Das Schwert der Wahrheit 11 - Terry Goodkind - E-Book

Das Schwert der Wahrheit 11 E-Book

Terry Goodkind

4,7
9,99 €

oder
Beschreibung

Eine Liebe, die stärker ist als der Tod, stärker als das Schicksal, sogar stärker als das absolut Böse!

Dunkelheit senkt sich auf die Midlands herab, und das Böse droht die letzten freien Menschen zu überwältigen. Jetzt muss sich Richard Rahl einer entsetzlichen Erkenntnis stellen: Er muss zulassen, was geschehen wird. Doch das bedeutet auch, dass er seine Liebe zu Kahlan verleugnen muss, um die Welt zu retten …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1104

Bewertungen
4,7 (44 Bewertungen)
33
8
3
0
0



TERRY GOODKIND

Das Schwert der Wahrheit Elftes Buch

Das Schwert der Wahrheit bei Blanvalet in der ungesplitteten, dem Original entsprechenden Taschenbuchausgabe:

Erstes Buch: Das erste Gesetz der Magie Zweites Buch: Die Schwestern des Lichts Drittes Buch: Die Günstlinge der Unterwelt Viertes Buch: Der Tempel der vier Winde Fünftes Buch: Die Seele des Feuers Sechstes Buch: Schwester der Finsternis Siebtes Buch: Die Säulen der Schöpfung Achtes Buch: Das Reich des dunklen Herrschers Neuntes Buch: Die Magie der Erinnerung Zehntes Buch: Am Ende der Welten Elftes Buch: Konfessor

Inhaltsverzeichnis

TERRY GOODKINDKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Copyright

Meinem Freund Mark Masters gewidmet, einem Mann von bemerkenswerter Kreativität, Entschluss- und Schaffenskraft. Er ist der lebende Beweis für all das, wovon ich schreibe: dass ein einzelner Mann allein durch seine Liebe für das Leben, durch Anstand und die Gabe einer aus der Ruhe entspringenden Kraft – der jeder Hass fremd ist – all denen ein Vorbild sein kann, die ihn mit der Würde des menschlichen Geistes zu sehen vermögen.

1

Es war jetzt das zweite Mal an diesem Tag, dass eine Frau mit einem Messer auf Richard einstach.

Schlagartig hellwach durch den schockartigen Schmerz, packte er augenblicklich ihr knochendürres Handgelenk und konnte dadurch gerade noch verhindern, dass sie ihm den Oberschenkel aufschlitzte. Ein schäbiges, bis zum Hals zugeknöpftes Kleid bedeckte ihren hageren Körper. Im matten Schein der fernen Lagerfeuer konnte Richard erkennen, dass das rechteckige, ihren Kopf bedeckende und unter ihrem kantigen Kinn zusammengebundene Tuch offenbar aus einem ausgefransten Fetzen Sackleinen bestand.

Trotz der zerbrechlichen Gestalt, der eingefallenen Wangen und des krummen Rückens hatte ihr Blick etwas Raubtierhaftes. Die Frau, die kurz zuvor an diesem Abend auf ihn eingestochen hatte, war schwerer und kräftiger gewesen. Aber auch ihre Augen hatten hasserfüllt geglüht.

Zudem war die schmale Klinge in der Hand der Frau vor ihm kleiner. Sie hatte eine äußerst schmerzhafte Stichwunde hinterlassen, doch hätte sie, wie es nach ihrer Art, das Messer zu halten, offenbar ihre Absicht gewesen war, seinen Oberschenkelmuskel durchtrennt, wäre das weit schlimmer gewesen. In der Armee der Imperialen Ordnung gab man sich nicht lange ab mit Sklaven, die durch eine Verletzung kampfunfähig geworden waren. Man hätte ihn einfach umgebracht. Vermutlich war das ohnehin ihr Plan gewesen.

Mit vor Zorn zusammengebissenen Zähnen packte er also das Handgelenk der sich heftig wehrenden Frau mit schraubstockartigem Griff, verdrehte ihr den Arm und bog die Faust mit den weiß hervortretenden Knöcheln nach oben, um die Klinge aus seinem Bein zu ziehen. Ein Blutstropfen troff von dessen Spitze.

Er hielt den Druck auf ihren Arm aufrecht, bis er ihr das Messer entwunden hatte und es sicher in der Hand hielt. Er wollte sie einfach los sein. Nachdem er sie entwaffnet hatte, stieß er sie von sich.

»Ihr werdet die Mannschaft Jagangs, des großen und ruhmreichen Kaisers, niemals besiegen. Hunde seid ihr – alle miteinander! Ihr alle hier aus der Neuen Welt seid nichts als gottlose Hunde!«, keifte sie und spuckte ihn an.

Richard maß sie mit durchdringendem Blick, um sicherzugehen, dass sie nicht noch ein Messer zog und ihre Attacke wiederholte. Dann sah er sich auf beiden Seiten nach Komplizen um. Nicht weit entfernt, gleich hinter der kleinen Einfriedung für die Vorratswagen, standen ein paar Soldaten, doch die waren mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Die Frau schien allein gekommen zu sein.

Als sie Anstalten machte, ihn abermals anzuspucken, schlug Richard nach ihr. Mit einem erschrockenen Keuchen wich sie zurück. Jetzt, da er wach war und sich verteidigen konnte, hatte sie der Mut verlassen, auf ihn einzustechen, also wandte sie sich mit einem letzten hasserfüllten Blick ab und verschwand in die Nacht. Die schwere, an seinem Halsring befestigte Kette wäre gar nicht lang genug gewesen, um sie zu treffen, doch das hatte die Frau nicht gewusst, weshalb die Drohgebärde überzeugend genug ausfiel, um sie zu vertreiben.

In dem ausufernden Armeelager, in dem sie untergetaucht war, herrschte selbst mitten in der Nacht ein unablässiges geschäftiges Treiben, so dass es sie einer riesigen, niemals ruhenden Bestie gleich verschluckte.

Viele der Soldaten schliefen, andere dagegen schienen unablässig mit irgendwas beschäftigt, sei es mit dem Reparieren von Ausrüstungsteilen, der Herstellung von Waffen, dem Zubereiten oder Verspeisen von Mahlzeiten, oder aber mit Saufgelagen und dem Austausch derber Anekdoten an den Lagerfeuern. Damit vertrieben sie sich die Zeit, bis sich die nächste Gelegenheit zum Morden, Rauben und Plündern bot. Scheinbar die ganze Nacht hindurch maßen Soldaten ihre Kräfte, mal nur mit Muskelkraft, mitunter aber auch mit Messern. Von Zeit zu Zeit bildeten sich kleine Soldatentrauben, um diese Wettkämpfe zu verfolgen und auf ihren Ausgang zu setzen. Während der ganzen Nacht streiften nach Anzeichen ernsthaften Ärgers Ausschau haltende Patrouillen, Soldaten auf der Suche nach Zerstreuung und um Almosen bettelnde Schlachtengänger durch das Lager. Gelegentlich kamen Soldaten vorbeigeschlendert, um Richard und seine Mitgefangenen abschätzend zu mustern.

Durch eine Lücke zwischen den Wagen konnte Richard einige Schlachtengänger von Gruppe zu Gruppe ziehen sehen, die sich erboten, für die Männer Flöte zu spielen oder zu singen, in der Hoffnung, etwas zu essen oder gar eine kleine Münze zu ergattern. Andere boten an, die Soldaten zu rasieren, ihre Kleider zu waschen und zu richten oder sie zu tätowieren. Nicht wenige der schattenhaften Gestalten verschwanden nach kurzem Feilschen mit den Männern in den Zelten. Andere durchstreiften das Lager in räuberischer Absicht, und einige wenige Nachtschwärmer hatten noch weit Schlimmeres im Sinn.

Inmitten all dessen lag Richard auf einer aus einem Ring aus Vorratswagen geschaffenen Gefängnisinsel, zusammengekettet mit den anderen Gefangenen, die man herangekarrt hatte, um an dem Ja’La dh Jin-Turnier teilzunehmen. Seine Mannschaft bestand größtenteils aus regulären Truppen der Imperialen Ordnung, die jedoch abseits in ihren eigenen Zelten schliefen.

Es gab kaum eine von der Imperialen Ordnung beherrschte Stadt, die nicht eine eigene Ja’La-Mannschaft besaß. Diese Soldaten hatten es gespielt, kaum dass sie laufen konnten, und alle gingen davon aus, dass ihnen Ja’La nach Beendigung des Krieges erhalten bleiben würde. Für viele Soldaten war Ja’La dh Jin – das Spiel des Lebens – eine Frage von Leben und Tod, und fast so wichtig wie die Ziele der Imperialen Ordnung selbst.

Selbst für eine alte ausgemergelte Frau, die ihrem Kaiser in den Krieg gefolgt war und die sich von den Überresten seiner Eroberungen ernährte, war Mord ein probates Mittel, ihrer Lieblingsmannschaft zum Sieg zu verhelfen.

Eine siegreiche Ja’La-Mannschaft zu besitzen war für jede Armeeeinheit – wie für jede Stadt – ein Grund großen Stolzes. Und Kommandant Karg, der für Richards Mannschaft verantwortliche Offizier, war fest entschlossen zu gewinnen. Eine siegreiche Mannschaft trug den unmittelbar Beteiligten sehr viel mehr Pfründe ein als nur bloßen Ruhm. Die Betreiber der Spitzenmannschaften wurden zu mächtigen Männern, und aus siegreichen Ja’La-Spielern wurden Helden, die mit allen nur erdenklichen Reichtümern überhäuft wurden. Scharen von Frauen waren geradezu versessen auf ihre Gesellschaft.

