Ludwig Sebus - Ein kölsches Jahrhundert - Helmut Frangenberg - E-Book

Ludwig Sebus - Ein kölsches Jahrhundert E-Book

Helmut Frangenberg

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Beschreibung

Geboren 1925, kann der Kölner Sänger Ludwig Sebus auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Der Grandseigneur des rheinischen Entertainments ist nicht nur ein exponierter Vertreter der typisch kölschen Liedkultur. Er ist auch ein engagierter Zeitzeuge: Seine Erlebnisse als Mitglied einer unangepassten Jugendbewegung und später als Soldat im Zweiten Weltkrieg motivieren ihn, sich für ein tolerantes und weltoffenes Köln einzusetzen. Nach der Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft trifft er auf eine Stadtgesellschaft, die nichts mehr wissen will von Schuld und Verstrickungen. Die NS-Zeit wird noch Jahrzehnte lang verdrängt - auch im Kölner Karneval, wo sich Ludwig Sebus als „Krätzjersänger“ etablieren kann. Indem der Autor Helmut Frangenberg das Leben dieses außergewöhnlichen Unterhaltungskünstlers beschreibt, gelingt ihm ein lesenswerter Rückblick auf fast einhundert Jahre kölscher Kultur- und Zeitgeschichte.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Helmut Frangenberg

LUDWIG SEBUS

Ein kölsches Jahrhundert

Erste Auflage 2019

© 2019 Dabbelju Verlag, Köln –

Lizenzgeber: Helmut Frangenberg, KölnAlle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Korrektur: Renate Da Rin

Umschlaggestaltung & Satz: Matthias Langer, m-design, Köln

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-939666-42-4

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Nur Hollywood ist größer

Arena frei d’r Narretei, et weed de Aap gemaht

Werte für ein ganzes Leben

Kindheit in einem christlichen Elternhaus

„PX krepiert, HJ marschiert“

Unangepasste Jugend in Zeiten der Nazidiktatur

Chronik des Haus Büchel

Als Hunger das Heimweh vertrieb

Not und Elend im Krieg und in Gefangenschaft

„Dann kommt die Vernunft des Glaubens ins Spiel“

Ludwig Sebus über den Glauben, den lieben Gott und ein Leben nach dem Tod

Jede Stein en Kölle es e Stöck vun der

Aufbau und Verdrängung in der Nachkriegszeit

Als Gott noch die Unzucht strafte

Familiengründung in Zeiten der Doppelmoral

„Wenn du laachs, kannste keine Krach aanfange“

Ludwig Sebus über das Geheimnis einer langen Ehe, die Familie und die Liebe

Dann geh’n wir in die Kellerbar

Ausflüge in die hochdeutsche Schlagerszene

„Dann deit huh et Hätz mir schlage“

Der kölsche Geschichtenerzähler

Das Gesamtkunstwerk

Ein Grandseigneur als engagierter Zeitzeuge

Links zu den Hörproben

Autorenporträt

Danksagung

Fotohinweise

Weitere Informationen

Nur Hollywood ist größer

Arena frei d’r Narretei, et weed de Aap gemaht

Ein Mariechen fliegt über der Bühne, Rosa Funken reiten auf Steckenpferden. Artisten, Tanzgruppen, Clowns, kölsche Sänger und Büttenredner begeistern das Publikum „zwischen Nostalgie und Wahnsinn“, wie die Veranstalter meinen – und Ludwig Sebus ist mittendrin. Zum Finale des „Sitzungszirkus“ in der Volksbühne betritt der 93-Jährige die Bühne, um den „Circus Colonia“ zu besingen: „Arena frei d’r Narretei, et weed de Aap gemaht!“. Hinter ihm wedeln die Pink Poms, die männlichen Cheerleader des Sportvereins SC Janus, in knappen Lederhosen mit lilafarbenen Puscheln. Das Ensemble von „Kölsch es Trumpf“ hat ein neues Karnevalsformat aus der Taufe gehoben. Akteure des klassischen Fastelovends treffen auf Künstler der schwulen Karnevals- und Travestieszene. „Weil jet Spaß brutnüdig es“ heißt es im Untertitel in Anspielung auf die Unterhaltungsprogramme, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im halbfesten Winterquartier des Circus Williams nicht weit entfernt von der Volksbühne am Aachener Weiher im zerstörten Köln für Ablenkung vom Alltag sorgten.

