Heiß ist die Liebe, kalt ist der Tod - Manfred Rebhandl - E-Book
Beschreibung

Auf der Suche nach der Bikinifigur Für Kitty steht der Sommerurlaub an: Kreta oder Ibiza, Yoga oder Testosteronmonster? Die Bikinis sind jedenfalls gekauft, auch wenn die Bikinifigur noch auf sich warten lässt. Doch Reisegefährtin und Freundin Susi macht ihr einen Strich durch die Rechnung und verliebt sich doch tatsächlich in einen Filmproduzenten! Als der sie auch noch in seiner neuesten Schmonzette mitspielen lassen möchte, reicht es Kitty endgültig. Auf der Suche nach der Liebe Kitty beschließt: ein Mann muss her! Am besten gleich Ermittlerkollege Ali, dann könnten sie gemeinsam in die Türkei auf Urlaub fahren und die neuen Bikinis würden ihren Auftritt bekommen. Doch Ali hat ganz andere Sorgen: seine ganze Berliner Familie belagert ihn und will ihn unbedingt mit einer seiner jungen Cousinen verheiraten! Kitty muss helfen und ihn aus seiner misslichen Lage befreien. Auf der Suche nach dem Mörder Zu allem Übel wird auch noch Rufus Lottmann, der Regisseur der besagten Schmonzette, erschlagen im Hinterhof eines Burgerladens aufgefunden. Dass dieser Burgerladen aber nicht nur Fleisch im herkömmlichen Sinne im Sortiment hat, sondern auch junge hübsche Damen aus dem Osten anbietet, ist da nur das Tüpfelchen auf dem i. Kitty und Ali tauchen ein in die Welt des Filmemachers und finden sich zwischen Scheidungskrieg, dunklen Machenschaften und einem unglücklichen Liebesdreieck wieder … Action mit einer Prise Herz Manfred Rebhandls Schreibstil ist so kultig wie sein Ermittlerduo: derb, politisch unkorrekt und unglaublich witzig! Kitty und Ali sind erfrischend anders und bringen Schwung in die Krimi-Szene! Da sind Gänsehaut und Lachtränen vorprogrammiert. Rebhandls Kitty-Muhr-Reihe ist nicht nur etwas für eingefleischte Krimifans, sondern auch für alle jene, die ihre Action gerne mit einer Prise Herz serviert bekommen.

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Beliebtheit


Manfred Rebhandl

Heiß ist die Liebe, kalt ist der Tod

Ein Kitty-Muhr-Krimi

Inhaltsverzeichnis
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Titel
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Manfred Rebhandl
Zum Autor
Impressum
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1

Den ganzen Frühling über ging das so: „… Oder Sizilien? Oder Korsika? Oder doch die Malediven?“

Und ich: „Wieso die Malediven, was ist denn dort?“

Und sie: „Ich habe da zwei Wochen im Internet gefunden, ein Superschnäppchen!“

Und dann: „Kitty, hör zu, du musst dich auch ein bisschen darum kümmern!“

Und ich: „Bin für Ibiza oder Kreta.“

Und sie: „Aber das hast du doch vor drei Tagen schon gesagt! Ich höre immer nur Ibiza oder Kreta!“

Und ich: „Siehst du, du kannst das viel besser als ich!“

Und wie sie es konnte!

„Dann vielleicht doch eine Woche im Premium Spa an der Costa Smeralda anstatt zwei Wochen einfach irgendwo?“

„Wo ist denn diese Costa – wie heißt sie noch mal?“

„In Sardinien. Ich bitte dich, Kitty! Weißt du denn echt überhaupt nicht, wo was ist?“

Ich kannte die Alte Donau, und ich kannte ein paar Strände auf Malle. Und in Jesolo, Rimini und Bibione bin ich praktisch seit meiner Kindheit zu Hause. Da war ich nämlich öfter mit meinen Eltern, als sie noch zusammen waren, und mit meiner Schwester Bärbel, die sich bald Babsi nannte und irgendwann Barbie. Diese Göre war schon damals unerträglich und mied den Kontakt mit dem Sand, weil er angeblich ihre Haut zerstören würde. Echt! Und Papa war in der Bar, aß dort Schnitzel und schaute den hübschen Frauen hinterher, während Mama beleidigt auf dem Balkon saß und sich ihre Haut mit ganz viel Sonne zerstörte, während sie auf Papa wartete.

Später war ich dann noch zweimal in Kroatien.

Also wieder Susi: „Ich buche morgen Patmos verbindlich mit meiner Kreditkarte, okay?“

Und ich: „Tu das!“

„Und du gibst mir dann das Geld.“

„Natürlich! Aber hör zu: Du darfst diesmal echt keine Fotos von mir auf diesem scheiß Facebook posten, klar!“

„Das werde ich bestimmt nicht!“

„Hast du letztes Mal auch gesagt, als wir in der Bingobongobar deinen Geburtstag gefeiert haben!“

„Da war ich betrunken.“

„Im Urlaub wirst du aber auch nicht nüchtern sein!“

„Willst du jetzt mit mir in den Urlaub fahren oder nicht?“

„Eigentlich nicht.“

Susi und ich waren zwar beste Freundinnen, seit sie mir mal über den Weg gelaufen war und nicht mehr von mir abließ. Aber irgendwie blieb man nur so lange beste Freundinnen, solange man nicht gemeinsam in den Urlaub fuhr. Ich hatte also eine gewisse Angst davor, jedenfalls eine gewisse Scheu, ihr in Flipflops zu irgendeinem Appartement hinterherzulaufen, von wo aus man dann drei Kilometer zum Strand weiterlatschen musste, obwohl es auf den Fotos im Internet ganz anders rüber gekommen war. Und was, wenn Susi im Bikini so peinlich aussah, dass ich nicht mit ihr gesehen werden wollte? Oder noch schlimmer: Was, wenn das umgekehrt der Fall wäre und ich die Peinliche sein würde? Man denkt ja immer, dass man in der Umkleide im Bikini am schrecklichsten aussieht, weil das Licht da drin so hell und so unbarmherzig ist (auch wenn sie immer sagen, dass das gar nicht der Fall ist). Man schaut dann aber im Bad zu Hause noch schlimmer aus, weil die ja in der Umkleide immer so schlank machende Spiegel haben. Man weiß also gar nicht so recht, wie man eigentlich im Bikini aussieht, bevor man ihn am Strand trägt, und erst wenn man sich nachher die Urlaubsfotos auf Facebook anschaut, weiß man es genau, da ist dann auch noch der Sonnenbrand gut sichtbar.