Nachts wurde Richard an die Wagen gekettet, auf denen die Käfige standen, in denen er zusammen mit den anderen Gefangenen hergeschafft worden war, in den Partien jedoch, die sie auf dem Weg hierher ausgetragen hatten, war er die Angriffsspitze ihrer Mannschaft, der man durchaus zutraute, Kommandant Kargs Durst nach Ruhm beim Turnier in Kaiser Jagangs Hauptlager zu stillen. Richards Leben hing davon ab, wie gut er seine Arbeit verrichtete, und bis jetzt hatte er das von Kommandant Karg in ihn gesetzte Vertrauen nicht enttäuscht.

Von Anfang an hatte er vor der Wahl gestanden, entweder Kargs Ziele zu unterstützen oder auf denkbar grausamste Art hingerichtet zu werden.

Und doch hatte Richard ganz andere Gründe für seine »freiwillige Meldung« gehabt, Gründe, die ihm wichtiger waren als alles andere.

Er blickte hinüber und sah Johnrock, an denselben Wagen gekettet wie er selbst, fest schlafend auf dem Rücken liegen. Der Mann, Müller von Beruf, war gebaut wie eine Eiche. Im Gegensatz zu den Angriffsspitzen anderer Mannschaften bestand Richard, wann immer sie nicht unterwegs waren, auf unermüdliche Trainingsstunden. Das stieß zwar nicht bei allen aus seiner Mannschaft auf Begeisterung, seine Anweisungen wurden aber trotzdem befolgt. Selbst im Käfig, auf dem Weg zur Hauptstreitmacht der Imperialen Ordnung, hatten er und Johnrock überlegt, was sie hätten besser machen können, hatten Geheimzeichen für Spielzüge ersonnen und auswendig gelernt sowie endlos Liegestützen und andere Übungen absolviert, um ihre Körper zu kräftigen.

Offenbar war seine Erschöpfung stärker gewesen als der Lärm und das Durcheinander im Lager, so dass Johnrock, ungeachtet der Tatsache, dass ihr Ruf Leute hatte in die Nacht ausschwärmen lassen, welche die Chancen ihrer Mannschaft noch vor ihrer Teilnahme am Turnier zunichtemachen wollten, friedlich wie ein Kleinkind schlummerte.

Obwohl selbst hundemüde, hatte Richard lediglich von Zeit zu Zeit ein wenig gedöst. Seit längerem schon quälten ihn Schlafschwierigkeiten. Irgendetwas stimmte nicht, etwas, das nichts mit den unzähligen Kümmernissen rings um ihn her zu tun hatte, ja nicht einmal mit den unmittelbaren profanen Gefahren seines Gefangenendaseins. Da war noch etwas anderes, etwas tief in seinem Innern. Es erinnerte ein wenig an die Zeiten, als er an einem Fieber erkrankt war, aber eigentlich traf es das ebenso wenig. So sorgsam er es auch zu ergründen suchte, das Wesen dieser Empfindung entzog sich ihm. Das unerklärliche Gefühl war so verwirrend, dass kaum mehr als ein quälendes Gefühl fieberhafter Vorahnung davon blieb.

Zudem beschäftigten ihn die Gedanken an Kahlan viel zu sehr, als dass er hätte ruhig schlafen können. Dabei war sie, selbst eine Gefangene Kaiser Jagangs, nicht einmal fern.

Manchmal, wenn er spätabends allein mit Nicci vor einem Feuer gesessen hatte, hatte sie, den Blick starr in die Flammen gerichtet, ihm gestanden, wie brutal Jagang sie misshandelt hatte. Diese Geschichten zerfraßen ihn innerlich.

Von hier aus war das umfriedete Lager des Kaisers nicht zu erkennen, aber als sie früher an diesem Tag durch das ausgedehnte Feldlager geholpert waren, hatte er einen Blick auf die beeindruckenden Kommandozelte erhascht. Nach all dieser Zeit so unvermittelt in Kahlans grüne Augen zu blicken, und sei es nur für einen flüchtigen Moment, hatte ihn mit Freude und Erleichterung erfüllt. Endlich hatte er sie wiedergefunden. Sie lebte! Jetzt musste er einen Weg finden, sie zu befreien.

Als er einigermaßen sicher sein konnte, dass die zweite Frau, die auf ihn eingestochen hatte, nicht mehr in den Schatten auf eine weitere Chance lauerte, löste Richard seine Hand, um seine Verletzung zu begutachten. Sie war nicht so schlimm, wie sie hätte sein können. Hätte er, wie Johnrock, tief und fest geschlafen, wäre das Ganze gewiss weit schlimmer ausgegangen.

Vermutlich hatte ihm das seltsame Gefühl, das ihn um den Schlaf brachte, sogar einen guten Dienst erwiesen.

So sehr die Wunde in seinem Bein auch brannte, ernst war sie nicht. Er hatte seine Hand fest daraufgepresst und so die Blutung gestoppt. Die Wunde von vorhin schmerzte ebenfalls, obwohl auch sie nicht übermäßig schlimm war.

Zweimal schon hatte der Tod ihn an diesem Abend heimgesucht, und beide Male hatte er unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Er musste an das alte Sprichwort denken, dass aller schlimmen Dinge drei waren, und hoffte, nicht auch noch eine dritte Katastrophe zu erleben.

Er hatte sich gerade auf die Seite gerollt, um doch noch ein wenig Schlaf zu finden, als er einen Schatten zwischen den Wagen bemerkte. Dem Schritt nach wirkte er jedoch eher zielstrebig als verstohlen. Richard setzte sich auf, als Kommandant Karg vor ihm stehen blieb.

Im trüben Licht konnte er deutlich die tätowierten Schuppen sehen, die dessen rechte Gesichtshälfte bedeckten. Ohne die ledernen Schulterplatten und den Brustharnisch, den der Kommandant gewöhnlich trug, oder auch nur ein Hemd, sah man, dass sich das Schuppenmuster bis über seine Schulter und sogar einen Teil seiner Brust erstreckte. Die Tätowierung verlieh ihm das Aussehen eines Reptils. Waren sie unter sich, bezeichneten ihn Richard und Johnrock stets als »Schlangengesicht«, ein Name, der in mehr als einer Hinsicht treffend war.

»Was glaubst du eigentlich, was du hier tust, Ruben?«

Ruben Rybnik war der Name, unter dem ihn Johnrock und alle anderen in seiner Mannschaft kannten, und so hatte er sich auch bei seiner Gefangennahme genannt. Wenn es einen Ort gab, an dem sein richtiger Name seinen sicheren Tod zur Folge hätte, so befand sich Richard derzeit genau in dessen Zentrum.

»Ich hab ein wenig zu schlafen versucht.«

»Du hast kein Recht, eine Frau zu zwingen, sich zu dir zu legen.« Er richtete anklagend einen Finger auf ihn. »Sie war bei mir und hat mir haarklein erzählt, was du ihr anzutun versucht hast.«

Richard hob erstaunt die Brauen. »Ach, tatsächlich?«

»Ich hab es dir schon einmal erklärt: Wenn – falls – du die Mannschaft des Kaisers besiegst, kannst du dir eine Frau aussuchen. Aber bis dahin werden dir keinerlei Vergünstigungen gewährt. Ich dulde nicht, dass meine Befehle von irgendjemandem missachtet werden – schon gar nicht von einem Kerl deines Schlags.«

»Ich weiß nicht, was sie Euch erzählt hat, Kommandant, aber als sie zu mir kam, hatte sie vor, mich umzubringen. Sie wollte sicherstellen, dass die kaiserliche Mannschaft nicht gegen uns verliert.«

Der Kommandant ging in die Hocke, stützte seinen Unterarm aufs Knie und besah sich die Angriffsspitze seiner Ja’La-Mannschaft. Er schien kurz davor, Richard eigenhändig zu erwürgen.

»Das ist eine jämmerliche Lüge, Ruben.«

Das Messer, das er der zweiten Frau abgenommen hatte, lag in seiner Hand, eng an die Innenseite seines Handgelenks gepresst. Auf diese Entfernung hätte er den Kommandanten aufschlitzen können, ehe dieser überhaupt bemerkte, wie ihm geschah.

Aber dies war weder der rechte Augenblick noch der Ort für dergleichen. Es würde ihm nicht helfen, Kahlan wiederzubekommen.

Ohne den Blick von den Augen des Kommandanten abzuwenden, ließ er das Messer durch seine Finger kreisen und fing es mit Daumen und Zeigefinger an der Spitze auf. Es tat gut, eine Klinge in der Hand zu halten, selbst wenn sie so klein wie diese war. Er hielt ihm das Messer mit dem Griff nach vorne hin.

»Deswegen hat mein Bein geblutet. Damit hat sie auf mich eingestochen. Wie, glaubt Ihr, käme ich wohl sonst in den Besitz eines Messers?«

Die Bedeutung – und Gefährlichkeit – des Umstandes, dass Richard ein Messer hatte, war Karg nicht verborgen geblieben. Nach einem flüchtigen Blick auf die Wunde in Richards Oberschenkel nahm er es an sich.

»Wenn Ihr wollt, dass wir dieses Turnier gewinnen«, sagte Richard ruhig und ohne Hast, »brauche ich ein wenig Schlaf. Ich könnte mich weit besser entspannen, wenn man Wachen aufstellen würde. Wenn mich irgendein hageres Weib im Schlaf umbringt, hat Eure Mannschaft keine Angriffsspitze mehr und keine Chance zu gewinnen.«

»Du hältst wohl große Stücke auf dich, was, Ruben?«

»Ihr haltet große Stücke auf mich, sonst hättet Ihr mich schon in Tamarang umgebracht, nachdem ich Dutzende von Euren Männern getötet hatte.«

Im Schein des Lagerfeuers verlieh die Schuppentätowierung dem Kommandanten das Aussehen einer Schlange, die über das Verschlingen einer Beute nachdenkt.