Ludwig Sebus besingt zum Finale des „Sitzungszirkus“ des Ensembles „Kölsch es Trumpf“ auf der Volksbühne den „Circus Colonia“.

Der Altmeister des kölschen Fastelovends ist hier nicht irgendeine Programmnummer. Ludwig Sebus ist auch als Zeitzeuge hier, weil er vor rund 65 Jahren selbst in der riesigen Veranstaltungshalle aufgetreten ist. Der Gürzenich war wie die meisten anderen Säle noch nicht wieder aufgebaut. Deshalb wurde das Winterquartier des Zirkus als Provisorium für Karnevals-, Sport- und Musikveranstaltungen genutzt. Für den Sänger ist das eine ganz besondere Erinnerung – nicht nur weil mit ihr sein Durchbruch im Karneval verbunden ist. Der Williamsbau, der schon zwei Jahre nach Kriegsende eröffnet wurde, ist ein Symbol für den Wunsch nach Wiederaufbau und Lebenslust in einer von Fliegerbomben zerstörten Stadt. Sebus sang dort damals seine Mut machende Hymne auf die Stadt und alle, die mit anpacken wollten: „Jede Stein en Kölle es e Stöck vun der“.

Die Gastauftritte zum Finale der bunten Karnevalsschau in der Volksbühne sind zwei von über 40 karnevalistischen Terminen während der Session 2019. Der Beobachter staunt über die Kondition und die Vitalität, die Professionalität und unglaubliche Bühnenpräsenz des 93-jährigen Grandseigneurs der kölschen Szene und fragt sich, ob er es mit einem biologischen Wunder zu tun hat. Doch der Bestaunte meint beim Durchblättern der handgeschriebenen Notizen in seinem Karnevalsterminkalender nur: „Dat wor doch janit esu vill.“ „Viel“ ist eben relativ. Auftreten und singen wolle er nur noch bei besonderen Anlässen, sagt er. Es finden sich einige von diesen Anlässen im Kalender: Gottesdienste von Karnevalsgesellschaften, Ehrungen, Jubiläen oder eine Einladung des „Humba Efau“ ins Gloria. Bei den alternativen Karnevalisten hat er Begeisterungsstürme ausgelöst, weil er sich beim Gesang nicht von der springenden und aussetzenden Playback-CD irritieren ließ. „Man muss einfach weitersingen“, sagt er hinterher. „Man darf sich nie mit dem Publikum oder der Musik anlegen, auch wenn sie was falsch gemacht haben.“

Zu den Auftritten kommen Einladungen zu Regimentsappellen, Sitzungen und Interviews im Radio oder im Odeon-Kino. Mal ist er Ehrengast, mal Schirmherr und auch schon mal „Ehrengeschenk“, wie beim 85. Geburtstag der Cousine von Karl Berbuer am Karnevalssamstag. Auch kann man ihn immer noch als Sitzungspräsidenten erleben. Bei der Sitzung der Sozialbetriebe Köln (SBK) übergibt er nach 33 Jahren das Amt an einen über 60 Jahre jüngeren Nachfolger; die etwas kleinere Veranstaltung der SBK in Mülheim will er jedoch auch in Zukunft weiter leiten. Ende Januar eröffnet er sichtlich gerührt die Karnevalsausstellung der Sparkasse, die sein Lebenswerk rühmt. „Ich habe Vergleiche nur zu ziehen mit Hollywood“, scherzt der Geehrte. Fotos und Plakate, Urkunden, Notenblätter, Plattencover und Medaillen dokumentieren sein Leben. In einer Vitrine liegt eine uralte Russenkappe neben einer Zeichnung, die das Lager zeigen soll, in dem er inhaftiert war – Erinnerungen an die schwere Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft.

