Die Vorboten des Todes - Das Schwert der Wahrheit - Terry Goodkind - E-Book

Die Vorboten des Todes - Das Schwert der Wahrheit E-Book

Terry Goodkind

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9,99 €

Beschreibung

Gefangen im eigenen Palast – der zweite Band des neuen Zyklus »Die Kinder von D'Hara«.

Die Vorboten des Todes, schreckliche Kreaturen im Dienste der Goldenen Göttin, haben Richards geliebte Frau Kahlan schwer verletzt. Nicht einmal im magisch geschützten Palast des Volkes war sie sicher. Außerdem häufen sich die Hinweise, dass ausgerechnet im Zentrum von Richards Macht dunkle Kräfte am Werk sind. Richard will Kahlan und ihre ungeborenen Zwillinge heimlich in der Burg der Zauberer in Sicherheit bringen. Doch die Goldene Göttin hat ihre Augen überall …

Die Kinder von D'Hara bei Penhaligon:
1. Die goldene Göttin
2. Die Vorboten des Todes
3. Im Labyrinth des Zauberers
4. Der Bann der Hexe
5. Das Tor zur Dunkelheit

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Buch

Die Vorboten des Todes, schreckliche Kreaturen im Dienste der Goldenen Göttin, haben Richards geliebte Frau Kahlan schwer verletzt. Nicht einmal im magisch geschützten Palast des Volkes war sie sicher. Außerdem häufen sich die Hinweise, dass ausgerechnet im Zentrum von Richards Macht dunkle Kräfte am Werk sind. Richard will Kahlan und ihre ungeborenen Zwillinge heimlich in der Burg der Zauberer in Sicherheit bringen. Doch die Goldene Göttin hat ihre Augen überall …

Autor

Terry Goodkind (*1948 † 2020) wurde in Omaha, USA, geboren und war nach seinem Studium zunächst als Rechtsanwalt tätig. 1994 erschien sein Roman »Das erste Gesetz der Magie«, der weltweit zu einem sensationellen Erfolg wurde und den Auftakt zu einer der erfolgreichsten Fantasy-Sagas aller Zeiten bildet. Er lebte bis zu seinem Tod in Maine, USA.

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Hateful Things (The Children of D’Hara, Episode 2)« bei Head of Zeus, London.

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Copyright der Originalausgabe © 2019 by Terry Goodkind

Published in agreement with the author

c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2021 by Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Werner Bauer

Covergestaltung: Max Meinzold, München, Inkcraft nach einer Originalvorlage von Head of Zeus Ltd

HK · Herstellung: MR

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN978-3-641-26477-2

1

»Ein Junge und ein Mädchen?«, fragte Kahlan mit Erstaunen.

»Ja, so ist es«, sagte Shale mit einem herzlichen Lächeln und nickte bekräftigend. »Ihr seid mit Zwillingen schwanger.«

Kahlan starrte hoch in einer Mischung aus Aufregung und tiefverwurzeltem Angstgefühl. Zwillinge zu bekommen – einen Jungen und ein Mädchen –, käme einem Geschenk der Gütigen Seelen gleich. Es war eine Möglichkeit, den Fortbestand von Richards Gabe und ihrer Konfessorinnenkraft bis hinein in künftige Generationen zu gewährleisten. Das Geschlecht der Rahls würde nicht aussterben. Die Abstammungslinie der Konfessorinnen würde nicht enden. Es könnte nicht perfekter sein.

Als sie sich aufzusetzen versuchte, zuckte Kahlan unwillkürlich zusammen. Sie legte einen Arm um ihren Unterleib, um den durch den Versuch ausgelösten, unerwarteten Schmerz zu lindern.

