Ich möchte zurückgehen in der Zeit - Judith Hermann - E-Book

Ich möchte zurückgehen in der Zeit E-Book

Judith Hermann

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Beschreibung

Judith Hermann folgt in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach.  In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf. Ebenso magisch wie magnetisch erzählt sie davon, wie fragil wir uns in unseren Leben einrichten – und zeigt auch, welche Schönheit sich darin verbergen kann.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Judith Hermann

Ich möchte zurückgehen in der Zeit

 

 

Über dieses Buch

 

 

»Judith Hermanns Bücher sind unbeirrbare Erkundungen der menschlichen Verhältnisse.« Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung

 

Judith Hermann folgt den spärlichen Erinnerungen an ihren Großvater, der Mitglied der Gestapo und während des Zweiten Weltkriegs im polnischen Radom stationiert war. Auf der Reise denkt sie darüber nach, welche Auswirkung das wenige Wissen darum und das Nicht-Darüber-Sprechen in der Familie hat, und wie darüber geschrieben werden kann. Kurz darauf reist sie aus Polen zu ihrer Schwester nach Neapel, ins italienische Frühlingslicht, und geht dem Erinnern und Vergessen in den nachfolgenden Generationen und den vorgeprägten Räumen unseres Lebens nach.

Mit ihrem untrüglichen Empfinden für Zwischen- und Untertöne spürt Judith Hermann die Brüche und Beschädigungen auf, die ein Leben so mit sich bringt, aber auch die darin enthaltene Schönheit. Ihre so magischen wie magnetischen Geschichten bringen uns dem Kern dessen, was die Fragilität und Kostbarkeit unseres Lebens ausmacht, ein Stück näher.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren und lebt heute in Berlin und in Friesland. Auf ihr außerordentliches Debüt »Sommerhaus, später« folgten die Erzählungsbände »Nichts als Gespenster«, »Alice«, »Lettipark« sowie die Romane »Aller Liebe Anfang« und »Daheim«. Die Werke wurden mit zahlreichen, auch internationalen Preisen geehrt. Für ihr letztes Buch, »Wir hätten uns alles gesagt«, erhielt sie 2023 den Wilhelm Raabe-Literaturpreis.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Für diese Ausgabe:

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, 

Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Coverabbildung: Thomas Ruff, ›Interieur 8C‹. © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

ISBN 978-3-10-492421-2

 

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Inhalt

[Motto]

I. Radom

II. Napoli

III. Tidslomme

Dank an

Was hinterlasse ich, fragt mich meine Mutter.

Was habe ich zu vererben, was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin.

Sie stellt diese Frage in einem eigentümlichen Tonfall, heiter und verärgert zugleich. Sie gibt vor, es nicht ganz ernst zu meinen, meint es aber offensichtlich mehr als ernst, wartet meine Antwort nicht ab und beantwortet sich ihre Frage selbst.

Sie sagt, nichts. Ich hinterlasse nichts, es bleibt nichts von mir übrig.

I.Radom

Meine Mutter erinnert sich an die Tätowierung unter dem linken Arm ihres Vaters. Auf der Innenseite seines Armes, verblichen, blassblau, groß wie ein Pfennig. Sie hat die Tätowierung das erste Mal auf seinem Sterbebett gesehen, er starb in einem Einzelzimmer im Krankenhaus, sie war einundzwanzig Jahre alt und sah durch ein rundes Fenster in der Tür zu ihm hin.

Das ist, was sie mir erzählt hat. Was sie mir früher erzählt hat. Spreche ich aber heute mit ihr darüber, sagt sie, sie hätte von dieser Tätowierung schon immer, schon in ihrer Kindheit gewusst.

Sie sagt, diese Sache mit dem Sterbebett ist das, was du daraus machst. Vor allem dein Einfall mit dem runden Fenster in der Tür. Das ist, was du daraus machst.

