Das Schwert der Wahrheit 4 - Terry Goodkind - E-Book

Das Schwert der Wahrheit 4 E-Book

Terry Goodkind

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Beschreibung

Das Fantasy-Meisterwerk jetzt in moderner Neuausstattung!

Richard und seine geliebte Kahlan planen, die Midlands unter ihrer Herrschaft zu vereinen, um ihnen endlich Frieden zu bringen. Doch da erscheint ein rätselhafter Mann an ihrem Hof. Der finstere Kaiser der Alten Welt selbst spricht aus seinem Mund und prophezeit unter Donnerschlägen das Ende Richards und der freien Völker Midlands – und lenkt die Liebenden damit nur von einer noch größeren Gefahr aus den eigenen Reihen ab …

»Das Schwert der Wahrheit« bei Blanvalet:
1. Das erste Gesetz der Magie
2. Die Schwestern des Lichts
3. Die Günstlinge der Unterwelt
4. Der Tempel der vier Winde
5. Die Seele des Feuers
6. Schwester der Finsternis
7. Die Säulen der Schöpfung
8. Das Reich des dunklen Herrschers
9. Die Magie der Erinnerung
10. Am Ende der Welten
11. Konfessor

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Seitenzahl: 1445

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Inhaltsverzeichnis

Die Nächte des Roten Mondes
1. Kapitel2. Kapitel
Copyright

Die Nächte des Roten Mondes

Für meine Freundin Rachel Kahlandt; eine, die versteht.

1. Kapitel

Erlaubt, daß ich ihn töte«, sagte Cara. Ihre Stiefelschritte knallten wie harte Peitschenhiebe auf dem polierten Marmorboden.

Die geschmeidigen Lederstiefel, die Kahlan unter ihrem eleganten, weißen Konfessorenkleid trug, scharrten leise über den kalten Stein, als sie versuchte mitzuhalten, ohne in einen Laufschritt zu verfallen.

»Nein.«

Cara zeigte keinerlei Reaktion. Sie richtete die blauen Augen geradeaus auf den breiten Korridor, der sich bis in die Ferne erstreckte. Ein Dutzend d’Haranische Soldaten in Leder und Kettenrüstung, mit schmucklosen Schwertern in der Scheide oder halbmondförmigen, an der Gürtelhalterung eingehakten Streitäxten, kreuzten unmittelbar vor ihnen an einem Quergang ihren Weg. Sie hatten die Waffen zwar nicht gezogen, aber sie hielten die Griffe aus Holz allzeit bereit fest in der Hand und beobachteten mit wachsamen Augen gewissenhaft die Schatten zwischen den Türöffnungen und Säulen zu beiden Seiten. Die Konzentration, mit der sie zur Sache gingen, wurde durch ihre flüchtige Verbeugung vor Kahlan nur kurz unterbrochen.

»Wir können ihn nicht einfach töten«, versuchte Kahlan zu erklären. »Wir brauchen Antworten.«

Eine Braue schnellte über einem eiskalten, blauen Auge in die Höhe. »Oh, ich hatte nicht gesagt, daß er uns vor seinem Tod keine Antworten geben wird. Wenn ich mit ihm fertig bin, wird er auf jede Frage antworten, die Ihr ihm stellt.« Ein freudloses Lächeln huschte wie ein Geist über ihr makelloses Gesicht. »Das ist die Aufgabe einer Mord-Sith: Leute dazu zu bringen, daß sie Fragen beantworten« – sie hielt inne, während sie abermals lächelte und deutlichen Stolz an den Tag legte –, »bevor sie sterben.«

Kahlan seufzte tief. »Das ist jetzt nicht mehr Eure Aufgabe und nicht mehr Euer Leben, Cara. Eure Aufgabe besteht jetzt darin, Richard zu beschützen.«

»Eben aus diesem Grund solltet Ihr mir erlauben, ihn zu töten. Wir sollten kein Risiko eingehen, indem wir den Mann am Leben lassen.«

»Nein. Zuerst müssen wir herausfinden, was gespielt wird, und wir werden es nicht auf Eure Art tun.«

Caras Lächeln, so humorlos es war, verschwand wieder. »Wie Ihr wollt, Mutter Konfessor.«

Kahlan fragte sich, wie die Frau es geschafft hatte, so schnell in ihre hautenge rote Lederkleidung hineinzukommen. Wenn es auch nur die geringsten Schwierigkeiten gab, schien wie aus dem Nichts wenigstens eine der drei Mord-Sith aufzutauchen. Auf Rot, betonten sie oft, sah man kein Blut.

»Hat dieser Mann das auch ganz bestimmt gesagt? Waren das genau seine Worte?«

»Ganz recht, Mutter Konfessor, genau das waren seine Worte. Ihr solltet mir erlauben, ihn zu töten, bevor er Gelegenheit hat, sie wahr zu machen.«

Kahlan überging die neuerliche Bitte. Die beiden eilten den Flur entlang. »Wo ist Richard?«

»Soll ich Lord Rahl holen gehen?

»Nein! Ich will nur wissen, wo er ist, falls es Ärger gibt.«

»Ich möchte meinen, das kann man durchaus als Ärger bezeichnen.«

»Ihr sagtet, der Mann werde von wenigstens zweihundert Soldaten mit Waffengewalt festgehalten. Wieviel Unheil kann ein einzelner Mann bei all den Schwertern, Äxten und Pfeilen hier anrichten?«

»Mein früherer Meister, Darken Rahl, wußte, daß man eine Gefahr nicht immer mit Stahl allein abwenden kann. Deswegen hatte er stets einsatzbereite Mord-Sith in der Nähe.«

»Dieser gottlose Kerl hätte Menschen umgebracht, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie tatsächlich eine Gefahr für ihn darstellen. Richard ist nicht so, und ich auch nicht. Wenn ich wirklich bedroht bin, dann zögere ich nicht zu handeln, das wißt Ihr. Aber wenn dieser Mann mehr ist, als er scheint, wieso zieht er dann vor all dem Stahl so ängstlich den Kopf ein? Außerdem bin ich den Gefahren, die Stahl nicht abwenden kann, als Konfessor wohl kaum schutzlos ausgeliefert.

Wir dürfen nicht den Kopf verlieren. Und vor allem sollten wir keine voreiligen Schlüsse ziehen, die vielleicht unbegründet sind.«

Kahlan merkte, daß sie der Frau um einen halben Schritt voraus war. Sie verlangsamte ihr Tempo, ging jedoch weiter forsch voran. »Wir reden hier schließlich über Richard.«

Cara grinste geziert. »Ihr seid ebenso besorgt wie ich.«

»Natürlich. Aber nach allem, was wir wissen, und falls dieser Mann tatsächlich mehr ist, als er scheint, könnte es eine Falle sein, die zuschnappt, wenn wir ihn töten.«

»Da könntet Ihr recht haben, aber das ist der Zweck der Mord-Sith.«

»Also, wo ist Richard?«

Cara packte das rote Leder an ihrem Handgelenk, zog den gepanzerten Handschuh stramm und ballte die Hand zur Faust. Ihr Strafer, eine fürchterliche Waffe, die nichts weiter zu sein schien als ein fingerdicker, ein Fuß langer Lederstab, baumelte allzeit bereit an einer dünnen Goldkette an ihrem Handgelenk. Sein Gegenstück hing an einer Kette um Kahlans Hals, stellte in den Händen der Mutter Konfessor jedoch keine Waffe dar. Er war ein Geschenk von Richard, ein Geschenk, das für die Schmerzen und die Opfer stand, die beide durchgemacht hatten.

»Er ist draußen hinter dem Palast, in einem der Gärten.« Cara deutete über ihre Schulter. »In dem dort hinten. Raina und Berdine sind bei ihm.«

Kahlan war erleichtert, daß die beiden anderen Mord-Sith auf ihn aufpaßten. »Hat das etwas mit der Überraschung zu tun, die er für mich hat?«

»Mit welcher Überraschung?«

Kahlan lächelte. »Er hat Euch doch bestimmt davon erzählt, Cara.«

Cara sah sie kurz verstohlen aus den Augenwinkeln an. »Natürlich hat er mir davon erzählt.«

»Und, was ist es?«

»Er hat mir aufgetragen, Euch nichts davon zu sagen.«

Kahlan zuckte die Achseln. »Ich werde ihm nicht verraten, daß Ihr mir davon erzählt habt.«

Caras Lachen, wie zuvor schon ihr Lächeln, war gänzlich humorlos. »Lord Rahl verfügt über die seltsame Eigenschaft, Dinge herauszufinden, vor allem die, die man vor ihm verbergen will.«

Davon konnte Kahlan ein Lied singen. »Und was tut er nun da draußen?«

Die Muskeln in Caras Kiefer spannten sich. »Was man halt draußen so macht. Ihr kennt Lord Rahl, er hält sich gerne unter freiem Himmel auf.«

Kahlan schaute hinüber und erkannte, daß Caras Gesicht fast so rot geworden war wie ihre Lederkleidung. »Und was macht er nun?«

Cara räusperte sich in ihre gepanzerte Faust. »Er zähmt Backenhörnchen.«

»Er macht was? Ich habe Euch nicht verstanden.«

Cara machte eine ungeduldige Handbewegung. »Er meinte, die Backenhörnchen seien herausgekommen, weil es wieder wärmer wird. Er zähmt sie.« Sie blies beleidigt die Wangen auf. »Mit Körnern.«

Die Vorstellung, daß Richard, der Mann, den sie liebte, der Mann, der die Herrschaft über D’Hara an sich gerissen hatte und dem jetzt ein großer Teil der Midlands aus den Händen fraß, Backenhörnchen beibrachte, ihm Körner aus der Hand zu fressen, ließ Kahlan schmunzeln.

