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Erst nach einigem Zögern übernimmt Danny „Angel“ Engels, Ex-Rockstar und spiritueller Problemlöser, den Fall der jungen Pornodarstellerin Hope deVine, die von einem unsichtbaren, bösartigen Wesen heimgesucht wird. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf eine exzentrische Künstlerclique, die zu ihrem Vergnügen einem alten exotischen Kult huldigt. Als sich die Spur im Nebel der Vergangenheit zu verlieren beginnt, liefert eine unheimliche Mordserie entscheidende Hinweise – und Angel begreift, dass er in das Reich heimtückischer, dunkler Magie hinabsteigen muss, um Hope ihrem Dämon zu entreißen.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhaltsverzeichnis
HORRORSHOW
1. Autogrammstunde
2. Wiki weiß es
3. Bums!
6. Der Mestize
7. Das Feld
9. Hope
10. Neues Tattoo
11. Bettflüstern
12. Parasiten
13. Mutter!
14. Bohème
15. Entführung
16. Liebe
17. Paparazzi
18. Das Grab (I)
19. Hotel
20. Duell der Erzfeinde
21. Schattenmann
22. Afrika
23. Talisman
24. Paranoia
25. Diebstahl
26. Phoenix (I)
27. Tiresa
28. Zugespitzte Lage
29. Rembrandt
30. Kleine Maus
31. Eine Rose
32. Fuck!
33. Zwischenzustand
34. In Luft aufgelöst
35. Ein Schluchzen im Dunkel
36. Lily
37. Auferstehung
38. Es sieht scheiße aus
39. Der Hügel in der Steppe
40. Der Gefangene
41. Keine gute Idee
42. Das Unding
43. Drecksau
44. Kartenlesen
45. Das Licht im Wald
46. Es ist vorbei
47. Dämmerzustand
48. Das Grab (II)
49. Das Geschenk
50. 1953
51. Notlügen und Halbwahrheiten
52. Auf der Teppichkante
53. Blinker vorne rechts
54. Interview mit einem Geist
55. Verfilztes Strauchwerk
56. Damals war damals
57. Helfen? Bei was?
58. Und jetzt?
59. Horrorshow
60. Größer, älter, absolut gemein
61. Offenbarung
62. Die Fliege
63. Heiligtum
64. Phoenix (II)
65. Was gibt’s Neues?
Impressum
© Peter Scheerer 2019
Gestaltung und Satz: frey-d-sign
Covermotiv: 123rf
Er träumte wieder von dem Mädchen, dem er vielleicht das Leben gerettet hatte.
Es war das letzte Konzert der Abschiedstournee gewesen. Die Halle zum Bersten gefüllt und das finale Heimspiel von Anfang an eine einzige Party, von der Stimmung her heiter bis ausgelassen und dabei emotional bis zur Rührseligkeit. Die selbstgemalten Plakate, die an Dutzenden ausgestreckter Arme aus den vorderen Reihen der Arena aufgeragt waren, hatten ihn kurz an der Entscheidung zweifeln lassen, die Band aufzulösen. WIR WERDEN EUCH NIE VERGESSEN! HC IHR SEID DIE GRÖSSTEN! ANGEL, WIR LIEBEN DICH FÜR IMMER!
HC stand für den zugegebenermaßen nicht besonders einfallsreichen Bandnamen Heavenly Creatures, und Angel, das war er selbst – Daniel Engels, Sänger und Gitarrist »eines der gewaltigsten Rocktrios der Nullerjahre«, wie der Rolling Stone mal geschrieben hatte. Der Weg zum Ruhm war lang und manchmal verdammt anstrengend gewesen, wobei Letzteres bis zu einem gewissen Grad dem Drogenkonsum der Bandmitglieder geschuldet war. So hatten sie sich auch an diesem Abend vor dem Konzert eine Nase Koks reingezogen und danach noch eine zweite, ehe sie zur Autogrammstunde in einem abgeriegelten Teil des Hallenfoyers angetreten waren. Die Security hatte vor dem beängstigenden Andrang kapituliert und alles und jeden auf einmal durchgelassen. Angesichts der Tatsache, lediglich durch einen Tapeziertisch und eine Hand voll uniformierter Bodybuilder von der brodelnden Menge getrennt zu sein, hatte sich Angel zum ersten Mal von seinen eigenen Fans bedroht gefühlt.
Link war der erste, der die Reißleine zog. Stand abrupt auf, trat seinen Klappstuhl weg und machte, dass er rauskam. Stikks kritzelte hektisch noch ein paar Autogramme, wobei sein Blick alarmiert hin und her jagte, Schweiß auf seiner Stirn. Angel spürte die Hand von Bobby Falter, seinem persönlichen Bodyguard, auf der Schulter, aber er machte eine knappe, abwiegelnde Geste – noch nicht, Bobby, lass mal.
Stikks sah ihn alarmiert an. Nonverbale Kommunikation: Wir sollten jetzt endlich abhauen. Angel ignorierte ihn und signierte weiter CD-Hüllen, Poster und nackte Unterarme, eingeschlossen in eine Blase, die ihn das Gedränge und Geschubse um ihn herum wie aus ferner Distanz wahrnehmen ließ. Dann zündeten irgendwelche Arschlöcher vorne am Eingang ein gutes Dutzend Knallkörper und die Menge, zu einem großen Anteil in einem Alter, in dem ein kühler Kopf nicht gerade zu den hervorstechenden Eigenschaften gehört, kam gefährlich ins Wogen.
Noch bevor die ersten Schreie ertönten, machte Stikks die Fliege. Angel richtete sich langsam auf, immer noch in seine Wahrnehmungsblase gehüllt, während die Security eine Kette vor den Tapeziertischen bildete, um ihn, die letzte verbliebene Hauptperson des Abends, vor dem Chaos zu schützen, das sich in der Halle anbahnte. Was er als nächstes tat, konnte er sich auch später nicht erklären. Er schob die Tische zur Seite, schlüpfte zwischen zwei Securityleuten hindurch und drang in das Durcheinander aus aufgerissenen Augen, fuchtelnden Händen und rempelnden Leibern ein.
