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»Was also hast du im Krieg gemacht?« März 1945. Die Rote Armee rückt täglich näher an Berlin heran. Angst und Ver zweifllung grassieren unter der Zivilbevölkerung. Gibt es eine Möglichkeit, zu entkommen? Die Eltern von Roswitha Quadflieg trennen sich. Die Mutter flieht mit zwei Kindern in ihre Heimat Schweden. Der Vater, einer der berühmtesten Schau spieler seiner Zeit, zieht weiter durchs Land, rezitiert Gedichte vor Soldaten der Wehrmacht und fängt an, ein Tagebuch für seine Frau zu schreiben. Als ihre Mutter stirbt, findet Roswitha Quadflieg das Tagebuch zusammen mit zahlreichen Briefen des Vaters. Diese Dokumente zeugen nicht nur von Flucht, Angst, Liebe und der Behauptung einer richtigen deutschen Kultur. Sondern auch von Schuld, falscher Sprache, Lüge und Selbstlüge. Roswitha Quadflieg rekonstruiert 103 Tage im Leben ihres Vaters und konfrontiert ihn posthum damit. Eine beeindruckende Beweisaufnahme, ein erhellendes Zwiegespräch.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2025
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WillQuadfliegMitteder 40erJahre
WILL UNDROSWITHAQUADFLIEG
Das Tagebuch eines Schauspielers
aus den Jahren 1945/46
und die Fragen seiner Tochter
Mit zahlreichen Abbildungen
kanon verlag
ISBN 978-3-98568-171-6
eISBN 978-3-98568-172-3
1. Auflage 2025
© Kanon Verlag Berlin GmbH, 2025
Belziger Straße 35, 10823 Berlin
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Covergestaltung: heilmeyerundsernau.com
Herstellung: Daniel Klotz / Die Lettertypen
Lektorat: Sabine Franke, Leipzig
Satz und Karte: Ingo Neumann / boldfish
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
Printed in Germany
www.kanon-verlag.de
Die Umzugskiste »Briefe & Kurioses«
Das Tagebuch
Zeittafel
Anmerkungen
Endnoten
Abbildungsnachweise
Namensregister
Dank
Will und Roswitha Quadflieg
»Ich will lieber schweigen«
Ansonsten ist es überall am schlimmsten – ja,vielleicht.
Stig Dagerman 1946 in Deutscher Herbst
Wahrscheinlich gibt es das in jedem Nachlass: zwischen allerlei Krempel eine ominöse Kiste, bei der man sofort spürt, dass sie ein Geheimnis birgt. So erging es auch mir beim Sichten des Nachlasses meiner Mutter Benita Quadflieg-v.Vegesack, als sie im Sommer 2011 94-jährig in Hamburg gestorben war. In ihrem Keller stieß ich auf so eine mit »Briefe & Kurioses« beschriftete Kiste, warf einen kurzen Blick hinein, bemerkte auf den kleinen, mit mürbe gewordenen Bändern zusammengehaltenen Briefbündeln die Handschrift meines Vaters – und nahm das »Erbstück« an mich.
Im Frühjahr 2012 zog die Kiste mit mir nach Berlin und wurde auch hier zunächst im Keller verstaut. Erst neun Jahre später, im langen Corona-Winter 2021/22, kam sie »ans Licht« – der Autor und Radioregisseur Jean-Claude Kuner und ich wollten prüfen, ob sich aus dem Inhalt vielleicht ein Feature machen ließe.
Was fanden wir? 476 Briefe meines Vaters, geschrieben vom Januar 1934 bis September 1946 an seine zunächst ferne Geliebte, das schwedische Mädchen Benita Posse-v. Vegesack, das er 1933 auf Capri kennengelernt hatte, ab 1940 seine Frau. Manchmal bis zu acht Seiten lange Briefe. Leider stießen wir auf nur sechs Briefe von ihrer Hand, geschrieben an ihren Ehemann in den Jahren 1941 – 1944, als sie längst Studentin der Medizin an der Berliner Charité und Mutter von zwei Kindern war. Zu gern hätte ich Briefe von ihr aus der frühen Zeit gelesen. Wie drückte sie sich aus, wie reagierte sie auf Wills überschäumende Wortergüsse? Deutsch war ja zunächst eine Fremdsprache für sie. Aber nichts zu machen.
Was gab es noch in der Kiste? Einen kleinen Stapel Briefe von Benitas Mutter, Gräfin Märtha Posse (auf Schwedisch), ein paar Briefe von Absendern, die ich nicht zuordnen konnte, und all das, was sie als »Kurioses« bezeichnet hatte: Schulzeugnisse, Dauerkarten für römische Museen, Strandfotos von Capri, Heirats- und Geburtsurkunden, Adelskalender, Ehefähigkeits- und Ariernachweise, Benitas Studienunterlagen, vergilbte Fotos von baltischen und schwedischen Gutshäusern, Programm-Zettel von Berliner, Lübecker und Hamburger Theatern, Autogramm- und Eintrittskarten. Und ja, zwischen all dem steckte auch das kleine Tagebuch meines Vaters. Eine kleine Sensation!
Fast eine Parallele zum Auffinden von Samuel Becketts German Diaries 1936/37, die sein Neffe Edward nach dem Tod des Onkels 1989 überraschend im Keller der Pariser Wohnung entdeckte, und deren Hamburg-Kapitel ich 2003 als Erstausgabe in meiner Raamin-Presse in limitierter Auflage und mit meinen Bildern drucken durfte.1
Jean-Claude und ich machten uns zunächst jedoch an die Briefe, teilten sie nach Jahrgängen auf, lasen uns kurze Passagen daraus vor, erstellten ein Daten- und Themen-Register, transkribierten einzelne Absätze. Wochen vergingen, bis klar war, dass die für ein Feature unerlässliche zweite Stimme fehlte und dass Jean-Claudes Erwartungen bezüglich Aussagen über Theater und Politik nicht aufgingen. So zog er weiter in ein anderes Projekt – und ich nahm das kleine Tagebuch zur Hand.
Ein nur DIN-A6-großes, in schwarzes, geprägtes Leder gebundenes Notizbuch mit Goldschnitt. Im Anhang ein Telefonnummern-Register. Abgegriffen, klar, aber insgesamt erstaunlich gut erhalten. Begonnen während der letzten Rezitationsreise meines Vaters vor Kriegsende, am 19. März 1945 in Göttingen, beendet am 21. September 1946 in Hamburg – Benita gewidmet und ihr am 21. November 1946, ihrem 29. Geburtstag, überreicht. Ein langer Liebesbrief, wie ich nach und nach feststellte.
