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Die Herbertstraße, eine 60 Meter lange Gasse mitten im Hamburger Rotlichtbezirk, an den Zugängen begrenzt von Sichtblenden. In den Fenstern präsentieren sich die Prostituierten den flanierenden Freiern. Eine von ihnen ist Manuela Freitag, seit mehr als 30 Jahren arbeitet sie hier. Sie ist die dienstälteste Domina der Herbertstraße. Nichts ist ihr fremd, keine Begierde, keine Obsession. Aber es gibt auch die private Manuela, die fürsorgliche Mutter und treue Freundin – eine Frau, die manchmal auch von einem ganz gewöhnlichen Leben träumt. In ihrem Buch erzählt sie, wo sie herkommt, wie sie aufwuchs und wie sie mit 13 den ersten Schritt ins Milieu tat. Wie sie sich später von Zuhältern befreite und zur Domina wurde. Sie nimmt uns mit in das Mysterium Herbertstraße und zeichnet dabei ein eindrucksvolles, facettenreiches Bild von den Bedürfnissen, den Sehnsüchten und Abgründen unserer Gesellschaft.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für meinen Sohn,
weil er der Anker in meinem Leben ist
und nie an mir gezweifelt hat
Vorwort – Bekenntnisse einer Domina
Fenster zum Hof
Sie ließ mich einfach liegen
100 Meter Prostitutionsgeschichte
Herausgerissen
Die 7a
Systemsprenger
Der erste Gast von vielen
Ich wurde nie aufgeklärt
Wer erzieht eine Domina?
Wo ist meine Mutter?
Die Ohrringe der Domenica
Mit zwölf Jahren auf dem Straßenstrich
Eine perfekte Domina ist unberührbar
Ein Grab in Öjendorf
Das Fest der Hiebe
Saunaclub Münsterland
Illusionen
Ein Schwein, ein ganz brutales Schwein
Protokoll eines Sklaven
Reeperbahn – endlich am Ziel
Man lernt ja nie aus
Die Nutella-Bande
Der Ton ist heute rauer, brutaler
Zuhälter mögen keine Stressfrauen – und ich bin eine
Wuff!
Freigekauft
An später habe ich nie gedacht
Christiane F. und ich
Die Gäste mögen meine Handschrift
Die Welt dreht sich weiter
Manche wollen gar nicht viel
Im Geliebtwerden war ich nie gut
Wenn aus Stammgästen Freunde werden
Eine schwierige Schwangerschaft
Lebensgeschichten – jeder bringt sein Schicksal mit
Als Mutter in der Herbertstraße
Bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus
Das Drogenjahr
Die Neugier der anderen
Mama, was machst du eigentlich?
Leere – und was dann?
Ich wollte nur, dass er gut wird
Morgen ist auch noch ein Tag
Danke
Ich habe immer nur für meine Arbeit gelebt.Ich hatte nie ein solides Leben.
Wenn ich gefragt werde, warum ich Prostituierte wurde, sage ich spontan: Aus Überzeugung. Denn das ist der Beruf, den ich immer ausüben wollte. Bei genauerer Betrachtung ist das nur die halbe Wahrheit. Denn dass ich diesen Weg einschlug, na ja, es ergab sich eben, als ich noch sehr jung war. Meine Motivation?
Ich wollte Geld verdienen und ergriff die in meinen Augen erstbeste Chance, die sich bot. Ich wurde von niemandem gezwungen. Später als Domina in der Herbertstraße zu arbeiten, auch das war meine – freie – Entscheidung, etwas, das ich wollte. Denn was ich tue, das tue ich aus freien Stücken und ohne Zwang. Kein Mensch, erst recht kein Mann und kein Zuhälter, zwingt mich zu irgendetwas. Allenfalls, auch das muss gesagt sein, das Leben ließ mir nicht immer eine freie Wahl. Vielleicht lag mir die Prostitution aber einfach in den Genen. Vielleicht blieb etwas von meiner Mutter bei mir hängen. Eine Mutter, von der ich so gut wie nichts weiß, außer dass auch sie eine Prostituierte war.
Was ich ganz sicher weiß: Das Leben hat mich dahingebracht, wo ich heute stehe. Ein Leben, das nicht immer leicht war. Auch weil ich zu oft an die Falschen geraten bin, an Menschen, die es nicht gut mit mir meinten. Ehrliche Menschen kennenzulernen, das fällt mir bis heute schwer. Leider ist das so. Das mag an meiner Kindheit liegen, die eigentlich keine war. Sie endete, als ich zwölf war und meine ersten Erfahrungen auf dem Strich machte, damals noch in Bremen.
Manchmal frage ich mich, hätte ich eigentlich etwas ganz anderes in meinem Leben machen können? Hätte ich „etwas aus meinem Leben machen können“, wie es so schön heißt? Gab es jemals die Chance für mich, andere Wege einzuschlagen und wenn ja, wäre ich überhaupt bereit gewesen, sie zu gehen? Die ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht.
Und jetzt? Jetzt bin ich 57 Jahre alt und verdiene seit mehr als 30 Jahren mein Geld als Domina in der legendären Herbertstraße, den wenigen Metern Pflasterstein nahe der Hamburger Reeperbahn. Eine Gasse, gesäumt von Fenstern, in denen Frauen hinter Glas sitzen und den Freiern ihre Dienste anbieten.
Ich bin eine von ihnen. Die Dienstälteste.
Wer so lange hier arbeitet wie ich, dem ist nichts mehr fremd – keine Phantasie, keine Lust, keine Perversion. Es gibt nichts, was es nicht gibt – sagt man so leicht dahin. Ich habe dieses Nichts, das es nicht gibt, am eigenen Leib erlebt, das Schöne und das Hässliche, ich habe es gefühlt, gespürt, gerochen, geschmeckt.
