Hawaii - Insel der Liebe - Joanna Neil - E-Book

Hawaii - Insel der Liebe E-Book

Joanna Neil

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Beschreibung

Palmen, Sand, azurblaues Wasser: Hand in Hand spaziert Amber mit ihrem Kollegen Ethan über den Traumstrand Hawaiis - sie ist dem Zauber der Insel genauso erlegen wie dem Mann an ihrer Seite. Doch warum ist Ethan in einem Moment leidenschaftlich und zärtlich - und plötzlich so abweisend und kühl?

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Hawaii - Insel der Liebe erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2010 by Joanna Neil Originaltitel: „Hawaiian Sunset, Dream Proposal“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM Band 39 - 2011 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Übersetzung: Claudia Weinmann

Umschlagsmotive: GettyImages_Joshua Hicks, puhhha

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2020 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733717001

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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1. KAPITEL

„Es geht ihm ziemlich schlecht, oder?“ Die Stimme der jungen Frau zitterte, und ihre großen Augen glitzerten verdächtig. Mit einer Mischung aus Angst und Ungeduld sah sie Amber an. „Können Sie nicht irgendetwas für ihn tun? Warum hilft ihm denn niemand?“

Amber nahm den Ausdruck aus dem EKG-Gerät und betrachtete ihn stirnrunzelnd. Der Herzschlag ihres Patienten war unregelmäßig und gefährlich arrhythmisch. „Ich verstehe ja, dass das eine schwierige Situation für Sie ist“, versuchte sie die Frau zu beruhigen, „aber ich kann Ihnen versichern, dass wir alles Menschenmögliche tun, um Ihrem Vater zu helfen. Ich habe ihm vorhin ein Schmerzmittel gegeben, und die Infusion soll dafür sorgen, dass er sich etwas stabilisiert.“ Sie warf einen Blick auf den Defibrillator, den man für alle Fälle neben das Bett gestellt hatte, verzichtete jedoch darauf, der Tochter diese Vorsichtsmaßnahme zu erläutern.

Die junge Frau seufzte traurig. „Er sieht so schrecklich krank aus. Natürlich weiß ich, dass es ihm schon seit Monaten nicht besonders gut geht, aber sein Zusammenbruch war trotzdem ein furchtbarer Schock für mich. Als ich ihn in seinem Büro gefunden habe, war mir sofort klar, dass es sehr ernst ist.“

Sie schluckte und warf ihrem Vater einen besorgten Blick zu. „Die Sekretärin hat mir gesagt, dass er ganz normal an seinem Schreibtisch gesessen hat, und dann war ihm plötzlich schwindelig und er bekam Atemnot. Er hat es zuerst für einen normalen Übelkeitsanfall gehalten, aber dann kam ein schrecklicher, unerträglicher Schmerz in der Brust dazu … Wir haben sofort den Notarzt gerufen.“

„Die Rettungskräfte haben ihn notfallmäßig versorgt, bevor sie ihn zu uns gebracht haben“, erklärte Amber ihr. „Sie haben dafür gesorgt, dass er den Transport unbeschadet übersteht.“

Martyn Wyndham Brookes war bei Bewusstsein gewesen, als er in der Notaufnahme angekommen war. Trotz seiner starken Schmerzen hatte seine Sorge allein seiner Tochter gegolten. „Sie ist noch so jung“, hatte er gestöhnt. „Und sie ist so weit weg von zu Hause. Sie studiert hier an der Uni. Es war immer ihr Wunsch, in London zu studieren.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht hatte er Amber angesehen. Sie war gerührt über seine Fürsorge gewesen und hatte ihn beruhigt.

„Ich verspreche Ihnen, dass wir uns um sie kümmern“, hatte sie ihm versichert.„Eine der Krankenschwestern wird bei ihr bleiben und sie trösten. Aber jetzt müssen wir uns erst einmal auf Sie konzentrieren.“

Amber hatte sich vom ersten Augenblick an zu diesem starken, warmherzigen Mann hingezogen gefühlt.

