2,99 €
Das nächste Ziel der Titanicus führt unsere Helden direkt durch eine Weltraumschlacht – die Vollkatastrophe ist demnach vorprogrammiert. Um nicht dauerhaft zu einem Teil des Raumschifffriedhofs zu werden, bitten sie nach reiflicher Überlegung eine der Kriegsparteien um Hilfe. Tatsächlich bieten ihnen die Einheimischen neben einer vollständigen Reparatur des Schiffes auch einen traumhaften Empfang auf ihrem paradiesischen Planeten. Es gibt nur eine Bedingung: Kein einziges Haar – weder der Wollschal noch die blaue Lockenmähne – verlässt das Schiff. Aber alle müssen von Bord …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Kiki Blu
Kaffeesucht, Sex und ein Ticket ins All – haarprACHT © 2025 Daniela Rohr
1. Auflage September 2025
Alle Rechte vorbehalten
Autorin(nen): Kiki Blu (Daniela Rohr)
Kontakt: Daniela Rohr
Berlin
www.danielarohr.de
Korrektorat/Lektorat: Klara Bellis, Tobias Benda &
Marcel Röschert
Abschließendes Lektorat/Korrektorat: Anke Höhl-Kayser /
www.hoehl-kayser.de
Illustrationen:
»Nod«, »Glatzenselfie«, »Die Gärten«, »Gruppenselfie« &
»Überwachungsblume« von Daniela Rohr
Covergestaltung: Daniela Rohr / Skriptur-Design
www.skriptur-design.de
Titel
Impressum
Vorworte
Episode 8
Haarige Angelegenheit
Um Haaresbreite
Abgeschnitten
Zum Haareraufen
Glatzköpfe
Ganzkörper-Laserbehandlung
Haargenau beäugt
Frisierte Außenwirkung
Haarsträubende Lebensbedingungen
Bad Hair Day
Ganzkörperwaxing
Hairleuchtung
Nassgespritzt
Schnittblumen
Haarscharf kalkuliert
Vor-Hair – Nach-Hair
Haarspalterei
Die Nacht, der Schatten und die Finsternis
Nachworte
Buchempfehlung
(Die heißbegehrte Zusammenfassung aller vorherigen Episoden unter Zuhilfenahme einer beinahe unleserlichen Sternkarte)
Werte Leser/&*§+x=°?Innen,
dieses Buch ist der achte Teil einer elfteiligen Serie. Haben Sie bereits »fluggemEINSchaft«, »schwanZWEIn«, »runDREIse«, »selbstzerstörungsaktiVIERung«, »gölFÜNFäx«, »preisechsplosion« und »rauschzustandsvorlieben« gelesen? Nein? Dann empfehle ich Ihnen, das nachzuholen, bevor Sie dieses Buch hier weiterlesen. Denn die Episoden der Reihe bauen chronologisch aufeinander auf. Der übernächste Absatz besteht übrigens ausschließlich aus Spoilern der ersten sieben Teile, sodass Sie jetzt wirklich aufhören sollten, weiterzulesen, um sich den Rest zu kaufen – zumindest, wenn Sie die vorigen Episoden nicht kennen. Wenn Ihnen dieser Text bekannt vorkommen sollte, dann seien Sie gewiss: Sie bilden sich das nicht ein. Um mehr Zeit in das eigentliche Buch investieren zu können, habe ich schlichtweg alles, was für die Zusammenfassung wiederverwertbar war, aus Band sieben kopiert.
Sie kennen die ersten sieben Episoden, erinnern sich aber nur noch vage an die Geschehnisse? Damit Sie direkt den Anschluss an die bisherigen Ereignisse finden, folgt nun exklusiv für Sie ein kurzer Rückblick mit Anschauungsmaterial – oder wie es in Fernsehserien immer so schön heißt: Was bisher geschah …
Die kaffeesüchtige Kiki Blu (eine inzwischen arbeitslose Raumfahrttechnikerin und verzweifelte Singlefrau) und ihr synthetischer Freund Max Mustermann (ein Prostidruide mit Saftschubsenvergangenheit) sind seit nunmehr sieben Episoden mit dem schrottreifen Raumschiff Titanicus – gelenkt vom vierzehnjährigen Piloten Pieh Loth – durch die Galaxis gereist. Grund für ihre Reise war Kikis unvergesslicher One-Night-Stand mit dem Außerirdischen Graf Aggron, einem Anunnaki vom Planeten Vyrchterlig. Denn dieser hatte Kiki um ihren Vibrator erleichtert und war anschließend fast spurlos verschwunden. Zusätzlich hat er ihr noch eine Geschlechtskrankheit hinterlassen, wegen der sie in nächster Zeit auf Sex verzichten muss.
