Gute und schlechte Tage - Elke Schleidt - E-Book

Gute und schlechte Tage E-Book

Elke Schleidt

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Beschreibung

Dieses Buch ist unserem lieben Vater gewidmet, der wunderbar Geschichten aus seinem Leben erzählen konnte. Hiermit zog er alle in seinen Bann. Auch als Kinder konnten wir schon nicht genug davon hören. Und immer, wenn er sagte, dass er uns schon alles erzählt habe, forderten wir ihn auf, eben alles nochmal zu erzählen. Waren es zu unserer Kinderzeit eher Geschichten über Streiche, die er und seine Freunde anderen spielten, wurden die Themen mit zunehmendem Alter immer ernster. Und erst wenige Jahre vor seinem Tod mit fast 96 Jahren begann er, über die Kriegsgräuel zu sprechen, über die Judenverfolgung, die auch viele seiner Freunde und Nachbarn traf, über die kurze Zeit seiner Gefangenschaft und der daraus folgenden Flucht.

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Vorwort

Kinderstreiche

Fensterklirren

Streichholz in der Klingel

Ringelschwänzchen

Hänsel und Gretel

Schuhabstreifer

Walter

Tante Rikchen

Fußball

Gesang

Judenbatschen

Heringe

Juden als Nachbarn

Onkel Kurt

Fahrraddieb

Zwangsarbeiter

Anton

Anton und die Socken

Heimkehr der Zwangsarbeiter

Heini

Die Lehrzeit

Das Soldatenleben

In den Vogesen

Aufbruch in die Ardennen

An der Ostfront

Gefangenschaft

Flucht

Heimkehr

Willi

Entbehrung

Speisung der Heimkehrer

Erinnerung

Knockout

Neuanfang

Radio

Motorrad

Verdacht

Anni

Umzug

Nachwuchs

Verlorene Freiheit

Nachwort

Vorwort

Dieses Buch ist unserem lieben Vater gewidmet, der wunderbar Geschichten aus seinem Leben erzählen konnte. Hiermit zog er alle in seinen Bann. Auch als Kinder konnten wir schon nicht genug davon hören. Und immer, wenn er sagte, dass er uns schon alles erzählt habe, forderten wir ihn auf, eben alles nochmal zu erzählen.

Waren es zu unserer Kinderzeit eher Geschichten über Streiche, die er und seine Freunde anderen spielten, wurden die Themen mit zunehmendem Alter immer ernster. Und erst wenige Jahre vor seinem Tod mit fast 96 Jahren begann er, über die Kriegsgräuel zu sprechen, über die Judenverfolgung, die auch viele seiner Freunde und Nachbarn traf, über die kurze Zeit seiner Gefangenschaft und der daraus folgenden Flucht. Obwohl unser Vater von der Haptik her eher klein und unscheinbar war, behielten ihn viele Menschen gerade wegen seiner großen Gabe des spannenden Erzählens in Erinnerung.

Ich schreibe diese Geschichten auf, so wie sie mir im Gedächtnis blieben. Nicht immer kann ich mich genau an Namen oder Orte erinnern – vielleicht hat er sie selbst auch nicht immer erwähnt oder noch gewusst. Aber diese wunderbaren Erzählungen sollen nicht vergessen werden. Sie sind auch ein Teil Zeitgeschichte.

Zur Erinnerung an Hans Jörges, der ein wunderbarer Mensch, ein treuer Ehemann und der beste Vater war, den wir uns wünschen konnten.

Kinderstreiche

Geboren in Tann, einem kleinen Städtchen in der Rhön, nahe der thüringischen Grenze, wohnte mein Vater mit seinen Eltern, zwei älteren Brüdern, einer jüngeren Schwester und einer ledigen Tante, einer Schwester des Vaters, auf einem kleinen Bauernhof. Die durch die Landschaft bedingte schwere Arbeit in der Landwirtschaft ernährte die Familie, brachte aber keine Reichtümer.

Zur damaligen Zeit, Anfang der 1930er Jahre, waren die Kinderstreiche noch harmlos und schadeten niemandem. Allenfalls gingen sie dem Objekt des Streiches auf die Nerven. Trotzdem durfte man sich nicht erwischen lassen. Meistens wurden solche Scherze direkt dem Lehrer gemeldet, der dann am folgenden Schultag seinen Rohrstock schwang. Hierüber durfte sich dann niemand zu Hause beschweren. Ansonsten hatte man von den Eltern auch nochmal eine Strafe zu erwarten.

In der wenigen Freizeit, die die Jungen hatten – die meisten mussten zu Hause nach der Schule in der Landwirtschaft helfen -, heckten sie irgendeinen Streich aus. Oft genug war der Lehrer, der auch Schulleiter war, selbst das Opfer, da Herr Kanther sich darüber furchtbar aufregen konnte.

Umso wichtiger war es, nicht von ihm erwischt oder von Nachbarn an ihn verraten zu werden.

