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Auf die Leidenschaft! Nur wenige Menschen schauen so genau hin wie Michael Schottenberg, einer der renommiertesten Reiseschriftsteller Österreichs. Mit Auge fürs Detail und dem Blick für das große Ganze führt er uns auf eine weltumspannende Reise. Von Aït-Ben-Haddou bis Venedig, von Bangkok bis Zalipie: Aus Begegnungen mit Menschen, Tieren und der Natur setzt sich ein kunterbuntes Mosaik der Vielfalt zusammen. Mal aufregend, mal philosophisch, mal einfühlsam – aber ganz sicher niemals langweilig. »Reisen ist Leben. Geschichten über Menschen zu erfahren, bedeutet mir Glück. Vielleicht bin ich ja auch nur deshalb ein Leben lang unterwegs, um mich zu verlieren – und wiederzufinden. Reisen ist die beste Möglichkeit, mein Leben neu zu erfinden, um mich vor der Müdigkeit zu bewahren.«
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2025
Michael Schottenberg
In 66 Geschichten um die Welt
Mit 173 Abbildungen
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Redaktioneller Hinweis: In Fällen, in denen aus Gründen der Stilistik das generische Maskulinum verwendet wird, sind grundsätzlich immer alle Geschlechter gemeint.
Alle Fotos stammen von Michael Schottenberg.
© 2025 by Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien
Am Heumarkt 19, A-1030 Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung und Satz: Johanna Uhrmann
Umschlagillustration: Emma Zoppi
Lektorat: Martin Bruny
Herstellung: VerlagsService Dietmar Schmitz, Erding
Gesetzt aus der Novel und Expressway
Designed in Austria, printed in the EU
ISBN 978-3-99050-291-4
eISBN 978-3-90344-146-0
Für Claire
Auf die Leidenschaft!
1
Eine Stadt des Lächelns
Thailand
2
Der Geschichtenerzähler
Marokko
3
Das Glück dieser Erde
Slowenien
4
Irgendwie sind sie schon eigen, die Briten
Grossbritannien
5
Chaos. Leben. Überleben
Italien
6
Die Mordsinsel
Färöer
7
Unter Geiern
Spanien
8
Geflüstertes Glück
Vietnam
9
Onkel Salomon und die Brombeeren
Tschechien
10
Betrachtungen über das Leben im Glas
Österreich
11
Die Taxifahrt
Indien
12
Das Lächeln Jesu
Bulgarien
13
Tack
Schweden
14
Stolpern über Geschichte
Bosnien und Herzegowina
15
Über die Schwerelosigkeit
Indien
16
Die Fröhlichkeit der Menschen
Myanmar
17
Mann im Fenster
Österreich
18
Essen auf Rädern
Indien
19
Die Endlichkeit der Vergangenheit
Grossbritannien
20
Architekt des Windes
Spanien
21
Das Himmelskloster
Thailand
22
Musik heilt Wunden
österreich
23
Die Tränen des Mondes
Griechenland
24
Einmal platt, immer platt!
Kuba
25
Die Liebe zu den Orangen
Spanien
26
Ayubowan!
Sri Lanka
27
Im Land, wo Puszta fließt
Ungarn
28
Der flüssige Schatten
Italien
29
Das Staatsfrühstück
Myanmar
30
Polens bunter Podex
Polen
31
Elephant Poopoopaper
Thailand
32
Astra und Aurora
Malta
33
Auf drei Rädern durchs Paradies
Sri Lanka
34
Die Tante
Österreich
35
Die Betelnuss
Malaysia
36
Perlen des Lebens
Frankreich
37
Auf der großen Mauer
Kroatien
38
Im Fegefeuer
Indien
39
Der Pinxto
Spanien
40
Das Teigtascherlparadies
Polen
41
Villa Tugendhat
Tschechien
42
Ein Schwein für die Braut
Myanmar
43
Der Atem der Zeit
Italien
44
Bukarest backstage
Rumänien
45
Eros und Tod
Tschechien
46
Der Railway Market
Thailand
47
Das fremde Federchen
Niederlande
48
Pläne und Ziele
Deutschland/Schweden
49
Die beiden Schwestern
Marokko
50
Die Geliebte des Todes
Spanien
51
Eine Stadt der Kultur
Grossbritannien
52
Der Ballroom
Österreich
53
Kultur und Genuss
Italien
54
Der Schein von Märchen und Fantasie
Malta
55
Der Geschmack des Frühlings
Kroatien
56
Reis aus Grönland
Niederlande
57
Gut Pilz!
