Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Hans Süper ist ein kölsches Original, für den das Leben stets eine einzige große Bühne gewesen ist. Das Buch zeigt wie der Sohn eines erfolgreichen Musikers seinen - nicht immer geradlinigen - Weg fand und welche Rolle dabei die Musik spielte. Es erzählt Geschichten aus der Stadt, die Süper liebt, aus kölschen Kneipen und aus dem Karneval auf und hinter den Bühnen. Ob mit seinem Bruder als die „Zwei Schnürreme“, mit Hans Zimmermann – dem Ei – als „Colonia Duett“ oder mit Werner Keppel als „Süper Duett“ – über Jahrzehnte war Hans Süper die unangefochtene Nummer Eins des rheinischen Karnevals. Und immer mit dabei: die Flitsch, seine Mandoline. Aktualisierte Neuausgabe.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Helmut Frangenberg
HANS SÜPER
Mein Leben mit der Flitsch
Der Autor
Helmut Frangenberg ist Journalist, Krimiautor und Karnevalspräsident bei der Mitsinginitiative „Loss mer singe“ und der Kneipensitzung „Jeckespill“. Der Vater von zwei Söhnen arbeitet als Redakteur beim „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Zweite Auflage 2019
© 2019 Dabbelju Verlag, Köln –
Lizenzgeber: Helmut Frangenberg, Köln
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner
Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Fotos: Kay-Uwe Fischer (Cover) ZIK (S. 44, 52, 71, 84), Walter Schiestel (S. 33, 43, 46, Umschlagrückseite unten), F. W. Holubovsky (S. 34, 39, 55), Walter K. Schulz (S. 50), Stefan Worring (S. 60), Hansherbert Wirtz (S. 62), Jürgen Lukaschek/ Mitteldeutsche Zeitung (S. 66), Klaus Michels (S. 68), Christa Dederich/ WDR (S. 77), Franz Schwarz (S. 78, 80), Kurt Oxenius/Bild Köln (S. 82), Hans Stenglein/Bild Köln (S. 88), Josef Ley/Bild Köln (S. 90), Manfred Kühlem/Bild Köln (S. 92), Reiner Wirtz (S. 94, 96, 97, Umschlagrückseite Mitte), Dieter Babbel/Bild Köln (S. 99), Roland Jüttner/Bild Köln (S. 100), Klaus Panzer (S. 104), Daniel Tiemann (S. 109). Alle weiteren Bilder stammen aus Privatbesitz.
Umschlaggestaltung: Matthias Langer, m-design, Köln
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
ISBN 978-3-939666-39-4
Cover
Titel
Der Autor
Impressum
Einleitung
Samba en dr Schemmerjass
Der Sohn eines großen Musikers
Mit der Flitsch ins Tanzlokal
Der Weg auf die Bühne
Wenn et üvver mich kütt, ben ich nit ze halde
Das Colonia Duett
Nie mih, du Ei!
