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Helmut Schweckendieck wurde 1952 in Berlin (West) geboren. Er verbrachte mit Ausnahme einiger Studiensemester sein gesamtes bisheriges Leben in der ehemals geteilten Hauptstadt. Mit dem vorliegenden Buch hat er in einundzwanzig Kapiteln kleine Geschichten aus seinem Leben festgehalten. In überwiegend, aber nicht nur amüsant und kurzweilig zu lesender Weise berichtet er über Episoden aus seiner Kindheit im Haus der Großmutter, aus Schule und Studium; er schildert den Beginn seiner sechsunddreißigjährigen Beziehung zu seiner Ehefrau Gesa wie auch deren langen und zuletzt vergeblichen Kampf gegen den Krebs. Die Liebe zum Reiten, zum Fußballspielen und zum Motorradfahren wird witzig dargestellt. Langjährigen Freunden wird ein Denkmal gesetzt. Anhand ausführlicher Notizen aus Tagebüchern von Vater und Mutter hat der Autor auch deren bewegtes Schicksal insbesondere in der Kriegs- und Nachkriegszeit anschaulich dargelegt und dabei nichts beschönigt. Die Erlebnisse mit dem gemeinsamen Sohn Robert, den Enkeltöchtern Layla und Aylina und den beiden Hunden Tommy und Sunny werden auf sympathische Weise miterlebbar gemacht. So ist ein buntes, mehr als einhundert Jahre umfassendes Kaleidoskop entstanden. Das optimistische Abschlusskapitel widmet sich seiner nach der Pensionierung entstandenen Beziehung zu Gisela.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Knautschke macht futtfutt
Mensch, ick schiele
Es gilt das Datum des Poststempels
Besuch bei der alten Dame
Die zwei Seiten meiner Mutter
Mein Vater
Der Scheißkerl
Gute Antwort, Tasse Kaffee hinterher
Räuber haben immer viel Hunger
Wenn Du eine „zwei“ machst
Ich will mein’ Speer
Der Ball ist rund
Der Grizzlybär
Midlife crisis
Tommy oder der Geburtstagsanruf
Sunny oder der Geburtstagskuchen
Und wenn der Herr Präsident zu Besuch kommt
Gesas langer Kampf
Ein Bauch wie ein Kissen
Krimmi
Ein besonderes Telefongespräch
Kleine Geschichten habe ich schon immer gerne erzählt, mitunter mehrfach, wie manche meiner Mitmenschen behaupten. Eines Tages meinte mein Sohn Robert zu mir, ich sollte diese Geschichten doch mal aufschreiben, dann hätte ich eine sinnvolle und mir zudem Spaß machende Beschäftigung. Im Coronajahr II habe ich begonnen, diese Anregung in die Tat umzusetzen. Und Schritt für Schritt ist aus dieser Idee ein Buch geworden, das nicht nur Begebenheiten aus meinem inzwischen rund siebzig Jahre währenden Leben enthält. Ich habe mich auch mit bedeutsamen Phasen aus dem Leben meiner Eltern beschäftigt; dafür konnte ich auf vielfältige schriftliche Unterlagen meines Vaters und meiner Mutter zurückgreifen. Diese Generation hat mit der Weimarer Republik, der Nazizeit, Krieg und Nachkriegszeit weit mehr historische und persönliche Umbrüche erlebt als ich als Kind der Nachkriegsgeneration und des Wirtschaftswunders. Herausgekommen ist ein nicht nur persönliche, sondern auch zeitgeschichtliche Episoden von mehr als einhundert Jahren umfassendes Kaleidoskop. Es enthält überwiegend amüsante und unterhaltsame Begebenheiten, da aber ein Leben auch aus ernsten, schwierigen und belastenden Phasen besteht, habe ich mich auch diesen gewidmet. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Buch über den engen Kreis meiner Familie und meiner Freunde hinaus eine Leserschaft finden kann.
Die ersten acht Jahre meines Lebens, das am 18. März 1952 begann, verbrachte ich in der Buggestraße 12. Das dortige Haus gehörte meiner Oma, der Mutter meines Vaters. Meine Oma behauptete immer, ihre Villa liege in Dahlem, tatsächlich gehörte sie aber zu Steglitz, weniger vornehm. In der Nachkriegszeit war im zerbombten Berlin Wohnraum knapp. Und so waren die beiden Söhne meiner Oma, mein Vater Ulrich und sein jüngerer Bruder Jochen (der jüngste Bruder Heinz war als 18-jähriger Leutnant in Russland gefallen) froh, dort wohnen zu können. Nicht ganz so froh waren die Frauen der beiden Brüder; von meiner Mutter weiß ich jedenfalls, dass sie in der Buggestraße unzufrieden, wenn nicht gar unglücklich war. Aber für mich und meinen nahezu gleichaltrigen Cousin Uwe war es dort toll. In dem großen Einfamilienhaus, das aufgrund seiner Bauweise für drei Parteien eigentlich ungeeignet war, hatten im Erdgeschoss Oma und Therese, genannt Hesi, die Frau von Onkel Jochen, gemeinsam eine Küche. Oma hatte auf derselben Ebene auch ihr Wohnzimmer, daran angrenzend den Wintergarten, der mit einem „Scherengitter“ (von mir „Rummstür“ genannt) zum Wohnzimmer hin gesichert war. Die insgesamt drei Flure bzw. Dielen im Erdgeschoss nahmen extrem viel Platz weg, desgleichen die in der Hausmitte angelegte, in Längsrichtung gerade nach oben verlaufende Treppe. Auf der anderen Seite des Erdgeschosses hatte die zunächst drei-, später vierköpfige Familie von Onkel Jochen ihre drei Zimmer. Oben gleich rechts am Ende der Treppe hatte Oma ihr Schlafzimmer, daneben lag unsere Küche, dann gab es einen langen Flur, von dem rechts zwei Bäder abgingen, eines für uns, eines für Familie Jochen. Am Ende des Flures befanden sich unsere Zimmer, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Kinderzimmer für Ingrid (meine fast sieben Jahre ältere Schwester) und mich, und dann gab es noch ein ganz kleines Arbeitszimmer für meinen Vater. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber zu Beginn der 50-er Jahre gab es wegen der Wohnungsnot wohl noch eine Einquartierung einer fremden Familie in einem oder zweien der oben befindlichen Zimmer; vielleicht weiß meine Schwester mehr. Von der entgegen der Küche gelegenen Seite des Flures ging, ebenfalls in Längsrichtung, eine gerade Treppe auf den Dachboden. An deren Ende lag das durch Kriegseinflüsse beeinträchtigte und nur als Rumpelkammer genutzte ehemalige Mädchenzimmer (nicht für Töchter, sondern für Dienstmädchen - ja, so was gab es damals). Der nach meiner Erinnerung riesige Dachboden (da hätte man heutzutage Raum für mindestens zwei Eigentumswohnungen gefunden) wurde nur als überdimensionale Abstellkammer genutzt, außerdem als Abenteuerspielplatz von uns Jungs.