Wer heute Ludwig Sebus ehrt, verneigt sich nicht nur vor einem großen Unterhaltungskünstler, einem Conférencier der alten Schule und einem kölschen Original. Gewürdigt wird auch ein besonderer Mensch und glaubwürdiger Zeitzeuge, der vor Krieg, Rassismus und Rechtspopulismus warnt und der aus seinem tiefen christlichen Glauben das Gebot ableitet, aus Fremden Freunde zu machen.

Es mutet seltsam an, dass jemand, der so unter dem Krieg und seinen Folgen gelitten hat, der die deutsche Wiederbewaffnung ablehnte und leidenschaftlich für Frieden und Versöhnung streitet, im Karneval mit militärischen Titeln überhäuft wird. Diese seltsame Art der Ehrung gehört beim Volksfest im „Biotop für Bekloppte“, wie der Kabarettist Jürgen Becker Köln nannte, dazu. Bis zu einem gewissen Grad mache er das alles mit, sagt Sebus. Doch zu arrogant und blöd dürfe es nicht werden, wenn Karnevalisten mit militärischen Dienstgraden hantieren. Am liebsten hat er es, wenn es mit einem Augenzwinkern wie bei seinen Roten Funken passiert. Und auch bei der 1. Damengarde Coeln, die ihn in der Session innerhalb einer halben Stunde vom Oberst zum Ehren-Generalfeldmarschall befördert, nimmt man es nicht ganz so genau. „Das war das Höchste, was wir zu vergeben haben“, so Präsidentin Elena Navarini. „Wenn es einer verdient hat, dann er.“ Zum Dank will der Feldmarschall den Damen – „80 Frauen in schmucken Uniformen, ein tolles Bild“ – einen Regimentsmarsch schreiben. Auch das macht er weiterhin – 34 Jahre nach seinem offiziellen Rücktritt aus dem Sitzungskarneval. Bei den Roten Funken ist er mittlerweile General, bei der Bürgergarde Blau-Gold Marschall; beim Reiterkorps Jan von Werth und bei den Altstädtern darf er sich Obrist nennen, bei den Blauen Funken Hauptmann. Bei der Ehrengarde ist er Rittmeister, bei den Husaren Leutnant – und in Pulheim musste er sich auf ein Bänkchen knien, weil er dort zum Ritter geschlagen wurde. „Mit so vielen militärischen Titeln und Funktionen könnte ich eine riesige Armee aufstellen und dem Putin sehr gefährlich werden.“

Beförderung zum Ehren-Generalfeldmarschall bei der 1. Damengarde Coeln.

Über hundert Ehrungen hat Ludwig Sebus mittlerweile angesammelt. Ein Mann mit seinem Gedächtnis für Zahlen und Namen könnte sie wohl alle aufzählen. Wichtiger als die Daten ist aber etwas anderes: Wenn er erzählt, wird Geschichte lebendig. Wer zuhört, staunt und lernt. Seine Erinnerungen an seine Jugend in der NS-Zeit, seine Zeit im Krieg und in Gefangenschaft sowie die Rückkehr in eine Stadt, die von der Vergangenheit nichts mehr wissen wollte, sind ein unschätzbares Zeitdokument. Sebus ist ein Kind der Generation, in der so gut wie alle mit einem lebensbegleitenden Trauma umzugehen hatten. Wie findet ein Mann, der einmal sein eigenes Grab schaufeln musste und nur knapp seiner Erschießung entkam, zurück in ein „normales“ Leben? Was begleitet einen Menschen, der als Jugendlicher zum Gestapoverhör musste, und als 18-Jähriger in eine todgeweihte Infanteriedivision geschickt wurde? Was lässt sich verdrängen, was verarbeiten, was wird zum immer wiederkehrenden Albtraum? Wie geht jemand damit um, der nach über vier Jahren Kriegsgefangenschaft nach Köln zurückkehrt und erlebt, wie die rechte Hand Adolf Hitlers im Rheinland die Freiheit genießt?

