Das Schwert der Wahrheit 10 - Terry Goodkind - E-Book

Das Schwert der Wahrheit 10 E-Book

Terry Goodkind

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Beschreibung

»Eine phänomenale Saga von unendlichem Einfallsreichtum!« Kirkus Reviews

Richard Rahl sucht voller Verzweiflung nach seiner verschollenen Gefährtin Kahlan, an die sich außer ihm niemand erinnern kann. Doch es ist nicht nur Liebe, die ihn treibt: Richard weiß, dass seine Geliebte unfreiwillig alles zerstören könnte, was ihnen beiden heilig ist – wenn er und sie einander nicht wiederfinden …

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Seitenzahl: 1141

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Inhaltsverzeichnis
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Copyright
Das Schwert der Wahrheit bei Blanvalet in der ungesplitteten, dem Original entsprechenden Taschenbuchausgabe:
Erstes Buch: Das erste Gesetz der Magie (36967) Zweites Buch: Die Schwestern des Lichts (36968) Drittes Buch: Die Günstlinge der Unterwelt (36969) Viertes Buch: Der Tempel der vier Winde (37104) Fünftes Buch: Die Seele des Feuers (37105) Sechstes Buch: Schwester der Finsternis (37106) Siebtes Buch: Die Säulen der Schöpfung (37288) Achtes Buch: Das Reich des dunklen Herrschers (37289) Neuntes Buch: Die Magie der Erinnerung (37290) Zehntes Buch: Am Ende der Welten (37389) Elftes Buch: Konfessor (37390; erscheint 01/10)
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Phantom« bei Tor Books, New York.
Für Phil und Debra Pizzolato und deren Kinder Joey, Nicolette, Philip und Adriana, die mich mit ihrer Liebe und ihrem Lachen stets daran erinnern, wie kostbar das Leben ist.
Die folgenden Personen waren mir bei der Verwirklichung von Phantom eine unschätzbare Hilfe: Brian Anderson Jeff Bolton R. Dean Bryan Dr. Joanne Leovy Mark Masters Desirée und Dr. Roland Miyada Keith Parkinson Phil und Debra Pizzolato Tom und Karen Whelan Ron Wilson
Jeder Einzelne von ihnen war stets für mich da, wenn ich ihn am meisten brauchte. Jeder von ihnen verfügt über einzigartige Fähigkeiten, die eine Schlüsselrolle bei der Verwirklichung dieses Buches gespielt haben. Jeder von ihnen bringt allein schon dadurch Freude in mein Leben, dass er ganz er selbst ist.
In liebevollem Gedenken an Keith Parkinson
Wer hergekommen ist, um zu hassen, sollte nun gehen, denn in seinem Hass verrät er nur sich selbst. aus Das Buch des Lebens
1
2
»Irgendetwas ist schiefgegangen …« Schwester Arminas Stimme versiegte, als ihre himmelblauen Augen kurz zu Schwester Ulicia hinüberzuckten.
»Eine Anomalie, weiter nichts«, knurrte Schwester Ulicia im Flüsterton, während sie die beiden mit einem überaus gefährlichen Blick bedachte. Obschon jeglicher Neigung zu Unterwürfigkeit abhold, ließen die beiden durch nichts erkennen, dass sie ihrer aufbrausenden Anführerin zu widersprechen gedachten.
Mit drei ausgreifenden Schritten war Schwester Ulicia bei Orlan und krallte ihre Faust in den Kragen seines Nachthemds, während sie mit der anderen energisch auf Kahlan wies, die in den Schatten hinten bei der Tür stand.
»Wie sieht sie aus?«
»Wie eine nasse Katze«, antwortete Orlan übellaunig, dem ihre Hand an seinem Kragen sichtlich nicht gefiel.
Kahlan war jenseits allen Zweifels klar, dass es ein absoluter Fehler war, diesen Ton gegenüber Schwester Ulicia anzuschlagen, gleichwohl bekam diese nicht etwa einen Wutanfall, sondern schien ebenso verblüfft wie Kahlan.
»Das sehe ich selber, aber wie sieht sie aus? Sag mir, was du siehst.«
Orlan straffte sich und löste ihre Hand von seinem Kragen. Seine Züge bekamen etwas Angestrengtes, als er die Fremde taxierte, die nur er und die Schwestern im matten Schein der Lampen stehen sahen.
»Dichtes Haar, grüne Augen. Eine ziemlich attraktive Frau. In trockenem Zustand würde sie noch viel besser aussehen, auch wenn ich sagen muss, dass die nassen Kleider ziemlich klar erkennen lassen, woraus sie gemacht ist.« Dann spielte ein Lächeln um seine Lippen, ein Lächeln, das Kahlan, trotz ihrer überwältigenden Freude, dass er sie wahrhaftig wahrnahm, ganz und gar nicht behagte. »Hat eine verdammt prächtige Figur«, setzte er, mehr zu sich selbst als an die Schwester gewandt, hinzu.
Seine bedächtige, lässige Art, sie zu taxieren, gab Kahlan das Gefühl, nackt zu sein. Während sein Blick über ihren Körper wanderte, fuhr er sich mit dem Daumen durch den Mundwinkel. Sie konnte ihn an seinen Bartstoppeln entlangschaben hören. Eines der Scheite im Kamin fing Feuer und ließ den Raum in seinem flackernden Widerschein aufleuchten, sodass er sie jetzt deutlicher sah. Sein Blick wanderte nach oben und blieb an etwas hängen.
»Ihr Haar ist so lang wie …«
Orlans lüsternes Feixen erlosch. Ein kurzes, überraschtes Blinzeln, dann weiteten sich seine Augen. »Bei den Gütigen Seelen«, hauchte er, und sein Gesicht wurde aschfahl. Er sank auf ein Knie. »Verzeiht mir«, stammelte er, an Kahlan gewandt. »Ich hatte Euch nicht wiederer…«
Der Raum hallte wider von einem Knall, als Schwester Ulicia ihm mit ihrem Eichenstab einen kräftigen Schlag auf den Schädel versetzte, der ihn auf beide Knie sacken ließ.
»Halt den Mund!«
»Was in aller Welt habt Ihr getan!«, greinte die Frau des Wirts und eilte an die Seite ihres Mannes. Sie ging in die Hocke und legte einen Arm um seine Schultern, um ihn zu stützen, während er stöhnend seine große Hand auf die blutverschmierte Wunde legte. Unter seinen Fingern begann sein sandfarbenes Haar sich dunkel zu verfärben.