Für Uwe und mich bot die Buggestraße mitsamt dem ziemlich großen Garten viele Spielmöglichkeiten. Wir wuchsen dort - quasi als Zwillinge - recht frei auf. Ich glaube, wir haben ziemlich viel Unsinn gemacht, jedenfalls ist mein Sohn Robert der Auffassung, er sei im Gegensatz zu Uwe und mir geradezu ein Musterknabe gewesen. Das eine oder andere fällt mir ein. Im Garten (für den war Onkel Jochen zuständig - mein Vater hatte die Aufgabe, die im Keller befindliche Koksheizung zu bedienen) machten wir gerne mal eine Überschwemmung; wir ließen die Wasserleitung vor dem Rosenbeet so lange laufen, bis die herumführenden Plattenwege gänzlich unter Wasser standen. Ob wir dann da Schiffchen drauf fahren ließen, weiß ich nicht mehr. Wasser schien uns überhaupt zu faszinieren. Eines Tages wollten wir einen Wasserfall schaffen. Dafür schien uns die vom rumpelkammerähnlichen Mädchenzimmer hinunter auf den Flur der ersten Etage führende Holztreppe sehr geeignet. Wir wuchteten nacheinander bestimmt zehn Eimer voller Wasser nach oben und kippten die dort aus. Mit dem Ergebnis waren wir sehr zufrieden, es war tatsächlich ein schöner Wasserfall geworden. Irgendwann wurde es wohl in dem darunter gelegenen Erdgeschoss an der Decke feucht und die Erwachsenen waren alarmiert. Wir haben bestimmt „Mecker“ bekommen, aber unseren Spaß hatten wir gehabt.
Ich glaube, insgesamt waren unsere Eltern und insbesondere auch unsere Oma uns gegenüber ziemlich tolerant, obwohl das grundsätzlich in den 50-er Jahren des vorigen Jahrhunderts doch noch ganz anders war. Oma hatte zum Beispiel nichts dagegen, dass Uwe und ich uns in ihrem Wohnzimmer eine Höhle bauten. Wir nahmen uns einige Decken, rückten das Sofa ein wenig von der Wand ab, desgleichen den Ohrensessel, in dem Oma Mittagsruhe hielt und nach wenigen Minuten mitunter laut schnarchte; einige Bilder wurden ebenfalls von den Nägeln genommen, die Decken auf die Nägel gedrückt (besser wurden die davon auch nicht) und über Sofa und Ohrensessel gehängt, und schon war die Höhle, von uns „Küssuleck“ genannt, fertig. Wir krochen da rein und nahmen noch ein paar Kissen dazu, damit es auch schön gemütlich wurde; uns gefiel es dort gut. Die Höhle blieb mitunter mehrere Tage erhalten.
Einmal war Oma aber doch sauer. Wir hatten beobachtet, wie Onkel Jochen im Garten Pflanzenreste auf dem Komposthaufen entsorgte (das Wort „entsorgen“ gab es damals noch nicht). Das wollten wir ihm gleich tun; ich schätze, wir waren vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Kurz entschlossen rissen wir einen frisch gepflanzten Stachelbeerstrauch aus und warfen ihn auf den Komposthaufen. Das hatte unsere Oma mitbekommen und hielt uns eine Strafpredigt. Zufällig auch anwesend war Onkel Zipp, der jüngere Bruder meiner Mutter, der damals vielleicht so Anfang/Mitte dreißig war. Als der über unseren Streich lachte, bekam er von Oma, die ziemlich resolut sein konnte, auch gleich einen Einlauf.
Bei schönem Wetter waren Uwe und ich ziemlich viel im Garten. Ich hatte ein aufblasbares Gummikrokodil, das insgesamt bestimmt 1,5 m lang war. Ich kann mich an ein Foto erinnern, auf dem ich das Krokodil stolz im Rumpfbereich festhalte, während Uwe, etwas missmutig dreinschauend, nur den Schwanz halten darf. Mit diesem Krokodil gingen wir eines Tages an den Zaun zum Grundstück des Nachbarn Piwotti, wo dessen etwas jüngerer Sohn spielte. Zu dem sagten wir beide drohend „dis beisst!“, woraufhin der heulend abhaute. Der Nachbar Piwotti hatte nach übereinstimmender Meinung der erwachsenen Bewohner des Hauses Buggestraße 12 eine „Macke“, die darauf zurückzuführen war, dass er im Krieg verschüttet war. Uwe und ich wussten zwar nicht, was „verschüttet“ bedeutete, gaben uns aber mit dieser Erklärung zufrieden.