Sebus selbst verweist stets auf seinen tiefen christlichen Glauben, der ihn getragen und ihm immer weitergeholfen habe. Insofern ist eine Biografie dieses Lebenskünstlers auch ein Beispiel dafür, wie ein Mensch mit einer durch und durch positiven Grundeinstellung gegenüber seinen Mitmenschen und mit ungebrochener Zuversicht den großen und kleinen Widrigkeiten des Lebens trotzen kann. Ludwig Sebus ist ein wertkonservativer Mann. Er schätzt die Empathie für den Mitmenschen und fordert einen respektvollen Umgang miteinander. Konservativ bedeutet in seinem Fall aber nicht, sich spießigen Konventionen unterwerfen zu wollen. Auch davon berichtet dieses Buch, wenn es den bigotten Zeitgeist der 50er Jahre beschreibt, um den sich Sebus nicht schert, als er seine Frau kennenlernt. Der kölsche Sänger wirkt nicht als politischer Aktivist, sondern als beeindruckende Persönlichkeit.

„Ludwig, Do häs de Nächstenliebe noh Kölle jebraht“, rief bei einer improvisierten Karnevalssitzung des Stammtischs „Spät do, fröh voll“ der Präsident der Klüttefunke Erftstadt-Liblar, Rainer Ostertag, durch die Kneipe, als er Sebus mit seinem Lied von der Schwarzen Madonna ankündigte. Das mag man als eine typisch kölsche Übertreibung abtun. Der Satz zeigt aber deutlich, wofür Sebus in den Augen vieler steht. Und er dokumentiert eine tiefe Bindung an dieses rheinische Biotop, das den Mythos, ein bisschen anders als die anderen zu sein, so intensiv zu pflegen weiß, dass der Mythos tatsächlich Fakten schaffen kann. Sebus ist fest davon überzeugt, dass es so etwas wie die von ihm besungene „kölsche Siel“ wirklich gibt. Ein Buch über ihn kann somit eine weitere Annäherung an dieses Phänomen sein. Für Sebus hat die Selbstdefinition der Kölner und des Kölschen nichts Abschottendes und Ausgrenzendes. Sie ist ein zukunftstaugliches Integrationsangebot in einer wachsenden und sich rasant verändernden Stadt.

Dieses Buch ist nicht das erste, das sich mit dem Leben und Wirken von Ludwig Sebus beschäftigt. Es profitiert von der Arbeit, die sich Hans-Jürgen Jansen („Zur Freundschaft zählt ein frohes Herz“) sowie Gerti Prescher, Robert Tabert und Heinz Weinand im Rahmen ihrer Diplomarbeit für die Akademie för uns Kölsche Sproch („Jede Stein en Kölle es e Stöck vun mir“) gemacht haben. Außerdem findet sich im digitalen Videoarchiv des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln ein langes Interview mit weiterführenden Informationen zu zeitgeschichtlichen Hintergründen, das im Rahmen des Projekts „Erlebte Geschichte“ entstand.

Für dieses Buch fanden in der Zeit von März bis Juni 2019 mehrere Gespräche mit Ludwig Sebus, seinen Kindern und einigen Weggefährten statt. Im Zuge der Recherchen wurde die „Chronik des Haus Büchel“ im Bergischen gefunden, die Sebus selbst bis dahin nicht kannte, obwohl sie eine wichtige Zeit seines Lebens illustriert. Dieses Buch dokumentiert einige Seiten dieses der regionalen Geschichtsforschung bislang unbekannten Zeitdokuments aus den 30er und 40er Jahren.