Polen
58
Im Land der Roundabouts
Grossbritannien
59
Die Kuhherberge von Udaipur
Indien
60
Die Insel der Poeten
Bosnien und Herzegowina
61
Schlemmen in Slowenien
Slowenien
62
Die Glocken Berlusconis
Griechenland
63
Die Duftende Schönheit
Tschechien
64
Die Ratten von Deshnok
Indien
65
Hummel, Hummel
Deutschland
66
Eine Person aus Wachs
Österreich
Leidenschaft kennt weder Vergangenheit noch Zukunft. Sie verlangt nach dem Augenblick. Manchmal verführt sie mich zu unwägbaren Abenteuern. Ein anderes Mal stößt sie mich von sich. Und doch bleibe ich untrennbar mit ihr verbunden. Eine widersprüchliche Symbiose. Ich bin süchtig nach dem Gefühl zwischen Hingabe und Ohnmacht. »Leidenschaft ist eine Kraft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.« Ich sehne mich nach dem inneren Brand, der mich immer neu entzündet. Wenn Sehnsucht in Erfüllung übergeht, verschmilzt Zärtlichkeit mit Begierde und Eros mit Obsession. So ist es mit der Liebe, so ist es bei meiner lebenslangen Leidenschaft, dem Erfahren neuer Welten.
Die Rückkehr in die gewohnte Umgebung ist dann wie ein Erwachen aus einem Traum. Kaum aber, dass sich das neue Jahr mit der Farbe des jungen Frühlings schmückt, packe ich erneut meine Siebensachen, um Geschichten zu sammeln, die mich rund um den Globus führen oder eben bis vor die Haustür – bereitet doch das Entdecken der Heimat mindestens so viel Spaß wie die Begegnung mit fremden Kulturen.
Ich berichte, was ich erlebe, und ich erlebe, was ich berichte. Waren es in meinem früheren Leben fiktionale Erzählungen, die für oder gegen eine bestimmte (gesellschaftspolitische) Haltung standen, sind es nun reale Geschichten. Land und Leute. Als ob ich in eine verwunschene Truhe blickte und mich das Funkeln der darin verborgenen Schätze zum staunenden Mitwisser machte. Jedes neue Erlebnis ergänzt das Tun anderer zu einem Sinn machenden Ganzen. Selbst Augenblicke, die mir vorerst kaum einer Erwähnung wert erscheinen, gewinnen bei näherer Betrachtung eine Vielfalt, dass ich meine, ein Gesamtkunstwerk zu entdecken. Dies alles halte ich mittels winzig kleiner, krakeliger Zeichen fest, die ich in mein Tagebuch male.
Unterwegs
Am liebsten reise ich im Rhythmus der Einheimischen – mit dem Zug, dem Bus, mit dem Motorrad oder dem Schiff, auf der Erde oder durch die Luft, gerade wie es sich eben ergibt. Reisen ist Leben. Geschichten über Menschen zu erfahren, bedeutet mir Glück. Vielleicht bin ich ja auch nur deshalb ein Leben lang unterwegs, um mich zu verlieren – und wiederzufinden. Reisen schenkt mir die Balance zwischen Erfahren und Empathie. Der Unterschied zwischen Reisendem und Tourist ist der, dass der eine seine Bequemlichkeit zu Hause lässt, während der andere das Gegenteil tut. Der Tourist vermisst seine Gewohnheiten, der Weltenentdecker genießt die Welt – erst recht, wenn sie auf dem Kopf steht. Reisen ist die beste Möglichkeit, mein Leben neu zu erfinden, um mich vor der Müdigkeit zu bewahren.
