Im Labyrinth des Zauberers - Das Schwert der Wahrheit - Terry Goodkind - E-Book

Im Labyrinth des Zauberers - Das Schwert der Wahrheit E-Book

Terry Goodkind

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9,99 €

Beschreibung

Seine Beute sind die Gefährten des Suchers – der dritte Band des neuen Zyklus »Die Kinder von D'Hara«.

Während Richard Rahl noch eine Möglichkeit sucht, seine Frau und seine ungeborenen Zwillinge in Sicherheit zu bringen, stößt er auf eine weitere Bedrohung für ihr Wohlergehen. Ein dunkler Zauberer hat sich in dem magischen Labyrinth unter dem Palast des Volkes eingenistet und bringt immer mehr von Richards Gefährten in seine Gewalt. Richard muss ihm entgegentreten – und verstrickt sich in dessen magischem Netz.

Die Kinder von D'Hara bei Penhaligon:
1. Die goldene Göttin
2. Die Vorboten des Todes
3. Im Labyrinth des Zauberers
4. Der Bann der Hexe
5. Das Tor zur Dunkelheit

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Seitenzahl: 199

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Buch

Während Richard Rahl noch eine Möglichkeit sucht, seine Frau und seine ungeborenen Zwillinge in Sicherheit zu bringen, stößt er auf eine weitere Bedrohung für ihr Wohlergehen. Ein dunkler Zauberer hat sich in dem magischen Labyrinth unter dem Palast des Volkes eingenistet und bringt immer mehr von Richards Gefährten in seine Gewalt. Richard muss ihm entgegentreten – und verstrickt sich in dessen magischem Netz.

Autor

Terry Goodkind (*1948 † 2020) wurde in Omaha, USA, geboren und war nach seinem Studium zunächst als Rechtsanwalt tätig. 1994 erschien sein Roman »Das erste Gesetz der Magie«, der weltweit zu einem sensationellen Erfolg wurde und den Auftakt zu einer der erfolgreichsten Fantasy-Sagas aller Zeiten bildet. Er lebte bis zu seinem Tod in Maine, USA.

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Wasteland (The Children of D’Hara, Episode 3)« bei Head of Zeus, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright der Originalausgabe © 2019 by Terry Goodkind

Published in agreement with the author

c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2021 by Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Werner Bauer

Covergestaltung: Max Meinzold, München, Inkcraft nach einer Originalvorlage von Head of Zeus Ltd

HK · Herstellung: MR

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-26478-9V002

www.penhaligon.de

1

»Du musst zur Burg der Zauberer«, meinte Kahlan zu Richard. Mit dem Kloß in ihrer Kehle hatte sie Mühe, die Worte herauszubringen. »Beeile dich. Ich komme schon zurecht. Nimm die Sliph und mach dich auf den Weg.«

Richard hatte kein Wort gesprochen. Er schien an Ort und Stelle erstarrt, wie er dort oben auf der Steinmauer rings um die Sliph stand.

»Tut mir leid, dass auch Ihr nicht in mir reisen könnt, Mutter Konfessor«, verkündete die Sliph mit ihrer seidigen Stimme, während sie ein aalglattes, silbriges Lächeln sehen ließ, »aber Ihr selbst wie auch Eure Ungeborenen würden in mir ums Leben kommen.«

Kahlan fand, die Sliph klang doch ein wenig allzu zufrieden, dass sie nicht zusammen mit Richard würde reisen können. Und sie kämpfte mit Tränen niederschmetternder Enttäuschung, dass sie weder in der Sliph reisen noch zur Burg der Zauberer gelangen konnte. Die Burg war ein sicherer Ort, der, neben den Schwestern des Lichts und anderen mit der Gabe Gesegneten, selbst über mächtige Schilde verfügte. Die massive Burg der Zauberer war dafür ausgelegt, den Obersten Zauberer zu beschützen – und infolgedessen auch alle ihm Nahestehenden sowie seine Kinder. Dort, so ihr untrügliches Gefühl, würden sie vor der Goldenen Göttin und den Glee sicher sein. Richards und Kahlans Kinder würden dort in Sicherheit heranwachsen und lachend durch die Hallen toben können, wie Kahlan dies als kleines Mädchen getan hatte, derweil Richard einen Weg fand, der Bedrohung durch die Goldene Göttin und ihre Art ein Ende zu bereiten.