Es war, als würde er gegen wild gewordenen Seetang ankämpfen. Die Masse schwappte mal in diese, mal in jene Richtung und auch mal in mehrere Richtungen gleichzeitig, ohne jede Kontrolle und Orientierung, das Geschrei erreichte die Schmerzgrenze. Dann entdeckte er das Knäuel am Boden, vier oder fünf Körper und darüber etliche Kids, die um ihr Gleichgewicht kämpften. Und ganz unten ein Paar dünner Beine, die kleinen Füße in nuttigen Schuhen mit hohen, klobigen Korkabsätzen. Er packte einen Jungen mit HC-Shirt und Nasenpiercing, brachte ihn in die Senkrechte und schob ihn grob zur Seite, dann einen schmächtigen Gothic-Jünger mit zu viel Kajal um die Augen und ein dickes Mädchen mit einer Schramme an der Stirn. Schließlich zerrte er das junge Ding unter den verbliebenen Körpern hervor, ein blondes, dünnes Geschöpf in viel zu knappen Jeans-Shorts und einem bauchfreien rosa Top; genau dieses sexy Zeug, das bei vielen Girlies hoch im Kurs stand und Lüstlinge aller Art zu einer Partie Taschenbillard verleitete.
Die Kleine, bestimmt nicht älter als dreizehn, hatte die Augen geschlossen, sah aber insgesamt unversehrt aus. Angel hob sie hoch und überlegte, wie er sie aus dem Getümmel herausbringen konnte, als Bobby vor ihm auftauchte – Bobby das Muskelmonster mit dem martialischen Bürstenhaarschnitt, im Lauf der Jahre zu einem Freund geworden, und Bobby machte die Sache auf seine Art klar, schob sich wie ein Eisbrecher durch die Panikherde. Angel mit dem Mädchen auf den Armen hielt sich dicht hinter ihm.
Sie könnte innere Verletzungen haben, fuhr es ihm durch den Kopf. Oder einen Herzstillstand – so schlaff, wie sie da auf seinen Armen lag. Auf einmal bekam er Angst um sie, geriet beinahe selbst in Panik. Er redete auf das Mädchen ein, sagte albernes Zeug wie: »Halt durch, Baby, gleich haben wir es geschafft«, und: »Jetzt kann dir nichts mehr passieren, weil ich für dich da bin.« Das kam ungefiltert aus ihm heraus und ging in dem allgemeinen Lärm unter. Als er das Mädchen den Sanitätern übergab, beugte er sich ein letztes Mal über sie, strich ihr über die Stirn und sagte: »Jetzt wird alles wieder gut, alles wird gut, versprochen.«
Später erkundigte er sich nach der Kleinen, aber die Sanitäter wussten lediglich zu berichten, dass sie, abgesehen von ein paar harmlosen Prellungen, keine Verletzungen davongetragen hatte. Ihre Mutter war erschienen und hatte sie mitgenommen, kaum dass sie wieder zu sich gekommen war. Und dann machte noch dieses Foto die Runde, das ein Zeitungsreporter geschossen hatte, der vor der Massenpanik in den San-Bereich geflüchtet war. ROCKSTAR RETTET FAN, hatten die Medien getextet und das Mädchen, auf dem Foto als blondes Bündel mit langen, nackten Beinen zu erkennen, dazu aufgefordert, sich zu melden. Was niemals geschehen war, und Angel konnte es recht sein. Er fand, dass ihm die Heldenrolle nicht angemessen war; schließlich hatte er aus einem spontanen, unerklärlichen Impuls heraus gehandelt und konnte nicht ausschließen, dass eine Extraportion koksinduzierter Selbstüberschätzung dabei die Hauptrolle gespielt hatte. Aber das Gefühl, der Kleinen aus einer beschissenen Lage geholfen zu haben, die sich auch ganz anders hätte entwickeln können, hielt noch lange an. Vielleicht hatte er zum ersten Mal in seinem Leben etwas wirklich Sinnvolles getan. Und jedes Mal, wenn er an das Mädchen dachte, wurde ihm sprichwörtlich warm ums Herz – als würde in seiner Brust ein kleines Licht für sie brennen.
»Das war wirklich stark«, sagte das Mädchen im Traum zu ihm. »Ich dachte schon, ich würde draufgehen. Aber ich hab nach dir gerufen und du bist gekommen. Das war echt stark, Danny. Hammerstark!«
In seinem Traum konnte er sie immer genau sehen, doch sobald er aufwachte, war das Bild verschwunden. Was er nicht bedauerlich fand, denn dieses Kapitel seines Lebens hatte er längst abgeschlossen. Er wunderte sich nur, dass sie ihn nicht mit Angel anredete, sondern mit dem Namen, den nur seine engeren Freunde benutzten. Als hätte sie sich durch eine Hintertür in sein Privatleben eingeschlichen und an der Wand Mäuschen gespielt. Aber wenn dies ihre Art war, ihm danke zu sagen, drückte er gern ein Auge zu.
Auszug aus dem Wiki-Eintrag zu Daniel Engels:
Daniel Engels, besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Angel«, geboren am Soundsovielten in Bla bla bla, war Sänger und Gitarrist der Rockgruppe Heavenly Creatures. HC, wie der Bandname meist abgekürzt wird, konnten mit ihrer Mischung aus Rock, Metal und eingängigem Pop in kurzer Zeit eine große Anhängerschar gewinnen. Bereits ihr Debütalbum Kill Your Darlings katapultierte die Band an die Spitze der nationalen Rock-Liga. Die beiden Nachfolge-Alben Rotten Sobriety und A Man Walks Into a Bar konnten diesen Erfolg scheinbar mühelos wiederholen, und das Live-Album You’ll Never Get Us Alive schaffte es in vierzehn Ländern in die Top-Ten der LP-Charts.