Außerdem war ich echt noch nicht in Bikini-Form, obwohl ich schon zwei neue gekauft hatte, neben den ganzen anderen, die ich auch noch hatte, einen in Gelb, und einen in Pink. Gewagte Farben, ich weiß. Aber ein pinkfarbener muss immer mit, auch wenn ich ihn dann nie anziehe. Und ein gelber, naja, ich weiß auch nicht …

Zwei Tage später hatten wir dann noch immer keine Entscheidung getroffen, sondern waren erst beim „Ausschlussprinzip“ angekommen. Susi hat sich das von dieser Rate-Show im Fernsehen abgeschaut, wo einem immer so viele Fragen gestellt wurden. Immerhin hatten sie die Auswahl nun auf zwei Destinationen reduziert: Mykonos (geil!) oder Ägypten (billig!). Nach Mallorca, das wir ausgeschlossen hatten, wollten wir wegen der vielen Betrunkenen nicht mehr, und nach Italien, das wir auch ausgeschlossen hatten, wegen der vielen Kleinwüchsigen, darauf hatte ich bestanden. Zwar haben die Italiener alle sehr viele Haare auf der Brust und tragen gerne enge Badehosen, was mir gefällt, aber sie sind eben auch alle viel zu klein und haben nichts von Tarzan. Ich fand aber, dass alle Typen am Strand so aussehen sollten wie Tarzan.

Wir hatten uns also beinahe auf Marokko festgelegt, weil das noch billiger war als Ägypten, als dann vor zwei Wochen der Supergau überhaupt passierte: Susi kam ganz aufgeregt in die Bingobongobar und nahm mir die Entscheidung ab: „Sorry, Kitty, kein Urlaub mit dir! Ist nichts Persönliches.“

Und ich: „Oh Gott, oh Gott, oh Gott, ist das dein Ernst? Warum denn? Bitte nicht! Das kannst du doch nicht machen!“

Hörte mich dabei an wie eine, die ihren Typen, der sie gerade verlassen hat, auf Knien anfleht, dass er doch bei ihr bleiben soll. Motto: Wir waren zwar nicht glücklich, aber ist doch egal! Alleine ist es ja noch viel schlimmer als zusammen.

Saß dabei einfach da wie ein Flusspferd, das sich nicht mehr bewegen konnte, vollkommen ohne Antrieb und erschlagen von dieser schrecklichen Neuigkeit. Auf einmal lag ein Sommer vor mir, der so alles andere als durchgeplant war. Ich hatte ja schon ein paar Wochen Urlaub eingetragen, von denen ich nun überhaupt nicht wusste, was ich mit ihnen anfangen sollte. Während meine ehemals beste Freundin plötzlich auf Wolke sieben schwebte und vor Glück kreischte: „Ich bin ja sooo verliebt.“

Das war echt bitter, und zwar für mich!

Dabei hatte ich ja selbst die Entscheidung für einen Urlaub mit Susi immer wieder und möglichst lange hinausgeschoben, weil ich natürlich meinerseits hoffte, mit einem Mann in den Urlaub zu fahren und ihr das dann mitteilen zu können: „Sorry, kein Urlaub mit dir, Susi! Ist nichts Persönliches“ Aber je länger sich für uns beide in der Bingobongobar kein geeigneter Mann aufdrängte (nicht einmal für einen gemeinsamen Urlaub geeignet!), desto ungeduldiger wurde Susi und desto eher war sie bereit, den erstbesten Typen zu nehmen, der ihr, ohne dabei zu lallen, seinen Namen nennen konnte. Und als wir dann endlich beinahe so weit waren, uns auf Bulgarien zu einigen, musste sie am Tag zuvor noch unbedingt zu einer Theaterveranstaltung gehen, auf die ich aber nicht mitkommen wollte.

„Geh allein zu Romeo und Juliane!“

„Es heißt Romulus und Julia, sag mal, weißt du echt nicht, wie das heißt?“

Und ausgerechnet dort lernte sie jemanden kennen, nur weil ich nicht mitgekommen war, nämlich einen Filmproduzenten! Ein sexuelles Tier, wie sie mir schon am ersten Abend nach ihrer Begegnung mit ihm in der Bingobongobar verriet, ein Animalfascinosum.

„Was ist denn das?“, hatte ich gefragt.

„Na, du weißt schon.“

„Weiß ich nicht!“

„Er ist groß.“

„Wie groß?“

„Sehr groß.“

Mein Gott, Männer! Sie waren so verdammt einfältig, sobald sie nur ein Paar halbwegs feste Titten vor sich sahen, und man brauchte ihnen dann nur zu sagen: Du bist der Größte! Und das größte Auto hast du natürlich auch. Und habe ich dir schon gesagt, dass du den Größten auch hast, wirklich bravo! Schon lagen sie vor einer im Staub, auch wenn Susi natürlich keine Ahnung von wahrer Größe hatte und selbst bereits vierzig war und einen Pferdebiss hatte.