 

Die Erinnerungen meiner beinahe achtzig Jahre alten Mutter an ihren Vater sind widersprüchlich und durcheinander, immer schon widersprüchlich und durcheinander gewesen. Durcheinander und Widerspruch sind keine Frage ihres Alters. Meine Mutter hat ihren Vater, meinen Großvater, nicht wirklich gekannt – so sagt sie es, nicht wirklich – ihre Brüder haben ihn ebenso wenig gekannt. Er verließ die Familie, als meine Mutter jung war, er starb, bevor ich geboren wurde. Es ist nicht so, dass sie über ihren Vater nicht sprechen will, sie weiß aber nicht, was sie sagen soll, und was sie denkt, behält sie für sich. Sie zensiert sich selbst, ihre Brüder machen es genauso. Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet. Mein Großvater war ein überzeugter Nationalsozialist, darüber hinaus Mitglied der Waffen-SS, die Tätowierung ist Kennzeichen der Zugehörigkeit und Hinweis auf die Blutgruppe, und offenbar hatte er nach dem Krieg keinen Anlass, sich von dieser Tätowierung zu trennen, sie entfernen zu lassen. Es hat Leute gegeben, die sich in den linken Arm geschossen haben, mein Großvater hat das nicht getan. Er hat die blassblaue Markierung zwanzig Jahre nach Kriegsende mit ins Grab genommen.

 

Meine Mutter wird unter anderem natürlich hinterlassen, meine Mutter und die Mutter meiner Schwester gewesen zu sein. Tochter meiner Großeltern gewesen zu sein; sie hat das Erbe ihrer Mutter und ihres Vaters übernommen, trägt es, wie gewichtig auch immer, und wird es weitergeben an uns. Möglicherweise hatte ich nach Überlegungen dieser Art vor Jahren im Bundesarchiv einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt und erhalten. Vor der Pandemie. In meinem fünfzigsten Jahr, in der Zeit jedenfalls, in der wir häufig damit beginnen, uns mit der Vergangenheit der Eltern, Großeltern beschäftigen oder auseinandersetzen zu wollen, ich bin mit meiner Suche alles andere als allein. Ich war ins Archiv gefahren, hatte meinen Mantel und meine Tasche in ein Spind geschlossen, ein Körbchen für Stift und Notizblock und eine Aktenmappe ausgehändigt bekommen. Die Mappe war leicht gewesen, darin eine Mitgliedskarte der SS, ein Besitzschein für Waffe und Holster, eine Gestellungsaufforderung und weiter nichts. Ich hatte diese Dokumente abfotografiert und zurückgegeben, die Ausstellung im Foyer angesehen, bevor ich Mantel und Tasche wieder aus dem Spind geholt hatte. Achtzig Jahre alte Tonaufnahmen. Die Stimme von Goebbels. Das markerschütternd dichte, fiebrige Summen einer Menschenmenge. Hitze. Das Gelände um das Archiv herum war mit Kies aufgeschüttet, im Kies Skulpturen, die ich für Baumpilze hielt, Xylobionten, was eigenartig gewesen wäre, weil Baumpilze nur kranke Bäume befallen und wenn diese Pilze ein Gedächtnis symbolisierten, wäre das Land, um dessen Gedächtnis es hier gehen sollte, krank.

Ein krankes Land.

Ich hatte vor dem Archiv lange auf den Bus gewartet, ich war mit leeren Händen zurück in die Stadt gefahren.

 

Meine Mutter hatte die Ergebnislosigkeit meiner Recherche nicht beeindruckt. Sie war weder enttäuscht noch überrascht gewesen. Sie hatte gesagt, sie habe nichts anderes erwartet, ich hatte sie gefragt, warum sie nichts anderes erwartet habe, sie war mir eine Antwort schuldig geblieben. Hätte nicht eigentlich sie in das Archiv fahren, mir dann davon erzählen müssen; wir hatten nicht darüber gesprochen, warum ich in dieses Archiv gefahren war, sie nicht. Sie hatte mir beiläufig eine kleine, hölzerne Kiste überreicht, die sie anscheinend für ihren Vater vorgesehen hatte. Ich hatte den Eindruck, sie hätte mir diese Kiste nicht überreicht, wenn ich nicht ins Archiv gefahren wäre. Als hätte sie das jahrelang abgewartet – ich hatte eine Bedingung erfüllt, wir konnten nun weitermachen.

In der Kiste fand ich die Heiratsurkunde meiner Großeltern neben ihren Sterbeurkunden neben einem Entlassungsbrief aus der Kriegsgefangenschaft der Alliierten, Certificate of Discharge, neben einem Stapelchen unsortierter Fotos, die jemand auf den Rückseiten in sachlicher Schrift mit Orten und Daten versehen hatte. Meine Mutter konnte diese Schrift niemandem zuordnen. Sie sagte, sie kenne diese Schrift nicht, ihre sei es nicht, nicht die ihrer Mutter und die ihres Vaters auch nicht.

