Heldenklingen - Joe Abercrombie - E-Book

Heldenklingen E-Book

Joe Abercrombie

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Beschreibung

Drei Männer. Eine Schlacht. Keine Helden.

Es herrscht Krieg. In einem unbedeutenden Tal entscheidet sich das Schicksal der Nordlande, und drei Männer kämpfen sich durch eine dreitägige, blutige Schlacht: Bremer dan Gorst, in Ungnade gefallener Leibwächter des Königs der Union, Prinz Calder, machtbesessen und feige, sowie Curnden Craw, einer der letzten ehrlichen Barbaren. Drei Männer mit dunklen Seiten, drei noch finsterere Tage voller Blut und Tod, und eines steht von Beginn an fest: Helden gibt es hier schon lange nicht mehr…

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Seitenzahl: 1135

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Joe Abercrombie

Heldenklingen

Roman

Aus dem Englischen

von Kirsten Borchardt

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der Originalausgabe

THE HEROES

Deutsche Erstausgabe 09/2011

Redaktion: Werner Bauer

Copyright © 2011 by Joe Abercrombie

Copyright © 2011 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Karten: Dave Senior

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-06233-0

www.heyne-magische-bestseller.de

Für Eve

Eines Tages wirst du das hier lesen und fragen:

»Dad, wieso die vielen Klingen?«

Schlachtordnung

DIE UNIONISTEN

Oberkommando

Lord Marschall Kroy – Oberkommandeur der Heere Seiner Majestät im Norden

Oberst Felnigg – sein Stabschef, ein Mann mit auffallend wenig Kinn

Oberst Bremer dan Gorst – königlicher Berichterstatter im Nordkrieg und entehrter Meisterfechter, vormals bei der Ersten Wache des Königs

Rurgen und Jünger – seine ergebenen Burschen, der eine älter, der andere … jünger.

Bayaz, Erster der Magi – ein kahlköpfiger Zauberer, angeblich viele hundert Jahre alt und ein einflussreicher Bevollmächtigter des Geschlossenen Rats, bestehend aus den engsten Beratern des Königs

Yoru Sulfur – sein Diener, Leibwächter und Buchhalter

Denka und Saurizin – zwei alte Adepti der Universität von Adua, Gelehrte, die ein Experiment für Bayaz durchführen

Jalenhorms Division

General Jalenhorm – ein alter Freund des Königs, unglaublich jung für seine Stellung, gilt als tapfer, neigt jedoch zu groben Schnitzern

Retter– sein dreizehnjähriger Signaltrompeter

Oberst Vallimir – ein ehrgeiziger Offizier des Ersten Regiments der Königstreuen

Oberfeldwebel Forest – ein leitender Unteroffizier im Stab des Ersten Regiments

Korporal Tunny – ein altgedienter Kriegsgewinnler und Standartenträger des Ersten Regiments

die Gefreiten Dotter, Klige, Werth und Lederlingen – ahnungslose Rekruten, die Tunny als Meldereiter zugewiesen wurden

Oberst Wetterlant – ein steifer Offizier des Sechsten Regiments

Major Culfer – sein schnell die Nerven verlierender Stellvertreter

Feldwebel Gaunt, Gefreiter Rose– Soldaten des Sechsten Regiments

Major Popol – befehligt das erste Bataillon des Rostod-Regiments

Hauptmann Lasmark – ein armer Hauptmann des Rostod-Regiments

Oberst Vinkler – ein mutiger Offizier des Dreizehnten Regiments

Mittericks Division

General Mitterick – ein erfahrener Soldat mit sehr viel Kinn und wenig Treue, gilt als klug, aber skrupellos

Oberst Opker – sein Stabschef

Leutnant Dimbik – ein wenig selbstbewusster junger Offizier in Mittericks Stab

Meeds Division

Lord Statthalter Meed – Amateursoldat mit Schildkrötenhals, in Friedenszeiten Statthalter von Angland, der die Nordmänner angeblich ebenso sehr hasst, wie ein Schwein den Metzger verabscheut

Oberst Harod (Hal) dan Brock – Sohn eines berüchtigten Verräters, dient ehrlich und beflissen in Meeds Stab

Finree dan Brock – Oberst Brocks überaus ehrgeizige Gattin, die Tochter Lord Marschall Kroys

Oberst Brint – ein einflussreicher Offizier in Meeds Stab, ein alter Freund des Königs

Aliz dan Brint – Oberst Brints naive junge Frau

Hauptmann Hardrick – ein Offizier in Meeds Stab, der gern sehr enge Hosen trägt

Die Getreuen des Hundsmanns

Der Hundsmann – Oberhaupt der Nordmänner, die auf Seiten der Union kämpfen. Ein alter Weggefährte des Blutigen Neuners, einst ein enger Freund des Schwarzen Dow, doch längst sein erbitterter Feind

Rotkapp – Hundsmanns Stellvertreter, trägt gewöhnlich eine rote Kapuze

Hartbrot – ein namhafter Mann mit viel Erfahrung, führt ein Dutzend für den Hundsmann

Rotkrähe – einer von Hartbrots Carls

DIE NORDMÄNNER

Auf und um Skarlings Thron

Der Schwarze Dow – der Bewahrer des Nordens, oder auch der Dieb des Nordens, je nach Sichtweise

Spaltfuß – sein Stellvertreter – sprich, sein oberster Leibwächter und Arschkriecher

Ischri – seine Beraterin, eine Zauberkundige aus den Wüsten des Südens und erklärte Feindin von Bayaz

Caul Espe – ein narbiger namhafter Mann mit einem Metallauge, den einige den Hund des Schwarzen Dow nennen

Curnden Kropf – ein namhafter Mann, der allgemein als aufrecht betrachtet wird, einst der Stellvertreter von Rudd Dreibaum, später ein enger Vertrauter von Bethod, führt nun ein Dutzend für den Schwarzen Dow

Herrlich – seine duldsame Stellvertreterin

WhirrunvonBlei –einberühmterHeldausdemäußerstenNorden,derdenVaterderSchwerterschwingt.AuchKnacknussgenannt,daesheißt,erhabeeinenSprunginderSchüssel

Yon Cumber Fröhlich, Brack-i-Dayn, Zehenspitzen-Scorry, Agrick, Athroc und Drofd – gehören ebenfalls zu Kropfs Dutzend

Scales Leute

Scale – Bethods ältester Sohn, inzwischen der am wenigsten einflussreiche von Dows fünf Anführern, stark wie ein Ochse, mutig wie ein Ochse und mit etwa genauso viel Hirn

Schneebleich – zählte früher zu Bethods Anführern, nun Scales Stellvertreter

Hansul Weißauge – ein namhafter Mann mit einem blinden Auge, einst Bethods Herold

»Prinz« Calder – Bethods jüngster Sohn, berüchtigt für seine Feigheit und seine Ränke, augenblicklich im Exil, da er es wagte, Friedensverhandlungen vorzuschlagen

Seff – seine schwangere Frau, die Tochter von Caul Reichel

Gründig und Hohl – zwei Mörder, die in der Hoffnung über Calder wachen, dadurch zu Geld zu kommen

Caul Reichels Leute

Caul Reichel – einer von Dows fünf Anführern, ein ältlicher Kämpe, für seine Ehrbarkeit berühmt, der Schwiegervater von Calder

Brydian Flut – ein namhafter Mann, zählte früher zu Kropfs Dutzend

Beck – ein junger Bauer, den es nach Ruhm auf dem Schlachtfeld dürstet, der Sohn von Schama Ohnherz

Reft, Colving, Stodder und Brait – einige andere Jungen, die zusammen mit Beck zum Heer eingezogen wurden

Glama Goldings Männer

Glama Golding – einer von Dows fünf Anführern, unerträglich eitel, führt eine Fehde gegen Cairm Eisenkopf

Sutt Brüchig – ein für seine Gier berüchtigter Nordmann

Leichtschlaf – ein Carl in Goldings Diensten

Cairm Eisenkopfs Männer

Cairm Eisenkopf – einer von Dows fünf Anführern, berüchtigt für seine Sturheit, führt eine Fehde gegen Glama Golding