»Habt ihr alle den Verstand verloren!« Mit beiden Armen zog sie den Kopf ihres Mannes an die Brust, wo sich auf ihrem Nachthemd sofort ein roter, stetig größer werdender Fleck bildete. Er wirkte wie gelähmt und nahezu besinnungslos. »Ihr seid nur zu dritt, es sei denn, ihr reist in Gesellschaft eines Geistes! Wie könnt ihr es wagen …?«
»Halt den Mund«, knurrte Schwester Ulicia erneut, in einem Ton, der Kahlan einen eisigen Schauder über den Rücken jagte und die Frau sofort den Mund zuklappen ließ.
Regen klatschte gegen die Fensterscheiben, und in der Ferne rollte bedächtiges Donnergrollen durch die bewaldete Berglandschaft. Kahlan konnte das Wirtshausschild leise quietschen hören, wenn es, sobald der Wind auffrischte, hin und her schwang. Totenstille hatte sich über das Haus gesenkt. Schwester Ulicia sah zu dem Mädchen hinüber, das jetzt am Fuß der Stiege stand, die Hände fest um den schmucklosen, quadratischen hölzernen Treppenpfosten geklammert.
Schwester Ulicia durchbohrte das Mädchen mit einem wütenden Funkeln, wie es nur eine übellaunige Hexenmeisterin zustande brachte. »Wie viele Gäste siehst du?«
Ängstlich stand das Mädchen da, die Augen aufgerissen und unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen.
»Wie viele?«, wiederholte Schwester Ulicia ihre Frage, diesmal mit zusammengebissenen Zähnen und in einem derart bedrohlichen Tonfall, dass das Mädchen sich noch fester an den Geländerpfosten klammerte, bis ihre blutleeren Finger sich weiß von dem dunklen Holz abhoben.
Schließlich antwortete es mit kleinlauter Stimme. »Drei.«
Schwester Armina, die ihren Zorn offenbar nur mit Mühe unterdrücken konnte, beugte sich vor. »Was geht hier vor, Ulicia? Eigentlich dürfte das nicht möglich sein, ganz und gar nicht möglich. Immerhin haben wir die Prüfnetze gewirkt.«
»Die äußeren«, verbesserte Schwester Cecilia.
Fassungslos musterte Schwester Armina die ältere Frau. »Wie bitte?«
»Wir haben lediglich die äußerlichen Prüfnetze gewirkt. Eine interne Prüfung haben wir gar nicht vorgenommen.«
»Hast du den Verstand verloren?«, fauchte Schwester Armina.
»Ich sage doch nur …«
Mit einem vernichtenden Blick brachte Schwester Ulicia die beiden zum Schweigen. Einen Moment lang schien es, als wollte Schwester Cecilia ihren Protest zu Ende bringen, doch dann zog sie es vor, den Mund zu halten.
Jetzt schien auch Orlan das Bewusstsein wiederzuerlangen. Er befreite sich aus der Umarmung seiner Frau und ging daran, noch leicht wankend, sich wieder aufzurichten. Blut lief ihm über die Stirn und rann zu beiden Seiten seiner breiten Nase herab.
»An deiner Stelle, Wirt«, sagte Schwester Ulicia, indem sie ihr Augenmerk wieder auf ihn richtete, »würde ich auf den Knien bleiben.«
Der bedrohliche Unterton in ihrer Stimme ließ ihn einen Moment lang stutzen, doch dann erhob er sich, sichtlich verärgert, zu seiner vollen Größe und ließ seine blutverschmierte Hand von seinem Kopf herabsinken. Den Rücken durchgedrückt, holte er tief Luft und ballte die Fäuste. Kahlan konnte deutlich sehen, dass sein Zorn ihn jedes Gefühl für Vorsicht hintanstellen ließ.
Mit ihrem Eichenstab gab Schwester Ulicia Kahlan zu verstehen, dass sie zurücktreten solle. Kahlan ignorierte die Aufforderung und machte stattdessen einen Schritt auf Schwester Ulicia zu, in der Hoffnung, die sich überstürzenden Ereignisse noch beeinflussen zu können, ehe es am Ende zu spät wäre.
»Bitte, Schwester Ulicia, er wird Eure Fragen beantworten – ich weiß es, ganz bestimmt. Lasst ihn in Ruhe.«
Einen unangenehm überraschten Ausdruck im Gesicht, wandten sich die drei Schwestern herum zu Kahlan. Sie war weder angesprochen noch zum Sprechen aufgefordert worden. Eine solche Unbotmäßigkeit würde sie teuer zu stehen kommen, das wusste sie, sie wusste aber auch, was dem Wirt vermutlich blühte, wenn das Geschehen nicht noch einen anderen Verlauf nahm. Und im Augenblick schien sie die Einzige, die das schaffen konnte.
Außerdem wusste sie, dass dies ihre einzige Chance war, etwas über sich selbst herauszufinden, womöglich in Erfahrung zu bringen, wer sie tatsächlich war, vielleicht sogar, warum sie sich nur an die allerjüngsten Phasen ihres Lebens erinnern konnte. Dieser Mann hatte sie eindeutig wiedererkannt; gut möglich, dass er der Schlüssel zu ihrer verlorenen Vergangenheit war. Diese Chance durfte sie sich nicht entgehen lassen, selbst wenn sie Gefahr lief, sich den Zorn der Schwestern zuzuziehen.
Ehe die Schwestern auch nur Gelegenheit hatten, etwas zu sagen, wandte sich Kahlan bereits an den Wirt. »Bitte, Meister Orlan, hört mir einen Moment zu. Wir sind auf der Suche nach einer älteren Frau namens Tovi. Sie war mit diesen Damen hier verabredet. Wir wurden aufgehalten, deswegen sollte sie eigentlich schon hier sein und auf uns warten. Bitte, beantwortet ihre Fragen, ihre Freundin betreffend. Das Ganze könnte rasch aufgelöst werden, wenn Ihr kurz nach oben laufen und Tovi für sie holen würdet. Dann werden wir alle schon in Kürze wieder aus Eurem Leben verschwunden sein, so wie dieses vorüberziehende Unwetter.«
»Aber wir haben hier keinen Gast namens Tovi, Mut…«
Ein gleißendes Blitzen erhellte den Raum – ein Lichtblitz, der es mit dem tosenden Unwetter draußen in jeder Hinsicht aufzunehmen vermochte. Der ineinander verschlungene Strang aus flüssiger Hitze zündete zwischen Schwester Ulicias Händen und prallte explodierend gegen Orlans Brust, noch ehe er den Titel, den er hatte aussprechen wollen, vollständig über die Lippen bringen konnte. Kahlan stand der explosionsartigen Energieentladung so nahe, dass sie die erschütternde Wucht dieser gewaltigen Detonation bis tief im Innern ihrer Brust spürte. Der Aufprall warf Orlan nach hinten, schleuderte ihn unter mächtigem Gepolter zwischen den Tisch und die zwei Bänke und schmetterte ihn schließlich gegen die Wand. Der tödliche Aufprall dieser ungeheuren Kraft hatte ihn fast in zwei Teile gerissen.
