Das Schwert der Wahrheit 9 - Terry Goodkind - E-Book

Das Schwert der Wahrheit 9 E-Book

Terry Goodkind

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Beschreibung

Das magische Epos um das Heldenpaar Richard und Kahlan

Richards Gemahlin Kahlan ist verschwunden – und niemand scheint sich an sie zu erinnern. Trotz des Unverständnisses seiner Freunde bricht er auf, um seine große Liebe zurückzugewinnen.

Ein Meisterwerk der modernen Fantasy!

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Seitenzahl: 1294

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Inhaltsverzeichnis
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Copyright
Das Schwert der Wahrheit bei Blanvalet in der ungesplitteten, dem Original entsprechenden Taschenbuchausgabe:
Erstes Buch: Das erste Gesetz der Magie (36967) Zweites Buch: Die Schwestern des Lichts (36968) Drittes Buch: Die Günstlinge der Unterwelt (36969) Viertes Buch: Der Tempel der vier Winde (37104) Fünftes Buch: Die Seele des Feuers (37105) Sechstes Buch: Schwester der Finsternis (37106) Siebtes Buch: Die Säulen der Schöpfung (37288) Achtes Buch: Das Reich des dunklen Herrschers (37289) Neuntes Buch: Die Magie der Erinnerung (37290)
Für Vincent Cascella, einen Mann, dessen Verstand, Geist, Kraft und Mut mich stets beflügelt haben … und einen Freund, der stets für mich da ist.
1
»Wie viel von diesem Blut stammt wohl von ihm?«, fragte eine Frauenstimme.
»Das meiste, fürchte ich«, antwortete eine zweite. Die beiden Frauen liefen mit hastigen Schritten neben ihm her.
Für Richard, der größte Mühe hatte, seine Gedanken auf die unbedingte Notwendigkeit zu konzentrieren, nicht das Bewusstsein zu verlieren, klangen die gehetzten Stimmen, als kämen sie schemenhaft irgendwo aus weiter Ferne. Er war unsicher, wer die beiden waren, er wusste nur, dass er die beiden kannte, aber das schien im Augenblick nicht weiter von Belang.
Der überwältigende Schmerz in seiner linken Brusthälfte sowie seine Atemnot ließen ihn allmählich panische Reaktionen zeigen. Er schaffte es gerade noch, einen lebenswichtigen Atemzug nach dem anderen in die Lungen zu saugen.
Doch eigentlich quälte ihn eine viel größere Sorge.
Unter Aufbietung seiner letzten Kraftreserven versuchte er, dieser brennenden Sorge Ausdruck zu verleihen, doch war er außerstande, die Worte zu formen, und brachte nicht mehr als ein stöhnendes Keuchen über seine Lippen. In dem verzweifelten Bemühen, die beiden zum Stehenbleiben zu bewegen und dazu, ihm zuzuhören, packte er den Arm der neben ihm laufenden Frau. Sie missverstand die Geste und trieb die Männer, die ihn trugen, zu noch größerer Eile an, obwohl die ungeheure Anstrengung, ihn durch das felsige Gelände im tiefen Schatten der hohen Föhren zu schleppen, sie bereits jetzt schwer atmen ließ. Sie gaben sich größte Mühe, so behutsam wie möglich dabei vorzugehen, wagten aber nicht, das Tempo zu drosseln.
Unweit in der stillen Luft krähte ein Hahn, so als wäre dies ein ganz normaler Morgen wie jeder andere.
Mit einem seltsam entrückten Gefühl beobachtete Richard den Aufruhr hektischer Aktivität, deren Mittelpunkt er bildete. Nur die Schmerzen erschienen ihm wirklich. Er erinnerte sich, irgendwo einmal gehört zu haben, dass man stets einsam und allein starb, ganz gleich, wie viele Menschen dabei zugegen waren. Genauso fühlte er sich jetzt – einsam und allein.
Als sie aus dem dichten Baumbestand auf eine spärlich bewaldete, unebene Fläche klumpigen Grases gelangten, erblickte Richard über den belaubten Zweigen einen bleiernen Himmel, aus dem jeden Augenblick ein Regenguss herabzustürzen drohte. Dies war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Hoffentlich ließ er wenigstens noch eine Weile auf sich warten.
Endlich kamen die nackten, ungetünchten Außenmauern einer kleinen Kate in Sicht, und kurz darauf ein zu einem silbrig grauen Farbton verwitterter, schiefer Viehzaun. Aufgescheuchte Hühner stoben verängstigt gackernd aus dem Weg. Richard, dessen Körper sich gegen die Schwindel erregenden, durch den holprigen Transport verursachten Schmerzen versteift hatte, nahm von den aschfahlen Gesichtern kaum Notiz, die zuschauten, wie er vorübergetragen wurde. Er fühlte sich, als würde er in Stücke gerissen.
Der gesamte Trupp, der ihn umgab, zwängte sich durch eine schmale Türöffnung und drängte in das dahinter liegende Dunkel.
»Hierher«, rief die erste Frauenstimme. Zu seiner Überraschung erkannte Richard jetzt, dass es sich um Niccis Stimme handelte. »Legt ihn hierher, auf den Tisch. Beeilt euch.«
Richard vernahm das Scheppern von Blechtassen, als jemand diese zur Seite fegte. Weitere Gegenstände fielen mit dumpfem Poltern zu Boden. Dann wurden mit einem Knall die Fensterläden aufgestoßen, um ein wenig trübes Licht in die muffig riechende Stube zu lassen. Offenbar handelte es sich um eine aufgegebene Bauernkate, deren Wände sich in schiefem Winkel neigten, so als hätte das Haus Mühe, sich aufrecht zu halten, und könnte jeden Augenblick in sich zusammenfallen. Ohne seine Bewohner, die es einst zu ihrem Heim gemacht und mit Leben erfüllt hatten, verströmte es die Atmosphäre eines Ortes, der nur darauf wartete, dass sich der Tod dort häuslich niederließ.