Wie die Herbertstraße mein Zuhause wurde und warum sie mich nie wieder losließ, davon werde ich erzählen. Ich werde tief und ungeschönt blicken lassen – in den Berufsalltag einer Domina und in mein Privatleben. Mein Job ist hart, voller Skurrilität und Abgründe, aber oft auch begleitet von Humor und Menschlichkeit. Im normalen Leben begegnet mir, der Prostituierten, so etwas eher selten. Das hier ist meine ganz persönliche Geschichte. Aber ich erzähle sie nicht nur für mich, sondern auch stellvertretend für die vielen Frauen im Rotlichtmilieu, die nicht gehört und gesehen werden, obwohl sie es dringend verdient hätten.
Wir, die Frauen der Herbertstraße, sind Unikate.Jede sitzt für sich, jede präsentiert sich, jede hatihre Geschichte in der Straße, egal ob auf normaloder auf Stiefeln.
Wenn ich arbeite, liegen die meisten Menschen schon längst in den Federn. Denn meine reguläre Schicht in der Herbertstraße beginnt etwa um 2 Uhr nachts und sie endet zwischen zehn und zwölf am nächsten Tag, je nachdem, wie viel Betrieb auf dem Hamburger Kiez ist, also wie viele Männer – potenzielle Freier – noch unterwegs sind. Ich brauchte eine Weile, um mich an diese Arbeitszeiten zu gewöhnen, mittlerweile möchte ich es gar nicht mehr anders haben, weil genau das mein Ding ist. Denn ich mag diese einzigartige Atmosphäre in den sehr frühen Morgenstunden, die Momente, in denen sogar die Herbertstraße, die 24 Stunden das ganze Jahr lang geöffnet hat, endlich mal zur Ruhe kommt. Sie ist dann wie ausgestorben und ich sitze fast alleine, während sich eine gespenstische Ruhe über die sündige Meile legt. Noch bis vor wenigen Jahren ging meine Schicht von 23 Uhr bis 7 Uhr. Klingt angenehmer, der praktische Vorteil jetzt aber ist, dass keine der anderen Frauen links oder rechts von mir in ihrem Fenster sitzt und mir Konkurrenz machen kann – um die Verlorenen der Nacht, die Betrunkenen, die Geilen, um all die, die noch auf der Suche sind nach Unterwerfung, Schmerz und Dominanz. Mein Spezialgebiet.
Aller Anfang ist … das Kobern. Kobern ist harte Arbeit. Es bedeutet, einen Gast ans Fenster und anschließend aufs Zimmer zu locken – und ihm für eine Session möglichst viel Geld aus den Rippen zu leiern. Darin bin ich gut. So sitze ich Nacht für Nacht in meinem Koberraum mit Fenster zum Hinterhof der Herbertstraße Nummer 7a. Die wenigen Quadratmeter meines Bereichs sind schummrig rot beleuchtet und verbergen die spärliche Einrichtung. Links von mir ist eine Spiegelwand mit einer Ablage, rechts von mir steht ein Mülleimer. Daneben befindet sich noch eine Ablage sowie eine Glaswand, die meinen Platz von dem der nächsten Frau trennt. In der Mitte sitze ich – in meiner Dominakluft – auf einem hohen Lederhocker. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Stunden ich auf diesem Stuhl verbracht und wie viele Zigaretten ich hier geraucht habe, während ich auf den nächsten Gast wartete.
Wer in die Herbertstraße kommt, der sucht ein gewisses Flair, nicht das Perfekte, das Gestylte, vielmehr das Verruchte, das Verborgene, das Schmuddelige. Die Herbertstraße ist ein Kosmos für sich, alles und jeder hat Ecken und Kanten, die Straße, die Häuser, ja, auch wir Frauen.
Manchmal denke ich, irgendwie ist die Herbertstraße so etwas wie die Lindenstraße aus der Fernsehserie – und eben doch ganz anders. Hier findet das richtige, wahrhaftige Leben statt. Hier zeigt sich die Realität. Männer – verheiratete, liierte, geschiedene, Singles – die zu mir kommen und mir ihre geheimsten Wünsche offenbaren. Wünsche, mit denen sie in der sogenannten Gesellschaft, in ihrem bürgerlichen Dasein, vermutlich anecken würden – die sich von mir aber meistens erfüllen lassen. Die Herbertstraße bietet ihnen Raum dafür.
Früher war es ja so, dass in jedem Haus nur eine Frau „auf Stiefeln“ gearbeitet hat – das bedeutet, dass sie ihr Geld als Domina verdient. Heute sind wir, die „echten“ Dominas, die noch in den Fenstern sitzen, Überbleibsel einer anderen Zeit. Fast so etwas wie Relikte. Denn die Grenzen sind heute fließend, seitdem „normale“ Prostituierte zu geringen Preisen Dienste anbieten, die früher allein einer Domina vorbehalten waren. Diese Entwicklung ging schon vor einigen Jahren los, die Zeiten wurden schlechter, die Frauen verdienten weniger. Und weil allgemein bekannt war, dass eine Domina immer gutes Geld machte, wollten sich die anderen eine Scheibe von uns abschneiden. Sie zogen sich mal eben Stiefel, Lack- oder Lederkleid oder einfach nur schwarze Fetzen über – fertig war die Möchtegerndomina, die von dem, was wir wirklich können, keine Ahnung hatte. Das ist bis heute für mein Geschäft sehr nachträglich, weil die Freier nicht mehr wissen, woran sie sind. Ich werde zum Beispiel oft am Fenster gefragt, ob ich auch wirklich ein richtiges Sadomasostudio mit allem Drum und Dran habe. Daraufhin schaue ich den Mann nur an und frage: „Na, was denkst du denn? Schau mich doch an!“ „Na ja“, sagt er, „ich hab schon erlebt, dass ich bei einer reinging, die so aussah wie du, und dann hatte die aber nur ein Kuschelbett im Zimmer. Und keine Ahnung von SM.“ Was ich damit sagen will: Heutzutage arbeitet die Konkurrenz mit allen Tricks, um an das Geld der Gäste heranzukommen. Darunter leidet das Image der Domina, wir haben das Nachsehen. Auch das ist eine Wahrheit, das Geschäft ist härter, der Kampf um die Freier brutaler geworden.