Das Ende eines genialen Duetts
Kein Unterschied, nur anders
Das Süper Duett
Ich ben ne kölsche Jeck
Der Karnevalsrentner
Süpers Häns janz privat
Ein Hausbesuch in Sülz
Ich ben vun Köln am Rhing ze Hus
Ein Abend mit dem Stammtisch „Spät do, fröh voll“
Weitere Informationen
„Dat janze Leben ist Geschichte. Du darfst nicht nach hinten gucken. Du musst immer nachvorne gucken. Vürre jeiht die Welt av. Vorne, vorne! Hinten ist vorbei. Dat muss de alles verjesse. Jot, für e Buch ze schrieve, es dat schlääch. Ävver wat sull ich met nem Buch? Dat kauft doch keiner. Scheiß drop. Nur Arbeit! Et jitt mich im Fernsehen üvverall, immer widder. Da bruch doch keiner e Buch.“
(Hans Süper im „Sölzer Klaaf“, Mai 2010)
Der anfängliche Widerstand konnte gebrochen werden, die Skepsis blieb bis zum Schluss. „Die Leute solle mich un minge Partner su in Erinnerung behalde, wie se uns all die Johre jesinn han“, sagt Hans Süper. Das macht das Schreiben einer Biografie, die auch hinter die Kulissen gucken will, nicht einfacher. Denn natürlich sind es auch die Brüche und Konflikte, die ein Künstlerleben interessant machen. Die Trennung des Colonia Duetts hatte schließlich eine ganze Stadt unter Schock gesetzt. Und von den einfachen Verhältnissen, in denen Hans Süper groß wurde, muss ebenso berichtet werden wie von seinem Kampf, sich aus dem Schatten des Vaters zu befreien – auch wenn er darüber nur wenig preisgeben möchte. Süper weiß, dass er Ecken und Kanten hat, und es fällt ihm schwer, sich an alles zu erinnern: „Da wirft man mal was durcheinander. Und bei manchen Sachen will man sich gar nicht erinnern. Da muss man mal ein bisschen lügen.“ Und so zitiert er gerne – vor allem sich selbst. Liedzeilen und Witzchen sind über die Jahre zu fixen Antworten geworden. Auf die Frage, wie er denn Komiker geworden ist, erzählt er, wie sich seine Eltern über seine Wiege beugten und sagten: „‚Dat es en Witz!‘ Ab da war ich Komiker.“ Und die Wahrheit? Süper zieht die Schultern hoch. „Mehr muss ich doch nit sage.“
Von einem typischen Clown sagt man, er sei in dem Moment, wo er die Maske ablegt oder sich abgeschminkt hat, ein ernster, sensibler Mensch. Hans Süper ist so ein Mensch. Nur dass er sich für seine Auftritte keine Maske aufsetzte. Deshalb ist es schwer für ihn, eine Grenze zwischen Rolle und Privatleben zu ziehen. Folgerichtig sagt er: „Das Leben ist eine große Bühne.“ Das Buch beschreibt das Leben eines kölschen Originals, eines großen Komikers und Musikers auf dieser Bühne. Es erzählt Geschichten aus der Stadt, die Hans Süper liebt, aus kölschen Kneipen und aus dem Karneval auf und hinter den Bühnen. Dafür wurden Gespräche an verschiedenen Kneipen- und Küchentischen geführt. Süper spricht kölsch, manchmal – wenn es wichtig wird – hochdeutsch, manchmal beides in einem Satz. Kölschpuristen werden manche Schreibweise bemängeln. Doch Authentizität kann nicht immer Rücksicht auf starre Regeln nehmen. Süpers Partner, Hans Zimmermann und Werner Keppel, haben genau wie die Vier Botze nicht in die Grammatik geschaut, bevor sie ihre Texte zu Papier brachten. Und so findet sich auch in den abgedruckten Liedtexten manche Eigenart.
Damit im Text Erwähntes durch Hörbares lebendiger wird, sind einige der erwähnten Titel im Buch verlinkt. Wenn man auf die Titel klickt, hört man für Süper typische Tondokumente wie das Lied von der „Fleech“ und „Mi Kölle dräht en Peelekett“ vom Colonia Duett, „Die Mösch“ vom Süper Duett sowie eine wunderbare Reminiszenz an die Vier Botze: Tommy Engel und Hans Süper, zwei Söhne der „Botze“, singen zusammen mit Gerd Köster und Frank Hocker „En dr Kayjass Nummer Null“. Zwei besondere Dokumente sind Süpers Version vom „kölschen Jung“ und der „Blues for the Flitsch“, eine Kooperation mit der Kölner Saxophon Mafia. Außerdem gewährte Wicky Jungeburth einen Einblick in sein unerschöpfliches Tonarchiv, in dem sich auch eine Aufnahme eines Auftritts von Hans und Paul Süper aus dem Jahr 1952 befindet, die mit viel Mühe hörbar gemacht wurde.