»Nun, das klingt doch ganz harmlos – Backenhörnchen zu füttern.«

Cara ballte erneut die Faust, während sie zwischen zwei d’Haranischen Wachposten hindurcheilten. »Er bringt ihnen bei«, erklärte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, »diese Körner aus Rainas und Berdines Hand zu fressen. Die beiden albern herum!« Sie sah gequält zur Decke und warf die Hände in die Höhe. »Herumalbernde Mord-Sith!«

Kahlan preßte ihre Lippen aufeinander und versuchte, nicht lauthals loszulachen. Cara zog ihren blonden Zopf nach vorne und liebkoste ihn auf eine Weise, die in Kahlan beunruhigende Erinnerungen daran wachrief, wie die Hexe Shota ihre Schlangen streichelte.

»Na ja«, versuchte Kahlan, die Empörung der anderen Frau ein wenig zu besänftigen, »vielleicht war es nicht ihre eigene Entscheidung. Sie stehen in seiner Pflicht. Vielleicht hat Richard es ihnen befohlen, und sie gehorchen nur.«

Cara blickte sie ungläubig an. Kahlan wußte, daß jede einzelne der drei Mord-Sith Richard bis in den Tod verteidigen würde. Sie hatten bereits bewiesen, daß sie bereit waren, ihr Leben ohne Zaudern zu opfern. Aber obwohl sie ihm durch Magie verpflichtet waren, mißachteten sie seine Befehle nach Belieben, wenn sie sie für belanglos, unwichtig oder unklug hielten. Nach Kahlans Vermutung lag das daran, daß es ihnen Spaß machte, von der Freiheit, die Richard ihnen gegeben hatte, Gebrauch zu machen. Darken Rahl, ihr früherer Meister und Richards Vater, hätte sie in der Zeitspanne eines Herzschlags getötet, wäre ihm jemals der Verdacht gekommen, sie gehorchten seinen Befehlen nicht, ganz gleich, wie belanglos diese waren.

»Je eher Ihr Lord Rahl heiratet, desto besser. Statt Backenhörnchen beizubringen, Mord-Sith aus der Hand zu fressen, wird er dann Euch aus der Hand fressen.«

Die Vorstellung, seine Frau zu sein, entlockte Kahlan ein fröhliches Lachen. Lange würde es nicht mehr dauern. »Ich habe Richard meine Hand versprochen, aber Ihr solltet Euch wie alle anderen auch darüber im klaren sein, daß er mir niemals daraus fressen wird.«

»Wenn Ihr wieder bei Verstand seid, kommt zu mir, dann zeige ich Euch, wie Ihr vorgehen müßt.« Cara richtete ihr Augenmerk auf die wachsamen d’Haranischen Soldaten. Überall eilten Bewaffnete vorbei, die in jeden Flur schauten und hinter jede Tür, zweifellos, weil Cara darauf bestanden hatte.

»Egan ist ebenfalls bei Lord Rahl. Er dürfte in Sicherheit sein, solange wir uns um diesen Kerl kümmern.«

Kahlans gute Laune schwand dahin. »Wie ist er überhaupt hier reingekommen? Ist er mit den Bittstellern gekommen?«

»Nein.« Caras Tonfall wurde wieder frostig. »Aber ich habe die Absicht, es herauszufinden. Soweit ich weiß, ist er einfach zu einer Wachpatrouille vor dem Ratssaal gegangen und hat gefragt, wo er Lord Rahl finden könne. Als könnte einfach jeder hereinspazieren und darum bitten, vom Herrscher D’Haras empfangen zu werden, so als wäre er der oberste Metzger, zu dem jeder hingehen kann, wenn er ein besonders schönes Stück Lammfleisch möchte.«

»Und da haben die Wachen ihn gefragt, warum er Richard sprechen will?«

Cara nickte. »Ich denke, wir sollten ihn töten.«

Die Erkenntnis wand sich kalt kribbelnd Kahlans Rücken hinauf. Cara war nicht einfach nur eine aggressive Leibwächterin, der es nichts ausmachte, das Blut anderer zu vergießen – sie hatte zudem Angst. Angst um Richard.

»Ich will wissen, wie er hier reingekommen ist. Er hat sich einer Patrouille im Innern des Palastes gestellt. Es hätte ihm nicht möglich sein dürfen, in den Palast zu gelangen und unbehelligt herumzulaufen. Was, wenn es eine Lücke in unseren Sicherheitsvorkehrungen gibt? Sollten wir das nicht besser klären, bevor noch jemand auftaucht, der nicht die Höflichkeit besitzt, sich anzumelden?«

»Wir können es klären, wenn Ihr mir erlaubt, es auf meine Art zu tun.«

»Noch wissen wir nicht genug. Am Ende ist er tot, bevor wir etwas herausgefunden haben, und dann wird die Gefahr für Richard womöglich noch größer.«

»Also schön«, meinte Cara seufzend. »Wir werden es auf Eure Weise machen, solange Ihr Euch darüber im klaren seid, daß ich Befehle zu befolgen habe.«

»Was für Befehle?«

»Lord Rahl hat uns aufgetragen, Euch ebenso zu beschützen, wie wir ihn beschützen würden.« Mit einer raschen Kopfbewegung warf sie ihren blonden Zopf über ihre Schulter nach hinten. »Wenn Ihr nicht vorsichtig seid, Mutter Konfessor, und Richard durch Eure Zurückhaltung unnötig gefährdet, werde ich ihm meine Einwilligung, Euch zu behalten, wieder entziehen.«

Kahlan lachte. Ihr Lachen erstarb, als Cara nicht einmal lächelte. Sie war nie ganz sicher, wann die Mord-Sith scherzten und wann ihnen etwas todernst war.

»Hier entlang«, sagte Kahlan. »Der Weg ist kürzer, außerdem will ich in Anbetracht unseres seltsamen Besuchers sehen, was für Bittsteller warten. Der Mann könnte ein Täuschungsmanöver sein, das unsere Aufmerksamkeit von jemand anderem ablenken soll – der eigentlichen Bedrohung.«

Caras Braue zuckte, als hätte jemand sie zurechtgewiesen. »Warum, glaubt Ihr, habe ich den Saal der Bittsteller abriegeln und von Wachen umstellen lassen?

»Ich hoffe, Ihr habt es getan, ohne daß jemand etwas bemerkt hat. Es gibt keinen Grund, unschuldige Bittsteller zu verschrecken.«

»Ich gab den Offizieren den Befehl, den Leuten keine unnötige Angst zu machen. Aber vorrangig ist es, Lord Rahl zu beschützen.«

Kahlan nickte. Dem konnte sie nicht widersprechen.

Zwei muskelbepackte Wachtposten verneigten sich gemeinsam mit zwanzig anderen ganz in der Nähe, dann zogen sie die hohe, messingbeschlagene Tür auf, die in einen Säulengang führte. Parallel zu den weißen Marmorsäulen lief ein steinernes Geländer, das von dickbauchigen, vasenähnlichen Balustern gestützt wurde. Die Barriere, die die Bittsteller in dem einhundert Fuß langen Raum vom Korridor der Beamten trennte, hatte eher symbolische Bedeutung, als daß sie tatsächlich eine Absperrung war. Oberlichter, dreißig Fuß über den Köpfen, beleuchteten den Warteraum und wurden von dem gedämpften goldenen Licht der Lampen ergänzt, die man oben in jedes einzelne kleine Deckengewölbe gehängt hatte.