»Langsam«, sagte Shale und drückte sie, eine Hand auf ihrer Schulter, sachte wieder nach unten. »Eure Verletzungen waren lebensbedrohlich, außerdem wurdet Ihr gerade erst geheilt, im Großen und Ganzen jedenfalls. Euer Körper ist nach wie vor damit beschäftigt, das endgültige Verheilen dieser Wunden abzuschließen. Eure Muskeln wurden bis zur Erschöpfung beansprucht. Ihr müsst Euch ausruhen, um vollständig zu genesen.«

Kahlan, dankbar, dass die Frau ihr nach dem Überfall das Leben gerettet hatte, legte ihre Hand über Shales. Ja, Shale hatte unermüdlich geschuftet, um zu verhindern, dass Kahlan starb oder ihren Arm nicht mehr benutzen konnte.

Die Frau war zwar eine Zauberin, trotzdem war sie ganz und gar zu jung und zu hübsch für eine derart fähige Heilerin. Ihre von einem Schatten aus Weisheit und Kompetenz überlagerte jugendliche Schönheit – diese eigenartige Verbindung aus gerade erst erblühter Weiblichkeit und routinierter Cleverness – brachte Kahlan in einem hinteren Winkel ihres Verstandes auf den Gedanken, dass Shale wohl mehr war, als sie oberflächlich schien.

Im Augenblick jedoch plagten Kahlan größere Sorgen als die Andeutungen dessen, was sich hinter der Schönheit dieser Frau verbergen mochte, oder ihre eigene Sterblichkeit. Sanft schob sie Shales Arm beiseite, setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Schließlich stand sie auf. Shale, die auf der Bettkante saß, erhob sich neben ihr, bereit, sie zu stützen oder aufzufangen, sollten ihre Beine versagen. Mit purer Willenskraft richtete Kahlan sich auf und stellte fest, dass sie sich auf den Beinen besser fühlte.

In dem großzügigen Schlafzimmer, beleuchtet nur vom sanften Schein der Lampen und dem heruntergebrannten Feuer in dem riesigen Kamin, war es still und ruhig. Kahlan wusste, die meisten der Mord-Sith würden draußen im Vorraum sein und das Schlafzimmer bewachen. Vika allerdings würde über Richard wachen.

Angesichts der draußen Wache stehenden Mord-Sith und der Anwesenheit Shales bei ihr im Zimmer schien dieser private Zufluchtsort ausreichend sicher. Allerdings hatte dieses Wesen, das sie angegriffen und um ein Haar getötet hatte, nicht durch die Tür kommen müssen. Es hatte sie freilich in einem abgeschlossenen Zimmer attackiert. Sah also ganz so aus, als könnten diese rätselhaften Beutegreifer überall auftauchen.

Bedrückt von der Sorge wegen der neuerlichen Gefahr für ihrer aller Leben und ihre Welt, zog Kahlan einen Morgenrock über und öffnete die gläsernen Flügeltüren zum Balkon. Die Gemächer des Lord Rahl seit zahllosen Generationen – jetzt ihres und Richards Schlafzimmer – befanden sich weit oben im Palast des Volkes, schwer bewacht von den Männern der Ersten Rotte, Richards persönlicher Leibgarde. Das Geländer, ebenso wie die gekehlten Geländersäulen aus Marmor an der gegenüberliegenden Balkonbegrenzung, war zwischen goldenen Tupfern von unregelmäßigen schwarzen Adern durchzogen. Der prachtvolle Balkon ragte weit genug über den Rand des Hochplateaus hinaus, sodass sie, am Geländer stehend, am Palast vorbei bis tief hinunter in die Azrith-Ebene schauen konnte.

Kahlan raffte ihren Morgenrock gegen die Kühle zusammen. Der Sommer neigte sich dem Ende entgegen; die jetzige Kälte war ein Vorbote der bevorstehenden rauen Zeiten.

In der Dunkelheit kurz vor der morgendlichen Dämmerung war die Azrith-Ebene noch kaum zu erkennen. Auf eine schroffe, karge Art bot sie unter dem weiten Himmel oftmals einen wunderschönen Anblick. Es war ein Blick auf eine Welt ohne das Gewand grüner Hügel, ohne Waldteppiche oder glitzernde, funkelnde Wasserläufe. Stattdessen wirkte sie in ihrer charakteristischen, ehrlichen Schmucklosigkeit eher unverfälscht.