»Es scheint, als wäre das Leben einer Angriffsspitze nicht nur auf dem Ja’La-Platz gefährlich.« Schließlich erhob er sich. »Ich werde eine Wache aufstellen. Aber denk dran, nicht viele halten dich für so hervorragend – schließlich haben wir deinetwegen schon ein Spiel verloren.«

Dazu war es gekommen, weil Richard einen seiner Männer, einen Mitgefangenen namens York, hatte beschützen wollen, der sich bei einer heftigen Attacke der gegnerischen Mannschaft das Bein gebrochen hatte.

Da York mit seinem schlimmen Bruch als Spieler und Sklave schlagartig nutzlos geworden war, hatte ihm Kommandant Karg, kaum hatte man ihn vom Spielfeld getragen, ohne viel Federlesens die Kehle durchgeschnitten. Weil sie den gefoulten Mitspieler geschützt hatten, statt das Spiel wiederaufzunehmen und den Broc in Richtung gegnerisches Tor zu treiben, hatte der Schiedsrichter sie mit einem Feldverweis für Richard für die Dauer des Spiels bestraft. Als Folge davon hatten sie die Partie verloren.

»Auch die Mannschaft des Kaisers hat schon ein Spiel verloren, hab ich reden hören«, bemerkte Richard.

»Diese Mannschaft hat Seine Exzellenz exekutieren lassen. Und seine neue Mannschaft wurde aus den besten Männern der gesamten Alten Welt zusammengestellt.«

Achselzuckend meinte Richard: »Auch wir verlieren Spieler aus den unterschiedlichsten Gründen, die anschließend ersetzt werden. Viele sind verletzt und können nicht spielen. Erst vor kurzem hat sich jemand ein Bein gebrochen, und mit dem seid Ihr nicht anders verfahren als der Kaiser mit seinen Verlierern.

Meiner Meinung nach spielt es keine große Rolle, wer einmal in dieser Mannschaft gespielt hat. Beide Mannschaften haben ein Spiel verloren, damit steht es unentschieden. Das allein zählt wirklich. Wir treten in diesem Wettkampf auf Augenhöhe gegeneinander an. Sie sind nicht besser als wir.«

Der Kommandant hob erstaunt eine Braue. »Du glaubst, ihr seid ihnen ebenbürtig?«

Richard hielt dem durchdringenden Blick des Kommandanten stand. »Ich werde dafür sorgen, dass wir die Chance erhalten, gegen die Mannschaft des Kaisers anzutreten, Kommandant, dann werden wir ja sehen, was passiert.«

Ein verschlagenes Lächeln verzog die Schuppenhaut. »Du hoffst wohl, dir eine Frau aussuchen zu können, was, Ruben?«

Richard nickte, ohne das Lächeln zu erwidern. »Ja, genau so ist es.«

Kommandant Karg konnte nicht ahnen, dass Richard bereits ganz genau wusste, welche Frau er sich aussuchen würde – er wollte Kahlan, mehr als das Leben selbst. Deshalb war er entschlossen, alles Nötige zu tun, um sie aus diesem Albtraum der Gefangenschaft bei Jagang und den Schwestern der Finsternis zu befreien.

Den Blick starr auf Richard gerichtet, gab der Kommandant schließlich seufzend nach. »Ich werde den Wachen sagen, sie haften mit ihrem Leben dafür, dass sich niemand meiner Mannschaft nähert, solange die Männer schlafen.«

Kaum hatte die Nacht den Kommandanten wieder verschluckt, ließ Richard sich nach hinten sinken, um seine schmerzenden Muskeln zu entspannen. In der Ferne beobachtete er Posten, die hastig einen engen Schutzring um die sich aus Gefangenen rekrutierenden Spieler seiner Mannschaft legten. Die Erkenntnis, wie viel Schaden bereits eine einzige heimtückische Schlachtengängerin anrichten konnte, hatte den Kommandanten zu umgehendem Handeln bewogen. So hatte der Überfall wenigstens insofern etwas Gutes, als Richard seinen dringend notwendigen Schlaf bekam. Das Schlafen fiel nicht eben leicht, wenn jeder, dem es in den Sinn kam, sich einfach anschleichen und einem die Kehle durchschneiden konnte.

Jetzt war er, zumindest vorübergehend, in Sicherheit, auch wenn er dafür das Messer hatte herausrücken müssen. Immerhin besaß er noch ein zweites, nämlich das, das er der ersten Frau abgenommen hatte und das gut versteckt in seinem Stiefelschaft steckte.

Er rollte sich auf dem nackten Erdboden zusammen, um sich warm zu halten, und versuchte einzuschlafen. Längst war die Hitze des vergangenen Tages aus dem Boden gewichen. Da er weder Bettzeug noch Decke besaß, musste er das überschüssige Stück Kette zusammenrollen, um wenigstens eine Art Kopfkissen zu haben. Der nächste Sonnenaufgang würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, doch hier draußen, mitten in der Azrith-Ebene, würde es so bald nicht wärmer werden.

Denn mit dem Sonnenaufgang würde der erste Tag des Winters heraufdämmern.

Die eintönige Geräuschkulisse des Lagers dauerte an. Er war ungeheuer müde. Und schließlich bewirkten die Gedanken an seine erste Begegnung mit Kahlan, der frisch gewonnene Mut, sie lebend wiederzusehen, und das Glück, einen Blick in ihre wunderschönen grünen Augen erhascht zu haben, dass sich der Schlaf besänftigend über seinen Verstand legte und ihn schließlich übermannte.

2

Ein leises, befremdliches Geräusch, so als öffnete sich eine Pforte in eine andere Welt, weckte Richard aus tiefem Schlaf.

Er blickte auf und sah eine Gestalt in einem Umhang mit Kapuze über sich stehen. Irgendetwas an ihrer Körperhaltung, an ihrer bloßen Gegenwart, bewirkte, dass sich ihm die feinen Härchen im Nacken und an den Unterarmen sträubten.

Das war keine furchtsame, zerbrechliche Frau. Irgendetwas an ihrem Verhalten sagte ihm, dass es auch kein messerschwingender Meuchelmörder war.

Dieses Wesen war etwas viel Schlimmeres.

Sofort war ihm jenseits allen Zweifels klar, dass dies die dritte Katastrophe war – und dass sie ihn soeben gefunden hatte!

Er richtete sich auf und rutschte ein Stück nach hinten, um so ein wenig wertvollen Abstand zu gewinnen. Aus irgendeinem Grund hatten es Kommandant Kargs Wachtposten versäumt, diesen Eindringling aufzuhalten. Er blickte zu ihnen hinüber und sah sie zwanglos Streife gehen – dicht gestaffelt, was es umso unverständlicher machte, wie jemand durch ihren Schutzring hatte schlüpfen können. Und doch war es seinem jüngsten Besucher gelungen.

Die Kapuzengestalt schob sich näher.

Die Säuberung hat begonnen.

Richard blinzelte erschrocken. Obwohl die gespenstische Stimme in seinem Verstand widerhallte, war er alles andere als sicher, ob er sie tatsächlich gehört hatte. Die Worte schienen einfach plötzlich in seinem Kopf zu sein.

Vorsichtig schob er zwei Finger in seinen Stiefelschaft und tastete nach dem Holzgriff seines Messers. Als er ihn gefunden hatte, ging er daran, es langsam herauszuziehen.

Die Säuberung hat begonnen, wiederholte die Gestalt.

Es hatte nichts von einer echten Stimme, sie klang weder weiblich noch männlich. Auch schienen die Worte nicht wie von einer Stimme laut gesprochen worden zu sein, sondern ähnelten vielmehr einem vieltausendfachen Flüstern. Es war, als wären sie aus einer anderen Welt gekommen. Ihm war unbegreiflich, wie ein totes Wesen sprechen konnte, andererseits klangen die Worte ganz und gar nicht so, als hätte etwas Lebendiges sie hervorgebracht.

Ihn grauste es bei der Vorstellung, was da vor ihm stehen mochte.

»Wer bist du?«, fragte er, um Zeit zu gewinnen, während er die Situation einzuschätzen versuchte.

Ein rascher Blick nach beiden Seiten ergab, dass sonst niemand offen zu sehen war. Soweit er erkennen konnte, war sein Besucher allein gekommen. Die Posten schauten in die andere Richtung und hielten Ausschau, ob womöglich jemand versuchte, sich an die schlafenden Gefangenen heranzumachen. Ob es im Innern des Wagenkreises Ärger gab, interessierte sie nicht.

Plötzlich schien die Gestalt näher, nur noch eine knappe Armeslänge entfernt. Er begriff nicht, wie sie ihm hatte so nahe kommen können, er hatte sie sich nicht bewegen sehen. Vorsichtig ergriff er mit den Fingern seiner freien Hand ein paar Kettenglieder. Ließe sich ein Kampf nicht vermeiden, würde er die Kette zu einer Schlaufe legen und wie eine Schlinge benutzen. Mit der anderen war er noch immer dabei, heimlich Stückchen für Stückchen sein Messer zu ziehen.

Deine Zeit beginnt mit dem heutigen Tag, Richard Rahl.

Seine Finger am Messer zögerten. Das Wesen hatte ihn bei seinem richtigen Namen genannt, den niemand hier im Lager kannte. Das Herz hämmerte in seiner Brust.

Wegen der Dunkelheit und der Kapuze war das Gesicht vor seinen Blicken verborgen. Außer der Schwärze, die ihm wie der Tod höchstselbst entgegenstarrte, konnte Richard nichts erkennen. Ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, dass es womöglich genau das war. Doch dann ermahnte er sich, seine Phantasie nicht mit sich durchgehen zu lassen, und nahm seinen Mut zusammen.

»Was hast du gesagt?«

Ein Arm kam unter dem dunklen Umhang auf ihn zu. Die Hand war nicht zu sehen, nur der über sie drapierte Stoff.