Es war von alters her Brauch, daß die Menschen – Bittsteller – in den Palast der Konfessoren kamen, um alles mögliche zu erbitten, angefangen mit der Schlichtung bei Unstimmigkeiten über das Recht von Straßenhändlern auf begehrte Standplätze bis hin zu Ersuchen um ein bewaffnetes Eingreifen bei Grenzstreitigkeiten. Angelegenheiten, die von den Beamten der Stadt geregelt werden konnten, wurden an die entsprechenden Ämter verwiesen. Anliegen, die von Würdenträgern eines Landes vorgetragen wurden – vorausgesetzt, man erachtete sie für wichtig genug, oder man konnte sie auf keine andere Weise regeln –, wurden dem Rat vorgebracht. Der Saal der Bittsteller war jener Ort, wo Protokollbeamte über die Zuteilung der Anfragen entschieden.

Bei Darken Rahls – Richards Vaters – Überfall auf die Midlands waren viele der Beamte aus Aydindril ums Leben gekommen, darunter auch Saul Witherrin, der Protokollchef, sowie der größte Teil seines Stabes. Richard hatte Darken Rahl besiegt und war, da er der einzige Erbe mit der Gabe war, zum Herrscher von D’Hara aufgestiegen. Er hatte die Zwistigkeiten und Kämpfe zwischen den Ländern der Midlands beigelegt, indem er ihre Kapitulation gefordert und sie damit alle gemeinsam zu einer Macht vereint hatte, die imstande wäre, der Bedrohung durch die Alte Welt und die Imperiale Ordnung zu widerstehen.

Kahlan war nicht recht wohl bei der Vorstellung, diejenige Mutter Konfessor zu sein, unter deren Herrschaft die Midlands als formale Einheit, als Zusammenschluß souveräner Länder aufgelöst worden waren, andererseits wußte sie, daß sie vor allem den Menschen verpflichtet war und nicht der Tradition. Wenn man der Imperialen Ordnung keinen Einhalt gebot, würde sie die Welt unterjochen, und die Völker der Midlands würden zu Leibeigenen werden. Richard hatte erreicht, was sein Vater nicht hatte erreichen können, wenn auch aus völlig anderen Gründen. Sie liebte Richard und wußte, daß er in guter Absicht nach der Macht gegriffen hatte.

Bald würden sie heiraten, und ihre Hochzeit würde die Midlands und D’Hara für alle Zeiten in Freiheit und Einigkeit vereinen. Mehr noch aber würde die Vermählung eine persönliche Erfüllung ihrer Liebe und ihrer tiefen Sehnsucht füreinander sein: eins zu werden.

Kahlan vermißte Saul Witherrin. Er war ein fähiger Adjutant gewesen. Da jetzt auch die Ratsmitglieder tot und die Midlands ein Teil D’Haras waren, herrschte in den protokollarischen Angelegenheiten eine große Unordnung. Ein paar niedergeschlagene d’Haranische Beamte standen an der Schranke und versuchten, den Bittstellern bei ihren Anliegen behilflich zu sein.

Beim Eintreten versuchte Kahlan, sich einen Überblick über die Art Probleme zu verschaffen, die an diesem Tag an den Palast herangetragen wurden. Ihrer Kleidung nach schienen die meisten Anwesenden aus der nahen Stadt Aydindril zu stammen: Arbeiter, Ladenbesitzer und Kaufleute.

Sie sah eine Gruppe Kinder, die sie vom Vortag kannte, als Richard sie mitgenommen hatte, um ihnen beim Ja’la-Spiel zuzusehen. Sie hatte das schnelle Spiel zum ersten Mal gesehen, und für ein paar Stunden war es eine angenehme Ablenkung gewesen, ihnen zuzusehen. Wahrscheinlich wollten die Kinder, daß Richard käme und sich ein weiteres Spiel ansah. Er hatte beide Mannschaften angefeuert. Kahlan bezweifelte, daß es einen Unterschied gemacht hätte, wenn er sich für eine Mannschaft entschieden und sie mehr angefeuert hätte als die andere. Kinder fühlten sich zu Richard hingezogen und schienen instinktiv sein großes Herz zu spüren.

Kahlan erkannte mehrere Diplomaten aus ein paar kleineren Ländern wieder, die, wie sie hoffte, gekommen waren, um Richards Angebot einer friedlichen Kapitulation und die Vereinigung unter d’Haranischer Vorherrschaft anzunehmen. Sie kannte die Herrscher dieser Länder und ging davon aus, daß sie dem Drängen, sich ihnen in Frieden anzuschließen, nachgeben würden.

Auch eine Gruppe von Diplomaten aus einigen der größeren Länder, die über ein stehendes Heer verfügten, erkannte sie wieder. Man hatte sie erwartet, und für den späteren Verlauf des Tages war geplant, daß Richard und Kahlan mit ihnen und einigen anderen soeben eingetroffenen Abgesandten zusammentrafen, um sich ihre Entscheidungen anzuhören.

Wenn Richard nur etwas Passenderes zum Anziehen fände. Seine Waldkleidung hatte ihm gute Dienste geleistet, aber jetzt mußte er seine Stellung auf geeignetere Weise verkörpern. Er war jetzt sehr viel mehr als ein Waldführer.

Kahlan hatte fast ihr ganzes Leben als Autoritätsperson gedient und wußte, daß Herrschaft oft leichter wurde, wenn man die Erwartungen der Menschen erfüllte. Sie bezweifelte, ob Menschen, die einen Waldführer brauchten, Richard gefolgt wären, wäre er nicht für den Wald gekleidet gewesen. In gewisser Weise war Richard ihr Führer durch diese trügerische neue Welt mit ihren noch nicht erprobten Untertanenpflichten und neuen Feinden. Er fragte sie oft um Rat. Sie würde mit ihm über seine Kleidung sprechen müssen.

Als die Versammelten sahen, wie die Mutter Konfessor entschlossenen Schritts den Korridor betrat, verstummten die Gespräche, und die Menschen begannen, mit einer tiefen Verbeugung auf ein Knie zu fallen. Trotz ihres für diesen Posten beispiellos jungen Alters gab es in den Midlands niemanden, der mehr Autorität besaß als die Mutter Konfessor. Die Mutter Konfessor war die Mutter Konfessor, unabhängig vom Gesicht der Frau, die dieses Amt bekleidete. Die Menschen verneigten sich nicht so sehr vor der Person denn vor der uralten Autorität dieses Amtes.

Den meisten Bewohnern der Midlands waren die Angelegenheiten der Konfessoren ein Rätsel. Aus ihrer Mitte wählten sie die Mutter Konfessor. Das Alter war dabei zweitrangig.

Sie war zwar dazu auserwählt worden, die Freiheit und die Rechte der Völker der Midlands zu wahren, aber die Menschen sahen es selten in diesem Sinn. Für die meisten war ein Herrscher ein Herrscher. Als Herrscherin der Herrscher machte die Mutter Konfessor den Guten Mut und bestrafte die Schlechten. Erwies sich ein Herrscher als zu schlecht, dann stand es in ihrer Macht, ihn des Amtes zu entheben. Das war die oberste Aufgabe einer Mutter Konfessor. Für die meisten Menschen jedoch waren solche Regierungsgeschäfte nur das ferne Gezänk der Herrschenden.

Kahlan blieb in der plötzlichen Stille, die sich über den Saal der Bittsteller legte, stehen und erwiderte die Begrüßung.

Eine junge Frau, an der hinteren Wand beobachtete, wie alle Umstehenden auf die Knie fielen. Sie sah kurz in Kahlans Richtung, dann wieder zu den Knienden hinüber, schließlich folgte sie deren Beispiel.

Kahlan runzelte die Stirn.

In den Midlands war die Länge des Haares einer Frau ein Zeichen für ihren Rang und ihre Stellung. Hier nahm man Machtfragen, ganz gleich, wie belanglos sie an der Oberfläche erscheinen mochten, sehr ernst. Nicht einmal das Haar einer Königin durfte so lang sein wie das eines Konfessors, und kein Konfessorenhaar war so lang wie das der Mutter Konfessor.

Diese Frau hatte einen dichten braunen Haarschopf, der fast so lang wie Kahlans war.

Kahlan kannte in den Midlands fast alle Persönlichkeiten von hohem Rang, das war ihre Pflicht, und die nahm sie ausgesprochen ernst. Eine Frau mit derart langem Haar war offenkundig sehr hoch gestellt, dennoch kannte Kahlan sie nicht. Wahrscheinlich gab es in der gesamten Stadt niemanden, der, von ihr abgesehen, rangmäßig über dieser Frau stand – vorausgesetzt, sie stammte überhaupt aus den Midlands.

»Erhebt euch, meine Kinder«, richtete Kahlan die förmliche Erwiderung an die gesenkten Köpfe der Wartenden.

