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„Jeder ist ein potentielles Sicherheitsrisiko“ Nach diesem Motto wurde in der sozialistischen DDR, bis das Volk dieses System hinwegfegte, gegen alle Bürger verfahren. Weitere Kardinalpunkte der stalinistischen „Sicherheitsdoktrin“: „Um sicher zu sein, müssen wir alles wissen“ sowie „Sicherheit geht vor Recht“. Wer sich nicht fügte, wurde gefügig gemacht. Das sozialistische System erwies sich als würdiger Erbe der nationalsozialistischen Ideologie und Praxis. Christa Wiesenberg erlebte immer wieder, wie die Hoffnung auf menschliche Existenz und persönliche Entfaltung aufs Neue enttäuscht wurden. Erst eine dramatische Flucht auf Leben und Tod führte aus diesem Desaster. Diese authentischen Aufzeichnungen sind auch nach 25 Jahren deutscher Einheit von Bedeutung, sie sind ein Beitrag zur „Aufdeckung der damaligen STASI- und SED-Verbrechen“ und dienen der „Vergangenheitsbewältigung“, die weiterhin aktuell geblieben ist.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Den ungezählten Opfern realsozialistischer Gewaltherrschaft in der DDR gewidmet
Aus der Vorbemerkung zur Erstfassung
Aus der Einleitung zur Erstfassung
Vorwort zur erweiterten Neuauflage
Gewesen-Vergessen? „Vorbei“
... Ein Rückblick ins Detail
Die Schule beginnt!
Ich will leben!
DASKO …aus dem Leben eines Deutschen Boxer erinnert
Flucht in die Freiheit?
Gescheiterte Flucht?
Fremd unter Fremden
Und es wird weitergeh‘n
Was die spätere Recherche ergab
bin ich allein
Aus der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik.
Vielen Menschen fällt es schwer, etwas zu glauben, das sich wie ein Roman anhört. Auch dieses Buch könnte leicht als Roman verstanden werden, doch möchte ich sagen, dass die Erlebnisse, von denen mir teilweise einige bis heute in meinem Unterbewusstsein erhalten geblieben sind, wahr sind. Natürlich kann ich mich nicht an diese Zeit erinnern, denn damals war ich noch gar nicht auf der Welt, oder zumindest noch zu klein, um die Dinge um mich herum zu verstehen, aber ich erinnere mich noch wage an ungeheure Wassermassen, ungebändigte Naturgewalten und viel Leid. Das Leben meiner Mutter war sehr schwer in dieser Zeit und vielleicht kann man das auch aus den Zeilen herauslesen. Aber dieses Buch soll ganz gewiss keine Anklage gegen irgendjemand sein. Es ist einfach aus dem Bedürfnis heraus entstanden, andere Menschen wissen zu lassen, wie schwer, und doch auch schön, ein Menschenleben sein kann. …
Alexander Wiesenberg, 29.12.1988
… Im Oktober 1964 erschien ein erstes Buch von mir auf der Frankfurter Buchmesse, in dem ich aus und über gemachte bittere Erfahrungen in Mitteldeutschland wahrheitsgetreu schrieb. Heute kann ich mich offen dazu bekennen, seinerzeit wäre ich dafür bestraft worden. Wahrheiten können „bis aufs Mark“ unbequem werden, und ich musste mich vor Zugriffen durch die Staatssicherheit der DDR schützen. Der Titel dieses Buches: „bin ich allein“, erschienen im Ekkehart-Verlag München, mein Pseudonym „Margot Z.“.
In dem Buch „bin ich allein“ beschrieb ich all das, was 1961 zu meiner bittersten Erfahrung wurde, als ich von der Erweiterten Helmholtz-Oberschule in Leipzig wegen ideologischer Unzuverlässigkeit relegiert wurde. Wohlweislich nach dem „Mauerbau“ vom 13. August 1961! Denn danach waren quasi die Schotten dicht und ein Medizinstudium, das ich mir von Kindheit an sehnlichst wünschte, sollte mir in jeder Weise damit verwehrt bleiben. Dass ich diesen meinen unabdinglichen Wunsch viel später dann doch verwirklichen konnte, von 1975 bis 1982 in München, daran hätte ich damals im Traume nicht zu denken gewagt...
Ereignisreiche Jahre sind seit dem Erscheinen meines Buches im Jahre 1990 vergangen. Viele Menschen ersuchten mich seither wiederholt und auch mit Nachdruck, mein Buch „Boat People aus Leipzig“ neu zu verfassen und herauszubringen. Vor allem aus dem Grund, damit sich über die Zeit unserer jüngst vergangenen Geschichte nicht allzu schnell ein Schleier des Vergessens ausbreite. Es hat gelegentlich den Anschein, als wäre dies bereits der Fall.
Nicht zuletzt waren und sind es die Anfragen junger Menschen, die mich dazu ermutigen, mein Buch ergänzend zu verfassen und erneut herauszubringen. Viele junge Menschen (nicht nur in Deutschland) nutzten die ganz individuelle Thematik meines Buches zur Gestaltung ihrer Abschlussarbeiten im Rahmen von Schulund Abiturprüfungen und haben mich zu diesem Zweck kontaktiert.
Als wertvolle Ergänzung sehe ich dazu auch den Umstand, dass mir durch die Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (kurz BStU) die Möglichkeit gegeben ist, in authentische Akten Einsicht zu bekommen, die das ganze erschreckende Gebilde des diktatorischen Stasi-Staates noch deutlicher machen.
Und schließlich sei erwähnt, dass ich durch den Abstand der Jahre inzwischen etwas dickhäutiger geworden bin und mir die Erinnerungen von damals nicht mehr so sehr in zermürbender Weise zusetzen. Dadurch steht mehr Kraft und Zeit zur Verfügung, das Eine oder Andere näher zu beschreiben und vertiefter zu schildern.
Der von mir gewählte aktuelle Buchtitel ist nicht neu. Ich hatte ihn bereits der Erstauflage zugedacht. Die Ansicht meines damaligen Verlegers jedoch obsiegte am Ende, da die Erlebnisse und Erfahrungen in meinem Leben so markant durch Flucht und Vertreibung geprägt waren. Besonders in den 1970er Jahren war es verbreitet, Menschen, die in der Folge des Vietnamkrieges in Südostasien oder aus anderen Regionen in Booten flohen, als „Boatpeople“ zu bezeichnen. In Anlehnung an deren Schicksal auf der Suche nach einem Leben in Freiheit entstand der Titel zur Erstausgabe meines Buches. Jetzt möchte ich jedoch wieder zum Ursprung meiner gedanklichen Auseinandersetzung mit diesem Buch zurückkehren.
