Oberst Siegfried Wagner - Helmut Schweckendieck - E-Book

Oberst Siegfried Wagner E-Book

Helmut Schweckendieck

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Beschreibung

Siegfried Wagner, geboren 1881 in Westpreußen, entschied sich frühzeitig für eine militärische Laufbahn. Im ersten Weltkrieg diente er als Offizier im Generalstab. Nach dem Krieg war er bis 1928 in Danzig Oberzoll- und Grenzkommissar; ferner organisierte und befehligte er die dortige Einwohnerwehr. 1928 zog er nach Potsdam um und trat dem "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten" bei. Ab 1930 war er als Bundeskanzler des Stahlhelm der dritte Mann neben den beiden Bundesführern. Am 26. April 1933 wurde er seines Amtes enthoben. Im Laufe des Jahres 1934 trat Siegfried Wagner in die Wehrmacht ein. Im Februar 1941 wurde er zum Oberst befördert. Wagner, der schon vor 1933 Hitler und dessen Politik ablehnte, gehörte dem Kreis der Verschwörer um Stauffenberg an. Am 22. Juli 1944 sollte er in seiner Wohnung in Potsdam verhaftet werden. Er versuchte, sich der Festnahme durch einen in Suizidabsicht vorgenommenen Sprung aus dem Fenster zu entziehen. Schwer verletzt wurde er von der Gestapo in das KZ Sachsenhausen gebracht, wo er nach pausenlosen Verhören und ohne adäquate medizinische Versorgung am 26. Juli 1944 verstarb.

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Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Danksagung

An erster Stelle bedanke ich mich bei Klaus Zehe, dem 1934 in Ostpreußen geborenen ältesten Enkel Siegfried Wagners. Klaus hat sich sehr für Familiengeschichte interessiert und eine umfangreiche und systematische Materialsammlung über das Leben und Wirken seines im Widerstand gegen Hitler aktiv gewesenen Großvaters angelegt. Diese Sammlung hat sein Sohn Alexander nach dem Tod seines Vaters im September 2020 übernommen und sie mir dankenswerterweise im Frühjahr 2023 auf meine Bitte hin zur Verfügung gestellt.

Mein Dank gilt auch den Geschwistern meiner bereits im Sommer 2015 verstorbenen Ehefrau Gesa-Mariette, der jüngsten Enkeltochter von Siegfried Wagner; sowohl meiner Schwägerin Verena Vollmer als auch meinem Schwager Hans-Peter Mildebrath habe ich ergänzende Informationen über ihren Großvater und insbesondere über ihre Großmutter, die Witwe Siegfried Wagners, zu verdanken.

Schließlich gilt mein Dank meiner Lebensgefährtin Gisela Hampel, die mir bei der Gestaltung des Buches mit Fotos sehr behilflich war; außerdem hat sie wiederum sorgfältig-kritisch Korrektur gelesen.

Vorwort

Als ich meine spätere Ehefrau Gesa-Mariette Anfang Dezember 1978 kennenlernte und sich dann im Laufe der nächsten Monate eine engere Beziehung zwischen uns entwickelte, erzählte sie mir relativ bald von ihrem Großvater Siegfried Wagner. Ich merkte schnell, dass der Großvater für Gesa eine große Bedeutung hatte, obwohl sie ihn ob ihrer Geburt im Jahre 1952 nicht hatte persönlich kennenlernen können. Denn er war als Oberst der Wehrmacht in die Umsturzpläne der Männer um Stauffenberg eingebunden und sollte kurz nach dem 20. Juli 1944 von der Gestapo in seiner Wohnung in Potsdam verhaftet werden. Er versuchte, sich der Verhaftung durch einen in Suizidabsicht erfolgten Sprung aus dem Fenster zu entziehen, und wurde schwer verletzt in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo er nach pausenlosen Verhören und ohne adäquate medizinische Versorgung wenige Tage später verstarb. Dies alles erfuhr ich nach und nach aus den Erzählungen meiner späteren Ehefrau. Zwar war ich auch schon zuvor an Zeitgeschichte interessiert, aber einen direkten Bezug zu Personen des Widerstandes hatte ich nicht. Dies änderte sich nun mit dem Wachsen der Beziehung zu meiner Frau. Wir besuchten regelmäßig die Gedenkveranstaltungen zum 20. Juli im Bendlerblock in der Stauffenbergstraße und in der Gedenkstätte Plötzensee, ebenso die jährlichen Zusammenkünfte der Angehörigen am Vorabend des 20. Juli, zunächst im Rathaus Schöneberg, nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 dann im Roten Rathaus. Auf diese Weise lernte ich einige der Nachfahren der Verschwörer von damals kennen. Auch zu Gruppierungen aus anderen Bereichen des Widerstandes wurden über die „Stiftung 20. Juli 1944“ Verbindungen geknüpft, so zum „Kreisauer Kreis“. Auf einer Tagung im November 2001 auf dem ehemaligen Gut Kreisau im heutigen Polen lernte ich die seinerzeit schon 90-jährige Freya von Moltke kennen, die Witwe des am 23. Januar 1945 in Plötzensee hingerichteten Gründers des „Kreisauer Kreises“ Helmuth James Graf von Moltke; sie war trotz ihres Alters eine modern, ja geradezu jugendlich wirkende Frau mit einer ungemein beeindruckenden Persönlichkeit.