Einige Männer packten Richard an Armen und Beinen, hoben ihn hoch und legten ihn behutsam auf einen Tisch aus grob behauenen Planken. Am liebsten hätte er das Atmen vollends eingestellt, so schier unerträglich waren die von seiner linken Brusthälfte ausstrahlenden Schmerzen, doch er benötigte die Luft, die zu bekommen nahezu unmöglich schien, dringend.
Er brauchte sie, um sprechen zu können.
Es blitzte. Einen Lidschlag darauf folgte heftiges Donnergrollen.
»Reines Glück, dass wir es noch vor dem Regen bis zu diesem trockenen Plätzchen geschafft haben«, sagte einer der Männer.
Nicci, die sich soeben über Richard beugte und zielstrebig seine Brust abtastete, nickte zerstreut. Er stieß einen Schrei aus und presste in dem Versuch, sich ihren tastenden Fingern zu entziehen, seinen Rücken gegen die schwere hölzerne Tischplatte. Sofort war die andere Frau zur Stelle und drückte seine Schultern herunter, um zu verhindern, dass er seine Lage veränderte.
Er versuchte zu sprechen. Fast hätte er die Worte über die Lippen gebracht, doch dann erbrach er einen Mund voll zähflüssigen Blutes. Als er danach weiteratmen wollte, fing er an zu würgen.
Die Frau, die seine Schultern festhielt, drehte seinen Kopf zur Seite, beugte sich ganz dicht über ihn und sagte: »Spuckt es aus.«
Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, ließ ein heißes Angstgefühl aufblitzen. Während sie ihm mit den Fingern in den Mund fuhr, um den Atemweg freizumachen, nahm sich Richard ihren Rat zu Herzen, sodass es ihm mit ihrer Hilfe schließlich gelang, genug Blut hervorzuwürgen und auszuspucken, um so wenigstens einen Teil der so dringend benötigten Luft in seine Lungen zu saugen.
Als Nicci den Bereich um den aus der linken Seite seiner Brust ragenden Pfeil abtastete, entfuhr ihr ein unterdrückter Fluch.
»Bei den Gütigen Seelen«, sprach sie dann leise ein Gebet, während sie sein blutgetränktes Hemd zerriss. »Gebt, dass ich noch rechtzeitig bin.«
»Ich hatte Angst, den Pfeil herauszuziehen.« Das war wieder die andere Frau. »Ich wusste ja nicht, was passieren würde, und war unsicher, ob ich es tun sollte, also beschloss ich, ihn besser stecken zu lassen und darauf zu hoffen, dass es mir gelingt, Euch zu finden.«
»Ihr könnt von Glück reden, dass Ihr es nicht versucht habt«, erwiderte Nicci, während sie Richard, der sich vor Schmerzen wand, eine Hand unter den Rücken schob. »Hättet Ihr ihn herausgezogen, wäre er jetzt nicht mehr am Leben.«
»Aber Ihr könnt ihn wieder gesund machen.« Es klang eher wie eine Bitte denn wie eine Frage.
Nicci antwortete nicht.
»Ihr könnt ihn wieder gesund machen.« Diesmal wurden die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresst.
An dem herrischen, aus überstrapazierter Geduld geborenen Ton erkannte Richard, dass es sich um Cara handelte. Er hatte vor dem Überfall keine Gelegenheit mehr gehabt, es ihr zu sagen. Sie musste es doch wissen, aber wenn sie es wusste, wieso sagte sie es dann nicht? Wieso beruhigte sie ihn nicht?
»Wäre er nicht gewesen, wir wären glatt überrumpelt worden«, sagte ein etwas abseits stehender Mann. »Er hat die Soldaten abgefangen, die sich an uns herangeschlichen hatten, und uns allen dadurch die Haut gerettet.«
»Ihr müsst ihm helfen«, beharrte ein anderer mit eindringlicher Stimme.
Nicci fuchtelte gereizt mit den Armen. »Macht, dass ihr rauskommt, alle miteinander. Hier ist es sowieso schon viel zu eng, und im Augenblick kann ich nicht die kleinste Störung gebrauchen. Ich brauche dringend etwas Ruhe.«
Wieder blitzte es, so als wollten die Gütigen Seelen höchstselbst ihr vorenthalten, was sie so dringend brauchte. Ein krachender Donner, gefolgt von einem tiefen Echo, kündete von dem sich bedrohlich rings um sie her zusammenbrauenden Gewitter.
»Werdet Ihr Cara nach draußen schicken, sobald Ihr etwas wisst?«, wollte einer der Männer wissen.
»Ja, ja. Jetzt verschwindet schon.«
»Und seht nach, ob nicht noch weitere Soldaten in der Nähe sind, die uns überraschen könnten«, fügte Cara hinzu. »Falls ja, lasst euch bloß nicht blicken. Wir können es uns nicht erlauben, entdeckt zu werden – nicht ausgerechnet jetzt.«
Die Männer gelobten zu tun, wie ihnen geheißen. Im Vorübergehen berührte einer der Männer kurz Richards Schulter – eine tröstliche und Mut zusprechende Geste. Richard erinnerte sich nur vage an das Gesicht, er hatte diese Männer eine Weile nicht gesehen. Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, dass dies wohl kaum die rechte Art war, ein Wiedersehen zu begehen. Dann zogen die Männer die Tür hinter sich zu.