Auf die Leidenschaft!
Bangkok, Thailand
Zehn Stunden im Großraumjet von Wien-Schwechat nach Bangkok-Suvarnabhumi vergehen wie im Flug. Verknittert steigt man aus dem Flieger und landet in Anderswelt: Protz, Pracht und jede Menge Buddhas. Das Drehkreuz Südostasiens spielt alle Stückeln. Auf Schritt und Tritt Operette à la Mörbisch, made by Serafin. Leading Part: nicht Dagmar Koller, sondern das Original, Exmonarchin Sirikit, legendäre Lächelkönigin des goldenen Siam vergangener Tage. Die offizielle Residenz des heutigen Königs hat’s in sich. Der »Grand Palace« ist eine Stadt in der Stadt, und die Stadt ist aus purem Gold. Heute residiert der ewig mürrische Rama X. ein paar Straßen weiter, im Nobelbezirk Dusit – sowie im oberbayerischen Tutzing. Den Besitz hat er zu Lebzeiten seines Vaters, König Bhumibol Adulyadej, geerbt. Seither residiert der damalige Kronprinz und heutige »Thai-Kini«, wie ihn die Einheimischen nennen, die meiste Zeit über in seinem kühlen Prachtanwesen am Starnberger See. Zehn Millionen Euro ist das Schrebergärtlein wert. Seltsam nur, dass vom Regenten, trotzdem es sein offizieller Zweitwohnsitz ist, bislang kein Cent an Grundsteuer im Magistrat von Tutzing einging – was die Bayern schmerzt, die Thais aber schon lange nicht mehr wundert.
An Seltsamkeiten ist die lächelnde Metropole Thailands ohnehin reich. Slum und Siam, Millionärsviertel und Märchenstadt. All das ist Bangkok – und noch viel mehr. Zum Beispiel Wahn und Witz, ist doch der erbschaftsjonglierende Maha Vajiralongkorn einer der verhaltensoriginellsten Monarchen der Welt. Schießt das Land in Sachen Wirtschaftswachstum, Infrastruktur und Technik durch den Plafond, versinkt die halsstarrige Schrulligkeit von Rama X. in tiefem Klamauk. Folgende Geschichte ist keine Ente, sie ist wahr und – ein Hund: Des Königs verblichener Pudel Fufu wurde zu seinen Lebzeiten des Öfteren von einer der mit G-Strings recht offenherzig bekleideten königlichen Ehefrauen gefüttert, anlässlich seines Geburtstages gar mit einer doppelstöckigen Torte. Auf die Titelseiten ausländischer Gossip-Zeitschriften brachte es der Monarch, als er Fufu allen Ernstes zum »Air Chief Marshall« der Luftwaffe beförderte. Bei einem Galadinner sprang der vierbeinige General in Uniform auf den Tisch, beschnüffelte den Teller des anwesenden US-Botschafters und schlappte aus den Wassergläsern der honorigen Gäste auf das Wohl des hohen Staatsgastes. Auch das ist Bangkok. Man wundert sich, staunt – und lächelt.
Welt aus Gold
Grand Palace
TIPPS
Wat Arun ist eine der schönsten Tempelanlagen der Millionenstadt. Den »Tempel der Morgenröte« zieren Abertausende Porzellanscherben – und lassen den herrlichen Turm weithin leuchten, besonders bei Nacht.
Jenseits des Flusses Chao Phraya geht’s mit dem Rad zur Sache – zur grünen Lunge der Stadt. Bang Kachao heißt die Halbinsel, und sie bietet jede Menge brettlebene Radwege, idyllische Kanäle und traditionelle Märkte. Ein Paradies im Paradies.
In der Krung Kasem Road befindet sich der optische und olfaktorische Hotspot Bangkoks, der Blumenmarkt. Töpfe, Krüge, Orchideen und Millionen von Pflanzen schmücken die riesige Bretterbude und verwandeln sie in einen einzigartigen, duftenden Blumenladen.