Um sein Wirken als Sänger anschaulich zu machen, sind einige der genannten Titel im Buch verlinkt. Wenn man darauf tippt, kann man die entsprechenden Lieder des Sängers hören.

Werte für ein ganzes Leben

Kindheit in einem christlichen Elternhaus

Der Verkauf von Konfetti und Luftschlangen war verboten, genauso wie das öffentliche Tragen von Kostümen und das Singen von Karnevalsliedern auf der Straße. Fröhliche Kundgebungen entsprächen nicht der „ernsten Zeit“, hatten die Verantwortlichen im deutschen Kaiserreich nach Beginn des Ersten Weltkriegs verfügt. Das Karnevalsverbot blieb nach Kriegsende 1918 in Kraft, als britische und französische Besatzungstruppen die Regeln im Rheinland bestimmten. Noch 1925, im Geburtsjahr von Ludwig Sebus, waren der Rosenmontagszug genau wie öffentliche Karnevalssitzungen noch nicht wieder erlaubt. Es ist eine Zeit voller Widersprüche: Die Folgen des Weltkriegs, zu denen Besatzung und Bestrafung durch die Sieger gehörten, die deutschnationale Gegenreaktion vieler Organisationen im Land der Besiegten und die Aufbruchstimmung der „Goldenen Zwanziger Jahre“ in Kultur, Kunst und Wissenschaft prägten gleichermaßen den Alltag der Menschen.

Kölner Altstadt und Frankenwerft in den 1920er Jahren.

Die britischen Soldaten gehen, die Roten Funken kommen. Mit einem Augenzwinkern kommentiert die Postkarte 1926 das Ende der britischen Besatzung.

Der Journalist Joseph Roth beschrieb Köln, wo 1925 rund 700 000 Menschen wohnten, als vielfältige Metropole in einer „Atmosphäre aus Rheinlyrik und Heiterkeit“. „Es ist etwas von Berlin in dieser unpreußischen Stadt. Sie ist lauter, als sie sein müsste, hastiger, als ihr zusteht; sie übertönt die Ehrfurcht, die der Fremde vor ihr empfindet.“ Köln sei „nicht malerisch“, das äußere Bild wirke „geradezu amerikanisch“. „Und in den Straßen spricht man Englisch, Französisch, Russisch und Jiddisch.“ Die weltoffene, lebendige Stadt war aber gleichzeitig auch Schauplatz von weniger heiteren nationalistischen Inszenierungen. Man feierte die 1000-jährige Zugehörigkeit zum Deutschen Reich – ein etwas konstruiertes Jubiläum, das seinen Grund in der Eingliederung Lothringens ins Ostfrankenreich 925 fand. Der vergessene Herzog Giselbert von Lothringen hatte sich damals König Heinrich I. unterworfen. Im Februar 1926 berichtet die Kölnische Zeitung vom „heiligen Schwur der Treue“, der sich manifestierte als „aus hunderttausenden Kehlen die Nationalhymne,Deutschland, Deutschland über alles!‘“ bei einer „Mitternachtsfeier am Kölner Dom“ erklang. Die Zeitung schrieb über eine „weltgeschichtliche Stunde“, wie sie meinte. Anlass für das Bekenntnis zum „deutschen Vaterland“ war das Ende der Besatzung, das nach den internationalen Verträgen von Locarno möglich wurde. Nicht Frieden und Aussöhnung mit den Kriegsgegnern wurden hier pompös gefeiert, sondern der „alle politischen Zwistigkeiten“ überlagernde Gedanke, „dass wir ein deutsches Volk sind, in Not und Tod zusammengehörend“.

Der kleine Ludwig 1927 beim Fotografen.

Ludwig Sebus als Fünfjähriger.