In den mehr als 30 Jahren, seitdem ich hier bin, sind fast alle, die noch zu meinen Anfängen in der Herbertstraße anschaffen gingen, verschwunden. Manche sind gestorben, andere stiegen aus und führen jetzt ein solides Leben. Überhaupt hat sich das Dominagewerbe verlagert. Die Jüngeren arbeiten in schicken, stylischen Privatstudios in Wohnungen, die über die ganze Stadt verteilt sind. Vieles läuft auch anonym über Internetseiten ab. Aber ich bin geblieben, weil die Herbertstraße genau der Ort ist, an dem ich sein möchte. Ich weiß genau, wer von denen, die die Gasse entlanglaufen, ein potenzieller Freier ist, wer bereit ist, Geld auszugeben oder wer sich hier nur aus Voyeurismus und Neugier herumtreibt. Das ist einer der Vorteile, wenn man so viele Jahre Herbertstraße auf dem Buckel hat: eine gute Menschenkenntnis, zumindest wenn es um den Job geht, in privaten Dingen, na ja, wie schon gesagt …
Von meinem Fenster aus habe ich das Geschehen in der Gasse vorn ganz gut im Blick. Ich schaue nämlich direkt durch einen Gang, der von der Herbertstraße in meinen Hinterhof führt. Umgekehrt heißt das, ich sitze für die Männer, die durch die Straße flanieren, richtig schön auf dem Präsentierteller. Genau so soll es auch sein. Der Gang ist nachts, also wenn ich Schicht habe, beleuchtet. Seine Wände sind in verschiedenen Pink- und Rottönen angemalt, die Farbe ist hier und da schon abgeplatzt, links und rechts an den Wänden sind Bilder nackter Frauen mit großen Busen in Lebensgröße. Genau in der Mitte des Durchgangs, eingerahmt von den gemalten Nackten, prangt unübersehbar ein Geldautomat, einer von mehreren in der Herbertstraße. Im Grunde symbolisiert er alles, worum es an diesem Ort geht, warum ich überhaupt hier sitze. Prostitution ist ein Geschäft, es geht um Geld, um Angebot und Nachfrage. Um „käufliche Liebe“ – sagt man ja so. Diesen Begriff mag ich allerdings nicht, käuflich sind nur meine Dienste, meine Liebe ist es nicht. War sie auch nie.
Die Geldautomaten in der Herbertstraße machen uns Frauen den Job leichter. Denn erfolgreiches Kobern bedeutet auch, den Gast immer wieder zu animieren, seine Session zu verlängern. Das wiederum heißt, er muss mehr Geld auf den Tisch legen. Wurden früher Schecks ausgestellt oder Schulden gemacht, wenn kein Cash mehr im Portemonnaie war, heißt es heute: Ab zum EC-Automaten, Nachschub holen! Und wer nicht aufpasst, der wird beschissen. Hallo, natürlich nicht von mir! Meine Gäste bekommen das, wofür sie zahlen. Nein, ich rede von den Tauben, die zu Dutzenden oben in dem Durchgang nisten – und deren Gurren mich manchmal zum Wahnsinn treibt – und denen es schietegal ist, ob unter ihnen ein Freier am EC-Automaten steht, um Cash zu holen.
Dass ich selbst nicht mehr in der ersten Reihe, also vorne an der Herbertstraße, im Fenster sitze, hat für mich mehr Vor- als Nachteile. Von meinem Platz aus darf ich zum Beispiel jeden Mann, der in den Hinterhof kommt, ansprechen. Würde ich im Vorderhaus arbeiten, müsste ich eine der wichtigsten Regeln der Herbertstraße beherzigen. Es gibt nämlich eine unsichtbare Grenzlinie, die die Straße in der Mitte trennt. Nur Männer, die sich rechts der imaginären Grenze bewegen, dürfen auch von den Frauen in den Häusern der rechten Straßenseite angesprochen werden, das Gleiche gilt für die linke Straßenseite. Nur wer in der Mitte geht, ist Freiwild, darf beidseitig angequatscht werden. Wehe der, die dieses ungeschriebene Gesetz missachtet. Wenn eine Frau „rüberkobert“, bekommt sie Ärger. Erst mal einen Anschiss, der es in sich hat, bis hin zu Prügel, wenn sich eine partout nicht dranhalten will. Hats alles schon gegeben.
Während meiner Schicht verändert sich die Atmosphäre in der Straße merklich. Anfangs noch sind die meisten Häuser erleuchtet, dann, nach und nach, gehen die Lichter aus, und die Herbertstraße wird dunkel. Ab etwa 4 Uhr sitze ich – mit noch ein, zwei anderen Kolleginnen – allein in der Straße. Die ganze Zeit über bleibe ich hoch konzentriert, muss ich auch, damit mir kein Gast durch die Lappen geht. Ich sitze aufrecht und mit durchgedrücktem Rücken auf meinem Stuhl, immer ein Auge nach vorne auf die Straße gerichtet. Tut sich da was? Kommt der Nächste um die Ecke? Sobald ich auch nur einen Fuß sehe, reiße ich mein Fenster auf und rufe ihm zu. Das Kobern beginnt. „Hallo! Du da drüben, ja du! Kommst du mal? Nur eine Minute – komm doch mal her!“ Wenn ich Glück habe, reagiert er sofort und steuert mich an. Viele rennen aber auch erst mal weiter, drehen sich vorsichtig um, kommen zurück, sind unschlüssig, trauen sich aber noch nicht. Ein einziges Hin und Her, bis sie hoffentlich doch bei mir am Fenster landen. Was noch lange nicht bedeutet, dass ich den Gast jetzt an der Angel habe und er mit aufs Zimmer kommt. Aber der erste Schritt ist getan, ein gutes Zeichen. Und nun müssen meine Überredungskünste siegen. Oder aber er findet mich auf Anhieb so klasse, dass er sagt: „Mach auf! Ich komm rein …“ Dann kanns losgehen. Es gibt da noch eine ganz besondere Spezies. Ich nenne sie die Sabbelheinis. Muss man nicht groß erklären. Das sind diejenigen, die sich gar nicht entscheiden können, die fünfmal ans Fenster kommen und nur sabbeln und nach dem sechsten Mal dann doch abhauen.