Mein Großvater im Turnerbund. Mein Großvater in SS-Uniform. Auf einer Allee im Frühling auf jemanden zugehend, über den er sich freut. Am Tag seiner Hochzeit, vor dem Standesamt steht die SS Spalier. Mein Großvater am Waldrand zwischen dunklen Tannen in einem zugeknöpften Mantel, auffällig blanken Schuhen und mit dem zweideutigen Lächeln eines Schaustellers im Gesicht. Mein Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom, Polen.

Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.

Ich hatte meiner Mutter diese Frage gestellt, sie hatte die Schultern gehoben und ihrerseits leere Hände vorgezeigt. Sie wusste nicht, was ihr Vater in Polen gemacht hatte. Sie wusste, dass Polen von den Deutschen besetzt gewesen war, dass es in Radom ein Ghetto gegeben hatte. Das zumindest wusste sie schon.

 

Mein Großvater wurde 1904 in Berlin geboren, sein Vater war Lehrer, seine Mutter starb früh. Er war zehn, als der Erste Weltkrieg ausbrach, vierzehn, als er zu Ende ging. Er machte eine Lehre zum Drogisten und den Abschluss mit der schlechtestmöglichen Note, er hatte im Einzelhandel zu tun, vermutlich verkaufte er Seife. Knöpfe. 1932 trat er in die NSDAP ein. Umstandslos, es sieht nicht so aus, als ob er gezögert hätte. Er heiratete meine Großmutter, bekam drei Kinder, zwei Söhne während des Krieges, eine Tochter, meine Mutter, im November 1945.

Er verschwand.

Kam zurück und verließ die Familie endgültig, er ließ sich Mitte der fünfziger Jahre scheiden. Er war, so vermerkt es die Heiratsurkunde, protestantischen Glaubens. Ich bin sein erstes Enkelkind, er starb aber 1964, sechs Jahre vor meiner Geburt.

Das war, was ich von meinem Großvater wusste. Mehr wusste ich nicht.

 

Diese Bemerkung meiner Mutter, ich würde eine Geschichte aus meinem Großvater machen, ging mir nach. Sie sagte Sache, meinte aber Geschichte, fand eine Geschichte hier ungehörig, womit sie nicht unrecht hatte. War das Ungehörige das Ausschmücken einer ernsten, familiären Angelegenheit mit dem einen oder anderen erfundenen Detail. Ich hätte sagen können, aber ich muss eine Geschichte machen, eine Art von Geschichte jedenfalls, mir bleibt nichts anderes übrig, diesen Großvater muss ich mir ausdenken, weil du mir nichts von ihm erzählst. Wenn ich ihn mir ausdenke, lasse ich mich auf ihn ein. Mich auf ihn einzulassen, verringert den Abstand, den ich brauche, um ihn sehen zu können, ich hätte sagen können, das ist für eine Geschichte übrigens ein ziemlich kompliziertes Unterfangen. Darüber hinaus verfügt dieser Großvater, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen meiner Familie, über keinerlei literarisches Repertoire. Weder Schwermut noch neurasthenische Befindlichkeiten noch Schwäche; wenn er abergläubisch gewesen sein sollte, hat er das für sich behalten. Er ist nicht in Breslau geboren, hatte keinen Silberblick, besaß nichts, was mir noch heute lieb und teuer wäre, es ist etwas um ihn herum, das mehr als dunkel ist, ich muss es so sagen. Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen. Er hat keine Geschichte, also kann ich keine aus ihm machen. Mein Großvater hält sich in der Zwischenwelt auf, und ich frage mich, hätte ich zu meiner Mutter sagen können, ich frage mich durchaus, ob ich ihn erlöse, wenn ich an ihn denke.

Mein Großvater ist in jeder Hinsicht ein Cold Case.

 

Im vergangenen Winter erlitt meine Mutter aus heiterem Himmel eine sogenannte transiente globale Amnesie. Allumfassender Verlust des Gedächtnisses, vorübergehend aber eindrücklich, meine Mutter wusste vom einen auf den anderen Moment nicht mehr, wer sie war. Sie wusste auch nicht mehr, wer wir waren. Sie wusste weder, wo sie sich befand, noch, woher sie kam und wohin sie gerade gewollt hatte. Sie wusste einige fürchterliche Stunden lang gar nichts mehr, und sie machte nicht den Eindruck, als ginge sie das etwas an – dann fiel ihr alles wieder ein. Sie war verschwunden, dann kam sie zurück.