Im Laufe der Zeit reifte in meiner Frau der Entschluss heran, über ihren Großvater ein Buch zu schreiben, weil Einzelheiten seines Lebens und Details seiner Rolle im Widerstand gegen Hitler relativ wenig bekannt waren. Diesen Entschluss in die Tat umzusetzen war meiner Frau nicht mehr vergönnt. Sie starb im Sommer 2015. Es vergingen mehrere Jahre, bis sich in mir der Gedanke entwickelte, dieses Vorhaben meiner Frau – gleichsam als ihr Vermächtnis – zu verwirklichen. Als diese Überlegungen konkreter wurden und ich mich mit der Thematik etwas intensiver beschäftigte, stellte ich fest, dass es durchaus schwierig war, insoweit an fundierte Informationen zu gelangen. Allgemein zugängliche Quellen in der Fachliteratur und im Internet waren nur begrenzt ergiebig. Zeugen, die Siegfried Wagner noch persönlich kennengelernt hatten und sich auch an ihn erinnern konnten, gab es nicht mehr. Sehr hilfreich für mein Vorhaben war der Umstand, dass der Vater von Siegfried Wagner, der Justizrat Franz Wagner, ausführliche Lebenserinnerungen verfasst hatte. Diese in vier Heften handschriftlich und in für uns Nachgeborene nur schwer lesbarer Sütterlinschrift verfassten Berichte hat Klaus Zehe, der bereits in der Danksagung erwähnte 1934 geborene älteste Enkel Siegfried Wagners und zugleich der älteste Cousin meiner Ehefrau, in mühevoller Arbeit in lateinische Druckschrift „übersetzt“, drucken und in zwei Bänden binden lassen. Dafür bin ich Klaus, der seinen Großvater noch intensiv kennenlernen durfte, sehr dankbar, auch dafür, dass wir im Mai 2005 auf einer gemeinsamen Fahrt nach Ost- und Westpreußen einige der für die Geschichte der Familie Wagner bedeutsamen Orte kennenlernen konnten. Insbesondere aber die von Klaus zusammengetragene umfangreiche Materialsammlung über seinen Großvater war die entscheidende Hilfe für mein Vorhaben; ohne diese Sammlung hätte ich das vorliegende Buch nicht schreiben können.

Neben der Auswertung der ergänzenden Informationen, die ich aus Erzählungen der beiden älteren Geschwister meiner Frau über ihre Großeltern erhielt, versuchte ich auch, mich an Berichte meiner Ehefrau über den Großvater und über ihre im November 1963 verstorbene Großmutter Carla-Luise zu erinnern.

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, mit dem vorliegenden Buch das Leben von Siegfried Wagner einigermaßen vollständig nachzuzeichnen. Es handelt sich bei meinen Ausführungen weder um ein Geschichtsbuch noch um ein wissenschaftliches Werk im eigentlichen Sinne. Gleichwohl habe ich mich bemüht, die historischen Fakten zutreffend wiederzugeben; auch habe ich, soweit ich in Zitaten oder sonst Anleihen bei anderen Autoren genommen habe, auf die jeweiligen Fundstellen hingewiesen. Wichtig war es mir, den Versuch zu unternehmen, die wechselvolle Lebensgeschichte dieses mutigen Mannes aus persönlichfamiliärer Sicht darzustellen.