Wütend über den dreisten Diebstahl (von der Krankheit erfuhr sie erst später) kaufte Kiki sich ein billiges Flugticket nach Vyrchterlig, um ihr Eigentum zurückzuholen. Allerdings hoffte sie auch darauf, dass dieser unwiderstehliche Sexgott, der sich sogar als Berühmtheit mit dem Künstlernamen Vy-Xtreme entpuppte, sie nur beklaut hatte, um sie wiederzusehen. Doch das stellte sich in einer unfassbar peinlichen Begegnung mit der Nibiru und ihrer arroganten Crew als übler Trugschluss heraus, da Graf Aggron sich als das miese Arschloch zu erkennen gab, das er schon immer war: ein Dokumentarfilmregisseur, der aus stellaren Katastrophen schwer zu ertragende Filmevents macht.
Bei einem Zwischenstopp auf dem Planeten Uiopü (Episode 5) gebar Kiki während des planetenweit ausgestrahlten Rülpskonzertes versehentlich einen kleinen blauen Hybriden, den sie liebevoll »Schneckchen« nannte. Und nur Schneckchens herrlich duftenden Hinterlassenschaften war es zu verdanken, dass sie in Episode 6 ihr zuvor gestohlenes Raumschiff zurückbekamen. Denn mithilfe von Wirr Waaa (einem aus Viren bestehenden Alien) verpackten sie das Zeug hübsch, schossen ein paar Fotos und drehten einen Werbespot, in dem Kiki es als Haarwuchsmittel anpries. Anschließend zeigten sie diesen in der Werbepause von Aggrons Event, in dem der Planet Taribouäou (aus Episode 4) von einer Supernova zerstört wurde. Das »Haarwuchsmittel« verkaufte sich so gut, dass Kiki zur Multimilliardärin wurde.
Mit dem vielen Geld rettete sie einige Sklaven von Gigagol und füllte die leere Passagierkabine der Titanicus mit ihnen. Wirr gehörte von nun an auch zum Team und konnte den Planeten der Bankster verlassen. Nächster Halt: der Partyplanet Feterty.
Doch auf dem Weg dorthin mussten sie zuerst den Werbenebel durchqueren und ein Weltraummonster loswerden, das sich an der Titanicus verging.
Im Anschluss gönnten sich unsere Helden wohlverdient die größte Party des Universums, kauften Unmengen an Zeug, das sie nicht brauchten und feierten im berauschten Zustand, als gäbe es kein Morgen.
Ein großer Fehler, wie sich am Ende herausstellte. Denn nicht nur, dass Kiki ihr komplettes Vermögen an eine nicht tödliche Waffe verlor, sie blamierte sich zudem vor laufender Kamera, als sie im Vollrausch Graf Aggron begegnete, und wurde dadurch zum Gespött im gesamten Galaxynet.
Öffentlich gedemütigt, bankrott und von ihrem Ziel weiter entfernt als geglaubt, musste Kiki dann noch feststellen, dass die Zeitgeister (aus Episode 3) wieder an Bord waren, was nun wirklich kein gutes Zeichen sein konnte. Und zu allem Überfluss war es für ihren nächsten Stopp erforderlich, nun auch noch Kriegsgebiet zu durchqueren.
Soweit zu den bisherigen Geschehnissen. Auf der nächsten Seite finden Sie eine offizielle Sternkarte der Spazzzeline mit Reiseroute der Titanicus – und einer von Kiki erstellten anschaulichen Erweiterung der bislang tatsächlich geflogenen Route.
Nun wünsche ich Ihnen viel Spaß mit Episode 8!
Gibt es Dinge, für die ihr euer Leben geben würdet? Einen anderen Menschen, ein liebgewonnenes Accessoire oder einen Teil eures Körpers? Wenn jemand verlangen würde: Schneide dir beide Hände ab oder du stirbst – was würdet ihr machen?
