Humboldtstraße Zwei - Harald Gesterkamp - E-Book

Humboldtstraße Zwei E-Book

Harald Gesterkamp

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Beschreibung

Das Schicksal einer deutschen Familie zwischen 1934 und 2014: Erich Plackwitz ist in den Dreißiger Jahren als Richter am Amtsgericht in Jauer, einer Kleinstadt in Schlesien, tätig. Er verachtet Hitler und den Nationalsozialismus, dennoch muss er hilflos zusehen, wie sich Deutschland vom Rechtsstaat immer mehr zum Unrechtsstaat entwickelt. Seine Tochter Elise liebt ihr Elternhaus in der Humboldtstraße Nr. 2, doch muss sie es nach Schule, Studium und Flakhelferinneneinsatz aufgeben. Nach dem Krieg fasst sie in Westdeutschland Fuß, macht eine Ausbildung und gründet eine Familie. Doch die Sehnsucht nach Schlesien brodelt weiter in ihr. Ihr Sohn Andreas kann das nicht nachvollziehen. Erst als seine Mutter alt ist und mit einer tödlichen Krebsdiagnose konfrontiert wird, beginnt er sich für ihre Lebensgeschichte zu interessieren. Ein altes Kriegstagebuch der Mutter hilft dabei. Zugleich verspürt er Ängste, die er sich nicht erklären kann.

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Seitenzahl: 694

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Andreas Appelhoff läuft wie orientierungslos durch das leere Elternhaus. Seine Mutter Elise, 88 Jahre alt, liegt im Krankenhaus und wird wohl nie hierhin zurückkehren können. Auf der Suche nach alten Fotos stößt Andreas auf ein Kriegstagebuch der Mutter und wundert sich, wie wenig er über ihr Leben in dieser Zeit weiß.

In den Dreißiger Jahren lebt Elise in der Humboldtstraße Nr. 2 in Jauer, einer Kleinstadt in Schlesien, später studiert sie in Breslau. Zwei Jahre nach Ende des Krieges muss sie die mittlerweise polnisch verwaltete Heimat schweren Herzens aufgeben, fasst aber in Westdeutschland wieder Fuß. Sie macht eine Ausbildung und gründet in Münster eine Familie. Doch die Sehnsucht nach Schlesien brodelt in ihr.

Ihr Vater Erich Plackwitz ist als Richter am Amtsgericht in Jauer tätig. Er hält Hitler und den Nationalsozialismus zunächst für eine Fußnote der Geschichte, doch muss er hilflos zusehen, wie sich Deutschland immer schneller vom Rechtsstaat zum Unrechtsstaat entwickelt.

Auf drei Zeitebenen erzählt Harald Gesterkamp eine deutsche Familien geschichte von 1934 bis 2014.

 

Harald Gesterkamp, geb. 1962 in Münster, Journalist und Autor, lebt in Bonn und arbeitet seit 2002 als Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln. Vorher war er viele Jahre als Redakteur bei Amnesty International beschäftigt. Nach zahlreichen Veröffentlichungen in Sachbüchern ist „Humboldtstraße Zwei“ sein erster Roman.

Harald Gesterkamp

Humboldtstraße Zwei

Roman

© Harald Gesterkamp, 2016

www.harald-gesterkamp.de

Erste Auflage

Titelbildgestaltung und Layout:Irmgard Hofmann, Bonn, www.kava-design.de

Verlag: tredition GmbH, HamburgISBN: 978-3-7345-3658-8 (Paperback)ISBN e-Book: 978-3-7345-3659-5 (e-Book)

Das Werk „Humboldtstraße Zwei“, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie: http://dnb.d-nb.de

Kapitel 1

1945

Noch mehr Tage wie heute, und ich drehe völlig durch. Gestern Abend um acht Uhr fing es an mit Fliegeralarm. Stundenlang haben wir bei eisiger Kälte am Scheinwerfer gestanden. Wir funzelten die ganze Zeit, aber bekamen kein einziges Flugzeug in den Kegel. Dann Entwarnung, doch statt zu schlafen hatte ich erstmal Wachdienst. Es war eiskalt, und ich konnte meine Füße nicht mehr spüren. Als endlich meine Ablösung kam und ich mich hinlegen wollte, erfolgte der Befehl zum Packen. Heute früh sind wir dann mit dem ganzen Gepäck los. Auf dem Wagen habe ich wahnsinnig gefroren. Mir tut alles weh.

Jetzt sitzen wir hier herum in Kieferstädtel. Tiefstes Oberschlesien, das Industriegebiet um Gleiwitz ist nicht weit von hier. Die Kälte wird immer schlimmer. Warmes zu essen gibt es auch nicht mehr. Wir hocken hier im Bunker, und es ist völlig ungewiß, was aus uns wird. Es ist einfach nur

Chaos. Keiner behält hier den Überblick. Ich bin jetzt schon ein paar Monate bei der Flak, aber so ist mir noch nie zumute gewesen. Ich möchte mich endlich mal wieder mit heißem Wasser waschen und in einem richtigen Bett schlafen! Doch nicht einmal das ist in Sicht. Ich könnte alle auf dem Tisch stehenden Tassen an die Wand pfeffern. Den anderen Mädchen geht es nicht anders. Bald wird man uns im Irrenhaus abliefern können.

Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugetan. Was wir hier machen, ist so sinnlos. Wir erreichen nichts mit unseren Scheinwerfern, außer daß wir uns selbst um den Schlaf bringen. Wie viel besser wäre es gewesen, ich hätte in Breslau weiterstudieren können. Aber auch dort sieht es düster aus, hört man.

Es gibt überhaupt keine zuverlässigen Informationen mehr. Kommen die Russen nun, oder kommen sie nicht? Niemand sagt uns etwas. Immer wieder hören wir Flugzeuggeräusche. Auch wir sollen immer wieder raus. Doch zuletzt sind sämtliche Maschinen überhaupt nicht angesprungen. Immer weniger funktioniert hier. Selbst wenn wir mal ein Flugzeug am Himmel anleuchten würden, könnte wahrscheinlich gar keiner feuern.

Wir alle haben Angst vor Angriffen. Mit unseren Scheinwerfern sind wir ja auch gut sichtbare Ziele. Und dann überall diese Gerüchte! Die Russen rücken immer weiter vor, heißt es, die Wehrmacht zieht sich zurück. Auch wir, so deutete es ein Kommandant gestern an, werden wohl schon bald weiter nach Westen gebracht. Das sei aber nur taktisch bedingt. Die Truppen würden neu aufgestellt, und dann sähe die Lage auch schon bald wieder besser aus. Wer’s glaubt, wird selig.

Jauer, mein geliebtes Jauer, ist 200 Kilometer westlich von hier. Vielleicht kann ich ja bald wieder nach Hause. Ich habe solche Sehnsucht nach Mutti, die allein mit Großmutter in dem großen Haus hockt. Was macht Vati wohl? Muß er mit seinen fast 60 Jahren immer noch Schanzen ausheben? Und Friedrich, wie mag es meinem Bruder an der Front ergehen? Ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen. Es ist zum Verzweifeln.

Noch einmal gibt’s Alarm, und wir müssen raus in die Kälte. Und wieder das gleiche Spiel. Die Maschinen springen zwar an, aber wir kriegen kein Flugzeug zu sehen. Völlig sinnlos hampeln wir mit unseren Scheinwer fern herum. Was soll das noch geben? (19. Januar 1945)

Kapitel 2

2013

Aus Gewohnheit geht seine Hand nach links und möchte auf den kleinen Messingknopf unter dem Schild „Appelhoff“ drücken. Er klingelt schließlich immer, wenn er seine Mutter besucht, auch wenn er einen Schlüssel für das Haus besitzt. Doch heute nicht. Heute ist alles anders. Kein Klingeln. Kein Lauschen auf die Schritte der Mutter. Kein vorsichtiges Öffnen der Tür von innen. Kein Lächeln. Keine freudige Begrüßung. Keine Frage, wie denn die Fahrt war. Kein Kaffeeduft bei der Ankunft. Andreas lässt die Hand wieder sinken. Seine Mutter ist im Krankenhaus, und das Haus, in dem er aufgewachsen ist, ist leer.

Zerstreut durchsucht er seine Taschen nach dem Haustürschlüssel und findet ihn schließlich in seiner Jacke. Die Tür etwas anheben und leicht anziehen, sonst lässt sich der Schlüssel nicht drehen. Langsam betritt er den Hausflur mit den braunen Fliesen, der darauf liegende Teppich rutscht ein wenig. Wie immer. Dennoch ist ihm das Haus heute seltsam fremd. So einsam. Seit vielen Jahren ist er nur noch als Besucher hier. Doch immer wenn er sein Elternhaus betritt, ist eben auch seine Mutter da. Diese Ruhe ist gespenstisch.

So wie es aussieht, wird Elise vermutlich nie wieder hier wohnen können. Zumindest nicht allein. Seine Mutter ist alt. Und jetzt auch noch der Sturz. Bisher hat sie immer für sich allein sorgen können und wollte niemand anderem zur Last fallen. Andreas ahnt, dass diese Zeit wohl vorbei ist. Auch Elise dürfte das ahnen, aber bei seinem Besuch vorhin in der Klinik wollte sie das weder sich noch ihm eingestehen.