»Nicci«, tuschelte Cara mit gesenkter Stimme. »Ihr könnt ihn doch heilen?«
Richard war zu einem Treffen mit Nicci unterwegs gewesen, als eine Gruppe von Soldaten – entsandt, um den Aufstand gegen die brutale Herrschaft der Imperialen Ordnung niederzuwerfen – zufällig auf sein verstecktes Lager stieß. Der erste Gedanke, der ihm, unmittelbar bevor die Soldaten über ihn stolperten, durch den Kopf schoss, war, dass er unbedingt Nicci finden musste. Jetzt erhellte ein erster Hoffnungsschimmer das Dunkel seiner brennenden Sorge. Nicci würde ihm gewiss helfen können.
Er musste sie nur dazu kriegen, ihn anzuhören.
Als sie sich über ihn beugte und ihre Hand dabei unter ihn schob, offenbar um festzustellen, wie dicht der Pfeil davor war, an seinem Rücken wieder auszutreten, konnte Richard ihr schwarzes Kleid an der Schulter packen – und sah, dass seine Hand vor Blut glänzte. Bei jedem Husten spürte er, wie weiteres Blut über sein Gesicht rann.
Ihre blauen Augen wandten sich ihm zu. »Alles wird wieder gut, Richard. Lieg still.« Eine blonde Haarsträhne fiel über ihre Schulter nach vorn, als er versuchte, sie näher zu sich herabzuziehen. »Ich bin ja da. Beruhige dich. Ich lasse dich nicht im Stich. Lieg still. Es ist alles in Ordnung; ich werde dir helfen.«
So geschickt sie es auch zu überspielen suchte, in ihrer Stimme lauerte Panik. Trotz ihres begütigenden Lächelns glitzerten Tränen in ihren Augen. In diesem Moment kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, ihre Heilkräfte könnten mit seiner Verletzung überfordert sein.
Umso wichtiger war es, dass er sie dazu bewog, ihn endlich anzuhören.
Richard öffnete den Mund und versuchte zu sprechen, schien aber nicht genug Luft zu bekommen. Er bibberte vor Kälte, und jeder Atemzug glich einem Kampf, der wenig mehr als ein feuchtes Rasseln hervorbrachte. Er konnte doch nicht sterben, nicht hier, nicht jetzt! Tränen stachen ihm in den Augen.
Sachte drückte Nicci ihn wieder zurück.
»Lord Rahl«, beschwor ihn Cara, »liegt still. Bitte.« Sie löste seine in Niccis Kleid verkrallte Hand und presste sie mit festem Griff an ihren Körper. »Nicci wird sich um Euch kümmern. Bald geht es Euch wieder gut. Liegt einfach still und lasst sie tun, was sie tun muss, um Euch wieder gesund zu machen.«
Während Niccis blondes Haar ihr lose über die Schultern fiel, hatte Cara das ihre zu einem einzigen Zopf geflochten. Er wusste, dass sie zutiefst besorgt war, trotzdem vermochte er in Caras Körperhaltung nichts anderes zu sehen als ihre starke Anwesenheit und in ihren Gesichtszügen und den blauen Augen ihre Willenskraft. In diesem Augenblick, gefangen in panischer Angst, gab ihm diese Stärke, dieses Selbstvertrauen, ein Stück festen Boden unter den Füßen.
»Der Pfeil ist nicht am Rücken wieder ausgetreten«, erklärte Nicci an Cara gewandt, als sie ihre Hand wieder unter seinem Rücken hervorzog. »Allerdings handelt es sich um einen Armbrustbolzen. Würde er an seinem Rücken herausragen oder so tief sitzen, dass ein kleiner Stoß genügte, um ihn ganz durchzustoßen, könnten wir die mit Widerhaken versehene Spitze abbrechen und den Schaft einfach herausziehen.«
Sie verschwieg, was sie jetzt stattdessen würden tun müssen.
»Er blutet nicht mehr so stark«, bemerkte Cara. »Wenigstens haben wir die Blutung gestillt.«
»Äußerlich vielleicht«, vertraute ihr Nicci mit leiser Stimme an. »Aber sein Brustraum füllt sich noch immer mit Blut – es steht kurz davor, in seinen linken Lungenflügel einzudringen.«
Diesmal war es Cara, die ihre Hand in Niccis Kleid verkrallte. »Aber Ihr werdet doch etwas dagegen tun? Ihr müsst …«
Mit einem geknurrten »Selbstverständlich« befreite Nicci ihre Schulter aus ihrem Klammergriff.
Richard ächzte vor Schmerzen. Die immer höher steigende Woge aus Panik schien über ihm zusammenzuschlagen.
Um ihn ruhig zu halten und ihm Trost zu spenden, legte Nicci ihm ihre andere Hand auf die Brust.
»Cara«, sagte sie, »warum wartet Ihr nicht draußen, bei den anderen?«
»Kommt überhaupt nicht infrage. Am besten lasst Ihr Euch einfach nicht stören.«
Nicci sah ihr kurz abschätzend in die Augen, dann beugte sie sich vor und schloss ihre Finger erneut um den aus Richards Brust ragenden Bolzenschaft. Der Verletzte spürte das tastende Kribbeln der Magie, die dem Kanal des Pfeils bis in die Tiefen seines Körpers folgte, und erkannte das unverwechselbare Gefühl von Niccis Kraft, ganz so, wie er zuvor auch ihre unverwechselbare seidenweiche Stimme wiedererkannt hatte.