Emmy, die Augen aus Entsetzen über ein Ereignis aufgerissen, das in einem einzigen Augenblick den Lauf ihres Lebens für immer verändert hatte, stieß klagend ein einziges Wort hervor: »Nein!«
Kahlan presste sich eine Hand auf Mund und Nase, nicht etwa aus Ekel, sondern um sich gegen den Blutgeruch und den entsetzlichen Gestank von verbranntem Fleisch zu schützen. Die Laterne, die auf dem Tisch gestanden hatte, war zu Boden geworfen worden und erloschen, wodurch der Schankraum den tanzenden, vom Feuer im Kamin erzeugten Schatten und dem vereinzelten Aufgleißen der Blitze überlassen blieb, das durch die schmalen Fenster drang.
Wäre die Nacht nicht ohnehin von Donnergrollen und Blitzen erfüllt gewesen, hätte die Explosion gewiss die ganze Ortschaft geweckt.
Die hölzernen Schalen, die Emmy im Arm gehabt hatte, fielen polternd zu Boden. Mit einem Aufschrei des Entsetzens eilte sie hinüber zu ihrem Mann.
Schwester Ulicia verlor die Fassung. Wütend stellte sie sich Emmy in den Weg, ehe diese ihren toten Ehemann erreichen konnte, und schleuderte sie gegen die Wand. »Wo ist Tovi? Ich will eine Antwort, und zwar jetzt gleich!«
Kahlan sah, dass die Schwester ihren Dacra zur Hand genommen hatte, eine schlichte Waffe, die nichts weiter als ein Messergriff mit einem angespitzten Metallstab anstelle einer Klinge zu sein schien. Alle drei Schwestern trugen einen Dacra. Kahlan hatte sie die Waffe benutzen sehen, als sie auf Späher der Imperialen Ordnung gestoßen waren, und wusste, hatte ein Dacra die Haut seines Opfers geritzt, ganz gleich, wie unbedeutend die Verletzung war, genügte bereits ein Gedanke seitens der Schwester, um den Tod herbeizuführen. Nicht die Verletzung als solche war bei dieser Waffe tödlich, sondern die Schwester, die den Lebensfunken mithilfe des Dacra zum Erlöschen brachte. Zog die Schwester ihre Waffe, und damit ihre Tötungsabsicht, nicht zurück, war gegen sie keine Verteidigung mehr möglich, und man war rettungslos verloren.
Ein verwirrendes, zögerliches Auflodern eines Blitzes füllte den Schankraum durch die schmalen Fenster neben der Tür mit gleißendem Licht und warf lange Schattenzacken über Fußboden und Wände, als zwei der Schwestern die in Panik geratene Frau packten und sie mit aller Gewalt zu bändigen versuchten. Die dritte Schwester hastete die Stiege hinauf.
Emmy stieß einen Schmerzensschrei aus.
»Wo ist sie?«, schrie Schwester Ulicia die Frau an. »Wo ist Tovi?«
Wieder kreischte Emmy und flehte, man möge wenigstens ihrer Tochter nichts antun.
Kahlan wusste, dass es ein schwerwiegender taktischer Fehler war, dem Feind seine allerschlimmsten Ängste zu verraten.
Als es erneut blitzte, sah man den dunklen Schatten einer Schwester die Stiege herunterkommen.
»Ulicia«, rief die Frau. Es war Schwester Cecilia. »Die Zimmer oben sind alle leer. Hier wohnt nicht ein einziger Gast.«
Schwester Ulicia brummte missmutig einen Fluch.
Schwester Cecilias Schatten entfernte sich von der Stiege und füllte plötzlich, wie der Tod höchstselbst, der seinen vernichtenden Blick auf die Lebenden richtet, den Türrahmen. Hinter ihrem Rücken weinte und jammerte Emmy. In ihrer Verwirrung, ihrem Kummer, ihrem Schmerz und Entsetzen war sie völlig außerstande, auf Schwester Ulicias wütende Fragen zu antworten.
»Willst du, dass deine Mutter stirbt?«, erkundigte sich Schwester Cecilia in dem ihr eigenen Tonfall tödlicher Ruhe von der Tür aus, wobei sie das Mädchen eigentümlich musterte.
Obwohl nicht minder grausam oder gefährlich als Schwester Armina oder Schwester Ulicia, hatte sie eine stille, gelassene Art zu sprechen, die auf gewisse Weise bedrohlicher war als Schwester Ulicias Geschrei. Schwester Arminas offene Drohungen waren absolut ernst gemeint, wurden jedoch ein wenig galliger vorgetragen, während, so erinnerte sich Kahlan, Schwester Tovis Einstellung zu Disziplin oder gar Folter von geradezu krankhafter Schadenfreude durchdrungen war. Sobald aber eine von ihnen einen Wunsch äußerte, hatte jede Weigerung, das hatte Kahlan längst begriffen, nahezu unvorstellbares Leid zur Folge – und am Ende bekamen sie stets, was sie von vornherein gewollt hatten.
»Willst du das?«, wiederholte Schwester Cecilia mit ruhiger Direktheit.
»So antworte schon«, raunte Kahlan dem Mädchen ins Ohr. »Bitte, antworte ihr, wenn sie dich etwas fragt. Ich flehe dich an.«
»Nein«, brachte das Mädchen hervor.
»Dann verrate uns, wo Tovi ist.«
Im Schankraum hinter Schwester Cecilias Rücken gab die Mutter des Mädchens ein scheußliches, rasselndes Keuchen von sich und verstummte dann. Kahlan vernahm ein dumpfes Poltern, als die Frau auf den Holzboden schlug. Stille senkte sich über das Haus.
Als sich in dem trüben, flackernden Licht jenseits des Türrahmens zwei weitere Schatten hinter Schwester Cecilia schoben, wusste Kahlan, dass Emmy keine Fragen mehr beantworten würde.
Schwester Cecilia schlüpfte in die Küche und näherte sich dem Mädchen, das Kahlan fest in den Armen hielt.
»Die Zimmer sind alle unbewohnt. Wieso gibt es in eurem Gasthaus keine Gäste?«
»Es sind keine gekommen«, brachte das Mädchen unter heftigem Schütteln hervor. »Die Nachricht von den Eroberern aus der Alten Welt hat die Leute verschreckt.«
Daran konnte, soweit Kahlan wusste, durchaus etwas dran sein. Nach Verlassen des Palasts des Volkes in D’Hara hatten sie auf einem kleinen Flussboot rasch die größtenteils abgelegenen Landstriche Richtung Süden durchquert, und selbst dort waren sie mehr als einmal auf Unterabteilungen von Jagangs Armee gestoßen oder hatten Flusssiedlungen passiert, durch die diese Rohlinge auf ihrem Weg gekommen waren. Mittlerweile dürfte sich die Kunde von diesen Gräueltaten wie ein übler Wind verbreitet haben.