Was also tun, wenn sie das Krankenhaus verlässt? Eine Polin oder Rumänin beschäftigen, die hier wohnt und arbeitet? Das ist doch nur halblegal möglich. Außerdem möchte Mutter das nicht. Da ist sie ganz resolut. Sie hat seit Vaters Tod vor 17 Jahren immer allein hier gewohnt. Und plötzlich soll sie zusammen mit einer jungen Frau leben, die sie überhaupt nicht kennt und auf deren Hilfe sie angewiesen ist? Die nichts von ihren Eigenarten und ihrer mitunter recht asketischen Art zu leben weiß? Unvorstellbar. Seine Schwester Eva sieht das genauso. Immerhin sind sie in dieser Frage einer Meinung. Aber ins Altenheim will Elise auch nicht. Das hat sie in den vergangenen Jahren unmissverständlich gesagt. Und den Kindern möchte sie auch nicht zur Last fallen. Eigentlich ja nett. Mit einer alten Mutter im Haushalt ist es ja auch nicht ganz einfach. Da reicht schon ein mehrtägiger Besuch, um das zu wissen. Natürlich will sie auch gar nicht aus Münster wegziehen. Kann man verstehen, hier leben schließlich ihre Freunde. Und so haben alle das Thema verdrängt – im Irrglauben, dass es immer so weitergehen würde. Jetzt holt uns das ein, denkt Andreas. Mit voller Wucht.

Er erreicht die Garderobe und zieht die Schuhe aus. Ganz automatisch. Alte Hausschuhe in seiner Größe stehen bereit, sie stammen noch von seinem Großvater Erich. Unmodern, aber aus unverwüstlichem Leder. Er schlüpft hinein, öffnet die Tür zum Wohnzimmer, da empfängt ihn dieser vertraute Geruch abgestandener Heizungsluft, den er hier sogar riecht, wenn die Heizung gar nicht läuft. Jetzt, wo seit drei Tagen niemand mehr im Haus war, wirkt die Luft noch stickiger. Muffig.

Darf man das überhaupt denken als Sohn? Oder ist das beleidigend?

Die Atmosphäre erdrückt ihn. Er verspürt eine tiefe Sehnsucht nach Frischluft, zieht die Gardinen zur Seite, öffnet die Fenster und die Terrassentür, sorgt für Durchzug. Er tritt hinaus in den Garten. Ganz tief einatmen. Die Lungen durchpusten. Immerhin etwas Erleichterung. Wenig später schlägt der Wind ein Fenster zu. Andreas blickt auf sein Elternhaus, es hat diese typische Backsteinbauweise, wie man sie in Münster an jeder Ecke findet. Grundsätzlich ganz schön. Aber er ist übersättigt davon, er kennt sie seit seiner frühen Jugend zur Genüge.

Plötzlich so ein komisches Gefühl. Wieder so eine Attacke. Diese grundlose Angst, der fehlende Halt.

Andreas läuft die Terrasse auf und ab, betritt das Wohnzimmer. Er geht in die Küche, schiebt das auf der Spüle stehendes Geschirr hin und her. Ruhe finden. Ablenkung muss her.

Im Kühlschrank sucht er eine Flasche Bier. Seine Mutter hat schließlich immer zwei oder drei Flaschen vorrätig. Für Gäste. Oder auch – das ist dann die ganz billige Sorte in der Plastikflasche –, um die Schnecken im Garten in eine Falle zu locken. Sein Blick schweift durch die Küche und bleibt an der Pinnwand hängen. Termine für die Müllabfuhr. Verhaltensregeln für den Brandfall. Es hat hier noch nie gebrannt. Fotos. Auf einem Bild sieht ihn sein Vater an, daneben die Mutter auf irgendeinem Ausflug mit Freundinnen. Das Foto ist höchstens ein Jahr alt. Er selbst mit Eva als Kinder. Daneben ein älteres Bild von den Enkeln. Und eine lachende Heike. Sie sieht gut aus. Andreas freut sich, seine Frau zu sehen. Nachher wird er sie anrufen.

Er öffnet sich eine Flasche Bier. Der angerostete Flaschenöffner, den er schon seit Kindheitstagen kennt. Jetzt ein tiefer Schluck. Die sich ausbreitende Kühle ist angenehm und vermittelt Entspannung.

Morgen steht ein Gespräch mit dem Chefarzt der Klinik an. Andreas will mit ihm besprechen, wie es um seine Mutter steht und wie es weitergehen kann. Mit Blick auf die kommenden Wochen, Monate und Jahre überkommt ihn schon wieder ein Gefühl der Beklemmung. Schnell noch einen Schluck.

Er nimmt sein Bier und geht wieder ins Wohnzimmer. Das riesige Regal. Es nimmt die Wand gegenüber vollständig ein. Als Kind hat es ihn eingeschüchtert, aber irgendwie auch beeindruckt. Er sieht sich die Bücher seiner Eltern an, viele Klassiker sind darunter, meist als Ausgaben einer Buchgemeinschaft aus den 60er Jahren. Er findet die Buddenbrooks von Thomas Mann und blättert eine Weile in den eng beschriebenen fast 600 Seiten herum. In seiner Phantasie hat er sich die großbürgerliche Familie seines Großvaters Erich im 19. Jahrhundert auf ihrem Gutshof südlich von Breslau immer so wie die Buddenbrooks vorgestellt, auch wenn sie keine hanseatischen Kaufleute waren. Aber dieses Streben nach bürgerlichem Ruhm, Tugend und Tüchtigkeit, die feine und stets frisch duftende Kleidung, dieses aristokratisch Anmutende und vor allem die Sprache des Buches erinnern ihn an seine Großeltern. Diese gewählte Ausdrucksweise, die auf ihn als Kind immer etwas gestelzt wirkte, erst recht.

Er schaut sich weiter um: Gartenbücher, Ratgeber, Reiseliteratur, Lexika, Wörterbücher. Etwas englische Literatur, die noch von seinem Vater stammt. Mutter kann nicht besonders gut Englisch, aber von den Büchern will sie sich nicht trennen. Die Erinnerungen an Theo hat sie hier im Haus, sagt sie immer, nicht auf dem Friedhof. Mit dem kalten Grab kann sie nichts anfangen, die mühsamen Besuche sind eher lästige Pflicht. Der Waldfriedhof Lauheide ist weit außerhalb. Hin und wieder fährt er mit ihr hin. Ein Kurzbesuch. Kaum Emotionen. Hin und wieder ein Blümchen pflanzen. Hauptsache, das Grab sieht gepflegt aus.

Noch ein Blick auf die Bücher. Eine ganz normale Spießerbibliothek, denkt Andreas. Eigentlich so ähnlich wie seine eigene. Nur dass er nie Mitglied in einem Buch-Klub war.

Er öffnet eine Schranktür. Dahinter werden, seitdem er denken kann, die Fotoalben aufbewahrt. Er nimmt einen Band heraus, stellt sein Bier auf den Wohnzimmertisch und beginnt zu blättern. Bilder seiner Kindheit: Er lernt Fahrradfahren, spielt mit Eva, der erste Schultag, die Erstkommunion. Er hat zumeist schöne Erinnerungen an die Zeit. Bilder vom Kindergeburtstag, als sie die Schatzsuche im nahe gelegenen Wald veranstaltet haben. Werner, Markus, Thomas, Stefan, Peter, Sabine, Eva und er. Zu niemandem von ihnen – von seiner Schwester mal abgesehen – hat er noch Kontakt. So wie er überhaupt fast alle Verbindungen nach Münster gekappt hat. Nicht bewusst, es hat sich eher so ergeben. Umzug, neue Freunde in anderen Städten. Familiengründung, Kinder. Da wird der Freundeskreis von allein ganz heftig durcheinandergeschüttelt. Aber vielleicht sollte er seinen früheren Freund Markus mal im Internet suchen. Bis zum Abitur haben sie viel Zeit miteinander verbracht; danach hat das Studium Markus nach Göttingen und ihn selbst nach Frankfurt verschlagen. Mit der Zeit wurden die Besuche und Anrufe immer seltener, schließlich war der Kontakt ganz eingeschlafen. Über Facebook wäre es bestimmt ganz leicht, Markus ausfindig zu machen. Aber Andreas lehnt es ab, die sozialen Netzwerke privat zu nutzen. Schon dienstlich nervt das. Und wenn er sieht, wie viel Zeit seine Kinder damit verbringen, verliert er jede Lust dazu. Von der Datengier der Konzerne ganz zu schweigen.

Auch seinen früheren Freund Werner hat er seit seinem Wegzug aus Westfalen nicht mehr gesehen. Trotzdem weiß er etwa, was er so macht, Werner ist jetzt Vorstandsmitglied beim SC Preußen Münster. Und von diesem Verein kommt Andreas auch nach fast 25 Jahren im Rheinland einfach nicht los. Nur der SCP. Drittliga-Fußball. Wenn es ihn überkommt, fährt er schon mal spontan 200 Kilometer zu einem Fußballspiel. Leidenschaft kennt keine Liga, heißt ein alter Spruch. Darin steckt verdammt viel Wahrheit.

Er greift zu einem anderen, einem älteren und etwas abgewetzten Album. Auf alten Schwarz-Weiß-Bildern ist ein großes Haus aus der Zeit der Jahrhundertwende zu sehen. Ein Garten, zwei Kinder auf einer Bank sitzend. Seine Mutter, sie dürfte etwa vier Jahre alt sein. Auf dem Schoß hat sie eine kleine Katze, neben ihr sitzt ein Junge. „Mit Friedrich“, steht unter dem Bild. Elises Bruder Friedrich ist im Krieg gefallen, wie Andreas immer gesagt wurde. Er stellte sich dann immer vor, dass Friedrich hingefallen und nicht mehr aufgestanden war. In Wahrheit dürfte er nicht „gefallen“ sein, wie es so harmlos heißt, sondern wurde vermutlich während der letzten Zuckungen des Nazi-Regimes bei dem sinnlosen Versuch, irgendeine Stellung zu verteidigen, erschossen und verblutete elendig. Bis heute weiß man nicht, wo er verscharrt wurde.