Nachdem er nun erschöpft in einen unruhigen Schlaf gefallen war, hatte sie endlich Zeit, seiner Tochter zu erklären, was passiert war. „Ich vermute, er hatte einen Herzinfarkt“, sagte Amber. „Und wahrscheinlich blockiert noch immer ein Blutgerinnsel irgendwo eine Arterie, sodass er Probleme mit dem Kreislauf hat.“

Tränen liefen Caitlin Wyndham Brookes Wangen hinunter. „Das haben die Leute vom Rettungsdienst auch schon gesagt. Es steht sehr schlimm um ihn, oder?“

„Wir tun, was wir können.“ Nachdenklich sah Amber die junge Frau an. „Gibt es jemanden, den wir für Sie anrufen könnten? Der herkommen und bei Ihnen bleiben könnte?“

Caitlin schüttelte den Kopf. „Meine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben, und sonst lebt niemand aus meiner Familie hier in Europa. Ich habe nur ein paar Freunde an der Uni.“ Ein wenig ungeduldig sah sie Amber an. „Können Sie nicht noch irgendetwas für ihn tun? Was, wenn Sie zu einem der anderen Patienten gerufen werden? Ich weiß, dass Sie sehr viel zu tun haben, aber ich möchte, dass immer jemand bei ihm ist. Und zwar keine Schwester, sondern ein erfahrener Arzt!“

Erschrocken bemerkte sie, was sie gesagt hatte. „Bitte, denken Sie nicht, dass ich an Ihrer Kompetenz zweifle“, beeilte sie sich zu erklären. „Aber es ist einfach schrecklich, ihn so hilflos dort liegen zu sehen. Er war immer stark und lebendig und unternehmungslustig.“ Die Verzweiflung ließ ihre Stimme zittern, und Amber beeilte sich, sie erneut zu beruhigen.

„Wir können ihm noch besser helfen, wenn wir ihn gründlich untersucht und alle notwendigen Tests gemacht haben. Und in der Zwischenzeit passen wir gut auf ihn auf. Er bekommt Sauerstoff, und sein Zustand wird ununterbrochen von all den Geräten hier überwacht. Selbst wenn ich zu einem anderen Patienten gerufen werde, habe ich immer einen Überblick, denn sobald es ihm schlechter geht, rufen die Schwestern mich.“

Stirnrunzelnd hörte sie ihn mit ihrem Stethoskop ab. Am Anfang war sein Herzschlag alarmierend schnell gewesen, während man seinen Puls kaum hatte tasten können. Doch nun hatte sein Herzschlag einen so chaotischen, unregelmäßigen Rhythmus, dass Amber ehrlich besorgt war.

„Leider haben wir seine Krankenakte nicht“, bedauerte sie und musterte die besorgte Tochter noch einmal genauer. Caitlin Wyndham Brookes war eine höchstens zwanzig Jahre junge, schlanke Frau, die eine schick geschnittene Kurzhaarfrisur trug. Ihre Augen glänzten in einem sanften Grau, das Amber an Regenwolken erinnerte.

„Sie haben vorhin erwähnt, dass er die meiste Zeit in Übersee lebt“, fuhr Amber fort. „Wissen Sie, wer sich dort um seine medizinische Versorgung kümmert?“

„Er hat seinen eigenen Arzt in Oahu … auf Hawaii.“ Caitlin sah Amber an. „Ich könnte versuchen, meinen Cousin dort zu erreichen. Er will sicher gern Bescheid wissen, die beiden sind wie Vater und Sohn. Dad hat sich um Ethan gekümmert, nachdem dessen Eltern gestorben waren.“

Sie zögerte einen Augenblick, während sie angestrengt nachdachte. „Ethan kann bestimmt mit Daddys Arzt sprechen, wenn Sie möchten. Und ich bin mir sicher, dass er großen Wert darauf legt, über Daddys Behandlung informiert zu werden.“

Amber nickte. „Das wäre gut. Da er so weit weg ist, schickt er die Krankenakte Ihres Vaters am besten per Fax an uns. Oder per E-Mail. Sarah, unsere Krankenschwester, wird Ihnen alle notwendigen Kontaktinformationen geben.“

Sarah nickte Amber augenzwinkernd zu. „Kommen Sie, Miss Wyndham Brookes, wir besprechen alles draußen.“

Erleichtert sah Amber ihnen nach. Natürlich wollte sie gern der verängstigten Tochter beistehen, doch im Augenblick war die Versorgung des Vaters einfach wichtiger. Es war anstrengend und auch ein bisschen lästig, die überbesorgte Caitlin zu beruhigen.