In gewisser Weise war sie die sichtbare Erinnerung daran, wie grausam und unerbittlich die Welt des Lebens hinter ihrer schönen Fassade sein konnte.

Jetzt jedoch gab es, außer wenn ein Blitz aufflackerte, nichts zu sehen. Der Schein der Lampe, der aus dem Schlafzimmer hinter ihr fiel, beleuchtete herabstürzende Regenfahnen.

Es war ein düsterer, Unheil verkündender Anblick, der zu ihrer Stimmung passte.

Kahlan wollte diese beiden Kinder – Richards Kinder – mehr als alles andere. Sie hatte gewusst, dass sie schwanger war, aber zu erfahren, dass sie Zwillinge erwartete, raubte ihr vor unerwarteter Begeisterung fast den Atem. Doch so sehr sie diese Kinder wollte – sie wusste nicht, ob sie zu hoffen wagte, sie jemals zu bekommen.

Die Zauberin trat zu ihr hin. »Im Nördlichen Ödland hat der Winter bereits Einzug gehalten. Dann wird er auch bald hier unten sein.«

»Kommt Ihr von dort?«, fragte Kahlan, während ihr Verstand in kalten, düsteren Gedanken versank.

Shale nickte und legte ihr sachte eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß um Eure Sorgen und Ängste«, sagte sie, so als lese sie Kahlans Gedanken, »aber diese Kinder, die Fortführung der Gabe des Lord Rahl und Eurer Kraft, sind es, was unsere Welt auch künftig in Sicherheit bewahren wird. Es hätte zu keinem besseren Zeitpunkt geschehen können.«

Kahlan verschränkte die Arme. »Es hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt geschehen können. Sie zur Welt zu bringen, das heißt nichts weiter, als dass sie von dieser Goldenen Göttin und ihresgleichen gejagt und abgeschlachtet werden. Unsere Welt braucht sie, sie ist darauf angewiesen, dass unsere Abstammungslinie der Magie fortbesteht, um unser Volk auch in Zukunft zu beschützen, aber aus ebendiesem Grund kann die Goldene Göttin nicht zulassen, dass sie überleben.« Kahlan starrte hinaus in die Dunkelheit. »Sie wird kommen, um sie sich zu holen.«

»Wollt Ihr damit sagen, Ihr würdet eine Kräuterfrau aufsuchen, die diese ungeborenen Kinder in Eurem Leib umbringt, bevor die Goldene Göttin dies besorgen kann?«

Der bloße Gedanke, das Leben ihrer beiden ungeborenen Kinder zu beenden, ehe sie überhaupt auf die Welt kommen konnten, ließ Kahlan zusammenzucken. Trotzdem, dieser düstere Gedanke hatte, nicht vollständig ausformuliert, in einem Winkel ihres Verstandes gelauert. Shales Art, ihn in Worte zu kleiden, war schonungslos brutal, und das war er ja auch, trotzdem kam Kahlan nicht umhin, über die Barmherzigkeit einer solchen Untat nachzudenken.

Eine einzelne kalte Träne lief ihr über die Wange. »Das habe ich nicht gesagt.«

»Mutter Konfessor, Eure Schwangerschaft ist ein freudiges Ereignis. Diese zwei Kinder zu bekommen wird die Gabe des Lord Rahl bis in die Zukunft erhalten. Es würde bedeuten, dass Ihr nicht die letzte Konfessorin sein müsstet.«

»Man kann unmöglich wissen, ob eines dieser beiden Kinder unsere Gabe weitertragen wird. Sie könnten Springer sein. Magie überträgt sich nicht immer auf die Nachkommen von mit der Gabe Gesegneten. Oftmals überspringt sie eine oder gar mehrere Generationen.«

*

Noch während sie dies sagte, wurde ihr bewusst, dass die Töchter von Konfessorinnen stets als Konfessorinnen geboren wurden. Allerdings wurden nicht alle Söhne des Lord Rahl als Zauberer geboren.