Irig – ein schlecht gelaunter Axtkämpfer

Hitzkopf – ein stets fluchender Bogenschütze

Andere

BroddZehnweg –dertreuestevonDowsfünfAnführern,hässlich wie nur irgendwas

Fremder-klopf-an – ein riesiger Wilder, besessen von der Zivilisation, Häuptling aller Lande östlich der Crinna

Wieder zu Schlamm geworden (sprich: tot)

Bethod – der erste König der Nordmänner, Vater von Scale und Calder

Skarling Ohnekapp – ein legendärer Held, der einst den Norden im Kampf gegen die Union vereinte

Der Blutige Neuner (eigentlich Neunfinger-Logen; gilt als tot) – einst Bethods Kämpe, der meistgefürchtete Mann im Norden und kurzzeitig König der Nordmänner, bevor der Schwarze Dow ihn um die Ecke brachte

Rudd Dreibaum – der für seine Ehrbarkeit berühmte Häuptling von Uffrith, der gegen Bethod kämpfte und einen Zweikampf gegen den Blutigen Neuner verlor

Schama Ohnherz – Becks Vater, ein berühmter Kämpe, den der Blutige Neuner tötete

VOR DER SCHLACHT

»Unglücklich das Land,

das Helden nötig hat.«

BERTOLT BRECHT

ANDERE ZEITEN

Ich bin zu alt für diesen Scheiß«, brummte Kropf und verzog das Gesicht bei jedem Schritt, der ihm einen Stich durch das schlimme Knie schickte. Höchste Zeit, dass er sich zur Ruhe setzte. Allerhöchste Zeit. Um sich mit einer Pfeife hinters Haus zu hocken und in der Gewissheit, sein Tagewerk erledigt zu haben, lächelnd aufs Wasser zu blicken, während die Sonne unterging. Nicht, dass er ein Haus gehabt hätte. Aber wenn er einmal eins haben sollte, dann würde es ein gutes sein.

Er fand ein Schlupfloch in der eingesunkenen Mauer, und sein Herz klopfte wie der Hammer eines Zimmermanns. Vom langen Erklimmen des steilen Abhangs, dem wilden Gras, das sich um seine Stiefel krallte, und dem angriffslustigen Wind, der immer wieder versuchte, ihn umzuwerfen. Aber wenn er ehrlich war, dann klopfte es vor allem deswegen, weil er fürchtete, oben auf der Spitze des Hügels umgebracht zu werden. Er hatte nie behauptet, besonders tapfer zu sein, und mit fortschreitendem Alter war er immer ängstlicher geworden. Seltsame Sache, das – je weniger Jahre man noch zu verlieren hat, desto mehr hängt man an ihnen. Vielleicht wird ein Mann einfach mit einer gewissen Portion Mut geboren, und bei jeder Klemme, in die er gerät, geht ihm etwas davon abhanden.

Kropf hatte in so mancher Klemme gesteckt. Und es sah ganz danach aus, als sollte das hier die nächste werden.

Er rang kurz nach Atem, als er endlich ebenes Gelände erreichte, beugte sich vornüber und wischte die Tränen weg, die ihm der scharfe Wind in die Augen getrieben hatte. Die Helden ragten vor ihm in der Dunkelheit auf, dunkle Löcher im nächtlichen Himmel, in denen keine Sterne leuchteten, viermal mannshoch oder mehr. Vergessene Riesen, gestrandet auf ihrer Bergkuppe im beißenden Wind. Die stur hier Wache hielten, obwohl es nichts zu bewachen gab.

Kropf fragte sich unwillkürlich, wie viel eine dieser großen Steinplatten wohl wiegen mochte. Nur die Toten wussten, wie man einst diese verdammt riesigen Teile hier heraufgeschafft hatte. Oder wer es gewesen war. Die Toten verrieten jedoch nichts, und Kropf hatte nicht die Absicht, sich zu ihnen zu gesellen, nur um das herauszufinden.

ErstjetztsaherdenganzschwachenFeuerschein,derdieRänderderSteineleichtrotfärbte.HörteMännerstimmenüberdaslanggezogeneKnurrendesWindesschwatzen.Dasmachteihmerneutbewusst,inwelcheGefahrersichbegab,undeineneuerlicheWellederAngstüberspülteihn.AberAngstisteinegesundeEmpfindung,solangesieeinenzumNachdenkenbringt.DashatteRuddDreibaumihmgesagt,vorlangerZeit.ErhatteüberdieSachenachgedacht,underwusste,dasserdasRichtigetat.OderzumindestdasamwenigstenFalsche.UnddasistmanchmaldasBeste,wasmansicherhoffenkann.EsschienimmeröfterderFallzusein,jemehrJahrevergingen.

Also holte er tief Luft, versuchte sich daran zu erinnern, wie er sich früher gefühlt hatte, als seine Gelenke noch nicht so knackten und ihm alles scheißegal zu sein pflegte, wählte auf gut Glück eine Lücke zwischen zweien der alten, großen Steine und schlenderte hindurch.

Vielleicht war das einmal ein heiliger Ort gewesen, in uralter Zeit, und womöglich ruhte hohe Magie in den Steinen, so dass es ein schweres Verbrechen war, uneingeladen in diesen Kreis zu treten. Aber falls sich irgendwelche alten Götter gestört fühlten, dann hatten sie wohl keine Möglichkeit, es ihm zu zeigen. Der Wind erstarb mit einem traurigen Seufzen, und das war alles. An Magie herrschte allgemein ein ziemlicher Mangel, und allzu viele geheiligte Dinge gab es auch nicht mehr. So waren die Zeiten nun einmal.

Das Licht zuckte über die Innenseiten der Helden, blasses Orange wanderte über zernarbten Stein, fleckig mit Moos bewachsen und von alten Brombeerranken, Brennnesseln und in Saat geschossenen Gräsern umringt. Ein Monolith war in der Hälfte abgebrochen, einige weitere im Laufe der Jahrhunderte umgestürzt; sie hatten Lücken hinterlassen, die sich wie fehlende Zähne im Grinsen eines Todesschädels ausnahmen.

Kropf zählte acht Männer, die sich eng in geflickte Umhänge, abgetragene Mäntel und zerlumpte Decken gewickelt hatten und um ihr windgeducktes Lagerfeuer saßen. Feuerschein flackerte über hagere, vernarbte, stopplige und bärtige Gesichter. Funkelte auf den Rändern ihrer Schilde, den Klingen ihrer Waffen. Vielen Waffen. Zwar waren die Kerle größtenteils ein Gutteil jünger, aber sie sahen kaum anders aus als Kropfs eigene Leute. Vielleicht waren sie auch kaum anders. Einen kurzen Augenblick glaubte er sogar, in einem der Männer, der ihm das Gesicht seitlich zuwandte, Jutlan zu erkennen. Ein Blitz der Erinnerung durchzuckte ihn, und ums Haar wäre ein lauter Gruß über seine Lippen gekommen. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass Jutlan schon zwölf Jahre unter der Erde lag, und dass er selbst die Worte an seinem Grab gesprochen hatte.

Vielleicht gab es ja nur eine begrenzte Anzahl von Gesichtern auf der Welt. Und wenn man alt genug geworden war, dann sah man halt die gebrauchten wieder.

Kropf schüttelte den Gedanken ab und hob die Hände, die Handflächen offen und ausgestreckt, wobei er sich alle Mühe geben musste, damit sie nicht zitterten. »Einen schönen Abend!«

Die Gesichter schossen zu ihm herum. Hände griffen hastig zu den Waffen. Ein Mann riss einen Bogen hoch, und Kropf fühlte, wie ihm das Herz in die Hosen rutschte, aber noch bevor der andere die Sehne ausziehen konnte, streckte sein Nachbar den Arm aus und drückte die Waffe wieder herunter.