Schon lange vor Engels’ offizieller Ankündigung, dass die Band sich auflösen würde, machten Gerüchte über kreative Spannungen zwischen den einzelnen Mitgliedern die Runde. Schlagzeuger Raoul „Stikks“ Cortese wollte auf die Pop-Elemente zugunsten einer härteren Gangart verzichten, während sich Bassist Lincoln „Link“ Dupree zum Jazz hingezogen fühlte. Tom Stiller, der als inoffizielles viertes Mitglied auf der Bühne die Keyboards bediente, äußerte sich in einem Interview über die Trennung folgendermaßen: »Es war eine rein künstlerische Entscheidung. Angel war der Kopf der Band, aber er wollte niemandem seinen Stil aufzwingen. So sind sie in Frieden auseinander gegangen. Sie haben aufgehört, bevor es wirklich unangenehm werden konnte.«
Besondere Aufmerksamkeit wurde Daniel Engels zuteil, als er während einer Massenpanik nach dem Abschiedskonzert von HC einen ohnmächtigen weiblichen Teenager aus dem Gedränge rettete.
Zwei Jahre nach dem Split veröffentlichte er bei dem Label Fucking Good Records (FGR) unter seinem bürgerlichen Namen Daniel Engels die Solo-CD Memories Of a Douchebag, deren Verkaufszahlen jedoch weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Nach dem Konkurs von FGR kehrte er dem Musikbusiness den Rücken und gründete zusammen mit seinem ehemaligen Bodyguard Bobby Falter die Sicherheitsfirma FeelSafe, die neben anderen Dienstleistungen Personenschutz für Prominente anbietet. Während der letzten Jahre hat sich Engels weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zu dem Gerücht, dies würde mit einer spirituellen Grenzerfahrung in Zusammenhang stehen, hat er sich niemals geäußert.
Engels ist unverheiratet und hält sich weitgehend bedeckt, was sein Privatleben betrifft. Er bewohnt ein geräumiges Loft in seiner Heimatstadt, welches ihm auch als Büro dient und das er angeblich nur selten verlässt.
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Auszug aus dem Wiki-Eintrag zu Raoul „Stikks“ Cortese:
Der ehemalige Schlagzeuger der Kult-Rockband Heavenly Creatures (HC) betreibt gegenwärtig die Produktions- und Vertriebsfirma n’Joy, die auf erotischen bis pornografischen Content spezialisiert ist. Cortese ist mit dem ehemaligen Erotik-Modell Hannah Goudot verheiratet, das Paar hat zwei Kinder (2 und 6 Jahre alt).
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Auszug aus dem Wiki-Eintrag zu Lincoln „Link“ Dupree:
Der einstige Bassist der Kult-Rockband Heavenly Creatures (HC) hat nach der Auflösung der Gruppe eine Stiftung gegründet, die notleidende Familien in seiner Heimat Curaçao unterstützt. Dupree hat mit diversen Besetzungen mehrere Jazz-Alben eingespielt und betreibt ein Tonstudio in seiner Wahlheimat bla bla und so weiter et cetera pp.
Die Straße verlief schnurgerade durch eine flache Landschaft aus struppigen Wiesen, vom Wind zerzaustem Gebüsch und ausgedehnten Schotterflächen. In unregelmäßigen Abständen schoben sich die kegelförmigen Umrisse von Kieshalden vor den kadmiumroten Abendhimmel. Hinter Maschendraht und Bretterzäunen die ausgeschlachteten Riesenkadaver von Lastwagen, Omnibussen, Baumaschinen. Von einem Schrottplatz drang Hundegebell herüber. Eine Tristesse wie aus einem Bilderbuch für Berufsmelancholiker.
Als stiller Teilhaber von FeelSafe kümmerte er sich nur sporadisch ums Tagesgeschäft. Doch als Bobby wegen der defekten Kameras angerufen hatte, war er sofort losgefahren. Er hatte nicht mehr als zwei Stunden für die Tour eingeplant – die Ersatzgeräte einladen und raus zum Landgut des Kunden, einem für seine Geschäftsmethoden berüchtigten Investmentbanker, dort die neuen Kameras anschließen und wieder zurück in die Stadt. Der Poolboy hatte ihm bei der Installation assistiert und eine Abkürzung empfohlen, die ihm den Berufsverkehr auf den Umgehungsstraßen ersparen würde. Mit dem Ergebnis, dass er jetzt schon zwanzig Minuten durch dieses Niemandsland irrte. Wenn die ausgebaute Strecke endete, waren es angeblich nur noch zwei bis drei Kilometer bis zum Stadtrand. Im Moment sah es allerdings so aus, als hätte er sich gründlich verfahren.
Angel schaltete das Radio ein. Unterwegs hörte er manchmal einen dieser Sender, die auf schlechte Nachrichten aus aller Welt, Börsenkurse und Sport spezialisiert waren. Israelische Kampfeinheiten sprengten in Gaza Häuser in die Luft, Raketen auf Tel Aviv, Hungersnöte und Bürgerkriege in Afrika, die Großmächte wieder emsig am Aufrüsten und die Genehmigung für ein neues Pestizid, das auch noch der letzten Honigbiene den Garaus machen würde. Besser, man dachte erst gar nicht darüber nach, wohin das alles führen würde. Er hatte einige Male versucht, den großen Zusammenhängen im Feld auf die Spur zu kommen, doch die massiven dunklen Energien, die ihm dort begegnet waren, hatten ihn von seinem Vorhaben abgebracht. Was immer hinter den Kulissen der realen Welt den Lauf der Dinge bestimmte – für sein Verständnis war es eine Nummer zu groß.
Das Ödland ging in eine Ansammlung eingezäunter asphaltierter Areale über, auf denen Sattelschlepper, Wohnmobile und zerlegte Kräne abgestellt waren. Die dazu gehörigen Gebäude, meist zweistöckige Schachteln aus Beton mit überdachten Laderampen an den Flanken und vom kalten Licht hochbeiniger Funzeln der Dämmerung entrissen, schienen allesamt der Fantasie desselben depressiven Architekten entsprungen zu sein.
Angel ging vom Gas, als die Schotterstrecke anfing. Der Pajero holperte durch Schlaglöcher größer als Wok-Schüsseln, die Stoßdämpfer ächzten unter der Anstrengung. Ein neuer Wagen war längst überfällig, doch er hing an der alten Karre. Mit der waren sie in der Anfangszeit von HC zu ihren ersten Gigs gefahren.