»Und wenn sie mit der Gabe gesegnet sind? Wenn es das ist, was nötig ist, damit die Magie weiterhin die Verbindung ist, die unsere Welt beschützt?«

Kahlan wischte sich die Träne von der Wange und sah über ihre Schulter. »Was, wenn sie nicht mit der Gabe gesegnet sind? In diesem Fall würde die Geburt dieser Kinder nicht die Magie in unserer Welt bewahren. Auch wenn es mir die größte Freude wäre, Richards Kinder auf die Welt zu bringen und die beiden ebenso geliebt werden würden, ist es möglich, dass sie nicht mit der Gabe gesegnet sind. Sind sie es nicht, und erst recht wenn doch, könnten sie sich bestenfalls darauf freuen, in eine sterbende Welt hineingeboren zu werden, die, ohne Hoffnung auf eine Zukunft, zur Beute der Goldenen Göttin und ihrer Spezies werden wird.«

Shale zeigte ein seltsames Lächeln. »Ich bezweifele, dass die Gütigen Seelen in solchen Notzeiten einen derart grausamen Streich spielen würden.«

»Wie könnt Ihr da so zuversichtlich sein?«

Shales Lächeln wurde breiter, als sie ihre Hand auf Kahlans Bauch legte. »Weil ich es in ihnen spüren kann.«

Kahlans Augen weiteten sich. »Ihr könnt mit Gewissheit sagen, dass sie mit der Gabe gesegnet sind? Alle beide?«

Shale nickte voller Überzeugung. »Kann ich.«

Abermals wandte Kahlan den Blick ab und sah hinaus in die Dunkelheit. Auch wenn es das war, was ihre Welt auf lange Sicht benötigte, die unmittelbare Gegenwart machte es nur umso schlimmer.

Die Goldene Göttin würde ihre Magie wahrnehmen können, sie nannte Richard den leuchtenden Mann, weil sie das Leuchten der Magie in ihm erkannte. Diese beiden ungeborenen Kinder D’Haras würden dieses Böse geradezu anlocken.

»So habe ich das nicht gewollt«, meinte Kahlan mit kaum hörbarer Stimme. Jederzeit, nur nicht jetzt. Selbst wenn diese Kinder durch ein Wunder geboren werden sollten, wäre ihre Geburt gleichzeitig ihr Todesurteil.

2

»Mutter Konfessor, würdet Ihr nicht ›Steh auf, mein Kind‹ zu jedem sagen, der zu Euren Füßen stürzt?«

Kahlan starrte hinaus in die Regenfahnen, die sich sanft in der Brise bauschten. »Würde ich.«

»Demnach sind alle Kinder auf gewisse Weise die Kinder der Mutter Konfessor, ist es nicht so?«

Als Antwort nickte Kahlan gedankenverloren.

»Als Mutter Konfessor ist es Euer Naturtrieb, Euer Volk – Eure Kinder – zu beschützen, richtig? Ist das nicht, in gewisser Weise, genau das, worum es bei diesem ungewöhnlichen Titel geht?«

»Ja, schon«, sagte Kahlan.

»Und Ihr habt soeben einen langen und entsetzlichen Krieg zu ihrem Schutz geführt, nicht wahr?«

Wiederum nickte Kahlan. Sie wusste nicht, worauf die Zauberin hinauswollte. »Es war ein entsetzlicher Krieg. Ein langer und entsetzlicher Krieg. Aber damit das Leben obsiegen konnte, hatte ich keine andere Wahl, als zu kämpfen. Mein ganzes Leben lang habe ich mich in einem einzigen, endlosen Krieg befunden, um die Menschen vor dem Bösen zu beschützen.«

»Und nun müsst Ihr den Kampf fortsetzen, um alle Eure Kinder zu beschützen, ganz besonders jene, die in Euch heranwachsen, also erst noch geboren werden müssen.«

Kahlan holte tief Luft und atmete langsam aus, während sie sich wieder zu der Zauberin herumdrehte und sie ansah. »Dies ist etwas anderes. Diese Kinder werden für das, was und wer sie sind, getötet werden. Alles spricht zugunsten der Goldenen Göttin. Sie wird niemals aufgeben. Sie hat geschworen, dass die Magie, so oder so, in dieser Welt zu existieren aufhören wird und ihre Horden uns bis zur Auslöschung verfolgen werden, wenn dies geschieht.«

»Es spricht wohl kaum alles zu ihren Gunsten«, spöttelte Shale.