»Na, langsam, Rotkrähe.« Der Sprecher war ein alter, kräftiger Kerl mit langem, verfilztem grauem Bart, dem ein nacktes Schwert hell funkelnd und einsatzbereit über den Knien lag. Kropf schenkte ihm ein seltenes Grinsen, denn dieses Gesicht kannte er tatsächlich, und das verbesserte seine Chancen erheblich.

Der andere hieß Hartbrot, und er war ein namhafter Mann vom alten Schlag. Kropf und er hatten über die Jahre bei einigen Schlachten auf derselben Seite gestanden, bei ein paar anderen auch auf verschiedenen. Aber er hatte einen sehr anständigen Ruf. Ein erfahrener Kämpe, von dem man erwarten konnte, dass er über die Dinge nachdachte; keiner von denen, die erst töten und dann Fragen stellen, was heutzutage immer mehr in Mode kam. Außerdem sah es so aus, als sei er der Häuptling dieser Truppe, denn der Kerl, den er Rotkrähe genannt hatte, ließ den Bogen brummend sinken, wie Kropf zu seiner Erleichterung feststellte. Wenn es nach ihm ging, würde es heute Abend keine Toten geben, und er schämte sich nicht zu sagen, dass er doppelt froh sein würde, wenn er selbst verschont blieb.

Doch noch lagen einige Stunden Dunkelheit vor ihm, und jede Menge Stahl.

»Bei den Toten.« Hartbrot saß so still da, als sei er ebenso aus Stein wie die Helden, aber sein Verstand machte zweifelsohne gerade große Sprünge. »Wenn ich mich nicht sehr irre, dann ist gerade Curnden Kropf aus der Nacht gestiegen.«

»Du irrst dich nicht.« Kropf machte einige langsame Schritte nach vorn, die Hände noch immer hoch erhoben, und tat sein Bestes, trotz der acht unfreundlichen Augenpaare, die auf ihm lasteten, entspannt auszusehen.

»Du bist ein wenig grauer geworden, Kropf.«

»Du aber auch, Hartbrot.«

»Tja, du weißt ja, wie es ist. Wir haben Krieg.« Der alte Kämpe tätschelte sich den Bauch. »Da spielen meine Nerven verrückt.«

»Im Vertrauen gesprochen, meine auch.«

»Wer will schon Soldat werden?«

»Verdammt harter Beruf.«

»Habe gehört, dass du für den Schwarzen Dow kämpfst, du und dein Dutzend.«

»Ich versuche, so wenig zu kämpfen wie möglich, aber du liegst richtig in der Frage, für wen wir streiten. Dow zahlt für meinen Haferbrei.«

»Ich liebe Haferbrei.« Hartbrots Augen glitten zum Feuer hinunter, und er stocherte gedankenverloren mit einem Zweig in der Glut. »Meinen zahlt heutzutage die Union.« Seine Jungs waren unruhig – Zungen fuhren schnell über Lippen, Finger kitzelten Waffen, Augen glänzten im Feuerschein. Wie Zuschauer bei einem Duell, die gespannt die Eröffnung verfolgen und zu erkennen versuchen, wer die Oberhand gewinnen wird. Hartbrot hob wieder den Blick. »Damit wären wir wohl auf gegnerischen Seiten.«

»Aber wollen wir zulassen, dass uns diese Kleinigkeit eine höfliche Unterhaltung verdirbt?«, fragte Kropf.

Als sei das Wörtchen »höflich« schon allein eine Beleidigung, fuhr Rotkrähe wieder auf. »Lasst uns das Arschloch doch einfach massakrieren!«

Hartbrot wandte sich langsam zu ihm um, das Gesicht abfällig verzogen. »Falls das Unmögliche geschieht und ich das Bedürfnis verspüren sollte, dich um deine Meinung zu fragen, dann werde ich dir Bescheid geben. Und bis dahin halt die Klappe, Dummkopf. Ein Mann von Curnden Kropfs Erfahrung schlendert nicht einfach hier herauf, um sich von einem wie dir um die Ecke bringen zu lassen.« Seine Augen glitten über die Steine, dann wieder zu Kropf. »Weswegen bist du gekommen, so ganz allein? Willst du für einen Drecksack wie den Schwarzen Dow nicht mehr kämpfen und lieber zum Hundsmann überlaufen?«

»Kann ich nicht sagen. Mich auf die Seite der Union zu stellen, wäre nicht mein Stil, womit ich nichts Abfälliges über jene sagen will, die das tun. Wir haben alle unsere Gründe.«

»Ich versuche, niemanden nur wegen der Wahl seiner Freunde zu verdammen.«

»Bei einem Streit stehen stets auf beiden Seiten gute Leute. Die Sache ist die: Der Schwarze Dow hat mir aufgetragen, zu den Helden hinüberzugehen, hier eine Weile Wache zu halten und auszuspähen, ob die Union sich vielleicht heranschleichen will. Aber vielleicht kannst du mir diese Arbeit abnehmen. Schleicht sich die Union vielleicht heran?«

»Keine Ahnung.«

»Du bist jedenfalls schon mal hier.«

»Darauf würde ich nicht allzu viel geben.« Hartbrot sah freudlos zu den Männern, die um das Feuer lagerten. »Wie du siehst, haben sie mich mehr oder weniger allein hierher geschickt. Der Hundsmann hat mir aufgetragen, zu den Helden hinüberzugehen, dort eine Weile Wache zu halten und auszuspähen, ob sich der Schwarze Dow vielleicht heranschleichen will.« Er hob die Brauen. »Meinst du, das wird er?«

Kropf grinste. »Keine Ahnung.«

»Du bist jedenfalls schon mal hier.«

»Darauf würde ich nicht allzu viel geben. Außer mir und meinem Dutzend ist niemand hier. Und Brydian Flut fehlt auch, der hat sich vor ein paar Monaten das Bein gebrochen, und ich musste ihn zurücklassen, bis seine Knochen wieder verheilt sind.«

Hartbrot lächelte wehmütig, stocherte wieder mit dem Zweig im Feuer und ließ ein paar Funken aufstieben. »Deine Leute hielten immer schon fest zusammen. Ich möchte wetten, dass sie jetzt rund um die Helden lauern, die Bögen in der Hand.«

»So ähnlich.« Hartbrots Jungs fuhren alle herum, die Münder weit aufgesperrt. Entsetzt über die Stimme, die aus dem Nichts kam, und noch entsetzter darüber, dass sie einer Frau gehörte. Herrlich stand da, die Arme vor der Brust verschränkt, das Schwert in der Scheide und den Bogen über der Schulter, und lehnte sich so lässig gegen einen der Helden wie an die Wand einer Taverne. »Hey, hey, Hartbrot.«

Der alte Krieger verzog das Gesicht. »Könntest du nicht wenigstens einen Pfeil auf die Sehne legen und zumindest so tun, als nähmest du uns ernst?«

Sie deutete mit einer Kopfbewegung in die Dunkelheit. »Da hinten lauern noch ein paar Jungs, die durchaus bereit sind, dir einen Schaft durchs Gesicht zu zimmern, falls einer von euch uns schief anguckt. Gibt dir das ein besseres Gefühl?«

Hartbrot verzog das Gesicht noch mehr. »Ja und nein«, brummte er, während seine Jungs die Lücken zwischen den Steinen anstarrten. Eine Drohung lastete plötzlich schwer in der Nacht. »Dann bist du wohl immer noch die Stellvertreterin von diesem schrägen Vogel hier?«

Herrlich kratzte sich an der langen Narbe, die durch ihr kurzgeschorenes Haar verlief. »Hat sich nichts Besseres ergeben. Wir sind wahrscheinlich mittlerweile wie ein altes Ehepaar, bei dem im Bett schon seit Jahren nichts mehr läuft und das sich nur noch gegenseitig ankeift.«

»Meine Frau und ich waren nie so, bis zum Tag, an dem sie starb.« Hartbrot tippte mit dem Finger gegen sein blankes Schwert. »Sie fehlt mir immer noch. Dachte mir schon in dem Augenblick, als ich dich sah, dass du Gesellschaft mitbringen würdest, Kropf. Aber da du mich noch immer mit offenem Mund anglotzt und ich noch immer atme, gehe ich mal davon aus, dass du uns die Chance geben möchtest, über alles zu reden.«

»Dann hast du mich verdammt richtig eingeschätzt«, erwiderte Kropf. »Genau das ist mein Plan.«

»Sind meine Wachposten noch am Leben?«

Herrlich wandte den Kopf und pfiff auf ihre typische Weise, und Zehenspitzen-Scorry glitt hinter einem Stein hervor. Er hatte den Arm um einen Mann geschlungen, dessen Wange ein großes, rosafarbenes Feuermal zierte. Beinahe wirkten die beiden wie zwei alte Kumpels, wenn man von der Klinge absah, die Scorrys Hand mit der Spitze gegen Feuermals Kehle drückte.