Die Amnesie änderte am allgemeinen Erinnerungsvermögen meiner Mutter nichts. Es tauchten keine überraschenden Erinnerungen auf, die zuvor verschüttet gewesen wären, und die Erinnerungen, die meine Mutter besaß, blieben unangetastet. Es war aber so, dass ich die Vorstellung, sie könnte noch einmal das Gedächtnis verlieren, sie könnte verschwinden, ohne dass ich etwas über ihren Vater und somit über sie erfahren hätte, nicht ertrug. Die Amnesie meiner Mutter führte dazu, dass ich nach Polen fuhr.

Wenn nicht jetzt, wann dann.

 

Ich reiste im Februar nach Radom. Zufällig und unabsichtlich am Todestag meines Großvaters, ich hatte die Abreise nicht an diesen Tag geknüpft, geschweige denn etwas von diesem Tag gewusst; meine Mutter hatte mich zum Abschied in dem beiläufigen Ton, den sie annahm, wenn sie von ihrem Vater sprach, darauf hingewiesen.

Sie hatte gesagt, du reist an dem Tag, an dem mein Vater gestorben ist.

Ich hatte das durchaus erstaunlich gefunden, sie nicht. Vielleicht hatte sie versucht, den Anfang der Reise nicht zu dramatisieren, weil das Ende der Reise gefährlich ungewiss war; heute aber denke ich, dass meine Mutter an und für sich die wenigsten Dinge erstaunlich finden will. Tatsächlich fuhr ich um die Zeit, die auf der Sterbeurkunde meines Großvaters vermerkt war, mit dem Zug über die Oder. Sechzig Jahre nach seinem Tod. Die Oder war grün, Flussinselchen am polnischen Ufer, Schwäne und Wintergestrüpp, Schneereste unter Fichten, schieferfarbener Himmel, dann war ich auf der anderen Seite. Ich stieg in Warschau um, ich kam am frühen Abend in Radom an.

 

Radom liegt im südöstlichen Polen. Zwischen Warschau und Krakau, zwischen Weichsel und Heiligkreuzgebirge, polnische Kleinstadt mit Lehrerkollegium, Hochschule und Theater, einem Kino, zwei Museen und Industrie für Waffen und Präzisionstechnik. Ich hatte mir im Internet eine Wohnung gemietet, die nah am Bahnhof lag und gegenüber der Kathedrale der Heiligen Jungfrau Maria, ich wusste nichts über Radom. Die Wohnung war im dritten Stock im Seitenflügel eines Mietshauses, in dem jede Tür fünf oder sechs Schlösser hatte und zudem vergittert war, einzig meine hatte kein Gitter und nur ein einziges Schloss, sah aber so aus, wie sie annonciert gewesen war, groß, unpersönlich, schön leer. Am Abend meiner Ankunft kroch ich unter den Schreibtisch, um das Ladekabel des Laptops anzuschließen. Ich öffnete alle Fenster, stellte drei Stühle um und räumte die Schwarz-Weiß-Fotografien vom Eiffelturm und dem Jardin Luxembourg in den Schrank. Das Geschirr in der Küchenzeile war systemlos und angeschlagen, ich kramte es durch und entschied mich für eine grüne Tasse und einen Teller mit blauem Rand. Ich aß das letzte Hasenbrot, trank heißes Wasser und ging ins Bett. Die Kissen waren kalt, in der Wohnung über mir liefen Leute auf bloßen Füßen leise hin und her, ich lag auf dem Rücken und lauschte, dann schlief ich ein. Als ich am Morgen wach wurde, saßen drei Tauben auf dem Balkontisch, die Köpfe im Gefieder, aufgeplustert gegen die Kälte, offenbar war die Wohnung meist verlassen. Das große Zimmer warm und hell, der Blick aus den Fenstern überraschend weit. Kiefern und Tannen, niedrige Häuser, winterliche Gärten bis zur Kathedrale hin. Ich ließ, den ganzen Februar über, meine Sachen im Koffer.