Er schreckte aus seinen Gedanken hoch, als die Scheinwerfer eine große Gestalt in einem dunklen Umhang erfassten. Die Gestalt schien mit den Armen zu wedeln, als wollte sie ihn zum Anhalten auffordern. Möglich, dass es dafür triftige Gründe gab. Aber warum musste sich der Idiot mitten auf die Straße stellen?
Angel riss das Steuer herum. Zu heftig, wie sich herausstellte. Das rechte Vorderrad holperte über den unbefestigten Straßenrand. Der Wagen legte sich auf die Seite und kippte eine Böschung hinunter, überschlug sich, kam federnd auf und überschlug sich ein zweites Mal. Angel prallte mit dem Kopf an die Fensterstrebe. Schmeckte Blut. Klammerte die Hände ums Lenkrad und sah eine wuchtige alte Eiche auf sich zu rasen.
Der Aufprall warf ihn in den Sitz zurück und schleuderte ihn wieder nach vorn. Sein Kopf durchstieß die Windschutzscheibe. Vielleicht hätte ich mich anschnallen sollen, dachte er, während sein Körper wie ein nasser Lumpen durch die Luft segelte. Er spürte nichts, als er gegen den Stamm der alten Eiche klatschte.
Diese Stille auf einmal. War’s das also? Was würde er sehen, wenn er jetzt die Augen öffnete? Hatte er überhaupt noch Augen, oder tropften die gerade an einem Stück Baumrinde herab?
Angel hob den Kopf. Einen Kopf hatte er also noch, und seine Augen waren bereits offen. Er saß immer noch am Steuer des Pajero, der mit laufendem Motor auf einer struppigen Wiese stand, mindestens fünf Meter vom nächsten Baum entfernt. Und aus dem Autoradio drang eine leicht verschnupft klingende Stimme, die leidenschaftslos den Wetterbericht vorlas.
Er stieg aus und umrundete auf zitternden Beinen den Wagen. Da schien nichts kaputt gegangen zu sein. Was zum Teufel hatte ihn geritten? Ein Flashback aus seiner lausigen Drogenzeit? Oder eine auf Horror getrimmte Neuauflage der Astralreise, die ihm das Kräuteröl des Mestizen beschert hatte?
Er würde der Sache auf seine Weise nachspüren, aber erst einmal musste er raus aus dieser Pampa. Er setzte sich wieder ans Lenkrad und fuhr die Böschung hinauf, die sich als weniger steil herausstellte, als er sie bei seinem fantasierten Absturz empfunden hatte. Von der Gestalt, die ihn zu dem Ausweichmanöver veranlasst hatte, war weit und breit nichts zu sehen. Wobei er sich nicht mehr sicher war, ob er wirklich etwas oder jemand gesehen hatte.
4. Mitch
»Kaffee, Boss?«
Angel blickte von den Entwürfen für die neue Imagebroschüre auf, die am Vormittag von der Werbeagentur gekommen waren, und studierte Mitchs neue Frisur – kurz, sportiv, dunkler als vorher. Wahrscheinlich wäre er auf der Straße an ihr vorbeigelaufen. Wie jedes Mal, wenn sie ihren Style änderte.
»Immer wenn du mich Boss nennst, willst du mich ärgern«, sagte er.
»Falsch«, erwiderte sie, »ich buhle wie jeden Morgen um deine Aufmerksamkeit. Kaffee jetzt oder ja?«
»Nur, wenn du auch einen willst. Du bist nicht meine Kaffeeschubse, damit das endlich mal klar ist.«
»Lass gut sein. Der Preis für den Arbeitgeber des Jahres ist schon vergeben, habe ich gehört.«
Sie drehte sich um und verschwand in Richtung Küche. Angel legte die Entwürfe auf den Tisch und folgte ihr.
»Neuer Boyfriend?«
Mitch – eigentlich Michelle, aber den Namen lehnte sie ab aus Gründen, auf die sie nicht einging – hantierte mit zackigen Bewegungen an der Espressomaschine. Alles, was sie machte, war schnell, ökonomisch und zielgerichtet. Manchmal war sie ihm fast ein wenig unheimlich, diese kleine, drahtige, durchorganisierte Person.
»Wegen der Frisur?« Sie lachte. »Ach, Danny.«
Er ging raus auf den Balkon, fischte die Zigaretten aus seinem Bademantel und zündete sich eine an. Er hätte duschen sollen, bevor Mitch gekommen war. Doch da hatte er noch geschlafen. Vom Geräusch des Druckers war er schließlich aufgewacht, und als er das Büro betreten hatte, waren die Entwürfe auf seinem Tisch gelegen.
»Um halb zwei hast du einen Termin«, rief sie ihm aus der Küche zu.
»Warum erfahre ich das erst jetzt?«
»Steht seit gestern in deinem Kalender.«
»Hab gestern nicht mehr in den Computer geschaut.«
Er blinzelte in die Frühlingssonne, blies Rauch in die laue Luft und dachte an den Unfall, der keiner gewesen war. Er hatte noch am selben Abend versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, doch der Äther hatte nur die Entsprechung eines unartikulierten Murmelns hervorgebracht. Was bedeuten konnte, dass er mit einer Antwort noch nichts anzufangen gewusst hätte. Das kam sonst nur vor, wenn er nach dem Kerl fragte, den er den Mestizen nannte.
Er hatte auch nachgeforscht, ob es einen Zusammenhang mit seinem Traum gab, in dem ihm in der Nacht zuvor das Mädchen erschienen war. Und auch hier hatte sich das Feld bedeckt gehalten. Vielleicht griffen seine Techniken nicht mehr und er musste seine Vorgehensweisen verändern. Oder aber das Fenster, das sich nach seiner Begegnung mit dem Mestizen geöffnet hatte, war im Begriff, sich wieder zu schließen. Was er einerseits schade gefunden hätte, doch er hatte sich auch nie gerissen um die Verpflichtung, die mit seiner speziellen Begabung einherging: Etwas zu tun, einfach nur weil man es kann.