Doch wegen ihrer Schwangerschaft war es Kahlan unmöglich, in der Sliph zu reisen. Auf einmal schien die Burg der Zauberer sehr weit weg.

»Ich werde Lord Rahl mitnehmen«, girrte die Sliph und legte einen quecksilbrigen Arm um Richards Hüfte, als der wie paralysiert auf der steinernen Ummauerung ihres Brunnens stand und zu Kahlan hinunterstarrte. »Wie Ihr sagt, Mutter Konfessor, Ihr könnt hier zurückbleiben, während ich ihn zur Burg der Zauberer bringe.«

Außerstande, der Anspannung unter Richards durchdringendem Blick standzuhalten, platzte Kahlan heraus: »Geh!«

So sehr sie sich auch dagegen wehrte, traten ihr aus diesem Grund zusätzliche Tränen in die Augen. Sie wusste, viel länger würde sie sie nicht zurückhalten können. Sie wollte, dass er loszog, ehe ihr die Kontrolle über ihre Gefühle entglitt.

Shale blickte von Kahlan zu Richard. »Ich werde sie beschützen, Lord Rahl, während Ihr Hilfe holen geht.«

»Wir auch«, warf Cassia ein und pflichtete Shale mit einem Nicken bei. Sie trat näher zu Kahlan hin. »Mit unserem Leben.«

Vika, die neben Richard auf der Ummauerung stand, meinte: »Ich werde Lord Rahl zu seinem Schutz begleiten.«

Sie sah hinüber zu ihm, unschlüssig, ob sie sich vor ihm in die aufgewühlten, silbrigen Fluten der Sliph stürzen oder noch warten sollte.

Kahlans Unterlippe begann zu zittern. »Würdest du jetzt bitte gehen und Hilfe holen, Richard? Ich habe ja dein Schwert. Ich weiß es zu gebrauchen, außerdem hat es mir in deiner Abwesenheit auch früher schon gute Dienste geleistet. Ich habe jede Menge Schutz und werde bestens zurechtkommen, bis du wieder bei mir sein kannst.«

Schließlich löste sich Richard aus der silbrigen Umarmung der Sliph. Als er dies tat, schreckte diese zurück, schien mit dem Becken zu verschmelzen und ein Teil dessen zu werden, was nichts weiter als im Brunnen schwappendes, flüssiges Silber zu sein schien. Das glänzende Silbergesicht, in dem sich der Raum ringsum spiegelte, verriet keinerlei Regung.

Vom Arm der Sliph befreit, sprang Richard von der niedrigen Mauer herunter und durchquerte den Raum. Sein Raubtierblick nahm außer ihr nichts wahr. Aus Angst, was er womöglich sagen könnte, wich sie unwillkürlich einen Schritt zurück.

Bei ihr angekommen, nahm Richard sie sanft in seine starken Arme und zog sie fest an sich. Sie konnte schon wieder oder noch immer ihre Tränen nicht zurückhalten und vergrub ihr Gesicht an seiner breiten Schulter. »Tut mir leid, Richard«, platzte sie heraus. »Tut mir leid, dass ich dir nichts davon erzählt habe. Ich konnte nicht, nicht mitten in …«

Er drückte ihren Kopf an seine Schulter. »Ruhig jetzt. Kein Grund, wegen etwas so Wunderbarem Tränen zu vergießen.«

»Aber …«

»Ich werde dich auf keinen Fall zurücklassen.«

»Aber du musst zur Burg der Zauberer.«

»Wir werden uns etwas einfallen lassen. Ich lasse dich nicht zurück, nicht in einer solchen Zeit.«