Langsam dämmert der Morgen in der Herbertstraße, Gäste kommen und gehen. Zwischendurch immer wieder Leerlauf. Diese ewige Warterei, wenn seit zwei Stunden keiner mehr durch die Straße gekommen ist. Aber es könnte jederzeit passieren und ich will keinen verpassen. Also bleibe ich aufmerksam. Vielleicht ist der Nächste derjenige, der mir so viel Geld einbringt, dass ich für heute Nacht Schluss machen und nach Hause fahren kann.
Noch eine Zigarette – nur um wach zu bleiben. Im Hintergrund dudelt leise Musik aus meinem Radio. Radio Hamburg – hör ich immer. Wenn ich langsam müde werde, schweifen meine Gedanken ab. Alles und nichts geht mir durch den Kopf. Banale Dinge … Was ich später noch erledigen muss. Ob ich direkt nach Hause fahre oder noch einkaufen gehe … Ich träume von der heißen Dusche zu Hause … Die nehme ich immer gleich nach der Schicht, dann gehe ich früh ins Bett, schlafe um 3 Uhr am Nachmittag ein, bis mitten in der Nacht der Wecker klingelt. Dann: aufstehen, anziehen, fertig machen, mit dem Auto – ich lebe am Rande der Stadt – wieder auf den Kiez. Parken zumindest ist um diese Zeit kein Problem, noch ein kleiner Vorteil meiner Schicht. Jeden Tag dieses gleiche Prozedere, bis zu fünfmal in der Woche. Ich denke an den nächsten Sonntag, meinen freien Tag … Der Sonntag gehört mir allein: Couch, Fernsehen, Freunde treffen, ein ganz normaler Alltag, einen Tag in der Woche solide sein.
Während die Gedanken dahinwabern, rauche ich immer noch wie ein Schlot in meinem Fenster zum Hinterhof. Und ich denke auch an meinen Sohn … Ja, ich bin Mutter eines erwachsenen Sohnes. Ich frage mich, wann ich ihn wiedersehe, wann er mich mal wieder besucht … Vermisst er mich, so wie ich ihn vermisse? Geht es ihm gut? Und manchmal, aber nur selten, gestatte ich mir die Frage, welche Gefühle meine eigene Mutter wohl für mich hatte? Falls sie welche hatte.
Irgendwas muss noch passieren im Leben,irgendeine Befriedigung muss noch kommen.
Bremen, 1964
Ich gebe zu, auch wenn ich auf den ersten Blick ruhig und ausgeglichen wirke, bin ich ein Mensch, der schnell ausflippt. Ich kann ziemlich aggressiv werden, wenn mich irgendetwas oder irgendjemand so richtig nervt. Dann bin ich in einer Sekunde von null auf 180. Ob das damit zu tun hat, wie ich aufgewachsen bin und was mich in der Kindheit geprägt hat, können Psychologen besser beurteilen. Ich lernte jedenfalls nie so etwas wie ein behütetes Elternhaus kennen. Und was sich hinter dem Begriff „intaktes Familienleben“ verbirgt, kannte ich nur aus der Beobachtung bei anderen. Geborgenheit habe ich als Kind so gut wie nie erlebt. Weshalb es für mich später auch nicht immer leicht war, als ich selbst eine Familie gründen wollte. Woran sollte ich mich orientieren, um es besser zu machen? Aber was nützt es, sich jetzt zu beklagen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich lebe nicht im Hätte.
Zur Welt kam ich am 28. April 1964, an einem trüben, kühlen Dienstag, im St. Jürgen-Krankenhaus, dem heutigen Klinikum Bremen-Mitte. Fast in Spucknähe davon befindet sich der Ortsteil Steintor, der für mein späteres Leben noch eine zentrale Rolle spielen sollte. Steintor, das weiß jeder in Bremen, steht für Rotlicht, hier ist der Drogenstrich. Von den Umständen meiner Geburt erfuhr ich erst, als ich etwa zwölf Jahre alt war. Zu dem Zeitpunkt stand ich schon mit einem Bein im Milieu.
Zurück ins Jahr 64. Der Vater unbekannt. Die Mutter flüchtig. Nicht im strafrechtlichen Sinne, denke ich. Nachdem sie mich entbunden hatte, ich war zwei Tage alt, verließ sie heimlich das Krankenhaus – ohne mich, ihr Baby. Alles, was mir von meiner Mutter blieb, das war mein Name. Nachname: Freitag. Vorname: Manuela. So hatte sie es im Krankenhaus noch angegeben, bevor sie sich aus dem Staub machte. Bis ich die Wahrheit über die Frau, die mich geboren hatte, erfuhr, sollten noch viele Jahre vergehen.
Ich hatte Glück im Unglück, denn es fand sich ein Ehepaar, das mich zur Pflege aufnahm. Die beiden hatten selbst keine eigenen Kinder, mit mir wollten sie sich den lang gehegten Wunsch einer kleinen Familie erfüllen. Ich blieb ein Einzelkind. Meine Eltern, so nenne ich sie der Einfachheit halber, gaben sich redlich Mühe mit mir, das muss ich zugeben. Es wäre ungerecht, etwas anderes zu behaupten. Das Elternsein aber, das weiß ich heute, lag ihnen nicht wirklich. Daran hatte ich meinen Anteil, ich war kein pflegeleichtes Pflegekind, sondern schwierig, aufmüpfig, nervig. Und dennoch: Alles, was ich an Eltern jemals kannte, das waren diese beiden.