Dieses Buch hätte nicht ohne die Hilfe und Erinnerungen zahlreicher Zeitzeugen entstehen können. Besonderer Dank gebührt Grete Zimmermann, Werner Keppel, Paul Süper und vor allem Reiner Ostertag. Für weitere Gespräche standen zur Verfügung: die Söhne Ralf und Markus Süper, Ehefrau Helga, die Freunde und Weggefährten Tommy Engel und Ludwig Sebus, Hartmut Prieß und Bömmel Lückerath von den Bläck Fööss, die Musiker Mike Herting und Wollie Kaiser, das kölsche Urgestein Charly Bermüller, die Nichten Tamara und Sarah Süper, Hänneschen-Chef Heribert Malchers sowie Arzt Walter Möbius. Die Siegburger Seniorenzeitschrift „65er Nachrichten“ half bei der Spurensuche nach „Dill und Dopp“, die erfolgreich bei der Familie des verstorbenen Marcel Schmidt endete. Ein letzter Dank gilt den Fotografen, die ihre Bilder für das Buch zur Verfügung gestellt haben, sodass das Leben des Hans Süper noch anschaulicher werden konnte.
„DIE KÖLNER SINGEN, dat et fröher schön war:
Dat stimmt. Et wor schöner fröher. Heute haben
wir von allem zu viel, alles muss modern sein. Mer konnte
uns fröher über ne Holzeisenbahn freuen. Heute muss es
ein Porscheschlüssel sein, wenn de reiche Eltern hast. Et
wor zwar alles kapott un et joov vill Elend, ävver mer
hatte doch en schöne Jugendzeit.“
„Alt Kölle!“ hat Hans Süper senior das Lied genannt und „Ein kleiner Lebenslauf“ dahinter in Klammern gesetzt. Ein Text aus den 1950er-Jahren, den er ursprünglich wohl für die Vier Botze geschrieben hat, mit denen er in Kneipen, Sälen und in Varietétheatern auftrat. Für seine Söhne Hans und Paul wurde aus „Alt Kölle“ der „Samba en dr Schemmerjass“, den sie dann als die Zwei Schnürreme zum Besten gaben. Die Süpers besingen „dat Jässje“, das man sogar „em Düstere finge“ konnte. „Mer jinge noh dem Jeroch. Do dät mer Rievkoche backe un singe, do lierte mer uns Muttersproch. Mer han jelaach bes en de Naach, bes manchmol en dr hellen Dach.“ Das Lied handelt von der angeblich so guten alten Zeit, die man in Köln schon immer gerne besungen hat. „Dat wor en Zick, schöner wie hück. Die wünsche mer uns widder zeröck.“ Dieses Lied wurde in den 1950er-Jahren von den Zwei Schnürreme vorgetragen und auch heute singt Hans Süper es noch, wenn er einen seiner seltenen Auftritte als Karnevalsrenter hat. Im Refrain heißt es: „Stündt hück noch dat ahle Veedel, Jung dat jöv en Spaß. Samba, Samba dät mer danze en dr Schemmerjass.“ Das Lied erzählt eine kölsche Geschichte aus dem Viertel zwischen Neumarkt, Rothgerberbach und Blaubach, Kämmergasse und dem Hohenstaufenring. Hier im Griechenmarktviertel, nicht weit entfernt von der legendären „Kayjass Nummer Null“, lebte die Familie Süper vor dem Zweiten Weltkrieg.
In diesem kölschen Veedel fanden 1933 die Gründer der legendären Vier Botze zusammen: Hans Süper senior, Hans Philipp „Fibbes“ Herrig, Gerhard „Grätes“ Böckem und Ferdinand „Fänand“ Vossenberg. In Zeiten größter Arbeitslosigkeit, Not und gewaltsamer politischer Auseinandersetzungen zogen die vier Musiker als Quartett mit einem Leiterwagen durch die Gaststätten in Köln und Umgebung. Sie sangen Volkslieder und eigene Kompositionen, begleitet von zwei Gitarren und Süpers Mandriola. Überweite Hosen wurden als Markenzeichen gewählt. Gerhard Böckem ging nach dem Auftritt mit dem Hut durch die Lokale und sammelte die Groschen ein.