Christa Wiesenberg, Oktober 2014
Unmittelbar nach Eintritt der russischen Besatzungsmacht begannen die ersten Flüchtlingstransporte. Sie wurden willkürlich zusammengestellt. So viele wollten und konnten es nicht glauben, dass sie vertrieben werden sollten. Meine Mutter und meine Tante hatten sehr hellhörig das ganze politische Geschehen verfolgt, zogen daraus die Konsequenz, dass auch uns ein solches Schicksal nicht erspart bleiben würde. Es war bald kein Geheimnis mehr, dass die Flüchtlinge zunächst in Lager deportiert wurden, dort die Umstände für eine Existenz sehr tragisch waren. So beschlossen die beiden Schwestern, illegal über die Grenze zu gehen, im sogenannten „Reich“ nach Unterkunft und Arbeitsmöglichkeit zu suchen. Unter sehr schweren und gefährlichen Bedingungen gelang es den beiden, bis nach Leipzig zu kommen. Am dortigen Operettentheater fanden sie glücklicherweise eine Anstellung; meine Mutter als Ballettmeisterin, meine Tante als Sängerin.
Dann kam es wie vorausgeahnt. Meine Großmutter und ich wurden über Nacht auf den Transport geschickt. Oma packte mich in einen großen Korbkinderwagen, das Nötigste an Betten und Hausrat hinzu. Ich erinnere mich noch an eine blaue Milchkanne, die am Griff des Kinderwagens hing und schepperte. In ihr holte ich Jahre später immer die Brühe vom Fleischer Schumann, wenn dort geschlachtet wurde.
Großmutter und ich wurden in die Nähe von Ludwigslust (Mecklenburg) in ein Lager gebracht. Dort sollten wir nach Maßgabe eine Zeitlang verbringen. Während des zweiten Tages unseres dortigen Aufenthaltes kamen meine Mutter und meine Tante aus Leipzig angereist. Sie wollten uns zu sich nach Leipzig holen, so war es von Anfang an geplant. Aber der russische Lagerkommandant wollte Großmutter und mich nicht freigeben. Das couragierte Auftreten meiner Tante bewirkte dann aber doch eine vorzeitige Freigabe von uns beiden, Großmutter und mir. Tante und Mutter mussten an das Theater zurück, hatten nur für drei Tage freibekommen. Das war vielleicht mein Glück?
Während der Reise im Zug – an diese habe ich keine Erinnerung mehr – soll mir alles Essbare, das meine Großmutter mir in den Mund schob (es war nicht viel, das wir hatten), an den Mundwinkeln wieder herausgelaufen sein. Tante weiß es noch zu berichten:
„Die Mama hat der Christl den Mund mit dem Finger immer wieder abgewischt und hat's dann selbst gegessen. Wir hatten ja Hunger.“
Eine Stoffkatze mit grünen Augen hatte ich (an diese kann ich mich noch heute erinnern), und ich stupste ihr immer mit dem Finger an die Augen. Gesprochen haben soll ich nicht, das sei die einzige Auffälligkeit an mir gewesen. Von der Sonne sei ich braungebrannt gewesen, gut genährt, denn in Leitmeritz hatten wir genug zu essen gehabt.
Nach langer Fahrt kamen wir in Leipzig an. Meine Mutter wollte mit mir sogleich ins Volksbad gehen, dort konnte man die Möglichkeit wahrnehmen, sich zu reinigen. Meine Tante jedoch wollte mich dem Theaterarzt Dr. Weber vorstellen. So geschah dieses zuerst. Dr. Weber habe sich mit mir erst einmal befasst und dann meiner Mutter und meiner Tante gesagt:
„Das ist endlich einmal ein kerngesundes Kind. Gut genährt und so schön braungebrannt. Das Kind ist nicht krank.“
Dann setzte er einen Untersuchungsspiegel auf – daran erinnere ich mich partiell sehr deutlich – ich sollte meinen Mund öffnen. Ich weiß, dass ich davor Angst bekam und meinen Mund nicht öffnen wollte. So sollte mich meine Mutter auf ihren Arm nehmen und mich festhalten. Dann drückte mir der Arzt mit einem Metallspatel die Zunge fest herunter.
Kaum, dass er meinen Rachen inspiziert hatte, wich er erschrocken zurück und sagte im ersten Moment zu Mutter und Tante:
„Es ist schon zu spät.“
Meine Mutter musste hinausgehen, meine Tante nahm mich auf ihren Arm. Sie fragte, was denn wäre. Vollkommen ratlos sei der Theaterarzt gewesen und habe gesagt:
„Glauben Sie es bitte, das Kind ist nicht mehr zu retten. Es hat eine weit fortgeschrittene Krupp-Diphterie.“
Meine Tante sei außer sich gewesen und habe den Arzt angefleht:
„Bitte, Herr Doktor, retten Sie das Kind, es ist unser ein und alles. Bitte, tun Sie, was Sie können. Wir haben doch eh schon alles verloren.“
Und Tante habe nie wieder in ihrem Leben erfahren, wie ratlos ein Arzt sein kann. Zur Schwester sagte er:
„Geben wir ihr eine Spritze oder nicht? Es ist doch schon zu spät. Das Herz wird es nicht durchhalten. ... So ein kräftiges, schönes Kind.“
„Herr Doktor Weber, bitte tun Sie alles. Geben Sie meiner Nichte eine Spritze, bitte, versuchen Sie alles.“
Dann bekam ich Pferdeserum in den Po gespritzt. Die höchst annehmbare Dosis. Meine Mutter wurde über meinen Zustand aufgeklärt. Sie sagt noch heute, sie habe das alles damals nicht begreifen und fassen können.