An die ersten Jahre meiner Kindheit habe ich, wie die meisten, nur bruchstückhafte Erinnerungen. Meine Eltern waren als Gastronomen tätig, sie betrieben mal hier, mal da Gaststätten im Bremer Raum. Warum sie so unstet waren, kann ich nicht sagen. Es hatte aber zur Folge, dass wir ständig umziehen mussten und nie richtig sesshaft wurden. Weshalb ich zum Beispiel auch keinen Kindergarten besuchte und keine Chance hatte, Freundschaften zu anderen Kindern zu schließen. Meine Eltern wiederum hatten kaum Zeit für mich, weil sie sich rund um die Uhr um ihre Kneipe kümmern mussten. Folglich war ich auf mich allein gestellt. Ich erinnere mich an die Situation, dass ich nachts wach wurde und weinte, weil niemand da war. Ich ging nach unten in die Kneipe (unsere Wohnung lag im ersten Stock) und suchte meine Eltern. Statt Trost gab es einen Riesenanschiss und ich wurde zur Strafe ins Badezimmer eingesperrt. Stundenlang, bis meine Eltern irgendwann am Morgen, wenn die Kneipe geschlossen war, ins Bett gingen. Wahrscheinlich wussten sie sich nicht anders zu helfen, wenn ich herumwütete. Ich war nicht das liebe Mädchen, das sie sich vielleicht gewünscht hatten. So wurde es mir jedenfalls erzählt. Ich war wohl rebellisch, gegen alles und jeden, wollte mit dem Kopf durch die Wand und machte einen verwahrlosten Eindruck, weil ich darauf bestand, in langen Walla-Walla-Kleidern und mit wilder Mähne, die Haare bis zum Po, durch die Gegend zu laufen. Ich machte mir einen Spaß daraus, andere zu provozieren und zu erschrecken. Manchmal ging ich in meiner Pippi-Langstrumpf-Aufmachung auf den Friedhof, wenn dort gerade eine Beerdigung stattfand, um dem Trauerzug wie eine Verrückte hinterherzutanzen. Ich kannte keine Grenzen, aber mir wurden auch keine aufgezeigt – mal davon abgesehen, dass man mich gelegentlich ins Bad einschloss.
Ob es an dem beruflich bedingten unsteten Lebenswandel meiner Eltern lag, an ihrer Überforderung mit mir und ihren damit einhergehenden rabiaten Erziehungsmethoden, das Jugendamt hatte immer ein Auge auf uns. Regelmäßig schauten Sozialarbeiter bei uns vorbei, um sich ein Bild davon zu machen, wie wir lebten und wie es mir ging. Sie stellten mir sicherlich auch viele Fragen. Was genau sie wissen wollten, kann ich nicht mehr sagen. Bis dahin glaubte ich übrigens immer noch, meine Pflegeeltern seien meine leiblichen Eltern.
Und dann, ich war fünf Jahre alt, klingelte es eines Tages an unserer Tür. Das war der Moment, in dem meine kleine Welt zum ersten Mal zusammenbrach.
Verrückt, einzigartig, durchgeknallt.Das alles ist die Herbertstraße.Den Möglichkeiten sind hier keine Grenzen gesetzt.
Ich bin auf dem Weg zu meiner Schicht und parke, wie meistens, meinen Wagen auf der Davidstraße, die von der Reeperbahn bis zur Hafenstraße verläuft. Schaut man von deren Mitte aus in Richtung Elbe, sieht man die hoch aufragenden, imposanten Kräne im Hafen, deren Lichter in der Dunkelheit leuchten. Vorne zur Reeperbahn hin liegt an der Ecke das Polizeikommissariat 15, ein Rotklinker, besser bekannt als Davidwache, die berühmteste Polizeiwache der Republik. Ich stelle mir gerne vor, dass ihre Nähe meinen Wagen vor Autodieben schützt. Bislang jedenfalls ist noch nichts passiert. Zu den Beamten der Davidwache hatte ich immer einen ganz guten Draht, ehrlicherweise habe ich die Wache nicht nur einmal von innen gesehen. Gerne denke ich an Margot Pfeiffer, die Bürgernahe Beamtin der Davidwache. Kaum eine kennt den Kiez und seine Frauen so gut wie sie. Sie war auch ewig dabei, ist aber kürzlich in Rente gegangen. „Ach dich gibt es auch noch, Manuela“, sagte sie, wenn sie an mein Fenster kam – sozusagen von Urgestein zu Urgestein.
Auf halber Höhe der Davidstraße biege ich jetzt in die Herbertstraße ein. An beiden Enden der schmalen, nur für Fußgänger zugänglichen Gasse werden die Eingänge jeweils von einem hohen Sichtschutz begrenzt. Darauf kleben Bilder von Frauen in knappen Bikinis – die Werbung für eine Internetplattform, die Seitensprünge vermittelt. Genau dort, an der Ecke Davidstraße und Herbertstraße, vor der Kneipe Zum Anker, fing alles für mich an. Mein „Dilemma Reeperbahn“, wie ich es scherzhaft nenne. Genau an dieser Stelle befand sich mein erster Standplatz auf dem Hamburger Straßenstrich, das war in der Phase, bevor ich zur Domina wurde. Heute sind an dieser Ecke keine Mädchen mehr, der Straßenpuff „Haus 11“, in dem ich in der Davidstraße gearbeitet habe, existiert nicht mehr.