Kahlan runzelte die Stirn. »Wovon redet Ihr? Ihr habt doch gehört, was Nolo sagte.«

»Richard ist ein Kriegszauberer. Er wird kämpfen, um der Goldenen Göttin und ihrer Spezies von Beutegreifern Einhalt zu gebieten. Kriegszauberer sind vor allem deshalb mit dieser Kraft, dieser Gabe geboren, damit sie Gefahren entgegentreten, den bekannten wie den unbekannten. Seine Kinder tragen die Gabe in sich. Die Welt braucht sie.«

Kahlan schüttelte langsam den Kopf. »Ihr versteht nicht. Es steckt mehr dahinter. Die Goldene Göttin ist nicht die einzige Gefahr. Es gibt noch eine weitere, die in mancher Hinsicht genauso furchtbar ist.«

Shale beugte sich vor, legte die Finger auf das Geländer und blickte Kahlan forschend in die Augen. »Wovon sprecht Ihr?«

Kahlan fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, wischte ihre Tränen fort. »Ich spreche von Shota.«

»Shota?« Sie rümpfte die Nase. »Wer oder was ist denn Shota?«

Einen Moment lang presste Kahlan die Lippen fest aufeinander, ehe sie antwortete. »Shota ist eine Hexe.«

Eine von Shales Brauen schoss nach oben. »Eine Hexe?«

Kahlan nickte. »Als Richard und ich ihr das erste Mal begegneten, hat sie mich über und über mit Schlangen überhäuft.«

Shale schien verwirrt. »Schlangen? Warum denn das?«

»Um mich bewegungsunfähig zu machen und daran zu hindern, ihr so nahe zu kommen, dass ich meine Kraft bei ihr einsetzen konnte. Damals musste ich eine Person noch körperlich berühren, um sie mit meiner Kraft zu überwältigen. Mittlerweile bin ich auf diese Nähe nicht mehr angewiesen. Jetzt vermag meine Kraft eine solche Entfernung zu überbrücken, damals allerdings noch nicht, weshalb Shota mich in sicherer Entfernung halten wollte. Außerdem wusste sie, wie sehr ich mich vor Schlangen fürchte. Sie meinte, sollte ich mich bewegen, würden mich diese Vipern beißen. Letztendlich war es ihr Plan, dass diese Giftschlangen mich töten.«

»Hattet Ihr sie bedroht?«

»Nein.«

Jetzt wirkte Shale noch verdutzter. »Warum in aller Welt sollte eine Hexe Euch dann töten wollen?«

Kahlan gestikulierte wie in einem kraftlosen Versuch, die fürchterliche Erinnerung zu vertreiben. »Sie meinte, würde sie mich am Leben lassen und Richard und ich jemals ein Kind bekommen, wäre dieses Kind ein Scheusal.«

Shale schien noch verwirrter. »Wie sollte sie denn darauf kommen?«

Kahlan entfuhr ein tiefer Seufzer. »In ferner Vergangenheit herrschten dunkle Zeiten, verursacht von männlichen Konfessoren. Die von einer Mutter-Konfessorin vererbte Gabe hatte diesen männlichen Konfessoren außerordentliche Talente und Kräfte verliehen. Diese Konfessorenkraft allein hat sie korrumpiert, und sie haben sich ihrer bedient, um Macht zu erlangen. Es waren Grobiane, die die Welt in Tyrannei und Terror stürzten. Wegen dieser Vorgeschichte wurde jedes einer Konfessorin geborene männliche Kind getötet, eine schreckliche Pflicht, die dem Vater zufiel. Es war stets so gewesen, dass eine Konfessorin ihren Gefährten mit ihrer Kraft überwältigte, damit er diese Anweisung ohne Zögern ausführte. Glücklicherweise wurden die männlichen Nachkommen der Konfessorinnen mit der Zeit immer seltener, sodass auch diese Kindsmorde rar wurden. Richard ist der Erste, der eine Konfessorin liebt und nicht von ihrer Kraft überwältigt wurde. Weil er mir nicht über diese, sondern in Liebe verbunden ist, konnte sich Shota sicher sein, dass er niemals ein Kind von mir töten würde. Er selbst hat ihr gegenüber zugegeben, dass er zu so etwas niemals imstande wäre.«