Berlin im Frühjahr 1945: Täglich rückt die Rote Armee näher heran. Durch Luftangriffe ist die Stadt bereits zu großen Teilen zerstört. Der Not gehorchend entschließen sich meine Eltern zu einer Trennung auf Zeit. Für Benita eröffnet sich die Möglichkeit, mit ihren 1940 und 42 geborenen Kindern Isolde und Lars-Michael – und hochschwanger mit dem dritten Kind – via Lübeck mit einem Flüchtlingstransport des Schwedischen Roten Kreuzes in ihre Heimat Schweden zu fliehen. 1940 war sie durch die Heirat deutsche Staatsbürgerin geworden und hätte das Land nicht mehr verlassen dürfen. Wie auch Will Quadflieg als Deutscher die Grenze nicht mehr passieren durfte. Anfang März verlässt Benita die Wohnung in der Reichsstraße 105 – und kehrt nie wieder dorthin zurück. Will besucht sie und die Kinder noch einmal in einem Zimmer unter dem Dach einer Lübecker Schule – wegen Erkrankung der Kinder verzögert sich das Weiterkommen –, muss Abschied nehmen, kauft sich dieses kleine Notizbuch und fängt an, Tagebuch für seine »Frau in der Ferne« zu führen.
Auf der Karte, die er beilegt, als er es ihr eineinhalb Jahre später überreicht, steht:
Meine geliebte Frau! Als du abgereist warst, begann ich dies Büchlein, und merkte langsam, dass ich an dich dachte, bei allem, was ich da so schrieb. – Nun sollst du es lesen wie es geschrieben wurde: so vor mich hin.
Auf die mir ab und zu gestellten Fragen, wann mein Vater wo gewesen sei und was er wo gemacht habe, wusste ich bis jetzt nur die von meiner Freundin Ursula Priess, der Tochter Max Frischs, geborgte Antwort zu geben, ich sei keine Will-Quadflieg-Spezialisten, nur seine Tochter. Eine enge Verbindung zwischen Vätern und Töchtern, zumal wenn es berühmte Väter sind, wünschen sich andere, die Wirklichkeit sieht anders aus. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich dreizehn war. Und bis jetzt, bis zum Auffinden des Tagebuchs, wusste ich über diesen Mann im Wesentlichen nur, was auch andere über ihn wissen, und auch kaum etwas darüber, was er während des Zweiten Weltkriegs »gemacht« hatte, oder in den ersten Monaten danach. Die große Frage, die die 68er-Generation in Deutschland ihren Vätern stellte, um sie im selben Atemzug als Täter zu verdammen, habe ich meinem Vater nie gestellt. Wir waren fünf Geschwister, bei uns gab es keine Tischgespräche, weder über Theater oder Politik noch über den Zweiten Weltkrieg. Mein Vater war sowieso meistens nicht zuhause. Als Kind sagten mir manche Städtenamen nur deshalb etwas, weil mein Vater während seiner jährlichen Tourneen dort auftrat und meine Mutter sie auf einer Deutschlandkarte mit Stecknadeln markierte, damit wir Kinder wussten, »wo Vati gerade ist«. Etliche Monate zog er mit seiner »Schauspieltruppe« (gegründet 1956 in Berlin mit Maria Becker und Robert Freitag) durchs Land. Die Sommer verbrachte er als Jedermann in Salzburg, den Rest des Jahres – unterbrochen von Ferien irgendwo im Süden – spielte er in Hamburg, wo seine Familie in einem dunkelroten Backsteinhaus im Stadtteil Blankenese zuhause war. Irgendwann einmal wollte er nett sein und fragte mich, welche Musik ich denn gern hörte, und als ich – vielleicht elfjährig – den Schlager »Charly Brown, das ist ein Clown«, den ich auf einer dieser kleinen Schallplatten besaß, auflegte (wir hatten nur einen Plattenspieler, und der stand im Wohnzimmer), zog er sich schnell zurück.
Wer war er denn nun, dieser Vater?
Er wurde als Friedrich Wilhelm Quadflieg am 15. September 1914 als ältestes von drei Kindern in Oberhausen geboren, lernte schon als kleiner Junge Gedichte auswendig, machte Abitur, wollte Schauspieler werden und wurde ein weltberühmter Schauspieler, der gemeinsam mit den großen Regisseuren seiner Zeit Theatergeschichte schrieb.
War es vielleicht sogar die Premiere am 21. April 1957? Wie auch immer, einmal nahm meine Mutter uns Kinder mit in die später legendär gewordene Faust-Inszenierung von Gustaf Gründgens am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Und ich sah meinen Vater, schräg von oben aus der Loge, mit ergrautem Haar, in der mit Glaskugeln – oder waren es Reagenzgläser? – ausgestatteten Kulisse des Studierzimmers, und hörte seine Stimme. Ich war acht. Ich war stolz. Ich habe es nie vergessen.
Mein Vater heiratete zweimal und bekam wie viele Kinder? Er wisse es nicht genau, beantwortete er meine diesbezüglich einmal gestellte Frage, als ich längst erwachsen war. Vielleicht sieben? In seiner bis 1963 »offiziellen Familie«, zu der ich gehöre, waren es fünf.
Unsere Mutter Benita wurde am 21. November 1917 in Växjö in Schweden geboren, zog 1937 zu meinem Vater nach Berlin, studierte Medizin an der Charité, brach ihr Studium nach der Geburt ihres zweiten Kindes 1942 ab und bekam noch drei weitere Kinder. Nach der Scheidung 1963 wurde sie Heilpädagogin und gründete in Hamburg ein eigenes Institut, das Haus Mignon (das es immer noch gibt).
Mein Vater trug gern breitkrempige schwarze Hüte. Seinen letzten Hut erbat ich mir nach seinem Tod 2003 als Erbstück, mein Bruder Christian holte ihn mir, und ich lief damit so lange »behütet« durch Hamburg, bis sein Testament eröffnet war, in dem er seinen Kindern jegliches Erbe absprach. Daraufhin versuchte ich, diesen Hut in meinem verwilderten Garten in Schenefeld, am Stadtrand Hamburgs, zu verbrennen. Ich wollte ihm nicht zu nahe treten! Aber ein Filzhut brennt nicht, wie ich feststellte, sondern produziert lediglich gigantische Rauchschwaden. Ehe die örtliche Feuerwehr anrückte, verbuddelte ich den Hut, ein paar Meter neben der Stelle, wo meine kleine graue Katze begraben war.
