas, was so aussieht wie ein Schlauch.

Doch nicht schon wieder einer dieser trickreichen Handwerker!

Mutter verzieht säuerlich das Gesicht. »Nach einer Woche kommst du endlich mit dem Ersatzteil für die Waschmaschine, obwohl ich dir das Geld vorgestreckt habe? Du wolltest doch das Teil hier um die Ecke besorgen und gleich wieder zurück sein. Ich dachte wirklich, du bist mit dem Geld abgehauen«, sagt sie vorwurfsvoll.

Habe ich mich verhört? Mit dem Geld abgehauen? Die Geschichten von der Blaumännerfront werden immer abenteuerlicher.

Der Mann lacht verschmitzt wie ein Teenager. »Es ist mir leider etwas dazwischengekommen, sonst hätte ich dich doch nicht so lange warten lassen. Gerade, als ich das Ersatzteil kaufen wollte, bin ich einem alten Freund vom Militär begegnet – das mussten wir einfach feiern!« Er schaut in die Runde, als könne jeder hier seine Lage verstehen.

»Mit meinem Geld natürlich!«, fährt ihn Mutter an.

Der Handwerker nickt wenigstens etwas betroffen und erläutert mit Unschuldsmiene, dass er danach erst einmal seinen Rausch ausschlafen musste. An den folgenden Tagen hätte er noch andere Aufträge übernehmen müssen, um das Geld, das er beim Zechen ausgegeben hatte, wieder zu verdienen.

»Schwamm drüber«, beschließt er nun, marschiert an uns vorbei und macht sich auf den Weg ins Bad.

Fünf Minuten später hat er den Schlauch an der Waschmaschine angebracht, sein Honorar ohne Rechnung und Quittung kassiert und sich gutgelaunt verabschiedet.

Jeden Tag ein, zwei Handwerker im Haus – da kann es jedenfalls nie langweilig werden.

 

Zurück im Wohnzimmer, werfe ich einen Blick auf die Straße: Junge Frauen im Minirock und mit einem Handy am Ohr neben anderen, die züchtig von Kopf bis Fuß in schwarzes Tuch gehüllt sind, Geschäftsleute mit Aktenkoffern neben Lastenträgern vom Land und moderne Bürotürme neben orientalisch anmutenden Märkten. Es ist eine Welt voller Widersprüche, und trotzdem funktioniert sie irgendwie.

Auf dem Couchtisch liegt die Tageszeitung. Sie berichtet von all den Dramen in der Großstadt, von Gier, Eifersucht und menschlichen Abgründen. Illustriert in auffällig roter Farbe und geschmückt mit Sätzen und Formulierungen wie »dahingemetzelt«, »jede Hilfe kam zu spät«, »verblutete auf offener Straße« oder »ihr Haus wurde zu ihrem Grab«.

Ich weiß, die Zeitungen dramatisieren oft, und so schlimm ist es meist gar nicht, aber ich mache mir immer Sorgen um Mutter.

»Bist du denn auch vorsichtig, wenn du unterwegs bist?«, frage ich.

»Keine Angst, ich pass schon auf, dass mir keiner die Handtasche vom Arm reißt«, sagt sie ganz abgeklärt.

»Ich wünschte, man hätte es nur mit Handtaschenräubern zu tun. Die Zeitungen sind voll von noch übleren Dingen«, bemerke ich und bewundere ihre Ruhe.

»Ein Block weiter ist neulich eingebrochen worden«, erwähnt sie beiläufig. »Ich habe aber eine äußerst stabile Sicherheitstür.«

»Und mehrere Sicherheitsschlösser«, ergänze ich.

»Man sollte die Wohnung außerdem nie verwaist aussehen lassen.«

»Und was willst du dagegen tun? Sollen die Nachbarn die Jalousien rauf- und runterziehen oder das Licht ein- und ausschalten, wie das in Deutschland üblich ist?«, frage ich.

»Meine alleinstehende Nachbarin stellt immer Schuhe vor die Tür, wenn sie aus dem Haus geht«, antwortet sie. »Aber keine eleganten Treter, richtige Männerschuhe, damit man gleich erkennt, dass die Wohnung erstens bewohnt ist, und zweitens, dass mit den Bewohnern nicht zu spaßen ist.«

»Das ist nicht dein Ernst!« Ich muss losprusten, weil ich mich bei dem Gedanken ertappe, ob man diese aberwitzige Einbruchsperre nicht auch in Deutschland anwenden könnte – mit den Schuhen meines Mannes.Ob das dort auch die erwünschte Wirkung hätte?

»Ein todsicherer Tipp, glaub mir«, sagt Mutter schmunzelnd und macht sich auf den Weg in die Küche, um das Mittagessen zuzubereiten.