Andererseits, Frauen! Wir waren noch viel einfältiger als Männer! Wir glaubten diesen schlicht alles, solange in ihren säuselnden Sätzen nur die Worte „Diesmal ist es für mich etwas Ernstes“ vorkamen oder „Du bist die Einzige für mich, ganz ehrlich!“ Nachdem dieser Typ ihr das gesagt hatte, störte es sie auch überhaupt nicht mehr, dass er bereits über siebzig war oder vielleicht sogar über achtzig und dass er einen silbernen Pferdschwanz trug, wie sie mir gestand!

Plötzlich aber kannte Susi so viele Schauspieler mit Namen, denn Ary (das war sein Name!) stammte aus einer Theaterfamilie, wie er ihr versichert hatte, und sie waren alle extrem erfolgreich: zwei im Burgtheater, eine in Berlin an dieser Volkshochschaubühne oder wie die heißt, und sogar einen schwierigen Direktor von irgendwas hatten sie in ihrer Familie. Und eben den Ary, Bruder von allen und Filmproduzent. Susi geizte nun auch nicht mehr mit Wissen, nachdem sie ihn kennengelernt hatte, und mir blieb nur noch zu sagen: „Du kennst dich ja aus.“

„Ein bisschen“, sagte sie bescheiden.

„Bist jetzt eine kleine Kunst- und Kulturmaus, was?“

„Ary ist halt sehr gebildet.“

„Und das färbt auf dich ab, willst du sagen?“

„Natürlich. In einer Beziehung ergänzt man sich nun mal.“

„Was färbt dann von dir auf ihn ab? Dein Kajal? Dein Rouge. Dein Lippenstift auf seine Eichel?“

Oh Gott, ich hörte mich an, als wäre ich eifersüchtig! Eifersüchtig, weil sie vielleicht regelmäßig ihren Ary in den Mund nehmen konnte, von dem ich gar nicht wissen wollte, wie er aussah und ob er es überhaupt wert war, aber sie sagte es mir trotzdem ständig: Ary, das Tier!

„Ja, genau das färbt von mir auf ihn ab! Denkst du wirklich, dass ich außer blasen nichts kann? Das ist doch lächerlich.“

Dabei dachte ich genau das eben nicht, schließlich hatte sie ja diesen Pferdebiss! Ary musste also eine spezielle Neigung haben, oder jedenfalls großes Zutrauen in ihre Künste, wenn er das wirklich genießen konnte. Denn wenn sie vor ihm kniete und zu ihm hochschaute, dann sah er vor allem – ihre Zähne! Zähne durften beim Blasen aber nur sehr dezent oder ganz gezielt eingesetzt werden, und außerdem nur, falls gewünscht. Ansonsten war das eine Frage der Lippen und der Zunge.

„Jedenfalls fahre ich mit Ary in den Urlaub!“

Und ich konnte mir nun die tausendfünfhundert Euro sparen, die ich für den Urlaub veranschlagt hatte, ach was: die ich mir vom Mund abgespart hatte! Musste dafür auf hundertfünfzig Pipelines bei Johnny verzichten, und jetzt war klar: Was für ein Fehler! Hätte ich doch die Cocktails getrunken. Es gibt echt wenig, was ich mehr hasse, als eine beste Freundin, die verliebt ist. Und Susi hatte sich ja nun wirklich schon öfter verliebt – aber diesmal kam erschwerend hinzu: „Es ist etwas Ernstes!“

„Ach?“

„Jaaaa! Und ich werde in seinem nächsten Film mitspielen! Europäisches Thema. Arm-Reich, große Liebesgeschichte.“

„Ach?“

„Jaaa!“

„Das kann ich mir jetzt aber echt nicht vorstellen!“

„Und warum nicht?“

„Weil du nicht spielen kannst!“

2

Nun musste ich also meine Urlaubs-Optionen ohne Susi sondieren, die waren allesamt ziemlich traurig und stürzten mich in eine tiefe Krise: Städtereisen? Nein danke! Heißer Asphalt im Sommer, rote Knie vom Sonnenbrand, und die vielen anderen Sonnenhutträgerinnen vor Baudenkmälern hielt ich einfach nicht aus. Außerdem kannte ich die ganzen Sehenswürdigkeiten ohnehin von Fotos, also warum hinfahren?

Was dann? Alles, was nördlich von Wien lag, kam auch nicht infrage, weil zu kalt, und alles, was südlich von Kärnten lag, eigentlich auch nicht, weil zu heiß.

Eine meiner traurigsten Optionen saß mir gegenüber. Sie hieß Ali Khan Kurtalan und schaute mich an, als wäre ich eine Ziege. Er bohrte in der Nase und zwirbelte dabei seinen Schnauzer. „Was guckst du?“, fragte ich.

Ali war mein Kollege bei der Mordkommission, wir hatten unser Büro mit Tür zum Hof des alten Gebäudes, wo für uns Parkplätze reserviert waren, aber nur ich brauchte einen für meinen Benz, Ali war Radfahrer. Vielleicht könnte er mich auf seinem Drahtesel nach Antalya mitnehmen, überlegte ich nun, All-inclusive mit vielen Russen am Buffet und richtig stark verbrannten Schultern. Er könnte dort seine Verwandten besuchen und sich vielleicht eine Cousine zum Heiraten suchen, während ich mir einen reichen Russen angeln würde, denn Verwandte und Cousinen hatte Ali genug, jedenfalls redete er oft und ausdauernd von ihnen.

Was aber, wenn Ali im Urlaub eine enge, schwarze Badehose trug? Er war mit seinen siebenundzwanzig Jahren nämlich nur einen Meter sechzig groß, wenn überhaupt, und hatte ganz dürre Beinchen, die stark behaart waren wie alles andere an ihm auch. Und er hatte einen Brustkorb, für den sich ein Zehnjähriger schämen würde.