Also, er trug gern breitkrempige Hüte, weite Hosen und weite Mäntel, hatte einen auffallenden, leicht schlingernden Gang und diese Eigenart, beim Sprechen ständig seine Lippen mit der Zunge zu befeuchten. Eine kleine, durchaus besondere »Geste«, die einen, wenn man sie einmal entdeckt hatte, tatsächlich nerven konnte. Er liebte Frauen, nur eine einzige Kollegin, gestand er mir einmal kichernd, habe er nicht rumgekriegt (ihren Namen habe ich vergessen). Das waren Inhalte unserer Gespräche in den 1990er Jahren, als er wieder regelmäßig in Hamburg unter Jürgen Flimms Intendanz am Thalia Theater spielte und er mich manchmal mittags, nach der Probe, anrief und fragte, ob ich mit ihm essen gehen wolle. Meistens bei »Paolino«, unten an der Alster. Ich stellte meine Druckmaschine ab, sprühte die Farbe ein, damit sie nicht antrocknete, fuhr mit dem Auto in die Innenstadt und ging mit meinem Vater essen. Eine kurze Zeit von »Nähe«. Wobei wir nie Gespräche führten, die in die Tiefe gingen – dafür kannten wir uns zu wenig. Und daran konnten auch ein paar gemeinsame Mittagessen nichts ändern. Damals hatte er bereits ein Hörgerät, und die vielen Nebengeräusche in einem Restaurant machten ihn wahnsinnig: Ist das nicht grauenhaft, diese kreischenden Frauen hinter uns? Stell dir mal die armen Männer vor, die mit denen ins Bett gehen müssen.
Von diesen Treffen durfte Margarete Jacobs, seine zweite Frau, nichts wissen. Sie mochte mich nicht, weil sie spürte, dass Will mich mochte, und weil ich in meinem ersten Buch, Der Tod meines Bruders – die subjektive Wahrnehmung einer Familie2 einen Satz über sie geäußert hatte, der ihr gegen den Strich ging. Damals, in den 90ern, schrieb ich an meinem vierten Roman, auch über den unterhielten wir uns flüchtig. Einige Jahre hindurch rief er mich am 15. September, seinem Geburtstag, an, und sagte: »Ich will, dass du mir gratulierst.« Das habe ich dann auch getan. Bei ihm angerufen habe ich nur ein einziges Mal, Pfingsten 1982, als ich die Nachricht bekommen hatte, dass mein eineinhalb Jahre älterer Bruder Manuel mit dem Fahrrad verunglückt war und im Sterben lag.
Irgendwann einmal habe ich ihm die Frage gestellt, wer er eigentlich sei, und seine Antwort kam prompt und war ehrlich: Das wisse er nicht. Immerhin eine eigene Formulierung und kein Zitat. Meistens antwortete er mit einem Zitat. Sein Kopf war voll von Sätzen, Versen und Reimen anderer.
Auch bei diesen Mittagessen habe ich ihn nie nach dem Zweiten Weltkrieg gefragt. Dafür war ich eine viel zu unpolitische Person. Schon als Anfang der 70er Jahre an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg der Protest gegen die Kriegsgeneration auf Versammlungen und fetten Plakaten laut wurde, fühlte ich mich nicht angesprochen, meine Eltern waren keine Nazis! Ich studierte Malerei, Graphik und Typographie, ich hatte nichts zu tun mit der »deutschen Schuld«. Erst dreißig Jahre später öffnete mir ein deutsch-französischer Jude, den ich nie kennengelernt habe, weil er schon tot war, dessen Spuren ich aber in sieben Ländern verfolgte, die Augen. Er, ein zum Täter gewordenes Opfer, zeigte mir die Leidspur auf, die Gestapo und SS in Paris hinterlassen hatten – und nicht nur in Paris. Requiem für Jakob erschien 2005,3 und von da an hatten meine Bücher immer einen politisch-zeitgeschichtlichen Hintergrund.
Die Erinnerungen meines Vaters, die 1976, geschrieben von einem Ghostwriter, unter dem Titel Wir spielen immer4 herauskamen, habe ich nicht sofort und zunächst auch nur quergelesen, mich über Sätze, meine Mutter betreffend, geärgert, und mich darüber empört, dass mein Bruder Manuel nicht einmal im Personenregister vorkam. Als wäre sein Nicht-mehr-da-Sein vorweggenommen. Mir, seiner jüngsten Tochter, las ich dort, habe mein Vater – nach einem unverschämten Brief – einmal energisch die Meinung sagen müssen: Er verrate keineswegs sein künstlerisches Profil, wenn er Krimis mit Jürgen Roland drehe. Einen Durchschlag meines Briefes habe ich selbstverständlich nicht mehr, aber an meine Empörung erinnere ich mich gut: Mein Vater, der Faust, der Romeo, der Hamlet, den alle verehrten, hatte sich für eine Homestory in einer Illustrierten hergegeben. Wahrscheinlich als Promo für den Roland-Film. Fotos von seinem Landhaus, seiner Frau, seinen Hunden und Pferden über mehrere Seiten. Lächerlich von mir, ihn zu »ermahnen«, klar. Aber so etwas hatte es noch nie gegeben.
Wie tief das Bild des »klassischen« Schauspielers in mir verankert war, wurde mir erst viele Jahre später bewusst, als mein Bruder Christian und ich den Bildband Will Quadflieg. Ein Leben für das Wort konzipierten, der 1994, herausgegeben von Jürgen Flimm, zum 80. Geburtstag meines Vaters erschien.5 Auf Tischen und Setzregalen in meiner Druckwerkstatt hatte ich Rollenfotos von Will aus mehr als fünfzig Jahren ausgebreitet. Die Namen der Dichter, die Titel ihrer Stücke, Zitate daraus schwirrten im Raum, und plötzlich war es wieder da, dieses Klima, in dem ich aufgewachsen war und das ich vergessen hatte. Vielleicht lernt man als Kind eines Schauspielers – oder bekommt es über das Gen-Tablett zugereicht –, das Leben nie so ganz ernst zu nehmen, weil alles irgendwie doch nur Theater ist. Real und doch nicht real. Auch die Probleme, die wir gegen Ende seines Lebens hatten, waren nie Wirklichkeit, sondern immer Szenen eines Stücks, rasch vorbei. Ich trug sie ihm nicht nach. Ich habe ihn geliebt, ich habe ihn bewundert, mit ihm gelacht, manchmal war er mir peinlich, er hat mich enttäuscht, ich habe um ihn getrauert, und selbst das, diesen Trauerzug auf dem Friedhof in dem kleinen Ort Werschenrege zu seinem anonymen Grab, wie aus dem Zuschauerraum betrachtet. Surreal.
Und jetzt? Jetzt schreiben wir das Jahr 2024, ich halte dein kleines Tagebuch in Händen, blättere und lese darin – und fange an, mit dir zu sprechen, ein viele Monate andauernder imaginärer Dialog. Eineinhalb noch niemandem bekannte Jahre deines langen Lebens – vor mir. Ein winziger Ausschnitt großer Weltgeschichte in verheerender Zeit. Einzigartig und vielleicht doch exemplarisch, wie sich dein Leben, so stelle ich nach und nach fest, an den Untiefen vorbeischlängelt. Ein junger Schauspieler, der seine Karriere verfolgt, der sich nicht verbündet, aber mitläuft oder, noch besser, vorbeiläuft, weil ihn nichts anderes als die an sich selbst gestellte Aufgabe interessiert und beseelt, den Goethe-Deutschen künstlerisch immer klarer zu profilieren, wie du es Anfang 1946 in einem Brief an Benita formulierst. Goethe als Scheuklappe. Und je länger ich in deinem Tagebuch lese und deine Briefe aus demselben Zeitraum hinzuziehe, umso mehr Antworten bekomme ich auf die früher nie gestellten Fragen – und umso mehr neue tun sich auf, die nie mehr beantwortet werden.