»Ich wollte es dir nicht sagen. Du musst uns doch beschützen können. Ich wollte dich nicht auch noch damit belasten, wollte nicht, dass du abgelenkt wirst.«

Mit einem leisen Lachen zog er sie kurz noch fester an sich. »Es lenkt mich nicht ab, Kahlan. Es ist ein Ansporn.« Er wich zurück, hielt sie bei den Armen und sah ihr in die Augen. »Die Sliph sprach von Ungeborenen. Nicht von einem Ungeborenen, sondern mehreren.«

Kahlan nickte. »Ich bin mit Zwillingen schwanger.«

Überrascht hob Richard leicht die Brauen. Sein Lächeln wärmte ihr das Herz und vertrieb in diesem Augenblick ihre ganze schreckliche Angst. Sofort kehrte die uneingeschränkte Freude darüber zurück.

»Ein Junge und ein Mädchen«, bemerkte Shale.

Er warf ihr ernst einen finsteren Blick zu. »Ihr habt davon gewusst?«

Einen Finger an seinem Kinn, bog Kahlan sein Gesicht wieder herum. »Sie musste mir schwören, dir nichts zu verraten. Schätze, ich hab denselben Fehler gemacht wie die Göttin, oben in der Bibliothek.«

Sein Lächeln kehrte zurück, und er sah ihr fest in die Augen. »Welchen Fehler denn?«

»Ich habe dich unterschätzt.«

Sein Lächeln wurde breiter.

Kahlan wurde wieder ernst. »Trotzdem, Richard, du musst nach wie vor zur Burg der Zauberer. Du kannst nicht hierbleiben, sofern du darauf hoffst, der Göttin Einhalt zu gebieten. Das allein zählt. Dort gibt es mit der Gabe Gesegnete, die vielleicht helfen können. Die Schwestern des Lichts sind dort. Vielleicht kannst du in der Sliph einen kurzen Abstecher dorthin unternehmen und einige der Schwestern hierher mitbringen.«

»Du bist das Einzige, was zählt«, erwiderte er sanft, und zog sie erneut in seine Arme. »Das ist es, wofür wir seit unserer ersten Begegnung in den Wäldern Kernlands gekämpft haben«, erklärte er ihr. »Für das Leben, für das Recht des Lebens auf sein Fortbestehen, für unser Glück.«

Nie hatte sie ihn mehr geliebt als in diesem Moment, da sie sich fest an ihn klammerte.

Sie hätte es wissen müssen.

2

»Was gedenkt Ihr zu tun, Lord Rahl?«, fragte Vika.

Er löste sich schließlich von Kahlan. »Natürlich das, was mein Großvater mir geraten hätte.«

Vika zog ihren Zopf über eine Schulter und behielt ihn in der Hand, während sie ihn von oben herab musterte. Schließlich sprang sie von der niedrigen Mauer herab.

»Ich verstehe nicht, Lord Rahl.«

»Mein Großvater Zedd meinte stets, denk nicht an das Problem, sondern an die Lösung. Das Problem ist, dass Kahlan nicht in der Sliph reisen kann. Darauf konzentrieren wir uns jetzt.«

»Ich habe Euren Großvater nicht gekannt.« Vika schien ratlos. »Tut mir leid, Lord Rahl, aber ich weiß nicht, was das heißen soll.«

»Es soll heißen, dass wir, anstatt über das Problem nachzudenken – dass die Sliph uns nicht alle mitnehmen kann –, über die Lösung nachdenken müssen. Ich hoffe, dass wir in der Burg der Zauberer sicher sein werden, insbesondere Kahlan, also müssen wir dorthin. Besteht das Problem nun darin, dass sie nicht in der Sliph reisen kann, lautete die Lösung, dass wir sie auf andere Weise dorthin schaffen müssen.«