Jetzt war keine Zeit mehr hinauszuzögern, was er tun musste, so viel wusste er. Hatte sie erst einmal angefangen, konnte niemand mehr sagen, wie lange es dauern würde, bis er das Bewusstsein wiedererlangte … wenn überhaupt.
Richard nahm seine ganze Kraft zusammen, ließ seine Hand vorschnellen und bekam ihr Kleid am Kragen zu fassen. Dann zog er sich bis dicht vor ihr Gesicht, zog sie zu sich herunter, damit sie ihn hören konnte.
Das Einzige, was er hervorbrachte, war dieses eine Wort. »Kahlan«, hauchte er mit letzter Kraft.
»Schon gut, Richard. Ist ja gut.« Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und legte ihm fürsorglich behutsam eine Hand auf die Stirn, während sie mit der anderen erneut den vermaledeiten Bolzenschaft umfasste.
Verzweifelt mühte sich Richard, ein »Nein« hervorzustoßen, mühte sich, den beiden zu erklären, dass sie Kahlan suchen müssten, doch dann wurde das Kribbeln der Magie heftiger und ging über in einen lähmenden Schmerz.
Er war bereits einmal von Nicci geheilt worden, daher wusste er, wie sich ihre Kraft anfühlte. Aber irgendwas war diesmal anders – gefährlich anders.
Cara stöhnte auf. »Was tut Ihr da!« »Was ich tun muss, wenn ich ihn retten will. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«
»Aber Ihr könnt doch nicht …«
»Wenn Ihr ihn lieber den wartenden Armen des Todes überlassen wollt, braucht Ihr es nur zu sagen. Andernfalls lasst mich tun, was ich tun muss, damit er uns erhalten bleibt.«
Einen kurzen Moment lang musterte Cara Niccis erhitztes Gesicht, dann schnaubte sie geräuschvoll und nickte.
Richard versuchte, nach Niccis Handgelenk zu greifen, doch zuvor bekam Cara seines zu fassen und drückte es auf den Tisch zurück, sodass seine Finger nun auf dem Heft seines Schwertes und dem dort aus Golddraht gebildeten Wort WAHRHEIT lagen. Noch einmal hauchte er Kahlans Namen, doch diesmal drang kein Laut über seine Lippen.
Cara, die Stirn fragend in Falten gelegt, beugte sich zu Nicci. »Habt Ihr verstanden, was er da gerade gesagt hat?«
»Ich weiß nicht, irgendein Name. Kahlan, glaube ich.«
Richard versuchte, »Ja« zu schreien, doch heraus kam nur ein heiseres Stöhnen.
»Kahlan?«, fragte Cara. »Wer soll das denn sein?«
»Ich habe keine Ahnung«, murmelte Nicci, während sie ihre Konzentration wieder auf die anstehende Aufgabe richtete. »Offenbar ist er wegen des hohen Blutverlusts ins Delirium gefallen.«
Der Schmerz, der plötzlich durch seinen Körper jagte, nahm ihm endgültig jede Möglichkeit zu atmen.
Wieder blitzte und donnerte es draußen krachend, und diesmal setzte kurz darauf ein gewaltiger Regenguss ein, der auf das Dach zu trommeln begann.
Ein einziges Mal noch vermochte Richard Kahlans Namen zu flüstern, dann ließ Nicci ihre Magie in einer wahren Flut in ihn hineinströmen.
Die Welt löste sich auf in ein unermessliches Nichts.
2
Das ferne Geheul eines einsamen Wolfes weckte Richard aus einem todesähnlichen Schlaf. Ein verlorenes Echo hallte durch das Gebirge, ehe es unerwidert verklang. Im unwirklichen Licht der trügerischen Dämmerung lag er auf der Seite und lauschte schläfrig und abwartend auf einen Antwortruf, der jedoch blieb aus.
Sosehr er sich auch bemühte, er schien die Augen nicht länger als für die Dauer eines einzigen trägen Herzschlags offen halten, geschweige denn genug Energie aufbieten zu können, um den Kopf zu heben. Schattenhafte Zweige schienen sich im trüben Dunkel hin und her zu wiegen. Merkwürdig, dass ein so alltägliches Geräusch wie das ferne Heulen eines Wolfes ihn hatte wecken können.
Er besann sich, dass Cara die dritte Wache hatte, bestimmt würde sie sie schon in Kürze wecken kommen. Unter großen Mühen nahm er seine Kräfte zusammen und wälzte sich auf die Seite. Er brauchte Kahlans Berührung, ihre Umarmung, um in ihren schützenden Armen noch einmal für ein paar köstliche Minuten in den Schlaf zu sinken, doch unter seiner tastenden Hand war nichts als eine leere Fläche nackten Erdbodens.
Kahlan war nicht da.
Wo mochte sie sein? Wo konnte sie hingegangen sein? Vielleicht war sie zeitig aufgewacht und hatte das Lager verlassen, um sich mit Cara zu unterhalten.
Richard setzte sich auf. Instinktiv sah er nach seinem Schwert, um sich zu vergewissern, dass es griffbereit neben ihm lag. Das beruhigende Gefühl der polierten Scheide und des mit Draht umwickelten Heftes empfing seine Finger. Das Schwert lag neben ihm auf dem Boden.
Dann vernahm er das sanfte Rauschen eines sachten, anhaltenden Regens und erinnerte sich, dass er Regen aus irgendeinem Grund unter allen Umständen meiden musste.