Denn vor solch einer Entscheidung stehe ich gerade. Man verlangt von mir, meine Haare abzuschneiden – und zwar alle! Jedes einzelne Haar am Körper soll ich entfernen. Ich hab ja kein Problem damit, mir den weichen Flaum von den Unterarmen abzusäbeln, den man ohnehin kaum sieht. Von mir aus rasiere ich mir auch die Muschi. Aber beim Kopfhaar hört der Spaß auf: Wimpern, Augenbrauen und vor allem mein Haupthaar!
Meine volle Lockenmähne ist das Produkt von jahrzehntelangem Wuchs! Und das soll ich jetzt einfach so weg schnippeln, nur weil da draußen ein paar Aliens rumlaufen, die Haare nicht mögen?
Normalerweise könnte es mir am Arsch vorbeigehen, was diese Außerirdischen von Haaren halten. Aber scheinbar habe ich mich deren Willen zu beugen, denn natürlich hängt unser Überleben davon ab.
Warum bin eigentlich immer ich diejenige, die sich opfern muss? Meistens ist es ja zuallererst mein Kaffee, den es dahinrafft. Wenn ich welchen hätte, würden ihn diese Wilden bestimmt auch noch beschlagnahmen. Allerdings hab ich ohnehin bloß zwei Dosen Hirntritt und dann war es das bereits wieder mit meinem Koffeinersatz. Aber das reicht ja nicht an Quälerei. Jetzt soll ich zudem noch meine Haarpracht opfern? Fickt euch!
Meine Haare sind mein Kapital – im wahrsten Sinne! Ohne meine volle blaue Lockenmähne hätten wir niemals den Werbespot für Blu-S drehen können und säßen immer noch auf Gigagol fest. Und jetzt heißt es plötzlich: Stell dich nicht so an. Sind doch nur Haare. Wachsen ja irgendwann nach. … Ja, in zwanzig Jahren haben sie dann vielleicht wieder diese Länge! Vergiss es! Nein!
Ich weiß nicht, was ich tun soll. Im Moment stehe ich vorm Spiegel auf der Toilette. Pieh hat mir einen Langhaarschneider in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle es einfach hinter mich bringen. Das Ding brummt bereits. Ich hab schon mehrfach angesetzt. Aber ich bring es nicht übers Herz.
Pieh. Im Grunde ist sowieso alles wieder nur seine Schuld.
Pieh hatte per Durchsage verlauten lassen, dass wir in wenigen Momenten Kriegsgebiet durchfliegen würden. Nun, im Gegensatz zu vielen vorigen Ansagen klang das vergleichsweise harmlos. Es war schließlich noch nicht die Meldung: »Wir sind getroffen und stürzen gleich ab.«
Dennoch behagte mir das nicht. Da ich kurz zuvor erst meinen Frust über das Ergebnis unseres Aufenthaltes auf Feterty in die Toilette gekübelt hatte und dann in der geöffneten Toilettentür stand, von wo aus ich direkt in die kalten Augen zweier Zeitgeister blickte, war mir nicht mehr nach Schreiben zumute.
Stattdessen gluckste ich irritiert. »Na, wo habt ihr euren Kumpel gelassen? War es dem zu stressig?« Ich wusste nicht, was mir mehr Magengrummeln bereitete: dass wir wieder Zeitgeister an Bord hatten oder dass es diesmal nur zwei waren. Waren das überhaupt dieselben? Mussten wir erneut mit Dimensionsrissen rechnen? Es war ja nicht so, dass unser Ritt nach den Reisen durch die Parallelwelten wesentlich ereignisloser gewesen wäre. Wir hatten einen unautorisierten Erstkontakt durchgeführt, waren auf Uiopü abgestürzt, saßen auf Gigagol fest und wären fast von einem Weltraummonster zu Tode gefickt worden. War das nichts? Zu lahm für Zeitgeister? Was beim verfickten Gammablitz erwartete uns denn nun schon wieder für eine Katastrophe?
Ich sah erschrocken von den Unheilsbringern zu Max hinüber, dem ebenfalls eine gewisse Nervosität ins Gesicht geschrieben stand. Wirr hingegen, der daneben saß, besserte in aller Ruhe sein Augen-Make-up auf. Ich zuckte mit dem Kopf bedeutungsschwer in Richtung Cockpit und Max nickte.
»Werden wir schon beschossen?«, brüllte ich lauter als beabsichtigt, während ich ins Cockpit stürmte.