»Vererbt sich die Konfessorinnenkraft demnach an alle weiblichen Nachkommen?«

»Ja. Jede einer Konfessorin geborene Tochter ist selbst auch Konfessorin. Auf diese Weise wurde uns die Kraft eingegeben, als sie ursprünglich von einem Zauberer namens Merritt geschaffen wurde. Die erste Konfessorin, von ihm selbst erschaffen, war Magda Searus.«

»Werden die männlichen Nachkommen auch stets mit der Konfessorenkraft geboren?«

Kahlan biss sich auf die Unterlippe und versuchte sich mit zusammengekniffenen Augen zu erinnern. »Schätze, das kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Das war vor langer Zeit. Gut möglich, dass nur einige mit den Talenten einer Konfessorin geboren wurden. Wer sie jedoch besaß, hat zweifellos reichlich Leid verursacht. Deshalb lässt man die männlichen Nachkommen einer Konfessorin niemals überleben.«

»Demnach könnte Shotas Befürchtung grundlos sein. Euer Sohn besitzt möglicherweise gar nicht dieses Talent, vielleicht besitzt er nur Richards Gabe. Da Konfessorinnen selten männlichen Nachwuchs bekommen, wird das Mädchen wahrscheinlich Eure Kraft besitzen, und der Junge Richards. Und überhaupt, selbst wenn er dieses Talent besitzt, würdet Ihr beide ihn zu einem anständigen Menschen erziehen.«

»Nun, wie auch immer, Shota schwor, ein jegliches unserer Kinder umzubringen. Und gerade eben habt Ihr mir bestätigt, dass meine Zwillinge mit der Gabe gesegnet sein werden, mit Richards und meiner. Insoweit hatte Shota also recht.«

»Hexen haben nicht immer auf genau die Weise recht, die man erwartet.«

»Glaubt mir, dessen bin ich mir hinreichend bewusst. Aber Shota ist eine sehr zielorientierte Hexe, sie verfügt über unzählige Kenntnisse, findet die geheimsten Dinge heraus. Wie, weiß ich nicht, aber sie tut es. Soweit ich weiß, liest sie womöglich Dinge in den Sternen.«

»Die Sterne stehen jetzt an einer anderen Stelle am Himmel«, erinnerte sie Shale.

»Schon. Nun, wie ich Shota kenne, wird sie irgendwie dahinterkommen, dass ich mit Richards Kindern schwanger bin.«

Kahlan beugte sich zu der Zauberin hin, um ihre Haltung zu verdeutlichen. »Ihr wisst nicht, wie diese Hexen sind.«

Shale legte den Kopf schief, und ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. »Ist das so?«

»Ja.«

Kahlan spürte etwas ihren Knöchel streifen. Sie sah nach unten und erstarrte.

Eine große weiße Schlange wand, mit ihrer roten Zunge züngelnd, ihren fetten Leib zischend um ihre Knöchel und fesselte sie, sich krümmend und zusammenziehend, aneinander.

Kahlans Blick schoss hoch zu Shale. »Ihr seid eine Hexe?«

Shale lächelte auf eine Weise, die Kahlan gar nicht gefiel.

Jetzt verstand sie endlich diesen rätselhaften Schatten hinter ihrer Schönheit.

3

»Das bin ich in der Tat.«

Kahlans Augen weiteten sich. »Das ist nicht möglich. Ihr seid doch eine Zauberin.«

»Mein Vater hatte die Gabe, er war ein Zauberer. Meine Mutter hingegen war eine Hexe. Die Gabe meines Vaters wurde an mich weitervererbt, was mich zu einer Zauberin machte, und die meiner Mutter macht mich zu einer Hexe. Ich bin beides.«

»Davon habe ich noch nie gehört«, meinte Kahlan, noch immer mit großen Augen.