»Wo ist Tovi?«, fragte Schwester Cecilia zum wiederholten Mal.
Kahlan schob sich beschützend zwischen das Mädchen und die Schwestern und sah wütend zu ihnen hoch. »Sie ist doch bloß ein Kind! Lasst sie in Frieden!«
Ein heftiger, überaus wuchtiger Schmerz bohrte sich in ihren Körper. Kahlan hatte das Gefühl, als würde jede Faser jedes einzelnen Muskels mit Gewalt zerrissen. Einen Moment lang wusste sie weder, wo sie sich befand, noch was überhaupt geschah. Der Raum drehte sich. Ihr Rücken prallte mit Wucht gegen den Geschirrschrank; Türen flogen auf, eine wahre Flut von Töpfen, Pfannen und Küchengerät schoss hervor und verteilte sich scheppernd über den hölzernen Boden. Teller und Gläser zersprangen, als sie unter lautem Getöse aufschlugen.
Mit dem Gesicht voran schlug Kahlan auf den Fußboden und schnitt sich die Handflächen an schartigen, zersplitterten Steinzeugscherben auf, während sie ihren Sturz, wenn auch erfolglos, abzufangen versuchte. Als sie das Ende eines rasiermesserscharfen Gegenstandes seitlich ganz hinten gegen ihre Zunge drücken fühlte, dämmerte ihr, dass ein länglicher Glassplitter ihre Wange durchbohrt haben musste. Sie spannte ihre Kiefermuskeln an und biss das Glasstück mit den Zähnen entzwei, um sich nicht die Zunge aufzuschlitzen. Mit einiger Mühe gelang es ihr schließlich, das blutige, dolchähnliche Stück Glas auszuspucken.
Benommen und orientierungslos, unfähig, ihre Sinne zusammenzunehmen, lag sie ausgestreckt am Boden. Grunzlaute entwichen ihrer Kehle, als sie sich – ohne Erfolg – zu bewegen versuchte. Zudem musste sie feststellen, dass sie, nachdem diese Laute ihrer Kehle entwichen waren, nicht sofort wieder einatmen konnte. Jedes Quäntchen Luft, das ihre Lungen verließ, war ein Quäntchen Luft, das für sie verloren war. Unter Anspannung aller Muskeln versuchte sie, den Atem wieder in ihre Lungen zu ziehen, doch der Schmerz, der sie wie eine Lanze durchbohrte, lähmte sie und vereitelte jeden noch so bemühten Versuch zu atmen.
In ihrer Verzweiflung keuchte sie, bis es ihr schließlich gelang, wieder Luft in ihre Lungen zu saugen. Sie verdrehte die Augen und konnte die dunklen Umrisse der Schwestern sich über die Kleine beugen sehen. In diesem Moment zogen sie sie gerade hoch und versetzten ihr einen Stoß, sodass sie rücklings gegen einen mitten im Raum stehenden Metzgerblock geschleudert wurde. Während jeweils eine Schwester einen ihrer Arme gepackt hielt, ging Schwester Ulicia vor ihr in die Hocke, um ihr in die von Panik erfüllten Augen zu sehen.
»Weißt du, wo Tovi ist?«
»Die alte Frau!«, greinte das Mädchen. »Die alte Frau!«
»Richtig, die alte Frau. Was weißt du sonst noch über sie?«
Das Mädchen verschluckte sich und war kaum fähig, die Worte über die Lippen zu bringen. »Dick, dick war sie. Alt und dick. Sie war so dick, dass sie gar nicht richtig laufen konnte.«
Schwester Ulicia beugte sich ganz dicht über sie und umfasste den schlanken Hals des Mädchens mit der Hand. »Wieso ist sie fort?«
»Fort«, wimmerte das Mädchen. »Sie ist fort.«
»Warum? Wann war sie überhaupt hier? Und wann ist sie abgereist?«
»Vor ein paar Tagen. Sie war hier. Sie hat eine Weile bei uns gewohnt. Aber dann ist sie vor ein paar Tagen abgereist.«
Mit einem wütenden Aufschrei zerrte Schwester Ulicia das Mädchen vom Boden hoch und schleuderte es gegen die Wand. Unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte kämpfte sich Kahlan hoch bis auf Hände und Knie. Das Mädchen landete mit einem Poltern auf dem Fußboden. Ihren benommenen Zustand nicht achtend, schleppte sich Kahlan durch Glas- und Steingutsplitter über die Dielen und warf sich schützend über den Körper des Mädchens, worauf das Mädchen, das nun gar nicht mehr wusste, wie ihm geschah, nur umso lauter weinte.
Schritte näherten sich. Nicht weit entfernt sah Kahlan ein Hackmesser auf dem Fußboden liegen. Schreiend versuchte das Mädchen sich unter ihr herauszuwinden, doch Kahlan drückte sie zu ihrem eigenen Schutz auf den Boden zurück.
Der Schatten der Frau kam näher. Kahlans Finger schlossen sich um den Griff des schweren Hackmessers. Sie überlegte nicht, sondern handelte einfach; Gefahr, Waffe – fast war es, als schaute sie einem anderen dabei zu.
Und doch war es ein Gefühl tiefer innerer Befriedigung, eine Waffe in der Hand zu halten. Ihre Faust ballte sich fester um den blutverschmierten Griff. Eine Waffe bedeutete Leben. Grelle Blitze brachen sich blinkend auf dem Stahl.
Als die Frau nahe genug war, hob Kahlan unvermittelt den Arm, um zuzuschlagen, doch bevor sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, spürte sie einen Stoß, der ihr fast die Eingeweide zerriss. Es war, als hätte sie das dicke Ende eines Baumstamms gerammt. Die Wucht des Stoßes schleuderte sie quer durch den Raum.
Der harte Aufprall an der Wand raubte ihr weitgehend das Bewusstsein. Die Küche schien plötzlich ganz weit weg, wie am fernen Ende eines langen, dunklen Tunnels. Eine Woge von Schmerz flutete über sie hinweg. Sie versuchte noch, den Kopf zu heben, doch es war unmöglich. Dunkelheit sog sie in sich hinein.
Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, sah sie das Mädchen ängstlich vor den Frauen zusammenzucken, die sich bedrohlich vor ihr aufgepflanzt hatten.