Amber wandte sich nun ihrem Patienten zu. Martyn Wyndham Brookes war Mitte fünfzig, groß, kräftig und mit silbernen Strähnen im noch immer dichten dunklen Haar. Sie nahm an, dass er ein wohlhabender Geschäftsmann war, denn die Rettungsassistenten hatten ihr erzählt, dass sein Büro in den renommierten Docklands lag und einen atemberaubenden Blick über die Themse bot.

Aber, so war es nun einmal, auch reiche Menschen wurden von Krankheit und Leid nicht verschont. Martyns Zustand verschlechterte sich rapide, und Amber war klar, dass sie all ihr Wissen und ihre Erfahrung brauchen würde, um ihn zu retten. Sein Gesicht war grau, seine Haut kaltschweißig, und ihm fehlte inzwischen die Kraft, mit ihr zu sprechen.

„Wie läuft’s?“

Sie blickte auf und sah, dass ihr Freund James hereingekommen war. Genau wie Amber war er Assistenzarzt im letzten Jahr. Voller Zuneigung sah Amber ihn an. „Es könnte besser sein“, antwortete sie leise. „Aber schön, dass du da bist. Wie war es bei dir?“

Er zuckte die Achseln und legte seinen Arm um ihre Schultern. Sofort fühlte Amber sich geborgen. „Geht so. Ich hatte ziemlich viel zu tun heute, und es macht mich nervös, dass ich immer noch nicht die Ergebnisse des Bewerbungsverfahrens habe. In wenigen Wochen laufen hier unsere Verträge aus. Hast du schon etwas gehört?“

Amber schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Aber heute hatte ich noch gar keine Zeit, in mein Postfach zu schauen. Hier war die Hölle los.“

Er sah sie mit einem halbherzigen Lächeln an. „Bei dir wird es vermutlich keine Probleme geben. Du bist einfach überragend gut und hast alle Prüfungen mit Bravour bestanden. Ich wüsste nicht, warum du die Stelle in der Notaufnahme, für die du dich beworben hast, nicht bekommen solltest.“ Obwohl er sie lobte, klang in James Stimme etwas mit, das Amber aufhorchen ließ.

James hatte sie losgelassen, und Amber fühlte sich plötzlich verlassen. Was war los mit ihm? Irgendetwas stimmte nicht. Schon seit einigen Wochen war er nicht mehr er selbst. Zuerst hatte Amber gedacht, der Prüfungsstress habe ihm zu stark zugesetzt, doch inzwischen überlegte sie immer öfter, ob es vielleicht noch etwas anderes gab.

„Ich bin nicht so sicher wie du, diesen Job zu bekommen“, widersprach sie. „Und deshalb warte ich genauso gespannt auf die Ergebnisse wie alle anderen auch. Angeblich soll die Jobverteilung mit einem speziell dafür entwickelten Computerprogramm abgewickelt werden, das aber andauernd Fehler macht. Beängstigend, oder? Sarah hat mir gesagt, dass sie mehrere Leute kennt, die deshalb keinen Job bekommen haben. Einige der Kollegen überlegen sogar, in die Wirtschaft zu gehen, um dieser Willkür nicht länger ausgesetzt zu sein.“

Verständnislos schüttelte Amber den Kopf, sodass ihre braunen Locken wild durcheinanderwirbelten. „Was für eine Verschwendung nach all den Jahren des Studiums und der Ausbildung!“

Sie wandte sich wieder ihrem Patienten zu, der offensichtlich nicht wahrnahm, was um ihn herum geschah.