Wir waren wohl sechs Jahre alt, als wir beide jeweils einen Roller mit dicken Ballonreifen geschenkt bekamen. Uwes war blau, meiner rot. Mit diesen Rollern sausten wir viel in der Gegend rum. Einmal - ich glaube, es war zu Omas Geburtstag am 10. Dezember, den sie stets groß feierte - sind wir, weil uns die Feier mit den vielen Erwachsenen langweilig war, im Dunklen losgerollert und bis in die Steglitzer Schloßstraße gefahren. Irgendwann wurden wir vermisst, und es herrschte bereits helle Aufregung, als wir vergnügt und unbeschadet von unserer Spritztour zurückkehrten.
Ganz wichtig und geradezu ritualisiert waren unsere Zoobesuche. Diese begannen, als wir noch nicht die Schule besuchten; wir waren vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Jeden Mittwoch gingen unsere Oma und ihre ältere Schwester, Tante Erna, die in der Nähe wohnte, mit Uwe und mir in den Zoo. Oma hatte - wie sich das für eine alteingesessene Berliner Familie gehört - eine Zooaktie, die kostenlose Besuche im Zoo ermöglichte. Diese Aktie habe ich geerbt, ich nutze sie auch heute noch gerne.
Unmittelbar neben dem Zoogelände befanden sich noch in den 50-er Jahren die stattlichen Reste des dortigen großen Flakbunkers, den die Alliierten nach 1945 nur mit Mühe und auch nicht vollständig zu sprengen in der Lage waren. Bei unseren Zoo-Besuchen ab etwa 1956 ertönte von Zeit zu Zeit eine laute Warnsirene; dann mussten alle im Bereich nahe dem Hardenbergplatz befindlichen Zoobesucher in einen weiter entfernten Zoobereich ausweichen, weil am Bunker wieder „gesprengt“ wurde. Ich kannte „sprengen“ nur von Onkel Jochen im Garten mittels Gartenschlauch und dachte demgemäß, es würde ein scharfer Wasserstrahl so lange auf eine Stelle des Bunkers gehalten, bis wieder ein Stück herausbrechen würde. Bei dieser Methode würde der Bunker wohl jetzt noch stehen.
Dicht an dem Zooeingang, der jetzt Löwentor heißt, war und ist auch heute noch das Elefantenhaus. Der erste Nachkriegselefant im Zoo war Shanti, eine indische Elefantendame mit kleinen, teilweise vergoldeten Stoßzähnen. Einige Zeit später kamen Salim und Mondula hinzu, zwei noch ziemlich junge afrikanische Elefanten. Damals durfte man im Zoo noch die Tiere füttern, was später wegen der Unvernunft einiger Besucher verboten wurde. Dementsprechend kamen Oma und Tante Erna immer mit Taschen voll von Gemüseresten, Kartoffelschalen, altem Brot und ähnlichen Dingen in den Zoo. Salim, der junge Bulle, hinderte nun durch sein dominantes Verhalten seine kleinere Schwester Mondula daran, in Ruhe unsere Gaben zu kosten. Aber wir waren ja clever; während einer von uns Salim mit besonders wohlschmeckenden Köstlichkeiten ablenkte, lief der andere mit Kohlrabiresten am Gehegezaun entlang in eine andere Ecke, Mondula jenseits des Zaunes immer hinterher, und so konnte sie schließlich auch in den Genuss unserer Küchenreste kommen. Der Bulle Salim hat Jahre später, im August 1963, übrigens seinen Pfleger getötet; Elefantenbullen sind mit Vorsicht zu genießen.
Uwe und ich waren Freunde der größeren Tiere (das ist bei mir bis heute so geblieben). Und so verwundert es nicht, dass wir Knautschke, den Flusspferdbullen, besonders in unser Herz geschlossen hatten. Knautschke, geboren 1943 (wie der Bruder meiner Frau Gesa), war eines von nur 91 Tieren, das den Bombenhagel des zweiten Weltkrieges im Berliner Zoo überlebt hatte. Ich kann mich noch an das alte, im Krieg teilweise zerstörte Flusspferdhaus erinnern. Innen war es ganz dunkel und feucht, und durch enge Gitterstäbe konnte man in kleinen Becken die beiden Flusspferde (wir sagten damals Nilpferde), Knautschke und seine Tochter Bulette, die dann später aber auch die Mutter seiner vielen Kinder wurde (Flusspferde nehmen das wohl nicht so genau), mehr ahnen als wirklich sehen. Draußen gab es ein kreisförmiges Freiluftbecken. Ich weiß nicht, ob ich das nur geträumt habe oder ob Knautschke wirklich mal aus diesem Becken ausgebrochen ist; eigentlich konnte er da nicht rüberklettern. In den 60-er Jahren ist dann ein neues Flusspferdhaus gebaut worden, im typischen Stil dieser Zeit, hell und alles gefliest, ähnlich wie damals die Schwimmbäder für Menschen. Inzwischen ist dieses Haus schon wieder abgerissen und durch einen weiteren Neubau ersetzt worden. Knautschke und Bulette fühlten sich in dem gefliesten Haus offensichtlich wohl; beide waren sehr aktiv im Produzieren von Nachwuchs. Die beiden ersten von insgesamt weit über zwanzig Nachfahren hießen Jette und Klops, echte Berliner Namen. Ich habe ja schon erzählt, dass man damals im Zoo noch füttern durfte; in diesen Genuss sollte auch Knautschke kommen. Oma hatte, auf einer Bank im Nilpferdhaus sitzend, mehrere Äpfel für uns geschält und die Schalen und das herausgeschnittene Kerngehäuse auf einer auf ihrem Schoß befindlichen großen weißen Serviette gesammelt. Mit dieser Serviette gingen wir zum Beckenrand, Knautschke kam an und riss sein riesiges Maul auf, wir schüttelten die Serviette mit Apfelinhalt über seinem Maul aus, und Knautschke klappte selbiges zu; unglücklicherweise erwischte er dabei auch eine Ecke der Serviette, die ließ er nicht mehr los, sondern verspeiste sie zusammen mit den Apfelresten. Er scheint aber alles gut verdaut zu haben.