„Was ist mit dir, warum schaust du so säuerlich?“, fragte Ali, der nicht wie andere Türken oder Kurden einen anderen fragte, was er „guckt“.

„Ich stelle mir dich gerade in einer Badehose vor“, antwortete ich.

„Und?“, fragte er, während er sich aufrichtete wie ein kleiner Pfau. „Wie sehe ich aus?“

„Nicht so gut.“

Er war beleidigt und zwirbelte weiter seinen Schnauzer. Das war eines der Probleme mit diesen Türken oder Kurden oder von wo auch immer die da unten herkamen: Sie waren so schnell beleidigt!

„Warum bist du so?“, fragte er endlich, nachdem er ein paar Minuten lang geschwiegen hatte. „Warum musst du andere immer verletzten?“

„Muss ich ja gar nicht!“, sagte ich empört.

„Doch, du tust es ständig. Und ich will ehrlich sei: Es tut mir weh.“

Das war mir bisher gar nicht aufgefallen, dass ich andere ständig verletzte. Was aber, wenn er recht hatte und mit mir tatsächlich etwas nicht stimmte? Ich war unruhig und fahrig geworden in letzter Zeit, verbrachte vielleicht zu viel Zeit im Internet und tätigte dort immer wieder unüberlegte Einkäufe. Und dann war halt auch noch die Sache mit Susi!

Ich sagte: „Wenn das tatsächlich so ist, dass ich dich verletze, dann tut es mir leid. Aber es ärgert mich eben, dass sie jetzt einen Freund hat!“

Ali fragte erstaunt: „Wer?“

„Na meine beste Freundin Susi!“

„Wie sieht sie aus?“

Ich machte: „Iiiiahh!“

„Wie ein Pferd?“

„So ungefähr. Sie ist jetzt mit einem Filmproduzenten zusammen!“, jammerte ich weiter. „Nicht einfach mit einem Künstler, der von der Mindestsicherung lebt, wie sonst öfter.“

Das waren nämlich in letzter Zeit die Einzigen, die sich mit ihr einließen, wenn sie welche von denen auf ihren Events traf und ihnen sagte, dass sie „bei der Zeitung“ arbeitete, aber auch „Ambitionen auf Film und Fernsehen“ hätte.

„Bei welcher Zeitung?“, fragte Ali, der so vieles von dem, was ich ihm nun erzählte, noch nie gehört hatte.

„Na, Susi schreibt für so ein Gratiskäseblatt ihre Prominentenkolumne Suciety“, erklärte ich ihm, „was ihr zwar keinen Ruhm einbringt, aber wenigstens ein regelmäßiges Einkommen, das auf Künstler mit Mindestsicherung einen unwiderstehlichen Reiz ausübt. Und ‚Ambitionen auf Film und Fernsehen‘ heißt bei ihr, dass sie auch den Wetterfrosch in den Nachrichten geben würde, wenn sie nur aus der Glotze herauslachen dürfte.“

„Ja und?“, fragte Ali, der noch nie jemanden über solche Probleme hatte reden hören. „Jeder Mensch hat Träume.“

„Der gestrige Abend war aber echt nicht einfach für mich!“, erklärte ich ihm. „Ich saß da nämlich ganz alleine in der Bingobongobar herum, und ich meine: alleine! Dienstagabend ist dort nur Johnny, sonst niemand!“

„Wer ist Johnny?“, fragte er und klang dabei schon leicht verzweifelt. Die Eckpfeiler meines Lebens ließen ihn irgendwie fassungslos staunen, über meine Probleme konnte er nur den Kopf schütteln.

„Johnny ist der Barkeeper in der Bingobongobar, und er putzt und poliert dort die ganze Zeit nur seine Gläser!“

„Ist das echt dein Leben?“, fragte er nun schon mit hörbar mitleidigem Unterton, und ich musste mit leiser Stimme zugeben: „Ja.“

Da Ali aber auch eine Zusatzausbildung als Psychologe absolviert hat, mit der er seine geringen körperlichen Fähigkeiten wettzumachen versucht, wollte er mich nun in meinem Elend nicht ganz unbehandelt lassen, deshalb rief er plötzlich: „Sieh es doch positiv, Kitty!“

Das war der Schlachtruf aller Psychologen, die von nichts eine Ahnung hatten – schon gar nicht von den großen Problemen des Lebens! –, aber immer mit einem Tipp zur Stelle waren. Tipps interessierten mich normalerweise gar nicht, aber diesmal fragte ich: „Wie meinst du das?“

„Na, sie ist weg!“

„Ja und?“

„Hör zu, du scheinst ein wirklich trauriges Leben zu führen!“, sagte er ohne Rücksicht auf mein wirklich trauriges Leben. „Da solltest du doch eigentlich froh sein, wenn du eine deiner zahlreichen Belastungen loswirst.“

„Hä?“

„Oft genug bewegt man sich doch in eingefahren Bahnen und merkt dabei gar nicht, was um einen herum passiert. Wie sehr man sich seiner eigenen Möglichkeiten beschneidet, weil man in einer Art Hamsterrad feststeckt!“

Ich kapierte nicht wirklich, was er damit meinte, dachte aber immerhin darüber nach: Dass Susi endlich weg sein würde aus dem Haifischbecken der Erotik, in dem wir uns gemeinsam tummelten, einfach verschwunden, irgendwohin abgetaucht, im Netz ihres Ary verfangen – das sollte für mich gut sein?

Aber ja!, dachte ich plötzlich. Warum eigentlich nicht?