Während die Nazis damit begannen, ihre Diktatur aufzubauen, stiegen die kölschen Straßenmusikanten in den Sitzungskarneval ein. Am 11.11.1933 präsentierten sie sich erstmals auf einer großen Karnevalsbühne. 1935 löste Richard „Rickes“ Engel Gerhard Böckem ab. Sein Freund Jakob „Köbes“ Ernst wechselte 1938 von den Rheinparodisten zu den Vier Botze, für ihn machte Ferdinand Vossenberg Platz. In dieser Besetzung wird die Gruppe schon vor dem Krieg weit über die Grenzen Kölns hinaus bekannt, wie Heinz Koll 2001 in seiner Kölsch-Diplomarbeit für die „Akademie för uns kölsche Sproch“ über die Vier Botze schreibt. Ganze neun Platten wurden aufgenommen, dazu gab es bundesweite Radioübertragungen der kölschen Musikanten. Der spätere Partner von Hans Süper junior im Süper Duett, Werner Keppel, kann sich noch an Auftritte der Vier Botze auf der Schildergasse erinnern. Wenn er als kleiner Junge mit seiner Mutter in die Stadt fuhr, um im „Cafe Zimmermann“ Havanna-Kuchen zu essen, spielten auf der Straße öfters mal die Vier Botze. „Da sind wir immer stehen geblieben und haben ein bisschen zugehört.“
Hans Süper junior fällt es schwer, im Rückblick über seinen Vater zu sprechen. Es mischt sich viel Respekt für den Musiker mit Enttäuschung über die Vaterfigur. Ein „echter Künstler“ sei er gewesen, aber eben immer auch „op Jöck“. „Dr Stump“, wie Hans Süper senior wegen seiner Figur genannt wurde, hatte eine musikalische Ausbildung genossen. Er war ein „Notist“, wie sein Sohn sagt. Einer, der Noten nicht nur lesen konnte, sondern sie auch anderen beibrachte. Man sagt ihm das absolute Gehör nach, die seltene Fähigkeit, einen Ton ohne Hilfsmittel bestimmen zu können. Sein Instrument in der Gruppe war die Mandriola. Auch Geige soll er hervorragend gespielt haben, doch dieses Können kam bei den Vier Botze nie zum Einsatz. Während Hans Philipp Herrig für Organisation und Management verantwortlich war, sorgte Süper für Musik und Arrangements.
Ist es bei seinem Vater der Respekt vor dessen musikalischem Können und dem Erfolg der Vier Botze – „die woren der absolute Hammer“ –, so ist das Bild der Mutter von großer Anerkennung für ihren Fleiß und ihre Energie geprägt. Sie sorgte für die Familie, wenn der Vater unterwegs war.
Originalmanuskript zu „Samba en dr Schemmerjass“ (ursprünglicher Titel: Alt Kölle), getippt von Hans Süper senior
„Die wor spitze, einfach spitze.“ Ursula „Lina“ Süper, geborene Danz, war eine Kölsche durch und durch. Am 29. Dezember 1933 brachte sie ihren Sohn Paul, der später den Spitznamen „Charly“ bekam, zur Welt. Er war das zweite Kind der Familie, Sohn Berni war mit sechs Jahren gestorben. Der dritte Sohn Hans wurde am 15. März 1936 im Severinsklösterchen in der Südstadt geboren. Ein viertes Kind starb kurz nach der Geburt.