Andreas schaut sich weitere Bilder an, er erkennt seine Großeltern, die er früher oft in Detmold besucht hat. Auf diesen Bildern wirken Erich und Marta nicht nur jünger, sondern auch glücklicher als er sie in Erinnerung hat. Auf einem Foto steht Erich vor einem Gemüsebeet. Er trägt ein weißes Hemd mit einer dunklen Krawatte und einen grauen Anzug. Marta hingegen hat wohl gerade auf dem Feld gearbeitet. Mit Kittel. Sie hält ein Küchenmesser in der Hand.

„Die Friedenskirche von Jauer“, liest er eine Seite später. Jauer. Die Heimat seiner Mutter und natürlich auch der Großeltern. Schlesien. Dort wurde Mutter 1924 geboren, und von dort wurde sie nach der Niederlage der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg vertrieben. Was sie in dieser Zeit alles erlebte, hat sie ihm nie zusammenhängend erzählt. Ein paar Ausschnitte kennt er, klar. Andreas nimmt sich vor, sie morgen im Krankenhaus danach zu fragen.

Er stellt das Album zurück und schaut weiter. Neben den Fotos seiner Kindheit gibt es auch Alben mit Bildern aus den 50er Jahren, bevor seine Eltern Kinder hatten, und die Alben seit den 80er Jahren, als die Kinder das Haus verlassen haben. Dahinter liegen ein paar Broschüren. „Heimat Schlesien“ steht auf einer. Es klingt so wie es aussieht, etwas angestaubt und reaktionär.

Und dann liegt da noch etwas: „Tagebuch der Elise Plackwitz 1945-1947“. Überrascht öffnet er das ihm unbekannte Büchlein: „Noch mehr Tage wie heute, und ich drehe völlig durch. Gestern Abend um acht Uhr fing es an mit Fliegeralarm.“ Er blättert weiter. Keine handschriftlichen Notizen, sondern säuberlich mit einer Schreibmaschine getippt. Andreas schätzt vom Druckbild her auf ein Modell aus den 70er Jahren. So, als sollte hier etwas für die Nachwelt festgehalten werden.

Gestern mußten wir zu Fuß 30 Kilometer Richtung Westen, nach Friedenau bei Cosel. Die einzige Rast machten wir nach fünf Kilometern, danach mußten wir durchmarschieren. Es war der furchtbarste Marsch meines

Lebens.

Am Wegesrand lagen mehrmals tote Juden. Sie trugen die Kleidung der Konzentrationslager und hatten den Stern auf der Brust. Sie sahen schrecklich ausgemergelt aus. Später begegneten wir einem ganzen Zug von Juden mit SS-Bewachung. Die Männer und Frauen waren in einem furchtbaren Zustand. Sie kamen offenbar zu Fuß aus Auschwitz. Wer nicht weitergehen konnte, wurde geprügelt, bis er tot war. Oder er bekam einfach eine Kugel in den Kopf und wurde liegengelassen. In welchen Zeiten wir leben! Menschenunwürdig! Und wir, wir marschierten einfach so weiter. Was sollten wir auch machen?

Abends war ich verzweifelt. Meine erfrorenen Füße waren in klatschnassen Strümpfen und Halbschuhen. Meine hohen Schuhe liegen in Jauer beim Schuster – ich werde sie wohl nie wieder zu sehen bekommen. Am liebsten hätte ich geheult. Aber würde das meine Lage verbessern?

In Friedenau habe ich mich auf das Stroh geworfen und bin den ganzen Abend nicht mehr aufgestanden. Ein Quartier suchen konnte ich nicht mehr. Doch die Nacht verging recht gut, sogar meine Füße wurden wieder warm. (21. Januar 1945)

Als er die Tür öffnet, überkommt ihn umgehend das schlechte Gewissen. Andreas schaut sich in der Eingangshalle um, und was er sieht, entspricht genau dem gängigen Klischee eines Altenheims. Gegenüber von ihm sitzt eine apathisch dreinblickende Frau um die 80 im Rollstuhl. Ein gläserner Blick. Sie schaut durch ihn durch. Neben ihr steht eine andere ältere Dame und murmelt unverständliches Zeug vor sich hin. Auf ihrer Bluse sind Essensreste. Ein Herr mit Rollator überquert in Jogginghose den Flur. Er kommt in einer Minute nur etwa zehn Meter voran.

„Guten Morgen“, sagt Andreas freundlich. Niemand antwortet. Hier also will er seine Mutter unterbringen. Diese feine Dame, die so großen Wert auf ihr Äußeres legt und jede Hose und jeden Rock perfekt bügelt. Er muss schlucken. Augen zu und durch, denkt er.

Eine junge Frau im weißen Kittel geht vorbei. Er nennt etwas zögerlich sein Anliegen, den Termin mit der Geschäftsführerin, Frau Terstege: „Es geht um meine Mutter.“

Sie nickt und zeigt ihm den Weg zum Büro der Heimleiterin. Dabei kommen sie an einem Mann mit weißen Locken vorbei, er muss mindestens 90 Jahre alt sein. „Setz dich zu mir, mein Liebling“, ruft er der Krankenschwester zu. Sie lacht ihm freundlich zu. „Ich komme gleich, Herr Steinbrede.“ Damit ist Steinbrede nicht zufrieden: „Ich habe genug durchgemacht. Bin im Kriege gewesen. Dann 40 Jahre unter Tage.“

„Herr Steinbrede hat in Ibbenbüren im Bergbau gearbeitet. Der Job hat ihn aufgefressen. Aber hier geht es ihm gut. Wir kümmern uns um ihn. So, hier ist das Büro. Frau Terstege, Besuch für Sie, der Herr...“

„Appelhoff“, sagt Andreas.

„Guten Tag, Herr Appelhoff. Schön, dass Sie da sind.“ Eine Frau, Anfang 40, erhebt sich vom Stuhl und reicht ihm die Hand. Sie ist attraktiv, schlanke Figur, dunkles, schulterlanges Haar, ein fein gezeichnetes Gesicht.

„Guten Tag“, sagt Andreas. „Es geht um meine Mutter.“

„Ich weiß, wir haben ja telefoniert. Setzen Sie sich doch, bitte.

Möchten Sie etwas trinken? Kaffee oder vielleicht lieber Wasser bei der Hitze?“

„Ja, gern ein Glas Wasser.“ Er trinkt erst einmal einen Schluck. Am liebsten würde er weglaufen.

Doch Frau Terstege lässt ihm gar keine Zeit zum Grübeln, beschreibt ihm gleich die Philosophie des Hauses, wie sie es nennt: „Unser Konzept ist ganzheitlich und nachhaltig. Niemand wohnt hier nur. Wir legen großen Wert auf gemeinsame Aktivitäten und die Förderung der einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner. Alle essen möglichst gemeinsam im Speiseraum. Außerdem bieten wir verschiedene Freizeitaktivitäten: Spiele-Nachmittage, Gymnastik, Ergo-Therapie. Es gibt einen Vorlesekreis; manchmal besucht uns auch eine Theatergruppe vom Gymnasium hier um die Ecke. Und natürlich besteht für unsere Bewohner immer die Möglichkeit, zur Kirche zu gehen oder im Park die Sonne zu genießen.“

Das vor ihr liegende Handy vibriert. Terstege liest eine SMS, schüttelt fast unmerklich den Kopf, und tippt eine Antwort, während sie weiterspricht: „Was sagten Sie: Wie alt ist Ihre Mutter?“

„Sie wird 89.“ Andreas brummt der Kopf.

„Am besten kommen die Menschen so früh wie möglich zu uns, also dann, wenn sie noch geistig und körperlich auf der Höhe sind. Dann lernen sie schnell die neue Umgebung kennen und können neue Freundschaften schließen. Warum haben Sie Ihre Mutter nicht mitgebracht?“

„Sie ist gerade im Krankenhaus. Sie ist gestürzt“, erklärt Andreas. Und sie hasst Altenheime, ergänzt er für sich, hütet sich aber davor, es laut zu sagen. Er schildert knapp den Gesundheitszustand seiner Mutter, dass sie eigentlich sehr fit ist für ihr Alter, dass die Ärzte jetzt aber sagen, dass sie nicht mehr allein für sich sorgen kann. „Sie hat ein schwaches Herz, leidet oft an Schwindel und braucht Unterstützung beim Kochen und im Haushalt. Meine Schwester und ich leben mehrere hundert Kilometer von Münster entfernt. Wir haben deshalb einen ambulanten Pflegedienst organisiert. Meine Mutter ist aber sehr stolz und möchte unabhängig leben. Sie will sich nicht helfen lassen und bestellt ihn meistens ab. Nur das Essen lässt sie sich kommen. In Zukunft wird das aber nicht mehr reichen. Allein nach Hause wird sie aller Voraussicht nach nicht zurück können. Deshalb schauen wir uns nach Heimen um.“

Wieder meldet sich das Handy. Ein Blick auf die eingegangene SMS, ein kurzes Lächeln, dann sagt Frau Terstege: „Ihre Mutter ist hier genau richtig. Und sie hat Glück. Zurzeit ist unsere Warteliste nicht besonders lang. Es kann gut sein, dass sie schon in wenigen Wochen einen Platz bekommt. Und dann kann sie schön in ihr neues gemütliches Zimmer hier einziehen. Selbstverständlich kann sie auch eigene Möbel mitbringen. Ein paar zumindest, also, solange der Platz reicht.“

Sie kramt in der Schublade und holt ein paar Zettel heraus. „Jetzt müssen wir nur noch ein paar Formalitäten klären und die Anmeldung ausfüllen. Dann kann es bald losgehen. Ihre Mutter wird sich hier wohlfühlen, das spüre ich.“

Andreas denkt an das Begrüßungskomitee im Eingangsbereich, an Herrn Steinbrede und ist nicht so richtig überzeugt, dass es den Menschen hier gut geht. Er verspürt den Drang, ganz schnell aufzuspringen, zwingt sich aber dazu, das Anmeldeformular auszufüllen – es ist ja unverbindlich – und verlässt erst dann das Büro.