Trotz dieser eher außerplanmäßigen Fütterung konnten Uwe und ich uns aber doch als Flusspferdexperten betrachten; wir wussten, dass Nilpferdbullen ihr Revier markieren. Aber die Masse der überwiegend aus Wessis und anderen Touristen bestehenden Besucher war diesbezüglich völlig ahnungslos. Wenn Knautschke an die zu den Besuchern hin gelegene Beckenseite kam und sein Hinterteil verdächtig hochreckte, verzogen Uwe und ich uns, während die Touristen in „ah“ und „oh“ ausbrachen. Das verging ihnen aber schnell, während Knautschke sein großes Geschäft verrichtete und dabei seinen Stummelschwanz propellerähnlich kreisen ließ, dadurch seine Hinterlassenschaften im Umkreis von mehreren Metern verteilte und so auch einige der neugierigen Touristen befleckte. Wir Jungs nannten diesen Vorgang „Knautschke macht Futtfutt“.
Im Sommer 1988 starb der 45-jährige Berliner Publikumsliebling. Eine lebensgroße Bronzeskulptur steht vor dem neuen Flusspferdhaus.
Im Frühjahr 1960 zogen meine Eltern mit meiner Schwester und mir nach Schlachtensee. Wir bezogen eine Fünfeinhalb-Zimmer-Maisonette-Wohnung in der Niklasstraße 68. Das muss man sich mal vorstellen: nach zwanzig Jahren Ehe (meine Eltern haben 1940 geheiratet) bezogen die Eheleute ihre erste wirklich eigene abgeschlossene Wohnung! Heutzutage erwarten Studenten eine eigene - von Papa und Mama oder vom Staat finanzierte - Wohnung bereits ab dem ersten Semester; und dass Flüchtlinge eine Zeit lang in Container-Wohnungen unterkommen müssen, grenzt an eine Menschenrechtsverletzung. Während mein Vater sich - unbegründete - Sorgen machte, ob seine Kinder in einer gemieteten Etagenwohnung würden gedeihen können, lebte meine Mutter, vom Joch der doch etwas herrschsüchtigen Schwiegermutter und von der mitunter für sie unangenehmen Nähe zu Schwager/Schwägerin befreit, regelrecht auf. In den ersten Monaten stand sie so manches Mal oben an der Treppe und rief mit lauter Stimme (Sorry, Uwe) „Jochen, Therese, Arsch“ durch die Wohnung. So sehr fühlte sie sich befreit! Die unbeschwerte Zeit für meine Mutter währte leider nur sechs Jahre; 1966 erkrankte mein Vater an Krebs und verstarb im Juni 1969 im Alter von nur 54 Jahren.
Vermieter der Wohnung in Schlachtensee war der Wohnungsbau-Verein Neukölln, eine bereits 1902 gegründete Genossenschaft. Meine Oma hatte mit ihrem Mann und den drei Söhnen bis zur Fertigstellung der Villa in der Buggestraße Mitte der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts auch schon in einer WBV-Wohnung in der Haderslebener Straße gewohnt. Seit dem Einzug in die Niklasstraße 68 im Jahre 1960 wohne ich - mit kurzen Unterbrechungen während des Studiums und meiner Referendarzeit - ununterbrochen in Wohnungen dieser Genossenschaft; ich bin nicht nur Schlachtensee, sondern sogar meinem engeren Wohnumfeld, in dem ich mich sehr wohl fühle, treu geblieben. Seit einigen Jahren bin ich dem Wohnungsbau-Verein Neukölln als Aufsichtsratsmitglied noch enger verbunden.
Aber ich greife weit vor. 1960 war ich acht Jahre alt und hatte nun erstmals in der oberen Etage ein eigenes Zimmer; meine fast 15-jährige Schwester wird diesen Luxus vermutlich noch weit mehr geschätzt haben. In dem Mietshaus gab es insgesamt fünf Parteien. Gegenüber unserer oberen, mit einem eigenen Eingang zum Treppenhaus versehenen Etage wohnte Frau Heinrich, eine ältere Dame, die zeitweilig auch Untermieter (Lohrmännchen, der nach Ansicht meines Vaters wie ein Embryo aussah) hatte. Auf der Beletage uns gegenüber wohnte das kinderlose Ehepaar Kaethner. Im Erdgeschoss schräg unter uns wohnte „die Baaschen“, eine alte Frau, die etwas scheu war und beim Grüßen immer weg sah. Für mich am wichtigsten war die direkt unter uns wohnende Familie Rosche. Das Ehepaar hatte vier Kinder, wobei der älteste Sohn im Krieg gefallen war und der zweite Sohn - der war Pfarrer, von meiner spitznamenfreudigen Mutter „der lachende Pastor“ genannt - bereits verheiratet war und in Britz lebte. Die beiden Töchter (Marianne, ziemlich hübsch, und Bärbel, nicht ganz so hübsch) wohnten noch bei ihren Eltern. Mit Familie Rosche freundete ich mich schnell an; sie hatten einen freundlichen Hund namens Asbach, einen Schäferhund, mit dem ich oft „Gassi“ ging. Herr Rosche unternahm mit Uwe, der uns öfter besuchte und dann auch über Nacht blieb, und mir von Zeit zu Zeit etwas; so ist er im Laufe der Jahre mehrfach mit uns in die Deutschlandhalle zu „Menschen, Tiere, Sensationen“ gegangen und war immer sehr begeistert von den Vorführungen. Wir drei haben auch noch ein weiteres gemeinsames Hobby gefunden. Uwe und ich waren vielleicht zehn oder elf Jahre alt, als wir mit Walter „Emil“ Rosche in der dortigen Wohnung um den Esstisch herum saßen und gemeinsam rauchten, Peer Export. Wir fanden das „cool“ (auch dieses Wort gab es damals noch nicht) und unsere Eltern, vor denen wir diese Freizeitbeschäftigung keineswegs verheimlichten, fanden das ziemlich normal.