»Ich weiß nicht«, wimmerte es gerade. »Ich weiß nicht, warum sie fortgegangen ist. Sie sagte, sie müsste sich auf den Weg nach Caska machen.«
Die Stille im Raum war ohrenbetäubend.
»Caska?«, fragte Schwester Armina nach einer Weile.
»Ja, hat sie jedenfalls gesagt. Dass sie nach Caska muss.«
»Hatte sie irgendetwas bei sich?«
»Bei sich?«, wimmerte das Mädchen, immer noch schluchzend und am ganzen Körper zitternd. »Ich verstehe nicht. Was meint Ihr damit, bei sich?«
»Bei sich!«, brüllte Schwester Ulicia. »Was hatte sie bei sich? Sie muss doch irgendwelche Sachen mitgenommen haben – einen Rucksack, einen Wasserschlauch. Aber sie besaß auch noch andere Dinge. Hast du sonst noch irgendwas bemerkt, was sie bei sich hatte?«
»Na ja, einmal abends, sie war gerade beim Abendessen, bin ich hochgegangen, um ihr frische Handtücher zu bringen, und da hab ich was in ihrem Zimmer gesehen. Etwas Merkwürdiges, ich meine, es war so eine Art … Kästchen. Sie hatte es in ein weißes Kleid gewickelt, aber das Kleid war seidig und ganz weich und war ein Stück von dem Kästchen heruntergerutscht. Es war eine Art Schachtel – nur eben ganz schwarz. Aber nicht so, als wäre es schwarz angestrichen. Es war schwarz wie die Nacht selbst, so schwarz, als könnte es das Tageslicht aufsaugen.«
Die drei Schwestern richteten sich auf und standen schweigend da.
Kahlan wusste nur zu gut, wovon das Mädchen sprach. Sie selbst hatte sich in den Garten des Lebens geschlichen und hatte alle drei Kästchen aus dem Palast des Volkes gestohlen – aus dem Palast des Lord Rahl.
Nachdem sie das erste herausgeschmuggelt hatte, war Schwester Ulicia wütend auf sie gewesen, weil sie nicht alle drei gleichzeitig mitgebracht hatte. Da sie jedoch größer waren als erwartet und in ihrem Bündel nicht genug Platz war, um sie alle drei darin zu verstecken, hatte sie zunächst nur eins mitgebracht. Schwester Ulicia hatte das scheußliche Ding daraufhin erst einmal in Kahlans Kleid gewickelt, es dann Tovi übergeben und ihr erklärt, sie solle sich beeilen und sich schon einmal auf den Weg machen, später würden sie sich alle treffen. Schwester Ulicia hatte nicht riskieren wollen, im Palast des Volkes mit einem der drei Kästchen ertappt zu werden, deshalb wollte sie auch nicht, dass Tovi wartete, bis Kahlan wegen der beiden anderen Kästchen noch einmal in den Garten des Lebens zurückging.
»Und warum ist Tovi nach Caska abgereist?«, fragte Schwester Ulicia.
»Ich weiß es doch nicht«, flüsterte das Mädchen. »Ich weiß es nicht, ich schwöre es, wirklich nicht. Ich weiß nur, dass ich gehört hab, wie sie zu meinen Eltern sagte, sie muss sich auf den Weg machen nach Caska. Vor ein paar Tagen ist sie dann aufgebrochen.«
In der darauf einsetzenden Stille bemühte sich Kahlan, am Boden liegend, Luft zu bekommen. Mit jedem Atemzug zuckte ein quälender schmerzhafter Stich durch ihren Brustkorb, trotzdem wusste sie, dass dies erst der Anfang ihrer Qualen war. Sobald die Schwestern mit dem Mädchen fertig waren, würden sie ihr Augenmerk wieder auf sie richten.
»Vielleicht wäre es das Klügste, ein wenig zu schlafen, solange wir vor dem Regen sicher sind«, schlug Schwester Armina schließlich vor. »Wir können ja ganz früh aufbrechen.«
Schwester Ulicia, die Hand mit dem Dacra in die Hüfte gestemmt, ging zwischen dem Mädchen und dem Metzgerblock auf und ab und dachte nach. Unter ihren Füßen knirschten die Scherben der Tongefäße.
»Nein«, entschied sie und wandte sich wieder zu den anderen herum. »Irgendetwas stimmt hier nicht.«
»Du meinst mit der Bannform? Wegen dieses Kerls?«
Schwester Ulicia machte eine wegwerfende Handbewegung. »Eine Anomalie, weiter nichts. Nein, mit allem anderen stimmt etwas nicht. Warum sollte Tovi abreisen? Sie hatte die ausdrückliche Anweisung, hier auf uns zu warten. Und sie war ja auch hier – aber dann verschwindet sie einfach. Weder gab es irgendwelche anderen Gäste, noch befinden sich Truppen der Imperialen Ordnung in der Gegend; sie wusste, dass wir auf dem Weg hierher waren, und doch reist sie einfach ab. Das ergibt keinen Sinn.«
»Und warum gerade nach Caska?«, fragte Schwester Cecilia.
Schwester Ulicia wandte sich wieder dem Mädchen zu. »Mit wem hat Tovi sich getroffen, als sie hier war? Hat sie von irgendjemandem Besuch bekommen?«
»Hab ich Euch doch schon gesagt, niemand. Es war überhaupt niemand hier, solange die alte Frau bei uns gewohnt hat. Wir hatten weder Besucher noch Gäste. Sie war die Einzige hier. Dieser Ort liegt ziemlich ab vom Schuss. Niemand kommt hierher, um länger zu bleiben.«
Schwester Ulicia lief erneut auf und ab. »Das gefällt mir nicht. Irgendetwas stimmt da nicht, aber ich komme einfach nicht darauf, was.«
»Der Meinung bin ich auch«, gab Schwester Cecilia ihr recht. »Tovi würde nicht einfach so abreisen.«
»Und doch hat sie es getan. Warum?« Schwester Ulicia blieb vor dem Mädchen stehen. »Hat sie sonst noch etwas gesagt oder eine Nachricht hinterlassen – einen Brief vielleicht?«
Schniefend unterdrückte das Mädchen einen Schluchzer und schüttelte den Kopf.