Die Krankenschwester von vorhin nimmt ihn wieder in Empfang und zeigt ihm noch schnell ein leerstehendes Zimmer im ersten Stock des Hauses. Bett, Nachttisch, Schrank, Teppich, ein Sessel, ein kleiner Tisch, ein Fernseher und ein Bild an der Wand. Das war’s. Einheitsmöbel. Gruselig. Daneben noch ein Badezimmer, bis zur Decke gekachelt, mit Dusche. Eine Badewanne gibt es auf dem Flur, erfährt er. Meist könnten die Bewohner des Heims nicht mehr allein baden, da helfe das Personal dann natürlich gerne. Und die Betten kann man austauschen. Wenn die Patienten – nein, es sind ja Bewohner – wenn sie nicht mehr aufstehen können, können auch Krankenhausbetten ins Zimmer geschoben werden. „Das ist alles ganz einfach“, findet die Pflegerin.

Sie gehen wieder hinunter. Die Schwester zeigt ihm noch das Spielezimmer. Ein paar Frauen sitzen an einem Tisch, eine von ihnen ist eingeschlafen. Eine andere würfelt und geht mit ihrer roten Spielfigur eine Abkürzung mitten durch das Haus ihrer Nachbarin. Mensch, ärgere dich nicht. „Das darfst du nicht, Anneliese“, ruft die Mitspielerin, doch Anneliese setzt ihren Weg unbeirrt fort: „Doch, natürlich, das mache ich immer so. Ich muss doch in mein Haus.“ Ein junger Mann, vermutlich ein Absolvent des Bundesfreiwilligendienstes, beobachtet die Szene ziemlich unbeteiligt. Er sehnt wahrscheinlich seinen Feierabend herbei.

Die Pflegerin zieht Andreas sanft in die nächsten Zimmer: „Hier ist eine Art Aula für Aufführungen aller Art. Da hinten ist der Essraum. Und da vorne um die Ecke sind ein paar Gästezimmer, falls Angehörige mal hier übernachten wollen. Sie dürfen dann natürlich auch mitessen, versteht sich.“ Und auch mitspielen, denkt er. „Gut, ich muss dann mal wieder“, sagt sie und verschwindet schnellen Schrittes im Treppenhaus. Ihm reicht es auch. Er stellt sich seine Mutter in dieser Umgebung vor. Seine Phantasie reicht dafür nicht aus. Bloß weg hier, denkt er.

Langsam geht er den Flur zurück. Herr Steinbrede sitzt immer noch in seinem Sessel. „Komm zu mir, mein Liebling“, ruft er. „Ich habe genug durchgemacht. Bin im Kriege gewesen. Dann 40 Jahre unter Tage.“ Andreas dreht sich um – hinter ihm ist niemand.

Kapitel 3

1934

Es hat zuletzt kaum geregnet, und deshalb ist die „Wütende Neiße“ in diesem Frühjahr gar nicht so wild wie ihr Name vermuten lässt. Im Gegenteil, der Wasserstand ist niedrig, so dass Elise am Rand des Flussbetts entlanglaufen kann. Sie steigt mit ihren Gummistiefeln auf die trockenen Steine und fordert ihre Freundin Paula mit einem kurzen Kopfnicken dazu auf, ihr zu folgen. Elise hat einen Eimer in der Hand und will zusammen mit Paula Stichlinge fangen.

„Da vorne ist einer“, ruft sie, tritt vorsichtig ins Wasser und versucht, den kleinen, grauen Fisch in den Eimer zu bugsieren. Doch immer, wenn sie den Eimer herauszieht, ist ihr der Stichling schon wieder entglitten. Schließlich schwimmt er mit der Strömung davon und ist nicht mehr zu sehen.

„So ein Pech!“ Elise schimpft vor sich hin, stampft wütend mit dem Fuß auf, so dass die beiden dunklen, geflochtenen Zöpfe für kurze Zeit vom Kopf wegzufliegen scheinen. Enttäuscht blickt sie Paula mit ihren klaren, braunen Augen an. Aber aufgeben will sie nicht. Schließlich hat sie sich extra die Sachen zum draußen Spielen angezogen, die auch mal dreckig werden dürfen.

Doch als sie weitere Fische entdecken, wiederholt sich das Spiel. Das Einfangen sieht ganz einfach aus, doch die Stichlinge sind viel zu wendig, um sich von ihnen fangen zu lassen. Weiter hinten am Fluss sehen sie einen Graureiher, in dessen Schnabel ein Fisch zappelt. Elise sieht missmutig hinüber. Gemein, denkt sie.

„Sollen wir nicht lieber Seilchen springen?“, fragt Paula und schlägt vor, auf dem Schulhof zu spielen, als Elise erneut mehrere Fische in der Nähe des Ufers entdeckt und den Eimer ins Wasser taucht.

„Ich hab einen“, ruft sie und hält triumphierend den Eimer hoch. Ein etwa fünf Zentimeter langer Stichling schwimmt hin und her. Paula eilt herbei, und die beiden Mädchen begutachten ausführlich die drei Stacheln vor der Rückenflosse. Immer wieder versucht Paula, den Fisch mit den Händen zu greifen, doch selbst in dem engen Gefäß will das nicht gelingen.

„Den nehme ich mit nach Hause“, sagt Elise. „Ich wollte immer schon ein Aquarium haben.“

Eifrig packen sie ihre Sachen und laufen zurück in die Humboldtstraße. Hausnummer Zwei. Dort verabschiedet sie sich von Paula, eilt nach oben, stellt den Eimer vor der Tür ab und erzählt wenig später ihrem Vater aufgeregt von dem gefangenen Stichling. Stirnrunzeln. Schon an der ersten Reaktion merkt Elise, dass er nicht sonderlich begeistert ist. Er ruft sie zu sich, und sie klettert auf seinen Schoß. Zusammen schauen sie sich Tierbücher an. Sie liebt die Zeichnungen von den Pferden, den Schweinen und vor allem von all den wilden Tieren. Interessiert hört sie ihrem Vater zu, der sich mit der Natur unglaublich gut auskennt. Er erklärt ihr, dass Tiere ihre vertraute Umgebung mögen und dass Fische das Leben in einem Eimer nicht sonderlich schätzen. Das müsse ihr mit ihren zehn Jahren doch auch einleuchten. Auch seien Stichlinge für ein Aquarium gänzlich ungeeignet, meint er noch. Sie verschränkt die Arme vor der Brust, sie ahnt, was jetzt kommt.

Und tatsächlich: „Du nimmst jetzt den Eimer mit dem Stichling und wirfst ihn wieder in den Fluss“, sagt ihr Vater entschieden, als sie mit dem Blättern fertig sind. Elise weiß, dass er jetzt Gehorsam verlangt und nicht den leisesten Widerspruch dulden würde. Zögerlich steht sie auf, sie spürt Enttäuschung und Wut im Bauch, würde sich aber nie trauen, das zu zeigen. Sie verlässt das Haus mit dem Fisch im Eimer – traurig, denn sie hätte ihn so gern behalten, aber zugleich auch etwas einsichtig, weil sie ihm die Freiheit zurückschenken wird. Vielleicht war ihre Idee mit dem Aquarium wirklich nicht so gut.

Viele ihrer Schulkameraden bewundern ihren Vater, weil er mit seinen gebügelten Hosen und dem Anzug immer so fein aussieht. Aber sie sagen auch, dass er viel zu streng ist. Sie selbst sieht das oft ganz genauso, weiß jedoch, dass er auch sehr nett und herzlich sein kann. Als einmal beim Essen ein Bettler an der Haustür klingelte, hat Vati ihm sein ganzes Schnitzel geschenkt und selbst auf Fleisch verzichtet. Dafür hat sie ihn bewundert. Sie vermutet, dass die Achtung, die alle ihrem Vater entgegenbringen, auch viel mit seinem Beruf zu tun hat. Richter Erich Plackwitz nennen sie ihn immer, auch wenn er gar nicht im Dienst ist. Er steht einfach für Gerechtigkeit. Das bekommen Friedrich und sie manchmal auch zu spüren. Wenn er Entscheidungen fällt und davon nicht einen Millimeter abrückt, das ist es wohl, was die anderen Strenge nennen. Und ihr Vater achtet genau darauf, dass man sich in seiner Umgebung gepflegt ausdrückt, nicht flucht und sich ordentlich benimmt. Auch das schüchtert ihre Mitschüler wohl etwas ein.