Meine Mutter brachte mich in den Dietze-Baracken in ein Krankenzimmer und legte mich in ein Bett. Dann sollte sie kurz noch einmal hinausgehen. Der Arzt kam abermals zu mir herein, zusammen mit der Oberschwester. Meine Mutter sah durch eine Glasscheibe an der Tür in das Krankenzimmer und konnte hören, wie der Arzt zu der Schwester sagte:
„So ein schönes Körperchen, so ein schönes Kind. Und wir werden es nicht retten können.“
Meine Mutter habe in diesem Moment bald die Verzweiflung gepackt, doch hat sie nun ganz stark sein wollen. Ich bekam noch einmal eine Spritze. Nach ein paar Minuten wurde sie geholt und gebeten, an meinem Bettchen Platz zu nehmen. Der Arzt und die Schwester waren dabeigeblieben. Kaum, dass zehn Minuten vergangen waren, sei ich blau um den Mund geworden und habe Streckkrämpfe bekommen. Meine Mutter sah, wie mir plötzlich Schweißperlen auf der Stirn standen, ich sei tachykard und tachypnoisch geworden. Mit einem Wattebausch habe der Arzt mir den Schweiß von der Stirn gewischt, doch entstanden zusehends immer wieder neue Schweißperlen. Dann sei ich blass und schlaff geworden und sei in einen tiefen Schlaf versunken. Zur Schwester sagte nun der Arzt:
„Gott sei es gedankt. Das Herz hat es überstanden. Jetzt können wir eine erste Hoffnung haben.“
Meine Mutter wurde gebeten, zu gehen.
Ein Vierteljahr lang lag ich in den Dietze-Baracken. Auf der rechten Pohälfte brach ein Geschwür auf. Ich weiß dieses noch sehr nahe in meiner Erinnerung, dass ich täglich an dieser Stelle versorgt wurde. Ich weiß noch, dass in der Mitte des Behandlungsraumes ein Tisch stand, über diesem war eine große, helle Lampe. Über ein Trittbänkchen stieg ich selbst und ohne Hilfe auf den Tisch, legte mich auf den Bauch, vergrub mein Gesicht in meinen Armen und begann still zu weinen. Brav ließ ich alles weitere mit mir geschehen. Heute erinnert noch eine tiefe Narbe daran.
Drei Wochen darauf kam meine Mutter erstmals zu Besuch. Was es für Reaktionen waren, die in mir abliefen, weiß ich nicht. Ich sah sie, machte eine entschlossene Geste mit der Hand und sagte immer nur:
„Weg.“
Dann kam mich meine Großmutter besuchen. Nur durch eine Glasscheibe durfte sie nach mir sehen. Da klopfte ich wie wild gegen die Scheibe, weinte sehr laut und rief:
„Meine Omi! Meine Omi! Oooomiiii!“
Ich war knapp drei Jahre alt. Der Arzt sprach zu meiner Mutter und zu meiner Großmutter:
„Wenn Sie dem Kind etwas Gutes tun wollen, dann sollte die Großmutter nicht mehr zu Besuch kommen. Christl regt sich zu sehr auf, das Herz ist noch zu schwach, das zu verkraften. Die Mutter kann das Kind jeden Tag sehen.“
Und so sei es für Großmutter eine Leidenszeit gewesen, bis ich dann endlich nach Hause zu ihr habe entlassen werden können.
Meine Mutter war entsetzt über die Narbe an meinem Po. Daraufhin habe der Arzt sie auf die Station mitgenommen. Meine Mutter sah in viele Krankenzimmer, in denen Kinder waren. Ein Kind trank Kaffee, aber es konnte ihn nicht schlucken, er kam zur Nase wieder heraus. Mehrere andere Kinder waren erblindet.
„Sehen Sie, dieses und dieses Kind haben eine Gaumensegellähmung zurückbehalten, viele andere Kinder sind erblindet. Das sind Kinder, die anfangs nicht so schwer von der Diphterie betroffen waren, wie Ihr Kind. Sind Sie froh und danken sie Gott dafür, dass Ihr Kind mit nur dieser Narbe davonkam. Es hätte schlimmer ausgehen können. An Christls Lebensrettung hat hier anfangs niemand geglaubt.“
Und so blieb man Gott dankbar um mein erhaltenes Leben.
* * *
In Leipzig bekamen wir durch das Operettentheater eine Vierzimmerwohnung mit Küche, Bad und Balkon zugewiesen. In Schleußig, in der Rochlitzstraße 76. Hier wohnte zuvor Herr D. mit Frau und Sohn, doch musste er auf staatliche Verfügung hin in den ersten Stock zu seinen Eltern ziehen. Er war während der Kriegsjahre Blockleiter in einem Konzentrationslager gewesen und diese Verfügung sei im Sinne einer Wiedergutmachung erfolgt. Samt der Einrichtung bekamen wir die Wohnung nun zur Miete. Noch ehe wir dann jedoch einziehen konnten, hatte er längst alles gute Mobiliar zu sich in den ersten Stock geschafft, uns nur notdürftig ein paar alte Möbel hineingestellt. Lediglich ein Teppich und ein Klavier aus seinem Besitz verblieben in den nun von uns bewohnten Räumen.
Familie D., Hausbesitzer zweier nebeneinanderliegender großer Mietshäuser, hatte noch Schlüssel zu der Wohnung in ihrem Besitz. Meine Großmutter ging fast jeden Tag zu fremden Leuten putzen, für eine Handvoll Kartoffeln, manchmal etwas Brot, Kartoffelschalen und Kaffeesatz. Manchmal bekam sie alte, abgelegte Kleider, aus denen mir meine Mutter nachts hübsche Kleider und Spielhöschen nähte. Mit viel Geschick. Ich galt als eines der am besten gekleideten Kinder in der Straße. Das löste manch neidvolle Reaktion bei den Einheimischen aus.
War meine Großmutter zum Putzen weg, so blieb ich allein in der Wohnung und durfte nicht hinaus. Doch fand ich immer eine spielende Beschäftigung, es war mir nie langweilig. Mit meinem Teddybär spielte ich am liebsten und auch mit meiner Puppe, die Hansi hieß. Oder ich stellte mir in den Ornamenten des Teppichs Straßen vor und spielte „Stadt“. Manchmal stellte ich einen Stuhl auf den Kopf, nahm das Sitzteil heraus, setzte mich hinein und spielte Rennfahrer. Das waren meine Lieblingsspiele, an die ich mich noch erinnern kann.
Einmal geschah es, wie sonst so oft, dass die Tür aufgeschlossen wurde und entweder Herr oder Frau D. hereinkamen und sich die Wohnung ansahen. Dazu musste ich mich still in eine Ecke stellen, durfte nicht reden und mich nicht von der Stelle rühren. In Schränke und Schubladen wurde hineingeschaut, geprüft, ob abgestaubt sei, der Fußboden inspiziert, und man ging immer mit einer Bemerkung weg:
„Verdammte Juden- und Polackenbrut“.