»Abgesehen davon, dass immer weniger mit der Gabe Gesegnete geboren wurden, was ihre Zahl ständig schrumpfen ließ, hat das Haus Rahl D’Hara regelmäßig von der vermeintlichen Bedrohung durch die noch verbliebenen mit der Gabe Gesegneten gesäubert. Einer der Schlimmsten von ihnen war Richards Vater, Darken Rahl. Er verunglimpfte die mit der Gabe Gesegneten als Kriminelle und verlangte, dass sie zum Wohle aller ausgelöscht würden.«

Das alles war Kahlan natürlich bekannt. Darken Rahl hatte jeden mit der Gabe Gesegneten als mögliche Gefahr für seine Herrschaft betrachtet. Tatsächlich war dies der Grund gewesen, weshalb sie, auf der Suche nach Hilfe, um ihm Einhalt zu gebieten, die Grenze nach Westland überquert hatte. Und dabei hatte sie ja Richard kennengelernt …

»Darken Rahl fand einen Weg durch die Grenze und stellte die Midlands, mein Volk, unter das Joch seiner Schreckensherrschaft«, sagte Kahlan. »Er tötete alle mit der Gabe Gesegneten, die er finden konnte. Er machte Jagd auf alle Konfessorinnen und tötete sie. Ich bin als Einzige entkommen, was mich zur Letzten in der Abstammungslinie der Konfessorinnen gemacht hat.«

»Dieser Mann hat mit der Gabe Gesegnete jedweden Schlages umgebracht«, bestätigte Shale mit traurigem Nicken.

»Wie haben sich dann Eure Eltern seinem Zugriff entzogen?«

»Sie sind geflohen, aus Angst um ihr Leben und das ihres ungeborenen Kindes.« Shale lächelte listig. »Im Nördlichen Ödland hat das Haus Rahl zu keiner Zeit nach solchen mit der Gabe Gesegneten gesucht; es war zu weit entfernt und zu dünn bevölkert, als dass Darken Rahl sich damit abgegeben hätte. Und weil er ausschließlich auf seinen Krieg zur Übernahme der Welt konzentriert war, richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die bevölkerten Gebiete, nicht auf solche abgelegenen und nutzlosen Gegenden wie das Nördliche Ödland. Meine Eltern lebten dort in friedlicher Abgeschiedenheit, und dort haben sie auch mich bekommen. In mir haben sich ihre beiden Talente vermischt, die beiden Gaben wurden gekreuzt.« Sie beugte sich etwas näher. »So gesehen das Ungeheuer, wie Ihr es beschrieben habt.«

Kahlan zwang sich, nicht zu der Schlange hinunterzublicken, die ihre Knöchel aneinanderpresste und ihr auf diese Weise jede Bewegung unmöglich machte. »So nannte Shota solche Leute, nicht ich, außerdem sprach sie ausschließlich über Kinder, die Richard und ich bekommen könnten. Sie sprach von der Vermischung unserer beider Gaben.«

Shales Tonfall wechselte zu dem eines Verhörs. »Anders als die meisten haltet Ihr mich also nicht für ein Ungeheuer, weil sich in mir zwei Gaben gekreuzt haben?« Sie hob eine Braue. »Oder denkt, ich mache Ärger, weil ich eine Hexe bin?«

»Natürlich nicht.«

»Seid Ihr da sicher?«

»Ihr habt mir das Leben gerettet«, sagte Kahlan. »Ihr hättet Euch nicht einmischen müssen. Ihr hättet nicht so hart dafür arbeiten müssen, mich zu retten. Ihr hättet mich sterben lassen können, und niemand hätte es überhaupt bemerkt. Durch Euer Tun habt Ihr bewiesen, dass Ihr keineswegs ein Ungeheuer seid. Und das wären auch meine Kinder nicht, nur weil sie einen Zauberer als Vater haben und eine Konfessorin als Mutter.«