Mitch trat neben ihn und reichte ihm die Tasse mit dem Kaffee. Manchmal lief es zwischen ihnen ab wie bei einem Ehepaar, aber das war wohl eher die Regel zwischen einem Boss und seiner Sekretärin. Als er Mitch nach der Pleite ihres Arbeitsgebers Fucking Good Records angerufen hatte, war es seine vorrangige Absicht gewesen, sie nach allen Regeln der Kunst flachzulegen. Doch ungefähr zur selben Zeit war diese andere Geschichte passiert, die seinen Blick auf ihn selbst, sein Leben und die Welt im Allgemeinen auf den Kopf gestellt hatte.
Er schnupperte an der Tasse, ehe er den ersten kleinen Schluck nahm. »Wer ist mein Termin? Eigentlich kümmert sich Bobby um die Akquisition.«
»Der Typ heißt Miro Manning«, sagte Mitch. »Er behauptet, Stikks hätte dich ihm empfohlen.«
»Stikks. Dass der überhaupt noch an mich denkt.«
Sie tätschelte seine Schulter. »Komm schon, Danny. Du tust zwar alles Menschenmögliche, damit man dich vergisst, aber damit erreichst du genau das Gegenteil. Du warst schon als Rockstar eine große Nummer, und jetzt bist du so ’ne Art Mysterium.«
»Dann hab ich wohl Einiges falsch gemacht.«
»Ja ja, wieder diese alte Leier. Jetzt schlürfe du mal deinen Kaffee und geh duschen, Lebowski.«
5. Ziemlich crazy Sachen
Miro Manning war um die dreißig, hatte flott zurechtgegeltes schwarzes Haar und ein solariumbraunes Gesicht, das sich nicht zwischen Sensibilität und Grobschlächtigkeit entscheiden wollte. Im Großen und Ganzen ging er als gut aussehend durch. Dazu kam eine Statur, mit der er für jedes Fitnessstudio Reklame machen konnte. Seinem Outfit nach – schwarzes Poloshirt von Kenzo, elegante weiße Leinenhosen, italienische Slippers – legte er Wert darauf, seinen Status unmissverständlich zu demonstrieren. Die Goldkettchen an seinen Handgelenken und an seinem Hals sowie die üppigen Tattoos auf seinen Armen ergänzten den Eindruck um eine Portion Street Credibility. Wahrscheinlich parkte gerade ein Audi TT auf dem Hof hinter dem Gebäude. Angel hatte so ein gewisses Röhren vernommen, massiv und angeberisch, aber zu schmächtig für einen Italiener mit einem Pferd im Wappen.
»Setzen«, sagte er, die ausgestreckte Hand seines Gegenübers ignorierend. Von pauschalen sozialen Ritualen noch nie etwas gehalten. Und Manning war von einer muffigen Aura umgeben, in der die Vorboten unerfreulicher Ereignisse schwammen wie geflocktes Eiweiß in einer Gemüsebrühe.
Manning wirkte für einen Moment irritiert, dann setzte er sich in den Besucherstuhl vor Angels Schreibtisch.
»Raoul Cortese hat Sie an mich verwiesen?«, fuhr Angel fort. »In welcher Angelegenheit?«
»Stikks meinte, Sie wären genau der richtige Mann für mein Problem«, sagte Manning. »Genauer hat er sich nicht ausgedrückt.«
»Dann berichten Sie mir von Ihrem Problem.«
Manning legte die Fingerspitzen aneinander und atmete tief durch. Angel setzte sich auf die Schreibtischkante und deutete auf das Arrangement aus Karaffen und Gläsern neben seinem Laptop.
»Wasser?«
»Ja, gerne…«
»Bedienen Sie sich.«
Interessant: Dieser Bursche ließ sich bestimmt zu jeder Gelegenheit den Hartgesottenen raushängen, aber jetzt saß er da wie ein Schuljunge, der beim Direktor etwas auszubügeln hat.
»Was macht Sie so verlegen?«, fragte Angel.
Manning umklammerte sein Wasserglas mit beiden Händen. »Weil’s ’ne komische Sache ist. Ich hab eine Künstleragentur, der Laden läuft gut, verdammt gut sogar, aber… mit meiner wichtigsten Klientin stimmt was nicht.«
»Und was sollte ich Ihrer Meinung nach tun?«
»Stikks hat da so ein paar Andeutungen gemacht. Dass Sie einige ziemlich crazy Sachen draufhaben.«
»Was meinen Sie mit crazy Sachen?«
»Nun ja… also mein Zugpferd, Hope…«
»Hope? Im Ernst jetzt?«
Manning nickte mit Nachdruck. »Hope DeVine. Der Vorname stimmt, der Rest ist Fake. Aber Hope, das passt wie die Faust aufs Auge. Ohne sie wäre ich immer noch der kleine Knipser, der junge Dinger dazu überredet, sich für einen Fünfziger vor der Kamera auszuziehen und den Schrott dann online stellt. Aber jetzt hat Hope irgendwie Probleme. Große Probleme, wenn Sie mich fragen. Eigentlich ist sie ein lustiger Typ. Sie macht einen superguten Job, sie ist unkompliziert und bringt immer ihre eigene Note mit rein. Aber auf einmal wurde sie so schlapp und, wie sagt man, introvertiert. Wenn ich sie frage, was los ist, meint sie nur, es wäre nichts. Und dann passieren diese seltsamen Sachen, also wirklich kranker Scheiß. Blaue Flecken, Abschürfungen, als hätte sie sich geprügelt. Einmal konnte sie zwei Tage nicht aufstehen, weil ihr alles weh getan hat.«
»Vielleicht hat sie sich ja geprügelt«, meinte Angel.