Dies eine Mal nun kam Frau D. für mich unbemerkt herein und sah mich an der Teppichkante sitzen. Dort waren so schöne lange Fransen und mein Vergnügen war, aus ihnen viele, viele Zöpfe zu flechten. Da hat sie mich an den Haaren auf die Beine gezogen, mich gepufft und geschüttelt und mich dafür verantwortlich gemacht, dass der Teppich solch „Schaden“ genommen hätte. Zwei Tage später mussten Oma und ich Tisch und Stühle wegräumen, der Teppich wurde aufgerollt und mitgenommen. Nach vielen Wochen dann bekamen wir über Bekannte eine ausrangierte Kokosmatte. Sie war weinrot, hatte ein Fischgrätenmuster, in dem es sich auch bald spielen ließ, mit dem Erfolg, dass sich in meinen Knien stets interessante Muster eingedrückt fanden.
Oft war unser Hunger groß, das Wenige wurde streng eingeteilt. Der Sohn von Hauseigentümer D., Günter, 19 Jahre alt, fütterte täglich die Kaninchen und ich durfte manchmal mit dabei sein. Sie bekamen ungeschälte, gekochte Kartoffeln, die noch warm waren und mit der Hand zerdrückt wurden. Dann kam etwas Schrot darunter – es roch unheimlich gut und verlockend. Die Kaninchen schnupperten mit ihren rosa Näschen und mummelten vor sich hin. Auch rohe Möhren bekamen sie. Einmal trieb mich der Hunger soweit, dass ich mir scheinbar unbemerkt eine von den Möhren stahl, sie in mein Spielhöschen steckte, und aus den Näpfen naschte ich von den duftenden Kartoffeln. Wie sehr war ich erschrocken, als eine derbe Hand mich bei den Zöpfen riss, mir der Boden unter den Füßen verlorenging, und bald steckte ich, den Kopf zuunterst, so fest zwischen Günters Knien, dass ich glaubte, die Luft bleibe mir aus. Auch die Möhre in meiner Spielhose wurde entdeckt. Bald spürte ich Günters derbe Hand auf dem nackten Gesäß. Dann wurde ich unsanft auf die Beine gestellt, gerüttelt und geschüttelt. Ich begann zu weinen und zu bitten, zu gestehen und zu versprechen, dass ich solches nie mehr tun wolle. Günter hielt mich an einem Ohrläppchen fest, bückte sich zum Boden, las zwei Ameisen auf und steckte sie mir hinter den Gummizug in die Hose. Dann ließ er mich aus. Ich rannte, was ich konnte, schlug an die Wohnungstür, bis Großmutter mir öffnete. Zu all dem soeben Erlebten begann nun noch ein schmerzhaftes Brennen und Beißen an einer weiß Gott heiklen Stelle. Großmutter setzte mich sofort in eine Blechwanne mit kaltem Wasser und suchte mich zu trösten.
„Ich will nie wieder Hunger haben, Omi, nie wieder…“.
Doch Großmutter nahm meinen Kopf in ihre Arme und sagte:
„Christerle, wir alle miteinander werden noch oft Hunger haben. Du hast doch nichts Böses getan.“
Und ich weinte meine ganze Verzweiflung bei ihr aus. Von dem Tag an ging ich dem Günter D. recht aufmerksam aus dem Weg.
Meine Tante hörte später davon und hat sich bei D.‘s energisch über das Verhalten ihres Sohnes beschwert. Aber da gab es für uns kaum eine Chance. Meiner Tante hat man kaum widersprochen, wolle mit dem Sohn ein ernsthaftes Wort reden. Doch die eigentlichen Auswirkungen davon bekam ich dann unvermittelt immer wieder lange zu spüren.
Waren die Hauswände am Hof mit Kreide bemalt – dann konnte es ja nur ich gewesen sein. Die Bezeichnung „Flüchtlingsgesindel“ und „Judenbalg“ haftete mir an wie der Geruch von Pech und Schwefel. Mit einer Wurzelbürste schrubbte ich dann die Wände sauber, innerlich verbissen, und Gedanken wuchsen in mir heran: ‚Wartet nur, einmal werde auch ich groß sein.‘...
Zwei, drei Jahre später pflanzten D.‘s einen Pfirsichbaum direkt im Garten unter unserem Badezimmerfenster. Bald reiften herrliche, goldgelbe Früchte daran. Eines Abends, als es dunkel wurde, kletterte ich aus dem Badezimmerfenster, pflückte Pfirsich um Pfirsich von dem Bäumchen und aß die geernteten Früchte an Ort und Stelle auf. Die Kerne vergrub ich in der Erde.
Das war ein Aufsehen am anderen Tag! Herr und Frau D. waren grillig und böse. Sie schimpften laut, schöpften gegen mich jedoch keinen Verdacht. Das Bäumchen hatte nie wieder Blüten und Früchte getragen. Es war ein prächtiger innerer Sieg, den ich davonzutragen spürte. Es belastete nicht einmal mein Gewissen und ich brachte es auch fertig, diese Tat meiner Großmutter zu verschweigen. Selbst heute mutet es mich noch wie eine Genugtuung an.
Sehr viele Jahre später sagte ich meiner Großmutter und meiner Tante davon. Da waren alle der Meinung: „Das war ganz richtig!“ – Es mag nicht ganz richtig gewesen sein... Doch irgendwo konnte es mir als gerechtfertigt erscheinen.
Wenn von den Feldern geerntet war, gingen Großmutter und ich zum Stoppeln. Bis nach Knauthain fuhren wir mit der Straßenbahn Linie 5, dann gingen wir noch gute sieben Kilometer zu Fuß bis nach Reebach. Großmutter hatte zwei Säcke aneinandergenäht und an dem untersten Traggurte befestigt. So trug sie diesen Sack wie einen hochaufgetürmten Rucksack, wenn er voll war. Die Stoppeln auf den Feldern piekten an den Fußsohlen. Großmutter zeigte mir, wie man mit den Füßen rutschen musste, dann knickten die Stoppeln um und stachen nicht mehr. Von früh am Morgen bis oft spät in die Nacht hinein klaubten wir die Ähren zusammen. Manchmal fanden wir ein paar Rüben oder Kartoffeln, manchmal pflückten wir von den Ästen eines Apfelbaumes ein paar Früchte. Wenn am Feldrain die Kamille blühte, zupften wir die strahlenförmig weißen, in der Mitte gelben Blüten ab, die wie ergeben herabhingen. Der Duft des würzigen Krautes lebte noch lang in der Erinnerung, wenn die Blüten nach dem Trocknen von dem ausgebreiteten Papier auf dem Balkon dann in Gläsern oder Blechdosen aufbewahrt wurden, und wenn es dann an kalten Wintertagen nach Kamille roch, der daraus gebraute Tee wohltuend schmeckte. Auf dem Weg zurück zur Straßenbahn war ich meist sehr müde, kaum dass die Füße mich noch trugen. Dann nahm mich Großmutter zwischen ihrem Rücken und dem Sack noch huckepack, und bald schlief ich fest während des restlichen Weges. Was hat die gute Frau sich doch geschunden...