Scheu und Zögern begleiten mich. Schließlich handelt es sich um dein privates Tagebuch, um Briefe an deine Frau – du hast mich nicht um eine Stellungnahme gebeten. Und wie nähere ich mich einer Zeit, die ich nicht erlebt, gerochen, geschmeckt, geschweige denn erlitten habe? Ich kann meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass ich Widerstand geleistet hätte, dass ich bei den »Guten« gewesen wäre. Das verbietet mir jedes Urteil.
Ich checke Fakten, befrage Archive, wühle in Geschichtsbüchern, lese Biografien und Erzählungen anderer, finde Veröffentlichungen und Interviews von dir, spüre den Namen nach, die du nennst, lerne Nachkommen von mir unbekannten Menschen kennen. Habe teil an 103 Tagen, an einem »vor« und einem »nach Kriegsende«. An einer Entwicklung – und einem fast erschreckenden Gleichbleiben. Dein Ziel bleibt dein Ziel. Du bleibst dir treu.
Und es fallen mir Geschichten ein, die mir als Kind erzählt wurden. Geschichten von dir und über dich, meinen Vater. Diesen im Frühjahr 1945 gerade dreißigjährigen jungen Mann, der ein Büchlein in seiner Mantel- oder Jackentasche bei sich trägt, in den ersten Wochen fast täglich mit Federhalter oder Bleistift in überfüllten Zügen, auf Bahnhöfen oder im Bunker darin schreibt, mit imaginärer Kamera herumläuft und festhält, was er sieht, was ihm geschieht – und ständig der Liebe zu seiner Frau, der Sehnsucht nach ihr und seinen Kindern Ausdruck verleiht. Ein Verlassener. Ein Umherirrender. Ein Überlebender in einer zu Schutt zerfallenden Welt, einer, der an »höhere Mächte«, an das Schicksal, an Gott und Engel glaubt. Ein »Glücklicher«, der davonkommt. Ein zutiefst Untreuer. Ein Missionar der deutschen Sprache, der sich vielleicht auch wie der Jüngling aus Novalis’ Hymnen an die Nacht als »tröstlich Zeichen in der Dunkelheit« begreift und nicht bemerkt, oder nicht bemerken will, wie er im Erfüllen seiner »Aufgabe« ein Rädchen in der gewaltigen Unrechts- und Vernichtungsmaschine wird. Denn durch die Nazis verkommt die deutsche Sprache ja zur schillernden Maske der Barbarei.
»Quadflieg war ein Schüler dieses rhetorischen Jahrzehnts«, lese ich in Günther Rühles Buch Theater in Deutschland 1887–1945. »Rhetorik gab es überall. Kraftvolle Sätze, kühne Steigerungen, mitreißende Perioden, spannende Pausen, erschütternde Kadenzen: im politischen Feld gab es da einige die Massen packenden Könner.«6 Und diese »Könner« wiederum holten sich Rat bei Bühnenkünstlern. Hitler begab sich und seine überanstrengten Stimmbänder während seiner Propagandareisen 1932 in die Obhut des Opernsängers Paul Devrient (eigentlich Walter Stieber) und entlohnte ihn für deine Dienste mit monatlich 1000 Reichsmark.7
Du hast dem Führer auf deine Weise gedient, warst, wie auch Mathias Wieman und Bernhard Minetti nach Schließung der Theater ab September 1944 damit betraut, »im Auftrag des Oberkommandos des Heeres die Truppen mit Goethe und Schiller als Rezitator moralisch aufzurüsten.« So charakterisierst du deine berufliche Tätigkeit während der letzten Monate vor Kriegsende in deinen Erinnerungen. Es sei nicht unproblematisch gewesen, den Auftrag anzunehmen. »Aber welcher Entschluss barg damals keine Probleme?« Jedenfalls hättest du keine Veranlassung gesehen, »in letzter Stunde für das Nazi-Regime noch irgendeinen Heldentod zu sterben.« Und fügst hinzu: »Victor Klemperer hat nachgewiesen, dass im Hitlerdeutschland alle, Anhänger und Gegner, Nutznießer und Opfer, dieselbe verhunzte Sprache sprachen. Ich reiste mit einer anderen Sprache: mit der Sprache unserer Dichter.«8 Deinem Schutzschild, das dich allen Anfeindungen entzog. Deinem Alleinstellungsmerkmal.
Du warst nie Soldat, absolvierst im Frühjahr 1939 nur drei Monate Wehrdienst in Jüterbog. So lange, bis deine von Kindheit an lädierten Knie »durch« sind. Als einen Tag vor der Don Carlos-Premiere am Schiller-Theater in Berlin deine Einberufung zur Wehrmacht eingeht, stürmt der Intendant Heinrich George ins Wehrbezirkskommando – und erwirkt deine Freistellung. Und das, obwohl er dir, als du Anfang Septemberin einer Götz von Berlichingen-Vorstellung wegen einer Knieschwellung zusammengebrochen warst, kaltschnäuzig entgegengehalten hatte, das hättest du damals in Heidelberg ja auch schon gehabt, mit dir sei eben nicht mehr zu rechnen.
Nach Schließung der Theater am 1. September 1944 wird das übrige Personal, lese ich bei Günther Rühle, »in die Industrie überwiesen. In Berlin über 3600 Personen: an Siemens, Telefunken, Osram, AEG und andere Betriebe.«9 Und in dem Buch Hitlers Künstler schreibt Felix Moeller: »Ab Herbst 1944 wurden immer mehr Filmkünstler, außer jenen, die auf irgendwelchen Sonder- oder Gottbegnadetenlisten standen, in den Filmpausen zum ›Künstlerkriegseinsatz‹ in Fabriken und Werkstätten herangezogen. Peinlich genau achtete Goebbels darauf, daß auch alle Prominenten zum Tarnfarbeauftragen auf Bomberflugzeugen antraten, und ließ tägliche Anwesenheitslisten führen.«10 Offensichtlich bringt man auch dich zeitweilig derart unter. Es gibt ein Foto, auf dem du zusammen mit anderen an einem langen Tisch, Farbfläschchen und Lappen vor dir, mit kleinen Schablonen Plaketten oder Aufkleber pinselst.