Aït-Ben-Haddou, Marokko
Ich bin zu Gast in Tausendundeiner Nacht, inmitten eines marokkanischen Hinterlandstädtchens, das sein Gesicht Blockbustern wie Jesus von Nazareth, Gladiator und Lawrence von Arabien lieh. Robert Powell, Russell Crowe und Peter O’Toole schlichen hier textmurmelnd von einem Drehort zum nächsten. An jeder Ecke stolpert man über Filmplakate, kaum ein Hinterhof, in dem nicht geshootet wurde. »Hier saß Anne Bancroft«, höre ich einen alten Mann flüstern, »… und dort! Schauen Sie, dort drüben schlürfte Anthony Quinn als Beduinenhäuptling Auda Abu Tayi seinen Tee!«
Aït-Ben-Haddou heißt der malerische Ort, dessen Mauern keineswegs aus Pappmaché bestehen, wie man meinen möchte, sondern aus rötlichem Stampflehm. Weithin leuchten die gewaltigen Trutzburgen, genannt Kasbahs, in der Abendsonne. Hier, einen Steinwurf zwischen Hoher Atlas und Sahara, sind die Geschichten des Maghreb zu Hause – und ich bin mittendrin. Ich nehme Quartier bei Baba Ali, der alles andere als ein Berber ist. Der Spitzbub aus Wien-Meidling landete als Aussteiger zwischen den Welten und wurde zum Wüstensohn. »Des war, wie ich die Kadisha zur Frau genommen hab«, sagt er in breitem Wienerisch. In Marokko steht die Zeit still, hier hat sich Eva noch keinen Zentimeter aus Adams Rippe herausgewagt. »Kannst ruhig Andy zu mir sagen!« Baba Ali zupft an seiner Dschellaba herum. Die Wüste ist nah, am Abend wird es hier beißend kalt.
Wir hocken in seinem Lehmhaus in der Nähe des ausgetrockneten Flusslaufs, an dessen Ufer einst Sir Laurence Olivier mit einem Palmwedel in der Hand entlangstapfte. »Hier haben die Alten das Sagen. Ein paar Jahr’ noch, und i werd’ vom Geschichtenerzähler (wie’s alle zu mir sagen) zum Quasi-Marabout, einem islamischen Heiligen. Dann g’hör’ i dazu.« Wie aufs Stichwort beginnt der Hippie aus Wien eine seiner nicht enden wollenden Geschichten über sein Leben als Orientfahrer, Trekking-Organisator und verehelichter Wüstensohn. Und während »seine« Kadisha, die längst besser Wienerisch spricht als er Arabisch, Tajine um Tajine aufträgt und der Raum nach Safran, Koriander, Zimt, Muskat und frischer Minze, den Gerüchen Marokkos, zu duften beginnt, stapelt sich ein Berg bis zum Rand gefüllter Schalen vor mir: Huhn, Gemüse, Fisch und jede nur erdenkliche Süßspeise. Baba Alis monotone Stimme mischt sich mit der sinnlichen Verführungskunst des Rauchwerks, das er der Kälte wegen entzündet hat, und hebt mich weit weg in eine Welt, in der ich sandalenbeschuht durch Nazareth, brustbepanzert durch den Circus Maximus und dschellabahumhüllt durch die Wüste Nefud wandere. »Träume, Fremder, und berausche dich am Leben«, sagt Alec Guinness als Prinz Faisal in Lawrence von Arabien. Wie recht er doch hat. Der süßliche Duft einer Wasserpfeife erfüllt den Raum, in deren Rauch ich mich allmählich aufzulösen beginne.
»Cut!«, brüllt der Regisseur, »Schlussklappe!«
Der Geschichtenerzähler Baba Ali
Wüstenschiffe
TIPPS
Nicht weit von Aït-Ben-Haddou entfernt kann man die ehrwürdigen Atlas Film Studios besichtigen, wo Blockbuster wie Die Mumie, Gladiator oder James Bond 007 – Der Hauch des Todes gedreht wurden. Ton ab!