Einmal kamen wir auf einem solchen Heimweg an einem Pflaumenbaum vorbei, der trug verlockende Früchte und stand am Feldrain. Großmutter stellte den vollen, großen Sack an den Stamm des Baumes und streckte sich, so gut es ging, zu den Ästen hinauf. Sie waren sehr hoch und manchmal hüpfte sie dabei, bis sie endlich einen Ast zu halten bekam. Ein paar Pflaumen wurden gepflückt, ich las die heruntergefallenen auf und steckte sie oben in den Sack. Dann hörten wir plötzlich ein böses Gebell. Ein Bauer kam drohend mit einem Holzknüppel in der Hand gelaufen, aus der Ferne sah man den Schatten eines großen Hundes an einer Leine. Großmutter packte schnell den Sack, huckte ihn auf, nahm mich bei der Hand und wir liefen was wir konnten.
In der Straßenbahn fanden wir einen Sitzplatz. Wir waren erschöpft. Am „Adler“ stiegen wir aus. Knapp zwei Kilometer waren noch bis zur Rochlitzstraße zu laufen.
Wie erleichtert waren die Gefühle beim Anblick des Hauses, in dem wir wohnten. Oma suchte in ihrer Kleidertasche nach dem Schlüssel. Aber da war keiner zu finden. Nun wurde in dem Sack geschaut. Auch dort war nichts. Wir hatten die böse Ahnung, den Schlüssel, der immer in einer roten Tüte steckte, verloren zu haben ... und immer mehr erhärtete sich der Verdacht. Und so müde waren wir beide.
„Jessusmariandjosef, Kinderle, jetzt haben wir den Schlüssel verloren. Und meine Ausweispapiere dazu. Christerle komm, wir müssen den Schlüssel suchen gehn. Tu schön schaun, vielleicht haben wir ihn auf dem letzten Stückerle verloren. Hilf Gott, dass wir ihn finden.“
So machten wir uns mitten in der Nacht auf den Weg. Den vollen Sack mussten wir natürlich mitnehmen. In ihm war unser mühsam erstoppeltes Brot für viele Tage.
Auf dem Weg bis zum „Adler“ suchten wir uns die Augen aus. Nun ging es eine lange Steigung der Straße hinan, das war besonders mühsam. Wenn ich Großmutter von hinten gehen sah, sah ich von ihr nur die Beine und den Saum ihres Kleides. Alles andere war durch die Umrisse des Sackes verdeckt. Doch ich fühlte nichts Groteskes dabei. Es war unser Reichtum, den wir besaßen. Den wir bitter nötig hatten, um den wir Gott dankten.
Jedes Stück Papier hob ich auf und sah darunter, und wenn etwas rot schimmerte, flackerte eine wehe Hoffnung auf. Doch bittere Enttäuschung trieb uns weiter. An der Haltestelle stiegen wir wieder in die Linie 5 und fuhren bis nach Knauthain. Von dort aus ging der mühevolle Weg die ganzen Kilometer zurück, die um ein Vielfaches nun weiter erschienen. Vollmond war, der Himmel war klar. So sah man sich wieder die Augen aus dem Kopf, drehte herumliegendes Papier um, war bald ganz mutlos und verzweifelt. Großmutters Stimme klang, als weine sie. Aber ihre Augen waren trocken, traurig und doch so lieb...
Ich grübelte verzweifelt danach, was außer der Suche hätte geschehen können. Mir fiel ein, dass Großmutter immer, wenn sie etwas suchte, ein Stoßgebet zum heiligen Antonius schickte. Das sei der Schutzpatron der Schlamprianer, so konnte ich mich an ihre Worte erinnern. Ich war müde und mutlos. In Gedanken aber versuchte ich ein herzinnigliches Gebet:
„Heiliger Antonius! Hilf uns! Lass uns die rote Tüte finden!“
Ich weiß nicht, warum ich es tat, Großmutter erzählte es später oft, wenn über diese Zeit gesprochen wurde:
„Mein Christerle sauste mir plötzlich davon, rannte zu dem Pflaumenbaum, und wie ich hinkam, hüpfte sie voller Freude und hielt die rote Tüte mit dem Schlüssel und den Papieren in der Hand!“
Aber dann weiß ich nur noch, wie mich Großmutter wieder huckepack nahm... Ich sah den hellen, silbernen Mond an, die Sterne... und meine Augen fielen zu. Ich erwachte nur ganz schwach, als ich ins Bett gelegt wurde, als Großmutter mir wie allabendlich ein Kreuz auf Stirn, Lippen und Brust zeichnete.
* * *
Mit der ersten Erinnerung meines Daseins ist unauslöschlich ein Gesicht verbunden, das unentwegt aus so treuen Augen zu mir sprach, von dessen Lippen ich so manches Lächeln für mich habe ablesen können, aus dessen Mund so wenig Worte gesprochen wurden. Doch war damit genug gesagt zu mir, in einer Zeit, die für alle bitter und schwer zu durchstehen war. An das feine, schwarze, schon etwas schütter gewordene Haar erinnere ich mich, das im Nacken mit einem Kamm zusammengesteckt war, in dem so gern meine Kinderhände spielten, wenn es in sanften Wellen auf die Schultern herabhing. Ich erinnere mich an Hände, die rau und rissig von schwerer Arbeit waren, deren Liebkosung so unendlich beruhigte. Und manchmal meine ich, noch heute den schlurfenden Schritt zu hören, der immer der gleiche blieb und dessen Vernahme immer eine Hoffnung zu befriedigen schien.