Kleider und Umhänge raschelten, als alles daran ging, sich wieder zu erheben. Die meisten hielten aus Respekt oder aus unnötiger Furcht die Blicke gesenkt. Die Frau richtete sich auf, verknotete ein schlichtes Taschentuch zwischen ihren Fingern und beobachtete die Umstehenden. Sie senkte, wie die meisten anderen es bereits taten, ebenfalls den Blick.

»Cara«, sagte Kahlan leise, »könnte es sein, daß die Frau dort mit den langen Haaren aus D’Hara ist?«

Auch Cara hatte sie beobachtet, sie hatte einige der Bräuche aus den Midlands gelernt. Caras Haar war zwar fast so lang wie das von Kahlan, aber sie war eine D’Haranerin. Sie lebten nach verschiedenen Bräuchen.

»Ihre Nase ist zu ›niedlich‹, um d’Haranisch zu sein.«

»Ich meine es ernst. Glaubt Ihr, sie könnte aus D’Hara sein?«

Cara musterte die Frau noch etwas länger. »Das glaube ich kaum. Bei uns trägt man keine Stoffe mit aufgedrucktem Blumenmuster, und die Kleider sind auch anders geschnitten. Allerdings können die dem Anlaß entsprechend gewechselt werden, wenn man sich unter die hiesige Bevölkerung mischen will.«

Das Kleid paßte wirklich nicht zu dem in Aydindril üblichen Stil. In anderen, entlegeneren Regionen der Midlands wäre es vielleicht gar nicht mal so fehl am Platz gewesen. Kahlan nickte einem wartenden Kommandanten zu, er solle zu ihr kommen.

Er beugte seinen Kopf dicht zu ihr hinunter, während sie mit leiser Stimme sagte: »Hinten an der Wand, hinter meiner linken Schulter, steht eine Frau mit langem, braunem Haar. Seht Ihr, wen ich meine?«

»Die Hübsche in dem blauen Unterkleid?«

»Ja. Wißt Ihr, warum sie hier ist?«

»Sie sagte, sie wolle Lord Rahl sprechen.«

Kahlans Stirn furchte sich noch tiefer. Das gleiche traf auf Cara zu, wie sie bemerkte. »In welcher Angelegenheit?«

»Sie sagte, daß sie nach einem Mann suche – Cy irgendwer – der Name war mir unbekannt. Angeblich wird er seit letztem Herbst vermißt, und man habe ihr erzählt, Lord Rahl sei in der Lage, ihr zu helfen.«

»Was Ihr nicht sagt«, erwiderte Kahlan. »Und hat sie sich darüber geäußert, was sie mit diesem Vermißten zu schaffen hat?«

Der Kommandant warf einen Blick auf die Frau, dann strich er sich das rotblonde Haar aus der Stirn. »Sie sagte, sie wolle ihn heiraten.«

Kahlan nickte. »Gut möglich, daß sie eine Würdenträgerin ist, aber wenn, dann muß ich zu meinem Leidwesen gestehen, daß ich ihren Namen nicht kenne.«

Der Kommandant warf einen Blick auf eine zerfledderte, vollgekritzelte Liste. Er drehte das Blatt um und überflog die Rückseite, bis er das Gesuchte gefunden hatte. »Sie sagte, ihr Name sei Nadine. Einen Titel hat sie nicht angegeben.«

»Gut. Bitte sorgt dafür, daß man Nadine in ein privates Wartezimmer bringt, wo sie es bequem hat. Erklärt ihr, ich werde sie aufsuchen, mit ihr sprechen und sehen, ob ich helfen kann. Laßt ihr ein Abendessen bringen und auch sonst alles, was sie verlangt. Richtet ihr meine Entschuldigung aus, weil ich mich zuerst um eine Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit kümmern müsse, sie aber so schnell wie möglich aufsuchen werde und den Wunsch hege, alles zu tun, um ihr zu helfen.«

Kahlan konnte die Verzweiflung der Frau verstehen, wenn sie tatsächlich von ihrem Geliebten getrennt war und nach ihm suchte. Sie selbst hatte das gleiche durchgemacht und kannte diese Seelenqualen gut.

»Ich werde es sofort erledigen, Mutter Konfessor.«

»Noch etwas, Kommandant.« Kahlan beobachtete, wie die Frau ihr Taschentuch verknotete. »Erklären sie Lady Nadine, es könne Ärger geben, schließlich befinden wir uns mit der Alten Welt im Krieg, und deshalb müssen wir zu ihrer eigenen Sicherheit darauf bestehen, daß sie in ihrem Zimmer bleibt, bis ich kommen und mit ihr sprechen kann. Laßt die Tür schwer bewachen. Postiert Bogenschützen in sicherer Entfernung im Gang zu beiden Seiten.

Wenn sie herauskommt, besteht darauf, daß sie augenblicklich ins Zimmer zurückkehrt und wartet. Wenn es nicht anders geht, erklärt ihr, dies geschehe auf meinen Befehl. Sollte sie noch immer versuchen, das Zimmer zu verlassen,« – Kahlan sah dem Kommandanten in die Augen –, »dann tötet sie.«

Der Kommandant verneigte sich, und Kahlan eilte, dicht gefolgt von Cara, durch den Korridor davon.

»Aha«, sagte Cara draußen vor dem Saal der Bittsteller, »endlich kommt die Mutter Konfessor wieder zu Verstand. Ich wußte, daß ich allen Grund hatte, Lord Rahl zu erlauben, Euch zu behalten. Ihr werdet ihm eine würdige Gattin sein.«

Kahlan machte kehrt und lief durch den Gang zu dem Zimmer, in dem die Wachen den Mann festhielten. »Ich habe meine Meinung zu keinem Punkt geändert, Cara. In Anbetracht unseres merkwürdigen Besuchers gebe ich Lady Nadine jede Chance zu überleben, jede Chance, die ich mir leisten kann. Nur täuscht Ihr Euch, wenn Ihr glaubt, daß ich nicht alles Erforderliche tun würde, um Richard zu beschützen. Abgesehen davon, daß ich ihn mehr liebe als mein eigenes Leben, ist Richard ein äußerst wichtiger Mann für die Freiheit sowohl der Völker D’Haras als auch der Midlands. Unmöglich zu sagen, was die Imperiale Ordnung alles tun würde, um ihn in die Finger zu bekommen.«

Cara lächelte, und diesmal meinte sie es ernst. »Ich weiß, daß er Euch genauso liebt. Deswegen will ich auch nicht, daß Ihr diesen Mann aufsucht. Lord Rahl wird mir das Fell über die Ohren ziehen, falls er glaubt, ich habe Euch einer Gefahr ausgesetzt.«

»Richard wurde mit der Gabe geboren. Ich wurde ebenfalls mit Magie geboren. Darken Rahl hat Quadrone ausgesandt, um Konfessoren zu töten, weil ein einzelner Mann nur eine sehr geringe Gefahr für einen Konfessor darstellt.«

Kahlan verspürte den wohlvertrauten und doch fernen Schmerz, den der Tod der Männer bei ihr ausgelöst hatte. Fern deswegen, weil es so lange her zu sein schien, dabei war es kaum ein Jahr. Anfangs hatte sie monatelang das Gefühl gehabt, ebenso tot sein zu müssen wie ihre Schwestern Konfessor und sie irgendwie verraten zu haben, weil sie den für sie aufgestellten Fallen entgangen war. Jetzt war sie als letzte übriggeblieben.

Mit einer knappen Bewegung ihres Handgelenks ließ Cara ihren Strafer in die Hand schnellen. »Auch wenn es ein Mann ist wie Lord Rahl, der mit der Gabe geboren wurde? Ein Zauberer?«

»Auch wenn es sich um einen Zauberer handelt und sogar wenn dieser, im Gegensatz zu Richard, weiß, wie er seine Kraft benutzen kann. Ich dagegen weiß nicht nur, wie ich meine benutzen muß, ich bin darin sogar sehr erfahren. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele …«

Kahlans Bemerkung blieb unbeendet, und Cara betrachtete nachdenklich ihren Strafer und rollte ihn zwischen den Fingern. »Ich glaube, es besteht wohl nicht einmal eine geringe Gefahr – solange ich dabei bin.«

Als sie den dick mit Teppichen ausgelegten und getäfelten Korridor erreichten, den sie gesucht hatten, wimmelte es dort von Soldaten, die vor stählernen Schwertern, Äxten und Hellebarden nur so starrten. Der Mann wurde in einem kleinen, eleganten Lesezimmer in der Nähe des ziemlich einfachen Zimmers gefangengehalten, wo sich Richard mit Offizieren traf und das Tagebuch, das er in der Burg der Zauberer gefunden hatte, zu studieren pflegte. Die Soldaten hatten jeden Fluchtversuch verhindern wollen und den Mann einfach in dem Zimmer untergebracht, das dem Ort, an dem sie ihn aufgegriffen hatten, am nächsten lag, und ihn dort festgesetzt, bis entschieden werden konnte, was zu geschehen hatte.