Angesichts der Tatsache, dass er in der finstersten Zeit der deutschen Geschichte zu den wenigen Menschen gehörte, die sich dem Terror- und Mordregime der Nationalsozialisten entgegenstemmten, und er diesen Einsatz mit seinem Leben bezahlte, verdient er es, dass wir uns seiner erinnern.

Inhaltsverzeichnis

Kindheit und Jugend

Ehe und Familie

Offizier im ersten Weltkrieg

Die Zeit in Danzig

Beim Stahlhelm-Bund

Der Deutsche Ostmarken-Verein

Als Wehrmachtsoffizier im Widerstand

Tod im KZ Sachsenhausen

Nach dem Scheitern

Schlussbetrachtung

I

Kindheit und Jugend

Graudenz an der Weichsel (heute Grudziadz) blickt – wie so viele Städte, Orte und Dörfer im ehemals deutschen Osten – auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Erste Siedlungsspuren stammen aus dem 10. Jahrhundert; die Pruzzen, ein baltischer Volksstamm, hatten in der dortigen Gegend einen befestigten Ort errichtet. Rund 250 Jahre später, nämlich durch einen Vertrag von 1230, trat Konrad von Masowien, der diesen Landstrich zur fraglichen Zeit beherrschte, das Kulmer Land mitsamt der Stadt Graudenz an den Deutschen Orden ab. Graudenz entwickelte sich im 14. Jahrhundert zu einem Zentrum des Getreidehandels, wurde 1466 der Schutzherrschaft der Krone Polens unterstellt und später Sitz des Landtages von Polnisch-Preußen. Im zweiten nordischen Krieg wurde die Stadt 1655 von den Schweden eingenommen und 1659 von polnischen Truppen zurückerobert. Dabei wurde die Stadt weitestgehend zerstört, später im „Graudenzer Barock“ prächtig wieder aufgebaut. Durch die erste polnische Teilung kam Graudenz 1772 unter Friedrich dem Großen zum Königreich Preußen; die Stadt war nun Teil der Provinz Westpreußen. Nach dem Bau von Eisenbahnlinien und einer Brücke über die Weichsel entwickelte sich Graudenz zu einem prosperierenden Industriestandort. Im Jahre 1900 wurde sie, rund 35.000 Einwohner zählend, kreisfreie Stadt; sie war Sitz sowohl eines Amtsgerichts wie auch eines Landgerichts. Bis einschließlich 1919 gehörte Graudenz zum Deutschen Reich. Aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages musste Graudenz im Januar 1920 bei einem deutschen Bevölkerungsanteil von rund 84 % wegen der Errichtung des Polnischen Korridors an Polen abgetreten werden. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen 1939 kam der polnische Korridor wieder zum Deutschen Reich. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges wurde Graudenz von der Roten Armee eingekesselt und von der Wehrmacht zur Festung erklärt. Am 6. März 1945 erfolgte die Kapitulation; die Stadt war zu mehr als 60 % zerstört. Nach dem Krieg wurde die Stadt wieder Teil Polens. Es erfolgte eine Zuwanderung durch polnische Bevölkerungsschichten, die zu einem Teil aus den nunmehr der Sowjetunion zugeschlagenen Gebieten Ostpolens stammten. Die deutschen Einwohner wurden, soweit sie nicht bereits geflohen war, größtenteils vertrieben. Heute hat die Stadt, die jetzt Grudziadz heißt, etwa 95.000 Einwohner. Auf unserer von Klaus Zehe organisierten gemeinsamen Reise in die „familiäre Vergangenheit“ im Mai 2005 nach Polen besuchten wir auch Graudenz; die malerische Lage am Weichselstrom gibt ihr etwas Besonderes.