Vikas Miene hellte auf. »Ich werde Pferde und Vorräte organisieren.«

Richard schenkte ihr ein Lächeln. »Gut mitgedacht, Vika. Das ist die Lösung.«

Shale trat näher. »Wäre das nicht gefährlich, Lord Rahl? Auf dem Landweg dorthin zu reisen? Ich bin aus dem Nördlichen Ödland, wo es auch schon reichlich Gefahren gibt, aber über viele Orte dort unten habe ich überaus hässliche Dinge gehört. Angeblich ist D’Hara für sich genommen schon gefährlich genug, die Midlands aber sind eine unzivilisierte und wilde Gegend, die zu durchreisen ziemlich riskant sein kann.«

Das wusste Kahlan nur zu gut. Als sie selbst noch durch die Midlands reiste, war sie zu ihrem Schutz stets von Giller, einem erfahrenen Zauberer, begleitet worden. Natürlich war auch Richard ein Zauberer, zudem mächtiger, als Giller jemals gewesen war. Der jedoch besaß den Vorteil, dass er sein Leben lang im Gebrauch seiner Fertigkeit sowie in den Gefahren der Midlands unterwiesen worden war.

Richard war in Westland, fernab jeglichen Wissens um Magie aufgewachsen, zudem wirkte die Gabe bei ihm nicht so wie bei anderen. Anders als der typische mit der Gabe Gesegnete konnte er sein Talent nicht unbedingt nach Belieben bemühen – einerseits, weil es ihm an lebenslanger Übung mangelte, aber auch, weil seine Gabe grundsätzlich anders war. Als Gabe eines Kriegszauberers entfaltete sie sich hauptsächlich über seinen Zorn.

»Ich kann bezeugen, dass die Midlands wirklich gefährlich sind«, sagte Kahlan. »Aber sie sind auch ein Ort voller Schönheit und Wunder.«

Shale warf ihr einen zynischen Blick zu. »Schönheit wird uns nicht retten. ›Gefährlich‹ ist das Schlüsselwort. Wir wären gezwungen, eine Menge gefährliches Gebiet zu durchqueren.«

»Nun, ganz offensichtlich wäre es gefährlich für uns, im Palast des Volkes zu bleiben«, erklärte Richard der Zauberin. »Solange wir hier sind, werden wir andauernd Gefahren und brutalen Attacken ausgesetzt sein. Hier kann die Göttin sozusagen ein Auge auf uns halten, mithilfe eines jeden im Palast, der nicht die Gabe besitzt. Das ist so ziemlich jeder. Sie kann uns beobachten und sich für ihren Angriff einen Moment aussuchen, wenn wir am schwächsten sind. Wir können uns hier keinen Augenblick sicher fühlen. In der Burg gibt es mit der Gabe Gesegnete, die uns vielleicht helfen können, und vielleicht noch wichtiger, sie verfügt über mächtige Schilde jeglicher Art, die Kahlan und die Ungeborenen zu schützen vermögen. Hier im Palast des Volkes gibt es ebenfalls ein paar Schilde, aber nicht annähernd genug. Hier ist es für uns einfach nicht sicher. Wir müssen an einen sicheren Ort, damit wir überlegen können, wie wir gegen diese Gefahr vorzugehen gedenken, und dieser Ort ist die Burg der Zauberer in Aydindril. Da wir nicht in der Sliph reisen können, werden wir entweder zu Fuß gehen oder reiten. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. So einfach ist das.«

Shale, die Arme verschränkt, ließ sich seine Worte einen Moment lang durch den Kopf gehen und wurde dabei merklich ruhiger. »Ihr habt recht. Hier sind wir nicht sicher. Einen besseren Vorschlag habe ich auch nicht anzubieten.«

Berdine bedachte ihn mit einem finsteren Blick, die blauen Augen voller Zorn. »Also, ich werde ebenfalls mitkommen. Diesmal werde ich nicht zurückbleiben. Ich. Komme. Mit.«

Richard erwiderte die ihr so deutlich ins Gesicht geschriebene Besorgnis mit einem Lächeln. »Natürlich kommt Ihr mit. Ich würde nicht einmal daran denken, ohne Euch loszuziehen, Berdine. Wir werden alle zusammen gehen.«