St. Pauli, die Hamburger Rotlichtszene, ist eine Welt für sich, mit ihren eigenen Gesetzen, ihren Geschichten und Gesichtern. Und die Herbertstraße ist eine Welt in dieser Welt, die Essenz dessen, was viele mit Verruchtheit und schmutzigen Geheimnissen verbinden. Die Herbertstraße ist ein Mythos. Von dem leben wir, ihre „Bewohner“, sehr gut. Immer noch, auch wenn sich vieles verändert hat im Vergleich zu meinen ersten Jahren hier. Die Herbertstraße ist aber auch ein geschichtsträchtiger Ort, ein Spiegelbild dessen, wie sich das Ansehen unseres Gewerbes im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Bei aller Toleranz und allem Liberalismus der heutigen Gesellschaft, machen wir uns nichts vor, ich weiß die Blicke zu deuten, wenn ich Fremden erzähle, womit ich mein Geld verdiene. Bevor ich die Historikerin gebe, halte ich mich an dieser Stelle an diejenigen, die alles (besser) wissen. Wikipedia schreibt im Sommer 2021 sinngemäß:
Die Herbertstraße, bis 1922 hieß sie noch Heinrichstraße, die seit Beginn der Bebauung im 19. Jahrhundert zur Prostitution von heute rund 250 Frauen genutzt wird, ist etwa 100 Meter lang, in den Häusern sitzen die Prostituierten auf Hockern in den Fenstern, sie kobern, präsentieren sich und warten auf Freier, sprechen die männlichen Passanten bei geöffnetem Fenster an. Die Straße ist nicht nach einer speziellen Person benannt, sondern Teil eines Konzeptes, männliche Vornamen mit alphabetisch fortschreitenden ersten Buchstaben zu verwenden, genau wie bei der benachbarten Davidstraße. Während der NS-Zeit herrschte ein Verbot von Prostitution. Da dies auf St. Pauli nicht konsequent durchgesetzt werden konnte, wurden diese Tätigkeiten nur in einer Gasse geduldet – in der Herbertstraße. Damit niemand im Vorbeigehen sehen konnte, was nicht sein durfte, ließ die Gauleitung 1933 Sichtblenden an beiden Enden der Straße errichten. An diesen Barrieren sind seit den 70er-Jahren Schilder angebracht, die Minderjährigen und Frauen den Zutritt zu verbieten versuchen. Diese Schilder wurden von der Polizei zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und auf Bitten der Prostituierten angebracht. Juristisch ist die Herbertstraße allerdings ein öffentlicher Weg und darf von allen betreten werden.
Auch wenn Passantinnen der Zutritt zur Herbertstraße also gar nicht verwehrt werden darf, die Mär des Verbots hält sich in den Köpfen der Menschen und macht die Straße natürlich noch interessanter. Gern gesehen werden flanierende Frauen von denjenigen, die hier arbeiten, dennoch nicht. Ich persönlich mag es auch nicht, es ist nicht gut fürs Geschäft, weil die Gäste gehemmt sind, sie fühlen sich beobachtet. Wenn früher eine Frau durch die Straße ging, war echt was los, dann bin auch ich manchmal raus aus dem Fenster und pöbelte sie an. „Verpiss dich, gaff nicht rum!“ Wenn die erste Hure anfing zu keifen, setzte sich das Gezeter von Haus zu Haus fort, bis die ganze Straße in den Reigen eingestimmt hatte. Auch kippte man Kaffee oder Wasser auf die unerwünschten Besucherinnen, manchmal traf man dabei aus Versehen einen Gast. Paul, mein langjähriger Mitarbeiter, von dem ich noch berichten werde, schob und scheuchte sogar einmal eine Touristin aus der Straße, indem er sie mit ausschweifenden James-Last-Dirigierbewegungen vor sich hertrieb und währenddessen mit rollendem R „Rrrrrraus hier, jetzt aber rrrrrraus!“ skandierte. Eine Szene zum Niederknien. Also, es war alles andere als eine freundliche Begrüßung, die eine Frau bei uns Frauen erwartete. Heute ist es harmloser, wir sehen alles etwas lockerer. Lass die Olle doch durchflitzen, denke ich. Manchmal kommen Frauen ja auch mit ihren Männern in die Herbertstraße. Ich selbst hatte schon Ehepaare auf dem Zimmer.
Ich betrete die Herbertstraße durch die eisernen Sichtblenden. Es ist für mich viel mehr als nur der Gang zu meiner Arbeitsstelle – diese Gasse ist schon lange so etwas wie mein zweites Zuhause. Weil ich jeden Pflasterstein kenne, die meisten der Frauen, die kamen und gingen und viele von denen, die heute hier arbeiten. Ich weiß – bei aller Distanz und Konkurrenz, die es unter uns gibt – von ihren Sorgen und Nöten.
18 Häuser und eine Einzelschotte (hier sitzt nur eine Frau) säumen die Herbertstraße, in fünf von ihnen habe ich gearbeitet. Am längsten in der 7a, meinem aktuellen Arbeitsplatz, seit 20 Jahren bin ich hier, so lange wie nirgends zuvor. Ich wohnte auch nie so lange in einer Wohnung, wie ich jetzt schon in meinem Dominastudio bin. Zuhause – dieses Wort trifft es also ziemlich gut, wenn ich an die Herbertstraße denke.