In diesem Städtchen wurde Siegfried Julius Karl Wagner am 16. Februar 1881 geboren. Er war das erste Kind seiner Eltern Franz und Alice Wagner, die am 15. März 1880 geheiratet hatten. Franz Wagner war bei der Geburt seines Sohnes 30 Jahre alt und seit genau einem Jahr in Graudenz als Rechtsanwalt zugelassen. Im Jahre 1899 – kurze Zeit nach dem Umzug der Familie nach Berlin – wurde Franz Wagner mit dem Ehrentitel „Justizrat“ ausgezeichnet, der in den Bundesländern Saarland und Rheinland-Pfalz auch heute noch verdienten Rechtsanwälten verliehen wird. Seine fünf Jahre jüngere Frau Alice entstammte ebenfalls einer Juristenfamilie. Die jungen Eltern waren offensichtlich sehr stolz auf ihren ersten Sohn und verschickten so schnell eine Geburtsanzeige, dass sie darin noch nicht einmal den Namen ihres Erstgeborenen benennen konnten.

In den folgenden zwölf Jahren bekam das Ehepaar insgesamt acht Kinder, zunächst immer abwechselnd einen Jungen und ein Mädchen; diese Reihenfolge änderte sich erst beim letzten Kind, einem im Frühjahr 1892 geborenen Jungen. Dieses letzte Kind war von schwächlicher Konstitution. Einer Ansteckung mit Scharlach konnte er nicht genügend Widerstandskräfte entgegensetzen; so verstarb der jüngste Sohn Fritz bereits, bevor er seinen fünften Geburtstag erreicht hatte. Die Eltern haben nicht nur ihren jüngsten Sohn frühzeitig verloren. Sie hatten später weitere herbe Verluste zu tragen; ihre Söhne Franz und Eberhard sind beide im ersten Weltkrieg gefallen, Franz im Alter von 24 Jahren, Eberhard mit 28 Jahren. Die Eltern hatten zudem auch den relativ frühen Tod ihrer jüngsten Tochter Rose im Jahr 1927 zu beklagen. So haben nur vier von acht Kindern die Eltern überlebt.

Auf einem Foto aus unbeschwerten Tagen im Jahre 1895 ist die gesamte zehnköpfige Familie mit dem in der Bildmitte stehenden damals vierzehnjährigen Siegfried Wagner zu sehen.

Bemerkenswert ist der für die damalige Zeit durchaus ungewöhnliche liberale Erziehungsstil, den die Eheleute Franz und Alice Wagner an den Tag legten. In seinen Lebenserinnerungen äußert sich Franz Wagner dazu wie folgt:

„Bei der Erziehung sind wir davon ausgegangen, dass die Eltern … die Pflicht haben, sich die Liebe ihrer Kinder täglich zu erwerben . Gutes Beispiel ist die Hauptsache und die ganze Art, wie es im Haus zugeht, Friedlichkeit, Güte, Anstand und Heiterkeit, die im Hause wohnen, sind von nachhaltiger Wirkung für die Kinder. Wir vermieden es, zu befehlen und zu verbieten . “

Eine indirekte Beziehung hatten meine Frau und ich zu der Tochter Anneliese, natürlich ohne dieses etwa um 1886/87 geborene vierte Kind des Ehepaares Wagner jemals kennengelernt zu haben. Anneliese hatte den damals eher ungewöhnlichen Wunsch, Schauspielerin zu werden, und setzte diesen Wunsch gegenüber ihren diesbezüglich etwas skeptischen Eltern durch. Aus der Ehe mit einem Schauspielerkollegen gingen im Sommer 1915 die Zwillinge Peter und Eberhard hervor. Eberhard, genannt „Ebchen“, der nach dem zweiten Weltkrieg in die USA nach New York emigrierte, hat seine Cousine Ingeborg Mildebrath, die älteste Tochter von Siegfried Wagner und zugleich meine Schwiegermutter, von Zeit zu Zeit in ihrem Haus in Lichterfelde besucht; so habe ich ihn noch kennengelernt. Wir haben „Ebchen“ und seine Frau Christine auch einmal im New Yorker Stadtteil Queens besucht. Überdies steht eine schöne halbrunde Kommode, die meine Schwiegermutter vor Jahren ihrer Tante Anneliese abgekauft hatte und die nach dem Tod der Schwiegermutter in unseren Haushalt gelangt ist, bei mir im Ilsensteinweg im Wohnzimmer.