Kahlan nahm einen Soldaten sachte am Ellenbogen und drängte ihn zurück und aus dem Weg. Die Muskeln seiner nackten Arme waren eisenhart. Seine auf die geschlossene Tür gerichtete Hellebarde hätte, wäre sie in Granit gebettet gewesen, kaum fester stehen können. Wenigstens fünfzig ähnliche Spieße waren auf die Tür gerichtet, hinter der es vollkommen still war. Weitere Soldaten, Schwerter und Äxte fest im Griff, kauerten unter den Hellebardenspitzen.

Der Posten drehte sich um, als Kahlan seinen Arm berührte. »Laß mich durch, Soldat.«

Der Mann machte Platz. Andere drehten sich kurz um und begannen, zur Seite zu treten. Cara drängte sich, Schulter voran, vor Kahlan her und schob dabei Soldaten aus dem Weg. Sie ließen das nur widerwillig geschehen, nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil sie sich wegen der Gefahr sorgten, die hinter der Tür lauerte. Selbst während sie zur Seite traten, hielten sie ihre Waffen noch auf die dicke Eichentür gerichtet.

Der fensterlose, schwach beleuchtete Raum roch nach Leder und Schweiß. Auf der Kante eines mit Stickereien verzierten Schemels hockte ein schlaksiger Mann. Er wirkte so dürr, daß er, sollte er eine falsche Bewegung machen, gar nicht all dem Stahl, der auf ihn gerichtet war, ein Ziel bot. Seine jungen Augen zuckten angesichts der Waffen und der grimmigen Blicke aufgeregt hin und her, bis er schließlich Kahlans weißes Kleid entdeckte. Seine Zunge schnellte vor, er benetzte sich die Lippe und hob erwartungsvoll den Kopf.

Als die stämmigen Soldaten in Leder und Kettenhemden hinter ihm sahen, daß Kahlan und Cara sich in das Zimmer zwängten, trat einer von ihnen den jungen Mann zu Boden.

»Auf die Knie, dreckiger Hund.«

Der Gefangene, der eine viel zu große Soldatenuniform trug, die an verschiedenen Orten zusammengesucht worden zu sein schien, sah fragend auf zu Kahlan, dann blickte er über die Schulter auf den Mann, der ihn gestoßen hatte. Er zog den Kopf mit den zerzausten Haaren ein und schützte ihn mit einem seiner schlaksigen Arme.

»Das genügt«, sagte Kahlan mit ruhiger, autoritärer Stimme. »Cara und ich wollen mit ihm sprechen. Ihr wartet bitte draußen.«

Die Soldaten stutzten. Sie waren nur widerstrebend bereit, eine Waffe von dem Mann abzuziehen, der noch immer auf dem Boden kauerte.

»Aber – «, setzte ein Offizier an.

»Bezweifelt Ihr, daß eine Mord-Sith in der Lage ist, mit diesem einen ausgemergelten Kerl fertig zu werden? Geht jetzt und wartet draußen.«

Kahlan war überrascht, daß Cara ihre Stimme erhoben hatte. Mord-Sith brauchten gewöhnlich nicht laut zu werden, wenn sie jemanden dazu bewegen wollten, ihre Befehle zu befolgen. Caras Nervosität angesichts des jungen Mannes vor ihnen verblüffte sie. Die Soldaten begannen sich zurückzuziehen. Einer nach dem anderen traten sie durch die Tür nach draußen und warfen dabei dem am Boden liegenden Eindringling Seitenblicke zu. Die Knöchel des Offiziers am Heft seines Schwertes waren weiß. Er zog sich als letzter zurück und schloß die Tür leise mit seiner freien Hand.

Der junge Mann sah unter seinem Arm hindurch zu den beiden Frauen hoch, die drei Schritte von ihm entfernt standen. »Werdet Ihr mich töten lassen?«

Kahlan antwortete nicht gleich auf diese Frage. »Wir sind hier, weil wir mit dir reden wollen. Ich bin Kahlan Amnell, die Mutter Konfessor – «

»Die Mutter Konfessor!« Er richtete sich bis zu den Knien auf. Ein knabenhaftes Grinsen huschte über sein Gesicht. »Aber Ihr seid wunderschön! Ich hätte nie gedacht, daß Ihr so wunderschön seid.«

Er stemmte eine Hand auf ein Knie und wollte sich erheben. Caras Strafer war sofort zur Stelle.

»Bleib, wo du bist.«

Er verharrte bewegungslos und starrte den Strafer vor seinem Gesicht an, dann ließ er das Knie wieder auf die Fransen des dunkelroten Teppichs sinken.

»Ihr träumt wohl«, meinte Cara. Die Lampen oben auf den gekehlten Mahagonipilastern, die flache Ziergiebel über Bücherregalen auf beiden Seiten des Raumes stützten, tauchten sein hageres Gesicht in ein flackerndes Licht. Er war kaum älter als ein Kind.

»Kann ich bitte meine Waffe wiederhaben? Ich brauche mein Schwert. Wenn ich das nicht bekommen kann, dann hätte ich gerne mein Messer, bitte.«

Cara stieß einen genervten Seufzer aus, aber es war Kahlan, die als erste sprach. »Du befindest dich in einer sehr heiklen Situation, junger Mann. Keine von uns ist in der Stimmung, Nachsicht zu üben, falls dies ein Trick sein sollte.«

Er nickte ernst. »Verstehe. Ich spiele kein Spiel. Ich schwöre es.«

»Dann sag mir, was du den Soldaten erzählt hast.«

Sein Grinsen kehrte zurück. Er hob eine Hand und deutete beiläufig auf die Tür. »Na ja, genau was ich den Männern gesagt habe, als sie mich – «

Die Fäuste an den Seiten, machte Kahlan einen Schritt vorwärts. »Ich sagte es dir bereits, dies ist kein Spiel! Du lebst nur noch, weil ich es so will. Ich möchte wissen, was du hier zu suchen hast, und zwar auf der Stelle! Sag mir, was du ihnen erzählt hast!«

Der junge Mann kniff verblüfft die Augen zusammen. »Daß ich ein von Jagang geschickter gedungener Mörder sei. Ich bin hier, um Richard Rahl zu töten. Könntet Ihr mich vielleicht zu ihm führen?«

2. Kapitel

So«, sagte Cara mit gefährlichem Unterton, »darf ich ihn jetzt töten?«

Die widersinnige, ungehörige Art dieses harmlos aussehenden, hageren jungen Mannes, der scheinbar hilflos auf den Knien lag, auf feindlichem Gebiet, umgeben von Hunderten, von Tausenden brutaler d’Haranischer Soldaten, und der so offen und voller Kühnheit davon sprach, er habe die Absicht, Richard umzubringen, hatte zur Folge, daß Kahlan das Herz gegen die Rippen hämmerte.

So dumm konnte einfach niemand sein.

Erst im nachhinein merkte sie, daß sie einen Schritt zurückgewichen war. Sie überging Caras Frage und achtete nur auf den jungen Mann.

»Und wie, bitte, willst du das bewerkstelligen?«

»Na ja«, meinte er beiläufig und seufzte dabei, »ich hatte geplant, mein Schwert zu benutzen oder, wenn es nicht anders geht, mein Messer.« Sein Lächeln kehrte zurück, aber es war nicht mehr das eines Jungen. Seine Augen hatten eine stählerne Härte bekommen, die sein junges Gesicht Lügen strafte. »Deswegen muß ich sie zurückhaben, wenn Ihr versteht.«

»Du erhältst deine Waffen nicht zurück.«

Hinter seinem gleichgültigen Schulterzucken steckte Verachtung. »Egal. Ich habe andere Mittel, ihn zu töten.«

»Du wirst Richard nicht töten, darauf gebe ich dir mein Wort. Für dich gibt es jetzt nur noch eine Hoffnung, nämlich mit uns zu kooperieren und uns deinen Plan bis in alle Einzelheiten zu verraten. Wie bist du hier hereingekommen?«

Er schien sie mit seinem Feixen verspotten zu wollen. »Zu Fuß. Bin einfach reinspaziert. Kein Mensch hat auf mich geachtet. Sie sind nicht besonders klug, Eure Soldaten.«

»Klug genug, um dich mit ihren Schwertern zu bewachen«, stellte Cara klar.

Er beachtete sie nicht. Seine Augen blieben auf Kahlan geheftet.