Pieh erschrak kurz und warf mir einen vernichtenden Blick zu. »Ich hab’ gesagt, ihr sollt euch anschnallen. Was macht ihr hier?«
»Dich unterstützen«, entgegnete Max, und ich hörte von Wirr ein rülpsendes:
»Genau!«
Wir drehten uns um. Wirr stand hinter Max in der Tür und lächelte uns an. »Was machst du denn hier?«, fragte ich ihn.
»Na, Darling, helfen natürlich! Wir sind doch ein Team, oder nicht?« Er wirkte etwas enttäuscht, nicht dabei sein zu dürfen. Daher nickte ich, setzte mich auf den Co-Piloten-Sessel und schnallte mich an.
»Also, Pieh. Was sollen wir tun?« Wir blickten ihn erwartungsvoll an. Doch Pieh wirkte zusehends genervter.
»Gar nichts. Ich schaff’ das allein.«
»Brauchst du Hilfe bei der Navigation?«, fragte Max.
»Nein.«
»Brauchst du was zu trinken?«, fragte Wirr.
»Nein.«
»Können wir dich seelisch und moralisch irgendwie aufbauen?«, fragte ich.
»NEIN! Haltet einfach die Klappe und lasst mich fliegen!« Er wirkte leicht angespannt, wie er uns so anbrüllte.
»Eine Massage vielleicht?«, kam es aus Wirrs Ecke.
Nur noch ein genervtes Schnauben drang aus Pieh empor. Er setzte seine Flugbrille auf, von der ich bislang geglaubt hatte, dass sie nur nostalgische Deko war oder irgendwie als modisches Statement seinen Pilotenstatus unterstreichen sollte. Doch scheinbar erfüllte sie auch einen praktischen Zweck.
»Wozu die Brille?«, wollte ich wissen.
»Zeigt Wärmesignaturen an. So kann ich ’n Laserbeschuss schon ausmachen, bevor er gestartet wird.«
Ich wandte mich wieder der Frontscheibe zu und warf einen Blick hinaus. Bislang konnte ich abgesehen vom vierdimensionalen Regenbogen, der sich Hyperraum schimpfte, nicht allzu viel erkennen. Erst wenn wir diesen verließen, würden wir den Kriegsschauplatz zu sehen bekommen.
»Seid ihr gut angeschnallt?«, fragte Pieh in die Runde.
»Ich kann mich festhalten«, sagte Max, und unser gelber Zeitgenosse stimmte mit ein. »Nein, Wirr, du kannst dich nicht festhalten«, tadelte Max. »Du bist kein Androide. Setz dich hin und schnall dich an.« Er manövrierte Wirr aus dem Cockpit raus zum ungenutzten Platz der Stewardessen – auch wenn er von dort eine deutlich eingeschränktere Sicht hatte – und platzierte ihn darauf. »Ich lass dir den Vorhang offen, damit du etwas sehen kannst.«
Wirr grummelte genervt. Ich prüfte noch mal vorsichtshalber den Sitz meiner Gurte. Sie saßen eng und unangenehm, sollten aber halten.
Auch so eine Sache, die ich nie verstehen werde: Gurte in Raumschiffen sind eigentlich immer nur für große, breitschultrige Männer gemacht. Diese Über-Kreuz-Dinger sind ein Alptraum für jede Frau mit bisschen Vorbau. Anstatt die Gurte so zu gestalten, dass sie auch kleine Frauenkörper angenehm stützen, wurden sie entwickelt, um einem beim Crash gleich die Brüste zusammenzupressen, während der obere Teil einem den Hals abschneidet.
Ich hätte mir ein Vorbild an Pieh nehmen sollen, der stets seine Pilotenjacke mit hohem Lederkragen trug. Aber mir war es auf der Titanicus einfach zu warm für eine Jacke.
Die Gurte für die Passagiere waren deutlich angenehmer geschnitten. Höhenverstellbar und an Bauch und Schulter angebracht. Aber bei Piloten rechnete man wohl nicht damit, dass da auch mal eine Frau sitzen könnte – zumindest nicht bei der Spazzzeline. Gut, da hatten sie vermutlich recht. Keine Frau mit einem bisschen Grips würde je bei dieser Fluglinie anheuern.
»Ich verlass’ jetz’ ’n Hyperraum«, ließ Pieh verlauten und drückte ein paar Knöpfe. Der rote Stern, der das aktuelle Ende des Regenbogens anzeigte, zitterte leicht, während die bunten Farben in einem Blitzlichtgewitter erstarben und mich für einen Moment glauben ließen, ich wäre erblindet.