Manning schüttelte entschieden den Kopf. »Ausgeschlossen. Sie wohnt mit mir zusammen, unter meinem Dach. Ich hätte das mitbekommen. Außerdem verachtet sie jede Form von Gewalt. Sie ist der friedlichste Mensch, den man sich vorstellen kann.«
»Wissen Sie ganz sicher, dass nicht Sie es getan haben?«
»Hören Sie mal«, fuhr Manning auf, »ich werde doch nicht meine wichtigste Investition beschädigen. Also von Unternehmer zu Unternehmer gesprochen. Ich war beim Arzt mit ihr, mehrmals, und der hat anfangs auch gedacht, ich hätte ihr das angetan. Bis er festgestellt hat, dass diese, äh, Blessuren rein oberflächlich sind. Als hätte das ein Maskenbildner verbrochen. Nur dass sich das Zeug nicht abschminken lässt und nur langsam wieder verschwindet.«
»Was macht Hope denn? Ist sie Schauspielerin?«
»Ja, ist sie, und zwar eine sehr gute. Und das in einer Sparte, in der ein intakter Körper von großer Bedeutung ist.«
»Pornografie.«
Manning zuckte mit der rechten Schulter. »Yep. Und Hope ist eine große Nummer, sie ist auf dem Weg ganz nach oben. Eigener Youtube-Kanal, unzählige Follower auf Twitter und Instragram. Und ihre Filme…«
»Von denen Stikks den einen oder anderen produziert hat, vermute ich mal.«
»Stikks ist mein wichtigster Kunde, er bucht Hope regelmäßig. Weil man mit ihr so gut arbeiten kann. Sie ist umgänglich, professionell und kreativ. Stikks macht sich genauso Sorgen wie ich, und deshalb…«
»Hat er Sie zu mir geschickt, alles klar. Aber jetzt verraten Sie mir mal, was ich für Sie tun soll.«
»Nicht für mich. Für Hope! Das arme Ding, gerade mal dreiundzwanzig und die Karriere auf des Messers Schneide. Aber Sie haben doch angeblich diese Tricks drauf, oder? Sie können herausfinden, was mit Hope passiert, und was dagegen unternehmen.«
»Wollen Sie meine Meinung hören?«, fragte Angel. »Ihr Schützling hat keinen Bock mehr auf die Branche. Wahrscheinlich kann sie es sich nicht eingestehen, weil sie immer noch diesen Traum träumt, mit dem Zeug reich und berühmt zu werden. Ein tolles Leben mit Pool und teuren Nachtclubs und dem ganzen Drumherum. Vielleicht glaubt sie, dass sie Ihnen etwas schuldig ist, Ihnen und all den anderen Leuten, die sie zu dem gemacht haben, was sie jetzt ist. Also übernimmt ihr Körper den Protest, den sie sich verkneift. Das nennt man psychosomatisch und es kommt ständig vor. Wie sieht es denn bei den Körperteilen aus, die für ihre Kunst am wichtigsten sind?«
»Sie meinen ihre Pussy und so? Ja, da gab’s schon so ’ne Art Gebrauchsspuren. Als wäre jemand mächtig zugange gewesen.«
»Und das gibt Ihnen nicht zu denken?«
»Natürlich gibt es mir zu denken. Deswegen bin ich ja hier.«
»Wenn Sie wirklich etwas für Hope tun wollen«, sagte Angel, »dann geben Sie ihr die Möglichkeit, darüber zu sprechen. Machen Sie ihr klar, dass sie Vertrauen haben kann. Dass es keine Konsequenzen für sie hat, wenn sie offen und ehrlich zu sich selbst und zu Ihnen ist.«
»Aber es hätte Konsequenzen!«, begehrte Manning auf. »Für mein Geschäft! Für Hope! Und für eine Menge Leute, die an sie glauben.«
Angel löste sich von der Schreibtischkante und trat einen Schritt zurück. »Ich denke, Sie sollten jetzt gehen. Ihre Klientin tut mir leid, aber ich werde keinesfalls dazu beitragen, sie wieder funktionstüchtig zu machen. Für einen Job, gegen den sich ihre Seele mit aller Kraft wehrt.«
»Ach ja, die Seele.« Manning grunzte verächtlich und stand langsam auf. »Hätte ich mir denken können, dass Sie mir mit so einem Quatsch kommen.«
Angel rechnete mit einer Drohgebärde, irgendeinem Macho-Scheiß, aber Manning wirkte einfach nur frustriert.
»Ich kaufe Ihnen diese moralische Tour nicht ab«, fuhr Manning brummelnd fort. »Ihr habt es doch auch getrieben wie die Wilden, damals in den Hotels und in den Garderoben.«
»Das war alles halb so wild«, sagte Angel. »Abgesehen davon glaube ich nicht, dass meine crazy Sachen bei Ihrer Klientin etwas bewirken könnten.«
Manning zuckte wieder mit der Schulter und drehte sich um. Mitch erschien wie auf Zuruf in der Tür und begleitete ihn nach unten. Angel ging ans Fenster und sah Manning wegfahren. In einem dottergelben Audi TT. Volltreffer.
»Was wollte der eigentlich von dir?«, fragte Mitch später.
»Du hast doch alles mitbekommen, oder?«
»Ja, weil du immer alle Türen sperrangelweit offen lässt. Aber richtig kapiert hab ich es nicht.«
»Irgendwann erzähl ich’s dir.«
Sie blickte ihn forschend an. »Es geht um diese… diese spirituellen Dinge, mit denen du herumexperimentierst, richtig? Wenn du in dem leeren Zimmer verschwindest und nicht gestört werden willst.«
Er legte ein charmantes Schmunzeln auf. »Ich glaube, jetzt bin ich an der Reihe mit Kaffee machen.«
»Mir tut sie auch leid«, sagte Mitch, als er schon auf dem Weg zur Küche war. »Dieses Mädchen. Wenn ich könnte, würde ich etwas für sie tun.«
»Mit Milch, ohne Zucker?«, fragte er.
Es war eine dieser ausufernden Branchenpartys, wie sie im Zeitalter von Streaming und Musikpiraterie immer seltener wurden. Corner Media feierten das Erscheinen einer überflüssigen Greatest-Hits-Compilation, die sie für einen ihrer Top Acts zusammengeschustert hatten. Weil das Datum mit dem sechzigsten Geburtstag des frisch geschiedenen Firmenpatriarchen zusammenfiel, wurde ein Haufen Geld in die Hand genommen, um so richtig auf den Putz zu hauen. Als Schauplatz des devianten Geschehens diente die Luxusvilla eines dubiosen russischen Oligarchen mit unzähligen Schlafzimmern sowie Pools auf drei Ebenen. Die Gäste: Prominente, Halbprominente und Nobodys aus der Unterhaltungsindustrie und angrenzenden Branchen.