»Tut mir leid, Häuptling«, sagte der Gefangene an Hartbrot gewandt. »Hat mich überrumpelt.«

»So was kommt vor.«

Ein dürrer Bursche flog in den Kreis des Feuerscheins, als habe ihn jemand gestoßen, stolperte über die eigenen Füße und fiel mit einem leisen Aufschrei der Länge nach ins hohe Gras. Yon Fröhlich stieg aus der Dunkelheit hinter ihm, die Axt locker in einer Hand. Eine schwere Klinge schimmerte neben seinem Stiefel, und sein bärtiges Gesicht zeigte eine missmutige Miene.

»Den Toten sei Dank.« Hartbrot deutete mit seinem Zweig auf den dürren Jungen, der sich gerade wieder aufrappelte. »Das ist der Sohn meiner Schwester. Hatte versprochen, ein Auge auf ihn zu haben. Wenn ihr den umgebracht hättet, wäre mir das bis ans Ende meiner Tage aufs Brot geschmiert worden.«

»Er hat gepennt«, knurrte Yon. »Hast nicht gerade besonders gut Wache gehalten, was?«

Hartbrot zuckte die Achseln. »Wir haben niemanden erwartet. Wenn’s zwei Dinge im Norden gibt, von denen wir zu viel haben, dann sind es Berge und Steine. Hätte nicht gedacht, dass ein Berg mit ein paar Steinen drauf ein besonders begehrenswertes Ziel abgäbe.«

»Das ist er für mich auch nicht«, antwortete Kropf. »Aber der Schwarze Dow sagte, wir sollten hierher geh…«

»Und wenn der Schwarze Dow etwas sagt …« Brack-i-Dayn sang die Worte beinahe, so wie die Bergmenschen es oft tun. Er trat in den breiten, grasbewachsenen Kreis, die tätowierte Seite seines flächigen Gesichts dem Feuer zugewandt, die andere Seite umlagert von Schatten.

Rotkrähe wollte gleich wieder loslegen, doch Hartbrot legte ihm die Hand auf die Schulter. »Aber, aber. Du bist ja der reinste Springteufel.« Seine Augen glitten von Yon Fröhlichs Axt über Herrlichs Grinsen und Bracks Bauch bis zu dem Messer, das Scorry immer noch an die Kehle seines Gefangenen hielt. Er wog seine Chancen ab, genau, wie Kropf es auch getan hätte. »Ist Whirrun von Blei bei euch?«

Kropf nickte langsam. »Ich weiß nicht, warum, aber er besteht darauf, mir zu folgen.«

Als hätte er auf seinen Einsatz gewartet, drang nun Whirruns seltsamer Tal-Akzent aus der Dunkelheit. »Schoglig sagte … mein Schicksal würde mir offenbart … von einem Mann, der an einem Knochen würgt.« Die Stimme hallte von den Steinen wider und schien gleichzeitig von überall her zu kommen. Whirrun hatte fraglos ein Gespür für dramatische Auftritte. Echte Helden brauchten das. »Und Schoglig ist so alt wie diese Steine. Die Hölle verschmäht sie, sagen manche. Klingen können ihr Fleisch nicht durchdringen. Sie sah, wie die Welt geboren wurde, sagen manche, und sie wird sie auch sterben sehen. Auf eine solche Frau muss ein Mann hören, nicht wahr? So jedenfalls sagen manche.«

Whirrun schlenderte durch die Lücke, die einer der fehlenden Heldensteine hinterlassen hatte, und trat in den Schein des Feuers, hochgewachsen und schlank, das Gesicht von seiner Kapuze beschattet, geduldig wie der Winter. Er trug den Vater der Schwerter über den Schultern wie ein Milchmädchen ihr Joch, die Arme über die scheidengeschützte Klinge gelegt, die langen Hände hinunterbaumelnd. Das matte, graue Metall des Hefts schimmerte. »Schoglig verriet mir die Stunde, den Ort und die Art meines Todes. Sie flüsterte es mir ins Ohr und ließ mich schwören, es niemandem zu verraten, denn Magie verliert all ihre Kraft, wenn man sie teilt. Und so kann ich euch nicht sagen, wann es geschehen wird, aber so viel verrate ich euch – nicht hier und nicht jetzt.« Einige Schritte vor dem Feuer hielt er inne. »Und was euch angeht, Jungs …« Whirruns Kapuze rutschte auf einer Seite ein wenig hinunter, so dass nur die Spitze seiner scharf geschnittenen Nase, der Umriss seines eckigen Kinns und sein dünner Mund zu sehen waren. »Schoglig hat mir nicht erzählt, wann eure Zeit gekommen ist.« Er rührte sich nicht. Das musste er auch nicht. Herrlich sah zu Kropf hinüber und verdrehte die Augen zum sternenübersäten Himmel.

Aber im Gegensatz zu Whirruns Kameraden hatten Hartbrots Jungs diese Geschichte noch keine hundert Mal gehört. »Der Whirrun?«, raunte einer von ihnen seinem Nachbarn zu. »Knacknuss-Whirrun? Das ist er?«

Der Mann neben ihm sagte nichts, nur sein Adamsapfel bewegte sich, als er schluckte.

»Tja, bei meinem alten Arsch, aus dieser Klemme möchte ich mich lieber nicht herauskämpfen«, sagte Hartbrot in lockerem Tonfall. »Gäbe es vielleicht die Möglichkeit, dass ihr uns gehen lassen würdet?«

»Ich würde sogar darauf bestehen«, sagte Kropf.

»Wir können unsere Ausrüstung mitnehmen?«

»Ich will dich nicht erniedrigen. Ich will nur deinen Berg.«

»Oder vielmehr will ihn der Schwarze Dow.«

»Ist eins wie das andere.«

»Dann kannst du ihn gern haben.« Hartbrot stand langsam auf, verzog das Gesicht, als er die Beine streckte, und verfluchte innerlich sicherlich ebenfalls einige steife Gelenke. »Ist sowieso verdammt zugig hier oben. Da sitze ich doch lieber in einer Taverne in Osrung und strecke meine Füße ans Feuer.« Kropf musste zugeben, dass diese Vorstellung durchaus etwas für sich hatte, und er fragte sich, wer bei diesem Handel gerade den besseren Schnitt machte. Hartbrot schob gedankenverloren sein Schwert in die Scheide, während seine Jungs ihre Sachen packten. »Das ist ziemlich anständig von dir, Kropf. Du bist wirklich ein aufrechter Mann, genau, wie alle sagen. Schön, dass Männer, die auf verschiedenen Seiten stehen, noch über die Dinge reden können, inmitten dieser ganzen Wirren. Verdammt anständiges Verhalten … kommt ja immer mehr aus der Mode.«

»So sind nun mal die Zeiten.« Kropf sah mit einer Kopfbewegung zu Scorry hinüber, der das Messer von Feuermals Kehle nahm, eine kleine Verbeugung andeutete und die offene Hand zum Feuer streckte. Feuermal machte einen Schritt beiseite, rieb sich die frisch rasierte Stelle an seinem stoppligen Hals und bückte sich, um eine Decke zusammenzurollen. Kropf hakte die Daumen in seinen Schwertgurt und ließ Hartbrots Truppe nicht aus den Augen, während sie den Abzug vorbereitete, nur für den Fall, dass einer der Jungs auf den Gedanken kam, den Helden spielen zu wollen.