Jakob Theodor und Maria Sebus wohnten zu dieser Zeit mit ihrem fünf Monate alten Sohn Ludwig in der Lützowstraße 15 am Rande des Belgischen Viertels. Vater Jakob, der in Köln natürlich Köbes gerufen wurde, hatte ein kleines Geschäft in der Gertrudenstraße, unweit der Kirche St. Aposteln und des damaligen Reichshallentheaters. Der 1884 in Köln geborene Handwerker war Vergolder und Glaser, sein Geld verdiente er vor allem mit dem Rahmen von Bildern. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich der ehemalige Soldat eine kleine Existenz aufgebaut. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg tauchte in der Familie bestenfalls in Form von Anekdoten auf. „Verzäll mir widder jet vum Päd“, spottete die Mutter, wenn Köbes mit Kameraden der von Pferden gezogenen Feldartillerie zusammensaß. Das Erlebte hatte aus Köbes Sebus keinen Pazifisten gemacht, obwohl er die furchtbare Schlacht von Verdun überlebt hatte, bei der über 700 000 deutsche und französische Soldaten gefallen waren. Um dem Grauen zu entgehen, soll Jakob Sebus mit Kameraden gemeutert haben, berichtet sein Sohn. Der Vater hätte gehofft, auf diese Weise ins sichere Gefängnis zu kommen. Der Plan ging nicht auf, eine eher harmlose Bestrafung – sie wurden einen Tag lang mit nacktem Oberkörper am Untergestell einer Kanone festgebunden – erfolgte vor Ort. Danach mussten sie zurück in die Schützengräben.

Familie Sebus um 1930.

Maria Sebus war auf einem Bauernhof in Senden im Münsterland aufgewachsen. Nach der Hochzeit 1924 folgte sie ihrem zehn Jahre älteren Ehemann aus dem Dorf in Westfalen in die große Stadt, wo sie am Samstag, dem 5. September 1925, ihr erstes Kind zur Welt brachte. Der Junge bekam den Vornamen des Großvaters. Fast drei Jahre später kam ihre Tochter Hella zur Welt.

In seiner Erinnerung beschreibt Ludwig Sebus seine Mutter trotz der westfälischen Herkunft als „richtiges kölsches Mädchen“. Sie sei offen für alles Neue gewesen und habe deshalb leicht mit fremden Menschen Kontakt gefunden. Sie konnte Karneval feiern, war musikalisch, konnte dichten und hatte viel Phantasie. Sein Vater sei eher ein Macher gewesen, ausgestattet mit einem klaren Blick für andere Menschen. Der Sohn bezeichnet ihn als bescheiden und gelassen. Während die Mutter die Menschen gerne in „gut“ und „böse“ eingeteilt habe, sei der Vater eher der versöhnliche Typ gewesen. Ludwigs Tochter Monika Rück erinnert sich im Rückblick an ihren Opa als „richtigen Kölner mit einem großen Herzen und überschwänglicher Freundlichkeit“. Was beide auszeichnete, sei ein festes Fundament an Werten gewesen, so Ludwig Sebus. „Das waren vor allem christliche Nächstenliebe und ein klares Bekenntnis zur katholischen Kirche.“ Dieses Fundament hätten sie durch ihre Erziehung an ihre Kinder weitergegeben.