Das ist schon lange, sehr lange her. Es war dies meine Welt, in der ich leben durfte. Wurde ich, unwissend eines Grundes, von den Höfen gejagt, in die es mich zog und trieb, weil dort Kinder spielten, die so alt wie ich oder älter waren, dann fand ich unter den Blicken Trost, die mir sagten: ‚Ich hab dich lieb‘, und gleich einem Küken unter den Fittichen seiner Mutter bedeutete es mir mein Daheim. Was verstand ich schon von den Worten „Flüchtlingsgesindel“, „Zigeunerbrut“ oder „Judenbalg“, die für mich zu einem Routinevokabular geworden waren? Verstanden habe ich nichts davon. Nur die Auswirkungen bekam ich zu spüren, dass ich ungeliebt sei und möglichst verschwinden solle. Beliebt war ich schon, wenn es darum ging, den lästig winselnden Dackel des Nachbarn auszuführen, das bestellte Brot beim Bäcker Wagner für die Dame im ersten Stock abzuholen, den Korridor des Hauswirtes wischen zu helfen oder zu allgemeiner Belustigung kleine Lieder aus dem „Vogelhändler“, dem „Bettelstudent“ oder auch das „Ave Maria“ von Schubert zu singen. Gelobt wurde ich, wie fein ich die Präludien von Bach, die Sonatinen von Clementi, die Schule der Geläufigkeit von Czerny oder den ersten Satz aus Beethovens „Mondscheinsonate“ spielte. Nur von den Höfen hatte ich mich zu scheren, anständige Kinder in Ruhe zu lassen, von den überhängenden Kirschbäumen nicht zu naschen und überhaupt stets lauter und deutlicher zu grüßen. Vor allem sollte ich nicht alle Leute immer so herausfordernd ansehen.
Wie froh und befreit war ich doch jedes Mal, wenn ich die Blicke meiner Großmutter erwidern, ihre harten, derben Hände mit meinen viel kleineren und weichen umfassen durfte. Wenn ich in ihrem Haar kämmen und flechten durfte, wenn ich dabei ihren so braven und schönen Gedichten und Geschichten zuhören konnte. Von den zwei kleinen Fensterlein, die in einem großen Haus waren und aus denen eine Welt hinausblickte und eine hinein, an denen stets ein Maler saß, der seine Kunst genau verstand, an dem sich Perlen zeigten, wenn der Herr des Hauses betrübt war, die licht und hell wurden, wenn die Sonne schien, die brachen, als des Hauses Herr zur Ruh ging. Oder vom Bauern, seinen drei Söhnen und dem Esel, der als einziges Vermächtnis dem Geiz zum Opfer fiel. Von der Form der Glocke, die festgemauert in der Erde stand; vom Vöglein, das an das Fenster pickte, weil es draußen sonst erfroren wäre; vom Zöllner, dem braven Mann; vom Totengräber, bei dem es anklopfte; von den Kätzchen und den fünf Stricknadeln. Es waren so viele Geschichten und Gedichte, die ich so gern immer wieder hörte.
Zweimal sei meine Großmutter als junges Mädchen „Maienkönigin“ geworden, weil sie so gut zu rezitieren verstand. Und während all der anderen Zeit im Jahr musste sie hart auf dem Feld mitarbeiten. Ihr Vater hatte den Hof nach einem Theologiestudium übernommen, nachdem sein jüngster Bruder durch einen Unglücksfall ums Leben kam; ein anderer Bruder wurde Stadtbaurat von Wien, ein dritter war erster Konzertmeister in Prag. Die Mutter meiner Großmutter, deren Vorname Agnes mich unerklärlicherweise immer mit Ehrfurcht erfüllte, habe vortrefflich die Orgel gespielt, sei aber sehr frühzeitig verstorben.
Ackerbau und Viehzucht, das war die Welt meiner Großmutter, die in ihr lebte, trotz jahrelanger Großstadtzugehörigkeit. Ob es die Blumen in den Kästen auf dem Balkon waren oder irgendwelche Pflänzchen am Ackerrain während eines Spazierganges – stets erlebte ich sie dabei freudig und wie selten nur gesprächig. Sie war eine sehr liebe Frau, der ich es allein wohl nur zu verdanken habe, dass mein Wesen nicht ganz gestorben ist in der Umgebung, in der ich zu leben hatte...
* * *
Es gab scheinbar einen Grund, warum wir irgendwie verhasst waren. Zum einen waren wir keine „Einheimischen“, wurden in den Nachkriegswirren vertrieben und sind 1946 nach Sachsen gelangt, konnten nicht mehr in unsere Heimat nach Böhmen zurück. Zum anderen waren wir mittellos. Das wiederum war kein Einzelfall, auch „Einheimische“ waren dies.
Das Paradoxe unserer Zeit war, dass wir bereits unter dem vorausgegangenen Regime der Nationalsozialistischen Diktatur zu leiden hatten. Gewiss, in meiner Familie waren wir Deutsche seit vielen Generationen. Für Hitlers Schergen jedoch hatten wir uns der „Rassenschande“ schuldig gemacht. Nach dem Nürnberger Rassengesetz galt ich als „Mischling zweiten Grades“, da mein Vater aus einer jüdischen Mischehe hervorging. Sein Vater – also mein Großvater – konvertierte zwar als junger Mann zum katholischen Glauben, das machte ihn aber nicht „arisch“.
Der Wahnsinn in Hitlerdeutschland griff weit um sich und fasste ebenso in Böhmen Fuß. Auch wenn ich daran keinerlei Erinnerung haben kann: das irrsinnige „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes“ hinderte nicht nur meine Mutter und meinen Vater daran, eine Ehe miteinander einzugehen, es löste auch meine Verfolgung aus, obwohl ich gerade erst das Licht der Welt erblickt hatte und mir nun wirklich keiner Schuld bewusst sein konnte. Als es aktenkundig wurde, dass ich zu „Säuglingsversuchen“ nach Theresienstadt verschleppt werden sollte, handelten meine Mutter und meine Tante entsprechend schnell und versteckten mich so gut es ging. Erfolgreich jedenfalls.
Meiner Mutter setzte man bitter zu. Man hängte ihr ein großes Schild um den Hals, auf dem geschrieben stand: „Ich bin nicht wert, eine Deutsche zu sein, denn ich habe mich mit einem Juden eingelassen“. Das genügte um zu bewirken, dass gaffende Menschen ihren Weg – ja, ihren Kreuzweg! – auf dem stattlichen Leitmeritzer Marktplatz säumten, Menschen, mit denen sie bisher ausschließlich freundschaftlich verkehrte, die es nicht beim Gaffen allein beließen, die sie zum Zeichen ihrer Verachtung nun anspuckten und verhöhnten.
Das ist nur ein winzig kleiner Ausschnitt aus der damaligen Szene. Geschehen war viel, viel mehr…
Geschehen war auch nach dem Tag der Befreiung durch die Russische Rote Armee – es war ein Maientag im Jahre 1945 – dass meine liebe, gute Mutter, damals gerade mal eben 19 Jahre jung, eine weiße Binde als Zwangskennzeichen an ihrem Arm tragen musste. Eine weiße Binde als sichtbaren Hinweis dafür, dass sie eine Deutsche war. Und nicht nur das. Zur „Wiedergutmachung an den Naziverbrechen“ wurden ihr sämtliche Haare vom Kopf geschoren, ein Russischer Kommandant schlug ihr eigenhändig mit seinem Gewehrkolben die vorderen Schneidezähne aus.