Als ich dann endlich wieder sehen konnte, verschlug es mir für wenige Sekunden den Atem. Im ersten Augenblick dachte ich, wir befänden uns in einem Asteroidenfeld, doch bei genauerem Hinsehen erkannte ich, was es wirklich war: ein Trümmerfeld aus zerstörten Raumschiffen. Teilweise trieben sie wohl schon seit Monaten oder Jahren herum – zumindest ließ sich das an den verschiedenen Stadien der Ablagerungen von Weltraummoos erkennen. Manche Schiffe wirkten hingegen, als wären sie gerade erst abgeschossen worden.
Weltraummoos ist übrigens eines dieser Dinge, von denen ich am liebsten nie etwas gehört hätte. Nein, bei dem Moos handelt es sich nämlich nicht um pflanzliche Lebewesen, sondern um Ablagerungen an Raumschiffen – zusammengesetzt aus einem chemischen Gemisch, das während Weltraumschlachten entsteht. Dieser wie Alienschleim anmutende Rotz muss ständig von Raumfahrzeugen entfernt werden, da er sonst die metallischen Oberflächen korrodieren lässt.
Das wirklich Gruselige an Weltraummoos ist aber nicht die Optik, sondern die Zusammensetzung: Ein nicht unerheblicher Anteil besteht nämlich aus organischem Material – also Blut, Knochen, Haut oder Organen. Diese verbinden sich mit winzigen Trümmerteilen, Gasen und Flüssigkeiten – und werden durch Laserbeschuss zu einem Brei verkocht, der sich anschließend an Raumschiffen festsetzt. Einige der Schiffe waren bereits in einem Maße überwuchert und korrodiert, dass sie nur noch wie violette Schleimklumpen aussahen.
Jeder einzelne dieser Schleimklumpen hier bestand also aus den Überresten irgendwann gefallener Soldaten. Mir wurde übel.
Zudem überkam mich plötzlich die Befürchtung, dass ich im Laufe der nächsten Tage die undankbare Aufgabe erhalten könnte, dieses widerliche Zeug vom Schiffsrumpf zu kratzen.
Ich schüttelte den Gedanken schnell ab und atmete tief durch. Damit fabrizierte ich das mit Abstand lauteste Geräusch im Raum, denn im Cockpit herrschte, abgesehen vom surrenden Sound des Antriebs, Totenstille.
Ich blickte kurz zu Pieh hinüber. Der Knilch hatte seine Brille wieder hoch auf die Stirn geschoben. Scheinbar wollte er das Schlachtfeld unverfälscht mit eigenen Augen sehen.
Dieser Ort war ein Friedhof – ein Massengrab, Zeuge von Jahrhunderten des Krieges. Aus meiner Schulzeit wusste ich noch, dass der Konflikt zwischen zwei Rassen ausgefochten wurde, die im selben Sternsystem auf verschiedenen Planeten beheimatet waren: Arlogantra und Nod. Zwei Planeten, die den roten Zwergstern Duexos umkreisten, der die aktuelle Szenerie zusätzlich in einem düsteren Rot erstrahlen ließ.
Ich erinnerte mich jedoch nur aus einem ganz bestimmten Grund an diese lehrreiche Schulstunde. Denn es hieß, in dem Krieg ging es einzig und allein um ein Schönheitsmerkmal: Haare.
Und das war es dann auch schon mit meinem Wissen über dieses Sternsystem. Um festzustellen, dass der Krieg nach wie vor andauerte und aktuell sogar eine Schlacht in vollem Gange war, benötigte ich jedoch keine zusätzlichen Hintergrundinformationen, denn in etwas weiterer Ferne konnte ich Laserbeschuss ausmachen. Und Explosionen.
Pieh kaute nervös auf seinen Lippen herum und nahm einen tiefen Zug aus seiner Asthmarette. Die trudelnden Schiffswracks waren ja schon gefährlich genug! Dort hindurchzusteuern, ohne uns weitere Kratzer im Lack einzufangen, wäre bereits ein Kunstwerk für sich. Direkt in die Schlacht hineinzufliegen, wäre hingegen reinster Selbstmord.
»Wir müssen nur das Feld durchqueren, oder?«, fragte ich vorsichtig nach. Doch Piehs Miene widersprach mir direkt. Er stoppte die Maschinen und zeigte mir auf dem Bildschirm unseren Weg – während der lahmarschige Bordcomputer die aktuellen Ecken der Schlacht mit einberechnete.