Es ist fast wie früher, als wir gemeinsam Karnıyarık zubereiten. Dieses Auberginengericht mit dem martialischen Namen »Aufgeschlitzter Bauch« war das erste Gericht, das ich mit 13 Jahren schon alleine kochen konnte. Und heute kann ich es fast mit verbundenen Augen.

Während Mutter die Zwiebeln und das Hackfleisch anbrät, gewürfelte Tomaten hinzufügt, und mit Salz, Pfeffer und etwas scharfem Paprika abschmeckt, bereite ich die Auberginen zu. Ich schäle sie so, dass ein Streifenmuster entsteht – so habe ich es von meiner Mutter gelernt. Da sie gefüllt werden müssen, schneide ich oben ungefähr fingerdick ein Stück ab und höhle die Auberginen mit einem Teelöffel aus. Wie kleine Schiffchen sehen sie jetzt aus. Sie werden von allen Seiten kräftig in Olivenöl angebraten, bevor sie mit der Hackfleischmischung gefüllt und mit den Auberginendeckeln verschlossen werden. Nun in den Topf damit und mit ein wenig Wasser eine halbe Stunde lang schmoren lassen.

In der Zwischenzeit hat Mutter auf ihrem kleinen Elektrogrill grüne Peperoni geröstet, die sie zum »Aufgeschlitzten Bauch« serviert. Sie tunkt ein Stück Brot in die pikante Sauce und erklärt: »Weißbrot schmeckt dazu am besten.«

»Du machst die Sauce ohne Thymian, oder?«

»Ich finde, der Geschmack der Auberginen ist so unvergleichlich, er sollte nicht überlagert werden. Am besten sind natürlich die dünnen, länglichen. Die dicken in Deutschland haben kein Aroma. Das ist so wie bei den Tomaten«, meint sie und rennt bei mir offene Türen ein.

Die Auberginen bekäme sie auf dem großen Markt gleich hinter dem Haus, wo Obst und Gemüse zu Pyramiden aufgetürmt seien wie in einem Garten Eden und wo es betörend nach Kreuzkümmel, Minze, Zimt und Thymian dufte. Sie schiebt sich einen Löffel Karnıyarık und eine gegrillte Peperoni in den Mund, und wir unterhalten uns über früher.

In den Anfangsjahren in Deutschland sei frisches Gemüse Mangelware gewesen, so dass sie oft auf Konserven angewiesen war, erzählt sie. Sie habe aber nur die Dosen mit einem Etikett in leuchtend satten Farben gekauft,auf denen knackiges, frisch geerntetes Gemüse abgebildet war.

Da war Mutter wohl ein wenig leichtgläubig. Sie ging fest davon aus, dass dieses ansprechende Etikett mit dem Inhalt der Dose identisch war. Dass das nur eine Werbestrategie war, um die Kauflust der Kunden anzukurbeln, darauf wäre sie nie gekommen.

Zu groß war damals ihr Vertrauen in den Fortschritt, aber auch in die Aufrichtigkeit der westlichen Gesellschaft.

Westsidestory

Einweichen, ausspülen und aufhängen.« Eigentlich ist es ja der Werbebotschaft von »Omo« zu verdanken, dass wir in Deutschland geblieben sind. Denn einmal war meine Mutter kurz davor aufzugeben, weil ihr die Knochenarbeit in der Fremde einfach zu viel wurde. Als sie aber die blütenweiße Wäsche auf der Leine sah und ihr die Nachbarin voller Stolz berichtete, dass ein besonderes Waschpulver dieses Wunder vollbracht habe, da erkannte sie: In Deutschland ist es doch leichter und unbeschwerlicher, und sagte zu unserem vom Anpassungskampf und Heimweh erschöpften Vater: »Ich bleibe hier, du kannst ja gehen, wenn du willst.«

 

Warum ist meine Mutter überhaupt ausgewandert? Sie selbst meint, es sei Vorsehung gewesen, denn als junges Mädchen habe sie einmal einen Traum gehabt, darin hätte sie dichte, dunkle Wälder gesehen. Wohl ein kleiner Vorgeschmack auf die Wälder der Schwäbischen Alb, wo sie als Fabrikarbeiterin Jahre später um drei Uhr nachts auf den einzigen Bus warten musste, der sie zur Schicht brachte.

Und auch als sie älter wurde, träumte sie von der großen, weiten Welt. Mein Opa machte daraus eine Art Lotterie, er schrieb für seine acht Kinder die Namen von fremden Ländern auf kleine Zettelchen, die er in ein Jutesäckchen steckte. Und als hätte es das Schicksal vorbestimmt, zog meine Mutter den Zettel mit Almanya. Der Hauptgewinn wäre zwar Amerika gewesen, aber Deutschland war auch in Ordnung.