»Und wenn wir dir dein Schwert und dein Messer nicht zurückgeben«, fragte sie, »was dann?«

»Dann wird es eine ziemlich schmutzige Angelegenheit werden. Richard Rahl wird sehr leiden. Aus diesem Grund hat Kaiser Jagang mich auch geschickt: weil er ihm die Gnade eines schnellen Todes erweisen wollte. Der Kaiser ist ein mitfühlender Mann, der alles unnötige Leiden vermeiden will. Im Grunde ist der Traumwandler ein friedfertiger Mensch, allerdings auch ein Mann von eiserner Entschlossenheit.

Ich fürchte, ich werde auch Euch töten müssen, Mutter Konfessor, um Euch das Leid zu ersparen, das Euch bevorsteht, wenn Ihr Euch widersetzt. Ich muß allerdings gestehen, daß mir die Vorstellung, eine so wunderschöne Frau umzubringen, nicht im geringsten behagt.« Das Grinsen wurde breiter. »Was für eine Verschwendung.«

Kahlan fand seine Dreistigkeit entnervend. Mitanhören zu müssen, wie er behauptete, der Traumwandler sei mitfühlend, drehte ihr den Magen um. Das wußte sie besser.

»Welches Leid?«

Er breitete die Hände aus. »Ich bin nur ein Sandkorn. Der Kaiser teilt mir seine Pläne nicht mit. Ich wurde einfach geschickt, um zu tun, was er befiehlt. Und sein Befehl lautet, daß Ihr und Richard vernichtet werden müßt. Laßt Ihr nicht zu, daß ich Richard auf gnädige Weise töte, dann wird er zerstört werden. Man sagte mir, das werde nicht so angenehm werden, warum laßt Ihr mich die Sache also nicht einfach zu Ende bringen?«

»Du träumst wohl«, sagte Cara.

Sein Blick wanderte zu der Mord-Sith. »Träumen? Vielleicht seid Ihr es, die träumt. Vielleicht bin ich Euer schlimmster Alptraum.«

»Ich habe keine Alpträume«, sagte Cara. »Ich mache welche.«

»Wirklich?« höhnte er. »In dieser albernen Aufmachung? Was wollt Ihr überhaupt darstellen? Kleidet Ihr Euch vielleicht so, um die Vögel von der Frühjahrssaat zu verscheuchen?«

Offensichtlich wußte der Mann nicht, was eine Mord-Sith war. Aber sie fragte sich, wie sie je hatte annehmen können, er sehe kaum älter aus als ein Junge. Aus seinem ganzen Benehmen sprachen Alter und Erfahrung. Das war kein junger Bursche. Eine gefährliche Spannung lag in der Luft. Erstaunlicherweise lächelte Cara nur.

Kahlan stockte der Atem: Plötzlich stand der Mann, und sie konnte sich nicht erinnern, gesehen zu haben, wie er sich erhoben hatte.

Sein Blick schweifte umher, und eine der Lampen erlosch. Die verbliebene Lampe tauchte eine Seite seines Gesichts in hartes, flackerndes Licht und beließ die andere im Schatten, für Kahlan aber hatte dieser Vorgang sein wahres Wesen, seine wirkliche Bedrohlichkeit ans Licht gebracht.

Dieser Mann beherrschte die Gabe.

Ihre Entschlossenheit, einem möglicherweise Unschuldigen unnötige Gewalt zu ersparen, verdampfte in der Hitze des Verlangens, Richard zu beschützen. Der Mann hatte seine Chance bekommen – jetzt würde er alles gestehen, was er wußte – und zwar einem Konfessor.

Sie brauchte ihn nur zu berühren, und es wäre vorbei.

Kahlan hatte inmitten Tausender Leichen unschuldiger Menschen gestanden, die von der Imperialen Ordnung niedergemetzelt worden waren. Als sie die Frauen und Kinder in Ebinissia gesehen hatte, die auf Jagangs Befehl erschlagen worden waren, hatte sie der Imperialen Ordnung unsterbliche Rache geschworen. Dieser Mann hatte sich als Angehöriger der Imperialen Ordnung und als Feind freier Menschen zu erkennen gegeben. Er handelte auf Anordnung des Traumwandlers.

Sie konzentrierte sich auf den vertrauten Strom der Magie in ihrem Innern, der immer in Bereitschaft war. Ein Konfessor setzte seine Magie nicht eigentlich frei, er entzog ihr vielmehr die auferlegte Zurückhaltung. Der Vorgang war schneller als ein Gedanke. Er war wie das Aufblitzen des Instinkts.

Kein Konfessor genoß es, seine Kraft zu benutzen, um den Verstand eines Menschen zu zerstören. Im Gegensatz zu manchen anderen Konfessoren aber haßte Kahlan nicht, was sie tat und zu was sie geboren war. Es war einfach ein Teil ihres Selbst. Sie benutzte das, was ihr mitgegeben worden war, nicht böswillig, sondern um andere zu beschützen. Sie war mit sich, mit dem, was sie war und konnte, im reinen.

Richard war der erste gewesen, der sie als das gesehen hatte, was sie war, und der sie trotz ihrer Kraft gemocht hatte. Er hatte keine irrationale Furcht vor dem Unbekannten, vor dem, was sie darstellte. Statt dessen hatte er sie kennen- und liebengelernt, trotz der Konfessorenkraft. Aus diesem Grund allein konnte er bei ihr sein, ohne daß ihre Kraft ihn zerstörte, sobald sie sich ihrer Liebe hingaben.

Und jetzt wollte sie diese Kraft zu Richards Schutz einsetzen, und allein aus diesem Grund wußte sie ihre Fähigkeit mehr als je zuvor zu schätzen. Sie brauchte den Mann nur zu berühren, und die Bedrohung hätte ein Ende. Die Rache an einem willigen Vasallen Kaiser Jagangs war greifbar nahe.

Den Blick fest auf den Mann geheftet, warnte Kahlan Cara mit erhobenem Finger. »Er gehört mir. Überlaßt ihn mir.«

Als aber der mit zusammengekniffenen Augen die verbliebene Lampe suchte, war Cara im Nu zwischen den beiden. Die Luft knisterte, als sie ihm mit ihrem gepanzerten Handschuh verkehrt herum ins Gesicht schlug. Kahlan hätte vor Wut über die Einmischung fast laut geschrien.

Der Mann lag ausgestreckt auf dem Teppich, setzte sich auf und wirkte ehrlich überrascht. Blut aus einer Platzwunde in seiner Unterlippe lief ihm über das Kinn. Sein Gesicht zeigte ehrlichen Verdruß.

Cara stand drohend über ihm. »Wie ist dein Name?« Kahlan konnte nicht glauben, daß die Mord-Sith, die stets ihre Angst vor Magie bekundet hatte, scheinbar freiwillig einen Mann provozierte, der gerade eben bewiesen hatte, wie gut er die Gabe beherrschte.

Er wälzte sich von ihr fort und ging in die Hocke. Seine Augen waren auf Kahlan gerichtet, aber er sprach zu Cara. »Ich habe keine Zeit für höfische Possenreißer.«

Mit einem Lächeln zuckte sein Blick zur Lampe. Der Raum versank in Dunkelheit.

Kahlan warf sich auf ihn. Sie brauchte ihn nur zu berühren, und es wäre vorbei.

Sie griff jedoch ins Leere, bevor sie auf dem nackten Fußboden landete. In der völligen Dunkelheit war sie nicht sicher, in welche Richtung er davongesprungen war. Sie griff wild um sich, versuchte, irgendein Stück von ihm zu fassen zu bekommen. Sie brauchte ihn nur zu berühren, dann schützte ihn selbst seine dicke Kleidung nicht. Sie bekam einen Arm zu fassen, und erst im letzten Augenblick, bevor sie ihre Kraft freisetzte, erkannte sie, daß es Caras Lederkleidung war.

»Wo steckst du?« knurrte Cara. »Du kommst hier nicht raus. Gib auf.«

Kahlan krabbelte auf allen vieren über den Teppich. Kraft oder nicht, sie brauchte Licht, oder sie würden eine Menge Schwierigkeiten bekommen. Sie fand das Bücherregal an der Wand und tastete sich an dessen unterer Kante entlang, bis sie den schmalen Lichtstreifen sah, der unter der Tür hindurchfiel. Von der anderen Seite trommelten Männer gegen die Tür und erkundigten sich laut, ob es Ärger gab.

Ihre Finger tasteten sich am Rand der Türvertäfelung entlang bis zur Klinke, dann kam sie mit einem Ruck auf die Beine. Sie trat auf den Saum ihres Kleides, stolperte, fiel vornüber und landete mit einem markerschütternden Schlag auf ihren Ellenbogen.

Etwas Schweres krachte gegen die Tür, wo sie einen Augenblick zuvor beinahe gestanden hätte, und fiel ihr krachend in den Rücken. Der Mann lachte im Dunkeln. Bei dem gescheiterten Versuch, das Etwas herunterzustoßen, stieß sie mit den Armen schmerzhaft gegen die scharfkantigen Querstreben der Beine eines Sessels. Sie bekam eine gepolsterte Lehne zu fassen und rollte den Sessel zur Seite.