Fensterklirren

Die Fenster in den meist aus Fachwerk bestehenden Häusern war zeitgemäß nur einfach verglast und mit Kitt in den Fensterrahmen befestigt. Da auch die Glasscheiben nicht besonders dick waren, waren sie sehr anfällig für Vibrationen.

So machte es den Jungen mächtig Spaß, einen dünnen Faden, den man der Mutter aus dem Nähkasten stibitzt hatte, mittels eines Reißnagels nahe der Fensterscheibe am Holzrahmen zu befestigen. Über diesen dann gespannten Faden wurde ein Kamm hin und her geführt, ähnlich einem Geigenspiel. Hierdurch entstand eine Vibration in der Fensterscheibe, die ein furchtbares Klirren hervorrief. Man konnte denken, sie würde jeden Moment bersten.

Dieses Geräusch rief dann das jeweilige Opfer – meist der Schulleiter – auf den Plan. Oftmals wurden diese Streiche in den Abendstunden durchgeführt. Da kam es nicht selten vor, dass Herr Kanther im Nachthemd mit einer Kerze in der Hand am offenen Fenster erschien, um die Lausbuben zu erwischen. In der Dunkelheit hatte er damit selten Erfolg. Die Knaben hatten sich längst hinter einer Ecke oder in einem dunklen Hauseingang versteckt, um das Ergebnis ihres Streiches zu begutachten. Nur manchmal war ein ersticktes Kichern zu hören, was den Lehrer noch mehr verärgerte.

Streichholz in der Klingel

In dem kleinen Städtchen wurden in der Vorkriegszeit so gut wie nie die Haustüren abgeschlossen. Jeder Besucher trat nach kurzem Anklopfen einfach ein und rief den Namen des jeweils gewünschten Gesprächspartners. Nur an wenigen Türen befand sich eine Klingel. Hier waren dann auch die Türen abgeschlossen. Dies betraf im Prinzip nur einige sensible Bereiche, wie z. B. Apotheker, Arzt, Bank, Post und Rathaus.

Somit war meist der Apotheker das Opfer, wenn es um Klingelstreiche ging. Die machten auch am späteren Abend, wenn der Apotheker bereits zu Bett gegangen war, am meisten Spaß. Einer der Jungen drückte den Klingelknopf, während ein zweiter schnell ein Streichholz zwischen Klingelknopf und Rahmen drückte, so dass der Klingelknopf nicht mehr zurückweichen konnte. Ein penetrantes Dauerklingeln rief dann den Apotheker auf den Plan. Die Jungen versteckten sich in der Dunkelheit, um zu beobachten, wie der arme Mann schlaftrunken aus dem Fenster sah, um zu erfahren, wer etwas von ihm wolle. Da er niemanden sehen konnte und er auch keine Antwort auf sein Rufen erhielt, musste er sich notgedrungen aus dem oberen Stockwerk zur Tür begeben, um das Streichholz wieder zu entfernen.

Dies war mit heftigem Fluchen über die Saubande begleitet, und die Jungen in den Ecken hatten ihre wahre Freude.

Spätestens dann, wenn er von einem Passanten bei seinem Treiben im Morgenrock gesehen und vielleicht auch noch schadenfroh angesprochen wurde, meldete der Apotheker die Boshaftigkeit der Jungen am nächsten Morgen beim Lehrer.

Natürlich bekannte sich niemand schuldig, so dass nicht selten die ganze Klasse hierfür hart bestraft wurde.

Ringelschwänzchen

Sobald irgendwo geschlachtet wurde, erschien ganz „zufällig“ der Pfarrer, um sich nach dem Befinden zu erkundigen. Er drückte sich dann so lange im Haus herum, bis er endlich ein Stück frisch Geschlachtetes oder eine gerade fertig gestellte Wurst überreicht bekam.

So auch, als meine Großeltern wieder mal ein Schwein schlachteten. Da sie noch nicht fertig waren, blieb der Pfarrer eine ganze Weile bei unserer Oma in der Küche stehen und sah zu, wie diese die Würste abkochte.

In der Zwischenzeit hatte mein Vater das Ringelschwänzchen entwendet und dem Pfarrer heimlich hinten an seinem Gehrock befestigt. So machte sich dieser mit einer frisch gekochten Wurst und einem Eimerchen Wurstsuppe, die er von unserer Oma erhalten hatte, freudestrahlend auf den Heimweg.

Mit dem Ringelschwänzchen am Gehrock ging er durch das ganze Städtchen, blieb mal hier, mal da bei jemandem stehen, um ein Schwätzchen zu halten, hauptsächlich aber, um zu erfahren, wo als nächstes geschlachtet werden würde.

Immer wenn er sich von jemandem verabschiedet hatte, brach ein Gelächter los. Die Kinder verkrochen sich in den Häuserecken und lachten sich schief bei dem Anblick des Pfarrers.