MitKolleginnenundKollegenbeimBemalenvonPlaketten fürFlugzeugeoderU-Boote (1944/45)
Heinrich George, Bernhard Minetti und Mathias Wieman stehen, zusammen mit zahlreichen weiteren Kolleginnen und Kollegen, mit denen du in beruflichem Austausch stehst, auf dieser 1944 zusammengestellten »Liste der Gottbegnadeten«, in der die im »Dritten Reich« schützenswerten und vom Kriegsdienst befreiten Künstler verzeichnet sind. Du nicht. »Eine Liste von zu reklamierenden Künstlern aufgestellt. Die besten Kräfte müssen erhalten bleiben«, lese ich in Joseph Goebbels’ Tagebuch am 15. November 1939.11 Auch in dieser frühen Version bist du nicht enthalten.
Zwischen immer näher rückenden Fronten ziehst du mit deiner »Mission« durch das zerstörte Land. Als am 13. April 1945 die Nachricht von der Geburt deines Sohnes Christian bei dir eintrifft, verlässt du Berlin, gehst nach Lübeck, weil du hoffst, von dort irgendwie nach Schweden zu kommen. Was fast eineinhalb Jahre nicht gelingt. Nach Kriegsende nimmst du hier zunächst die Tätigkeit als Rezitator wieder auf – jetzt in Lazaretten und Gefangenenlagern –, und stehst ab Herbst 1945 wieder auf der Bühne. Zunächst in Lübeck, später in Hamburg.
In einem Brief, datiert auf den 29. August 46, etwa einen Monat bevor dein Tagebuch endet, berichtest du Benita, Post von einem Hans Berger bekommen zu haben, der sich danach sehnt, bald wieder auf Capri zu sein.
Aber ach, Liebste! Capri! Ist es noch in diesem Leben geschehen? Ja. Dreimal Ja!
Ein Brückenschlag zurück zum Beginn eurer Geschichte. Du, ein knapp 19-jähriger Abiturient aus Oberhausen, der Schauspieler werden will, begibst dich 1933 mit einem älteren Freund, wie Benita mir einmal erzählte – möglicherweise ebendiesem Hans Berger –, auf Goethes »italienische Reise«, setzt auch auf die Insel Capri über, an deren schroffen Felswänden Goethes Schiff auf der Rückreise von Messina nach Neapel im Mai 1787 fast zerschellte. Hitlers Machtergreifung am 30. Januar scheint keine Schatten auf diese unbeschwerten Wochen zu werfen. Am Strand triffst du ein schwedisches Mädchen, 15 Jahre alt und einzige Tochter einer äußerst umtriebigen, schon seit Jahren diverse Länder bereisenden Mutter, einer schwedischen Gräfin. Offensichtlich werdet ihr schon in diesen Sommerwochen ein Paar, das sich dann, über Jahre in zwei Ländern lebend, ununterbrochen Briefe schreibt, 1937 dank Benitas Übersiedlung nach Deutschland endlich zusammenkommt, 1940 heiratet und mit ab 1949 fünf Kindern fast vierundzwanzig Jahre zusammenbleibt.
MitBenita, rechtsihreFreundinnenTannenbaum aufCapri, 1933
Deine letzte Eintragung im Tagebuch lautet so:
Hamburg Oktober 46.
Am 21. Sept. kam ersehnt, doch überraschend die ganze Familie an – und fuhr am 23. nach Entlassung aus dem Lager Pöppendorf nachts mit dem Auto nach Hamburg. Und dort ist nun die Gegenwart zu meistern – und das Zusammenleben der Familie, das ersehnte, hat begonnen.
Schon seit etlichen Monaten lebst und spielst du in der Hansestadt und bist fast schon auf dem Absprung nach Zürich. Unendliche Freude, aber auch Skepsis, ob denn ein Familienleben mit drei Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Blumenau 152 gelingen kann, schwingen in diesen Zeilen mit. Die Gegenwart zu meistern …
Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, der Führer hat sich umgebracht, die Deutschen sind damit beschäftigt, 500 Millionen Kubikmeter Trümmer wegzuräumen, Fragebögen zur Entnazifizierung auszufüllen, Zeugen dafür zu suchen, keine Nazis gewesen zu sein, sich ihrer Schuld bewusst zu werden, sie zu bekennen, zu verdrängen oder zu leugnen – jeder nach seiner Art.
»Ich musste nicht emigrieren, ich wurde nicht verfolgt, sondern gefördert«, sagst du, 70-jährig, in einem unter dem Titel Schauspiel als Demaskierung ausgestrahlten Zeitzeugen-Interview des zdf. Und sieben Jahre später eröffnest du Helmar Harald Fischer in seinem Film Verschwundene Lieblinge zum Thema Mitläufertum: »Ich gehöre auch dazu, auch ich bin ein Mitläufer gewesen.«12 Daraufhin flogen dir Sympathien zu. So auch von Ralph Giordano: »Ich habe Will Quadflieg für diese Worte geliebt, es war wie ein Befreiungsschlag.«
Ob diese Äußerung in aller Öffentlichkeit ein echtes Bekenntnis war – sie kam so »geplaudert« daher –, muss ich offenlassen.
DasTagebuchvonaußen
AnfangdesTagebuchs
19. März 1945
Heute will ich den Versuch machen, ein Tagebuch zu beginnen.Göttingen 19.III.45
Mitten im chaotischen Treiben der deutschen »Flüchtlingsvölkerwanderung« beginne ich nun in Nordhausen aufzuzeichnen, was mir so durch den Kopf geht. – Da alles, aber auch alles überfüllt ist, und heute kein Zug mehr weiter geht, verbringe ich die Nacht in einem Raum der N.S.V., mitten zwischen Flüchtlingen, die in langen Reihen auf der Erde und auf Stühlen schlafen. Ob ich morgen Dessau erreiche zu einer noch passenden Zeit, um die Vortragsstunde zu halten, ist sehr fraglich. Ich glaube, nun sind auch diese Einsätze bald unmöglich.
Meine Gedanken gehen oft und oft zu Benita und den Kindern in Lübeck. Wann kommen sie nach Schweden? da die Zeit doch so drängt? – Wie sind wir alle wunderlich getrennt! Und doch ist die ruhige Hoffnung in meinem Herzen, dass wir alle es überstehen und uns wiedersehen werden. – In ganz wenigen Tagen geht dieser Krieg zu Ende, das fühle ich stark.Was dann kommt, ist gar nicht zu ermessen. Ich bin langsam sehr müde – ich habe zu wenig Ruhe und Schlaf gehabt. – Die Goethe Stunde vor dem Ensemble des Göttinger Theaters war für mich eine große Freude; und der Aufenthalt bei der Familie Ernst sehr sympathisch. – Das Leid all der armen übermüdeten Kinder geht mir besonders zu Herzen. – Wie wird dieses Volk geprüft! Ich will mich auf einen zugedeckten Billardtisch legen und versuchen da etwas zu schlafen.