Angel war mit Alfonso, dem Geschäftsführer von Fucking Good Records, bei der Party aufgeschlagen und hatte rasch die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum verloren. Während bekokste Rockstars und Typen, die welche zu sein glaubten, mindestens ebenso bekokste, kreischende Callgirls in die Pools warfen, ehe sie selbst hinterher sprangen, gelangte Angel auf der Suche nach einer Toilette in ein abgedunkeltes Zimmer, in dem eine überschaubare Anzahl von Leuten auf Decken und Kissen abhing, einzeln oder paarweise, und der rauen, undeutlichen Stimme eines stiernackigen Typen lauschten, der im Schneidersitz dasaß, in seinen weiten, schmutzig-weißen Leinenklamotten die Fleisch gewordene Karikatur eines Gurus aus den Siebzigern, hätte da nicht dieser breite, sonnengegerbte Mestizenschädel auf seinen massigen Schultern geruht.
Angel vernahm ein paar hingeraunte Wörter, verstand Licht und Liebe und Energie, und machte sich weiter auf Toilettensuche. Tatsächlich fand er ein Klo, auf dem weder gebumst noch gekokst wurde. Nachdem er sich erleichtert hatte, geisterte er durch ein Labyrinth weitgehend menschenleerer Korridore und verspürte dabei eine plötzliche Schwäche, die sich unmittelbar auf den Event-Marathon der vergangenen Wochen zurückführen ließ: CD-Präsentationen, unplugged PR-Auftritte für Radiosender, Interviews, Fototermine, Besäufnisse mit angeblich wichtigen Leuten bis zum Morgengrauen und diverse One Night Stands, die seinen Bedarf an Aufputschmitteln in die Höhe geschraubt hatten.
Zittern, Schweißausbruch, weiche Knie. Angel ließ sich auf dem Teppichboden nieder, den Rücken an die Wand gelehnt und die Beine ausgestreckt. So matschig hatte er sich lange nicht mehr gefühlt. Alles klar, er würde in Zukunft kürzer treten. Die Promo-Arie war durch, und wenn Alfonso ihn nicht überredet hätte, zu dieser Party mitzukommen, um die Werbetreommel für seine Soloscheibe zu rühren, wäre er bereits im Bett gelegen, vielleicht noch einen knackigen Schwarzenegger-Film glotzen und dann bis in die Puppen ausschlafen.
Jemand ging vor ihm in die Hocke. Fettiges schwarzes Haar, schmale dunkle Äuglein, messerscharfer Oberlippenbart – der Mestize aus der Dunkelkammer, der kam entweder auch gerade vom Klo oder er hatte genug gepredigt und war nun auf dem Weg dorthin, wo die Musik spielte.
»Du solltest besser auf dein Qi achten«, sprach ihn der Fremde an. »Auch wenn du jung und kräftig bist, deine Reserven sind nicht unbegrenzt.«
»Mir geht’s gut«, behauptete Angel. »Nur ein kleiner Schwächeanfall. Vergeht gleich wieder.«
»Ich habe etwas bei mir, für Notfälle«, sagte der Mestize. »Damit kommst du schneller auf die Beine.«
Er fasste in die Tasche seines Leinensakkos und holte ein schmuckloses Silberdöschen hervor, öffnete es und fuhr mit dem Zeigefinger hinein. Ehe Angel checkte, was los war, strich ihm der andere mit dem Finger über die Oberlippe. Das fühlte sich ölig und kühl an, und ein würziger Geruch stieg ihm in die Nase.
»Hey, was soll das? Was ist das für Zeug?«
»Ein Heilmittel«, antwortete der Mestize ruhig. »Vor allem Kräuter, und noch ein paar andere natürliche Zutaten.«
Angel seufzte resigniert. »Na gut, von mir aus.«
Der Mann verschloss das Döschen und steckte es wieder ein. »Bleibe noch ein paar Minuten sitzen, dann werden deine Kräfte zurückkehren. Aber die Wirkung hält nicht die ganze Nacht an. Sieh also zu, dass du rechtzeitig ins Bett kommst.«
»Kein Problem, du edler Samariter. Diese Party geht mir sowieso am Arsch vorbei.«
Der Mestize richtete sich auf und schlurfte durch den Korridor davon. Angel betastete seine Oberlippe, betrachtete die Fingerkuppen: nur ein farbloser öliger Film, der Geruch verflüchtigte sich bereits. Auch das Zittern hatte aufgehört und er schwitzte nicht mehr.
Vorsichtig stand er auf, fühlte sich ungewohnt leicht und gleichzeitig fest mit dem Boden verbunden. Keine Spur einer Bewusstseinstrübung, und die Wirkung des Alkohols schien rapide nachgelassen zu haben.
Er hätte fragen sollen, ob es das Zeug irgendwo zu kaufen gab.
Angel kehrte zurück ins Partygeschehen und empfand dabei eine abgeklärte Distanz zu dem ausgelassenen Rummel. Fast so, als wäre er gar nicht wirklich da, ein stiller Beobachter, für die anderen so gut wie unsichtbar. Er bahnte sich einen Weg durchs Getümmel, merkwürdige Schwingungen drangen von allen Seiten auf ihn ein. Empfindungen, die sich nicht in Worte fassen ließen – aber doch vertraut, auf eine fein gesponnene, unterschwellige Weise. Als würden sie zu ihm sprechen, all diese Angeber und Witzbolde, die notgeilen Knaben und brünftigen Diven, die Gelangweilten und Angeekelten, selbst die bunnymäßig herausgeputzten Chicks vom Catering-Service, die im Kopf die Vergütung für den Abend zusammenrechneten.