Aber wenn es regnete, wieso spürte er dann nichts davon? Wieso war sein Gesicht trocken? Und der Erdboden auch?
Er richtete sich auf, rieb sich die Augen und versuchte sich zu orientieren, indem er seinen benebelten Verstand zu klären suchte und sich bemühte, seine konfusen Gedanken zu sammeln. Angestrengt spähte er in das Dunkel und erkannte, dass er sich gar nicht im Freien befand. Im trüben grauen Licht des anbrechenden Morgens, das durch das eine kleine Fenster hereinsickerte, sah er, dass er sich in einer heruntergekommenen winzigen Stube befand, in der es nach feuchtem Holz und muffigem Verfall roch. Einige nahezu vollständig heruntergebrannte Scheite glommen in der Asche einer Feuerstelle, eingelassen in eine verputzte Mauer, die sich vor ihm erhob. An der einen Seite des Kamins hing ein rußgeschwärzter Holzlöffel, an der anderen lehnte ein fast kahler Besen, doch davon abgesehen sah er keinerlei persönliche Gegenstände, die irgendwelche Rückschlüsse auf die hier lebenden Personen hätten geben können.
Bis Tagesanbruch schien es noch eine Weile hin zu sein. Das unablässige Prasseln des Regens auf das Dach verhieß einen sonnenlosen Morgen an diesem nasskalten Tag. Nicht nur, dass es durch mehrere Löcher des ausbesserungsbedürftigen Daches tropfte, auch rings um den Kamin drang der Regen herein und fügte dem schäbigen Wandbewurf weitere Stockflecken hinzu.
Beim Anblick der verputzten Wand, der Feuerstelle und des schweren Plankentisches kamen gespenstische Bruchstücke seiner Erinnerung wieder hoch.
Getrieben von dem dringenden Bedürfnis herauszufinden, wo sich Kahlan befand, rappelte sich Richard unsicher schwankend auf, eine Hand auf die noch immer schmerzende linke Brusthälfte gelegt, während er sich mit der anderen an der Tischkante festhielt.
Als sie ihn in dem trübe beleuchteten Raum aufstehen hörte, war Cara, die es sich auf einem unweit stehenden Stuhl bequem gemacht hatte, sofort auf den Beinen. »Lord Rahl!«
Er sah sein Schwert auf dem Tisch liegen. Dabei war er fast sicher gewesen …
»Lord Rahl, Ihr seid wach!« Trotz des düsteren Lichts konnte Richard sehen, dass Cara außer sich vor Freude war. Auch fiel ihm auf, dass sie ihr rotes Lederzeug angelegt hatte.
»Ein Wolf hat geheult, dadurch bin ich wohl aufgewacht.«
Cara schüttelte den Kopf. »Ich habe glockenwach gleich hier gesessen und über Euch gewacht. Es hat kein Wolf geheult, Ihr müsst geträumt haben.« Ihr Lächeln kehrte zurück. »Ihr seht schon viel besser aus.«
Er erinnerte sich an das völlige Unvermögen zu atmen, nicht genug Luft zu kriegen. Probeweise atmete er tief ein und stellte fest, dass ihm das keinerlei Probleme bereitete. Das Gespenst der entsetzlichen Schmerzen verfolgte ihn nach wie vor, doch ihre Wirklichkeit war nahezu verblasst.
»Ja, ich glaube, es geht schon wieder.«
In Schüben blitzten kurze, unzusammenhängende Erinnerungssplitter vor seinem inneren Auge auf. Er erinnerte sich, wie er allein im unheimlichen ersten Licht des Tages regungslos dagestanden hatte, als die dunkle Flut aus Soldaten der Imperialen Ordnung zwischen den Bäumen hervorbrach. Bruchstückhaft erinnerte er sich an ihre wüste Attacke, ihre erhobenen Waffen. Er erinnerte sich, wie er sich dem fließenden Tanz mit dem Tod hingegeben hatte, an den Hagel aus Pfeilen und Armbrustbolzen und dass sich zu guter Letzt noch andere Männer ins Kampfgetümmel gestürzt hatten.
Richard lupfte sein Hemd ein wenig von seinem Körper und ließ seinen Blick daran herabwandern, ohne zu begreifen, wieso der Stoff unversehrt war.
»Euer Hemd war völlig zerfetzt«, half ihm Cara, als sie seine Verwirrung sah. »Wir haben Euch gewaschen und rasiert und Euch dann ein frisches Hemd angezogen.«
Wir. Dieses eine Wort schob sich vor allen anderen in den Vordergrund seiner Gedanken. Wir. Cara und Kahlan. Das musste Cara gemeint haben.
»Wo ist sie?«
»Wer?«
»Kahlan«, wiederholte er und entfernte sich einen Schritt von dem stützenden Tisch. »Wo ist sie?«
»Kahlan?« Caras Züge verzogen sich zu einem herausfordernden Lächeln. »Wer soll denn das sein?«
Er atmete erleichtert auf. Cara würde es nicht wagen, auf diese Weise zu sticheln, wenn Kahlan verletzt oder ihr etwas zugestoßen wäre – dessen war er sich sicher. Ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung nahm ihm die Angst und gleichzeitig einen Teil seiner Mattigkeit. Kahlan war in Sicherheit.