Kahlan hörte, wie Cara gegen das Bücherregal auf der anderen Seite geschleudert wurde und stöhnte, als ihr die Luft aus den Lungen gepreßt wurde. Die Männer draußen warfen sich gegen die Tür und versuchten, sie einzuschlagen. Die Tür gab keinen Millimeter nach.

Als auf der anderen Seite des Zimmers Bücher mit dumpfem Schlag zu Boden polterten, sprang Kahlan auf und suchte tastend nach der Klinke. Sie stieß mit den Knöcheln gegen das kalte Metall. Sofort schloß sie die Hand darum.

Es gab einen Blitz, und sie wurde zurückgestoßen und landete auf ihrem Hinterteil. Lichtfunken, wie von einem brennenden Scheit, das man mit einem Feuereisen bearbeitet, ein Regen aus Lichtblitzen, der vom Türgriff ausging, erfüllte die Luft. Dank der flackernden Funken, die noch immer gemächlich zu Boden trudelten, konnte Kahlan etwas erkennen.

Plötzlich konnte auch Cara wieder sehen. Sie schnappte sich ein Buch und warf damit nach dem Mann, der ungefähr in der Mitte des kleinen Zimmers stand. Er zog den Kopf ein und ging in die Hocke.

Schnell wie ein Peitschenhieb wirbelte Cara herum und erwischte ihn in einem unbedachten Augenblick. Die Luft hallte von einem heftigen, dumpfen Schlag wider, als ihr Stiefel ihn am Kinn traf. Der Tritt warf ihn nach hinten. Kahlan nahm Maß, um sich auf ihn zu werfen, bevor sämtliche Funken erloschen waren und es wieder dunkel wurde.

»Du stirbst als erste!« fluchte er Cara wütend an. »Ich lasse mir deine lächerliche Einmischerei nicht mehr gefallen! Du wirst meine Kraft zu spüren bekommen!«

Die Luft vor seinen Fingerspitzen entzündete sich unter schwach leuchtendem Flackern, als er sich ganz auf Cara konzentrierte. Jetzt mußte Kahlan sich um die Bedrohung kümmern, bevor noch etwas schiefging.

Doch ehe sie sich auf ihn stürzen konnte, zuckten seine gekrümmten Finger hoch. Mit einem verächtlichen Feixen stieß er eine Hand in Caras Richtung.

Kahlan hatte erwartet, daß Cara auf dem Boden landen würde. Statt dessen sank der junge Mann mit einem Schrei nieder. Er versuchte aufzustehen, brach aber kreischend zusammen und hielt die Arme um den Leib gepreßt, als hätte man ihn in den Bauch gestochen. Das Zimmer wurde wieder dunkel.

Erneut streckte Kahlan die Hand nach der Klinke aus und ließ es darauf ankommen, daß das, was immer Cara mit ihm angestellt hatte, seinen Schild durchbrochen hatte. Sich gegen die Schmerzen wappnend, die sie vielleicht erwarteten, packte sie den Griff. Der Schild war verschwunden. Erleichtert riß sie die Tür auf. Hinter dem Gedränge aus Soldaten fiel Licht ins Zimmer. Bestürzte Gesichter blickten ihr entgegen.

Kahlan wollte nicht, daß ein ganzes Zimmer voller Soldaten bei dem Versuch getötet wurde, sie vor Dingen zu retten, die diese nicht begriffen. Sie stieß den am nächsten stehenden Mann zurück.

»Er hat die Gabe! Bleibt draußen!« Sie wußte, D’Haraner fürchteten sich vor Magie. Im Kampf gegen Magie verließen sie sich auf Lord Rahl. Sie waren der Stahl gegen den Stahl, so sagten sie oft, und Lord Rahl die Magie gegen die Magie. »Gebt mir eine Lampe!«

Männer auf beiden Seiten rissen gleichzeitig Lampen aus ihren Halterungen neben der Tür und hielten sie ihr hin. Kahlan schnappte sich eine, trat die Tür zu und drehte sich wieder zur Zimmermitte um. Sie wollte nicht, daß ihr eine Horde muskelbepackter, waffenschwenkender Soldaten in die Quere kam.

Im schwachen, flackernden Schein der Lampe sah Kahlan, wie Cara neben dem Mann auf dem dunkelroten Teppich kniete. Er hielt die Arme um den Unterleib geschlungen und spuckte Blut. Ihre rote Lederkleidung knarzte, als sie die Unterarme auf den Knien aufstützte. Sie ließ den Strafer durch die Finger rollen und wartete.

Nachdem sein Würgen nachgelassen hatte, packte Cara ihm ins Haar. Ihr langer, blonder Zopf glitt über ihre breiten Schultern, als sie sich nach vorne beugte.

»Das war ein großer Fehler. Ein sehr großer Fehler«, sagte sie im seidenweichen Ton der Zufriedenheit. »Du hättest nie versuchen dürfen, deine Magie gegen eine Mord-Sith einzusetzen. Einen Augenblick lang hast du alles richtig gemacht, aber dann hast du dich von mir provozieren lassen und deine Magie benutzt. Wer ist jetzt der Narr?«

»Was … ist das … eine Mord-Sith?« brachte er zwischen keuchenden Atemzügen hervor.

Cara schraubte ihre Hand nach oben, bis er brüllte. »Dein schlimmster Alptraum. Der Daseinszweck einer Mord-Sith besteht darin, Bedrohungen wie dich auszuschalten.

Ich habe jetzt die Gewalt über deine Magie. Ich kann sie nach Belieben einsetzen, und du, mein Gespiele, bist hilflos und kannst nichts dagegen tun, wie du bald feststellen wirst. Du hättest versuchen sollen, mich zu erwürgen, mich totzuprügeln oder wegzulaufen, aber nie, niemals hättest du versuchen dürfen, Magie gegen mich einzusetzen. Wenn man Magie gegen eine Mord-Sith einsetzt, dann gehört sie ihr.«

Kahlan war wie gelähmt. Das also hatte eine Mord-Sith Richard angetan. Auf diese Weise hatte man ihn gefangengenommen.

Cara drückte dem Mann ihren Strafer in die Rippen. Er zitterte und kreischte auf. Blut sickerte durch seine Uniformjacke und bildete einen Fleck, der größer und größer wurde.

»Wenn ich dir jetzt eine Frage stelle«, sagte sie in ruhigem, herrischem Ton, »dann erwarte ich eine Antwort. Hast du verstanden?«

Er schwieg. Sie drehte den Strafer. Kahlan zuckte zusammen, als sie hörte, wie eine Rippe brach. Der Mann japste nach Luft und hielt, unfähig zu schreien, den Atem an.

Kahlan kam sich vor wie auf der Stelle festgefroren, unfähig, einen Muskel zu bewegen. Richard hatte ihr erzählt, Denna, die Mord-Sith, die ihn gefangengenommen hatte, habe ihm mit Freuden die Rippen gebrochen. Das habe jeden Atemzug zur Qual gemacht, und die Schreie, die sie ihm kurz darauf entlockt hatte, seien eine unerträgliche Tortur gewesen.

Cara erhob sich. »Steh auf!«

Der Mann kam taumelnd auf die Beine.

»Du stehst im Begriff herauszufinden, weshalb ich rotes Leder trage.« Cara setzte zu einem mächtigen Schwinger an, schrie wütend, als sie zuschlug und mit der gepanzerten Faust ins Gesicht traf. Während ihr Opfer zu Boden ging, spritzte Blut auf das Bücherregal. Der Mann war kaum auf dem Boden aufgeschlagen, als sie sich breitbeinig über ihn stellte, einen Stiefel zu beiden Seiten seiner Hüften.

»Ich sehe, was sich in deiner Phantasie abspielt«, erklärte ihm Cara. »Ich habe die Vision dessen gesehen, was du mit mir machen möchtest. Unartiger Junge.« Sie trat ihm den Stiefel mit einer stampfenden Bewegung ins Brustbein. »Das war noch das Harmloseste, was du für diesen Gedanken erleiden wirst. Du tätest gut daran, jeden Gedanken an Widerstand aus deinem Gehirn zu verbannen. Kapiert?«

Sie bückte sich und bohrte ihm den Strafer in den Unterleib. »Kapiert?«

Sein Aufschrei jagte es Kahlan kalt den Rücken hinunter. Sie ekelte sich vor dem, was sie hier sah, denn sie hatte selbst die heftig schmerzende Berührung durch den Strafer erlebt, schlimmer noch, sie wußte, daß man Richard dasselbe angetan hatte, trotzdem machte sie keine Anstalten, es zu unterbinden.