Am liebsten gearbeitet habe ich – bevor ich in die 7a kam – im sogenannten French Quarter, ein Ensemble von drei nebeneinander liegenden Häusern, die heute innen miteinander verbunden sind und außen durch die pinkfarbenen Plastikmarkisen über den einzelnen Fenstern besonders auffallen. Die Herbertstraße ist in jeder Hinsicht ein bunter Ort. Die Häuser, ein- zwei-, maximal dreistöckig, sind blau, rot, pink, gelb, grün gestrichen, alle mit viel Patina. Gäbe es nicht die Fenster auf Fußgängerebene, in der wir Frauen sitzen, würde die Gasse fast dörflich anmuten. Mein erstes Fenster befand sich ebenfalls in einem Hinterhof. Es war damals ein Riesenglück, dass ich überhaupt in die Herbertstraße wechseln konnte, weil gerade ein Platz frei geworden war. Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich noch als „normale“ Prostituierte. Mit mir im Hinterhof saß damals eine Frau auf Stiefeln. Ich beobachtete sie und bekam schnell mit, dass das Geschäft bei ihr immer brummte. Dominant zu arbeiten, dachte ich, war eine Vorstellung, die mir gefiel. Aber: Ein Haus, eine Domina, so war die Regel. Die musste ich akzeptieren. Bis, ja, bis diese Domina irgendwann Urlaub machte und ich meine Chance bekam …
Während ich noch die letzten Meter durch die Herbertstraße laufe, bevor ich in meinen Hinterhof einbiege, grüße ich links und rechts die wenigen Frauen, die zu dieser späten Stunde noch arbeiten. Ich frage, wie es ihnen geht, wie das Geschäft heute Nacht läuft. Manchmal können die anderen mich auch nerven, aber seit dem ersten Lockdown der Coronapandemie sehe ich vieles anders, da freue ich mich, sie zu sehen. Denn damals war die Stimmung richtig gruselig. Die Straße war so leer, eine wirklich schwierige Zeit für uns alle. Ich war nur noch traurig und dachte an die Hoch-Zeiten der Herbertstraße, als es noch kein Onlinedating gab. Damals war die Straße immer proppenvoll, am Tag genauso wie in der Nacht. Das kann man mit heute gar nicht vergleichen. Ob Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und erst recht am Wochenende – immer war die Hölle los und ich konnte mir die Gäste aus der Masse herausfischen. Konnte meine Angel aus dem Fenster werfen und hatte jedes Mal einen dicken Fisch am Haken. Diese Zeiten sind endgültig vorbei.
Jetzt bin ich in der 7a angekommen, es ist so weit. Meine Schicht beginnt. Und ich verwandle mich.
Ich bin eigentlich ein einsamer Mensch, mein ganzes Leben schon. Und die Einsamkeit hat mich natürlich geprägt.
Bremen, 1969
Ich war fünf Jahre alt, da holte mich das Jugendamt bei meinen Pflegeltern ab. Von dem Tag an begann für mich eine jahrelange Odyssee durch Kinderheime und Wohngruppen. Es ging alles ganz schnell. Vor unserer Tür standen ein älterer Mann und eine junge Frau vom Jugendamt und sagten, sie würden mich jetzt mitnehmen. Ich verstand überhaupt nicht, was da gerade mit mir passierte. Weil mir auch kein Mensch etwas erklärte. Diese wildfremden Menschen sagten nur, sie würden mich in ein Heim bringen, wo ich von nun an leben sollte. Dann wurden meine Sachen zusammengepackt. Meine Eltern unternahmen nichts, standen tatenlos daneben. Ich weinte. Was blieb mir anderes übrig, als mich zu fügen. „Du kommst bald zurück und kannst deine Eltern besuchen, mach dir keine Gedanken“, trösteten mich die Fremden und dann stieg ich mehr oder weniger freiwillig in ihren Wagen ein. Sie brachten mich in ein Bremer Kinderheim. Mein neues Zuhause für die nächsten Jahre. Heute weiß ich, also, ich vermute, dass der ständige Wohnungswechsel meiner Eltern das Jugendamt veranlasst hatte, mich andernorts unterzubringen. Ich hatte nie einen Kindergarten besucht, war so gut wie gar nicht mit anderen Kindern sozialisiert, bald stand die Einschulung an. Man traute meinen Eltern wohl nicht zu, dass sie in der Lage seien, sich so um mich zu kümmern, wie es für ein kleines Kind nötig gewesen wäre, geschweige denn, dass sie mir so etwas wie stabile Verhältnisse bieten könnten. Das Amt wollte wahrscheinlich nur mein Bestes, aber sie nahmen mir dennoch die einzige Familie, die ich jemals hatte. Stattdessen bekam ich einen Amtsvormund.
Erst nachdem ich schon ein paar Wochen im Heim lebte, durfte ich, wie versprochen, meine Eltern besuchen. Die Wochenenden in meinem früheren Zuhause habe ich tatsächlich in guter Erinnerung, denn meine Eltern taten alles, damit ich mich wohlfühlte. Sie ließen mich Schokolade essen, bis ich fast platzte und fernsehen, solange ich wollte. Die gemeinsame Zeit sollte eine schöne Zeit für mich sein. Vielleicht taten sie das alles aus schlechtem Gewissen, vielleicht aber auch aus echter Liebe. Für mich blieben sie weiter Mama und Papa und ich freute mich, bei ihnen zu sein, wenn auch nur für kurze Zeit. Jahre später, als ich selbst schon Mutter war, dachte ich oft an diese Zeit zurück und daran, was das Herausreißen aus meiner Familie mit mir gemacht hatte. Ich sagte mir, mein eigener Sohn würde niemals so etwas erleben, er sollte eine glückliche Kindheit verbringen, seine Erinnerungen sollten ausschließlich positive sein. Und er sollte wissen, dass ich alles für ihn tun würde. Auch wenn es schwer war. Die meiste Zeit war ich alleinerziehend, ich musste Geld nach Hause bringen, der Spagat Job und Kind war kräftezehrend. Dennoch versuchte ich, mit meinem Sohn in meiner freien Zeit immer etwas zu unternehmen. In den Schulferien verreisten wir, oft ins Ausland, übernachteten in teuren Hotels. Ich hatte den Anspruch, ihm etwas zu bieten. Anders als in meiner Kindheit sollte es ihm an nichts mangeln, weder an Liebe und Geborgenheit noch an Geld. Um das zu ermöglichen, musste ich hart arbeiten.