Sie würde dann nicht mehr an meiner Seite im selben Teich fischen und mir den einen oder anderen scharfen Hai abspenstig machen, meinte Ali das? Hin und wieder könnte ich sie ja noch besuchen, fiel mir dann ein, aber wirklich nicht zu oft. Ich würde manchmal ihre Einladung ins gemeinsame Ary-Susi-Haus annehmen und mir dann anhören, wie glücklich sie mit ihm war. Sie würde mir zeigen, wo die neue Lampe steht, die sie von Ikea geholt hat, „weil Susi jetzt die Einrichtung macht, sie hat nämlich ein Händchen dafür“ (so würde Ary über sie reden!). Ab und zu würde ich mir sogar ihre langweiligen Updates im Internet anschauen, wenn sie und Ary zu Weihnachten auf den Malediven sein würden oder im Winter im Kitzbüheler Schnee herumbalgten wie zwei Jugendliche, mit all den anderen unfassbar peinlichen Prominenten. Susi liebte nämlich Prominente so sehr! Und Ary war ja angeblich wirklich prominent und angeblich wirklich reich, weil sein letzter Film angeblich wirklich erfolgreich war. Ich würde mir sogar anhören, wie sie ihr Sexleben „auf ein neues Niveau“ gehoben hätte. Bisher war ja ich der Feldwebel im Bett, weil ich darauf bestand, dass es dort auch mal ein bisschen zur Sache gehen müsste, und Susi schüttelte immer verschämt den Kopf, wenn ich ihr davon erzählte. Ich mochte es, wenn einer hinter mir den Leistungssportler gab, und ich sagte dann oft: „Härter! Schneller! Weiter!“ Aber nun war es Susi, die mich mit ihrem Ary volllaberte und damit, wie „groß das Tier“ ist.

Je mehr ich also darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass Susi tatsächlich mein größtes Problem darstellte. Dass ich mich einfach nicht richtig entfalten konnte, solange sie an der Bar neben mir saß und immer wieder unglaublich peinlich lachte, obwohl sie doch diesen Pferdebiss hatte. Mir wurde augenblicklich klar, dass meine Ausstrahlung litt und mein Glanz nicht richtig glänzen konnte, wenn ihr ein Minzblatt zwischen den Zähnen stecken blieb und sie es nicht bemerkte und immer weiter lachte.

Ali hatte ja so recht! Und ich fühlte mich plötzlich so leicht, als ich aufstand, vollkommen befreit von einer riesigen Last. Als neuer Mensch ging ich um den Schreibtisch zu Ali, stellte mich vor ihn hin, blickte zu ihm hinab, obwohl ich innerlich zu ihm aufblickte, und drückte ihn ganz fest an mich. Dann sagte ich: „Danke, Ali. Danke, danke, danke. Du bist ein richtiges As!“

3

Genau in diesem Moment kam der Boss bei der Türe herein, und das war kein Wunder. Denn seit meiner Geburt habe ich ein Händchen für peinliche Situationen, darauf bin ich irgendwie spezialisiert. Ich stand also mit meinem Ali in den Armen in der Mitte unseres Büros und hielt ihn fest wie der Bär sein Honigfass. Zwar tat Bonner zunächst so, als hätte er gar nicht gesehen, was nicht zu übersehen war. Aber als Ali schön langsam anfing, unrhythmisch zu atmen und mit den Armen zu wedeln, weil ich immer fester drückte, schüttelte er doch erstaunt den Kopf und fragte: „Ist das Sex?“

Da endlich erwachte ich aus meiner Schockstarre und entließ Ali aus meinem Klammergriff. Und um die Situation noch irgendwie zu retten, stieß ich ihn dann sogar angewidert von mir. Als ich aber sah, dass Bonner von der Ehrlichkeit meiner Abscheu nicht überzeugt war, blieb mir nichts anderes übrig als zu beteuern: „Es ist nicht, was Sie denken, Boss!“ Aber gut ausgesehen hat das alles sicher nicht.

„Muhr!“, sagte Bonner dann und wechselte gentlemanlike das Thema. „Ist das schon deine Bikinifigur? Ich habe gesehen, dass du für Juli drei Wochen Urlaub eingetragen hast, wo soll’s denn hingehen? Die schroffen Felsen Schottlands? Oder die saftigen Hügel Irlands?“

Das war seine Art, ein Gentleman zu sein. Mich immer mit Du anzureden, während er selbst auf das Sie bestand. Und das war alles, was ihm zum Thema Urlaub einfiel: Zwei Länder, in denen er Whisky trinken konnte!

Aber was meine Bikinifigur anging: Okay, ich hatte keinen guten Winter gehabt, das gebe ich gerne zu. Winter taten mir nämlich nie gut, weil sie einfach zu lang dauern und zu finster und viel zu kalt sind. Es gibt im Winter immer so viele tiefe Löcher, in die man hineinfallen kann: Mir genügte es ja schon, abends alleine aus dem Benz steigen zu müssen und dann hinein in den schmutzigen Schnee. Ich knallte dann die Autotür zu und ging die paar Schritte durch den Hof meines Gemeindebaues in Richtung meiner Stiege 3, wo im vierten Stock eine zu niedrige Wohnungstüre ankündigte, dass ich gleich in ein Mäuseloch eintreten würde. Die Wohnung war dann auch immer scheißkalt, wenn ich im Winter spät nach Hause kam, und viel zu heiß nach einer Stunde, während der ich die Heizung voll aufdrehte. An gesunden Schlaf war danach nicht mehr zu denken, also ging ich ständig zum Kühlschrank, von wo angenehm kalte Luft zu mir herausströmte und ich dann wahllos nach allem griff, was ich dort drinnen gebunkert hatte. Das war meistens sehr viel! Im Winter verwendete ich den Großteil meines Geldes nämlich für Essen, knapp gefolgt von meinen Ausgaben fürs Trinken. Ich hatte also ein wenig zugelegt und konnte es daher überhaupt nicht leiden, wenn so ein Schmalhans wie Bonner anfing, sich über mein Gewicht lustig zu machen. Dann kriegte ich Herzrasen und feuchte Hände, und wenn derjenige, der mich darauf ansprach, Pech hatte, dann fing ich an zu schreien: „Zu meinem Körper folgendes: Er gehört mir! Und er geht Sie einen Scheißdreck an!“

Außerdem solle ein so lächerliches, erbärmliches, windanfälliges Gerippe wie er nicht auf einen Klassekörper wie meinen schießen, schrie ich weiter, das sei einfach lächerlich. „Ich meine, sehen Sie sich doch mal im Spiegel an. Nicht einmal in Thailand würden Sie eine finden, die mit Ihnen baden gehen möchte!“

Wenn ich mal redete, dann redete ich.