Deine Zeit beginnt mit dem heutigen Tag, Richard Rahl, dem ersten Tag des Winters. Dir bleibt ein Jahr, die Säuberung zu vollenden.

Das beunruhigende Bild von etwas nur zu Vertrautem kam ihm in den Sinn: die Kästchen der Ordnung.

Als hätten sie seine Gedanken gelesen, sprachen eintausend Flüsterstimmen der Toten:

Du bist ein neuer Spieler, Richard Rahl. Deswegen wird die Zeit des Spiels neu angesetzt. Es beginnt mit diesem Tag von neuem, dem ersten Tag des Winters.

Bis vor etwas mehr als drei Jahren hatte Richard ein friedliches Dasein in Westland gefristet. Die Kette der Ereignisse war in Gang gesetzt worden, nachdem sein Vater, Darken Rahl, die Kästchen der Ordnung endlich in seinen Besitz und zum ersten Mal ins Spiel gebracht hatte. Das war am ersten Tag des Winters vor vier Jahren gewesen.

Der Schlüssel für das Auseinanderhalten der drei Kästchen der Ordnung und das Öffnen des korrekten Kästchens war Das Buch der gezählten Schatten. Er hatte es als junger Mann auswendig gelernt, aber weil er die Verbindung zu seiner Gabe verloren hatte, konnte er sich nicht mehr an den Wortlaut erinnern, denn das, wie auch für das Lesen des Buches selbst, erforderte Magie. Allerdings waren ihm aufgrund der Erinnerung an seine eigenen Taten noch einige der grundlegenden im Buch dargelegten Prinzipien vertraut.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Gebrauch des Buches der gezählten Schatten war die Überprüfung, ob die von Richard auswendig gelernten Worte richtig wiedergegeben waren – ob diese Schlüsselkomponente für das Öffnen der Kästchen echt war. Das Mittel für diese Überprüfung war im Buch selbst festgelegt.

Das dafür erforderliche Hilfsmittel war die Zuhilfenahme einer Konfessorin.

Die letzte lebende Konfessorin war Kahlan.

Nur mit größter Mühe gelang es Richard, seine Stimme zusammenzunehmen.

»Was du da sagst, ist unmöglich. Ich habe nichts ins Spiel gebracht.«

Du wirst als Spieler genannt.

»Genannt? Von wem?«

Was zählt ist, dass du als Spieler genannt wurdest. Sei gewarnt, dass dir vom heutigen Tag an ein Jahr und nicht ein Tag länger bleibt, um die Säuberung zu vollenden. Nutze deine Zeit gut, Richard Rahl. Der Preis für dein Scheitern ist dein Leben. Scheiterst du, wird alles Leben der Preis sein.

»Aber das ist völlig unmöglich!«, entfuhr es Richard. Er stürzte vor und packte die Kehle der Gestalt mit beiden Händen.

Der Umhang fiel in sich zusammen.

Er war leer.

Richard vernahm ein unscheinbares, kaum merkliches Geräusch, wie wenn sich eine Pforte in das Totenreich schlösse. Er sah seinen Atem in kleinen Wölkchen in die schwarze Winternacht aufsteigen. Irgendwann – nach einer scheinbar ereignislosen Ewigkeit – legte sich Richard wieder hin und zog den Umhang über seinen zitternden Körper, konnte sich aber nicht überwinden, die Augen zu schließen.

Im Westen zuckten ferne Blitze über den Horizont, im Osten zog rasch die Dämmerung des ersten Wintertages herauf.

Zwischen den Lichtblitzen und der Morgendämmerung, inmitten eines nach Millionen zählenden Feindes, lag Richard Rahl, der Herrscher des D’Haranischen Reiches, an einen Wagen gekettet, und dachte an seine gefangene Gemahlin und die dritte Katastrophe.

3

Kahlan lag in fast völliger Dunkelheit auf dem Fußboden und fand keinen Schlaf. Im Bett über ihr konnte sie Jagangs gleichmäßigen Atem hören. Eine einzelne Öllampe mit heruntergedrehtem Docht auf einer verzierten Holztruhe an der gegenüberliegenden Wand warf einen matten Lichtschein in das Dämmerlicht des kaiserlichen Privatgemachs.

Das verbrennende Öl half, wenn auch nur in geringem Maße, die üblen Gerüche des Feldlagers zu überdecken: den Mief vom Ruß der Lagerfeuer, den Gestank von ranzigem Schweiß und fauligem Abfall, die Ausdünstungen der Latrinen, der Pferde und anderen Tiere sowie des Mistes, die sich zu einem einzigen, allgegenwärtigen Gestank vermischten. Ganz so, wie die grauenhafte Erinnerung an all die madenzerfressenen, verfaulenden Körper, die sie auf ihrem Weg gesehen hatte, unweigerlich den unvergesslichen, unverkennbaren Todesgeruch ins Gedächtnis rief, war es unmöglich, an das Feldlager der Imperialen Ordnung zu denken, ohne an den einzigartigen, alles durchdringenden Gestank erinnert zu werden, eine Empfindung, ebenso abstoßend und widerwärtig wie die Imperiale Ordnung selbst. Seit ihrer Ankunft im Lager hatte sie es stets zu vermeiden versucht, allzu tief einzuatmen. In ihrer Erinnerung würde der Gestank auf ewig mit all dem Leid, dem Elend und dem Tod verbunden sein, mit dem die Imperiale Ordnung alles überzog, mit dem sie in Berührung kam.

In der Welt des Lebens und unter denen, die diese Welt zu würdigen wussten, gab es für die Menschen, die an die Überzeugungen der Imperialen Ordnung glaubten, sie unterstützten und für sie kämpften, in ihren Augen keinen Platz.

Durch die zarten Schleier vor den Lüftungsschlitzen oben in den Zeltwänden konnte Kahlan die wild zuckenden Blitze sehen, die den Himmel im Westen aufleuchten ließen und von dem heraufziehenden Unwetter kündeten. Im Innern des kaiserlichen Zeltes mit seinen Vorhängen, Teppichen und gepolsterten Zwischenwänden war es in Anbetracht des niemals nachlassenden Lärms draußen im weitläufigen Feldlager vergleichsweise still, weswegen das Donnern kaum zu hören war, gelegentlich jedoch spürte sie seinen Widerhall im Boden.

Jetzt, mit Beginn der kalten Witterung, würde der Regen das allgemeine Elend nur noch verschlimmern.

Trotz ihrer Müdigkeit ging ihr der Mann von vorhin nicht aus dem Sinn, jener Mann, der aus dem Käfig hervorgelugt hatte, als dieser durch das Lager rollte, der Mann mit den grauen Augen, der sie gesehen – tatsächlich gesehen – und ihren Namen gerufen hatte. Es war ein erhebender Moment für sie gewesen.

Es grenzte an ein Wunder, dass jemand sie gesehen hatte, denn Kahlan war für beinahe jeden unsichtbar. Unsichtbar traf es eigentlich nicht ganz, denn die Menschen sahen sie durchaus, nur vergaßen sie diesen Umstand fast augenblicklich wieder. Obwohl sie letztlich nicht unsichtbar war, hätte sie es ebenso gut sein können.

Das frostige Gefühl der Vergessenheit war Kahlan nur zu vertraut. Ebenjener Bann, der die Menschen sie Augenblicke nach dem Erblicken wieder vergessen ließ, hatte auch ihre Erinnerung an die eigene Vergangenheit gelöscht. Was immer ihr Leben vor dem Auftreten der Schwestern der Finsternis ausgemacht haben mochte, es war ihr entfallen.

Unter den Millionen von Soldaten, die sich über diese endlose, öde Ebene verteilten, hatten ihre Häscher nur eine Handvoll Soldaten ausfindig machen können, die sie sehen konnten – dreiundvierzig, um genau zu sein. Diese dreiundvierzig Männer standen nun zwischen ihr und der Freiheit – genau wie der Ring um ihren Hals, die Schwestern sowie Jagang selbst.

Kahlan hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jeden dieser dreiundvierzig Männer genau kennenzulernen, sich ein Bild von seinen Stärken und Schwächen zu machen. Schweigend beobachtete sie sie und machte sich in Gedanken Notizen über jeden Einzelnen von ihnen. Sie alle besaßen bestimmte Eigenarten – eine bestimmte Art zu gehen oder die Umgebung wahrzunehmen, aufmerksam oder nachlässig zu sein, ihre Arbeit zu verrichten. Sie hatte alles nur Erdenkliche über ihre individuellen Eigenheiten in Erfahrung gebracht.

Nach Ansicht der Schwestern war eine Anomalie des von ihnen verwendeten Banns dafür verantwortlich, dass eine Handvoll Personen sie wahrzunehmen vermochte. Gut möglich, dass in der gewaltigen Armee der Imperialen Ordnung auch noch andere existierten, die sie sehen und sich an sie erinnern konnten, bislang jedoch hatte Jagang keine weiteren entdeckt. Diese dreiundvierzig Männer waren also die Einzigen, die als ihre Bewacher in Frage kamen.

Jagang selbst konnte sie natürlich ebenso gut sehen wie die Schwestern, die sie überhaupt erst mit diesem Bann verzaubert hatten. Zu ihrer großen Bestürzung hatte Jagang sie verschleppt, so dass es sie, wie Kahlan, ebenfalls in das erbärmliche Feldlager der Imperialen Ordnung verschlagen hatte. Außer ihnen und Jagang kannte sie keiner der wenigen, die sie zu sehen vermochten, wirklich – schon gar nicht aus ihrer Vergangenheit, an die sie selbst keine Erinnerung hatte.

Anders besagter Mann im Käfig – er hatte sie eindeutig wiedererkannt. Da sie sich nicht erinnern konnte, ihm jemals begegnet zu sein, konnte dies nur bedeuten, dass er sie von früher kannte.