Eine Woche bevor Hans Süper das Licht der Welt erblickte, waren Soldaten der deutschen Wehrmacht in das bis dahin entmilitarisierte Rheinland einmarschiert. Jubelnde Kölner beklatschten den Bruch des Versailler Vertrags, der dem Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg untersagt hatte, Truppen im linksrheinischen Köln und entlang des rechten Rheinufers zu stationieren. Die NSDAP organisierte in der Innenstadt eine große „Freiheitskundgebung“. Am 28. März 1936 besuchten Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Rudolf Heß die Stadt. Das Alltagsleben ging zu diesem Zeitpunkt für die meisten Kölner noch recht uneingeschränkt weiter. Im August beerdigte man Willi Ostermann und das Millowitsch-Theater zog in einen größeren Saal an der Aachener Straße, wo „Dr Etappenhaas – Lustspiel aus der Kriegszeit in vier Aufzügen“ gegeben wurde. Außerdem bejubelten die Kölner den schwarzen Olympia-Star Jesse Owens, der nach seinen vier Siegen bei den Olympischen Spielen in Berlin beim Kölner ASV-Sportfest in Müngersdorf antrat.
Vater Hans Süper in Wehrmachtsuniform mit seinen Söhnen Hans und Paul
Hans Süper lebte nur wenige Jahre im Griechenmarktviertel. Erinnerungen an diese Zeit leben in Liedern oder Erzählungen weiter. Er selbst war noch zu klein, um vieles bewusst zu erleben. Legendär sind die Straßenkämpfe der Kinderbanden im Viertel: „Griechenmarkt jäje de Ahl Muur. Da han se sich zerschlage un met Stein beworfe“, berichtet er. Als sich dann irgendwann Kleiner und Großer Griechenmarkt verbündet hatten, „wore mer endlich stärker als die Ahl Muur“. Er habe einmal „ne Kreech metjemaht, ävver der wor für mich schnell am Eng. Ich kräht ne Stein aan de Kopp un loch dann do. Ich han nix mih metjekräje. Dabei wollt ich doch nur ens luure.“ Der Krieg als Kinderspiel.
Die Vier Botze 1937: Richard Engel, Hans Philipp Herrig, Hans Süper und Ferdinand Vossenberg (v.l.)
Im Herbst 1939 wurde der Krieg blutiger Ernst. Nun änderte sich das Alltagsleben auch für den Teil der Kölner Bevölkerung, der in den vergangenen Jahren nicht von den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten betroffen gewesen war. Hans Süpers Vater zog freiwillig in den Krieg. Er wollte genau wie die anderen „Botze“ in die Abteilung der Wehrmacht gelangen, die für die musikalische Truppenbetreuung zuständig war. Für Süper, Herrig und Engel ging die Strategie auf. Jakob Ernst wurde von der Gruppe getrennt. Die drei anderen reisten während des Krieges mit Stimmungsliedern und Parodien durch ganz Deutschland. Sogar bis nach Norwegen und Paris wurden die Kölner Spezialisten für Ablenkung und Zerstreuung geschickt. Heinz Koll hat in seiner Arbeit eine Seite aus einem erhaltenen Kameradschaftsbuch zitiert, das die drei führten. Ein Leutnant schrieb: „Bist du vergrämt, findest alles zum Kotzen, hast die Schnauze voll, weißt nicht mehr weiter, dann geh zu den Vier Botzen. Und das Leben ist wieder heiter.“
Während die drei Botze für die Soldaten spielten, fielen Tausende Fliegerbomben auf Köln. Im Mai 1940 gab es die ersten Angriffe britischer Flugzeuge auf die Domstadt, schon bald die ersten Opfer durch einen Luftangriff. Die Kölner lebten ständig mit der Angst. Um die Kinder in Sicherheit zu bringen, entschieden sich die Süpers, Paul und Hans an der Kinderlandverschickung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) teilnehmen zu lassen. Die Brüder wurden bei einem Schreiner und seiner Frau in Reckingen, einem Ort nahe der schweizerischen Grenze zwischen