In Gedanken versunken tritt Elise vor das Haus. In der Humboldtstraße schwenkt sie den Eimer hin und her, geht in Richtung Stadt, am Amtsgericht vorbei – dort arbeitet ihr Vater –, schaut dann beim Krämerladen ins Schaufenster, sie hat aber kein Geld für Süßigkeiten eingesteckt. So bleibt es bei der Sehnsucht nach Süßem. Wie so oft. Nach ein paar Minuten erreicht sie die Wütende Neiße und kippt schweren Herzens den Eimer aus. Der Stichling zappelt einmal kurz im Wasser, wirkt leicht irritiert und schwimmt dann davon. Dabei flüstert Elise leise: „Mach es gut, mein Lieber.“

Sie blickt dem Fisch nach, bis er verschwunden ist, dreht dann um und geht am Waldrand entlang. Auf einer Wiese suhlen sich Schweine im Schlamm. Elise schaut ihnen eine Weile zu, dabei entdeckt sie in der Ferne Hubert, der die Straße langsam in ihre Richtung geht. Hubert ist in ihrer Klasse, ein Außenseiter, der auch auf sie merkwürdig wirkt. Keiner will mit ihm spielen, er hat keine Freunde, er wird „Brillenschlange“ gerufen und ist schrecklich unsportlich. Früher waren ihre Väter Kollegen, aber vor einiger Zeit hat Huberts Vater aufgehört, als Richter zu arbeiten. Er ist jetzt Buchhalter auf einem Gutshof in der Nähe von Jauer.

Sie versteckt sich hinter einem Baum und wartet, bis Hubert vorbeigegangen ist.

Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, seit gestern fast nichts Vernünftiges mehr gegessen und die ganze Zeit wahnsinnig gefroren. Ich bin verzweifelt. Ich spüre, wie eine unbeschreibliche Wut in mir aufsteigt. So ist mir seit Beginn der Abreise noch nie zumute gewesen.

Am Morgen geht es weiter. Wieder zu Fuß. An das Marschieren habe ich mich inzwischen gewöhnt, aber die Füße tun weh. Die dauernde frierende Kälte hat sie fast taub werden lassen.

Vorgestern hätte ich am liebsten nur noch um mich geschlagen. Ich wollte die Wände hochklettern. Vier Tage und Nächte haben wir im Viehwaggon verbracht. Wir waren 76 Mädchen und Kinder, dazu zwei Männer, und wir konnten uns in der Enge kaum bewegen. Fast die Hälfte mußte stehen. Es gab kein Fenster, kein Licht, keinen Ofen, kein Stroh. Und natürlich auch nichts Warmes zum Essen. Wenn man da nicht verrückt werden soll!

Heute werden wir privat einquartiert. Wir können unsere Strümpfe

waschen, welche Wohltat! Nun sitzen wir bei den Bauern – frisch gewaschen und satt. Von der Ostfront gibt es Nachrichten über militärische Erfolge unserer Truppen. Die Bauern sind voller Hoffnung; ich kann nicht daran glauben. (29. Januar 1945)

Sie liebt ihr zu Hause, möchte niemals woanders wohnen. Doch manchmal versteht Elise die Regeln der Eltern und Großeltern nicht. Es gibt keine Begründung, die ihr einleuchten würde, und trotzdem bleiben die Regeln wie in Stein gemeißelt. Weder Friedrich noch sie trauen es sich, sie in Frage zu stellen.

Im Garten zum Beispiel dürfen sie mit „fremden“ Kindern nicht spielen, das erlauben die Großeltern nicht, denen das Haus gehört. Der Hof ist nur für die Kinder da, die im Haus wohnen, sagt Großvater immer. Eine Ausnahme gibt es nur für den Sohn des Hausmeisters und für die Kinder des Gymnasialdirektors, die Schule ist gleich nebenan. Warum dürfen die hier spielen, ihre Freundinnen aber nicht? Elise hat sich diese Frage schon oft gestellt. Eine Antwort gibt es nicht. Für sie zumindest nicht.

Im großen Garten hinterm Haus sind ein paar Gemüsebeete sowie ein Hühnerstall, ein Waschhaus, ein Holz- und ein Kohleschuppen. Das Gelände bietet viele Gelegenheiten, um Höhlen zu bauen und einige herrliche Verstecke, doch nutzen kann sie die leider nur mit Friedrich. Genauso wie die Stachelbeeren, Äpfel und Johannisbeeren: Ohne Erlaubnis des Vaters dürfen Elise und ihr ein Jahr jüngerer Bruder nicht eine Frucht pflücken. Nicht einzusehen, aber selbstverständlich halten sie sich daran.

Als Paula sie am nächsten Tag nach der Schule und den Hausaufgaben zum Spielen abholt, gehen sie also am Garten vorbei. Ihre Freundin kennt die Regel und weiß, dass man sie nicht ändern kann. Elise sieht, wie ihre Großmutter Katharina gerade zusammen mit dem Hausmädchen Emma von der Feldarbeit zurückkommt. Vermutlich haben sie wieder einmal die schwarzgelben Kartoffelkäfer mit der Hand von den Pflanzen eingesammelt. Manchmal hilft Elise auch selbst im Garten beim Unkraut jäten oder Rüben ziehen, dafür bekommt sie dann schon mal von der Großmutter ein paar Pfennige zugesteckt.

Heute hat sie Besseres vor. Paula hat ihr Fahrrad mitgebracht. Sie gehen um das Haus, betreten das Schulgelände, und Paula fährt auf dem Pausenhof herum. Hier können sie immer spielen, auch hier gibt es viele Gelegenheiten, auf Bäumen herumzuklettern, sich zu verstecken oder mit Puppen zu spielen. In dem kleinen Sandkasten haben sie in den letzten Jahren schon sehr viele Stunden verbracht.

Elise schaut neidisch auf Paula. Sie hätte auch gern ein Fahrrad, doch Großvater, der ihr irgendwann eins kaufen will, findet es in ihrem Alter noch zu gefährlich. Paula hat außerdem noch einen Roller, sie natürlich nicht. Ihr Vater sagt immer, die einseitige Belastung des Körpers sei gesundheitsschädlich. Paulas Eltern denken da wohl anders und haben ihr einen gekauft, dabei haben sie gar nicht so viel Geld. Im Gegenteil: Paulas Vater hat seit einiger Zeit seine Arbeit verloren. Er hofft aber, schon bald wieder welche zu finden. Hitler hat schon viele neue Stellen geschaffen, sagt Paulas Vater.

Als ihre Freundin sie das Fahrrad auch einmal ausprobieren lässt, ist Elise etwas unbeholfen, hat Schwierigkeiten, auf dem Rad das Gleichgewicht zu halten. Ihre letzte Fahrt liegt ja auch schon Monate zurück. Sie wackelt unsicher mit dem Lenker, Paula lacht. Mit der Zeit geht es dann besser, doch genau jetzt will Paula ihr Rad wieder selbst fahren. Sie übernimmt, und etwas übermütig lässt sie mit einer Hand die Lenkstange los und fährt einhändig weiter. Elise staunt. Das könnte ich nicht, da würde ich hinfallen, denkt sie.

Plötzlich muss Paula kichern. „Weißt du noch, heute früh, beim Lehmann?“

Und wie Elise das wusste. Sie hatte während des Religionsunterrichts, als von Jesus als dem König der Juden die Rede war, plötzlich ihrer Tischnachbarin Paula zugeflüstert: „Lehmann, König der Glatzen“. Ihr Lehrer hat etwas spärlichen Haarwuchs und nur noch einen kleinen Kranz am Rand des Kopfes. Der Spruch eilte wie ein Lauffeuer durch die Klasse, bis ihn natürlich auch Lehmann aufschnappte. „Von wem stammt das?“, fragte er streng, und schon war Elise verpetzt: „Von der Plackwitz“. Lehmann hat sie nach vorn zum Pult zitiert, ihr mit der Weidengerte ein paar Schläge auf die Finger gegeben und sie in die letzte Bank versetzt. Die Schläge taten fürchterlich weh und hinterließen leichte rote Striemen auf der Hand. „Morgen früh wirst du wieder hier sitzen“, sagte Lehmann zu ihr. „Ich werde dich dann fragen: ‚Wer bist du?’ Und du wirst antworten: ‚Die ungezogene Plackwitz’. Ist das klar?“ Und wie klar das war. Auch jetzt ist ihr noch nicht zum Lachen zumute. Sie ärgert sich natürlich, dass sie verpetzt worden ist, schämt sich aber auch, weil sie sich schlecht benommen hat. Die ganze Zeit fragt sie sich, wie sie auf diese Bemerkung gekommen ist und warum sie es auch noch laut ausgesprochen hat. „Hoffentlich erfahren das meine Eltern nie“, sagt sie zu Paula. „Mich muss der Hafer gestochen haben.“ Das sagt ihre Mutter immer, wenn sie etwas getan hat, was sie später bereut.

Mit der Zeit kommen auch Irene, Hedwig und Christel auf den Schulhof. Zum Glück reden sie nicht länger von dem Vorfall. Stattdessen spielen die Schulfreundinnen zusammen, klettern auf Bäume, obwohl sie das als Mädchen eigentlich nicht sollen. Sie springen mit dem Seil, rufen: „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? – Niemand“ und kreischen dann laut, als der „Schwarze Mann“ versucht, sie zu fangen. Als sie gerade überlegen, noch Verstecken zu spielen, merkt Hedwig, dass es langsam dunkel wird und sie aufbrechen muss. Das geht allen so, denn spätestens wenn die Laternen angehen, sollen sie zu Hause sein. Schnell löst sich die Gruppe auf, alle laufen los.