In der labyrinthischen Medina der Wüstenstadt Ouarzazate verbirgt sich »The Old Synagogue«. Sie zu finden, ist herausfordernd, sie zu besuchen, ist Pflicht. Eintauchen in eine längst versunkene Welt. Willkommen!
Am Beginn der »Straße der Kasbahs« in Richtung Dades-Tal und Todra-Schlucht befindet sich die weitläufige Oase von Skoura, in der die sehenswerte Kasbah Amridil liegt. Ein Zwischenstopp lohnt sich.
Lipica, Slowenien
Eine meiner Lieblingsreisen galt der Ortsgemeinschaft von Sežana im Wilden Westen Sloweniens. Hier liegt ein versprengtes Grüppchen von Häusern inmitten einer von Baumgruppen und Wiesen geprägten Landschaft: Lipica. So verschwindend klein der Ort ist, so groß ist seine Bedeutung für die Welt der Mähnen und Schweife, gilt er doch als Geburtsklinik und Kaderschmiede der wohl berühmtesten Pferderasse der Welt, der Lipizzaner. Mehr als dreihundert erwachsene Weiße und minderjährige Schwarze tollen hier über fettgrasige Weiden. Gottgewollt!
Das allererste Exemplar equidaeischer Evolution hatte die Größe eines Baseballs und kam zu Fuß von Amerika herüberspaziert. Vor fünfzig Millionen Jahren war dies noch möglich. Es handelte sich um ein frühes Exemplar der Spezies Eohippus vulgo »Pferdchen der Morgenröte«. Fünfundvierzig Millionen Jahre später, so schnell kann’s gehen, wurde das Kerlchen in Pliohippus umbenannt, aus dem unscheinbaren Etwas entwickelte sich ein schmucker Einhufer. Wieder vergingen einige Millionen Jahre, die Landschollen waren längst auseinandergedriftet, da reckte ein gestreifter Equidae, inzwischen stramme eineinhalb Meter hoch, seine Nüstern zwischen afrikanischen Savannenbüscheln hervor – der Urururopa des heutigen Zebras. Die nächste Evolutionsstufe gebar nubische Wildesel, gefolgt von der heutigen Gattung Pferd.
In der evolutionären Entwicklung hat es viele physische und psychische Eigenschaften erworben, die der Mensch zu seinem Vorteil nutzte und von denen einige durch künstliche Selektion in die gewünschte Richtung hin weiterentwickelt wurden. Das Weltwunder der Spezies Lipizzaner überlebte bis heute. Ross und Reiter verschmolzen im Laufe der Jahrhunderte zu einem einzigartigen Team.
Und wenn wir schon dabei sind: Auch Schotti und Schimmel geben an dieser Stelle ihre Verlobung bekannt. Das Glück dieser Erde liegt für den pferdenärrischen Reiseautor nicht nur auf dem Rücken der herrlichen Tiere, sondern auch in der ABC-Pauke Lipica, im Berufskolleg Piber sowie in der Eliteuni in Sachen Horsologie, der imperialen Hofreitschule in Wien. Dem Pferdeconnaisseur bedeutet der Besuch der drei Kultorte ebenso viel wie dem Muslim eine Pilgerreise nach Mekka, dem Juden nach Jerusalem, dem Christen nach Mariazell. Pferd hat immer Saison!
Lipizzaner kommen dunkel zur Welt
Pferdeflüstern
TIPPS
Sloweniens Höhle von Postojna erobert man zu Fuß oder mit der unterirdischen Eisenbahn. Der Besuch hält viele Überraschungen bereit: die weißen Stalagmiten, die prunkvoll dekorierten Tropfsteinhöhlen oder die urzeitlichen, beinahe durchsichtigen Grottenolme. Fröstelndes Staunen tief unterhalb der Bergwelt.
Die Burg Bled gilt als die älteste Burg des Landes. Sie steht auf einem riesigen Felsen und überblickt den zu ihren Füßen gelegenen prächtigen Bleder See. Mitten im See liegt die Bleder Insel mit einer hübschen Marienkirche. Natur pur.