Sobald sie ihre Vergangenheit wiedergefunden hätte und wieder wüsste, wer sie war, würde ihre Qual, so hatte Jagang es ihr versprochen, erst richtig beginnen. Er machte sich einen Spaß daraus, ihr in lebhaften Farben zu schildern, was er mit ihr zu tun gedachte, wie er ihr Leben zu einer niemals endenden Tortur machen würde. Wegen des Fehlens jeglicher Erinnerungen an ihre Vergangenheit setzten ihr seine Racheversprechungen nicht ganz so zu, wie es ihm lieb gewesen wäre. Gleichwohl waren seine Versprechungen auch für sich genommen schlimm genug.

Wenn sich Jagang in seinen Racheversprechungen erging, betrachtete ihn Kahlan nur mit leerem Blick. Es war ihre Art, sich gefühlsmäßig gegen ihn abzuschirmen. Sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben, Zeuge ihrer Gefühle, ihrer Angst zu werden. Ungeachtet der Folgen war sie stolz darauf, sich die Abscheu dieses Mannes verdient zu haben. Es gab ihr die Zuversicht, dass ihre Überzeugungen, was immer sie in der Vergangenheit getan haben mochte, sie nur zu einer aufrichtigen Gegnerin der Ziele der Imperialen Ordnung gemacht haben konnten.

Wegen Jagangs scheußlicher Racheschwüre hatte Kahlan größte Angst, sich an ihre Vergangenheit zu erinnern. Doch jetzt, da sie die freimütigen Gefühle in den Augen dieses Gefangenen gesehen hatte, sehnte sie sich danach, alles über sich selbst in Erfahrung zu bringen. Seine freudige Reaktion bildete einen krassen Gegensatz zu der aller anderen ringsum, die für sie nur Abscheu und Verachtung empfanden. Sie musste unbedingt herausfinden, wer sie war, wer die Frau war, die sich die Wertschätzung dieses Mannes verdient hatte.

Gern hätte sie den Mann länger angesehen als nur diesen einen kurzen Augenblick. Sie hatte sich jedoch rasch abwenden müssen, denn wäre sie dabei ertappt worden, dass sie sich für einen Gefangenen interessierte, hätte Jagang ihn zweifellos getötet. Sie hatte das Gefühl, ihn beschützen zu müssen. Einen Menschen, der sie kannte und der von ihrem Anblick so offenkundig überwältigt war, wollte sie nicht durch eine Unachtsamkeit in Gefahr bringen.

Abermals versuchte Kahlan ihre fieberhaften Gedanken zu beruhigen. Gähnend betrachtete sie das Flackern der Blitze in dem winzigen Ausschnitt des dunklen Himmels. Die Morgendämmerung war nicht mehr fern, und sie brauchte dringend Schlaf.

Doch mit der Dämmerung würde der erste Tag des Winters heraufziehen, und dieser Gedanke beunruhigte sie, warum, wusste sie nicht. Irgendetwas am ersten Tag des Winters schnürte ihr vor Sorge die Eingeweide zusammen. Es war, als lauerten Gefahren unter der Oberfläche ihres Erinnerungsvermögens, die sie sich nicht einmal ansatzweise vorzustellen vermochte.

Das Geräusch eines umstürzenden Gegenstandes ließ sie den Kopf heben. Der Lärm war aus dem Vorraum gekommen, dem Raum vor Jagangs Schlafgemach. Sie stützte sich auf einen Ellbogen, wagte aber nicht, ihren Platz auf dem Fußboden neben dem Bett des Kaisers zu verlassen. Die Folgen einer Missachtung seiner Befehle waren ihr nur zu bekannt. Wenn sie schon die Schmerzen ertragen musste, die er ihr über den Ring um ihren Hals zufügen konnte, dann wenigstens für etwas Wichtigeres als das unerlaubte Entfernen von ihrem Teppich.

Sie hörte, wie sich Jagang im Dunkeln unmittelbar über ihr auf dem Bett aufrichtete.

Plötzlich brach auf der anderen Seite der wattierten Zwischenwände des Schlafgemachs ein Gewimmer und Gestöhne los. Es klang, als könnte es sich um Schwester Ulicia handeln. Seit ihrer Gefangennahme hatte Kahlan sie bereits mehrfach schluchzen und weinen hören. Nicht selten war Kahlan selbst in Tränen ausgebrochen, und stets waren diese Schwestern der Finsternis schuld daran gewesen, allen voran Schwester Ulicia.

Jagang schlug seine Bettdecke zurück. »Was geht da draußen vor?«

Kahlan wusste, dass das Vergehen, Kaiser Jagang gestört zu haben, Schwester Ulicia schon bald noch mehr Grund zum Stöhnen eintragen würde.

Jagang stieg aus seinem Bett und stellte sich breitbeinig über seine auf dem Teppich liegende Gefangene. Dabei senkte er ohne Hast den Blick, um sich zu vergewissern, dass Kahlan ihn im trüben Schein der auf der Truhe glimmenden Laterne auch ja nackt in seiner ganzen Pracht zu sehen bekam. Zufrieden über seine stumme, unausgesprochene Drohung, griff er sich seine Hosen von einem nahen Stuhl und streifte sie, bereits auf dem Weg zur Türöffnung, von einem Bein aufs andere hüpfend über. Er machte sich nicht die Mühe, sich weiter anzukleiden.

Am schweren Vorhang der Türöffnung hielt er inne, wandte sich herum und winkte Kahlan mit dem Finger zu sich. Offenbar wollte er sie im Auge behalten. Als sie sich erhob, schlug er die schwere Abdeckung zurück. Kahlans Blick wanderte zur Seite, auf die letzte Gefangene, die man als Beute für den Kaiser herbeigeschleppt hatte, und die nun auf dem Bett kauerte, die Decke mit beiden Händen bis unters Kinn gezogen. Wie die meisten, so hatte auch sie Kahlan nicht gesehen und am Abend zuvor verängstigt und verwirrt reagiert, als Jagang sich mit dem Phantom unterhielt, das offenbar das Zimmer mit ihm teilte. Es war an jenem Abend noch ihr geringster Grund gewesen, sich zu ängstigen.

Ein schmerzhaftes Kribbeln breitete sich entlang den Nervenbahnen in Kahlans Schultern und Armen aus – Jagangs ihr über den Halsring vermittelte Warnung, bei der Ausführung seiner Anordnungen nicht zu trödeln. Sie ließ sich die ungeheuren Schmerzen nicht anmerken und eilte ihm hinterher.

Draußen im Vorraum bot sich ihr ein verwirrender Anblick. Schwester Ulicia wälzte sich wild mit den Armen schlagend am Fußboden und gab ein unverständliches, von Stöhnen und Geschrei unterbrochenes Gebrabbel von sich. Bei ihren Füßen stand über sie gebeugt Schwester Armina und folgte den Bewegungen der am Boden liegenden Frau, hin und her gerissen zwischen der Angst, sie anzufassen, es nicht zu tun und der Frage, was denn nur das Problem sein könnte. Sie schien Schwester Ulicia in die Arme nehmen und beruhigen zu wollen, um zu verhindern, dass sie einen Tumult verursachte, der die Aufmerksamkeit des Kaisers erregte, hatte aber noch nicht begriffen, dass es dafür längst zu spät war. Litt normalerweise eine der beiden irgendwelche Schmerzen, dann solche, die Jagang ihnen über die Kontrolle ihres Verstandes zufügte, doch nun stand er selbst daneben und betrachtete das seltsame Schauspiel, sichtlich unschlüssig, was dieses Verhalten verursacht haben könnte.

Bereits über die sich am Boden wälzende Frau gebeugt, bemerkte Schwester Armina plötzlich Kaiser Jagang und verbeugte sich noch tiefer. »Ich habe keine Ahnung, was ihr fehlt, Exzellenz. Es tut mir leid, dass sie Euern Schlaf gestört hat. Ich werde versuchen, sie zu beruhigen.«

Als Traumwandler brauchte Jagang mit denen, deren Verstand seiner Kontrolle unterlag, nicht zu sprechen. Sein Bewusstsein konnte nach Belieben zwischen ihren intimsten Gedanken umherwandern.

Schwester Ulicia warf sich herum und stieß mit ihrem ungezügelt um sich schlagenden Arm einen Stuhl um. Die Wachen – jene Männer, die man eigens ausgewählt hatte, weil sie zu den wenigen gehörten, die Kahlan sehen konnten und sich an sie erinnerten – hatten einen Kreis um die sich am Boden wälzende Frau gebildet. Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass Kahlan das Zelt nur in Jagangs Begleitung verließ, die Schwestern fielen nicht in ihre Verantwortung. Andere Gardesoldaten, die Leibwache Jagangs – brutal aussehende Hünen, über und über mit Tätowierungen und die Haut durchbohrenden Metallstiften bedeckt –, harrten Statuen gleich neben der Türöffnung des Zeltes aus. Sie hatten die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass niemand unaufgefordert das Zelt betrat, und zeigten sich nur mäßig interessiert an dem, was sich soeben mitten unter ihnen abspielte.

Die Schwestern, Hexenmeisterinnen allesamt, waren Jagangs persönliche Waffen und sein Privatbesitz, und als solche mit einem Ring in ihrer Unterlippe gekennzeichnet. Sie fielen nicht in die Verantwortung irgendwelcher Wachen, es sei denn, es existierte eine gesonderte Anweisung. Jagang hätte Schwester Ulicia die Kehle durchschneiden, sie vergewaltigen oder zum Tee einladen können, keiner aus seiner Elitegarde hätte auch nur mit der Wimper gezuckt. Hätte der Kaiser nach Tee verlangt, so hätten ihn die Sklaven pflichtschuldig serviert. Und hätte er unmittelbar vor ihren Augen einen Mord begangen, hätten sie gewartet, bis er fertig gewesen wäre, und die Schweinerei anschließend beseitigt, ohne dass ein Wort über ihre Lippen gekommen wäre.