Elise hat den kürzesten Weg. Sie geht über den Hof, öffnet das Gartentor, betritt das Haus mit der Nummer 2 und läuft die Treppen zum ersten Stock hoch, wo sie mit ihrem Bruder und ihren Eltern wohnt. Unten hat Großvater an Dr. Kortmann vermietet, den Zahnarzt. Im zweiten Stock wohnen die Großeltern. Elise klingelt, und Emma öffnet. Wie immer trägt sie ihre Schürze. Gut gelaunt kündigt sie an, dass das Essen gleich fertig sei, Elise solle sich ruhig schon mal die Hände waschen. Auf dem Weg zum Bad geht sie den langen Flur an Wohn- und Esszimmer vorbei. Die Dielen knarren, es klingt gemütlich, sie hört Klavierspiel. Da fällt ihr ein, dass sie heute gar nicht geübt hat, zum Glück hat Mutti nichts gesagt. Elise hat wenig Spaß am Klavier, sie mag es nicht, wenn Mutter sie beim Spielen ständig verbessern möchte. Sie bleibt kurz stehen, lauscht den Klängen und dem lauten Gesang der Mutter. Sie spielt täglich und singt leidenschaftlich gern. Ihr Klavierspiel hat ein Niveau, das Elise ihr Leben lang nicht erreichen wird. Die Standuhr schlägt und unterbricht das Spiel der Mutter.

Emma klopft an das Arbeitszimmer und öffnet die Tür einen Spalt breit. „Herr Amtsgerichtsrat, das Abendessen ist sogleich angerichtet. Wenn Sie bitte kommen und sich an den Tisch setzen mögen“, sagt das Dienstmädchen und schließt die Tür wieder. Auch den anderen gibt sie Bescheid, dann trägt sie das Essen auf den Tisch, und Elise muss sich beeilen. Wenn ihr Vater Platz nimmt, haben alle anderen schon zu sitzen, sonst kann es ungemütlich werden. Genauso wie man nicht aufstehen darf, bevor Vati seinen Stuhl vom Tisch abgerückt und sich erhoben hat. Schnell wäscht sie sich die Hände – aber mit Seife! – und begibt sich dann zu ihrem Platz im Esszimmer. Ihre Mutter ist schon da; hat sie nach dem Klavierspiel überhaupt die Hände gewaschen? Kurz darauf kommt auch ihr Vater aus dem Arbeitszimmer und verschwindet noch kurz im Bad. Im letzten Moment, bevor der Vater Platz nimmt, huscht auch Friedrich hinein, so dass strenge Blicke ausbleiben. Er hat Glück: Niemand fragt, ob er die Hände gewaschen hat.

Mutter erzählt begeistert, dass sie zusammen mit Emma ausnahmsweise ein zweites Mal an diesem Tag warm gekocht hat: „Ich hatte den ganzen Tag so einen Zieps auf Jauersche Würstel, dann hab ich sie bei Otto Ritter in der Auslage gesehen und musste sie einfach kaufen und sofort machen. Bis morgen hätte ich nicht mehr warten können.“ Sie blickt ihren Mann an: „Und außerdem hattest du ja heute kein warmes Mittagessen.“

Elise sieht wie Muttis Augen strahlen und schaut zu Vati, ob er das üppige Abendessen wohl für Verschwendung hält, aber er lächelt und sagt nur: „Du verwöhnst uns, Marta!“

Emma füllt die Teller auf und verlässt dann den Raum. Sie isst in der Küche und hat dann frei. Im Esszimmer ist es ruhig, und Mutter spricht das Tischgebet: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was Du uns bescheret hast. Amen.“

Dann nimmt der Vater Messer und Gabel in die Hand. Das ist das Zeichen, dass die anderen auch beginnen dürfen. Zu den Würsteln gibt es Kartoffeln und Salat aus dem eigenen Garten, angemacht mit etwas Essig, Sahne, Zucker und Öl. Während des Essens wird nicht gesprochen – „das ziemt sich nicht“. Wieder so eine Regel.

Elise tropft etwas Sauce neben den Teller. „Pass doch besser auf!“, schimpft die Mutter. „Die Tischdecke war gerade frisch gewaschen.“ Elise starrt auf den Boden. Sie hatte sich so vorgenommen, gut aufzupassen, aber wieder hatte sie gekleckert. Nur langsam isst sie weiter, auch Friedrich wirkt verschreckt.

Als die Eltern fertig sind, warten sie, bis schließlich auch Friedrich und Elise ihre Teller vollständig leer gegessen haben, denn das gehört sich so. Denn Essen wird nicht weggeworfen. Grundsätzlich nicht. Zum Abschluss, nach dem Grießbrei mit Vanille, einem Familienrezept mit Tradition, greift Vater zu seinem Mundtuch, tupft sich vorsichtig die Lippen ab und sagt: „Das war köstlich.“

Damit kann die Unterhaltung beginnen. „Wie war es denn in der Schule, Elise?“, fragt der Vater, der über Mittag ausnahmsweise im Gericht geblieben war und deshalb nicht am Essen der Familie teilgenommen hat. Sie berichtet, dass sie über den Erwerb der ersten deutschen Kolonien in Afrika vor 50 Jahren gesprochen haben. Ihr Klassenlehrer Becker behandelt besonders gern geschichtliche Themen. Dabei ist das kein Volksschulstoff, wie Vati sagt. Dann denkt Elise an den Vorfall bei Religionslehrer Lehmann und sagt schnell: „Ansonsten war alles wie immer, nischt Besonderes.“

„Und bei dir, Friedrich?“

„Wir haben Malnehmen geübt, ich konnte das Einmaleins am besten. Und beim Zeichnen haben wir Tiere gemalt. Ich hol sie schnell, wenn ich darf.“

Vater nickt, und Friedrich läuft in sein Zimmer und kommt mit seiner kleinen Schiefertafel und mit mehreren Blättern zurück. Auf der Tafel verfolgt Vater ein paar Rechenaufgaben, alles ist richtig gelöst. Elise ist erleichtert, dass keine weiteren Fragen zu ihrem Schultag zu erwarten sind. Alles dreht sich jetzt um die Malblätter ihres Bruders, auf ihnen sind ein paar Hunde und ein Zebra zu sehen. Ihr Bruder steht gern im Mittelpunkt, ihm wird auch sonst viel mehr Aufmerksamkeit als ihr zuteil, er ist der Liebling der Eltern. Manchmal ärgert sie das. Aber Friedrich kann wirklich gut malen, das muss Elise ihm lassen; neulich hat er sogar aus der Erinnerung seinen Klassenlehrer Blume mit flotter Feder porträtiert, was alle in der Familie amüsierte.

Das Gespräch wendet sich anderen Themen zu. Vaters Blick fällt auf einen Brief, der auf dem Tisch liegt. „Mein Cousin Herbert hat geschrieben“, sagt er und zieht ein Blatt Papier aus dem Umschlag. Elise wird neugierig, sie mag Onkel Herbert.

„Herbert ist schlesischer Meister im Weitsprung geworden und macht sich Hoffnung auf eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Berlin.“

„Das ist ja unglaublich“, ruft Elise. Onkel Herbert ist 26 Jahre alt und damit 21 Jahre jünger als Vater und – das weiß Elise – angehender Lehrer für Sport und Latein. „Ich möchte ihn so gern mal beim Wettkampf sehen. Geht das, Vati?“

„Da müssen wir ihn mal fragen, wann er hier in der Nähe antritt. Hast du auch Lust mitzukommen, Friedrich?“ Er nickt begeistert und ist wohl auch froh, dass er nicht mehr von seinem Tag in der Schule berichten muss.

Denn Elise weiß, dass auch ihr Bruder nicht alles erzählt hat, was er erlebt hat. Auf dem Nachhauseweg hat er vor ihr mit seinen Streichen angegeben, von denen Vater besser nichts erfährt. Seiner Mitschülerin Elfriede setzte er, als sie zur Turnhalle gingen, einen Frosch in den Nacken. Als der Lehrer fragte, was los sei, konnte er Elfriede wohl nur mit der Aussicht auf einige Bonbons davon abbringen, ihn zu verpetzen. Später leerte er in seinem Zimmer die Hosentaschen aus und zeigt ihre stolz die gefundenen Sachen: Mehrere Federn, die Schalen von Vogeleiern in den unterschiedlichen Farben und Mustern sowie eine tote Maus. Diese dürfe Vati besser nicht entdecken, sagte er, öffnete das Fenster und warf das Tier in hohem Bogen in den Garten. Vermutlich hätte er sie gern noch eine Weile untersucht und vielleicht gezeichnet. Doch Elise erinnert sich, dass Vater schon zweimal eine tote Maus bei ihm gefunden hat und richtig böse geworden ist. Tote Tiere könnten nämlich Krankheiten übertragen, hat er beim ersten Mal erklärt. Als es sich trotzdem wiederholte, schickte Vati ihren Bruder hoch in sein Zimmer: „Da wirst du über dein Verhalten nachdenken!“ Es dauert Tage, manchmal Wochen, bis man nach so einem Streit mit Vater wieder beachtet wird. Das wollte Friedrich bestimmt nicht schon wieder riskieren.

Nach dem Essen verschwinden Elise und ihr Bruder wie fast jeden Abend nach oben zu den Großeltern. Vor lauter Eile lassen sie die Wohnungstür offen stehen, was Großvater Heinrich missfällt. Er ist empfindlich für kalte Luft und ruft: „Macht bitte die Tür zu. Hier zieht es wie Hechtsuppe!“ Das sagt er immer, aber Elise hat noch nie verstanden, was der Satz eigentlich bedeuten soll. Schnell schließt sie die Tür und läuft dann zu Großvater, der sie freudestrahlend anschaut.

Er sitzt im Sessel, lacht mit seinen gutmütigen, braunen Augen, die Elise so mag. Er hat graue Stoppeln auf den Wangen und freut sich wie immer, als sie ihn dorthin küsst. Für fast jede Neckerei ist er zu haben, und so dürfen sie Opa Heinrich die buschigen Augenbrauen kämmen und – weil er gut gelaunt ist – Schleifchen hineinbinden. Zur Belohnung gibt es für Elise und Friedrich jeweils zehn Pfennige, ahn Böhm, wie Opa sagt. Das reicht für eine Handvoll Bonbons morgen. Gern würde Elise die Arbeit auf dem Kopf fortsetzen, doch dort ist nicht viel zu holen. Großvater hat eine hohe Stirn, und das Haar dahinter ist kurz geschoren.