Auch konnte er nicht vermeiden, dass Caras verschmitzter Gesichtsausdruck ihn zusätzlich aufheiterte. Er genoss es, sie mit einem unbekümmerten Lächeln auf den Lippen zu sehen, nicht zuletzt, weil es ein so seltener Anblick war. Normalerweise galt das Lächeln einer Mord-Sith als bedrohliches Vorspiel zu etwas überaus Unangenehmem. Dasselbe galt für das Tragen ihres roten Lederanzugs.
»Kahlan«, erwiderte Richard, indem er auf das Spiel einging, »Ihr wisst schon, meine Frau. Wo ist sie?«
In seltener weiblicher Amüsiertheit rümpfte Cara die Nase. Ein so auffälliges Mienenspiel war bei ihr derart ungewöhnlich, dass Richard nicht nur überrascht war, sondern sich sogar zu einem Lächeln hinreißen ließ.
»Eine Frau«, wiederholte sie gedehnt und tat plötzlich geziert. »Tja, das ist ja mal was völlig Neues – Lord Rahl nimmt sich eine Ehefrau.«
Es erschien ihm manchmal selbst nach wie vor unwirklich, sich plötzlich in der Rolle des Lord Rahl, des Herrschers des d’Haranischen Reiches, wiederzufinden. Normalerweise gehörte dies nicht zu den Dingen, die sich ein im fernen Westland aufgewachsener Waldführer ausmalte, nicht einmal in seinen kühnsten Träumen.
»Tja, einer von uns musste ja den Anfang machen.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht und versuchte, seinen Verstand aus den Spinnweben des Schlafes zu befreien. »Wo ist sie?«
Caras Lächeln wurde noch breiter. »Kahlan.« Sie neigte den Kopf in seine Richtung und zog eine Braue hoch. »Eure Gemahlin.«
»Ganz recht, Kahlan, meine Ehefrau«, sagte Richard betont beiläufig. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass man Cara am besten nicht die Genugtuung gab, sich anmerken zu lassen, dass einem ihre Scherze auf die Nerven gingen. »Ihr werdet Euch gewiss erinnern – klug, grüne Augen, hoch gewachsen, langes Haar und natürlich die schönste Frau, die ich je gesehen habe.«
3
Richard kniete neben seinem Bettzeug nieder und begann, Kleidungsstücke in sein Bündel zu stopfen. Der kalte Nieselregen, den er durch das kleine Fenster sehen konnte, machte nicht den Anschein, als würde er in Kürze aufhören, daher ließ er seinen Umhang draußen.
»Was glaubst du eigentlich, was du da tust?«, fragte Nicci.
Er sah in der Nähe ein Stück Seife liegen und hob es auf. »Wonach sieht es denn aus?«
Viel zu viel Zeit war bereits verloren, mehrere Tage schon, und das, obwohl er keine Zeit zu vergeuden hatte. Er stopfte das Stück Seife, einige Büschel getrocknete Kräuter und Gewürze sowie einen Beutel mit getrockneten Aprikosen ganz nach unten in das Bündel, ehe er mit hastigen Bewegungen sein Bettzeug zusammenrollte. Cara hatte es aufgegeben, ihn auszufragen oder Einwände vorzubringen, und ging stattdessen daran, ihre eigenen Sachen zusammenzupacken.
»Das habe ich nicht gemeint, wie du sehr wohl weißt.« Nicci kniete neben ihm nieder, nahm seinen Arm und zog ihn herum, sodass er gezwungen war, ihr ins Gesicht zu sehen. »Du kannst nicht einfach gehen, Richard, du musst dich ausruhen. Ich hab dir doch gesagt, du hast eine Menge Blut verloren. Du bist noch viel zu geschwächt, um irgendwelchen Hirngespinsten nachzujagen.«
Er verkniff sich eine unwirsche Erwiderung und zog mit einem Ruck den Lederriemen um sein Bettzeug zusammen. »Ich fühle mich prächtig.« Das war natürlich gelogen, aber er fühlte sich immerhin ganz passabel.
Als er die zweite Schnur festzurrte, schnappte sie sich entschlossen eine Hand voll seines Hemdes. »Du begreifst noch gar nicht, wie geschwächt du in Wahrheit bist, Richard. Du bringst dein Leben in Gefahr. Du brauchst dringend Ruhe, damit dein Körper sich erholen kann. Du hattest nicht annähernd genug Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen.«
»Und wie viel Zeit hatte Kahlan?« In einer Mischung aus Wut und Verzweiflung packte er Niccis Oberarm und zog sie zu sich heran. »Sie ist irgendwo da draußen und steckt in Schwierigkeiten. Ihr weigert Euch, das einzusehen, Cara weigert sich, das einzusehen, aber ich nicht. Glaubt Ihr wirklich, ich könnte einfach hier herumliegen, wenn der Mensch, den ich mehr liebe als irgendetwas auf der Welt, in Gefahr ist?
Wärt Ihr in Schwierigkeiten, Nicci, würdet Ihr dann wollen, dass ich Euch so leicht verloren gebe? Würdet Ihr nicht wollen, dass ich es wenigstens versuche? Ich weiß nicht, was passiert ist, aber irgendetwas ist passiert. Wenn ich Recht habe – und ich habe Recht -, dann vermag ich die Bedeutung dessen nicht einmal ansatzweise abzuschätzen, geschweige denn mir die Folgen auszumalen.«
»Was willst du damit sagen?«
»Nun, falls Ihr Recht habt, dann bilde ich mir nur irgendwelche Dinge ein, die ich geträumt habe. Aber wenn ich Recht habe – und es ist ziemlich nahe liegend, dass Ihr und Cara nicht derselben Geistesstörung zum Opfer gefallen sein könnt -, dann müsste das bedeuten, dass das, was auch immer derzeit geschieht, einen Grund hat, und der ist bestimmt nicht angenehm.«
Der Gedanke schien Nicci so zu verstören, dass sie kein Wort hervorbrachte. Richard ließ sie los und wandte sich herum, um die Lasche seines Bündels festzuzurren.