Herr Rosche, geboren noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts und pensionierter Eisenbahner, hatte feste Ansichten; politisch war er nach Einschätzung meiner Eltern ein kaisertreuer Sozialdemokrat (ich wusste damals nicht so recht, was sich dahinter verbarg). Ob diese Einstellung zu seiner drastischen Bewertung der Person des Wernher von Braun (Erfinder der V-Waffen in Peenemünde und später der Hauptverantwortliche für die Mondlandung der Amerikaner 1969) als „verräterische Sau“ führte, entzieht sich meiner Kenntnis. Unser Nachbar konnte auch nicht verstehen, warum seine Töchter ausländische Freunde (Marianne einen Ami, Bärbel einen Perser) hatten. „Gibt es nicht genug deutsche Jungs?“ fragte er leicht verzweifelt.
Ich hatte nicht nur zu Vater Rosche, sondern auch zu der hübschen Marianne (so ungefähr 15 Jahre älter als ich) eine nette persönliche Beziehung. Eines warmen Sommertages - ich war vielleicht 10 Jahre alt - gingen wir zusammen zum Schlachtensee schwimmen; ich war damals (wie auch jetzt noch, wenngleich inzwischen aus anderen Gründen) Brillenträger. Es entspann sich folgender Dialog zwischen der fragenden Marianne und mir:
„Bist du kurzsichtig?“ - „nein“ - „bist du weitsichtig?“ - „nein“ - „na, was bist du dann?“ - „Mensch, ick schiele!“
Eines Tages wurden wir von den Eltern Rosche informiert, dass Marianne in die USA gehen und dort heiraten würde; Mutter Rosche legte besonderen Wert auf die Feststellung „Gary hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium!“ Wir wurden zu einer netten kleinen Abschiedsfeier eingeladen; als wir wieder in unserer Wohnung waren, meinte ich - völlig arg- und ahnungslos - zu meinen Eltern „Marianne hat einen ziemlich dicken Bauch bekommen“. Das lag nicht am exzessiven Essen, wie wir einige Zeit später erfuhren.
Als die Töchter Rosche aus dem Haus waren und dann erst Herr Rosche und später auch seine Frau starben, zog zu einem mir nicht mehr erinnerlichen Zeitpunkt Familie St. unten ein, ein Ehepaar mit einem Sohn Uli, der ein oder zwei Jahre älter als ich war. Uli studierte auch Jura, ging aber nicht zum Repetitor (mit seiner stets leicht feuchten Aussprache äußerte er ziemlich verächtlich „das ist die unwissenschaftliche Methode“) und sprach von seinem „väterlichen Freund Professor Esser“ aus Tübingen. Er (Uli, nicht der Professor) erinnerte mich ein bisschen an den „Heimscheißer“ aus dem Film „American Pie“. Insgesamt war die Familie aber auch ganz nett.
Auch nach unserem Umzug in die Niklasstraße bestand der Kontakt zur Buggestraße natürlich weiterhin, nicht nur zu Uwe, sondern auch zu Oma. Die in Kapitel I geschilderten Zoobesuche fanden nicht mehr ganz so regelmäßig statt, dafür unternahm Oma mit Uwe und mir andere Dinge, die möglicherweise nicht ganz typisch für eine Großmutter sind. So ging sie mit uns von Zeit zu Zeit auch ins Kino. Im Sommer 1966, wir waren also vierzehn Jahre alt, gab es den Gangsterfilm „Rififi in Paris“ im Zoopalast. Wir wollten Oma überreden, mit uns da hinzugehen; wir lockten sie damit, dass Jean Gabin und Gerd Fröbe, also zwei bekannte Stars, mitwirkten. Oma
war einverstanden. Es gab lediglich ein kleines Problem, der Film war erst ab 16 freigegeben. Bei der Einlasskontrolle fragte der dort tätige Angestellte „sind die jungen Herren denn schon sechzehn?“. Da war er aber bei unserer Oma an die Falsche geraten! Sie herrschte ihn an „wenn ich mit meinen Enkeln ins Kino gehe, dann sind die natürlich sechzehn, verstanden!“ Der Kontrolleur zuckte zusammen, diesen Ton kannte er von seiner Ehefrau oder aus alten Zeiten, und ließ uns rein. Von dem Film habe ich nicht mehr viel in Erinnerung, nur, dass da auch einige barbusige Frauen drin vorkamen, was Uwe und mir, neben unserer Oma sitzend, ein bisschen peinlich war.