Rotkrähe war das vielleicht am ehesten zuzutrauen. Er hatte sich den Bogen über die Schulter geschlungen und stand nun mit finsterem Blick da, die Axt so fest in einer Hand, dass die Knöchel weiß hervortraten, und über dem anderen Arm den Schild, auf dem ein roter Vogel prangte. Er hatte Kropf zuvor schon gern erledigen wollen, und der Lauf der Ereignisse hatte nichts an diesem Wunsch geändert. »Ein paar alte Scheißer und eine verdammte Frau«, zischte er. »Und vor solchen Leuten ziehen wir kampflos den Schwanz ein?«

»Nein, nein.« Hartbrot schwang sich den eigenen schartigen Schild auf den Rücken. »Ich ziehe den Schwanz ein, und die anderen Jungs auch. Du wirst bleiben und allein gegen Whirrun von Blei antreten.«

»Was soll ich?« Rotkrähe warf Whirrun einen unruhigen Blick zu, und Whirrun blickte zurück. Jener Teil seines Gesichts, der zu sehen war, wirkte dabei so versteinert wie die Helden hinter ihm.

»Ganz genau.« Hartbrot nickte. »Du bist doch so scharf auf eine Keilerei. Anschließend werde ich deinen zerstückelten Leichnam zu deiner Mammi schleppen und ihr sagen, dass sie keine Tränen vergießen soll, weil du es nämlich genau so gewollt hast. Du hast diesen verdammten Hügel so geliebt, dass du unbedingt auf ihm sterben wolltest.«

Rotkrähes Hand rutschte nervös über den Griff seiner Axt. »Hä?«

»Oder möchtest du dich vielleicht doch lieber mit uns anderen zurückziehen und den Namen von Curnden Kropf preisen, weil er uns höchst anständig gewarnt hat und uns dann ohne ein paar Pfeile im Arsch abziehen ließ?«

»Ja«, brummte Rotkrähe und wandte sich schlecht gelaunt ab.

Hartbrot blies die Backen auf und sah Kropf an. »Die jungen Leute heutzutage, was? Waren wir auch mal so dämlich?«

Kropf zuckte die Achseln. »Höchstwahrscheinlich.«

»Kann trotzdem nicht behaupten, dass ich je so blutrünstig war, wie sie heute alle zu sein scheinen.«

Kropf zuckte abermals die Achseln. »So sind nun mal die Zeiten.«

»Das ist wohl wahr, wahr und dreimal wahr. Wir lassen euch das Feuer, was? Kommt schon, Leute.« Die Männer marschierten zur Südseite des Hügels, während sie noch die letzten Ausrüstungsgegenstände zusammenpackten, und einer nach dem anderen verschwand zwischen den Steinen in der Nacht.

Hartbrots Neffe wandte sich in der Lücke noch einmal um und zeigte Kropf den Stinkefinger. »Wir werden wiederkommen, ihr hinterlistigen Scheißkerle!« Sein Onkel versetzte ihm einen Schlag gegen den schrundigen Kopf. »Aua! Was ist denn?«

»Zeig gefälligst etwas Respekt.«

»Sind wir nicht im Krieg?«

Hartbrot gab ihm einen zweiten Knuff, der einen quäkenden Aufschrei hervorrief. »Das ist kein Grund, unhöflich zu sein, du kleiner Scheißer.«

Kropf stand da, während die maulende Antwort des Jungen im Wind hinter den Steinen unterging, schluckte etwas bittere Spucke hinunter und löste die Daumen aus dem Gürtel. Ihm zitterten die Hände, und um das zu verbergen, rieb er sie aneinander und tat so, als sei ihm kalt. Aber es war geschafft, alle Beteiligten atmeten noch, und das brachte ihn zu der Annahme, dass diese Geschichte so gut gelaufen war, wie man überhaupt nur hätte hoffen können.

Yon Fröhlich war anderer Ansicht. Er trat neben Kropf, machte ein Gesicht wie ein Gewitter und spuckte ins Feuer. »Es mag eine Zeit kommen, da es uns leidtun wird, dass wir diese Kerle nicht erledigt haben.«

»Jemanden am Leben zu lassen drückt mir meist nicht so schwer aufs Gewissen wie die andere Möglichkeit.«

Brack, der auf der anderen Seite neben Kropf stand, schnalzte mit der Zunge. »Ein Krieger sollte sich nicht zu sehr mit einem Gewissen belasten.«

»Ein Krieger sollte sich auch nicht zu sehr mit einem dicken Bauch belasten.« Whirrun hatte den Vater der Schwerter von den Schultern genommen und die Klinge mit der Spitze auf den Boden gestellt. Der Knauf reichte ihm noch immer bis zur Schulter, und Whirrun betrachtete sinnend, wie sich das Licht auf der Parierstange brach, während er die Waffe hin und her drehte. »Wir haben alle unsere Last zu tragen.«

»Ich trage genau die richtige Menge, du dürrer Drecksack.« Der Bergmensch tätschelte seinen dicken Wanst mit einer ähnlich stolzen Geste wie ein Vater den Kopf seines Sohnes.

»Häuptling.« Agrick trat in den Feuerschein, den Bogen locker in der Hand und einen Pfeil zwischen zwei Fingern.

»Sind sie weg?«, fragte Kropf.

»Hab sie beobachtet, bis sie zum Fuß des Hügels kamen. Sie haben den Pfad nach Osrung eingeschlagen. Athroc bleibt ihnen weiter auf den Fersen. Wir werden es merken, falls sie wieder umkehren.«

»Meinst du, das werden sie?«, fragte Herrlich. »Hartbrot ist noch vom alten Schrot und Korn. Er mag ja lächeln, aber ihm wird diese Sache kein bisschen gefallen haben. Vertraust du diesem alten Drecksack?«

Kropf sah mit gerunzelter Stirn in die Nacht. »Ungefähr so sehr, wie ich heutzutage jedem traue.«

»So wenig? Wir sollten besser Wachen aufstellen.«

»Joh.« Brack nickte. »Und dafür sorgen, dass unsere nicht einschlafen.«

Kropf klopfte ihm gegen den Arm. »Schön, dass du freiwillig die erste Schicht übernimmst.«

»Dir kann dein Bauch Gesellschaft leisten«, sagte Yon.

Ihn tippte Kropf als Nächsten an. »Schön, dass du das gut findest, du bist dann als Zweiter dran.«

»Scheiße!«

»Drofd!«

Man merkte, dass der Lockenkopf der jüngste Neuzugang des Dutzends war, weil er tatsächlich höchst beflissen herbeieilte. »Ja, Häuptling?«

»Nimm das gesattelte Pferd und reite die Straße nach Jaaws hinunter. Ich weiß nicht genau, auf wessen Jungs du als Erstes treffen wirst – wahrscheinlich auf die von Eisenkopf, vielleicht aber auch auf Zehnwegs Männer. Sag ihnen, dass wir bei den Helden auf ein Dutzend des Hundsmanns gestoßen sind. Wahrscheinlich waren sie nur Kundschafter, aber …«

»Nur Kundschafter.« Herrlich knabberte etwas Schorf von einem ihrer Knöchel und spuckte die Krümel von der Zungenspitze. »Die Unionisten sind meilenweit entfernt, haben sich geteilt und schwärmen aus, und sie versuchen, sich in gerader Linie aufzustellen – in einem Land, in dem es keine geraden Linien gibt.«

»Höchstwahrscheinlich. Aber spring trotzdem aufs Pferd und gib die Nachricht weiter.«

»Jetzt?« Drofd machte ein entsetztes Gesicht. »Im Dunkeln?«

»Nein, im nächsten Sommer reicht’s auch noch«, fuhr ihn Herrlich barsch an. »Ja, jetzt, du Dummkopf, du musst doch nichts anderes tun, als der Straße zu folgen.«

Drofd stieß einen Seufzer aus. »Heldenarbeit.«

»Alles Kriegshandwerk ist Heldenarbeit, mein Junge«, erwiderte Kropf. Er hätte lieber jemand anderen geschickt, aber dann hätten sie bis zum frühen Morgen darüber gestritten, wieso nicht der Neue diese Aufgabe übernahm. Für manche Dinge gibt es nun mal einen festgelegten rechten Weg, und an den muss ein Mann sich halten.