Bonner war heuer sechzig geworden und vom Alkohol zerfressen, die ewig gleiche braune Stoffhose und das ewig gleiche beige Hemd an ihm sahen beschissen aus, sie bedeckten aber zumindest seinen elenden Körper. Er ruderte zurück, nachdem ich ihm einen Teil meiner Meinung gegeigt hatte, aber ich war noch nicht ganz fertig: „Sie sind doch nur verbittert, weil Sie Ihr Whiskyglas nie auf mir abstellen werden, das ist es nämlich, wovon Sie heimlich träumen! Wenn Sie also die Güte hätten, sich für diese Frechheit zu entschuldigen, dann lasse ich es für heute gut sein. Wenn nicht, dann lege ich Sie jetzt und hier aufs Kreuz mit einem Koshi-Guruma, denn falls Sie es vergessen haben: Dieser Körper kann Judo! Judo, nicht Yoga!“

Als ich „Koshi-Guruma“ sagte, war ich schon ganz rot im Gesicht und konnte kaum mehr atmen, und bei „Yoga“ fiel ich beinahe um. Aber das war mir egal, denn es musste einfach mal raus aus mir.

Sonst würde ich irgendwann noch explodieren.

4

„Siebenter Bezirk innerhalb des Gürtels“, hatte Bonner dann noch gesagt, da war er schon ganz leise geworden. „Dort hat so eine Art Hausmeister in einem Hinterhof in der Kaiserstraße einen Toten gefunden, der um die fünfundvierzig Jahre alt, sehr groß und ziemlich übergewichtig ist, außerdem soll er blonde, lange Haare haben. Er liegt dort vor einer ehemaligen Nagelfabrik, in der angeblich zwei verlauste Punks schlafen.“

Blonde, lange Haare an einem Typen waren ihm ein sicherer Hinweis darauf, dass jemand schwul war, und Punks waren in seinen Augen immer verlaust. Ob sie auch verdächtig waren, das hatte er uns nicht mehr sagen können, denn da waren wir bereits draußen. Ich hatte nämlich keine Lust gehabt, noch länger als nötig mit ihm in einem Raum zu sein.

Die Kaiserstraße war stark befahren. Es gab Durchgangsverkehr, Lieferverkehr, parkende Autos, haltende Autos, hupende Autos. Dazu die Straßenbahnlinie 5. Dazu frei herumlaufende Hunde und deren Haufen. Dazu quengelnde Kinder und deren quengelnde Mütter.

„Viele Geschäfte und Lokale. Hippes, urbanes Publikum, grüner Bezirksvorsteher, kaufkräftig, weltoffen, jung …“

Ali las mir bereits vor, was er in seinem kleinen Computer über diesen Bezirk gefunden hatte, denn er mochte es, sich ein Bild von der Umgebung zu machen, in der ein Mord begangen wurde.

Ich ließ ihn gewähren und sagte: „Da vorne müsste es dann sein.“

An der Nummer 43 hielten wir in zweiter Spur, zwei Streifenwagen hatten bereits den Zugang zum Tatort abgesperrt. Als wir ausstiegen, hörten wir böse Worte: „He! Was ist denn da vorn los? Wieso geht denn da nichts weiter? Verdammte Scheiße!“

So weltoffen konnte man gar nicht sein, dass man sich nicht trotzdem fürchterlich aufregte, wenn man im Verkehr mit der eigenen Riesenkarre nicht vorankam.

Als wir den Gehsteig querten, um durch das große Eingangstor in den Hinterhof zu gelangen, drängt sich auch noch ein Fahrradbote an uns vorbei. Hier war wirklich was los!

Durch dieses Eingangstor ging es ziemlich weit nach hinten, wo sich ein großer Hof befand mit einem alten niedrigen Fabrikgebäude aus Backstein auf der linken Seite. Die Fenster der Fabrik waren zum Teil eingeschlagen, alle übrigen vollkommen verdreckt, sodass kaum mehr Sonnenlicht hindurchdrang. Und die Türen waren mit Vorhängeschlössern versperrt, von denen eines aufgebrochen war. Am bröckelnden Verputz der Fabrik hingen noch ein paar hölzerne Buchstaben über dem Eingangstor, andere fehlten, aber mit ein bisschen Fantasie konnte man NAGELFABRIK NOWAK lesen.

Diese Fabrik musste zur Zeit der industriellen Revolution eröffnet worden sein und vor der sexuellen Revolution wieder geschlossen haben. Ali und ich schauten durch eine der zerbrochenen Scheiben hinein und sahen, dass in der verrümpelten Werkshalle zwei Schlafsäcke lagen, ein paar leere Bierdosen, Zigarettenschachteln und Essenskartons. Außerdem ein zerfleddertes Taschenbuch, auf dem Charles Bukowski stand.

„Schlafen die beiden da drin?“, fragte Ali fassungslos.

Ihn widerte das an, aber ich hatte ein Faible für Punk, für das Wilde und Anarchische und erst recht für die Musik.