»Ich werde eine Abteilung der Ersten Rotte zusammenstellen, die uns eskortieren soll«, erbot sich Cassia. »Wie viele Soldaten wünscht Ihr mitzunehmen?«

Einen Arm um Kahlans Hüfte, ließ Richard die angespannten Mienen auf sich wirken, die ihn musterten. »Keinen. Das können wir nicht riskieren.«

Cassia beugte sich vor, als hätte sie nicht richtig gehört. »Nicht riskieren? Wir können nicht riskieren, uns beschützen zu lassen? Es ist ein weiter Weg durch jede Menge gefährliches Gebiet. Eine Einheit aus Kavallerie und Soldaten der Ersten Rotte würde abschreckend auf diese Gefahren wirken. Eine Zurschaustellung unserer Macht würde einen Kampf von vorneherein unterbinden. Ein Kampf wäre das Letzte, was wir wollen. Ihr selbst oder die Mutter Konfessor könntet dabei verletzt oder gar getötet werden. Wieso wollt Ihr auf einen angemessenen Schutz verzichten?«

»Weil die Göttin die Fähigkeit besitzt, uns durch die Soldaten auszuspionieren, genau wie sie sich auch jedes anderen bedienen kann. Kennt sie unseren genauen Aufenthaltsort, kann sie die Glee losschicken, um uns in den Midlands in offenem Gelände anzugreifen. Schlimmer noch, so wie sie sich Nolos bediente, um Kahlan zu erstechen, als er mit ihr alleine war, könnte sie einen dieser Männer dazu benutzen, uns zu attackieren, wenn wir dies am wenigsten erwarten. Nolo war mit dem Messer ziemlich ungeschickt, die Soldaten der Ersten Rotte dagegen sind Experten im Gebrauch ihrer Waffen. Sie würden uns nicht etwa den Rücken frei halten, sie würden zur Gefahr, sobald wir ihnen den Rücken kehren. Bereits ein einziger Erfolg der Goldenen Göttin wäre Kahlans Tod. Damit hätte sie ihr Ziel erreicht, jede Chance auf den Fortbestand unserer Magie zunichtezumachen. Die spätere Auslöschung der Bevölkerung dieser Welt wäre damit gesichert.«

»Er hat recht«, sagte Kahlan, deren Kräfte jetzt endlich zurückkehrten, da Richard von ihrer Schwangerschaft wusste und entschlossen war, sie und die Zwillinge zu beschützen. Und, wichtiger noch, seine Argumentation machte deutlich, dass ihre Schwangerschaft nicht etwa die befürchtete Ablenkung war. »Es ist keine Frage ihrer Untertanentreue. Die ist über jeden Zweifel erhaben, wie wir wissen. Es ist eine Frage der Fähigkeit eben jener Göttin, sie ihrem Willen zu unterwerfen und zu missbrauchen.«

Richard wandte sich wieder herum zur Sliph. Deren silbriges Gesicht beobachtete sie noch immer, und in dessen glänzender Oberfläche spiegelten sich die Personen, die sie beide beobachteten.

»Du kannst jetzt wieder schlafen gehen, Sliph. Danke, dass du hergekommen bist.«

»Selbst wenn die Mutter Konfessor nicht reisen kann, ich kann dich trotzdem zur Burg der Zauberer bringen, Lord Rahl. Komm, wir reisen. Du wirst zufrieden sein.«

»Das würde ich sehr gern, aber ich kann Kahlan nicht alleine lassen. Ich muss hierbleiben und sie beschützen. Da mir das Vergnügen, in dir zu reisen, verwehrt bleibt, kannst du bis zu dem Tag, da ich wieder in dir reisen kann, wieder in deinen Schlummer zurückkehren.«

Kahlan wusste um Richards Vertrautheit mit dem einzigartigen Wesen der Sliph. Nicht nur wusste er, wie er mit ihr sprechen musste, sodass sie verstand, er wusste sich auch so auszudrücken, dass er ihr Vertrauen nicht verlor. Nur war ihr diese unbedingte Schmeichelei zuwider.