»Da hast du Recht, Häuptling. Dann sehen wir uns in ein paar Tagen, nehme ich an. Wahrscheinlich mit einem wunden Hintern.«

»Wieso das?« Herrlich machte ein paar anzügliche Bewegungen mit den Hüften. »Ist Zehnweg ein ganz besonderer Freund von dir?« Das rief einige Lacher hervor. Ein tiefes Grollen von Brack, ein helles Kichern von Scorry, und selbst Yons missmutiges Gesicht hellte sich ein wenig auf, was bedeutete, dass er sich wirklich amüsierte.

»Ha ha, wie lustig.« Damit verschwand Drofd in der Nacht, nahm sich das Pferd und machte sich auf den Weg.

»Ich habe gehört, mit Hühnerfett geht er leichter rein!«, rief Herrlich ihm noch nach, und Whirruns gackerndes Gelächter hallte um die Helden und hinein ins leere Dunkel.

Nun, da all die Aufregung vorüber war, fühlte Kropf sich ausgebrannt. Er ließ sich neben dem Feuer auf den Boden sinken, verzog schmerzerfüllt das Gesicht, als er die Knie beugte, und fand einen Platz, auf dem die Erde noch warm war von Hartbrots Körper. Scorry hatte sich ihm gegenüber niedergelassen und schärfte sein Messer. Das Schaben des Metalls gab seinem leisen, hohen Gesang einen festen Rhythmus. Er sang von Skarling Ohnekapp, dem größten Helden des Nordens, der vor langer Zeit die Clans unter sich vereint hatte, um die Union aus dem Land zu vertreiben. Kropf hörte zu, kaute an der schmerzenden Haut um seine Fingernägel und dachte wieder darüber nach, dass er wirklich endgültig aussteigen sollte.

Whirrun legte den Vater der Schwerter ab, kauerte sich auf den Boden und zog den alten Beutel hervor, in dem er seine Runensteine aufbewahrte. »Wir sollten vielleicht eine Lesung machen, oder?«

»Muss das sein?«, brummte Yon.

»Wieso? Hast du Angst vor dem, was dir die Zeichen künden könnten?«

»Nur Angst, dass du einen Haufen Blödsinn von dir gibst und ich die halbe Nacht lang wach liege und versuche, einen Sinn darin zu erkennen.«

»Ach was, wir werden sehen.« Whirrun schüttelte die Runensteine in seine gebogene Hand, spuckte darauf und warf sie dann neben dem Feuer aus.

Kropf reckte unwillkürlich den Hals, um zu sehen, wie sie gefallen waren, obwohl er nicht mal für Geld etwas aus diesen blöden Dingern hätte herauslesen können. »Was sagen denn die Runen, Knacknuss?«

»Die Runen sagen …« Whirrun sah die Steine an, als versuche er, etwas zu erkennen, das in sehr weiter Ferne lag. »Es wird Blut geben.«

Herrlich schnaubte. »Das sagen sie immer.«

»Joh.« Whirrun wickelte sich in seinen Mantel und schmiegte sich mit dem Gesicht an das Heft seines Schwerts wie an eine Geliebte, die Augen bereits geschlossen. »Aber in letzter Zeit haben sie noch öfter Recht als früher.«

Kropf sah missmutig zu den Helden, die sie umstanden, vergessene Riesen, die stur etwas bewachten, wo es nichts zu bewachen gab. »So sind nun mal die Zeiten«, brummte er.

DER FRIEDENSSTIFTER

Er stand am Fenster, eine Hand auf dem Stein, und seine Fingerspitzen trommelten, trommelten, trommelten. Ein finsterer Blick über Carleon. Über das Labyrinth der kopfsteingepflasterten Gässchen, das Gewirr der steilen Schieferdächer, die hoch aufragenden Stadtmauern, die einst sein Vater hatte errichten lassen, und die der Nieselregen nun schimmernd schwarz färbte. Zu den nebelverhangenen Feldern dahinter, über die Gabelung des grauen Flusses und zu den streifigen Andeutungen der Berge, die das Tal einfassten. Als ob er, wenn er nur lange genug schlecht gelaunt vor sich hin starrte, den Blick noch weiter in die Ferne würde richten können. Über vierzig Meilen unwegsamen Landes bis zum verstreuten Heer des Schwarzen Dow. Dorthin, wo sich das Schicksal des Nordens entschied.

Ohne ihn.

»Ich will doch nur, dass alle tun, was ich ihnen sage. Ist denn das zu viel verlangt?«

Seff glitt hinter ihn, und ihr Bauch drückte gegen seinen Rücken. »Ich würde sagen, das wäre mehr als klug.«

»Ich weiß doch, was das Beste ist, oder nicht?«

»Ich weiß es, und ich sage es dir, und von daher … hast du Recht.«

»Es hat aber den Anschein, als gäbe es ein paar schweinsköpfige Drecksäcke im Norden, die nicht begriffen haben, dass wir die richtigen Antworten kennen.«

Ihre Hand wanderte seinen Arm hinunter und drückte seine rastlosen Finger gegen den Stein. »Männer lassen nicht gern erkennen, dass sie für den Frieden sind, aber sie werden es schlussendlich doch tun. Du wirst schon sehen.«

»Und bis das geschieht, werde ich, wie alle Visionäre, abgewiesen. Verspottet. Ins Exil geschickt.«

»Und solange bist du mit deiner Frau in ein Zimmer gesperrt. Ist das so schlimm?«

»Es gibt keinen Ort, an dem ich lieber wäre«, log er.

»Lügner«, flüsterte sie, und ihre Lippen kitzelten sein Ohr. »Du bist fast ein so guter Lügner, wie man immer von dir behauptet. Du wärst viel lieber da draußen, an der Seite deines Bruders, in voller Rüstung.« Ihre Hände glitten unter seine Achseln und über seine Brust; die Bewegung verursachte ihm einen kitzelnden Schauer. »Und würdest ganzen Wagenladungen von Südländern die Köpfe abschlagen.«

»Mord ist meine Lieblingsbeschäftigung, das weißt du doch.«

»Du hast mehr Männer getötet als Skarling.«

»Und ich würde meine Rüstung auch im Bett tragen, wenn ich könnte.«

»Nur die Rücksichtnahme auf meine ach so weiche Haut hält dich davon ab.«

»Aber abgeschlagene Köpfe spritzen so leicht.« Er wand sich in ihrer Umarmung, bis er sich umdrehen konnte, und legte gemächlich eine Fingerspitze gegen ihr Brustbein. »Ein schneller Stich ins Herz ist mir viel lieber.«

»So wie du auch meins aufgespießt hast. Du bist wahrlich ein großer Schwertfechter.«

Er stieß einen leisen Aufschrei aus, als er ihre Hand zwischen seinen Beinen spürte, dann rutschte er kichernd an der Mauer entlang, die Arme abwehrend erhoben. »Schon gut, ich gebe es zu! Ich bin im Bett erfolgreicher als im Feld.«

»Endlich höre ich die Wahrheit. Sieh doch nur, was du mit mir gemacht hast.« Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und sah ihn missbilligend an. Als er wieder näher kam, wandelte sich ihre Miene zu einem Lächeln, und er fasste nach ihrer Hand, streckte die Fingerspitzen zwischen die ihren und streichelte ihren geschwollenen Bauch.