19.III.45, 23 Uhr
19. März 45
Ein Montag. Da das Göttinger Theater (ab 1950 Deutsches Theater Göttingen) bereits seit September 1944 wegen Verschärfung der Kriegslage geschlossen ist, muss die Goethe-Rezitation am Vorabend in einem anderen Rahmen stattgefunden haben. Vielleicht bei der erwähnten Familie Ernst? Unmöglich, etwas über sie herauszufinden. Und vielleicht auch nicht so wichtig? Das wird bei jedem Tag, bei jeder Eintragung abzuwägen sein, was dazu herauszufinden Sinn macht, um das Gesamtbild dieser Zeit deutlicher werden zu lassen. Diesen winzigen Ausschnitt großer Weltgeschichte, durch den du dich bewegst und den du hier festgehalten hast. Manchmal werde ich auch auf kleinen Nebenstecken das Gesamtbild umkreisen.
Laut deinen Erinnerungen bist du selbst Mitte Februar 1945, also erst einen Monat zuvor, unter abenteuerlichen Bedingungen mit dem Flüchtlingsstrom aus Breslau (heute Wrocław in West-Polen) zurückgekommen, wo du angeblich vor ungarischen Soldaten und Zivilbevölkerung rezitieren solltest (wozu es aber nicht mehr gekommen war). Detailgenau schilderst du, wie du zwei Wochen lang einen Treck mit fünf Rollwagen und drei Kutschen bei minus 30 Grad bis Torgau geführt hast. Die letzte Strecke nimmt dich jemand im Auto mit, du gelangst unversehrt in die Reichsstraße 105 (nahe dem Theodor-Heuss-Platz), wo deine schwangere Frau und deine beiden Kinder auf dich warteten. Welch ein Glück! Ich wundere mich, dass dein Tagebuch ohne jedwede Erwähnung dieser gerade überstandenen Strapaze beginnt. Auch in keinem deiner drei Briefe, die du Anfang März 45 an Benita schreibst und mit deren Hilfe ich mich in eure damalige Lebenssituation einzufühlen versuche – Benita befindet sich bereits in Lübeck, der ersten Etappe ihrer Flucht –, ist die Rede davon. In deinen Erinnerungen hingegen belegt die Schilderung des Trecks mehrere Seiten und ist so kenntnisreich, dass sich mir die Frage aufdrängt, ob du dir das alles später aus Büchern oder Filmen gesogen und dich als Hauptfigur in diese Kulisse gestellt hast. Wolltest du wenigstens eine »Heldengeschichte« aus dem Krieg erzählen können, wenn du schon kein Soldat warst? Doch halt! Sowohl ein Brief von dir, geschrieben am 18. Januar 45 in Breslau – du warst dort am frühen Morgen, gemeinsam mit dem Pianisten Hellmut Hideghéti mit dem Nachtzug aus Wien angekommen –, als auch Tagebuch-Eintragungen späteren Datums zerstreuen diesen Gedanken:
18.1.45 Guten Morgen – mein Schatz! In aller Morgenfrühe auf dem chaotisch überfüllten Bahnhof angekommen. […] nun also heute Abend Auftreten in Breslau. […] Hier ist alles voller Flüchtlinge aus dem Osten. Die russische Offensive ist sehr bedrohlich und hat an vielen Stellen die Grenze erreicht. Man rechnet mit einer Evakuierung Breslaus.
Zum Auftritt im Breslauer Militärkrankenhaus kommt es wegen der immer näher rückenden Roten Armee nicht mehr. Und als Gauleiter Karl Hanke die Stadt am nächsten Tag, am 20. Januar 1945, zur Festung erklärte und die »nicht wehrtaugliche Bevölkerung« aufforderte, diese so schnell wie möglich zu verlassen, bist auch du in das Chaos des einsetzenden Flüchtlingsstroms gen Westen geraten. Ein Flüchtlingsstrom, der Familiengeschichten bis heute prägt. Ursprünglich hattest du wahrscheinlich vor, bereits am 22. Januar wieder in Berlin zu sein, um an der Uraufführung deines großen Films Solistin Anna Alt mit Anneliese Uhlig im Marmorhaus am Kurfürstendamm teilzunehmen. Doch es kommt anders.
Einen weiteren frappierenden Beleg für diesen tatsächlich von dir geführten Treck finde ich erst später in dem kleinen Stapel Briefe mit mir unbekannten Absendern. Lavinia zur Nedden, eine ganz offensichtlich »Betroffene«, schreibt am 21. Januar 1946 von London aus an Benita in Schweden: »Meine liebe Benita, gerade heute, ein Jahr nach Anfang des berühmt gewordenen Trecks, wo meine Gedanken sowieso bei der Familie Quadflieg sind, kommt dein Brief!« Die Zeilen zeugen von einer Vertrautheit der beiden Frauen. Also sind sie sich nach dem Ende des Trecks, bevor Benita Berlin verließ, noch begegnet? Schon in einem früheren Brief Lavinias (vom 13. Dezember 1945) ist diese Freundschaft spürbar. Sie dankt Benita auf Englisch dafür, die Verbindung zu ihrem Vater, York zur Nedden, in London hergestellt zu haben, zu dem sie zwischenzeitlich den Kontakt verloren hatte. Nach der Scheidung von York zur Nedden war Lavinias Mutter, eine Deutsche, nach Berlin-Lichterfelde gezogen, und Lavinia hatte offenbar gleich nach ihrer Schulzeit eine Arbeitsstelle in Breslau gefunden. Wie der Kontakt von Benita zu York zur Nedden, einem Angehörigen der British Army, zustande kam, ist unklar. Zwei Briefe von ihm (auf Englisch) vom Mai und September 1945 finden sich ebenfalls in der Kiste. Er übermittelt Benita – offensichtlich auf ihre Anfrage hin – den Namen des Lübecker Militärgouverneurs Cedric Coombewhite. »He is in his civilian profession an artist, has something to do with the artistic part of the theatres here in England. I dare say he might be able to be interested in your scheme.« Hatte Benita gehofft, von diesem der Kunst und Künstlern offensichtlich zugeneigten Gouverneur eine Ausreisegenehmigung für dich nach Schweden zu bekommen? Oder ging es um einen anderen Plan Benitas, ein Kinderhilfswerk, das sie gründen wollte, wie aus Briefen von dir hervorgeht? Warum habe ich sie nie danach gefragt?