Auf der Fensterbank steht ein Foto, das ihnen besonders gut gefällt. Es zeigt den früheren Reichskanzler Otto von Bismarck. Darunter steht: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“ Elise und Friedrich fragen Großvater über Bismarck aus, denn sie mögen es, wenn Opa von früher erzählt. Währenddessen schmust Elise mit Kater Schnurri, der ihr schon die ganze Zeit um die Beine herumstreift.

Großmutter Katharina kommt auch hinzu, sie bringt allen ein paar eingemachte Pflaumen. Der ganze Keller ist voller Weckgläser, und sie geht regelmäßig hinunter und dreht die Gläser, damit das Obst darin nicht schlecht wird. Sie erzählt, dass sie am Nachmittag nach der Arbeit im Garten noch ihre Schwägerinnen im Café Fliegner getroffen hat. Begeistert berichtet Katharina, wie sie Abgerührte gegessen haben, und Elise weiß, dass ihre Oma diese schlesische Kuchen-Spezialität liebt und sie besonders häufig mit ihren Verwandten im Fliegner isst. Das Fliegner ist nun mal eine Jauersche Institution, sagt Großmutter oft. Wahrscheinlich haben sie sich wieder gegenseitig von ihren Enkelkindern vorgeschwärmt, so wie meistens. Einmal war Elise dabei, und ihr war es eher unangenehm, so ungefragt zum Gesprächsthema zu werden. Wie Großmutter weiter erzählt, war kurz vor dem Abendbrot auch noch die Friseuse im Haus, die ihr den eher spärlichen Haarwuchs neu ondulierte. Für eine Woche müsse das jetzt wieder reichen, meint sie lachend.

Sie unterdrückt ein Gähnen und sagt dann zu Friedrich: „Komm wir schauen nach, ob im Schlafzimmer alles in Ordnung ist.“ Großmutter ist eine ängstliche Frau. Jeden Abend sieht sie unter dem Bett nach, ob vielleicht ein Fremder darunter liegt. Friedrich hat mit Elise einmal sogar überlegt, dass er sich zum Scherz unter dem Bett verstecken könnte. Doch Elise hat ihn gebeten, das nicht zu tun: Großmutter würde sich wahrscheinlich zu Tode erschrecken. Heute Abend jedenfalls liegt niemand unter dem Bett, und so mahlt Großmutter erleichtert schon für morgen früh die Bohnen in der Kaffeemühle. Dann schickt sie die Kinder nach unten und macht sich zum Schlafengehen fertig.

Als sie das Wohnzimmer ein Stockwerk tiefer betreten, berichtet ihr Vater gerade von Neuigkeiten aus dem Gericht: „Robert Schäfer hat jetzt die Direktorenstelle bekommen. Meine Bewerbung ist gar nicht diskutiert worden. Nicht, dass ich in diesen Zeiten unbedingt Gerichtsdirektor sein will, aber das geht nicht mit rechten Dingen zu. Der Schäfer ist doch erst ein paar Monate am Gericht und – wenn ich das in aller Bescheidenheit anmerken darf – auch kein besonders guter Richter. Aber du weißt ja, wie das heute läuft. Direktor Schäfer ist natürlich in der Partei.“

„Erich“, wirft die Mutter ein. Die Kinder haben sich an den Tisch gesetzt und hören zu.

„Aber es ist doch wahr. Wie will er das nur mit der Unabhängigkeit des Richteramts in Einklang bringen? Neulich hat er mich wieder gefragt, ob ich nicht die Sache unterstützen und Mitglied der NSDAP werden wolle. Hitler sei der einzige, der Deutschlands Untergang verhindern könne. Was für ein Unsinn! Ich habe natürlich nicht darauf reagiert. Niemals werde ich in diese Partei eintreten. Diese Nazis haben doch überhaupt keinen Anstand. Sie trinken und prügeln sich in der Öffentlichkeit. Und wie sie mit ihren Fackeln durch die Straßen ziehen und Parolen rufen! In den letzten Jahren hatten sie doch immer diese Schlägereien mit den Kommunisten, das war doch niveaulos. Ihr wisst, dass ich kein Freund der Kommunisten bin – Gott bewahre –, aber dass man sie jetzt alle einsperrt, ist rechtlich auch fragwürdig. Aber ich glaube, Hitler wird bald stürzen. Solche Verhältnisse werden wir Deutschen uns nicht lange gefallen lassen. Wir sind doch ein freiheitsliebendes Volk.“

„Sag das besser nicht so laut!“ Mutter schaut ängstlich.

Elise findet es interessant, was ihr Vater sagt. Neugierig fragt sie ihn: „Warum ist Direktor Blumenthal eigentlich letztes Jahr so plötzlich gegangen? War er ein so schlechter Richter?“

Vater zögert etwas und antwortet dann leiser: „Nein, er war ein guter und unbestechlicher Richter. Aber er ist Jude.“

„Ja, und? Was heißt das denn?“, fragt Elise, die jetzt noch aufmerksamer wird. Herr Blumenthal ist der Vater ihres Mitschülers Hubert.

Erich schaut sie an und erklärt dann: „Juden dürfen nicht mehr an deutschen Gerichten arbeiten. Das haben die Nazis verboten.“

Jetzt wird Elise so einiges klar, zum Beispiel, warum Hubert so ein Außenseiter ist. Ihr Mitschüler wird nicht nur geschnitten, sondern vor einiger Zeit haben einige Klassenkameraden ihm sogar aufgelauert, ihn festgehalten und dann langsam mit etwas kaltem Wasser überschüttet. „So, Hubert, jetzt bist du endlich auch getauft“, haben sie gerufen. Hubert lief weinend nach Hause, während alle anderen lachten.

Ähnlich wie Elise versinkt auch Marta in ihren Gedanken, sorgt sich, spürt, dass sie unruhig ist. Sie kennt das Gerechtigkeitsempfinden ihres Mannes, sie liebt diesen Charakterzug auch an ihm, aber manchmal verzweifelt sie auch daran, dass er so stur ist. Wahrscheinlich ist ihr Erich insgeheim sogar stolz darauf, dass er nicht wegen des Ausscheidens der jüdischen Richter befördert wird, glaubt sie. Aber sie versteht es nicht.

Sie denkt an Erichs Vetter Herbert, den Weitspringer. Der ist schon vor vielen Jahren in die NSDAP eingetreten, war kürzlich sogar mit seinem Freund Walter Reichel auf einem Reichsparteitag in Nürnberg, von dem er anschließend begeistert berichtete. Und jetzt steht er nicht nur kurz vor Olympia, sondern auch kurz vor einer großen Karriere an einer der Napola-Schulen, um dort die deutsche Elite der Zukunft auszubilden. Herbert hat doch Recht, wenn er sagt, dass Hitler gerade in Schlesien viele Arbeitslose von der Straße geholt hat. Zumindest steht er mit seiner Meinung nicht allein. Außerdem hat Hindenburg Hitler zum Kanzler ernannt, und der weiß doch, was er tut. Marta hat schon oft gehört, dass viele in Schlesien – mehr noch als in anderen Landesteilen – im Führer den Retter aus wirtschaftlicher Misere und nationaler Ohnmacht sehen. Man sollte ihm eine Chance geben, findet sie.

Kapitel 4

1946

Erich Plackwitz wacht ruckartig auf, vor seinen Augen flimmern noch die letzten Bilder seines Traums. Er sieht sich selbst, wie er mit dem Spaten in einem matschigen Loch steht und ohne

Unterlass gräbt. Hinter ihm hat sich ein Unteroffizier aufgebaut und brüllt unverständliche Kommandos.

Wieder einmal hat Erich vom Schanzdienst geträumt. Glogau, Niederschlesien. An der Oder. Jugendliche um die 15 oder 16 Jahre hoben gemeinsam mit ihm und anderen Männern um die 60 zahllose Gräben aus und bildeten Wälle, um die Sowjets aufzuhalten. Militärisch gesehen war das im Nachhinein betrachtet völlig sinnlos, aber in den letzten Kriegsmonaten mobilisierte die Wehrmacht auch die ganz Jungen und die ganz Alten im Rahmen des sogenannten Volkssturms.

Erich erinnert sich, wie er sich im September 1944, kurz vor der offiziellen Ausrufung des Volkssturms, freiwillig zum Schanzdienst gemeldet hat. Er hat das damals nicht aus Überzeugung gemacht, der Krieg war aus seiner Sicht schließlich längst verloren. Er wollte lediglich die Ausübung eines Amtes vermeiden, das ihm wenige Wochen zuvor gegen seinen Willen zugetragen worden war: das des Bannrechtsreferenten. Damit wäre er Rechtsberater des Bannführers der Hitler-Jugend im Kreis Liegnitz geworden. Vermutlich steckte Robert Schäfer, sein parteitreuer Vorgesetzter am Amtsgericht Jauer hinter der Idee. Erichs Aufgabe wäre es gewesen, der HJ nicht genehme Gerichtsurteile zu melden und so die Richter zu kontrollieren. Diese sollten nämlich ihren Beitrag leisten, damit die deutsche Jugend, die während des Krieges zu verwahrlosen drohte, im Sinne der Nationalsozialisten erzogen werde. Erich sieht den Herrn Oberlandesgerichtspräsident noch vor sich, wie er ihm das damals pathetisch mit diesen Worten erklärte und damit seine Bedenken beiseite wischen wollte. Doch solche Kontrolldienste für die Nazis hätte Erich niemals übernommen. Er verwies auf sein Alter von 58 Jahren, betonte seine Nichtmitgliedschaft in NSDAP und HJ. Es müsse doch geeignetere Kandidaten geben, sagte er dem Oberlandesgerichtspräsidenten. Vergebens. Nur der Abordnung zum Schanzen war es schließlich zu verdanken, dass er das Amt des Bannrechtsreferenten nicht einen Tag lang ausgeübt hat.