»Danke, mein Gebieter. Es betrübt mich, dass du nicht in mir reisen wirst. Du wärst zufrieden gewesen.«

»Ja, das weiß ich. Ich hoffe, bald wieder das Vergnügen zu haben, in dir zu reisen. Bis dahin darfst du in die Gesellschaft deiner Seele zurückkehren.«

Das silbrige Gesicht lächelte. »Ich danke dir, mein Gebieter.«

Damit schien das glänzende, silbrige Gesicht wieder mit dem sich unablässig bewegenden flüssigen Silber zu verschmelzen, bis ihre gesamte Masse schließlich mit zunehmender Geschwindigkeit rasch in die Tiefe und außer Sicht hinabsank.

Shale stemmte die Fäuste in die Hüften. »Das werdet Ihr mir irgendwann erklären müssen.«

»Wenn Ihr wollt«, erwiderte er, »aber ich sage Euch gleich, Ihr werdet nicht glücklicher sein, wenn Ihr die Geschichte kennt.«

Als sie die Arme wieder fallen ließ, wies Richard auf die ihn musternden Frauen ringsum. »Von jetzt an können wir neun allein uns selbst vertrauen. Wir alle besitzen Magie, die verhindert, dass die Goldene Göttin in unseren Verstand eindringt oder durch unsere Augen sieht.«

»Glaubt Ihr wirklich«, hakte Shale nach, »dass die Göttin sich ihrer bedienen könnte, wenn wir Euch treu ergebene Soldaten mitnehmen würden?«

Richard zuckte die Achseln. »Möglicherweise nicht, aber seid Ihr bereit, dieses Risiko einzugehen?«

»Seid Ihr bereit, das Risiko einer Gefährdung der Mutter Konfessor einzugehen, indem Ihr durch gefährliche Gebiete reist?«, hielt die Zauberin dagegen.

Richard sah sie skeptisch an. »Demnach habt Ihr im gefährlichen Nördlichen Ödland auf Soldaten zu Eurem Schutz vertraut?«

»Nein, vertraut habe ich nur auf mich selbst.« Shale seufzte, als sie merkte, was er soeben getan hatte. »Ich verstehe, was Ihr meint.«

»Bei unserer ersten Begegnung habt Ihr mir erzählt, ihr hättet beim Meditieren ein fremdes Wesen spüren können, das, wenn auch erfolglos, in Euern Verstand einzudringen versuchte. Wisst Ihr noch?«

»Ja.«

»Dabei muss es sich um die Göttin gehandelt haben. Eure Gabe hat Euch beschützt, sodass sie nicht eindringen konnte. Keiner der Soldaten verfügt über einen derartigen Schutz.«

Mit diesen Worten holte Richard sein Schwert von dort zurück, wo er es gegen die Steinmauer des Brunnens gelehnt hatte. Er ließ den Waffengurt über den Kopf gleiten, befestigte die Scheide dann an seiner linken Hüfte. Nacheinander sah er jeden Einzelnen von ihnen an. »Bis zum Erreichen der Burg und der womöglich hilfreichen mit der Gabe Gesegneten dort, gilt: Wir neun gegen alle anderen, denn jeder andere ist eine mögliche Gefahr.«

Vika bedachte ihre Schwester-Mord-Sith mit einem listigen Lächeln. »Als Mord-Sith haben wir ohnehin nicht das Bedürfnis, auf Soldaten aufzupassen.« Sie wandte sich wieder Richard zu. »Sofern Ihr nicht der Meinung seid, wir gingen am besten zu Fuß, werden wir Pferde benötigen. Was im Palast ja kein Problem darstellen dürfte.«