Und nun setzt mein Erinnerungsvermögen flashartig ein: ich erinnere mich an eine rötliche Perücke, an rötliche längere und gewellte Haare, die auf ein lilafarbenes, etwa zwei Zentimeter breites Band aufgesteppt waren. Das Band wurde im Nacken gebunden. Es handelte sich hierbei um eine einfache Perücke, die meine Mutter noch lange trug.
Sie trug sie auch während ihrer Bühnenauftritte. Ich erinnere mich daran, wie sie temperamentvoll „die Julischka, die Julischka aus Budabudapescht“ in der Operette „Maske in Blau“ sang, dabei auch auf einem Tisch tanzte und einige Pirouetten drehte, wie bei all ihrer Lebhaftigkeit und originellen Darbietung diese rötliche Perücke mehr und mehr verrutschte und von meiner Mutter nur noch die Hälfte des Gesichtes zu sehen war. Und das ganz öffentlich und vor belustigtem Publikum. Sehr gut erinnere ich mich an diese Episode (von denen es noch viele gab!).
Meine Tante, die drei Jahre älter als meine Mutter war, hatte in diesen Tagen ein anderes Schicksal erfahren. Als „zwangsgekennzeichnete“ Deutsche wurde sie von den Befreiern der Roten Armee zur Wiedergutmachung der Naziverbrechen in ein Konzentrationslager verbracht, in dem sie mit bloßen Händen Leichen ausgraben, diese waschen und neu bekleiden musste.
Als sie sich einer Vergewaltigung durch den Russischen Kommandanten zu widersetzen trachtete, hielt ihr dieser seine entsicherte Pistole an den Kopf. Gezwungenermaßen ergab sie sich ihrem Schicksal, nutzte dann jedoch die erst beste Gelegenheit, durch den Stacheldraht, der das Lager umgab, zu fliehen.
Noch in der Nacht ihrer Lagerflucht suchte sie uns, ihre Familie, in der Alten Brückengasse 9 in Leitmeritz auf.
„Jessus ne, ganz blutverschmiert und zerrissen vom Stacheldraht stand die Traudl plötzlich vor der Tür“ – erinnerte sich meine Großmutter oft in ihrem Podiviner Dialekt.
Tante übernahm dann weitgehend die Regie in der Familie. Meine Großmutter war Witwe, hatte ihren Mann bereits sieben Jahre zuvor durch ein böses Magenleiden verloren.
Tante war in allem stets sehr besonnen. Auch kurze Zeit später, als sie ihre Mutter, meine so gute Großmutter, aus dem Leitmeritzer Gefängnis herausholte, in dem sie unschuldig eingekerkert war. Nachbarn hatten im Keller unseres Hauses heimlich eine deutsche Uniform versteckt, doch davon wussten wir nichts. Zudem wurde ein Florett im Haus gefunden, das meiner Tante gehörte. Sie hatte während ihrer Studentenzeit am Prager Konservatorium diesen Sport betrieben. Obwohl es sich um eine stumpfe Fechtwaffe mit einer Knospenspitze handelte, wurde sie als Waffe schlechthin deklariert, meine Großmutter dafür bestraft. Sie wurde kurzerhand ins Gefängnis gesteckt. Der Tante gelang ihre Freilassung durch einen kühnen Streich, der bühnenreif und fast für eine Humoreske geeignet wäre, doch geschah dies alles ja unter wirklicher Lebensgefahr. Das Ganze war nun mal kein Spiel.
Bald wurde es immer offensichtlicher, dass für die deutschen Bewohner in der Stadt und ihrer Umgebung ein Verbleib in der Heimat immer unsicherer wurde. So flohen die beiden Schwestern bei Nacht und Nebel aus Leitmeritz, gingen sozusagen „schwarz über die Grenze“, um Vorsorge „im Reich“ (wie es hieß) zu schaffen, für meine Großmutter und mich. Sie wollten sich bis nach Leipzig durchschlagen. Noch geschah dies im Jahre 1945 und keineswegs kopflos. Durch Theaterkollegen hörten sie vom dortigen Operettentheater. Beide, meine Mutter als Tänzerin und meine Tante als Sängerin, bekamen hier ein Engagement.
Zu dieser Zeit befand sich in Leipzig nach den letzten großen Bombenangriffen die 69. Infanteriedivision der 1. US-Armee. Noch im gleichen Jahr wurde das Gebiet den Russischen Besatzern überlassen, im Austausch mit dem Berliner Sektor.1 Somit gehörte Leipzig 1946, als meine Großmutter mit mir auf den Flüchtlingstransport geschickt wurde, der „Sowjetischen Besatzungszone“ an, wie es zu dieser Zeit hieß. Erst am 7. Oktober 1949 trat die Verfassung der DDR in Kraft.
* * *
Und wieder waren Jahre vergangen, in denen ich vorwiegend mit meiner Großmutter allein beisammen war. Meine Mutter war durch die Russischen Besatzer zu harter Arbeit nach Wismut/Aue zwangsverpflichtet worden. Viele aus dem Theater wurden zwangsverpflichtet, sie sollten „arbeiten lernen“, wie ein russischer Kommandant meinte.
1 Für den geschichtsinteressierten Leser: „Entsprechend der Erklärung von Jalta zogen die USA und Großbritannien ihre Truppen in der Zeit vom 1. bis 4. Juli aus den als SBZ (Sowjetische Besatzungszone) bestimmten Gebieten ab (westliches Mecklenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, westliches Sachsen) und rückten im Gegenzug in die für sie reservierten Westsektoren Berlins ein.“ (zitiert aus Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetische_Besatzungszone)
Mutter arbeitete im Uranbergbau als Radiometristin, war untertage tätig. Von Strahlenschutz wusste niemand etwas, es gab ihn auch gar nicht. Bald traten erste gesundheitliche Beschwerden auf. Von Oberschlema und Schneeberg hörte ich sie oft erzählen. Von einem Stückchen Erz, das Uran-Pechblende hieß, das sie bei sich in der Jackentasche trug, weil es hübsch aussah, das ihr der Obersteiger voller Besorgnis und wohl auch zum Glück wieder abgenommen hatte. Sie wusste nicht, dass hiervon eine gefährliche Strahlung ausging, die ihre zunehmende Müdigkeit wohl erklärte. Später hatte sie in Zwickau ein kleines Zimmer zur Miete. Dorthin nahm sie mich einmal auf Besuch mit.