Er bemerkte, dass er schon eine ganze Weile dem wortlosen Esperanto lauschte, und in seinem Körper pulsierte eine Strömung, die den geisterhaften Input wie ein Buchhalter sortierte, zuordnete und in die richtigen Schubladen leitete – Gedanken und Emotionen, erwünschte und unerwünschte und auf jeden Fall ungefiltert, und Angel kapierte, dass da nichts wirklich Außergewöhnliches ablief. Einfach nur das Brandungsrauschen der Psyche, wo sie in immerwährendem Halbdunkel auf die Küste des Bewusstseins traf. Dass er es plötzlich wahrnehmen konnte, irritierte ihn kein Bisschen, was er zwar seltsam, aber keinesfalls beunruhigend fand.
Mit einem entrückten Lächeln stieg er in eines der Taxis, die vor dem protzigen, wie eine Kirmes ausgeleuchteten Villengrundstück auf Kundschaft warteten, und gab dem Fahrer seine Adresse. Der Wagen fuhr zügig an, die Straßenlaternen wurden zu hellen, vorbeirasenden Wischern und die Lichter des nächtlichen Verkehrs begannen sich zu drehen, bildeten eine rotierende Spirale, und das Taxi mitten rein in dieses Spektakel, als hätte jemand Warp 9 eingeschaltet.
Was hat mir dieser Mensch unter die Nase gerieben?, dachte Angel, immer noch ohne einen Funken Aufregung.
Der Spacetrip dauerte an. Das Weltall, unendliche Weiten. Angel musste grinsen. Star Trek war nie sein Ding gewesen, aber dieser nette Blödsinn war so tief in der Gegenwartskultur verankert, dass praktisch niemand daran vorbeikam.
Sie flogen nun über der Erde, die sich in etwa so darbot wie auf den Fotos, die von der ISS aus geschossen wurden. Angel konnte das Gewimmel da unten spüren, konnte die Brennpunkte orten, an denen sich die Menschlein besonders dicht drängten oder wo brenzlige Krisen Brandlöcher ins kollektive Bewusstseinsnetz fraßen. Das Taxi verlor an Höhe und durchquerte eine Wolkenschicht, der Fahrer hatte sich entweder heimlich mit dem Schleudersitz abgesetzt oder war unsichtbar geworden, und auf dem Platz neben Angel saß eine indisch aussehende, leicht übergewichtige Frau von schwer zu schätzendem Alter, die ihn aus runden, schwarzen Augen erwartungsvoll anblickte. Aber nur kurz, dann nahm ein unscheinbarer Mittvierziger im zerknautschten Businessanzug ihren Platz ein. Und das so abrupt wie bei einer digitalen Diashow.
Ein junger Kerl mit rotem Stirnband und Lederweste. Ein etwa sechsjähriges rothaariges Mädchen, eine zerfledderte Stoffpuppe an sich gedrückt. Ein furchtbar dicker Mann in Latzhosen und orthopädischen Sandalen – eine schwarzhaarige Frau in dunkelrosa Unterwäsche, den Kopf mit Lockenwicklern bestückt – ein sehr alt aussehender Mann im gestreiften Pyjama – ein sehr junger Mann mit einer blutenden Wunde am Hals…
Die Personen wechselten immer schneller, bis sich vor Angels Augen nur noch ein konfuses Flimmern abspielte. Das völlig übergangslos stoppte, und nun saß auch wieder der Fahrer hinterm Lenkrad.
»Macht vierzehn fünfzig.«
Angel stand noch eine Weile auf der Straße vor seinem frisch erworbenen neuen Heim, einem ehemaligen Bürogebäude mit hohen, offenen Räumen, ehemals Sitz einer Anwaltskanzlei, und er versuchte, sein Gehirn einzuschalten. Der einzige Gedanke, den es zustande brachte, lautete ungefähr so: »Was zum Teufel war da gerade los?«
Angel ließ sich am Telefon von einem angeblich gestalkten Jungschauspieler erklären, warum dieser die Dienste von FeelSafe zu beanspruchen gedachte. Er ließ den Typ quatschen und fuhr seine Antennen aus. Sein Verdacht bestätigte sich umgehend: Der Jungspund wurde weder gestalkt noch sonstwie bedroht. Er hielt einen Leibwächter, besser noch eine attraktive Leibwächterin, einfach nur für gute Publicity.
Auf Mitchs diskretes Klopfen am Türrahmen reagierte Angel mit der Andeutung eines Kopfschüttelns. Aber das Feld lieferte keine weiteren relevanten Informationen und er kehrte in die äußere Realität zurück.
»Wir können Ihnen ein Schutzpaket rund um die Uhr anbieten«, sagte er. »Drei Schichten, jeweils eine Begleitperson. Das würde reichen – vorausgesetzt, dass Sie keine unnötigen Risiken eingehen. Also die Öffentlichkeit meiden, keine Clubs und Premieren besuchen. Alles, wo sich viele Menschen aufhalten. In diesem Fall müssten wir das Personal verdoppeln, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten. Eine Begleitperson in Ihrer unmittelbaren Nähe und eine zweite, die das Terrain sichert.«
»Ich dachte eher an eine Person, die mich genau zu diesen Anlässen begleitet«, sagte der Jungschauspieler.
»Das macht sich gut auf Paparazzifotos«, erwiderte Angel, »aber ein wirksamer Schutz ist das nicht.«
»Ich muss darüber nachdenken…«
»Tun Sie das. Vielleicht gelingt es Ihnen ja, Ihren Stalker zur Rede zu stellen. Die meisten von denen sind harmlose Zeitgenossen, die sich nicht vorstellen können, dass sie mit Ihrem Verhalten anderen auf den Sack gehen.«
»Verstehe«, murmelte der Jungschauspieler.
»Ich hab den Kerl gegoogelt«, sagte Mitch von der Tür her, als Angel aufgelegt hatte. »Nebenrollen in Serien, die Hälfte davon ohne Credit.«
Er musterte sie überrascht. Enge Lederjeans, schwarzes Rüschentop, Lederjacke, Stilettos, und das Gesicht aufwendig geschminkt.
»Willst du mir Angst einjagen?«, fragte er. »Und wo hast du die Peitsche versteckt?«
»Ich seh mir später diesen neuen Club an«, sagte sie.