Nicht nur in demselben Jahr, sondern auch in einer ähnlichen Kategorie, trug sich eine Begebenheit auf dem Oktoberfest zu. Das besuchte Oma mit uns beiden auch regelmäßig. Sie setzte sich ins Festzelt und gab uns beiden Geld, das wir in den „Zusammenstoßautos“, in der Achterbahn und beim Schießen verjubelten. Nach etwa 30 min. kehrten wir ins Bierzelt zurück „Oma, das Geld ist alle!“. Dann bekamen wir einen finanziellen Nachschlag. In diesem Jahr hatten wir bei unseren Streifzügen über das Festgelände ein Striptease-Zelt entdeckt und waren der Meinung, mit vierzehn Jahren sei es nun an der Zeit, eine solche Vorführung zu besuchen. Am Kassenhäuschen saß eine Frau etwa im Alter unserer Oma (die war damals 78), die uns fragte „Seid ihr denn schon achtzehn?“, woraufhin wir antworteten „na, ja, fast“ und sie uns mit einer durchwinkenden Handbewegung rein ließ. Drinnen befand sich eine Handvoll Männer mittleren Alters; einer fragte „seit wann ist denn hier Kindervorstellung?“ Die Show, wenn man das Busengewackel so nennen will, entsprach dann sowohl dem (niedrigen) Preis als auch den eher etwas schäbigen Örtlichkeiten, wobei die „Tänzerin“ nicht ganz so alt wie die Kassiererin war. Unserer Oma haben wir von dieser Art der Geldausgabe nichts erzählt.
Ein weiteres Ereignis aus dem Jahr 1966 ist mir im Gedächtnis haften geblieben. Meine Schwester und Roland hatten sich kurz zuvor verlobt. Das junge Paar war zusammen mit meinen Eltern und mir von Oma zu einem ihrer gefürchteten Dia-Abende eingeladen. Bei einem derartigen Abend gab es die Gelegenheit, die Berge von Omas letzter Reise nach Meran - von jeder Seite und zu jeder Tageszeit mehrfach fotografiert - ausgiebig zu bewundern. Meine Mutter schlief bei diesen Gelegenheiten immer ein. Ingrid und Roland waren auch nicht wirklich auf die - mitunter über- oder unterbelichteten - Dias konzentriert, was Oma bemerkte und die beiden mit den Worten „hier wird jetzt nicht geküsst, hier werden Dias angesehen“ anherrschte.
Im Sommer 1967 verreisten mein Vater, Oma und ich gemeinsam nach Lunz am See in Österreich. Meine Mutter war froh, dass sie nicht mitfahren musste; sie fand verreisen doof, zumal mein Vater aus ihrer Sicht zu primitive Quartiere bevorzugte und im Urlaub immer „alles herrlich“ fand. Die damals 79-jährige Oma, mein Vater und ich spielten im Urlaub manchmal Skat; dabei zogen wir sie manchmal ziemlich über den Tisch, und das gefiel ihr nicht so recht. Es gab aber noch wichtigere Begebenheiten als Skat. Einmal verbrachte Oma eine schlaflose Nacht, weil sie intensiv darüber nachdachte, ob sie es riskieren sollte, mit einem Sessellift zu fahren. Übermüdet, aber mutig wollte sie sich dieser Gefahr aussetzen. Ich habe keine Ahnung mehr, von wo nach wo dieser Lift führte; ich weiß aber noch, dass es ein Sessellift mit nur jeweils einem Sitz war (später habe ich einen derartigen Lift nur noch an der Marmolada in den Dolomiten kennengelernt). Ich bestieg also den ersten Sessel, Oma wurde mithilfe des Liftangestellten in den zweiten Sessel gewuchtet und mein Vater fuhr als Letzter. Erst ging alles gut, aber dann stoppte der Lift plötzlich. Ich hielt in der Nähe eines Stützpfeilers an, mein Vater in der Nähe des nächsten Pfeilers; Oma aber befand sich über einem ziemlich tiefen Abgrund mitten zwischen zwei Pfeilern und ihr Sessel wippte durch den plötzlichen Stopp mehrere Meter auf und ab. Sie schrie „Ulrich, was ist los? Ich ängstige mich!“ Mein Vater rief daraufhin beruhigend „Oma, Du brauchst Dir keine Gedanken zu machen! Es ist alles in Ordnung und es geht gleich weiter!“ Ich fand die ganze Angelegenheit ziemlich amüsant. Tatsächlich ging die Fahrt bald weiter und auch Oma hat sie gut überstanden. Sie konnte von ihrer „Heldentat“ auch auf den Ansichtskarten an ihre Freundinnen berichten, deren Wortlaut ansonsten in etwa wie folgt lautete: „Liebe Claire, viele Urlaubsgrüße aus Lunz am See. Meine beiden Männer machen täglich große Wanderungen, aber ich gehe auch noch recht gut. Herzlichst, Deine Käthe“. Oma lobte sich ganz gerne selbst. Insgesamt war es eine nette Reise, die letzte, die ich gemeinsam mit meinem Vater und meiner Oma machen konnte.
Am 10. Dezember 1967 feierten wir den 80. und zugleich letzten Geburtstag meiner Oma - sie starb im Sommer 1968 - bei ihr in dem Haus in der Buggestraße, wie üblich mit vielen Gästen. Dieser Abend war insofern für mich eine Premiere, als ich mit 15 Jahren meinen ersten und zugleich extrem heftigen Rausch hatte. Uwe und ich hatten uns eine Flasche „Schwarzer Kater“, das ist ein süßklebriger Kirschlikör, gegriffen. Entweder habe ich mehr davon getrunken oder Uwe hat dieses Getränk besser vertragen. Jedenfalls argwöhnte mein Vater nach einiger Zeit, dass ich womöglich nicht mehr so ganz Herr meiner Sinne sei. Um dies zu testen, forderte er mich auf, einigen im Wintergarten sitzenden Gästen Kaffee einzuschenken, was ich wohl nur noch so halbwegs hinbekommen habe. Um mir eine Blamage vor den Gästen - überwiegend Damen im gesetzten Alter - zu ersparen, bedeutete mein Vater meiner Schwester und meinem Schwager, mich aus dem Wintergarten weg und an einen geschützten Ort zu führen, was sie auch taten. Von diesem Augenblick an lässt mich mein Gedächtnis für mehrere Stunden im Stich, ich hatte einen totalen Filmriss, aber Ingrid und Roland haben mir alles mehrfach haarklein erzählt. Sie zerrten mich zunächst, mich rechts und links unterhakend, in die untere Diele. Als sie mich dort kurz losließen, bin ich auf der Stelle zusammengesackt und zu Boden gegangen. Sie hievten mich wieder hoch und schleppten mich die Treppe nach oben in Omas Schlafzimmer, wo sie mich am dort befindlichen Doppelwaschbecken auf einem Stuhl absetzten; nach ihrer Schilderung - und die wird wohl stimmen - habe ich mich dort in das Waschbecken hinein übergeben und bin dann, einen Arm im Waschbecken nebst Inhalt abgelegt, eingeschlafen. Ob ich dann später in ein Bett gelegt wurde und dort weitergeschlafen habe, weiß ich nicht. Jedenfalls ging es mir am nächsten Morgen, einem Montag, so schlecht, dass ich nicht in die Schule gehen konnte. Meine Eltern schrieben mir einen Entschuldigungszettel folgenden Inhalts: „Helmut konnte am Montag die Schule nicht besuchen, weil er sich den Magen verdorben hatte.“ Auf die Frage meiner Lehrerin, ob ich zu viel gegessen habe, meinte ich „na, gegessen eher nicht!“. So blau bin ich später nie wieder gewesen.