Oh, wie ich mich heute noch daran erinnere! Auf einem ovalen, kleinen Tischchen stand eine Glasschale auf einem gemaserten Holzuntersatz. Sie war ebenso von einem gemaserten Holzdeckel bedeckt, den ein schwarz lackierter Knopf zierte. In dem niederen Glasbehälter waren wunderschöne Bonbons! Sie waren zu kleinen Zylindern geformt, die im Innern entweder eine Kirsche mit einem Blatt oder einen Ball oder einen bunten Würfel oder ein Kasperle als kleine Intarsie in einer weißen Zuckermasse zeigten. Außen waren sie bunt gefärbt. Ein Zuckerwerk, das ich einfach liebte! Eigens für mich hatte mir die Mutti das Schüsselchen mit den Bonbons bereit gestellt, und vor dem Tischlein stand ein Hocker, auf dem ich Platz nehmen konnte. Noch heute denke ich gern an diese Momente zurück…
Für meine Mutter endete diese Arbeit bei der Wismut, nachdem sie drei Tage lang nach einem Grubenunglück verschüttet war und sich dann später noch in ungelöschtem Kalk eine böse Verletzung der Sehne an einem Fuß zugezogen hatte. Sie wurde entlassen und kehrte zu uns nach Hause zurück.
Aufgrund der Sehnenverletzung am Fuß war es ihr nun nicht mehr möglich, ihrem geliebten Beruf als Tänzerin nachzugehen. Sie gab jedoch nicht auf. Zunächst übernahm sie am Operettentheater das Fach der Soubrette, schlüpfte in die Rolle der komischen Alten und stellte wenige Zeit später ihr Wissen und Können als Ballettmeisterin zur Verfügung. Der Zirkus Aeros hatte auf der Grundfläche des ehemaligen und im Krieg zerstörten Kristallpalastes eine feste Stätte errichtet. Hier bekam sie ein Engagement als Choreographin für die Revuetänze des Varietés. Ich war jedes Mal stolz darauf, wenn ich Plakate an den Litfaßsäulen entdeckte, auf denen auch Mutter abgebildet war, wenn Leute lobend von ihr sprachen.
Zunehmend bekam meine Mutter ernstere gesundheitliche Probleme, die immer rätselhafter und schließlich ganz unerklärbar wurden. Ein Hausarzt, den wir schon über Jahre hinweg aufsuchten, hatte dann zu einer entsprechenden Diagnose gefunden. Es war unvermeidbar, dass sich meine Mutter einer Unterleibsoperation unterzog. Ihr wurde die Gebärmutter entfernt, auch einer ihrer Eierstöcke. Ob daran maßgeblich die Zwangsarbeit bei der Wismut im Uranbergbau schuld war, dem war niemand nachgegangen. Nach heutigen Erkenntnissen müsste vielleicht davon ausgegangen werden. Immerhin war meine Mutter ungeschützt einer ständigen radioaktiven Strahlung als Radiometristin ausgesetzt. Sie war eine junge, gesunde Frau. Es gab keinerlei Anhaltspunkte für gesundheitliche Leiden oder Gebrechen familiärer Art. Zur Folge hatte das Ganze, dass neben einer lebenseinschneidenden, gravierenden Umstellung jetzt auch ihr beruflicher Alltag litt.
Ich weiß nicht, wie es dazu kam. Meiner Mutter wurde eine Stelle als Aushilfskraft in einem Kinderheim angeboten, in Kölpingsee, auf der Insel Usedom. Sie nahm an einer hausinternen Schulung teil, absolvierte eine Prüfung zur „Erzieherin“. Sie war jetzt für die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen im kulturellen und künstlerischen Bereich zuständig.
Für uns daheim war das ein erfreuliches Ereignis, denn es ging uns finanziell noch immer nicht so gut. Trotzdem schmeckte deutlich ein Wermutstropfen hervor, denn wiederum bedeutete dies, für längere Zeit voneinander getrennt zu sein.
Über das Schicksal meines Vaters erfuhren wir lange nichts. Erst in den 1950-er Jahren sickerten konkretere Angaben – eigentlich waren es eher Gerüchte – über ihn durch. In jedem Falle lebte er weiterhin im Hause seines Vaters, meines Großvaters, den ich nie kennenlernte. Er war als jüdischer Arzt der „Endlösung“ zum Opfer gefallen. Von einem Hausbesuch auf dem Land war er eines Abends zurückgekommen, als er von der Gestapo noch auf der Straße und unmittelbar vor seinem Haus ergriffen wurde. Über Theresienstadt kam er auf einen Transport nach Auschwitz, von dort kehrte er nie mehr zurück. Jemand, der mit der Familie meines Vaters befreundet war und Auschwitz überlebt hatte, berichtete davon, dass der Weg meines Großvaters in eine der Gaskammern führte.
Mein Vater war seit seinem 28. Lebensjahr durch Kinderlähmung an beiden Beinen gelähmt, lag zuvor ein halbes Jahr lang in einer „eisernen Lunge“, da auch seine Atemmuskulatur von der Lähmung betroffen war. Dann besserte sich sein Zustand, die Beine blieben jedoch von den Hüften an gelähmt. Als meine Mutter ihn kennen und lieben lernte, bewegte er sich mittels eines Rollstuhls. Vor seiner Erkrankung war er ein sehr aktiver und durchtrainierter Sportler, konnte sich dadurch trotz seiner Behinderung recht gut mit wenigen Hilfsmitteln fortbewegen. Auf fremde Hilfe blieb er jedoch Zeit seines Lebens angewiesen. Es war seine Mutter, die sich ausschließlich seiner Betreuung annahm.
Er war Diplomingenieur für Hoch- und Tiefbau, genoss zuletzt als Statiker einen besonderen Ruf, was sein Schicksal in gewisser Weise „besiegelte“. Denn er bekam als Statiker einen Aufgabenbereich zugewiesen, zu dem ihn der polizeiliche und geheimdienstliche Apparat in der Tschechoslowakei (der sogenannte „Sbor národní bezpecnosti“ oder kurz „SNB“) nach Kriegsende verpflichtete, galt jetzt als „Geheimnisträger“ – was auch immer das bedeutete.
Jedenfalls wurde ihm durch die tschechische Geheimpolizei absoluter Hausarrest erteilt, … und das galt bis zu seinem rätselhaften Tode (1966). Alle Versuche,