Aus der Ecke des Hofes, die der Fabrik gegenüber lag, hörten wir schon die ganze Zeit Gemaule: „Fuck you! Verpisst euch! Wir haben euch nichts getan! Ihr scheiß Bullen! Du scheiß Typ!“

Das mit den Scheiß-Bullen ging natürlich irgendwie auch gegen uns, aber mehr noch gegen die zwei Streifenpolizisten, die dort ein junges, gut aussehendes Mädchen mit grünem Irokesenschnitt und einen jungen, ebenfalls gut aussehenden Kerl mit tiefschwarzer Stachelfrisur in die Ecke drängten.

„Die Kleine wäre ja ganz nett“, hörte ich einen von den Bullen sagen, „wenn sie nicht überall dieses Metall drin hätte. Was glaubst du, wo die noch so gepierct ist?“, fragte er den anderen.

Die Göre schrie sofort, dass ihn das einen Scheißdreck angehen würde, und dann trat sie ihn gegen das Knie. „Du Penner wirst als Letzter erfahren, wo ich gepierct bin!“

Sie gefiel mir, denn irgendwie erinnerte sie mich an jemanden, der auch schnell wütend wurde und auch hin und wieder schrie. Und Ali schaute mich an, als wollte er sagen: Wenn die so weiter macht, dann wird sie wie du.

Was könnte ihr Besseres passieren?

Bei der Gruppe stand ein Mann in einem grauen Jogginganzug, dem die Wampe über die Hose quoll. „Herr Santner hat den Toten gefunden“, sagte einer der Kollegen, als wir auf sie zugingen. „Er ist der Meinung, dass die beiden hier ihn ermordet hätten.“

„Geht’s hier um die Meinung von dem?“, fragte ich und schaute mir den Toten an. Er lag fünf Meter von der Gruppe entfernt neben einer Holzkiste, in der Streusplit für den Winter gebunkert wurde. Er lag auf dem Bauch, die Hände schlaff und eng am Körper, als wäre er zusammengesackt, ohne dass er noch Zeit gehabt hätte, sein Gesicht zu schützen. Sein Kopf war grotesk verdreht, sodass sein Gesicht trotz Bauchlage zum Himmel schaute. Wie eine Puppe, der man den Kopf umdreht. Aus seinem Mund, der Nase und aus den Ohren war Blut geronnen, das nun bereits trocken war. Er trug einen grasgrünen Bademantel und Badelatschen ohne Socken, was mich plötzlich an Strand, Balkon, Morgenkaffee nach erfrischender Dusche und Umarmung von hinten mit Kuss in den Nacken und festem Griff an die Titten denken ließ …

„Genickbruch als wahrscheinliche Todesursache?“, widerholte Ali, was der Arzt ihm gesagt hatte. Der war bei dem Toten gekniet und richtete sich nun auf, nachdem er seine Fotos gemacht und Interessantes in seinen Laptop getippt hatte, seine Worte rissen mich aus den Träumen. „Irgendjemand mit viel Kraft muss es ihm gebrochen haben“, sagte der. „So liegt keiner da, der nur gestürzt ist.“

„Also Genickbruch durch Fremdeinwirkung?“

„Sieht so aus.“

Nach seiner Kleidung zu urteilen, war der Tote vielleicht gestern am späteren Abend hierhergekommen. Eventuell war er kurz rausgegangen, um eine Zigarette zu rauchen, und dann in den Hof gegangen. Aber warum? Kam er einfach so vorbei, oder suchte er ausgerechnet hier etwas? War er vielleicht sogar mit jemandem verabredet?

Ich fragte, während Ali Fotos von dem Toten machte, die er auf seinem Telefon speicherte: „Kennt man seinen Namen?“

„Nein“, sagte einer der Uniformierten. „Er hatte keine Papiere bei sich, kein Handy, keine Schlüssel. Und das ist seltsam, weil er ja irgendwie wieder in seine Wohnung hätte kommen müssen, so, wie er gekleidet war.“

„Also Raubmord?“, fragte ich.

„Die beiden hier …“, redete der Kollege weiter und deutete auf die Punks, aber das Mädchen schrie ihn sofort wieder an: „Was ist mit uns, du Arsch?“

„Ihr habt ihn umgebracht!“, brüllte der Dicke in der Jogginghose.

„Wir haben den gar nicht umgebracht!“, schrie das Mädchen zurück. Es war vielleicht sechzehn Jahre alt und hatte eine ordentliche Wut in sich. Ihr Begleiter, der ihr Freund zu sein schien, stand stumm neben ihr. Seine dürren Beine steckten in engen, verdreckten schwarzen Jeans, beide hatten einen Kaugummi im Mund und schauten voller Verachtung in die Welt.

Einer der Kollegen zuckte die Schultern und gab mir ein Streichholzbriefchen, auf dem Fleischnotdienst stand. Der Adresse nach war das praktisch gegenüber: „Das ist das Einzige, was wir bei ihm gefunden haben“, erklärte er, und Ali fragte: „Was ist das?“

„Wohl so ein moderner Burger-Laden“, sagte ich. „Du magst doch Burger?“

„Ich hasse Burger.“

„Dönerburger mit alles magst du auch nicht?“

„Nein!“

Der in der grauen Jogginghose spielte mit seinem Schlüsselbund, und der zweite Polizist deutete auf ihn. „Er wollte gerade den Müll heruntertragen, als er ihn hier fand.“

Da fing das Mädchen wieder an zu maulen: „Der Spasti will uns doch nur weg haben von hier! Seht ihn euch an! Der wäscht sich seine Hose nie und kriegt zu Hause nichts zu ficken!“

Ihr Freund setzte eins drauf: „Der Arsch wirft mit Seife nach uns und leert seinen Dreck vor unser Fenster. Der ist total durchgedreht!“

„Die dürfen hier nicht schlafen!“, rief Santner, aus seinem Mund roch ich billigen Schnaps. „Gehört die Fabrik Ihnen?“, fragte ich ihn, obwohl Fabrikbesitzer meist anders aussahen.