„Ich glaube trotzdem nicht, dass es bei dir schwierig wird“, bekräftigte James. „Die Oberärzte sind allesamt so sehr von deiner Kompetenz überzeugt, dass sie schon dafür sorgen werden, dass du hierbleiben kannst. Neben dir bin ich nur ein armseliger Anfänger.“ Er verzog schmollend den Mund, und Amber sah ihn prüfend an. Warum war er nur so pessimistisch?

„Du hörst dich müde und erschöpft an“, sagte sie mitfühlend, bevor sie ihrem Patienten das Pulsoxymeter anlegte. Sofort fing das Gerät an zu piepen, denn die Sauerstoffsättigung war dramatisch niedrig. Amber beschloss, den Oberarzt zu rufen, um die weitere Behandlung mit ihm abzusprechen. Sie hätte gern sofort mit der Lysetherapie begonnen, um das Blutgerinnsel aufzulösen, oder zumindest zu verkleinern, doch ihr Chef operierte gerade einen Notfall, sodass sie ihn nicht fragen konnte.

„Ich hoffe wirklich sehr, dass wir beide hier am London University Hospital bleiben können. Wir haben in der Notaufnahme doch prima zusammengearbeitet, oder?“ Amber sah James an und bemerkte, dass er ihrem Blick auswich. „Gehen wir später gemeinsam Mittagessen und reden darüber? Ich bin mir sicher, dass du den Forschungsjob bekommst, für den du dich beworben hast.“

„Wahrscheinlich hast du recht. Es interessieren sich bestimmt nicht sonderlich viele Absolventen für dieses spezielle Gebiet der Asthmaforschung.“

Sofort sah James etwas entspannter aus und wandte sich zur Tür. „Ich gehe mal ins Büro und sehe nach, ob die Post inzwischen da ist.“ Mit mitleidigem Blick betrachtete er Martyn. „Der arme Kerl. Es scheint ihm wirklich schlecht zu gehen.“

Amber nickte und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr lockiges, kastanienbraunes Haar war widerspenstig wie eh und je. Genau wie ihre Mutter brauchte Amber Unmengen von Haarklammern und Bändern, um es einigermaßen im Zaum zu halten. Auch ihre smaragdgrünen Augen hatte sie von ihrer Mutter geerbt.

„Soll ich auch in deinem Postfach nachsehen, ob der Brief angekommen ist?“

„Ja bitte.“ Amber hatte sich schon wieder ihrem Patienten zugewandt und trug die Medikation in seine Akte ein, als Sarah mit den Röntgenbildern hereinkam. Die Krankenschwester warf James einen missbilligenden Blick zu, der wortlos an ihr vorbeigegangen war. Durch die geöffnete Tür sah Amber, dass Caitlin auf dem Gang stand und telefonierte.

Ein Blick auf Martyns Röntgenaufnahmen genügte Amber, um zu erkennen, dass es ihrem Patienten noch schlechter als erwartet ging. Sein Herz war stark vergrößert.

Sarah überprüfte die Infusion und fragte betont beiläufig: „Ist alles in Ordnung zwischen dir und James? In letzter Zeit benimmt er sich irgendwie seltsam. Ich kann es gar nicht genau beschreiben, aber …“

„Genau das Gleiche habe ich vorhin auch gedacht“, unterbrach Amber sie. „Mir liegt wirklich viel an ihm – schließlich sind wir schon seit einem Jahr zusammen. Und eigentlich habe ich immer gedacht, dass zwischen uns alles in Ordnung ist. Doch in den letzten Wochen hat er sich irgendwie verändert. Er lächelt kaum noch und ist immer so deprimiert und pessimistisch, findest du nicht auch?“

Sarah nickte. „Vielleicht sind das noch Nachwirkungen von der Prüfungszeit. Und dann natürlich die Ungewissheit wegen der Bewerbung. Mein Freund ist auch immer noch total gestresst.“

„Ich hoffe, diese Phase legt sich bald“, bemerkte Amber abschließend und sah zu Caitlin herüber, die einen etwas zögerlichen Eindruck machte.