»Wir müssen nach Nod. Der Planet liegt genau im Trümmerfeld, und so, wie ’s grad aussieht … auch mitten im Gefecht.« Er blickte mich unheilvoll an. »Wir müssen da durch.« Dann widmete er sich geschäftig all seinen Knöpfen und Schaltern und startete die Berechnungen für den Weg. »Aber ich kann uns die beste Stelle raussuchen. Irgendwas, wo wir nur ’n paar Sekunden durch die Schlacht müssen.« Der Computer berechnete eine neue Route, und Pieh nickte nervös.
»Vielleicht sollten wir diesen Halt besser auslassen«, warf ich ein. »Merkt doch niemand, wenn wir nicht auf Nod landen, oder?«
Aber Pieh wirkte entschlossen. »Es is’ mein Job, meine Passagiere an ihr Ziel zu bringen. Und davon hält mich auch kein Scheiß-Krieg ab.«
»Mhm, das ist ja auch superedel und gar nicht draufgängerisch von dir, nur: Will da denn überhaupt irgendjemand hin?«, bohrte ich nach.
»Jap, eine Liru will nach Hause. Und ich werd’ sie nich’ im Stich lassen.« Er setzte seine Brille wieder auf und startete den Antrieb. »Haltet euch gut fest.«
Na toll. Wegen eines einzigen Passagiers. Ich atmete tief durch und beobachtete den hochkonzentrierten Pieh bei der Arbeit. Er wirkte plötzlich so seriös. Ich hätte es ja nicht gedacht. Doch dann beging ich einen schweren Fehler: Ich blickte wieder durch die Frontscheibe hinaus. Ein kaputtes Schiff trudelte direkt auf uns zu. Vor Schreck zuckte ich zusammen. »Ausweichen! Ausweichen!«, rief ich.
Pieh manövrierte die Titanicus jedoch immer weiter in die Richtung. Und dann flog er schließlich haarscharf an der Außenhaut des Schiffes vorbei. Jetzt erkannte ich auch, warum. Denn jeder andere Weg war versperrt.
So in etwa verlief dann die ganze nächste Stunde. Ständig crashten die zerstörten Schiffe gegeneinander, Pieh wich ihnen versiert aus und führte uns im Schneckentempo durch das Feld aus Weltraumschrott. Doch je näher wir der Schlacht kamen, umso schneller wurde er und desto verkrampfter wurde ich. Andauernd schrie ich auf, krallte mich in den Sessel und schloss verängstigt die Augen. Es war grausam.
»Mach nicht so schnell!«, quiekte ich, als ich merkte, dass die Titanicus enorm an Tempo zulegte.
»Ich muss«, wiegelte Pieh mich ab. »Oder willste im Bummelmodus durch die Schlacht fliegen?«
Ich war nach einer Stunde Trümmerdurchfliegen bereits klatschnass geschwitzt vor Angst, und jetzt kam auch noch Laserbeschuss hinzu. Pieh wirkte angespannt, aber hoch konzentriert.
»Denkst du an die Signallampen?«, fragte Max aus der hinteren Reihe. Hektisch knipste der Zwerg ein paar Lampen an, die unseren Status als friedliches Passagierraumschiff signalisierten. »Und den Funk?« Einige weitere Knöpfe wurden gedrückt, um eine Dauerschleife auszusenden, die uns zusätzlich als friedliches Passagierraumschiff betitelte.
Ich starrte Pieh entsetzt an, verkniff mir aber jeglichen Kommentar. Er war schon nervös genug. Und all unsere ausgesendeten Signale schützten uns zwar hoffentlich vor direktem Beschuss, aber nicht vor indirektem – und vor allem nicht vor umherfliegenden Trümmerteilen.
Pieh legte noch etwas mehr an Geschwindigkeit zu und manövrierte die Titanicus an einem riesigen Schiffswrack vorbei – direkt in das Gefecht hinein. Ich erwartete, ein gutes Dutzend gigantische Kriegsschiffe und tausende kleine Jäger hinter dem Wrack auftauchen zu sehen, die eine epische Schlacht ausfochten, doch stattdessen gab es nur noch mehr Schrott. Und Laserstrahlen, die den Schrott durchschnitten oder riesige Harpunen, die in das Trümmerfeld hineinstachen. Der Anblick glich eher einer Altmetallbeseitigung durch unsichtbare Bergungsschiffe.