Es dauert einige Monate, dann finde ich Lavinias Tochter, Elisabeth Kergorlay, in London, und sie schickt mir Kopien eines schmalen Schulhefts. Das Tagebuch ihrer Mutter, das diese, 18-jährig, während der »Treck-Tage« im Januar 1945 (auf Deutsch) führte. Außerdem stellt sie mir die Erinnerungen zur Verfügung, die ihre Mutter
DoppelseiteausLaviniazurNeddensTagebuch
1990, inzwischen 63-jährig, für sie, ihre Tochter, aufschrieb (auf Englisch). Sachlicher selbstverständlich, aber aufschlussreich. In ihr Schulheft schreibt Lavinia, dass sie dich, den berühmten Schauspieler, auf dem Plakat für die geplante Veranstaltung erkannt, im Monopol-Hotel Kontakt zu dir aufgenommen und dir angeboten habe, mit ihr und anderen die Stadt per Pferdewagen zu verlassen. 1990 notiert sie dazu: »It was completely crazy, crazy things you do when you are very young, living only for the day.« Du hattest bereits festgestellt, dass weder Autos noch Züge fuhren, und dieses Angebot als »Wink des Himmels« angenommen. Lavinia berichtet von acht Pferdewagen, die sie mit »Orientteppichen« auslegten, um sich gegen die Kälte zu schützen, von sechsundfünfzig Menschen, die sich anschlossen, und davon, dass du den Treck geleitet hast und sie neben dir auf dem Kutschbock saß. Zu viert – du, Hellmut Hideghéti, ihre Freundin Ilse und sie – fandet ihr Nachtlager im Stroh oder, wenn ihr Glück hattet, ein Zimmer in einem Gehöft. Die Kälte kroch euch in die Glieder – minus 20 Grad –, ihr wärmtet euch, ihr hattet Hunger, ihr mochtet euch. Am Abend des dritten Tages, in Bunzlau angekommen, rezitiertest du »moderne Gedichte«. Sie sei sehr bewegt gewesen, bei Hermann Hesse seien ihr die Tränen gekommen. Am 25. Januar brechen ihre Eintragungen – mitten auf einer der Tagebuchseiten – ab. Warum, ist in keiner Weise ersichtlich. Wie Lavinia damals nach Berlin gelangte, während du die letzte Strecke angeblich in einem Auto mitgefahren bist, ist unklar.
Später dolmetschte die junge Frau für die Amerikaner in Berlin, ging dann nach London und fand eine Stelle in der Schallplatten-Firma von Walter Legge, dem Mann ihrer Patentante Elisabeth Schwarzkopf. In zweiter Ehe heiratete sie Roland de Kergorlay in Brüssel, »European Commission’s Directorate-General for external relations«, bekam eine Tochter, kehrte in hohem Alter nach Berlin zurück und starb hier 2023. Ich hätte sie noch kennenlernen können!
Am 19. März 1945 spielt der abenteuerliche Treck samt den Begegnungen jedenfalls keine Rolle mehr – gleichwohl die deutsche Flüchtlingsvölkerwanderung um dich herum in vollem Gange ist. In Nordhausen, auf dem Weg nach Dessau, füllst du die ersten sieben Seiten deines Tagebuchs.
Nordhausen? Eine kleine Stadt in Thüringen. Auch hier wurden während der Novemberpogrome 1938 Wohnungen und Geschäfte zerstört, die Synagoge in Brand gesetzt. Die jüdische Bevölkerung? Geflüchtet oder deportiert. Ich lerne, dass in bereits bestehenden Stollen in der Nähe von Nordhausen 1943 die Mittelwerk GmbH mit der unterirdischen Rüstungsfertigung begann, wofür das Konzentrationslager Dora-Mittelbau eingerichtet wurde, zunächst als Außenstelle des KZs Buchenwald. Als du Nordhausen streifst, schuften hier noch Tausende Häftlinge unter Tage für den Bau sogenannter »Vergeltungswaffen«. Ungezählte überleben die Strapazen nicht. Fast genau vierzehn Tage nach deinem kurzen Aufenthalt in der Stadt, am 3. und 4. April, zerstören britische Bomber Nordhausen zu mehr als siebzig Prozent. Noch im März hatte die SS mit der Räumung des KZs begonnen. Tausende zu Skeletten abgemagerte Menschen werden in Richtung Bergen-Belsen, Sachsenhausen, Ravensbrück, sogar bis in die Lübecker Bucht getrieben. Nicht wenige bleiben erschöpft am Wegesrand liegen oder sterben während Transporten in Viehwaggons. Einige hundert nicht mehr »marschfähige« Kranke lässt die SS im Lager Dora zurück. Am 11. April werden sie von den Amerikanern befreit.
Du bekommst von dem KZ und den Todesmärschen nichts mit. Zwar ist deine Zugverbindung unterbrochen und du musst für eine Nacht hierbleiben, aber wenn die britischen Bomber die Stadt angreifen, bist du schon längst, mit Goethe im Gepäck, abgereist. Manchmal sehe ich beim Lesen deiner Zeilen einen Menschen vor mir, der über Schutt, Trümmer und Tote davonstolpert, hinter sich eine Flammenwand – einen, der immer davonkommt.
Eine Nacht auf dem Billardtisch im Raum der N.S.V. also … Was ist darunter zu verstehen? Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt wurde am 18. April 1932 von Erich Hilgenfeldt gegründet und am 3. Mai 1933 zur Parteiorganisation der NSDAP erhoben. Wohlfahrtspflege war zwar nicht gerade das größte Interesse der Parteispitze, doch als deutlich wird, dass Mildtätigkeit in der Bevölkerung gut ankommt, nutzt man die Organisation für parteieigene Propaganda und scheut sich nicht, sie als »größte soziale Einrichtung der Welt« zu preisen. Während des Zweiten Weltkriegs übernimmt die N.S.V. mehr und mehr staatliche Aufgaben – wie auch die Kinderlandverschickung – und kümmert sich um schwangere arische Frauen. Nach den Massenerschießungen in Babyn Jar und Schytomyr (Ukraine) bekommt die N.S.V 1941 auf 137 Lastwagen Kleidungsstücke geliefert und verteilt sie an Volksdeutsche.
Unter vielen Flüchtlingen, auf dem Billardtisch kampierend, ist in dieser Nacht kein Schlaf zu finden. Deine Gedanken wandern zu Benita und deinen beiden Kindern. Auch in späteren Tagebucheintragungen und deinen Briefen vom 2., 4. und 5. März 45, adressiert an sie in der Lübecker Schule Wilhelmshöhe, Schwartauer Allee, Zimmer 15, lese ich von deiner großen Sorge um die Schwangere – die Kinder sind erkrankt, ein Arzt hält den Zustieg in einen der Busse, mit denen sie das Land verlassen könnten, für unverantwortlich. Meine Schwester Isolde, damals vier Jahre alt, erinnert sich, für ein paar Tage in einem Krankenhaus isoliert worden zu sein. Scharlach.
Dieser in Aussicht stehende und zum Glück dann tatsächlich erfolgte Transport außer Landes gelingt dank des damaligen Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes und Neffen von König Gustav V., Folke Bernadotte Graf von Wilsborg (1895– 1949). In einer beispiellos mutigen Aktion bringen seine weiß bemalten und mit roten Kreuzen versehenen Busse dänische und norwegische Häftlinge aus deutschen KZs zunächst nach Neuengamme und von dort via Lübeck, dem Standort des internationalen Roten Kreuzes, nach Skandinavien. Heinrich Himmler – die Kapitulation voraussehend und bestrebt, bestmöglich vor den Alliierten dazustehen – hatte Bernadotte diese Rettungsaktion in einer geheim gehaltenen Absprache in der Uckermark zugesagt. Bernadottes »Flotte« (Fahrzeuge, Fahrer, Verpflegung und Benzin) muss von den Skandinaviern selbst gestellt werden. Ein »Himmelfahrtskommando« von etwa 250 Freiwilligen, das mit 36 Bussen und 39 Lastwagen kurz vor Kriegsende auf aufgerissenen Straßen, zwischen Flüchtlingsströmen und unter ständiger Bedrohung durch Tiefflieger der Alliierten unterwegs ist.