»Außer, dass Leutnant Dolan und die Erste Rotte eines wissen: Wir wollen den Palast verlassen«, sagte Richard. »Also werden sie annehmen, dass wir dies zu Pferd tun. Das bedeutet, wir müssen davon ausgehen, dass die Göttin dies ebenfalls weiß und ein Auge darauf halten wird. Aber solange die Soldaten uns nicht aufbrechen sehen, wird sie nicht wissen, welche Richtung wir einschlagen. Offensichtlich würden wir zu Pferd einfacher und schneller zur Burg gelangen, aber sie mitzunehmen würde zwangsläufig bedeuten, dass die Soldaten das Zusammentreiben mitbekommen. Unzählige Soldaten der Ersten Rotte, die auf den hohen Festungswällen Wache stehen, würden uns zu Pferd aufbrechen sehen und unschwer darauf schließen, welchen Weg wir eingeschlagen haben.«

Kahlan stand die Besorgnis deutlich ins Gesicht geschrieben. »Was bedeutet, die Göttin könnte dies alles durch ihre Augen mitverfolgen.«

Richard gab ihr nickend recht. »Sich ungesehen zu Pferd davonzumachen ist also ein Problem.«

»Dann hört auf, über das Problem nachzudenken, und denkt an die Lösung«, sagte Shale.

»Und was wäre die Lösung?«, wandte Richard sich an sie.

Sie beugte sich zu ihm. »Denkt nach. Wer begleitet Euch auf dieser Reise?«

Ihre Art zu fragen erinnerte ihn an viele mit der Gabe Gesegnete, die ihm manch wertvolle Lektion erteilt hatten.

Nicht sicher, was sie meinte, zuckte er die Achseln. »Da hätten wir uns neun. Kahlan, mich selbst, sechs Mord-Sith …«

Sie zeigte ihm ein raffiniertes Lächeln, als sie hinzufügte: »Und mich.«

3

Die Stallungen befanden sich auf halbem Weg quer durch den weitläufigen, stadtähnlichen Palast. Sobald sie die Pferde hatten, würde Shale ihren Part übernehmen müssen.

Um nach Verlassen des Brunnenraums der Sliph vor allen Blicken verborgen zu bleiben, mussten sich die neun einen Weg durch ein Labyrinth aus unterirdischen Gängen und Tunnels bahnen, die außer den Mord-Sith kaum einer kannte oder benutzte, anschließend eiserne Leitern in Belüftungsschächten sowie eine Reihe uralter, rostiger Versorgungswendeltreppen erklimmen. Sie schafften es, auf der gesamten Strecke durch die selten genutzten Bereiche des Palasts unbemerkt zu bleiben.

Die vorausgehende Nyda ließ die Gruppe haltmachen, als sie vor einer kleinen, metallenen Zugangstür anlangte. Vorsichtig zog sie diese gerade weit genug auf, um hinauszuspähen. Nachdem sie sich überzeugt hatte, dass es sicher war, zog sie sie vollends auf und ließ die untersetzte, lockige Berdine als Erste hindurchgehen. Die groß gewachsene, blonde Nyda folgte als Nächste. Als Richard seinen Kopf hindurchsteckte, sah er, dass sie sich hinter einer Reihe von Lagergebäuden befanden. Jenseits davon gab es einen Bereitstellungsplatz und dahinter eine Anzahl von Gebäuden mit Stallungen. Die Gebäude waren überdacht zum Schutz gegen den offenen Himmel, an dem das schwindende Tageslicht zu sehen war und wo soeben der erste der neuen, fremden Sterne aufging.

Nicht weit davon, zwischen den dunklen Umrissen der Gebäude rechts und links von ihnen, befand sich ein gewaltiger Misthaufen, der seiner späteren Verwendung in den zahlreichen Gärten überall auf dem Palastgelände harrte. Diese Gärten und Gewächshäuser waren, neben den von Händlern durch den inneren Aufstieg herangeschafften Lebensmitteln, ein reichhaltiger Quell für frische Lebensmittel zur Versorgung der zahlreichen Palastbewohner. Der Mist diente zum Düngen der Nutzpflanzen.