Er sagte: „Nein.“

„Dann gibt es vielleicht eine Anzeige von Seiten des Fabrikeigentümers wegen Ruhestörung oder so was?“

Er sagte: „Keine Ahnung.“

„Mit anderen Worten: Die Fabrik und wer darin schläft geht sie einen Scheißdreck an?“

„Aber es ist unser Hof!“, schrie er.

„Aber nicht Ihre Fabrik!“, schrie ich zurück.

„Aber die sind so laut!“

„Und Sie stinken nach billigem Schnaps!“

Wenn ich etwas an Bonner mochte, dann, dass er sich Spirituosen ab fünfzig Euro aufwärts pro Flasche leistete. Was das Saufen anging, war er nicht sparsam, nur was Charme und Benehmen anging. Der Typ hier aber sparte schlicht an allem.

Ali fragte ihn, ob er den Toten gekannt hätte und ob er vielleicht sogar hier im Haus wohnte. Aber Santner hatte ihn noch nie gesehen.

„Sie kommen wohl nicht oft vor die Türe?“, fragte ich.

„Nein. Muss ich auch nicht“, antwortete er.

„Ein bisschen auslüften täte Ihnen nicht schaden.“

Da lachte das Mädchen: „Ja genau, der stinkt echt!“

Ich fragte einen der Kollegen, ob man die beiden Punks durchsucht und bei ihnen etwas gefunden hätte – den Ausweis, das Handy oder die Schlüssel des Toten, die er eigentlich hätte bei sich tragen müssen. Als er verneinte, fragte ich ihn, ob er Santner auch durchsucht hätte. Das hatte er nicht, also trug ich ihm auf, es zu tun. Das gefiel dem Blockwart gar nicht, es drangen einige verletzende Worte an mein Ohr, so verletzend, dass Ali ihm eine wichtige Information geben musste: „Vorsicht! Die kann Judo. Judo. nicht Yoga.“

„Na und?“ fragte er.

„Mein Kollege wollte es nur gesagt haben“, erwiderte ich, und gab ihm noch ein bisschen Fachwissen mit auf den Weg: „Spezialität Hane-Goshi, das ist ein Hüftspringwurf.“

Dann nahm ich die beiden jungen Leute zur Seite.

„Wie heißt ihr?“

„Ich bin Nancy“, sagte das Mädchen.

„Und dein Freund hier?“

„Das ist der Sid.“

Ich musste lachen. „Im Ernst? Wie Sid und Nancy?“

„Kennst du die?“ fragte sie mich überrascht. „Siehst gar nicht so aus.“

„Die kenne doch sogar ich!“, warf Ali ein. „Sid Vicious und Nancy Spungen. Sie von ihm ermordet im Jahr …“

„Du bist hier nicht in der Schule, Ali!“, fuhr ich ihn an, und dann fragte ich die beiden: „Wie heißt ihr wirklich?“

„Also ich Katharina“, sagte das Mädchen. „Und der Sid heißt Noah.“

Sie schaute ihn furchtbar verliebt an, als sie seinen Namen aussprach, und er sie auch. Die beiden waren jung und glücklich, und dass sie hier in der Fabrik hausen mussten, das schien ihnen gar nichts auszumachen, im Gegenteil. Sie fanden es einfach nur romantisch.

„Katharina Fink und Noah Wehrich“, wurde der Kollege deutlicher, der bei Santner nichts gefunden hatte und sich nun an uns wandte. „Gemeldet sind beide im 23. Bezirk in Wien-Mauer, noble Gegend, Villenviertel.“

Sie lachten über „Villenviertel“ und „Noble Gegend“, dann maulten sie: „Wir wohnen hier!“

„Hier darf man aber nicht wohnen!“, schrie Santner wieder, der es nicht auszuhalten schien, dass die beiden in der Fabrik schliefen. Aber dem Mädchen war das egal: „Da scheißen wir drauf. Krieg den Palästen, Frieden den Hütten! Wir holen uns die Stadt wieder zurück von den verdammten Geldsäcken!“

„Das klingt meiner Meinung nach wie ein Motiv“, sagte der eine Polizist, aber ich deutete auf den Toten.

„Wie sollen die beiden einem Fast-zwei-Meter-Mann das Genick brechen, ha? Schon mal darüber nachgedacht?“

Das Argument kam gut an, denn es sagte keiner etwas darauf.

Die Stimmung hatte sich einigermaßen beruhigt, als die beiden Kollegen Sid und Nancy den Weg frei machten und sie in Richtung der Fabrik gingen, in der sie all ihre Sachen hatten. Ich ging mit ihnen, und dort fragte ich die beiden: „Habt ihr mal was gesehen? Jemanden, der sich hier in letzter Zeit herumgetrieben hat?“

Sid zog ein Augenlid hoch als Zeichen dafür, dass es ihm schwerfiel, die Augen überhaupt offen zu halten: „Zu viel Alk, zu viel gekifft. Wir haben jetzt zwei Tage nur gepennt, glaube ich.“

Da stieß Nancy ihn in die Seite und lächelte ihn an. „Nicht nur gepennt, Siiid!“

Sie nahmen sich an der Hand und schauten sich wieder ganz verliebt an. So, als könnte nichts und niemand ihr Glück jemals zerstören. Erste Liebe, wie entzückend! Ich wünschte ihnen, dass es so sein möge, und fragte mich, wann ich selbst die Abzweigung versäumt hatte in Richtung ewiges, vollkommenes Glück.

Muss wohl schon eine Weile her sein.

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