»Dann haben wir keine andere Wahl«, murmelte Schwester Ulicia. »Wir werden Tovi nach Caska folgen müssen.«
Schwester Armina wies auf die Vordertür. »Etwa heute Nacht? Bei diesem Regen? Meinst du nicht, wir sollten bis zum Morgen warten?«
Tief in Gedanken blickte Schwester Ulicia zu der Frau hoch. »Und was ist, wenn jemand vorbeikommt? Wenn wir unsere Aufgabe erfüllen sollen, können wir keine weiteren Schwierigkeiten gebrauchen, und ganz gewiss können wir darauf verzichten, dass Jagang oder seine Truppen Wind davon bekommen, dass wir in der Nähe sind. Wir müssen Tovi finden, und wir müssen dieses Kästchen in unseren Besitz bringen – schließlich wissen wir alle, was auf dem Spiel steht.« Sie musterte die ernsten Mienen der beiden Frauen, ehe sie den Raum verließ. »Was wir nicht gebrauchen können, sind Zeugen, die erzählen könnten, dass wir hier waren und wonach wir suchen.«
Kahlan wusste nur zu gut, worauf Schwester Ulicia anspielte.
»Bitte«, brachte sie mühsam hervor und stemmte sich mit zittrigen Armen empor. »Bitte, tut ihr nichts. Sie ist doch nur ein kleines Mädchen. Sie weiß doch nichts, was für irgendjemanden von Nutzen sein könnte.«
»Nun, immerhin weiß sie, dass Tovi hier war. Und sie weiß, was sie bei sich hatte.« Vor Missbehagen legte sich Schwester Ulicias Stirn in Falten. »Und vor allem weiß sie, dass wir hier waren und nach ihr gesucht haben.«
Kahlan riss sich zusammen, um ihrer Stimme Nachdruck zu verleihen. »Sie kann euch doch völlig gleichgültig sein. Ihr seid Hexenmeisterinnen, und sie ist bloß ein Kind. Sie kann euch doch unmöglich schaden.«
Schwester Ulicia blickte kurz über ihre Schulter auf das Mädchen. »Und sie kennt unser Ziel.«
Schwester Ulicia sah Kahlan gefährlich ruhig in die Augen, ehe sie, ohne sich auch nur zu dem Mädchen hinter ihr herumzudrehen, diesem ganz unvermittelt und mit großer Wucht den Dacra in den Leib stieß.
Das Mädchen schnappte schockiert nach Luft.
Den Blick noch immer starr auf Kahlan gerichtet, lächelte sie über ihre Tat, wie nur das personifizierte Böse dies konnte. Augenblicklich schoss Kahlan der Gedanke durch den Kopf, dass es genauso sein würde, wenn man dem Hüter des Totenreiches in seinem Unterschlupf im düstersten, verborgensten Winkel der jenseitigen Ewigkeit in die Augen starrte.
Schwester Ulicia hob eine Braue. »Ich habe nicht die Absicht, irgendwelche Dinge im Ungewissen zu lassen.«
In den Augen des Mädchens schien ein Licht aufzublitzen. Sie erschlaffte und sackte zu Boden. Die leblosen Augen waren immer noch unverwandt auf Kahlan gerichtet, so als wollte sie sie dafür brandmarken, dass sie nicht Wort gehalten hatte.
In Gedanken hörte sie sich dem Mädchen ihr Versprechen geben – ich werde dich beschützen -, ehe sie in ihrem hilflosen Zorn in Tränen ausbrach und mit den Fäusten auf den Boden trommelte.
Und dann, völlig unvermittelt, entfuhr ihr ein Schmerzensschrei, und sie wurde erneut nach hinten gegen die Wand geschleudert. Dort rutschte sie jedoch nicht etwa auf den Boden, sondern blieb haften, wie von einer ungeheuren Kraft festgehalten, einer Kraft, die, wie sie wusste, magischen Ursprungs war.
Sie bekam keine Luft. Eine der Schwestern schnürte ihr mittels ihrer Kraft die Kehle zu. Sie straffte sich, versuchte, Luft in ihre Lungen zu saugen und zerrte gleichzeitig an dem eisernen Ring um ihren Hals.
Schwester Ulicia trat zu ihr hin und brachte ihr Gesicht ganz nah an ihres.
»Heute ist dein Glückstag«, sagte sie mit gifttriefender Stimme. »Leider fehlt uns die Zeit, dich deine Unbotmäßigkeit bedauern zu lassen – jedenfalls nicht jetzt gleich. Trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass du damit durchkommen wirst, ohne die Konsequenzen zu spüren zu bekommen.«
»Gewiss nicht, Schwester«, brachte Kahlan unter großen Mühen hervor. Sie wusste nur zu gut, dass nicht zu antworten alles nur noch schlimmer machen würde.
»Ich schätze, du bist einfach zu beschränkt, um zu begreifen, wie unbedeutend und machtlos du angesichts von Menschen bist, die dir weit überlegen sind. Aber vielleicht begreift es ja diesmal selbst jemand, der so primitiv und unwissend ist wie du, wenn man ihm eine weitere Lektion erteilt.«
»Ja, Schwester.«
Obwohl sie nur zu gut wusste, wie man sie leiden lassen würde, um ihr besagte Lektion zu erteilen, würde sie sich in der gleichen Situation wieder so verhalten. Sie bedauerte nur, dass sie es nicht geschafft hatte, das Mädchen wie versprochen zu beschützen. An dem Tag, als sie die besagten drei Kästchen aus dem Palast des Lord Rahl entwendet hatte, hatte sie an deren Stelle ihren wertvollsten Besitz zurückgelassen: die kleine Statuette einer stolzen Frau, die in aufrechter Haltung dastand, die geballten Fäuste am Körper, den Rücken gestrafft und den Kopf in den Nacken geworfen, so als trotzte sie Kräften, die sie erfolglos unterjochen wollten.
An jenem Tag im Palast des Richard Rahl hatte sie neue Kraft geschöpft. Wie sie in seinem Garten gestanden und sich noch einmal zu der stolzen Statuette umgedreht hatte, die sie dort zurücklassen musste, hatte sie sich geschworen, ihr altes Leben wieder zurückzugewinnen. Und das bedeutete, dass sie um jedes Leben kämpfen musste – auch wenn es das eines kleinen Mädchens war, das sie nicht einmal kannte.
»Gehen wir«, knurrte Schwester Ulicia und hielt entschlossen auf die Tür zu, offenbar in der Erwartung, dass alle ihr folgen würden.
Kahlans Stiefel landeten mit einem dumpfen Laut auf dem Fußboden, als die Kraft, die sie an die Wand gepresst hatte, sie unvermittelt freigab.
Sie sank auf die Knie und massierte sich, schwer nach Atem ringend, mit ihren blutverschmierten Händen vorsichtig den Hals. Dabei stießen ihre Finger gegen den verhassten Halsring, über den die Schwestern sie beherrschten.
»Los, beweg dich«, kommandierte Schwester Cecilia in einem Tonfall, der bewirkte, dass Kahlan sich augenblicklich aufrappelte.
Sie blickte noch einmal über die Schulter und sah die toten Augen des armen Mädchens, die ihr mit starrem Blick hinterherschauten.