Und ebendieser gewaltige Misthaufen diente den neun jetzt als Deckung. Aufgrund des Gestanks bot er kein angenehmes Versteck, doch Richard sagte sich, dass er nicht halb so übel war wie der bestialische Gestank der menschlichen Überreste tief unten im Bereich des Fundaments.

»Irgendwas hier riecht komisch«, bemerkte Shale.

Mit ungläubigem Blick wandte Richard sich herum zu ihr. »Hat vielleicht mit dem riesigen Misthaufen direkt vor uns zu tun?«

Shale beugte sich vor, um in die Ferne zu spähen. Der Sarkasmus schien bei ihr nicht zu verfangen. »Nein, es ist was anderes«, murmelte sie halb zu sich selbst.

»Nämlich was?«, fragte er.

Schließlich widmete sie ihm wieder ihre volle Aufmerksamkeit und schüttelte unglücklich den Kopf. »Ich bin nicht sicher. Es ist nichts, was ich zuvor schon einmal gerochen hätte, aber aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, ich sollte wissen, was es ist.«

Richard merkte, dass es ihr ernst war, trotzdem ergab es keinen Sinn, und er wollte keine Zeit für eine Diskussion des Unerklärlichen vergeuden. Stattdessen schob er sich gebückt weiter vor und beugte sich hinter einem Mistkarren hervor, um das Gelände zu erkunden.

In der Ferne sah er Soldaten zu Pferde soeben von einer Patrouille, vermutlich um den Sockel des Hochplateaus, zurückkehren. Gelegentlich wurden Pferde auch in den besonderen, für berittene Soldaten gedachten Höhlengängen eingesetzt, was es diesen ermöglichte, schnell zu abgelegenen Stellen oder Unruheherden zu gelangen. Manchmal benutzten sie durch das Innenleben des Hochplateaus führende Rampen, die ebenfalls ausschließlich von Truppen genutzt wurden. Seltener nahmen sie die schmale Straße, die sich um die Außenflanke des Hochplateaus wand.

Ebendiese Straße war es, die sie würden nehmen müssen, um hinunter in die Azrith-Ebene zu gelangen. Eines der Probleme dabei bestand darin, dass es dort eine Zugbrücke mit davor stationierten Soldaten gab. Richard vertraute darauf, dass Shale über irgendeinen Zauberinnentrick verfügte, der diese Männer sie für jemand anderen halten oder sie erst gar nicht bemerken ließe. Was sie tat, war ihm egal, solange es nur seinen Zweck erfüllte.

Vika zeigte auf einige Stallburschen, die die Pferde von den erschöpft absitzenden Soldaten entgegennahmen. »Dort drüben, wo der Mann gerade die Leuchten an der Außenwand der Stallungen entzündet, befindet sich eines der Gebäude, wo die frischen Pferde, die die Männer auf Patrouille mitnehmen, untergestellt sind.«

Eine Hand auf dem Heft des Messers in ihrer Gürtelscheide, schob Kahlan sich in gebückter Haltung neben Richard und Vika. So bezaubernd Richard sie in dem außergewöhnlichen Kleid der Mutter Konfessor fand – in ihren Reisekleidern, mit einem Messer an ihrer Seite, sah sie für ihn nicht minder umwerfend aus. Ein Teil ihres langen Haars fiel über eine Schulter nach vorn, als sie sich vorsichtig vorbeugte, um einen Blick zu riskieren.

»Wie viele frische Pferde stehen dort drinnen, was meint Ihr?«, fragte sie. »Denkt Ihr, es sind genug?«

Vika schien leicht überrascht von der Frage. »Allein in diesem Bereich gibt es jede Menge Stallungen. Dort stehen Aberhunderte Pferde. Die genaue Zahl kenne ich nicht, aber nach den Pferden, die ich hier und in anderen Bereichen gesehen habe, als ich unter der Herrschaft Darken Rahls im Palast gelebt und gearbeitet habe, könnten es sogar Tausende sein.«