Die Zeit in der schönen Maisonette-Wohnung in der Niklasstraße war nach rund 17 Jahren beendet. Nachdem meine Schwester ja schon ziemlich lange aus dem Haus war (ich glaube, seit 1965), nachdem mein Vater 1969 verstorben war und ich mit Beginn der Referendarzeit 1976 auch nicht mehr zu Hause wohnte, zog meine Mutter im Februar 1977 im Tausch mit einer anderen Familie (den von der „Baaschen“ so genannten „Deutschleuten“ - sie hießen Deutschmann) in eine Drei-Zimmer-Neubauwohnung direkt gegenüber in die Niklasstraße 71. Finanziell lohnte sich der Tausch für sie kaum, denn sie musste eine nicht unerhebliche (Juristendeutsch!) „Fehlbelegungsabgabe“ zahlen; aber die kleinere Wohnung machte weniger Arbeit.
Schon ab unserem Umzug in die Niklasstraße 68 im Frühjahr 1960 musste ich eine längere Anfahrt zu der damals von mir besuchten Grundschule am U-Bahnhof „Dahlem Dorf“ in Kauf nehmen. Meine Eltern, wohl hauptsächlich oder ausschließlich mein Vater, hielten eine Umschulung für untunlich. So fuhr ich also an sechs Tagen in der Woche (wir hatten auch Sonnabend Schule) erst mit dem Bus A 3 bis zum U-Bahnhof „Krumme Lanke“, dann weiter mit der U-Bahn bis „Dahlem Dorf“. Bis zu ihrem Abitur im Frühjahr 1964 ging ich oft zusammen mit meiner Schwester morgens zur Bushaltestelle, denn sie hatte einen weitgehend identischen Schulweg bis zur Gertraudenschule. An der Bushaltestelle in der Spanischen Allee standen jeden Tag dieselben Leute; man kannte sich vom Sehen, aber nicht namentlich. Eines Tages sagte ich dort zu meiner Schwester, die mit einer der damals modernen hellbraunen Lastexhosen (mit Steg unter den Füßen) bekleidet war, so laut, dass es alle Wartenden hören konnten: „Ach, du hast ja wieder deine SA-Hose an!“ Ich konnte gar nicht verstehen, dass Ingrid rot wurde und ihr meine Äußerung offensichtlich peinlich war. Dass die häufig drastische Ausdrucksweise meiner Mutter - darauf werde ich später noch ausführlich zu sprechen kommen - mitunter für die Öffentlichkeit nicht ganz so geeignet war, war mir als einem damals vielleicht neunjährigen Jungen noch nicht klar.
Die westlichen Alliierten hatten nach 1945 in Berlin (West) eine sechsjährige Grundschulzeit eingeführt, während in Westdeutschland weiterhin eine nur vierjährige Grundschulzeit galt.
Hintergrund für die Entscheidung der Alliierten war möglicherweise die Auffassung, durch eine längere gemeinsame Schulzeit aller Schüler einem elitären Denken vorzubeugen und damit die Demokratiefreudigkeit der Berliner Jugend zu fördern. Es gab in Berlin (West) nur vier Oberschulen, die weiterhin mit der fünften Klasse (der „Sexta“) begannen, allesamt altsprachliche Gymnasien. Eines dieser Gymnasien war das Goethe-Gymnasium in der Gasteiner Straße in Wilmersdorf, vormals das Bismarck-Gymnasium, das mein Vater besucht hatte. Mein Vater war nun der Auffassung, dass es für einen gebildeten Menschen (ich muss präzisieren: für einen gebildeten Mann, denn meiner Schwester blieb dieser Kelch erspart) unabdingbar sei, Latein und Altgriechisch zu beherrschen; außerdem seien zwei weitere Jahre auf der Grundschule eine vertrödelte Zeit. Also meldete er mich zum Beginn des Schuljahres 1962/1963 auf dem Goethe-Gymnasium an. Mich hat er vor dieser Entscheidung nicht gefragt, ich hätte im Übrigen mit 10 Jahren dazu auch gar keine Meinung gehabt. Ausnahmsweise hat sich mein Vater auch gegenüber den hinsichtlich dieser elitären Schule geäußerten Bedenken seiner eigenen Mutter (auf die er sonst eigentlich immer gehört hat) durchgesetzt. Also verlängerte sich mein Schulweg von nun an noch einmal beträchtlich, denn ich musste jetzt jeden Tag mit der U-Bahn bis zum Fehrbelliner Platz fahren und von dort noch mal ca. 10 min zu Fuß gehen. Das waren an jedem Tag insgesamt für Hin- und Rückweg bei guter Verbindung fast zwei Stunden; ich habe es unterlassen, auszurechnen, wie viele Tage oder sogar Wochen ich in den neun Jahren meines dortigen Schulbesuches (sitzengeblieben bin ich nicht!) im Bus und der U-Bahn verbracht habe.