Schließlich fand Nicci ihre Stimme wieder. »Begreifst du nicht, was du tust, Richard? Du fängst an, abwegige Vorstellungen zu entwickeln, um das zu rechtfertigen, was du selbst gern glauben möchtest. Du hast es selbst gesagt – Cara und ich können nicht derselben Geistesstörung zum Opfer gefallen sein. Bleib hier und ruh dich aus. Wir können versuchen, das Wesen dieses Traumes zu ergründen, der in deinem Verstand so hartnäckig Wurzeln geschlagen hat, und ihn hoffentlich wieder richten. Vermutlich habe ich selbst ihn durch irgendetwas ausgelöst, als ich dich zu heilen versuchte. Wenn dem so ist, dann tut es mir Leid. Bitte, Richard, bleib erst einmal hier.«
Ihr einziges Interesse galt ausschließlich dem, was sie als das Problem betrachtete. Schon sein Großvater Zedd, der Mann, der ihn großzuziehen geholfen hatte, hatte damals oft gesagt: Denk nicht über das Problem, sondern über seine Lösung nach. Die Lösung, auf die er sich jetzt konzentrieren musste, war, wie Kahlan gefunden werden konnte. Er wünschte sich, auf Zedds Hilfe zurückgreifen zu können, um das Rätsel ihres derzeitigen Aufenthaltsortes zu lösen.
»Du bist noch immer ernsthaft in Gefahr«, beharrte Nicci, während sie den durch das löchrige Dach sickernden Regentropfen auswich. »Jede übermäßige Anstrengung könnte verhängnisvolle Folgen haben.«
»Dessen bin ich mir bewusst – wirklich.« Richard prüfte das Messer, das er im Gürtel trug, und schob es wieder in seine Scheide zurück. »Jedenfalls habe ich nicht die Absicht, Euren Rat in den Wind zu schlagen. Ich werde mich, so gut es irgend geht, schonen.«
»Richard, hör mir zu.« Nicci rieb sich die Schläfen mit den Fingerspitzen, als hätte sie Kopfschmerzen. »Es geht um mehr als das.«
Sie suchte nach den passenden Worten. »Du bist nicht unbesiegbar. Du magst vielleicht dieses Schwert tragen, aber immer kann es dich auch nicht schützen. Deine Vorfahren – und zwar jeder einzelne deiner Vorgänger im Amt des Lord Rahl – haben sich darüber hinaus stets mit Leibwächtern umgeben, und das, obwohl sie ihre Gabe meisterlich beherrschten. Du magst mit der Gabe geboren sein, aber selbst wenn du sie angemessen zu gebrauchen wüsstest, könnte dir diese Macht keinen sicheren Schutz gewähren – erst recht nicht jetzt.
Der Bolzen hatte lediglich den Zweck, dir zu zeigen, wie verwundbar du tatsächlich bist. Du magst ein bedeutender Mann sein, Richard, aber du bist nur ein Mann. Wir alle sind auf dich angewiesen, Richard – unbedingt.«
Der gequälte Ausdruck in Niccis blauen Augen bewog Richard, den Kopf abzuwenden. Natürlich war er sich seiner Verwundbarkeit sehr wohl bewusst. Das Leben war sein höchstes Gut, er betrachtete es nicht als Selbstverständlichkeit. Er beschwerte sich so gut wie nie, dass Cara nicht von seiner Seite wich. Sie und die übrigen Mord-Sith, aber auch alle anderen Leibwächter, die er geerbt hatte, hatten mehr als einmal ihre Nützlichkeit bewiesen, was aber nicht bedeutete, dass er hilflos war oder sich erlauben durfte, aus falsch verstandener Vorsicht das Notwendige zu unterlassen.
Mehr noch, allmählich dämmerte ihm, worauf Nicci eigentlich anspielte. Während seiner Zeit im Palast der Propheten hatte er die Erfahrung gemacht, dass ihn die Schwestern des Lichts für einen Mann hielten, der zutiefst in uralte Prophezeiungen verstrickt war – er war für sie ein Dreh- und Angelpunkt des historischen Geschehens.
Wenn ihre Seite über die dunklen Mächte triumphieren wollte, die gegen sie angetreten waren, dann war dies nach Ansicht der Schwestern nur möglich, wenn Richard sie zum Sieg führte. Ohne ihn, so die Prophezeiungen, würde alles verloren sein. Ihre Prälatin, Annalina, hatte einen Großteil ihres Lebens darauf verwendet, die Ereignisse dahingehend zu manipulieren, dass sein Überleben gesichert war und er heranwachsen und sie in diesen Krieg führen konnte. Wenn man sie reden hörte, dann ruhten die Hoffnungen für alles, was ihnen lieb und teuer war, auf seinen Schultern. Dankenswerterweise hatte zumindest Kahlan ihren Übereifer in diesem Punkt ein wenig gedämpft. Trotzdem wusste er, dass viele noch immer dieser Betrachtungsweise anhingen. Er wusste auch, dass seine Führerschaft in großen Teilen der Bevölkerung den Wunsch nach einem Leben in Freiheit geweckt hatte. Soweit es ihn persönlich betraf, hatten sich die Prophezeiungen jedoch als wenig hilfreich, ja oftmals als höchst problematisch erwiesen.