»Wo sind die Kriegsschiffe?«, fragte ich irritiert. »Ich seh hier nur Schrott herumfliegen.«
»Das sind deren Schiffe«, erklärte Max. »Sie tarnen sich als Schrott. Sowohl die Liru als auch die Schlawenzel bauen nur noch Raumschiffe, die wie Wracks aussehen.«
»W-w-wie soll ich da dann richtig Abstand halten?«, stammelte der Knirps mit zittriger Stimme und fuhr die Geschwindigkeit zurück.
Max trat einen Schritt an ihn heran und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter: »Flieg einfach weiter, Pieh. Sie werden uns nicht beschießen.« In seiner Stimme klang eine Zuversicht, die ich nur schwer teilen konnte. Vor allem, als ein orangeroter Laserstrahl direkt an uns vorbeischoss und wir kollektiv aufschrien vor Schreck. Ja, auch Max.
»Und was war DAS?«, brüllte Pieh und legte wieder einen Zahn zu.
»Sie haben uns nicht getroffen«, entgegnete Max.
Ich starrte zweifelnd in seine Richtung. »Mit Absicht … oder?«
Kaum zu glauben, aber wahr: Der Flug durch die Schlacht war nach gerade einmal zwei Minuten überstanden und wir kamen völlig unbeschadet auf der anderen Seite heraus. Und nun konnte ich auch endlich einen guten Blick auf den Planeten Nod werfen.
»Hm. Der sieht irgendwie … pelzig aus«, kommentierte ich den Anblick des braunen Himmelskörpers, der von einem bläulichen Kraftfeld in Wabenform umgeben war. Ich nahm mein telePhone und schoss ein Foto davon.
Wirr gesellte sich zu mir und blickte neugierig hinaus. »Ja, ein bisschen wie ein ausgekotzter Haarballen, igitt. Da bleib ich wohl lieber an Bord, Darling.«
»Das ist eine optische Täuschung«, erklärte Max. »Das sind keine gigantischen Haare, das ist die Atmosphäre.«
»Ruhe jetz’«, schnaubte Pieh und öffnete einen Kommunikationskanal. »Spazzzeliner Titanicus bittet um Landeerlaubnis. Wir haben Passagiere an Bord, die hier aussteigen möchten.« Für einen Moment herrschte Stille und Pieh blickte betreten in die Runde. Doch plötzlich:
»Hier spricht die Kommandozentrale von Nod«, dröhnte eine strenge, aber freundliche Stimme durch die Lautsprecher. »An das Passagierraumschiff Titanicus: Landeerlaubnis verweigert. Aufgrund aktueller Entwicklungen haben wir ein striktes Einreiseverbot verhängt. Bitte fliegen Sie weiter.«
Pieh starrte perplex auf sein Mikrophon. »WAS?«, brüllte er schließlich hinein, und ich zuckte vor Schreck zusammen. »Wollen Sie mich verarschen? Ich hab grad’ ’s gesamte Schlachtfeld durchflogen, um hierher zu kommen – und jetz’ woll’n Sie uns nich’ reinlassen? So ’ne Info wär’ im Vorhinein echt angebracht gewesen! Warum wurd’ die Spazzzeline darüber nich’ informiert?«
Wieder herrschte für einen Augenblick Stille von der anderen Seite. »Oh, die … haben wir wohl vergessen.«
»Vergessen?« Pieh begann vor Wut zu kochen. Ich hatte ihn noch nie so wütend erlebt. »VERGESSEN?! Ich hab’ mein scheiß Leben riskiert, um hierher zu kommen! Jetz’ lassen Sie uns endlich landen!«
»Bitte fliegen Sie auf der Stelle weiter. Diese Unterhaltung ist hiermit beendet.« Die Kommandozentrale von Nod blieb nach wie vor höflich, doch der Ton wurde bereits schärfer.
»Lass gut sein, Pieh«, beschwichtigte ich ihn. »Wir haben es versucht.«
»NEIN!«, brüllte er ins Mikro. »So leicht lass ich mich nich’ abwimmeln. Ich wart’ hier so lang, bis Sie endlich den Schutzschild für uns öffnen!«
»Ach herrje, da schnall ich mich mal lieber wieder an«, murmelte Wirr.
»Dann lassen Sie uns keine andere Wahl.« Die Kommunikation brach ab. Ich blickte verängstigt zu Pieh hinüber.