In der Türkei begegnete man damals Menschen, die nach Deutschland gingen, mit größter Ehrfurcht, als würden sie auf den Mond fliegen. Am meisten beeindruckten die deutschen Tugenden: Fleiß, Ordnung, Verlässlichkeit. Das stammte wohl aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, als Deutschland und die Türkei Verbündete waren, und sorgte für ein strahlend positives Deutschlandbild. Vor allem bei meinem Opa, der diese Tugenden auch von seinen türkischen Landsleuten einforderte, meist jedoch vergeblich. Immer wenn einer den türkischen Schlendrian herauskehrte oder mal wieder etwas nicht funktionierte, rief er: »Ich bin ein Deutscher!«

Er war aber nun mal ein Türke, allerdings ein sehr untypischer.

Wie gesagt, eigentlich war Amerika das Land der Sehnsüchte. In der Zeitschrift Hayat gab es damals Klatschgeschichten über Marilyn Monroe oder Jacqueline Kennedy, und im Openair-Kino, wohin mein Vater uns, Oma, Opa, Onkel und Tanten an den Abenden ausführte, himmelten wir Audrey Hepburn an. Viele Menschen phantasierten sich damals in eine andere, glamouröse Welt hinein, eiferten den Promis nach, imitierten ihre Kleidung, ihre Frisuren und träumten von einem Leben ohne Sorgen, von Wohlstand und technischem Fortschritt. Die Glücksformel war ganz einfach: Wer fleißig war und hart genug arbeitete, konnte schnell aufsteigen – die Filme zumindest suggerierten das, und auch meine Mutter glaubte fest daran.

 

Unsere Auswanderungsgeschichte begann auf unserem Balkon, den Mutter ringsherum mit einem hohen Drahtgitter versperrt hatte, damit wir Kinder uns nicht aus dem vierten Stock stürzten.

Es war eigentlich nur ein Zufall gewesen, und ich war maßgeblich daran beteiligt. Denn wäre ich nicht auf unseren Balkon geflüchtet und wäre mir Mutter nicht gefolgt, dann hätte sie die Botschaft aus Deutschland nie vernommen, und sie wäre wahrscheinlich in ihrer Heimat geblieben. Geflüchtet ist wohl zu viel gesagt: Ich wollte nur nicht essen, und ich war ein richtiger Zappelphilipp, heute würde man das als hyperaktiv bezeichnen. Meine Mutter sprintete mir mit dem Teller in der Hand hinterher, erst in die Küche, dann ins Wohnzimmer und schließlich auf den Balkon. Und just in dem Moment, als sie mir gerade einen Löffel Reis mit Bohnen in den Mund schieben wollte, ertönte eine blecherne, alles verändernde Stimme: »Achtung, Achtung: Das deutsche Arbeitsamt sucht weibliche Arbeitskräfte!«

Meine Mutter erstarrte und warf neugierig einen Blick nach unten auf die Straße. Auf der Ladefläche eines Pick-ups stand ein Mann mit einem Megaphon in der Hand. Die Stimme Deutschlands in Gestalt eines Türken sprach zu uns: »Achtung, Achtung, Deutschland sucht Arbeiterinnen.«

Meine Mutter wunderte sich ein wenig, dass der lange Arm des deutschen Arbeitsamtes bis in den Südosten der Türkei reichte.

»Süper! Das wäre doch was für mich«, rief sie aus, mit ihren 23 Jahren, mutig und unerschrocken, wie sie nun mal war. Schon als Kind war sie losgegangen und hatte sich selbst in der Grundschule angemeldet, weil es sonst niemand getan hatte – ihre Mutter war krank geworden, der Vater beruflich unterwegs.

Tante Nihal, Mutters zwei Jahre jüngere Schwester, war ebenso begeistert. »Ich komme mit. Wir gehen gemeinsam, und du holst später deinen Mann und die Kinder nach.«

Sie steigerten sich hinein in ihre Neugier und Abenteuerlust. Mein Vater allerdings konnte sich dieser Euphorie nicht gleich anschließen. Er war regelrecht geschockt, als er von den Plänen meiner Mutter hörte. Er dachte an seinen Job als Rektor an einem Gymnasium, an dem er Türkisch und Philosophie unterrichtete, an seine Existenz in der Türkei, die er nicht aufgeben wollte. Ganz sicher wollte er nicht, dass seine Frau und er als Gastarbeiter in irgendeinem abgelegenen Dorf in Deutschland endeten. Doch genauso kam es, knapp anderthalb Jahre später.

»Wo liegt denn Almanya?«, fragte ich.