 

Ich klappte ihn auf, schob ihn in eine Ecke des Schlafzimmers, packte aber nur Bücher aus, PG Teatips, die Kiste mit den Papieren meines Großvaters und die unscheinbaren, aber wichtigen Dinge, die ich auf dem Schreibtisch haben wollte; ich hatte, all die Wochen über, das Gefühl, ich müsste eventuell überstürzt wieder abreisen, also ließ ich den Koffer, wie er war. Ich legte die Bücher auf das breite Fensterbrett und hängte ein Bild über den Schreibtisch, das ich aus meinem Berliner Arbeitszimmer mitgenommen hatte, eine gerahmte Fotografie meiner kindlichen, glücklichen Mutter am Tag ihrer Konfirmation. Die Fotografie war in Berlin eine von vielen inmitten einer Petersburger Hängung gewesen, an der leeren weißen Wand der Wohnung in Radom veränderte sie sich drastisch. Hatte sie in Berlin vor allem meine Mutter gezeigt, zeigte sie in Radom meine Mutter und ihre Familie, ein Umstand, dem ich bis dahin bemerkenswert wenig Beachtung geschenkt hatte. Sie zeigte mir vor allem und wie zum allerersten Mal meinen Großvater. Hinter meiner Mutter. Die Hände sachte auf ihre schmalen Schultern gelegt. Meine Mutter trägt ein Festkleid mit besticktem Kragen, mein Großvater einen Anzug, die unbekannte Person, die das Foto schießt, macht eine Bemerkung, die alle erheitert. Meine Großmutter sieht in eindeutig zärtlicher, stolzer Hingabe zu meinem Großvater hoch. Die Familie ist miteinander verbunden, der ältere Bruder meiner Mutter hält die linke Hand seiner Schwester, der mittlere ihre rechte, beide Brüder lächeln strahlend und unbefangen in die Kamera. Mein Großvater ist, fünfzehn Jahre nach Kriegsende, ausgesprochen präsent. Er lächelt zurückhaltend. Er ist der Einzige, der seine Zähne nicht zeigt. Wie konnten die Geschwister, wie konnte meine Mutter darauf bestehen, diesen Vater nicht gekannt zu haben.

 

In Radom ging ich in die Stadt, jeden Nachmittag und jeden Tag ein Stück weiter. Ich wollte etwas über das Jahr wissen, in dem mein Großvater hier gewesen war; ich hatte angenommen, dass die Stadt auf mich gewartet hatte und mir eine Reihe notwendiger Schritte nun irgendwie diktieren, vorgeben würde, das tat sie aber nicht, also ging ich raus und machte mich auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war. Der Februar war eisig, es wurde spät hell, früh wieder dunkel, ich zog mich warm an und ging runter in den Park, den ich von meinen Fenstern aus sehen konnte, Tadeusz-Kościuszko-Park. Durch den Park bis zum Antonio-Corazziego-Platz, dann die Żeromskiego entlang bis zur Wałowa, von der Wałowa aus auf den Marktplatz, in die Industriegebiete dahinter, in Brachen, dann in weitem Bogen zurück ins Haus. Ich trank Kaffee in einer Kawiarnia, in der die Kellnerin mir eine englische Karte aufzwingen wollte, bevor ich die Mütze abgesetzt, den Mantel ausgezogen hatte, ich bat auf Deutsch um die polnische Karte, wir rangen miteinander, schließlich gab sie unwillig nach, und ich bestellte etwas, das sich glücklicherweise als Hefezopf mit Zimt erwies. Ich saß am Fenster und sah auf die Żeromskiego hinaus, auf der deutsche Soldaten nach ihrem Einmarsch in Polen – lange her, zugleich gestern erst – die Schilder abmontiert und die Freiheitskämpfern, Architekten, Schriftstellern gewidmeten Straßen und Plätze der Stadt in Adolf-Hitler-Platz, Pappelallee und Lindenstraße umbenannt hatten; sie hatten das tatsächlich fertiggebracht, aber später hatten die Polen alles wieder rückgängig gemacht, hoffentlich für immer und ewig. In dieser Kawiarnia mit Blick auf den schönen eklektizistischen Karschów-Palast, auf die Garnisonkirche Stanisława Biskupa und das klassizistische Kierzkowski-Palais las ich Mitscherlichs »Die Unfähigkeit zu trauern«. Verleugnung ist ein Abwehrmechanismus, der sich auf störende Wahrnehmung der äußeren Realität bezieht, störend heißt, dass die Wahrnehmung Unlust erweckt. Verdrängung gilt der Unlust bereitenden Wahrnehmung eigener Triebregungen, im allgemeinen Sprachgebrauch wird ungenau Verdrängung für alle Entlastungsversuche von störenden Erfahrungen benutzt, ich hatte einen Bleistift in der Hand und machte mir Notizen, ich strich hintereinanderweg ganze Seiten an.