Die Frage, wie es kommt, dass der schwangeren Benita – einer gebürtigen Schwedin, die während der Nazizeit die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat und mit einem bekannten, privilegierten Schauspieler verheiratet ist – mit zwei Kindern Platz in einem dieser eigentlich für KZ-Häftlinge gedachten Busse eingeräumt wird, beantwortet mir der Bericht eines Fahrers dieser Busse: Ende März steht bei der Schwedischen Kirche in Lübeck, die bei diesen Evakuierungsfahrten als Knoten- und Versorgungspunkt dient, auch eine Gruppe Deutsch-Schwedinnen bereit: »Sie waren aus verschiedenen Teilen des Landes nach Lübeck gekommen und warteten nun auf Ausreisegenehmigung und Fahrgelegenheit.«13 Obwohl für sie eigentlich eine gesonderte Kolonne des Schwedischen Roten Kreuzes vorgesehen war, »musste unser Detachement auch diese Aufgabe übernehmen«. In Folke Bernadottes Memoiren kann ich schließlich nachlesen, wie er bei Himmler während der Verhandlungen über das Schicksal der norwegischen und dänischen KZ-Häftlinge auch die »heikle, bedeutungsvolle Frage« vorbrachte, wie »Schwedinnen, die Deutsche geheiratet hatten und dadurch deutsche Staatsbürgerinnen geworden waren« – und insbesondere auch deren »deutsche Kinder« – nach Schweden evakuiert werden könnten, und dass er ihm von der schwedischen Gesandtschaft erstellte Namenslisten, »Verzeichnisse, die nur die traurigsten Fälle enthielten«, vorlegte.14
Dass Benita und die Kinder sich in Lübeck unter den Wartenden befanden, muss über die Schwedische Kirche in Berlin zustande gekommen sein. Denn wie im Weiteren aus deinem Tagebuch und aus einigen deiner Briefe hervorgeht, besteht enger Kontakt zur evangelisch-lutherischen Victoriagemeinde an der Landhausstraße in Wilmersdorf. Möglicherweise hatte Erik Myrgren, der Pfarrer der Berliner Gemeinde, die Verbindung hergestellt. – Ob ihr davon wusstet, dass diese schwedische Kirchengemeinde Juden, Zwangsarbeiter und Deserteure versteckte, sie, soweit noch möglich, mit Kleidung und Medikamenten versorgte und mit Widerstandsgruppen kooperierte, geht aus deinem Tagebuch und deinen Briefen selbstverständlich nicht hervor. Myrgrens Vorgänger soll ums Leben gekommen sein, als er Pässe für die Ausreise von Juden über die Grenze schmuggelte. Seid ihr je Maria Gräfin von Maltzan begegnet, der aus Schlesien geflüchteten Rot-Kreuz-Helferin und späteren Veterinärmedizinerin, die sich dem Widerstand anschloss und dabei eng mit der Schwedischen Kirche zusammenarbeitete, Verfolgten mit falschen Pässen und als Begleiterin durch die Berliner Kanalisation zur Flucht verhalf? Während der letzten Kriegsmonate richtete sie in ihrer Wohnung, Detmolder Straße 11, eine Suppenküche für Zwangsarbeiter und Deserteure ein – ihr habt wahrscheinlich von 1940–42 nur ein paar Häuser weiter, in der Detmolder Straße 26, gewohnt.
Isolde erinnert sich an einen Bus voller Männer in Sträflingskleidung, die ihr unheimlich waren, und an die Angst, als der Bus wegen einer Reifenpanne eine Zeitlang auf offener Straße »hängenblieb«. Eine Angst, die sie ein Leben lang nicht mehr verließ.
Für den Fall, dass Benitas Flucht aus Deutschland misslingen sollte, und deine Familie in Lübeck bleiben muss, erwägst du, ob nicht deine Schwiegermutter – Gräfin Märtha Sigrid Carolina Posse – bei der nächsten Gelegenheit nach Lübeck fahren könnte, um ihrer Tochter bei der Geburt zur Seite zu stehen. Im Tagebuch heißt sie Mor (das schwedische Wort für ›Mutter‹). Auch sie lebt schon seit einigen Jahren in Berlin.
Märtha Posse (1888– 1965) stammte aus einem schwedischen Adelsgeschlecht und war eine für ihre Generation und ihre gesellschaftliche Stellung schillernde und sehr ehrgeizige Frau. Nacht achtjähriger Ehe mit dem aus Riga stammenden Baron Theodor Reinhold v. Vegesack (1884– 1949) ließ sie sich, bald nach der Geburt ihrer Tochter, scheiden, beschäftigte sich mit Spiritismus, Esoterik und Anthroposophie, versuchte sich als bildende Künstlerin, schrieb Artikel, reiste durch Europa. Wahrscheinlich ging das väterliche Erbe, das eigentlich ihrer einzigen Tochter zustand, durch Märthas Lebensstil drauf. Anfang der 30er Jahre besuchte sie in Stuttgart das Lehrerseminar an der ersten, 1919 gegründeten Waldorfschule, betrieb anschließend für kurze Zeit in der Schweiz ein Pensionat für »höhere Töchter« und landete schließlich auf Capri in der Villa San Michele, dem Wohnsitz des schwedischen Arztes und Autors Axel Munthe – Leibarzt der schwedischen Königin Viktoria. Bei ihm verkehrten berühmte Persönlichkeiten aus ganz Europa. Aufgrund dieser Umstände lernst du Benita am Strand von Capri kennen.
Für die Dauer des Aufenthalts ihrer Mutter am Lehrerseminar war Benita in der Waldorfschule Stuttgart eingeschult gewesen, musste, als das Umherziehen schließlich ein Ende hatte, weiter in Schweden die Schulbank drücken, Abitur machen und anschließend ihrer Mutter auf dem kleinen Gut Källan (»Quelle«) auf der Halbinsel Karlsudd in den Schären bei Stockholm zur Hand gehen. Dieses Gut hatte Märtha wahrscheinlich um 1919 nach der Scheidung erworben und später dort ein Kinderheim samt Kaninchenzucht etabliert. Viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wandelt Märtha auf den Spuren der Heiligen Birgitta von Schweden, dokumentiert in dem 1966 gemeinsam mit Gertrud von Stotzingen publizierten Buch Birgitta Birgerstochter. Für mich hörte sich ihre Biografie immer so an, als habe sie alles, was