»Es wird ein Junge«, flüsterte sie. »Das spüre ich. Ein Erbe für den Norden. Du wirst König, und da…«

»Schschsch.« Er brachte sie mit einem Kuss zum Schweigen. Man konnte nie wissen, ob sie belauscht wurden. Und außerdem: »Ich habe einen älteren Bruder, schon vergessen?«

»Einen älteren Bruder, der ein Holzkopf ist.«

Calder verzog das Gesicht, bestritt es aber nicht. Seufzend sah er auf ihren seltsamen, wundervollen, furchteinflößenden Bauch. »Mein Vater hat immer gesagt, es gäbe nichts Wichtigeres als die Familie.« Außer Macht. »Außerdem ist es sinnlos, über Dinge zu streiten, die wir nicht haben. Der Schwarze Dow trägt die Kette meines Vaters. Der Schwarze Dow ist es, über den wir uns Gedanken machen müssen.«

»Der Schwarze Dow ist nichts als ein einohriger Schläger.«

»Ein Schläger, der den ganzen Norden unter seiner Knute hat und dem die mächtigsten Anführer unseres Landes gehorchen.«

»Die mächtigsten Anführer.« Sie schnaubte ihm ins Gesicht. »Zwerge, die die Namen großer Männer führen.«

»Brodd Zehnweg.«

»Diese verfaulte alte Made? Allein beim Gedanken an ihn wird mir übel.«

»Cairm Eisenkopf.«

»Nach dem, was ich gehört habe, hat er einen winzigkleinen Schwanz. Deswegen zieht er immer so ein säuerliches Gesicht.«

»Glama Golding.«

»Der hat einen noch kleineren. Wie der Finger eines Säuglings. Und du hast Verbündete.«

»Tatsächlich?«

»Du weißt, dass es so ist. Mein Vater mag dich.«

Calder runzelte die Stirn. »Dein Vater hasst mich nicht, aber ich bezweifle stark, dass er sofort aufspränge, um den Strick abzuschneiden, wenn man mich hängen wollte.«

»Er ist ein ehrbarer Mann.«

»Natürlich ist er das. Caul Reichel ist wahrlich einer der Aufrechten, das weiß jeder.« Was das auch immer nützen mochte. »Aber du und ich, wir wurden einander versprochen, als ich der Sohn des Königs der Nordmänner war und die Welt eine ganz andere als heute. Er sollte einen Prinzen zum Schwiegersohn erhalten, nicht nur einen stadtbekannten Feigling.«

Sie tätschelte ihm die Wange, heftig genug, dass ein sanftes Klatschen zu hören war. »Ein hübscher Feigling.«

»Hübsche Männer sind im Norden noch weniger beliebt als Feiglinge. Ich bin nicht sicher, ob dein Vater so glücklich darüber ist, dass sich mein Schicksal derart gewandelt hat.«

»Scheiß auf dein Schicksal.« Sie packte ihn am Hemd und zog ihn zu sich heran, und ihr Griff zeigte, dass sie stärker war, als ihr Aussehen vermuten ließ. »Ich wollte nichts daran ändern.«

»Ich auch nicht. Ich sage nur, dass es deinem Vater nicht so recht sein mag.«

»Und ich sage, da irrst du dich.« Sie nahm seine Hand und drückte sie wieder gegen ihren vorstehenden Bauch. »Du gehörst zur Familie.«

»Familie.« Er musste es nicht laut aussprechen, dass Familie nicht nur stärken, sondern auch schwächen konnte. »Also haben wir deinen ehrbaren Vater und meinen holzköpfigen Bruder. Der Norden gehört uns.«

»Das wird er. Ich weiß es.« Sie lehnte sich langsam zurück, zog ihn vom Fenster und zum Bett. »Dow mag ein Mann für den Krieg sein, aber Kriege dauern nicht ewig. Du bist besser als er.«

»Da würden dir nur wenige zustimmen.« Aber es war trotzdem schön zu hören, vor allem, wenn diese Worte ihm mit sanfter, tiefer, drängender Stimme ins Ohr geflüstert wurden.

»Du bist klüger als er.« Ihre Wange strich gegen seinen Kiefer. »Viel klüger.« Ihre Nase berührte sanft sein Kinn. »Der klügste Mann im ganzen Norden …« Bei den Toten, er liebte Schmeicheleien so sehr.

»Mach weiter.«

»Du siehst auf alle Fälle besser aus als er.« Sie drückte seine Hand und ließ sie dann ihren Bauch hinuntergleiten. »Der bestaussehende Mann im ganzen Norden …«

Sanft leckte er mit der Zungenspitze ihre Lippen. »Wenn die Schönsten regierten, dann wärst du schon längst Königin der Nordmänner …«

Ihre Finger nestelten an seinem Gürtel. »Du weißt einfach immer, was du sagen musst, Prinz Calder …«

In diesem Augenblick klopfte es donnernd an die Tür, und er erstarrte. Plötzlich pochte das Blut wieder viel mehr in seinem Kopf als in seinem Schwanz. Nichts zerstört eine romantische Stimmung so gründlich wie die Drohung eines plötzlichen Todes. Es klopfte ein zweites Mal, so laut, dass die schwere Tür erzitterte. Sie fuhren auseinander, erröteten und zupften sich ihre Kleidung zurecht. Eher wie zwei sich liebende Kinder, die von ihren Eltern erwischt werden, denn wie Mann und Frau, die schon seit fünf Jahren verheiratet waren. So viel zu seinen Königsträumen. Er herrschte nicht einmal über das Schloss an seiner eigenen Tür.

»Der verdammte Riegel ist ja wohl auf eurer Seite, oder nicht?«, brüllte er kurz angebunden.

Metall kreischte, dann öffnete sich knarrend die Tür. Ein Mann stand im Rahmen, so groß, dass sein struppiger Kopf beinahe an den Türsturz stieß. Die zerstörte Seite seines Gesichts war nach vorn gewandt, eine narbige Fläche erstreckte sich fast vom Mundwinkel über die Augenbrauen und die Stirn, und die tote Metallkugel in der blinden Augenhöhle schimmerte. Wenn noch ein Hauch von Romantik übrig geblieben gewesen wäre, in irgendeiner Ecke oder vielleicht in Calders Hose, dann hätten ihr dieses Auge und diese Narbe endgültig den Garaus gemacht. Er fühlte, wie Seff erstarrte, und da sie um einiges tapferer war als er, half ihm ihre Angst nicht die Bohne. Caul Espe war eines der schlimmsten Omen, denen ein Mensch begegnen konnte. Die Leute nannten ihn den Hund des Schwarzen Dow, wenn auch nie in seiner Gegenwart. Er war derjenige, den der Bewahrer des Nordens aussandte, um die schwärzesten Taten zu verrichten.

»Dow will dich sehen.« Falls es echte Helden gab, die der Anblick von Espes Gesicht vielleicht nur ein ganz klein wenig geängstigt hätte – seine Stimme hätte auch ihnen sicherlich den Rest gegeben. Sein gebrochenes Wispern ließ jedes Wort so klingen, als täte es beim Aussprechen weh.

»Wieso?«, fragte Calder, der seine eigene Stimme dem klopfenden Herzen zum Trotz so sonnig klingen ließ wie ein Sommermorgen. »Kann er die Union nicht ohne mich besiegen?«

Espe lachte nicht. Er verzog auch nicht das Gesicht. Er stand einfach da, in der Tür, wie eine bedrohliche Steinplatte.

Calder gab sich alle Mühe, lässig die Achseln zu zucken. »Nun, ich vermute, jeder Mann dient irgendeinem anderen. Was ist mit meiner Frau?«

Espes gesundes Auge glitt zu Seff hinüber. Hätte er sie mit geifernder Lust oder abfälligem Ekel angesehen, hätte Calder sich besser gefühlt. Aber Espe betrachtete die Schwangere so, wie ein Metzger ein totes Tier ansehen mochte; als Arbeit, die getan werden musste. »Dow will, dass sie als Geisel hierbleibt. Um sicherzugehen, dass sich alle gut benehmen. Sie ist in Sicherheit.«

»Solange sich alle gut benehmen.« Calder merkte, dass er vor Seff getreten war, als könne er sie mit seinem Körper schützen. Obwohl das bei einem Mann wie Espe wahrlich keinen Schutz bedeutete.