Als Schwester Ulicia zum wiederholten Male aufschrie, erkannte Kahlan, dass es entgegen ihrer ursprünglichen Annahme keineswegs so aussah, als habe sie Schmerzen. Vielmehr schien sie … besessen zu sein.

Jagangs albtraumhafter Blick wanderte von einem Gardisten zum nächsten. »Hat sie irgendwas gesagt?«

»Nein, Exzellenz«, bemerkte einer der Elitewachen. Die Übrigen, zumindest soweit Kahlan sie sehen konnte, schüttelten zustimmend den Kopf. Die kaiserliche Elitegarde äußerte keinerlei Zweifel an der Schilderung der rangniederen Soldaten.

»Was stimmt nicht mit ihr?« Jagang wandte sich an die Schwester, die aussah, als wollte sie sich ihm jeden Moment unterwürfig vor die Füße schmeißen.

Die Verärgerung in seiner Stimme ließ Schwester Armina zusammenzucken. »Ich schwöre, ich habe keine Ahnung, Exzellenz.« Sie wies zur gegenüberliegenden Seite des Gemachs. »Ich habe geschlafen und darauf gewartet, mich nützlich machen zu können. Schwester Ulicia schlief ebenfalls. Ich dachte, sie hätte etwas zu mir gesagt.«

»Was hat sie denn gesagt?«, wollte Jagang wissen.

»Das konnte ich nicht verstehen, Exzellenz«.

In diesem Augenblick dämmerte Kahlan, dass Jagang keine Ahnung hatte, was Schwester Ulicia gesagt hatte. Normalerweise war er über die Äußerungen, Gedanken oder Pläne der Schwestern bestens informiert. Er war ein Traumwandler, der die Landschaften ihres Verstandes durchstreifte, und war stets in alles eingeweiht.

Und doch hatte er hiervon nichts gewusst.

Oder aber, überlegte Kahlan, er mochte nicht offen aussprechen, was er ohnehin längst wusste. Er liebte es, Menschen auf die Probe zu stellen, indem er ihnen Fragen stellte, deren Antwort er bereits kannte. Jemanden bei einer Lüge zu ertappen, erregte unweigerlich sein höchstes Missfallen. Erst am Tag zuvor hatte er einen frisch gefangenen Sklaven in einem Wutanfall erdrosselt, weil dieser ihn angelogen hatte, indem er behauptete, er hätte nicht von einem für das Abendessen des Kaisers vorgesehenen Tablett genascht. Jagang, ebenso muskelbepackt wie jeder seiner Elitegardisten, hatte die Tat ausgeführt, indem er den schmächtigen Kerl mit einer seiner kräftigen Hände bei der Kehle packte. Die übrigen Sklaven hatten geduldig abgewartet, bis der Kaiser sein schauerliches Tun beendet hatte, und den Körper dann beiseitegeschafft.

Mit einer seiner fleischigen Hände fasste Jagang nun die Schwester bei den Haaren und zog sie auf die Beine. »Was hat das zu bedeuten, Ulicia?«

Die Frau verdrehte die Augen, ihre Lippen bewegten sich stumm, und ihre Zunge irrte ziellos in ihrem Mund umher.

Jagang packte sie bei den Schultern und schüttelte sie so brutal, dass Schwester Ulicias Kopf hin und her geschleudert wurde. Kahlan glaubte schon, er würde ihr glatt das Genick brechen. Was ihr sogar ganz lieb gewesen wäre, denn dann gäbe es eine Schwester weniger, über die sie sich den Kopf zerbrechen musste.

»Exzellenz«, sagte Schwester Armina im Tonfall einer behutsamen Ermahnung, »wir brauchen sie noch.« Als der Kaiser sie daraufhin mit einem wütenden Blick durchbohrte, setzte sie hinzu: »Sie ist die Spielerin.«

Nicht übermäßig glücklich über ihre Bemerkung, dachte er darüber nach, ohne ihr jedoch zu widersprechen.

»Der erste Tag …«, murmelte Schwester Ulicia.

Jagang zog sie näher heran. »Der erste Tag wovon?«

»Des Winters … Winters … Winters«, murmelte Schwester Ulicia.

Jagang blickte um sich und betrachtete die Anwesenden mit gerunzelter Stirn, so als verlange er von ihnen eine Erklärung. Einer der Soldaten wies zur Türöffnung des riesigen Zeltes. »Soeben bricht die Dämmerung an, Exzellenz.«

Jagang durchbohrte ihn mit wütendem Blick. »Was?«

»Es dämmert gerade zum ersten Tag des Winters, Exzellenz.«

Jagang ließ Schwester Ulicia los, die daraufhin schwer auf die den Boden bedeckenden Teppiche sackte.

Er starrte auf die Türöffnung. »Tatsächlich.«

Durch einen schmalen Spalt seitlich neben der schweren Türabdeckung konnte Kahlan draußen die ersten Farbstreifen am Himmel erkennen – sowie weitere jener allgegenwärtigen Elitegardisten, mit denen Jagang sich stets umgab. Keiner von ihnen konnte sie sehen, sie waren sich ihrer Anwesenheit in keiner Weise bewusst. Die Sonderbewacher im Innern des Zeltes, die stets in ihrer Nähe waren, hatten damit allerdings keine Mühe. Gut möglich, dass sich draußen, unter den Elitegardisten, noch mehr von ihrer Sorte befanden. Immerhin war es ihre Aufgabe, darauf zu achten, dass sie das Zelt niemals ohne Begleitung verließ.

Auf dem Fußboden murmelte Schwester Ulicia wie in Trance: »Ein Jahr … ein Jahr.«

»Ein Jahr … und weiter?«, brüllte Jagang. Mehrere der näher stehenden Gardisten zuckten zusammen.

Schwester Ulicia richtete sich auf und verfiel in eine pendelnde Bewegung. »Beginnt es von neuem. Ein Jahr. Es beginnt von neuem. Es muss von neuem beginnen.«

Er blickte die andere Schwester an. »Was plappert sie da?«

Schwester Armina breitete die Hände aus. »Ich bin nicht sicher, Exzellenz.«

Sein Blick verdüsterte sich. »Das ist gelogen, Armina.«

Ein Teil der Farbe wich aus ihrem Gesicht, und sie benetzte sich die Lippen. »Was ich damit sagen wollte, Exzellenz, ist, ich könnte mir denken, dass sie sich auf die Kästchen bezogen haben muss. Immerhin ist sie die Spielerin.«

Jagang verzog voller Ungeduld den Mund. »Aber wir wissen doch längst, dass uns von dem Moment, da Schwester Ulicia sie ins Spiel brachte, ein Jahr bleibt« – mit einer knappen Handbewegung wies er in die Richtung des aufragenden Hochplateaus –, »und zwar seit Kahlan sie von dort oben entwendet hat.«

»Ein neuer Spieler!«, stieß Schwester Ulicia mit geschlossenen Augen hervor, wie um ihn zu widerlegen. »Ein neuer Spieler. Das Jahr beginnt von neuem!«

Ihre Worte schienen Jagang aufrichtig zu überraschen.

Kahlan fragte sich, wie es möglich war, dass dergleichen den Traumwandler überraschte. Und doch schien er aus irgendeinem Grund außerstande, sein Talent bei Schwester Ulicia anzuwenden – vorausgesetzt, das Ganze war nicht irgendein Täuschungsmanöver. Nicht immer ließ sich Jagang anmerken, was genau er wusste und was nicht. Kahlan selbst hatte nie das Gefühl gehabt, er könnte ihre Gedanken lesen, trotzdem war sie stets auf der Hut – gut möglich, dass er sie genau in diesem Glauben lassen wollte.

Trotzdem, so recht mochte sie es nicht glauben. Sie hätte kein einzelnes Detail zu benennen gewusst, das ihr Anlass zu der Vermutung gab, er könne sein Talent als Traumwandler bei ihr nicht anwenden; vielmehr beruhte dieser Eindruck auf der Summe vieler einzelner Beobachtungen.

»Wie kann es sein, dass es einen neuen Spieler gibt?«, fragte Jagang in einem Ton, der bei Schwester Armina sofort ein leichtes Zittern auslöste.

Sie musste zweimal schlucken, ehe sie ein Wort über die Lippen brachte. »Exzellenz, wir sind … nicht im Besitz aller drei Kästchen. Wir haben lediglich deren zwei. Bleibt also das dritte, jenes, das Tovi bei sich hatte.«

»Mit anderen Worten, jenes Kästchen, das gestohlen wurde, weil ihr dämlichen Gänse Tovi damit alleine habt losziehen lassen, statt dafür zu sorgen, dass sie bei euch blieb.« Es war ein Wutausbruch, keine Frage.

Schwester Armina, der Panik nahe, stieß einen Finger Richtung Kahlan. »Das war ihre Schuld! Hätte sie sich an unsere Anweisungen gehalten und alle drei Kästchen auf einmal mitgebracht, wären wir zusammengeblieben und hätten alle drei Kästchen gehabt. Aber das war ja offenbar zu viel verlangt. Es ist ihre Schuld!«

Obwohl Schwester Ulicia sie angewiesen hatte, alle drei Kästchen in ihrem Rucksack zu verstecken, hatte Kahlan aus Platzmangel zunächst nur eines mitgebracht und die beiden anderen später holen wollen. Schwester Ulicia war, vorsichtig ausgedrückt, alles andere als erfreut gewesen und hatte sie fast totgeprügelt, weil sie es nicht geschafft hatte, das Unmögliche zu vollbringen und alle drei in einem viel zu kleinen Rucksack zu verstauen.

Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihr zu widersprechen. Es war sinnlos, Menschen überzeugen zu wollen, denen mit Vernunft nicht beizukommen war.