3
Abrupt sprang Richard auf. Die Füße des schweren hölzernen Sessels, auf dem er gesessen hatte, scharrten über den groben Steinfußboden, als er nach hinten geschoben wurde. Seine Fingerspitzen ruhten noch immer auf der Kante des Tisches, auf dem, vor der silbernen Lampe, aufgeschlagen und wartend das Buch lag, in dem er gelesen hatte.
Mit der Luft stimmte irgendetwas nicht.
Weniger mit ihrem Geruch oder der Temperatur, auch nicht mit der Feuchtigkeit, obwohl der Abend warm und drückend war. Nein, vielmehr fühlte sich irgendetwas an der Luft selbst nicht so an, wie es sollte.
Richard hatte keine Ahnung, wieso er plötzlich auf diesen Gedanken kam; er konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was einen so sonderbaren Gedanken ausgelöst haben könnte. Das kleine Lesezimmer hatte keine Fenster, daher konnte er nicht sehen, wie das Wetter draußen war – ob der Himmel wolkenlos war, ob es windig war oder gar stürmisch. Er wusste nur eins: Es war mitten in der Nacht.
Unweit hinter ihm erhob sich Cara aus dem dick gepolsterten braunen Ledersessel, in dem sie ebenfalls gelesen hatte, und wartete, enthielt sich aber jeglichen Kommentars.
Richard hatte sie gebeten, einige Geschichtsbücher durchzuarbeiten, die er entdeckt hatte. Was immer sie über die alten Zeiten in Erfahrung brachten, in denen das Feuerketten-Buch verfasst worden war, konnte sich möglicherweise als hilfreich erweisen. Sie hatte über die Aufgabe nicht geklagt. Es kam ohnehin höchst selten vor, dass Cara sich über irgendetwas beklagte, solange es sie nicht davon abhielt, ihn zu beschützen. Und da sie mit ihm im selben Raum bleiben konnte, hatte sie nichts dagegen einzuwenden gehabt, die Bücher zu studieren, die er ihr in die Hand drückte. Eine der anderen Mord-Sith, Berdine, die Hoch-D’Haran entziffern konnte, hatte ihnen in der Vergangenheit schon mehrfach bei in dieser alten Sprache verfassten Passagen weiterhelfen können, wie man sie recht häufig in seltenen Schriften antraf, aber Berdine weilte weit entfernt im Palast des Volkes. Dennoch blieben Cara letztlich noch Unmengen von in ihrer eigenen Sprache verfasste Schriften, die sie durchsehen konnte.
Cara beobachtete ihn, wie er seinen Blick suchend an den holzgetäfelten Wänden entlangwandern ließ und dabei methodisch eine der dekorativen Sonderbarkeiten in den Regalen nach der anderen in Augenschein nahm: die Lackkästchen mit den Einlegearbeiten aus Silber, die kleinen, aus Bein geschnitzten Tänzerfiguren, die glatten, in mit Samt ausgekleideten Schachteln liegenden Steine und schmückenden Glasvasen.
Schließlich fragte sie: »Lord Rahl, ist irgendetwas nicht in Ordnung?«
Richard sah über seine Schulter. »Allerdings. Irgendetwas stimmt mit der Luft nicht.«
Als er den Ausdruck angespannter Besorgnis in ihrem Gesicht bemerkte, wurde ihm klar, dass seine Bemerkung einigermaßen absurd geklungen haben musste.
Doch so absurd sie auch geklungen haben mochte, für Cara zählte eigentlich nur eins: Er war der Meinung, dass irgendwoher Ärger drohe, und Ärger bedeutete womöglich Gefahr. Ihr Lederanzug knarzte, als sie ihren Strafer in die Hand schnellen ließ. Die Waffe einsatzbereit in der Hand, ließ sie den Blick suchend durch den kleinen Raum wandern und lotete die Schatten aus, als könnte jeden Moment ein Geist aus der Vertäfelung hervorbrechen.
Die Sorgenfalten auf ihrer Stirn furchten sich noch tiefer. »Was meint Ihr, ist es die Bestie?«
Die Möglichkeit hatte Richard noch gar nicht in Betracht gezogen. Die Bestie, die Jagang von den von ihm gefangen genommenen Schwestern hatte herbeizaubern und Jagd auf ihn machen lassen, war stets eine mögliche Gefahr. Schon mehrfach in der Vergangenheit war sie scheinbar völlig unvermittelt aus dem Nichts heraus aufgetaucht.
Aber sosehr er sich bemühte, er konnte einfach nicht genau beschreiben, was sich nach seinem Empfinden falsch anfühlte. Er konnte einfach nicht den Finger auf die Ursache des Gefühls legen, und doch schien es ihm, als müsste es etwas sein, an das er sich erinnern, das er kennen, vielleicht sogar wiedererkennen sollte. Er war unsicher, ob dieses Gefühl real war oder nur in seiner Einbildung existierte.
Er schüttelte den Kopf. »Nein … ich glaube nicht, dass es die Bestie ist. Es muss irgendeine andere Ursache haben.«
»Lord Rahl, Ihr seid jetzt schon den größten Teil der Nacht wach und habt gelesen. Vielleicht seid Ihr ja einfach übermüdet.«
Es kam mitunter tatsächlich vor, dass er, wenn er gerade einzudämmern begann, schlagartig und noch ganz benommen und orientierungslos von dem immer rascheren Absinken in die dunkle Macht von Albträumen, an die er sich im Wachzustand niemals zu erinnern vermochte, aus dem Schlummer hochfuhr. Diesmal aber war die Empfindung anders; diesmal war es kein aus der Dumpfheit des Hinübergleitens in den Schlaf geborenes Gefühl. Zumal er trotz seiner Müdigkeit gar nicht im Begriff gewesen war einzunicken. Er war viel zu unruhig und besorgt, um zu schlafen.
Erst am Vortag war es ihm endlich gelungen, die anderen davon zu überzeugen, dass Kahlan real war, dass sie tatsächlich existierte und nicht etwa ein Produkt seiner Phantasie oder eine durch seine Verletzung hervorgerufene Wahnvorstellung war. Immerhin wussten jetzt alle, dass Kahlan nicht irgendein verrückter Traum seinerseits war. Jetzt, da er endlich Hilfe hatte, ließ ihn das dringende Bedürfnis, sie zu finden, nicht mehr ruhen und hielt ihn hellwach. Der Gedanke, eine Pause einzulegen und sich auszuruhen, war ihm unerträglich – nicht jetzt, da er endlich die ersten Stücke dieses Verwirrspiels in Händen hielt.