In der fünften Klasse waren wir zunächst deutlich mehr als dreißig Schüler, die weit verstreut wohnten und aus dem gesamten Stadtgebiet kamen, Rudow war ebenso vertreten wie Tegel, ich hatte also beileibe nicht den weitesten Weg. In den neun Jahren bis zum Abitur wurde erbarmungslos ausgesiebt; von den mehr als dreißig Schülern in der 5. Klasse waren bis zum Abitur neun übrig geblieben, angereichert durch drei Sitzenbleiber und einen Neuzugang. Kinder aus einfacheren Schichten waren nicht mehr vertreten, nur noch der Nachwuchs des Bildungsbürgertums. Sich mit Schulfreunden nachmittags zu treffen, bedeutete wegen der weiten Entfernungen auch wieder eine zeitraubende Fahrerei. Bei Robert haben wir das anders gemacht; er besuchte die Tews-Schule und ab der siebenten Klasse das Siemens-Gymnasium und damit Schulen, die von unserer Behausung in der Niklasstraße bzw. dem Ilsensteinweg in sieben Minuten zu Fuß und in drei Minuten mit dem Fahrrad erreichbar waren.
Von der fünften bis einschließlich zur zehnten Klasse war unsere Klassenlehrerin Frau Huhn, bald genannt „die Henne“, eine kinderlos verheiratete Frau von geschätzt Mitte vierzig (mir als einem zunächst zehnjährigen Jungen kam sie alt vor). Wir hatten bei ihr in diesen sechs Jahren Latein und ab der achten Klasse bis zum Abitur Alt-Griechisch, also die beiden einzigen Fächer, die an dieser Schule wirklich relevant waren. Die „Henne“ war starke Raucherin, bekam ab und zu Hustenanfälle, musste dann auf den Flur laufen und einen Schluck Wasser trinken, behalf sich ansonsten mit „Rachengold“. Mitunter bekam sie Wutanfälle, wenn eine Klassenarbeit schlechter als von ihr erwartet ausgefallen war. Sie knallte dann die mit roten Umschlägen versehenen Klassenarbeitshefte aufs Katheder und schrie „Es ist doch ein Skandal, diese penetrante Faulheit!“. Vor Ärger verrutschte ihr der Träger ihres BH, den sie dann durch einen kunstvollen Griff wieder an die richtige Stelle rücken musste. Wir alle hatten mehr oder weniger Angst vor ihr. Obwohl ich bis etwa zur achten oder neunten Klasse ein wirklich guter Schüler war und in dieser Zeit oft das beste Zeugnis der Klasse hatte (das änderte sich später), habe ich noch lange nach der Schulzeit häufiger von dieser pädagogisch besonders begabten Lehrerin geträumt, angenehme Träume waren das nicht.
Einer meiner Schulfreunde in dieser Zeit war Stefan Sennewald. Sein Vater war Arzt, die Familie lebte in der Helmstedter Straße in Wilmersdorf. Stefan, genannt „Senne“, hatte drei Schwestern. Ich war mit ihm über die Schulzeit hinaus befreundet, wir haben einige schöne Reisen zusammen gemacht. Etwa ab meiner Eheschließung im Jahre 1982 ist die Verbindung eingeschlafen und schon seit Jahrzehnten habe ich nichts mehr von ihm gehört. Stefan war in jungen Jahren ein bisschen verpennt oder auch trottelig. Ein Lehrer äußerte einmal über ihn „Stefanchen, du hoffnungsloses Dusselchen“. Ich weiß nicht mehr, wann es war, vielleicht in der siebenten oder achten Klasse. Wir hatten im Geschichtsunterricht das Mittelalter (interessant war, dass das „dritte Reich“ in meiner gesamten Schulzeit völlig ausgeklammert blieb; vielleicht waren die Lehrer noch zu dicht dran an diesen zwölf Jahren). Ausführlich wurden uns die im „Heiligen römischen Reich deutscher Nation“ gebräuchlichen rechtlichen Sanktionen auf tatsächlich begangene oder vermeintliche schwere Straftaten oder auch auf politisch unliebsames Verhalten dargelegt. Der Kaiser konnte die „Reichsacht“ aussprechen, der Geächtete ging aller Rechte verlustig und war „vogelfrei“. Ein oder zwei Unterrichtsstunden später war zu Beginn eine Wiederholung des Stoffes im Wege mündlicher Abfrage angesagt; der Lehrer fragte auch nach dem Begriff dieser scharfen Sanktion. „Senne“ kam dran und war völlig ahnungslos. Ich saß schräge hinter ihm und wollte seinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen; ich war der Meinung, dann würde er sich wieder erinnern.
Also flüsterte ich ihm zu „Reichssieben“. Stefan griff die Hilfe dankbar auf und verkündete im Brustton der Überzeugung „Das war die Reichssieben!“: Die Klasse lachte sich tot, Senne wusste überhaupt nicht, warum. Gesa, der ich diese Geschichte Jahre später erzählt hatte, war der Meinung, das sei gemein von mir gewesen; ich fand das eigentlich witzig. Stefan mag das so wie Gesa gesehen haben. Aus ihm ist im Übrigen durchaus etwas geworden. Er hat - mit einer Ehrenrunde - das Abitur gemacht, hat Geologie studiert, den Doktortitel erworben und war beruflich ganz erfolgreich.