In seinem Traum errichteten sie gerade Panzerfallen, als der Rückzugsbefehl kam, weil die Russen unmittelbar dabei waren, die Region um Glogau einzunehmen. Angeblich waren ihre Panzer schon fast in Sichtweite. Hektisch ergriffen alle ihre Sachen, und in dem entstehenden Durcheinander verlor Erich seine Brille. Ausgerechnet Paul Breitkopf, ein Optiker aus Brieg in seinem Alter, trat auf sie, so dass ein Glas zersplitterte und sich das Gestell verbog. Ohne Brille war er fast blind. Seine schlechten Augen hatten Erich schon im Ersten Weltkrieg vor dem Militärdienst bewahrt. Nur auf Umwegen fand Erich mit der kaputten Brille in der Hand in letzter Minute den Weg zu den Lastwagen der Wehrmacht, mit denen sie schließlich von Glogau weggebracht wurden. Genauso war es tatsächlich gewesen, und er träumte immer wieder davon.

Er schüttelt sich, als wolle er die Erinnerung an die Vergangenheit so schneller loswerden. Er fasst neben sein Bett, und da liegt dieselbe Brille noch: Breitkopf hat sie damals notdürftig wieder zurechtgebogen.

Heute, ziemlich genau ein Jahr später ist auch das zweite Glas längst wieder in seiner Brillenfassung. Erich lebt inzwischen im fränkischen Ort Steinwiesen. Dorthin hat ihn der Volkssturm kurz vor der Kapitulation Deutschlands verschlagen. Mit seinen Kollegen wurde er zum Anlegen und später zur Beseitigung von Panzer- und Straßensperren herangezogen. Noch vor Ende des Krieges bemühte er sich um die Dienstaufnahme bei einer Justizbehörde. Sein Antrag wurde am Amtsgericht Kronach zwar angenommen, aber wegen der nach Kriegsende eingerichteten amerikanischen Verwaltung nie bearbeitet. Inzwischen strebt er erneut die Wiederaufnahme in den Gerichtsdienst an. Er ist überzeugt, dass es Bedarf an Juristen geben muss, die das nationalsozialistische System nicht unterstützt haben.

Es ist Anfang März 1946, und Erich will im Laufe des Tages den „Ergänzungs-Fragebogen der Alliierten für Richter, Staatsanwälte, Notare und Rechtsanwälte“ abschließend ausfüllen. Dann, hofft er, kann er endlich wieder in seinem alten Beruf arbeiten und vielleicht dabei helfen, aus Deutschland wieder einen funktionierenden Rechtsstaat zu machen.

Erich schiebt die Bettdecke weg und nimmt seine Waschschüssel. Zum Glück hat er Seife, Lappen und Handtücher. Etwa eine halbe Stunde braucht er für die morgendliche Reinigung mit kaltem Wasser, danach putzt er drei Minuten lang die Zähne – die Taschenuhr überwacht die Zeit ganz genau. Anschließend rasiert er sich. Vor zwei Tagen ist es ihm gelungen, ein paar neue Klingen zu besorgen. Ein Glücksfall. Die letzte war schon so unscharf, dass sie immer wieder in den Stoppeln hängen blieb, was sehr schmerzhaft war und ihm manchmal Schnittwunden zufügte. Mit der neuen Klinge geht es viel besser, zufrieden streicht sich Erich über die frisch rasierte Wange. Nun nimmt er den Kamm und zieht den Scheitel auf seinem Kopf exakt nach. Der Spiegel in seinem Zimmer hat einen Sprung. Aber besser als nichts. Er zieht seine Hose an, prüft die Bügelfalte, zum Glück bügelt Frau Spitzer seine Sachen, wenn er sie bittet. Darüber ein weißes Hemd, die Ärmel sind durchgescheuert, aber das sieht man nicht. Er bindet sich eine Krawatte um und schlüpft in seine Anzugsjacke. Draußen wird es langsam hell, es sieht kalt aus. Er nimmt den Mantel aus dem Schrank, geht die Treppe hinunter und verlässt das Haus. Wie jeden Tag macht er vor dem Frühstück einen kleinen Spaziergang.

Er öffnet das Gartentor und blickt zurück auf das Haus von Spitzers. Die Familie hat ihn vor einigen Monaten aufgenommen und ihm ein Zimmer vermietet. Nicht ganz freiwillig, wie er weiß. Es sind viele Flüchtlinge aus Schlesien und vor allem aus dem Sudetenland nach Bayern gekommen. Die Behörden wissen nicht, wo sie alle unterkommen sollen. Wer ein bewohnbares Haus hatte, wurde zum Zusammenrücken aufgefordert und sollte Platz für Flüchtlinge machen. Steinwiesen blieb vom Krieg weitgehend verschont, hier gab es keine Luftangriffe. Spitzers haben zwei Zimmer zur Verfügung gestellt. Im Zimmer neben Erich wohnt seit einigen Wochen eine ältere Dame mit ihrer Tochter. Sie werden genauso als Preußen belächelt wie er. Die Einheimischen schauen seltsam auf sie, manchmal auch etwas gehässig, scheint ihm. So richtig willkommen sind sie nicht. Heimatlose aus dem Osten halt.

Wenn er sich vorstellt, dass er jetzt tatsächlich Flüchtling ist, überkommt ihn der Gram. Er war schließlich Richter, hoch angesehen in Jauer, mit einem großen Haus und fest verankert in der Kleinstadt. Man kannte ihn und grüßte ihn auf der Straße. Das hat er alles verloren; wo er jetzt lebt, wird er geduldet, mehr nicht. Die Menschen um ihn herum sprechen den falschen Dialekt und haben die falsche Religion. Fast alle sind katholisch hier.

Der Krieg ist vorbei, ein Glück. Aber irgendwie geht der Krieg auch weiter. Ein Zurück in das alte Leben gibt es nicht. Zumindest ist es nicht in Sicht.

Seine Nachbarinnen dürften ähnlich empfinden. Sie kommen ebenfalls aus Niederschlesien. Hirschberg. Die Stadt am Rande des Riesengebirges. Erich hat sie gefragt, wie es dort aussieht und wie sie es nach Steinwiesen geschafft haben, doch die beiden wirken verstört und weichen seinen Fragen meistens aus, erwähnen nur vage einen endlos langen Flüchtlingstreck. Elend und Eiseskälte. Hunger und Gewalt. Keine Einzelheiten, Sprachlosigkeit. Menschen aus Jauer sind sie auf der Flucht nicht begegnet, haben sie gesagt. Und dann haben sie ihn gebeten, nicht noch mehr Fragen zu stellen. Er weiß aber von Frau Spitzer, dass sie auf Nachricht von ihrem Mann und Vater warten, der offenbar von den Russen gefangen gehalten wird.

Auf Nachricht wartet auch Erich. Vor zwei Monaten hat er das letzte Mal von seiner Frau Marta und seiner Tochter Elise gehört. Da lebten sie weiterhin im seit Kriegsende polnisch besetzten Jauer. Sie arbeiten in polnischen Familien und können sich mehr schlecht als recht durchschlagen. Er vermisst sie, vor allem seine liebe Marta, diese zarte, energische Frau mit den hellwachen Augen.

Auch Erich hat Mühe, sich über Wasser zu halten. Seine Geldvorräte, die er nach Bayern mitbringen konnte, sind so gut wie aufgebraucht. Seine Kleidung sieht abgetragen aus, aber es gibt fast nirgends neue zu kaufen. Arbeit hat er keine; hin und wieder kann er sich mit Schreibarbeiten ein paar Mark verdienen. Der Handel mit amerikanischen Zigaretten, mit dem so viele andere Geld verdienen, ist ihm fremd, der ganze Schwarzmarkt nicht geheuer. Zuletzt hat er nicht einmal die knapp bemessenen Lebensmittelmarken vollständig verbraucht, weil das Geld fehlte, um die Milch zu bezahlen, die ihm eigentlich zustand. So gab er sie an Frau Spitzer weiter, die ihm seitdem auch mal eine Scheibe Käse zukommen lässt und netterweise seine Strickjacke geflickt hat.

Erich hat im Grenzdurchgangslager Friedland seine Adresse und die Namen seiner gesuchten Angehörigen hinterlassen. Er möchte endlich Klarheit darüber bekommen, was mit seiner Familie passieren wird, ob Marta und Elise vorhaben, Schlesien zu verlassen. Selbst zurückkehren kann er nicht, das lassen die polnischen und sowjetischen Behörden nicht zu. Briefe schreiben ist nur ganz selten erfolgreich, und so versucht er, mit Hilfe des Roten Kreuzes Kontakt zu seiner Frau aufnehmen. Spätestens wenn sie Schlesien verlassen, wird er von den beiden hören, hofft er.

Schon lange kein Lebenszeichen gibt es von seinem Sohn Friedrich, der als Soldat gegen die Sowjetarmee und zwischendurch auch mal an der Westfront gekämpft hat. Zuletzt hat er sich im Februar 1945 gemeldet. Hat er den Krieg überlebt? Ist er vielleicht in russischer Kriegsgefangenschaft, von der man so schreckliche Dinge hört? Erich weiß es nicht.