Bei ihrem Verhör mit Tovi, kurz vor deren Tod ganz in der Nähe des Palasts des Volkes, hatte Nicci in allen schauderhaften Einzelheiten erfahren, wie die vier Schwestern – Ulicia, Cecilia, Armina und Tovi – eine Feuerkettenreaktion ausgelöst hatten. Mithilfe einer Entfesselung von Kräften, die jahrtausendelang in einer alten Schrift unter Verschluss gehalten worden waren, war Kahlan schlagartig aus der Erinnerung aller – mit Ausnahme Richards – gelöscht worden. Irgendwie hatte sein Schwert seinen Verstand davor bewahrt, sodass er zwar noch seine Erinnerung an Kahlan besaß, sein Schwert dagegen bei dem Versuch, sie wiederzufinden, eingebüßt hatte.
Ursprünglich ging die Theorie der Feuerketten-Reaktion auf einige Zauberer aus grauer Vorzeit zurück. Diese Männer hatten damals nach einer Methode gesucht, die es ihnen erlaubte, ungesehen, unbehelligt und ohne dass sich jemand ihrer erinnerte, durch feindliche Linien zu schlüpfen. Sie gingen davon aus, es müsse eine Methode geben, das menschliche Gedächtnis mittels subtraktiver Magie so zu beeinflussen, dass in der Folge alle nicht miteinander verknüpften Teile des Erinnerungsvermögens einer Person sich spontan rekonstruierten und miteinander verbanden, wodurch augenblicklich eine falsche Erinnerung geschaffen wurde, die sämtliche bei der Löschung des Objekts des Zaubers aus dem Gedächtnis der Menschen entstandenen Leerstellen füllte.
Die Zauberer, die diese Theorie entwickelt hatten, gelangten schließlich zu der Überzeugung, dass das Auslösen einer solchen Reaktion durchaus imstande sei, eine Flut von Ereignissen hervorzubringen, die weder vorhersehbar noch beherrschbar waren. Sie glaubten, sie würde über die Verbindungen zu anderen Menschen, deren Erinnerung ursprünglich gar nicht manipuliert worden war, etwa nach Art eines Flächenbrandes immer weiter um sich greifen. Letztendlich gelangten sie zu dem Schluss, dass eine Feuerkettenreaktion angesichts solch unberechenbarer, umfassender und verhängnisvoller Folgen das ganz reale Potenzial besaß, die Welt des Lebens selbst aufzulösen, weshalb sie sie nicht einmal auszuprobieren wagten.
Doch genau das hatten die vier Schwestern der Finsternis getan – bei Kahlan. Es war ihnen nicht nur völlig einerlei, wenn sie dadurch die Welt des Lebens auflösten, in Wirklichkeit war genau das ihr erklärtes Ziel!
Richard hatte also gar keine Zeit zu schlafen. Jetzt, nachdem er Nicci, Zedd, Cara, Nathan und Ann endlich davon überzeugt hatte, dass er nicht verrückt war und Kahlan wirklich – wenn auch nicht in ihrer Erinnerung – existierte, waren sie entschlossen, ihm zu helfen.
Und auf diese Hilfe war er dringend angewiesen. Er musste Kahlan unbedingt wiederfinden, sie war sein Leben, durch sie wurde er erst zu einer vollständigen Person. Sie bedeutete ihm alles. Vom Augenblick ihrer ersten Begegnung an hatte ihre einzigartige Klugheit ihn für sie eingenommen. Die Erinnerung an ihre grünen Augen, ihr Lächeln, ihre Berührung verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Jeder wache Augenblick kam dem leibhaftigen Albtraum gleich, mehr für sie tun zu sollen.
Während sich sonst niemand an Kahlan zu erinnern vermochte, hatte er das Gefühl, an nichts anderes denken zu können. Sie schien ihm geradezu die einzige Verbindung zur Welt zu sein, und nicht selten beschlich ihn das unheimliche Gefühl, sie könnte, wenn er jemals aufhörte, sich ihrer zu erinnern und an sie zu denken, tatsächlich zu existieren aufhören … für immer.
Gleichzeitig war er sich bewusst, dass er, wenn er überhaupt etwas erreichen und er sie jemals wiederfinden wollte, die Gedanken an sie verdrängen und sich auf die naheliegenden Dinge konzentrieren musste.
Er wandte sich an Cara. »Spürt Ihr nichts Merkwürdiges?«
Sie musterte ihn erstaunt. »Wir befinden uns in der Burg der Zauberer, Lord Rahl. Wer würde sich da nicht merkwürdig fühlen? An diesem Ort überläuft es mich eiskalt.«
»Ist es schlimmer als sonst?«
Sie seufzte schwer und strich mit der Hand über ihren langen, über der Vorderseite ihrer Schulter liegenden Zopf.
»Das nicht.«
Richard schnappte sich eine Laterne. »Dann kommt.«
Entschlossen verließ er den kleinen Raum und trat auf den langen Flur hinaus, der mit einer Fülle von Teppichen ausgelegt war, so als wären zu viele davon verfügbar gewesen und dieser Flur der einzige Ort, den man für ihre Unterbringung hatte finden können. Meist handelte es sich um klassische Muster in gedämpften Farben, ab und an jedoch lugten ein paar unter den anderen hervor, die in hellen Orange- und Gelbtönen gehalten waren.
Die Teppiche dämpften das Geräusch seiner Stiefel, als er an offen stehenden, in dunkle Räume führende Flügeltüren zu beiden Seiten vorbeimarschierte. Dank ihrer langen Beine hatte Cara keine Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Richard wusste, ein Teil dieser Räume enthielt Bibliotheken, andere dagegen waren verschwenderisch gestaltete Vorzimmer, deren einziger Zweck darin zu bestehen schien, in andere Räume zu führen, durch die man in wieder andere, manchmal schmucklose, dann wieder reich verzierte Gemächer gelangte, allesamt Teile des undurchschaubaren und verworrenen Labyrinths, welches die Burg der Zauberer darstellte.
An einer Kreuzung bog Richard rechts ab in einen Flur, dessen Wände dick in spiralförmigen Mustern verputzt waren, über die Jahrhunderte zu einem warmen goldenen Braunton nachgedunkelt. Zu guter Letzt gelangten sie an eine Treppe. Eine Hand um den Endpfosten aus poliertem weißem Marmor gelegt, begann Richard die Stufen hinabzusteigen. Ein flüchtiger Blick nach oben zeigte, dass sie, um einen quadratischen Treppenschacht angeordnet, sich im Dunkel der höher gelegenen Gefilde der Burg verlor.

ENDE DER LESEPROBE

1. Auflage Taschenbuchausgabe November 2009 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
Copyright © der Originalausgabe 2006 by Terry Goodkind Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München
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