Freiburg und dem Bodensee, untergebracht. Dort begann für Hans Süper mit der Einschulung auch das wenig rühmliche Kapitel seiner Schullaufbahn. „Janz stramme Nazis, immer met Parteiabzeichen ungerwähs“ seien die kinderlosen Eheleute gewesen, erinnern sich beide Brüder. Sie seien schnell mit Hausarrest bestraft worden, wenn mal was anders lief, als die Pflegeeltern sich das vorstellten. Auch hätten diese nie die Päckchen weitergegeben, die Vater Süper seinen Söhnen schickte. Die Pakete des Vaters seien einfach weiter zu den Soldaten an der Front geschickt worden. „Da sollten Nazis gezüchtet werden“, beschreibt Hans Süper die Vorgabe der NSV, der die Pflegeeltern Folge leisteten. Die Brüder hatten Heimweh. „Mer wollte weg vun dr Hitler-Familich.“
Lina Süper mit ihren Söhnen vor einer Fotografenkulisse
An die genauen Umstände, wie dieser Lebensabschnitt zu Ende ging, können sich beide nicht mehr recht erinnern. In jedem Fall habe sie die Mutter irgendwann abgeholt, nachdem sie rund zwei Jahre dort gewesen seien. Die vaterlose Familie zog nach Sachsen. In den Kölner Bombenhagel, in dem schon die Großmutter mütterlicherseits ums Leben gekommen war, wollten sie nicht zurück. Lina Süper und ihren Söhnen war eine Wohnung in Gunnersdorf bei Hainichen, einem Ort auf halber Strecke zwischen Chemnitz und Dresden, zugewiesen worden. Wie die Mutter die Kinder ernährte, wissen Paul und Hans nicht so genau. Ab und zu habe sie mal auf einem Bauernhof geholfen.
Das Leben im fernen Sachsen war nicht einfach, allein schon wegen der sprachlichen Probleme. Hans Süper erzählt von der Begegnung seiner Mutter mit einer Nachbarin: „Da kütt de Frau Krummbüchel un säht: ‚Frau Sieper!‘ – die kunnt nit Süper sage – ‚Das geht so nicht weiter. Sie schmeißen immer die Asche auf den Misthaufen. Die Asche gehört ins Ascheloch.‘ Da säht mi Mutter: ‚Wat es denn met dir loss? Soll ich mir de Äsch in et Arschloch däue?‘“ Wenn die Geschichte wahr ist, kann man sich vorstellen, wie ebenjene Lina Süper gegen Ende des Krieges vor den dortigen Bürgermeister getreten ist, um zu verhindern, dass ihre Söhne noch mit einer Panzerfaust auf der Schulter für den Endsieg verheizt wurden. „De Mutter hät däm einfach dat Telefon op de Kopp jehaue. Dachsdrop wor dr Kreech am Eng. Da hatte mer Jlöck jehat“, erinnerte sich der im Januar 2014 verstorbene Paul im Gespräch für dieses Buch. Ein paar Tage später sei der Bürgermeister dann zusammen mit dem Ortsgruppenleiter aufgehängt worden. „Da han mer als Pänz zujeluurt.“ Paul berichtete auch, dass sie immer wieder mal „drangsaliert“ worden seien, weil ihre Mutter sie nicht in die Hitlerjugend geschickt hatte.
Die Truppen der Amerikaner und der Russen hatten sich am 25. April 1945 an der Elbe getroffen. Da die Alliierten die Besatzungszonen bereits vorher festgelegt hatten, war klar, dass Sachsen zum Herrschaftsgebiet der Roten Armee gehören würde. „Mer wollte weg do, mi Mutter wollt zeröck noh Kölle.“ Das wenige Hab und Gut wurde in einen Leiterwagen gepackt und der lange Weg in die zerstörte Heimat angetreten – zu Fuß. Sieben bis acht Wochen seien sie unterwegs gewesen. 30 Kilometer pro Tag. Hans’ Füße seien völlig vereitert gewesen, so Paul. Jemand habe ihnen aus einem Gummireifen Sandalen gemacht. Weil er so „jot un nett“ aussah, musste der blonde Hans betteln. Soldaten verschenkten Schokolade, Bauern gaben Wurst und Eier. So konnten sie sich auf dem langen Heimweg ernähren.
Vom Porzer Rheinufer aus sahen sie dann zum ersten Mal nach dem