Schließlich hatte sie diesem Mann Gnade angeboten. Wäre es nach seinem Willen gegangen, hätte er Richard umgebracht. Er hatte versprochen, sie ebenfalls zu töten, aber es war die Drohung gegen Richard, die sie schweigen ließ und die sie davon abhielt, Cara zu stoppen.

»So«, meinte die Mord-Sith höhnisch feixend. Sie rammte ihm den Strafer gegen die gebrochene Rippe. »Wie lautet dein Name?«

»Marlin Pickard!« Er versuchte, sich die Tränen aus den Augen zu blinzeln. Sein Gesicht war schweißbedeckt. Blut trat schäumend aus seinem Mund, sobald er keuchte.

Sie preßte ihm den Strafer in die Leistengegend. Marlins Füße traten hilflos aus. Er winselte.

»Wenn ich dir das nächste Mal eine Frage stelle, laß mich nicht auf eine Antwort warten. Und du wirst mich mit Herrin Cara ansprechen.«

»Cara«, wandte Kahlan in ruhigem Tonfall ein, denn sie sah noch immer das Bild von Richard an der Stelle dieses Mannes, »es ist wirklich nicht nötig …«

Cara blickte über die Schulter und funkelte sie aus kalten blauen Augen wütend an. Kahlan wendete sich ab und wischte sich mit zitternden Fingern eine Träne ab, die über ihre Wangen rann. Sie hob den Glaszylinder von der Lampe an der Wand an und entzündete den Docht. Als er Feuer fing, stellte sie die Lampe auf einen kleinen Tisch und schob den Zylinder wieder an seinen Platz zurück. Der kalte Blick in diesen Mord-Sith-Augen war beängstigend. Ihr Herz klopfte bei der Vorstellung, wie viele Wochen Richard nichts anderes als solche kalten Augen gesehen und dabei um Gnade gefleht hatte.

Kahlan drehte sich wieder zu den beiden um. »Wir brauchen Antworten, sonst nichts.«

»Ich werde Antworten bekommen.«

Kahlan nickte. »Verstehe, aber auf das Geschrei können wir verzichten. Wir foltern niemand.«

»Foltern? Ich habe noch nicht mal angefangen, ihn zu foltern.« Sie richtete sich auf und betrachtete den zitternden Mann zu ihren Füßen. »Und wenn es ihm gelungen wäre, zuerst Lord Rahl zu töten? Würdet Ihr dann auch verlangen, daß ich ihn in Ruhe lasse?«

»Ja.« Kahlan sah der Frau in die Augen. »Und anschließend hätte ich ihm selber etwas weitaus Schlimmeres angetan. Schlimmer, als Ihr es Euch überhaupt vorstellen könnt. Aber er hat Richard kein Haar gekrümmt.«

Um Caras Mundwinkel spielte ein schlaues Lächeln. »Doch hatte er die Absicht. In den Regeln der Seelen steht, der Vorsatz ist strafbar. Wenn jemand bei der erfolgreichen Duchführung des Vorsatzes versagt, spricht ihn das nicht von Schuld frei.«

»Die Seelen machen einen Unterschied zwischen Vorsatz und Ausführung. Ich hatte die Absicht, mich seiner anzunehmen, auf meine Weise. Wollt Ihr Euch etwa meinem direkten Befehl widersetzen?«

Cara warf ihren blonden Zopf über ihre Schulter zurück. »Meine Absicht war, Euch und Lord Rahl zu schützen. Das habe ich mit Erfolg getan.«

»Ich habe gesagt, Ihr sollt die Angelegenheit mir überlassen.«

»Unschlüssigkeit könnte Euer Ende sein … oder das Ende derer, die Ihr liebt.« Ein gespenstischer Blick huschte über Caras Gesicht. Rasch ergriff wieder eiserne Härte von ihren Zügen Besitz. »Ich habe gelernt, niemals zu zögern.«

»Habt Ihr ihn deshalb provoziert? Damit er Euch mit seiner Magie angreift?«

Cara wischte sich das Blut von einer tiefen Platzwunde an der Wange mit dem Handballen ab – einer Platzwunde, die Marlin ihr beigebracht hatte, als er sie geschlagen und gegen das Bücherregal geschleudert hatte. Sie trat näher. »Ja.« Lange und genüßlich leckte sie sich das Blut von der Hand und sah Kahlan dabei in die Augen. »Eine Mord-Sith kann sich die Magie eines Menschen nicht aneignen, es sei denn, er greift sie damit an.«

»Ich dachte, Ihr fürchtet Euch vor Magie.«

Cara zupfte am Ärmel ihrer Lederkleidung und zog sie an ihrem Arm zurecht. »Das tun wir auch, es sei denn, sie wird von jemandem ausdrücklich dazu benutzt, uns anzugreifen. Dann gehört sie uns.«

»Ihr behauptet ständig, nichts über Magie zu wissen, und doch habt ihr jetzt die Gewalt über seine? Ihr könnt seine Magie benutzen?«

Cara warf einen flüchtigen Blick auf den stöhnenden Mann auf dem Fußboden. »Nein, ich kann sie nicht so einsetzen wie er, aber ich kann sie gegen ihn kehren – und ihm mit seiner eigenen Magie Schmerzen zufügen.« Ihre Augenbrauen zuckten. »Manchmal spüren wir einen Teil von ihr, aber wir verstehen sie nicht so wie Lord Rahl, deshalb können wir sie nicht benutzen. Außer, um Schmerzen zu bereiten.«

Kahlan gelang es nicht, diese Widersprüche in Einklang zu bringen. »Wie das?«

Sie bemerkte die Ähnlichkeit zwischen Caras emotionslosem Gesichtsausdruck und dem Gesicht eines Konfessors, jener Miene, die ihre Mutter ihr beigebracht hatte und die keine Regung über das verriet, was unvermeidlich zu geschehen hatte.

»Unsere Gedanken sind über Magie miteinander verknüpft«, erläuterte Cara, »daher sehe ich, was er denkt, wenn er sich vorstellt, wie er mir weh tun will, wie er sich wehrt oder meine Befehle mißachtet. Denn das widerspricht meinem Willen. Da wir über ihre Magie mit ihren Gedanken verbunden sind, können wir ihnen Schmerzen zufügen.« Sie richtete ihren Blick wieder auf Marlin. Ohne Vorwarnung schrie er ein weiteres Mal gequält auf. »Seht Ihr?«

»Ich sehe es. Und jetzt Schluß damit. Wenn er sich weigert, uns Auskunft zu geben, dann könnt Ihr … tun, was erforderlich ist, aber ich werde nichts gutheißen, was zu Richards Schutz nicht unbedingt notwendig ist.«

Kahlan löste den Blick von Marlins Pein und sah Cara in die kalten, blauen Augen. Sie sprach, bevor ihr recht bewußt wurde, was sie da tat. »Kanntet Ihr Denna?«

»Denna kannte jeder.«

»Und war sie im … Foltern ebensogut wie Ihr?«

»Wie ich?« meinte Cara und lachte auf. »Niemand war so gut darin wie Denna. Deswegen war sie auch Darken Rahls Liebling. Ich hätte nie geglaubt, was man einem Mann alles antun kann. Sie konnte …«

Als sie den Strafer sah, der um Kahlans Hals hing – Dennas Strafer –, dämmerte Cara plötzlich der Sinn von Kahlans Frage.

»Das ist lange her. Wir standen in Darken Rahls Diensten. Wir taten, was er befahl. Jetzt stehen wir in Richards Diensten. Wir würden ihm niemals etwas tun. Wir würden sterben, um zu verhindern, daß jemand Lord Rahl ein Leid zufügt.« Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Lord Rahl hat Denna nicht nur getötet, sondern ihr auch alles vergeben, was sie ihm angetan hatte.«

Kahlan nickte. »Das hat er. Aber ich nicht. Ich verstehe zwar, daß sie sich ihrer Ausbildung und ihren Befehlen entsprechend verhalten hat – ihre Seele war uns beiden ein Trost und eine Hilfe, und ich

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Temple of Winds« bei Tor Books, New York.

Der vorliegende Roman ist bei Blanvalet bereits in zwei Bänden unter den Titeln »Die Nächte des roten Mondes« und »Der Tempel der vier Winde« erschienen.

1. Auflage Taschenbuchausgabe November 2008 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House Gmbh, München.

Copyright © der Originalausgabe 1997 by Terry Goodkind

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2000 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München Published in agreement with the author c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA Artwork by Todd Lockwood, Sumner Redaktion: Andreas Helweg HK · Herstellung: HN Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin

eISBN 9783641082420

www.blanvalet.de

www.randomhouse.de

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