Wenn Ludwig Sebus über seine Familie spricht, darf die Geschichte einer bekannten Ahnin nicht fehlen, die von vielen – darunter Goethe und Napoleon – geehrt wurde. Als Siebzehnjährige soll Johanna Sebus im Januar 1809 Verwandte und Nachbarn aus dem Hochwasser des Niederrheins gerettet haben und dabei selbst ertrunken sein. Wie die Verwandtschaftsverhältnisse zu der Kölner Familie Sebus genau aussehen, lässt sich nicht nachvollziehen, was aber keine große Rolle spielt. Denn als mutiges Vorbild für aufopfernde Nächstenliebe, auf das man als Familie gerne stolz verweist, taugt Johanna allemal. Und wer kann schon von Vorfahren berichten, die Johann Wolfgang von Goethe mit eindrucksvollen Reimen lobte? „Der Damm zerreißt, das Feld erbraust. Die Fluten spülen, die Fläche saust.“ So beginnt seine Hommage an Johanna. Die Zeilen wurden zur ritualisierten Begrüßungsformel, wenn Ludwig Sebus und der Kölner Kardinal Josef Frings aufeinandertrafen. Als dem Kardinal 1951 der damalige Vorsitzende des Jugendverbands des „Katholischen kaufmännischen Vereins“ (Jung-KKV) vorgestellt wurde, halfen Johanna und Goethe beim Aufbau einer bleibenden Verbindung. Von da an hätten sie sich bei jedem Wiedersehen mit Goethes Worten begrüßt, so Sebus.

Familie Sebus im Jahr 1931, rechts Vetter Ludwig Fiege.

Als Kind verbrachte er viel Zeit im Geschäft seines Vaters, dem er bei der Arbeit zusah. Hinter einer Verkaufstheke befand sich die Werkstatt mit einem Arbeitstisch, ein großes Schaufenster präsentierte gerahmte Gemälde. Er erinnert sich an die Theaterleute aus dem Reichshallentheater, die vorbeikamen. Das Theater war nach Opern- und Schauspielhaus das drittgrößte der Stadt. Der Bühnenmeister zählte zu den Bekannten des Vaters, was der Familie immer mal Freikarten sicherte. So habe er bei einer Weihnachtsveranstaltung in der ersten Reihe gesessen und sei prompt von Hans Muff, dem unfreundlichen Begleiter des Nikolauses, auf die Bühne geholt worden. Auf die Frage, ob er denn immer brav gewesen sei, habe er etwas gezögert, weil er erst am Morgen die Puppe seiner Schwester aus dem Fenster geworfen hatte. Als Hans Muff dann andeutete, ihn verprügeln zu wollen, habe er sich vom Nikolaus weggerissen und ihm gesagt, dass er nicht bleiben könne, weil er dem Vater beim „Enrahme“ helfen müsste.

Auf dem Programm des Theaters standen Operetten und Revuen. Varietékünstler und Zirkusartisten waren zu Gast. Einer von ihnen war ein Zauberer gewesen, der angeblich als Erster einen Elefanten „fottzaubere kunnt“, erzählt Ludwig Sebus in einer kölschen Geschichte, die er für eine Doppel-CD zum 80. Geburtstag („Uns kölsche Siel“) aufgenommen hat. Das muss den kleinen Ludwig und seine Freunde schwer beeindruckt haben. Der Elefant stand als „Reklame-Gag“ vor dem Eingang herum. Kinder hätten sich auf ihn draufsetzen können. „Die Haare haben gepiekt wie Stecknadeln.“ Einen Schrei vor Schmerz habe der Elefant mit einem lauten Trompeten gleich neben seinem Ohr beantwortet. Da habe er befürchten müssen, dass dies das Signal für den Zauberer war, um ihn zusammen mit dem Tier wegzuzaubern. Er habe sich schon „en de afrikanische Bösch“ gesehen.

An den Karneval der 20er und 30er Jahre hat Ludwig nur wenige Erinnerungen. Es gibt ein Foto, das ihn als kleinen Jungen in einem Clownskostüm zeigt. Der Fastelovend sei eben damals etwas ganz anderes als heute gewesen. Nachdem die Verbote und Beschränkungen der Besatzer wegfielen, gab es zwar wieder einen Rosenmontagszug. Doch ein Fest mit Hundertausenden maskierten Jecken ist der Straßenkarneval damals nicht gewesen. Kaum einer war verkleidet gewesen, meint Ludwig. Seine Eltern gingen zu einer Sitzung der Großen Kölner Karnevalsgesellschaft und am Rosenmontag zum Zug – das war’s.