Jagang blickte über seine Schulter zu Kahlan, die seinen Blick mit leerer Miene erwiderte. Er wandte sich wieder um und fragte Schwester Armina: »Na und? Schwester Ulicia hat die Kästchen ins Spiel gebracht. Das macht sie zur Spielerin.«

»Ein neuer Spieler!«, schrie Schwester Ulicia am Boden zwischen ihnen liegend. »Jetzt sind es zwei! Das Jahr beginnt von neuem. Das kann nicht sein!« Schwester Ulicia warf sich nach vorne. »Kann nicht sein!«

Doch da war nichts, und ihre Arme griffen ins Leere.

Schwerfällig ließ sie sich wieder auf den Fußboden sinken. Ihr Atem ging in schnellen Stößen. Dann schlug sie sich die zitternden Hände vors Gesicht, als hätte sie das soeben Geschehene vollends überwältigt.

Jagang wandte sich gedankenversunken ab und dachte nach. »Ist es überhaupt möglich, dass zwei Personen gleichzeitig die Kästchen im Spiel haben?«, fragte er bei sich.

Schwester Arminas Augen zuckten unsicher umher. Sie schien unschlüssig, ob man von ihr den Versuch einer Antwort erwartete. Schließlich blieb sie stumm.

Schwester Ulicia rieb sich die Augen. »Er ist weg.«

Jagang blickte stirnrunzelnd auf sie herab. »Wer?«

»Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen.« Sie gestikulierte vage. »Er war einfach da und erklärte es mir, doch dann ist er verschwunden. Ich weiß nicht, wer es war, Exzellenz.«

Sie wirkte bis ins Mark erschüttert.

»Was hast du gesehen?«, wollte Jagang wissen.

Als hätte ein plötzlicher Stoß sie aufgerüttelt, sprang sie auf die Füße. Ihre Augen waren schmerzhaft geweitet, Blut sickerte aus einem ihrer Ohren.

»Was hast du gesehen?«, wiederholte Jagang.

Kahlan hatte auch früher schon mitbekommen, wie er den Schwestern Schmerz bereitete. Ob er zuvor imstande gewesen war, in Schwester Ulicias Verstand einzudringen oder nicht, jetzt wurde deutlich, dass er nicht die geringste Mühe hatte, sie seine Anwesenheit spüren zu lassen.

»Da war jeman-«, stieß Schwester Ulicia keuchend hervor. »Jemand war einfach da, Exzellenz. Im Zelt. Er erklärte mir, es gebe einen neuen Spieler, und dass deswegen das Jahr von neuem beginnen müsse.«

Auf Jagangs Stirn hatte sich ein angespannter Knoten gebildet. »Ein neuer Spieler für die Macht der Ordnung?«

Schwester Ulicia nickte, als hätte sie Angst, es zuzugeben. »Ja, Exzellenz. Irgendjemand anderes hat die Kästchen ebenfalls ins Spiel gebracht. Und nun warnt man uns, dass das Jahr von vorn beginnen müsse. Vom heutigen Tag an, dem ersten Tag des Winters, bleibt uns noch ein Jahr.«

Jagang, offenbar tief in Gedanken, begab sich Richtung Tür. Zwei der Elitegardisten rissen den beidseitigen Vorhang auf, so dass ihr Kaiser ungehindert durch die Öffnung treten konnte. Kahlan, die nur zu gut wusste, dass ihr jeden Moment der Schmerz des Halsrings drohte, wenn sie nicht dichtauf blieb, folgte ihm nach draußen, ehe er sie auf diese Weise ermahnen konnte. Schwester Ulicia und Armina mussten sich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten.

Die hünenhaften Elitesoldaten draußen vor dem Zelt traten rechts und links zur Seite, um ihrem Kaiser Platz zu machen. Die anderen Soldaten – Kahlans Sonderbewacher – gingen unmittelbar hinter ihnen auf und ab.

Kahlan stand dicht hinter Jagang und rieb sich die Arme, um sich ein wenig aufzuwärmen. Im Westen ragte eine dunkle Wolkenwand empor. Trotz des im Lager herrschenden Gestanks konnte sie den Regen riechen, der von der feuchten Luft herangetragen wurde. Der Sonnenaufgang des ersten Tags des Winters hatte die feinen, nach Osten fliehenden Wolkenschleier blutrot verfärbt.

Schweigend betrachtete Jagang das gewaltige Hochplateau in der Ferne. Oben auf diesem Tafelberg erhob sich der Palast des Volkes, der, obwohl unzweifelhaft ein Bauwerk von Menschenhand, von nahezu unfassbaren Ausmaßen war. Gleichzeitig war er eine Stadt, eine Metropole, die den Sitz der Macht über ganz D’Hara beherbergte. Diese Stadt galt als das letzte Bollwerk des Widerstandes gegen die Gier der Imperialen Ordnung nach Weltherrschaft und ihren Drang, den Menschen ihren Glauben aufzuzwingen. Ihre Armee erstreckte sich einem giftigen See gleich über die gesamte Azrith-Ebene rings um das Hochplateau und nahm den Menschen dort jede Hoffnung auf Rettung oder Entsatz.

Soeben streiften die ersten Lichtstrahlen den fernen Palast und ließen die marmornen Mauern, Säulen und Türme gülden im Licht des Sonnenaufgangs erstrahlen. Es war ein Anblick von atemberaubender Schönheit. Bei den Männern der Imperialen Ordnung jedoch löste der Anblick des Palasts, diese von ihren gierigen Händen noch unbesudelte Pracht, nichts als Neid und Hass aus. Ihr sehnlichster Wunsch war es, ihn zu zerstören, seine majestätische Erhabenheit auszulöschen, und so sicherzustellen, dass die Menschheit nie wieder solche Vollkommenheit erreichen konnte.

Kahlan war dort oben – im Palast des Lord Rahl – gewesen, als die vier Schwestern der Finsternis ihr den Befehl gaben, die Kästchen aus dem Garten des Lichts zu stehlen. Es war ein Ort von ehrfurchtgebietender Pracht. Kahlan hatte sich gesträubt, sie aus dem persönlichen Garten des Lord Rahl zu entwenden. Zum einen, weil sie den Schwestern nicht gehörten, vor allem aber, weil diese von übelsten Absichten geleitet waren.

Auf dem Altar, der den Kästchen als Sockel diente, hatte Kahlan an ihrer Stelle ihren wertvollsten Besitz zurückgelassen, eine kleine Holzschnitzarbeit einer Frau mit in den Nacken geworfenem Kopf, zu Fäusten geballten Händen und durchgedrücktem Rücken – so als wollte sie sich einer Macht widersetzen, die sie zu unterwerfen suchte. Jetzt vermochte sie sich nicht einmal mehr vorzustellen, wie ein Gegenstand von solcher Schönheit jemals in ihren Besitz gelangt sein sollte.

Es hatte ihr das Herz gebrochen, ihn dort zurückzulassen, aber sonst hätten die beiden letzten Kästchen nicht in ihrem Rucksack Platz gefunden. Hätte sie es nicht getan, hätte Schwester Ulicia sie umgebracht. So sehr ihr die kleine Statuette am Herzen lag, ihr Leben war ihr wichtiger. Sie hoffte nur, Lord Rahl würde, wenn er sie fand, irgendwie verstehen, wie leid es ihr tat, dass sie sein Eigentum gestohlen hatte.

Nachdem Kahlan auch noch Schwester Cecilia getötet hatte, waren von ihren vier ursprünglichen Verfolgerinnen nur noch die Schwestern Ulicia und Armina übrig. Selbstverständlich hatte Jagang noch andere Schwestern in seiner Gewalt.

»Wer wäre imstande, ein Kästchen ins Spiel zu bringen?«, fragte Jagang, den Blick starr auf den Palast hoch oben auf dem Hochplateau gerichtet. Es war nicht vollkommen ersichtlich, ob er von den Schwestern eine Antwort erwartete oder nur laut nachgedacht hatte.

Die beiden Schwestern wechselten einen Blick. Die Elitegardisten standen regungslos und wie versteinert da. Kahlans Sonderbewacher gingen gemächlich auf und ab, wobei der jeweils nächste von Kahlan Notiz nahm, indem er sie bei jedem Kehrtschwenk mit einem herablassenden, selbstgefälligen Blick bedachte. Kahlan kannte ihn und seine Eigenarten. Er gehörte zu den weniger intelligenten unter ihnen, die arrogantes Gehabe mit Autorität verwechselten.

»Nun«, brach Schwester Ulicia schließlich das beklemmende Schweigen, »es müsste jemand mit beiden Seiten der Gabe sein – sowohl mit additiver wie subtraktiver Magie.«

»Ich wüsste nicht, wer, außer den Schwestern der Finsternis hier bei Euch im Lager, zu so etwas fähig wäre, Exzellenz«, fügte Schwester Armina hinzu.

Jagang warf einen Blick über seine Schulter. Der Soldat war nicht der Einzige mit einem Hang zu arroganter Überheblichkeit. Jagang war erheblich klüger als Schwester Armina, diese war jedoch zu dumm, das zu erkennen – allerdings klug genug, den Ausdruck in Jagangs Augen richtig zu deuten, und der besagte, er wusste, dass sie log. Von seinem wütenden Blick zum Schweigen gebracht, verließ sie aller Mut.

Schwester Ulicia, ebenfalls bedeutend klüger als Schwester Armina, erfasste blitzschnell den Ernst der Situation und ergriff das Wort.

»Es kommt nur eine Handvoll Personen in Frage, Exzellenz.«

»Es kann nur Richard Rahl gewesen sein«, beeilte sich Armina einzuwerfen, bestrebt sich reinzuwaschen.