Richard zwang sich zu einem Lächeln. »Nicci, jetzt klingt Ihr wie eine Schwester des Lichts.« Das schien sie nicht zu amüsieren. »Cara wird mir zur Seite stehen«, versuchte er, ihre Besorgnis auszuräumen.
Die Worte waren kaum heraus, da wurde ihm bewusst, dass selbst Caras Gegenwart den Pfeil nicht hatte aufhalten können, der ihn niedergestreckt hatte. Und wenn er es sich recht überlegte, wo war sie während des Kampfes überhaupt gewesen? Er konnte sich nicht erinnern, sie an seiner Seite gesehen zu haben. Dabei scheute sie keinen Kampf; nicht einmal zehn Pferde würden sie davon abhalten können, ihn zu beschützen. Bestimmt war sie ganz in seiner Nähe gewesen, er erinnerte sich nur einfach nicht daran, sie gesehen zu haben.
Er nahm seinen breiten ledernen Übergurt auf und schnallte ihn um. Dieser Gürtel, wie auch die anderen Teile seines Anzugs, der einst einem mächtigen Zauberer gehört hatte, stammte aus der Burg der Zauberer, wo Zedd derzeit Stellung bezogen hatte, um sie vor Kaiser Jagang und seinen aus der Alten Welt anrückenden Horden zu beschützen.
Nicci stieß einen ungeduldigen Seufzer aus – und gewährte damit Einblick in ihre strenge und unversöhnliche Seite, die Richard nur zu gut kannte, die sich aber diesmal, wie er sehr wohl wusste, aus ihrer aufrichtigen Sorge um sein Wohlergehen speiste.
»Richard, wir können uns dieses Durcheinander einfach nicht leisten. Es gibt wichtige Dinge, über die wir dringend sprechen müssen. Nur deswegen habe ich dich überhaupt aufgesucht. Hast du meinen Brief etwa nicht erhalten?«
Richard stutzte. Brief … Brief … Dann endlich fiel es ihm wieder ein. »Doch, ich habe Euren Brief bekommen. Ich habe Euch sogar eine Antwort zukommen lassen – durch einen Soldaten, den Kahlan mit ihrer Kraft berührt hatte.«
Richard erhaschte Caras kurzen Seitenblick auf Nicci – einen überraschten Blick, der besagte, dass sie sich an nichts dergleichen erinnern könne.
Nicci taxierte ihn mit einem sonderbaren Blick. »Die Antwort, die du mir geschickt hast, ist nie bei mir angekommen.«
Leicht überrascht machte Richard eine Handbewegung Richtung Neue Welt. »Der Mann hatte vorrangig den Auftrag, nach Norden zu gehen und Kaiser Jagang zu eliminieren. Er war von der Kraft einer Konfessorin berührt worden und wäre eher gestorben, als ihren Befehl zu missachten. Aber vermutlich kann ihm ebenso gut schon vorher etwas zugestoßen sein. In der Alten Welt gibt es Gefahren genug.«
Der Ausdruck auf Niccis Gesicht gab ihm das Gefühl, ihr soeben einen weiteren Beweis dafür geliefert zu haben, dass er drauf und dran war, den Verstand zu verlieren. »Glaubst du allen Ernstes, selbst in deinen kühnsten Träumen, der Traumwandler wäre so leicht zu eliminieren?«
»Nein, natürlich nicht.« Er stopfte den Kochtopf, der sein Bündel ausbeulte, wieder zurück an seinen Platz. »Wir sind davon ausgegangen, dass der Soldat vermutlich bei dem Versuch getötet werden würde. Wir haben ihn auf Jagang angesetzt, weil er ein Schurke und Mörder war, der den Tod verdient hatte. Trotzdem, ich hatte die vage Hoffnung, er könnte vielleicht erfolgreich sein. Und wenn nicht, sollte das Wissen, dass jeder seiner Männer ein gedungener Mörder sein konnte, Jagang zumindest einige Stunden seines Schlafes rauben.«
Niccis viel zu regloser Miene war deutlich zu entnehmen, dass sie auch dies für nichts anderes als einen Teil seiner ausgeklügelten Selbsttäuschung über diese Frau aus seinen Träumen hielt.
Dann fiel ihm ein, was außerdem noch passiert war. »Allerdings wurden wir, kurz nachdem Sabar Euren Brief überbracht hatte, angegriffen. Bei dem Gefecht ist er ums Leben gekommen.«
Ein heimlicher Seitenblick auf Cara trug ihr ein bestätigendes Nicken ein.
»Bei den Gütigen Seelen«, machte Nicci ihrem Kummer über die Nachricht von dem jungen Sabar Luft – eine Gefühlsregung, die Richard teilte.
Er erinnerte sich noch gut an Niccis eindringliche Warnung, dass Jagang dazu übergegangen sei, Waffen aus mit der Gabe gesegneten Menschen zu entwickeln, wie schon einmal, während des Großen Krieges vor dreitausend Jahren. Eine Entwicklung, die überaus Besorgnis erregend war und eigentlich als unmöglich galt, aber offenbar hatte Jagang dennoch einen Weg gefunden – indem er sich der Schwestern der Finsternis bediente, die er als Gefangene hielt.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Chainfire« bei Tor Books, New York.
1. Auflage Taschenbuchausgabe September 2009 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
Copyright © der Originalausgabe 2005 by Terry Goodkind
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München Published in agreement with the author c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA Artwork by Keith Parkinson Redaktion: Werner Bauer HK · Herstellung: RF
eISBN 978-3-641-04958-4V002
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