Das Ehepaar Wagner zog in Graudenz mehrfach um. Zunächst bewohnten sie nacheinander drei verschiedene Mietwohnungen. Als die Familie dann immer größer wurde, fassten die Eheleute den Entschluss, ein eigenes Haus zu bauen, gelegen am Stadtrand mit guter Bahnverbindung zum Gericht. In diesem nach heutigen Maßstäben durchaus repräsentativen Haus mit Garten verbrachte die Familie unbeschwerte Jahre.

Der älteste Sohn Siegfried, genannt Friedel, interessierte sich schon in frühen Jahren für das Militär. Im Garten spielte er gerne mit Zinnsoldaten, kämpfte gegen Riesen und kommandierte Bäume, die er zu Soldaten umfunktioniert hatte. Im Frühjahr 1898 entschloss sich der Vater, aus beruflichen Gründen aus dem beschaulichen Graudenz in die pulsierende Großstadt Berlin umzusiedeln. Den sieben Kindern fiel der Wechsel aus dem liebgewonnenen Haus mit Garten in die Beengtheit einer Berliner Mietwohnung schwer, zumal sie sich auch in Berlin mit einem aus heutiger Sicht nicht recht nachvollziehbaren häufigen Wechsel der Mietwohnungen abfinden mussten. Siegfried war zum Zeitpunkt des Umzuges 17 Jahre alt und besuchte die letzte oder vorletzte Klasse des Gymnasiums (Franz Wagner spricht in seinen Erinnerungen von dem erlangten „Primanerzeugnis“). Sein Entschluss, eine Offizierslaufbahn anzutreten, stand fest. Vater und Sohn überlegten nun, ob es ratsam sei, dass Siegfried noch das Abitur machen sollte, zumal er ein guter Schüler war. Den beiden wurde geraten, es sei für Siegfried angezeigt, ohne Abitur möglichst unverzüglich die militärische Laufbahn anzutreten, da anderenfalls wegen der Zeitverzögerung durch den weiteren Schulbesuch die Kameraden immer schon in jüngeren Jahren die Chance hätten, auf der Karriereleiter weiter nach oben zu klettern. Also verließ Siegfried die Schule ohne Abitur, besuchte einige Monate in Berlin die Fähnrichschule und machte dort ein sehr gutes Examen. Danach zog es ihn zurück nach Graudenz und er trat am 3. Januar 1899 – noch nicht ganz 18 Jahre alt – als Fahnenjunker in das Infanterieregiment 141 ein. Die Zeit der Jugend war vorbei.

II

Ehe und Familie

Seine militärische Laufbahn hat Siegfried Wagner indirekt dazu verholfen, seine spätere Ehefrau kennenzulernen. Zunächst wurde er zwei Jahre an der Unteroffiziersschule Weißenfels in Sachsen-Anhalt ausgebildet, später besuchte er drei Jahre die Kriegsakademie, vermutlich die in Berlin angesiedelte preußische Kriegsakademie, die die Ausbildung von Generalstabsoffizieren zum Ziel hatte. Während dieser Zeit lernte er die Schwester eines Kameraden kennen, Carla-Luise Kühns, geboren am 11. Februar 1880 in Hannover, die Tochter eines Zahnarztes. Carlas Mutter stammte aus der französischen Schweiz, französisch war für sie wie eine zweite Muttersprache. Später ließ sie sich daher von ihren Enkeln auch nicht „Großmutter“ sondern „grand-mere“ nennen. Am 24. Februar 1906 – Siegfried war 25 Jahre und 8 Tage alt, seine Braut 26 Jahre und 13 Tage – heirateten die beiden in Hannover.

Gut zehn Monate später, am 29. Dezember 1906, wurde Ingeborg Helene, ihre erste Tochter, in Graudenz, wo der Vater als Soldat Dienst tat, geboren. Ingeborg, bald von allen ihr nahestehenden Personen nur „Inge“ oder auch „Ingchen“ genannt, wurde 75 Jahre später meine von mir sehr geschätzte Schwiegermutter. Im Oktober 1924 besuchte Siegfried mit seiner damals noch nicht 18-jährigen ältesten Tochter seine Eltern, die damals in dem heute zu Polen gehörenden Crossen an der Oder wohnten (es fällt auf, dass die Eltern von Siegfried Wagner extrem oft umgezogen sind; ob das auf eine gewisse Unstetigkeit zurückzuführen oder äußeren Zwängen geschuldet ist, entzieht