»Richard Rahl«, wiederholte Jagang im ausdruckslosen Tonfall kalten Hasses. Die Äußerung der Schwester schien ihn nicht im Mindesten zu überraschen.

Schwester Ulicia räusperte sich. »Oder Schwester Nicci. Sie ist als einzige der nicht in Eurer Gewalt befindlichen Schwestern imstande, mit subtraktiver Magie umzugehen.«

Einen Moment lang fixierte er sie mit seinem wütenden Blick, schließlich wandte er sich wieder dem Palast des Volkes zu, den die Sonne jetzt so beschien, dass er wie ein Fanal über der noch dunklen Ebene erstrahlte.

»Schwester Nicci ist über alles im Bilde, was ihr dummen Gänse getan habt«, erklärte er schließlich.

Schwester Armina blinzelte erstaunt. Sie konnte sich nicht bremsen, den Mund aufzumachen. »Wie ist das möglich, Exzellenz?«

Jagang verschränkte die fleischigen Hände hinter seinem Rücken. Sein muskulöser Hals und Rücken schienen eher zu einem Bullen als zu einem Mann zu passen, ein Eindruck, der von seiner schwarzen, krausen Körperbehaarung noch unterstrichen wurde. Sein kahlrasierter Schädel ließ ihn nur noch bedrohlicher erscheinen.

»Nicci war bei Tovi, als diese, nachdem man auf sie eingestochen und ihr das Kästchen abgenommen hatte, im Sterben lag«, erklärte er. »Ich hatte Nicci längere Zeit nicht gesehen und war überrascht, sie plötzlich aus heiterem Himmel auftauchen zu sehen. Ich war die ganze Zeit zugegen, in Tovis Verstand, und habe die Zusammenkunft verfolgt. Tovi wusste allerdings nichts davon, ebenso wenig wie ihr. Auch Nicci wusste nichts von meiner Anwesenheit. Nicci verhörte Tovi, indem sie deren Verletzung ausnutzte, um ihr deinen Plan zu entlocken, Ulicia. Nicci tischte ihr eine ziemliche Geschichte auf. Angeblich habe sie den Wunsch, sich meiner Kontrolle entziehen zu können, eine Lüge, mit der sie Tovis Vertrauen gewann. Tovi verriet ihr alles – über den von dir ausgelösten Feuerkettenbann, die Kästchen, die du mit Kahlans Hilfe gestohlen hast, und wie diese in Verbindung mit dem Feuerkettenbann funktionieren sollten, alles.«

Schwester Ulicia wirkte von Minute zu Minute elender. »Es ist also sehr gut möglich, dass Nicci es getan hat. Entweder sie oder dieser Richard Rahl.«

»Oder beide zusammen«, schlug Schwester Armina vor.

Jagang, den Blick starr auf den fernen Palast gerichtet, schwieg.

Schwester Ulicia beugte sich ein winziges Stück vor. »Wenn die Frage erlaubt ist, Exzellenz, wie kommt es, dass Ihr nicht imstande seid … nun, wieso ist Nicci nicht hier, bei Euch?«

Jagang richtete seine schwarzen Augen auf sie. Trübe Schatten trieben durch die tiefschwarzen Globen, ein sich zusammenbrauendes Unwetter.

»Sie war bei mir, ging dann aber fort. Im Gegensatz zu euren plumpen und wohl kaum ganz ernst gemeinten Versuchen, euern Verstand durch eure Bande zu Lord Rahl vor mir abzuschirmen, haben sie bei Nicci funktioniert. Aus mir völlig schleierhaften Gründen war es ihr offenbar ernst, und deshalb hat es funktioniert. Sie gab alles auf, worauf sie ihr Leben lang hingearbeitet hatte – sogar ihre moralische Pflicht!«

Mit einem Rollen seiner Schultern gab er sich erneut den Anschein gelassener Autorität. »In Niccis Fall haben die Bande funktioniert. Ich kann nicht mehr in ihren Verstand eindringen.«

Es war nicht bloß schlichte Angst vor diesem Mann, die Schwester Armina erstarren ließ, offenbar war sie auch verdutzt über das soeben Gehörte.

Schwester Ulicia nickte vor sich hin, den Blick auf ihre Erinnerungen gerichtet. »Im Nachhinein ist das vermutlich nicht mal eine Überraschung. Vermutlich war mir schon immer klar, dass sie Richard liebt. Uns oder den anderen Schwestern der Finsternis gegenüber hat sie natürlich nie ein Wort davon erwähnt, aber damals, im Palast der Propheten, hat sie auf eine Menge verzichtet – Dinge, die ich mir bei ihr nie hätte vorstellen können –, nur damit ich sie zu einer seiner sechs Ausbilderinnen ernannte. Der Preis, den sie dafür bezahlte, weckte meinen Argwohn, was sie wohl dazu getrieben haben mochte. Bei einigen der anderen war es schlicht Habgier. Sie wollten ihm einfach die Gabe entziehen, um sie für sich selbst zu nutzen. Aber darauf hatte sie es nicht abgesehen. Also behielt ich sie im Auge.

Sie hat sich nie etwas anmerken lassen – bei den Gütigen Seelen, ich bezweifle, dass sie sich dessen damals überhaupt bewusst war –, aber sie hatte diesen Ausdruck in den Augen. Sie war in ihn verliebt. Damals habe ich den Blick nie recht verstanden, wahrscheinlich, weil sie sich ihres Hasses auf ihn und alles, wofür er stand, so sicher war, und doch war sie in Richard Rahl verliebt. Selbst damals schon.«

Jagang war tiefrot angelaufen. Versunken in ihre Erinnerungen, hatte Schwester Ulicia seinen stummen Zorn nicht bemerkt. Schwester Armina hatte sie immer wieder warnend am Arm berührt, bis Ulicia schließlich aufblickte. Sie erbleichte, als sie den Ausdruck im Gesicht des Kaisers sah, und wechselte sofort das Thema.

»Wie gesagt, sie hat nie eine entsprechende Bemerkung fallen lassen, also bilde ich es mir vielleicht nur ein. Ja, wenn ich es mir recht überlege, bin ich sogar sicher. Sie hasste ihn. Sie wollte seinen Tod. Sie hasste alles, wofür er stand. Sie hat ihn gehasst, jetzt ist es sonnenklar. Sie muss ihn gehasst haben.«

Schwester Ulicia klappte den Mund zu, sichtbares Zeichen dafür, dass sie sich zwingen musste, ihr Geplapper einzustellen.

»Alles habe ich ihr gegeben.« Jagangs Stimme klang wie mühsam unterdrücktes Donnergrollen. »Ich habe sie gewissermaßen zu meiner Königin gemacht. Kraft meines Amtes als Jagang, der Gerechte, habe ich ihr die Machtbefugnis als ausführendes Organ der Bruderschaft der Ordnung überlassen. Wer sich den rechtschaffenen Wegen des Ordens widersetzte, lernte sie als Herrin des Todes kennen. Dass sie diesem tugendhaften Appell an ihre Pflicht nachkommen konnte, hatte sie allein meiner Großzügigkeit zu verdanken. Es war töricht von mir, ihr so viele Freiheiten zu gewähren. Sie hat mich verraten, und das wegen dieses Kerls.«

Kahlan hätte nie gedacht, Jagang jemals in den Klauen eines glühenden Eifersuchtsanfalls zu erleben, doch genau das war jetzt der Fall. Gewöhnlich nahm er sich einfach, wonach es ihn gelüstete, er war es nicht gewohnt, dass man ihm etwas abschlug. Aber diese Frau, diese Nicci, konnte er offenbar nicht haben. Und zwar, weil Richard Rahl ihr Herz gewonnen hatte. Kahlan unterdrückte ihre verworrenen Gefühle für diesen Richard Rahl, einen Mann, dem sie nie begegnet war, und betrachtete ihre auf und ab schlendernden Wachen.

»Aber ich werde sie mir zurückholen.« Die Muskelstränge in seinem Arm schwollen an, als er seine geballte Faust in die Höhe reckte. Die Adern an seinen Schläfen traten vor. »Früher oder später werde ich den ungehörigen Widerstand dieses Richard Rahl brechen, anschließend werde ich mir Nicci vornehmen. Sie wird für ihre Vergehen büßen.«

»Und die Kästchen der Ordnung, Exzellenz?«, hakte Schwester Ulicia nach.

Er ließ den Arm sinken und bedachte sie mit einem grimmigen Lächeln. »Schätzchen, es spielt gar keine Rolle, ob es einer von den beiden geschafft hat, die Kästchen ins Spiel zu bringen. Es wird ihnen nichts nützen.« Mit dem Daumen wies er über die Schulter auf Kahlan. »Ich habe sie – und damit alles, was wir brauchen, um die Macht der Ordnung in den Dienst der Bruderschaft der Imperialen Ordnung zu stellen.

Wir haben das Recht auf unserer Seite, der Schöpfer ist auf unserer Seite. Sobald wir die Macht der Ordnung entfesseln, werden wir die Blasphemie der Magie vom Antlitz der Welt tilgen. Wir werden die Menschen zwingen, sich den Lehren der Imperialen Ordnung zu beugen. Sie werden sich der göttlichen Gerechtigkeit unterwerfen und eines Glaubens sein.

Es wird der Beginn einer neuen Menschheit sein, der Anbeginn eines Zeitalters, in dem die menschliche Seele nicht länger den Makel der Magie in sich trägt. Die Menschen werden frohlocken, dass sie jenes Ruhms teilhaftig werden, der das Ziel der Imperialen Ordnung ist. In dieser neuen Welt werden alle Menschen gleich sein. Alle werden sich in den Dienst ihrer Mitmenschen stellen können, wie es der Wille des Schöpfers ist.«

»Ganz recht, Exzellenz«, bekräftigte Schwester Armina, die nur auf eine Gelegenheit gelauert hatte, sich wieder bei ihm einzuschmeicheln.