„Ist alles in Ordnung, Miss Wyndham Brookes?“

Caitlin deutete auf ihr Handy. „Mein Cousin Ethan ist am Telefon. Er möchte, dass ich den Lautsprecher anstelle, damit er sich an unserem Gespräch beteiligen kann.“

„Kein Problem“, stimmte Amber bereitwillig zu. „Aber bitte gehen Sie mit dem Handy nicht noch dichter an die Geräte heran.“

Sie überprüfte Martyns Puls, der eine beunruhigende Frequenz erreicht hatte. Sein Gesicht war inzwischen so grau, dass Amber sich ernsthafte Sorgen machte. „Es ist sicher frustrierend für Sie, so weit weg von Ihrem Onkel zu sein und ihm nicht helfen zu können“, sagte sie in Richtung des Lautsprechers.

„Das ändert sich hoffentlich bald“, antwortete eine krächzende männliche Stimme. Sein Ton war so knapp und autoritär, dass Amber zusammenzuckte. „Ich möchte sofort mit dem Arzt sprechen, der meinen Onkel behandelt.“

„Das tun Sie bereits“, antwortete Amber gelassen. „Ich bin Dr. Amber Shaw, Assistenzärztin im letzten Ausbildungsjahr, und ich hatte gerade Dienst in der Notaufnahme, als Ihr Onkel eingeliefert wurde. Und wie heißen Sie, wenn ich fragen darf?“

„Mein Name ist Ethan Brookes – ohne das Wyndham. Meine Cousine hat mir bereits geschildert, was passiert ist. Vielen Dank, dass Sie sich um meinen Onkel kümmern. Wenn ich Caitlin richtig verstanden habe, verschlechtert sich Martyns Zustand, obwohl Sie ihm ein antikoagulierendes Mittel gegeben haben.“

„Wir haben die Situation im Griff, Mr. Brookes“, erwiderte Amber eine Spur zu kühl. „Wie ich Ihrer Cousine bereits gesagt habe, warten wir noch auf die Untersuchungsergebnisse. Sie werden sicher bald da sein.“

„Hm. In einer solchen ‚Situation‘ ist die Zeit ein entscheidender Faktor, nicht wahr? Ich würde daher gern den zuständigen Oberarzt sprechen, falls Sie nichts dagegen haben.“

Trotz seiner höflichen Formulierung verstand Amber seinen Wunsch als das, was er war: eine unmissverständliche Anweisung. Seine Art zu sprechen und sein Ton ließen keinen Zweifel daran, dass er es gewohnt war, Befehle zu erteilen. Obwohl er erst Mitte dreißig zu sein schien.

„Kein Problem. Ich rufe ihn, sobald er seine Operation abgeschlossen hat. Im Augenblick ist er noch im OP. In der Zwischenzeit können Sie gern mir Ihre Fragen stellen. Ich kann Ihnen versichern, dass wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Ihrem Onkel zu helfen.“

„Das freut mich. Meine Cousine und ich sind nämlich sehr besorgt.“

Amber spürte, dass es Ethan Brookes nicht gefiel, mit einer vermeintlichen Anfängerin sprechen zu müssen, doch sie gab sich Mühe, ruhig zu bleiben und es nicht persönlich zu nehmen.

„Es ist mir vollkommen klar, dass das für Sie beide momentan schwierig ist“, murmelte sie mitfühlend. „Sie dürfen mir glauben, dass wirklich alles Menschenmögliche für Ihren Onkel getan wird. Er ist leitliniengerecht behandelt worden – Sauerstoff, Aspirin, Glycerin-Trinitrat und Schmerzmittel. Außerdem natürlich Blutverdünner. Und ich habe ihn bereits in der Angiografie angemeldet. Sobald mein Chef seine OP beendet hat, wird er herkommen und entscheiden, ob wir ihn interventionell behandeln.“

„Sie halten es also für möglich, dass er operiert werden muss?“

„Es ist zumindest eine Möglichkeit. Natürlich nur, falls sein Allgemeinzustand es zulässt. Vielleicht gelingt es uns aber auch, das verstopfte Blutgefäß mithilfe eines Katheters zu entfernen. Seine Röntgenbilder zeigen, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Vorerkrankung hatte. Es wäre sehr hilfreich für uns, seine Krankenakte zu bekommen.“

„Ich kümmere mich bereits darum. In der Zwischenzeit würde ich gern eine Videokonferenzschaltung einrichten lassen, damit ich bei der Behandlung anwesend sein kann. Könnten Sie dafür sorgen, dass Ihr technischer Dienst eine Kamera in seinem Zimmer installiert?“

Amber stockte der Atem. Dieser Mann wusste wirklich ganz genau, was er wollte. Und Hindernisse schien es für ihn nicht zu geben.