»Ganz genau.«

»Und falls sich der Schwarze Dow schlecht beträgt? Wo ist meine Geisel?«

Espes Auge glitt zu Calder zurück und blieb an ihm hängen. »Ich werde deine Geisel sein.«

»Wenn Dow sein Wort bricht, kann ich dich töten, ja?«

»Du kannst es versuchen.«

»Hm.« Caul Espe hatte einen der härtesten Namen im gesamten Norden. Calder, das musste kaum erwähnt werden, nicht. »Gewährst du uns einen Augenblick, damit wir uns verabschieden können?«

»Warum nicht?« Espe machte einen Schritt zurück, bis nur noch das Schimmern seines Metallauges in den Schatten sichtbar blieb. »Ich bin kein Ungeheuer.« Die Tür schloss sich.

»Zurück in die Schlangengrube«, raunte Calder.

Seff nahm seine Hand und sah mit weit geöffneten Augen zu ihm auf, gleichzeitig ängstlich und drängend. Beinahe so ängstlich und drängend wie er. »Hab Geduld, Calder. Bewege dich mit großer Vorsicht.«

»Ich werde den ganzen Weg über auf Zehenspitzen gehen.« Wenn er überhaupt je ankam. Seiner Vermutung nach standen die Chancen, dass Espe angehalten worden war, ihm auf der Reise die Kehle durchzuschneiden und seine Leiche in einem Moor zu versenken, eins zu vier.

Sie nahm sein Kinn zwischen Finger und Daumen und schüttelte es ungeduldig. »Ich meine es ernst. Dow fürchtet dich. Mein Vater sagt, ihm wäre jede Entschuldigung recht, dich umzubringen.«

»Dow sollte mich auch fürchten. Einmal abgesehen von allem anderen bin ich vor allem meines Vaters Sohn.«

Sie zwickte sein Kinn noch stärker und sah ihm direkt in die Augen. »Ich liebe dich.«

Er blickte zu Boden, als er hinten in der Kehle die Tränen aufsteigen fühlte. »Warum? Merkst du denn nicht, was für ein bösartiger Scheißkerl ich bin?«

»Du bist besser, als du denkst.«

Wenn sie es sagte, konnte er es beinahe glauben. »Ich liebe dich auch.« Er musste nicht einmal lügen. Wie hatte er getobt, als sein Vater ihm diese Verbindung bekanntgegeben hatte. Diese schweinsnasige, spitzzüngige kleine Zicke sollte er heiraten? Inzwischen erschien sie ihm jedes Mal, wenn er sie sah, schöner als zuvor. Er liebte ihre Nase, und er liebte ihre Zunge, sollte sie auch spitz sein wie ein Dolch. Er liebte sie so sehr, dass er fast allen anderen Frauen abgeschworen hätte. Nun zog er sie an sich, blinzelte die Nässe aus den Augenwinkeln weg und küsste sie noch einmal. »Mach dir keine Sorgen. Niemand ist weniger scharf darauf, an meiner Hinrichtung teilzunehmen, als ich selbst. Bevor du dich versiehst, werde ich wieder in deinem Bett liegen.«

»In voller Rüstung?«

»Wenn du willst.« Er trat von ihr zurück.

»Und keine Lügen, während du weg bist.«

»Ich lüge nie.«

»Lügner«, hauchte sie, bevor die Wachen die Tür schlossen und den Riegel vorlegten. Calder stand im dunklen Flur, überwältigt von dem traurig-sentimentalen Gedanken, dass er seine Frau vielleicht nie wieder sehen würde. Das verlieh ihm einen Anflug von Mut, und er eilte Espe hinterher, holte seinen Bewacher ein und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. Seine Hände trafen auf einen Widerstand, so fest und solide wie Holz, und das machte ihn ein wenig nervös, aber er legte trotzdem los.

»Wenn ihr irgendetwas zustößt, dann verspreche ich dir das Eine …«

»Nach dem, was ich gehört habe, ist auf deine Versprechen nicht allzu viel zu geben.« Espes Auge wanderte zu der Hand, die offenbar seinen Unmut erregte, und Calder zog sie vorsichtig zurück. Er war nur selten mutig, und wenn, dann stets im Rahmen der Vernunft.

»Wer sagt das? Der Schwarze Dow? Wenn es einen Drecksack im Norden gibt, dessen Versprechen weniger wert sind als meine, dann wohl ihn.« Espe schwieg, aber Calder war niemand, der sich so leicht entmutigen ließ. Guter Verrat braucht etwas Einsatz. »Dow wird dir niemals mehr geben als das, was du ihm mit beiden Händen entreißen kannst. Von ihm wirst du nichts bekommen, egal, wie treu du ihm bist. Im Gegenteil, je fester du zu ihm hältst, desto weniger hast du von ihm zu erwarten. Du wirst sehen. Nicht genug Fleisch und viel zu viele Hunde, die gefüttert werden müssen.«

Espes Auge verengte sich ein winziges bisschen. »Ich bin kein Hund.«

Der kleine Anklang von Zorn hätte ausgereicht, um die meisten Männer vor Angst zum Schweigen zu bringen, aber für Calder bot er lediglich einen Spalt, den es zu weiten galt. »Das erkenne ich sehr wohl«, wisperte er ebenso leise und drängend, wie Seff ihm zuvor ins Ohr geflüstert hatte. »Die meisten Männer blicken nicht weiter als bis zu der Furcht, die sie vor dir empfinden, aber ich schon. Ich erkenne, was du bist. Ein Kämpfer natürlich, aber auch jemand, der nachdenkt. Ein ehrgeiziger Mensch. Ein stolzer Mann, und wieso auch nicht?« Calder blieb in einem düsteren Teil des Flurs stehen, beugte sich verschwörerisch vor und kämpfte gegen den Impuls an, den Kopf abzuwenden, als sich ihm die abscheuliche Narbe zuwandte. »Wenn ein Mann wie du für mich arbeiten würde, dann wüsste ich ihn besser einzusetzen, als der Schwarze Dow es tut, so viel kann ich dir versprechen.«

Espe winkte ihn mit einer Handbewegung zu sich heran, und an seinem kleinen Finger flammte in der Düsternis ein großer Rubin blutrot auf. Calder hatte keine andere Wahl als näher, näher und noch näher zu kommen, viel näher, als ihm lieb war. So nahe, dass er Espes warmen Atem fühlen konnte. Beinahe nahe genug für einen Kuss. Bis Calder nur noch sein eigenes verzerrtes, wenig überzeugendes Grinsen in dem toten Metall der Augenkugel sehen konnte.

»Dow will dich sehen.«

UNSER BESTES

Euer Erhabene Majestät,

Wir haben uns vollständig von der Niederlage bei Stillfurt erholt, und der Feldzug geht weiter. Trotz aller Winkelzüge des Schwarzen Dow treibt Marschall Kroy den Gegner doch stets weiter nach Norden in Richtung seiner Hauptstadt Carleon. Dow kann sich nicht endlos zurückziehen. Wir werden ihn vernichten, darauf kann sich Eure Majestät verlassen.

GeneralJalenhormsDivisionhatgesterneinkleinesScharmützelaufeinerHügelketteimNordostengewonnen.LordStatthalterMeedführtseineDivisionsüdlichinRichtungOllensandundhofft,dieNordmännersodazuzubringen,dasssieihrHeeraufteilenunddadurchinderSchlachteinenNachteilhaben.IchreisemitGeneralMittericksDivisionundbleibedaherinderNähevonMarschallKroysHauptquartier.GesternlauertenNordmännerunseremVersorgungszuginderNäheeinesDorfesnamensBardenauf,aneinerStelle,woeraufgrundderschlechtenStraßenauseinandergezogen war.DieWachsamkeitundderMutderNachhutsorgtendafür,dassderFeindunterschwerenVerlustenzurückgedrängt

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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