Der große Star der Zeit war Willi Ostermann, der für Ludwig Sebus später zur wichtigen Bezugsgröße wurde. Immer wieder sollte er später mit Ostermann verglichen werden. Im Lied „Am Ostermann-Brunne“, das Sebus 1963 veröffentlichte, sah er sich selbst in der Nähe des großen Mannes. Wenn er sterbe, werde er am Himmelstor den Herrn „nohm Ostermann“ fragen. „E Engeleche kom do und dat laachte mich an, un dat wor der Willi, dr Ostermann!“ Doch als Kind war ihm der deutschlandweit erfolgreiche Hitlieferant völlig unbekannt.

Bruder und Schwester im Karnevalskostüm in der elterlichen Wohnung.

Heute kennt jedes Kind in der Stadt und ihrer Umgebung die erfolgreichen Interpreten aktueller kölscher Liedkultur und kann jedes Jahr die neuesten Hits mitsingen. Das war damals offensichtlich anders. Der Karneval, seine Lieder und Veranstaltungen spielten in der Kindheit des späteren Karnevalsstars keine große Rolle. „Un als Jugendlicher häss de met däm Fastelovend sowieso nix am Hoot“, wie er im Rückblick sagt. So hörte Sebus den Namen Ostermanns erstmals als Zehnjähriger, als ein riesiger Menschenauflauf den Weg des Trauerzugs für den Verstorbenen vom Neumarkt zum Melaten-Friedhof säumte. Willi Ostermann war nach einem Zusammenbruch auf der Bühne im Kurhaus von Bad Neuenahr und einigen Wochen im Krankenhaus am 6. August 1936 gestorben. Im Krankenhaus schrieb er sein letztes Lied „Heimweh nach Köln“. Vier Tage nach seinem Tod fand die Beisetzung statt, bei der Zehntausende auf der Straße standen, um Abschied zu nehmen.

In einer prächtigen Kutsche wird der Sarg Willi Ostermanns zum Melaten-Friedhof gefahren. Tausende Kölner erweisen ihm die letzte Ehre.

Die Familie wohnte mittlerweile in der Moltkestraße. Der Sohn erinnert sich, wie sie mit dem Pferdewagen eines Milchmanns dorthin die Möbel transportiert hatten. Auch die mit Kränzen überhäufte, schwarze Kutsche mit Ostermanns Sarg wurde von Pferden gezogen, als der Junge unweit der neuen Wohnung auf der Straße spielte. „Ehrfurchtsvoll“ habe er mit seiner Mutter, die er herbeigeholt habe, am Wegesrand gestaunt. Angesichts der Menschenmenge sei ihm klar gewesen, dass es sich um einen besonderen Toten handeln musste. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Zug an. Er habe seine Mutter gefragt, wer denn da gestorben sei. Mit der Antwort konnte er nichts anfangen. Trotzdem schlossen sich die beiden dem Trauerzug an und folgten ihm auf den Friedhof. Am Grab wurde „Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia“ gespielt. Unter den Trauergästen befanden sich viele, mit denen Sebus zwei Jahrzehnte später auf Karnevalssitzungen auftreten sollte, so die Liedermacher Karl Berbuer, Gerhard Ebeler oder August Batzem sowie der mächtige Karnevalsfunktionär Thomas Liessem. Am Grab erwies der junge Ludwig dem Verstorbenen seine Wertschätzung, bevor er wusste, welche Bedeutung Ostermann für die Stadt, ihre Kultur und Sprache hatte und in Zukunft haben sollte. Wie wichtig er für sein eigenes Leben werden würde, konnte keiner ahnen. Der Tag habe sich jedoch tief in seiner Erinnerung eingeprägt, sagt er.

Als Ostermann zu Grabe getragen wurde, waren die Nationalsozialisten bereits über drei Jahre in Deutschland an der Macht, und der offizielle