„Da Ihr Onkel in einem Einzelzimmer liegt, lässt sich das bestimmt einrichten. Natürlich nur, sofern seine Tochter nichts dagegen hat.“ Sie sah Caitlin an.

„Gute Idee“, erklärte die junge Frau. „Es würde mich sehr beruhigen, wenn Ethan quasi anwesend wäre.“

Amber war sich nicht sicher, ob sie Caitlins Begeisterung teilte. Besonders verlockend fand sie die Vorstellung, dass ein Fremder jeden ihrer Schritte überwachte, nicht. Doch wenn es half, dieser Familie die Situation zu erleichtern, war sie gern bereit, es zu tolerieren.

„Mein Chef ist in wenigen Minuten hier“, sagte Amber. „Ich spreche mit ihm, und wenn er zustimmt, rufe ich sofort einen Techniker an. So, falls es jetzt nichts mehr zu besprechen gibt, würde ich mich gern wieder Ihrem Onkel widmen.“

„Ja, gut. Und danke für Ihr Verständnis.“ Klang da ein Hauch von Ironie aus Ethan Brookes Worten?

Amber atmete erleichtert auf, als Caitlin mit dem Telefon auf dem Gang verschwand.

Einige Minuten später überließ sie Martyn ihrer Kollegin Sarah, während eine weitere Krankenschwester Caitlin in einen Warteraum brachte und ihr eine Tasse Tee kochte. Endlich konnte Amber sich wieder um ihre anderen Patienten kümmern.

Als ihr Chef aus dem OP kam, informierte Amber ihn über Martyns Zustand.

„Wenn er eine Videoschaltung möchte, kann er sie haben“, stimmte der Oberarzt achselzuckend zu. „Den Brookes gehört ein international agierender Konzern, der Obst und Südfrüchte in die ganze Welt exportiert. Diese Leute gehören zur High Society und haben großen Einfluss. Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, sollten wir sie nicht verärgern. Also rufen Sie ruhig den Techniker an. Wenn es Mr. Brookes glücklich macht …“

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Amber ihren Chef an. Eine Bevorzugung reicher Patienten war eigentlich nicht seine Art.

„Professor Halloran“, unterbrach Sarah sie, „Sie werden im Aufwachraum gebraucht. Einer Ihrer Schrittmacher-Patienten hat Probleme.“

Der Oberarzt nickte und sah Amber an. „Bereiten Sie Mr. Wyndham-Brookes auf die OP vor. Bin gleich wieder da.“

Nachdem sie mit dem Techniker telefoniert hatte, ging Amber zurück zu ihrem Patienten. Martyn war kaum bei Bewusstsein, doch sie erklärte ihm trotzdem ruhig und leise, was sie vorhatten.

„Haben Sie noch Fragen?“

„Nein. Danke. Ich bin sehr müde.“ Vergeblich versuchte er, seine Hand zu heben. Dabei keuchte er vor Anstrengung. „Ich weiß, dass Sie Ihr Möglichstes für mich tun. Bitte machen Sie sich keine Vorwürfe, falls es schiefgeht.“

Amber spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Seltsam, dass dieser Mann es scheinbar mühelos schaffte, ihre Schutzmauer zu durchdringen. Obwohl sie ihn erst seit wenigen Stunden kannte, spürte sie bereits eine tiefe Verbundenheit mit ihm.

„Es wird nichts schiefgehen“, versprach sie. „Ich passe gut auf Sie auf, und Professor Halloran ist wirklich der Beste.“