Nach ein paar Monaten im Heim hörte ich immer weniger von meinen Eltern, ich denke, es lag daran, dass sie mit ihrer Gastronomie wieder sehr eingespannt waren. Auch wurden meine Wochenendbesuche bei ihnen seltener, bis sie ganz aufhörten, weil die beiden aus Bremen wegzogen. Der Kontakt brach schließlich ganz ab. Ich muss zugeben, darunter litt ich sehr. Vor Augen geführt wurde mir mein Alleinsein an jedem Wochenende, immer, wenn ich sah, wie die anderen Kinder abgeholt wurden und am Sonntagabend vollbepackt mit Süßigkeiten und Spielzeug zurückkamen. Was aus meinen Eltern wurde, habe ich nie erfahren. Später suchte ich sie, ohne Erfolg. Ich wälzte Telefonbücher, rief das Einwohnermeldeamt an, aber ich hatte keine Unterlagen, die mich legitimiert hätten, etwas offiziell in Erfahrung zu bringen. Deswegen verlief das alles im Sande. Ich hätte sie gerne noch einmal wiedergesehen und hoffe, dass es ein gutes Ende mit ihnen nahm.
Das Heim war insofern eine völlig neue Situation für mich, weil ich zum ersten Mal intensiven Kontakt zu Gleichaltrigen hatte und in einer „kindgerechten“ Umgebung lebte. Wir waren eine Gruppe von etwa 20 Kindern. Unser Schlafsaal lag unterm Dach, es gab Spielzeug, Puppen und ein Puppenhaus (das liebte ich besonders), wir bauten uns Höhlen aus Decken. Das alles empfand ich anfangs als ein großes Abenteuer. Was auch eine völlig neue Erfahrung für mich war: Es gab einen festen Tagesablauf. Wir standen morgens immer zur gleichen Zeit auf, dann frühstückten wir gemeinschaftlich, dann wurde gespielt, wieder gegessen, Mittagsschlaf gehalten und so weiter. Mein Leben bekam erstmals Struktur. Trotzdem blieb ich eine Einzelgängerin. Es gab zwar ein Mädchen in meinem Alter, mit dem spielte ich öfters, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich mit anderen wirklich angefreundet habe. Letztlich blieb jeder für sich, wir waren halt Heimkinder. Im Heim war es nicht anders als vorher, auch hier reizte ich Situationen aus und testete, wie weit ich gehen konnte. Dadurch machte ich mir das Leben nicht gerade einfacher. Irgendwann hatte ich eine richtig dumme Idee. Aus der Zeit mit meinen Eltern besaß ich nur ein einziges Foto, darauf waren Mama, Papa und ich zu sehen. Dieses Bild hütete ich wie einen Schatz und schaute es mir immer wieder an. Ein bisschen mit Wehmut und Sehnsucht. Die dumme Idee war eine Mutprobe – und zwar mit mir selbst. Sie bestand darin, das Foto, das mir so heilig war, zu zerstören. Ich wollte herausfinden, was ich dabei empfinden würde. Völlig verrückt. Ich zerriss das Foto voller Wut in immer kleinere Stücke, bis nur noch ein Papierhaufen vor mir lag. Erst da ging mir auf, wie bescheuert meine Aktion war. Und was ich empfand, das war Reue. Wie konnte ich nur? Jetzt war der letzte Rest von Familie aus meinem Leben verschwunden. Nicht einmal mehr anschauen konnte ich meine Eltern jetzt noch. Irgendwann vergaß ich, wie sie aussahen.
Als ich später von meinem Vormund erfuhr, dass meine Eltern nicht meine richtigen Eltern waren, löste dieses Wissen schon kaum noch etwas in mir aus. Es spielte einfach keine Rolle, weil meine Eltern sich längst aus meinem Leben verabschiedet hatten. Es fällt mir leider schwer, die Ereignisse von damals einer Jahreszahl oder meinem Alter genauer zuzuordnen. Es ging immer alles so schnell vorbei und es ist so unfassbar viel geschehen, es fehlen mir auch Orientierungen wie Fotos oder Dokumente aus der Zeit. Es gibt auch niemanden mehr, den ich heute fragen könnte, wie das damals eigentlich gewesen ist.
Nirgendwo war ich so lange wie in diesem Studio.Ich fühle mich hier geborgen, beschützt.Hier bin ich ich selbst.
Ich habe fast überall gearbeitet, auf dem Straßenstrich, in Bars, in Privatapartments, in einem Saunaclub, im Edelbordell, längstens in meinem Dominastudio. Kurzum, es ist keineswegs übertrieben, wenn ich behaupte, ich kenne jede, wirklich jede Facette, die der Job mit sich bringt. Letztlich geht es aber immer nur um eines: den potenziellen Gast so anzusprechen, dass er anbeißt, um ihn anschließend nicht mehr von der Leine zu lassen. Und im Ködern war ich immer gut. Schon in den Anfängen meiner Hamburger Zeit, als ich in verschiedenen Apartments in der Innenstadt anschaffen ging. Da brachte ich es locker auf meine zehn bis zwölf Gäste am Tag, locker! Wenn die Männer mich anriefen, lag es an mir, sie anzulocken, indem ich meine Stimme entsprechend klingen ließ, und das lag mir einfach im Blut. Meistens habe ich den richtigen Ton getroffen, ich spürte, was der Mann will und war nett und freundlich. Sobald die Sache an sich losging, konnte ich ziemlich forsch werden, viele Gäste mochten gerade das, andere stieß ich damit aber auch ab. Auch wenn ich weiß, dass ich mit ein bisschen Freundlichkeit und einem Lächeln auf den Lippen manchmal mehr erreicht hätte. In gewisser Weise war ich dominant von Haus aus, lange bevor ich zur Domina wurde. Vielleicht hatte ich weniger Skrupel als andere, weniger Ängste und Hemmungen, weil ich vom Leben so abgehärtet war. Ich habe auch eine sanfte, hilfsbereite Seite, die ich nicht immer so gezeigt habe.