Vor den Toren der quirligen Hauptstadt unternimmt man einen Ausflug ins Moor von Ljubljana. Eine Rundfahrt über endlos weite Rad- und Spazierwege, vorbei an einem UNESCO-Weltkulturerbe: Inmitten von blühenden Wiesen und romantischen Feuchtraumgebieten stehen in der Nähe des Örtchens Ig Überreste prähistorischer Pfahlbauten.
York, Grossbritannien
Rund um York führt hoch droben auf der mittelalterlichen Stadtmauer ein nur an wenigen Stellen unterbrochener Weg. Angeblich ist es bis heute nicht nur gestattet, sondern durchaus erwünscht, einen Schotten mit Pfeil und Bogen zu erlegen, so man ihn nach Sonnenuntergang innerhalb dieser Mauer antrifft. Sicherheitshalber buche ich den Zug für die Rückfahrt um, für kurz vor fünf – ich will York noch bei Tageslicht verlassen. Irgendwie sind sie schon eigen, die Briten.
Ich überquere den Fluss Ouse, der durch die Universitätsstadt fließt, steige eine schmale Steintreppe aufwärts und beginne den Mauerrundgang. Nach wenigen Schritten schon zeigt sich das prächtige Münster, im Klostergarten blühen die Magnolien, und ich stapfe – geradewegs in den Knast. Genauer gesagt ins Verlies Richards III., das in einem der Stadttore untergebracht ist. Vor mir liegt seine Zelle. Der Eingang ist niedrig, ich muss den Kopf beugen. Dabei gleitet meine Lesebrille zu Boden, ein Glas zerbricht. Durch das andere, das heile, habe ich freie Sicht in eine Mauernische, in der die Leibschüssel des Monarchen eingelassen ist. Hier, im Angesicht des allzeit Menschlichen, fühle ich mich, der Einäugige, seiner Königlichen Hoheit, dem Buckligen, nahe. Seiner späten Rache allerdings hätte es gar nicht bedurft.
»Nun ward der Winter unseres Missvergnügens …« Kurz nachdem ich den Monolog des dritten Richard aufzusagen begonnen hatte, winkte die Prüfungskommission ab. Das Vorsprechen im Wiener Reinhardt Seminar endete schon nach wenigen Worten, meine Karriere im ehrwürdigen Institut ebenfalls.
Außerhalb des Aborts stoße ich auf das Skelett des Tyrannen. So viel ich weiß, hat man das Original 2012 bei Bauarbeiten in Leicester gefunden und es in der dortigen Kathedrale beigesetzt. Ist dies hier seine Zweitbesetzung? In der größten gotischen Kirche des Königreichs, dem Münster von York, suche ich Vergebung für die Blasphemie, mich in jungen Jahren an Shakespeares Versen versucht zu haben. Unzählige Mosaikfenster dominieren den Innenraum der riesigen Kathedrale. Eines der Fenster hat die Ausmaße eines Tennisplatzes. Die Erhaltung all dessen kostet Geld. Am Ticketschalter geht die Kirchengemeinde dem Gläubigen ans Eingemachte. Engländer haben eine Schwäche für Queuing, mit Begeisterung stehen sie in Gänsereihen in der Gegend herum. Sogar in Kirchen.
»Are you senior, Sir?«
»Why?«, frage ich.
Ein Volunteer im Greisenalter reicht mir ein Ticket. »The ticket is valid for twelve months, could be enough for you.«
Die Engländer sind bis an die dritten Zähne bewaffnet mit Humor.
In einem Restaurant, das als letztklassig empfohlen wird, studiere ich die Speisekarte und traue meinen Augen nicht: Das obligate Roastbeef gibt es in zwei Versionen – einmal links der Erbsen, einmal rechts. Es ist kurz vor fünf. Bevor noch der Kellner den Bogen spannt und auf mich anlegt, verlasse ich das Lokal.
George Orwell hat es auf den Punkt gebracht: »Man sagt gemeinhin, dass England die schrulligste Nation der Welt ist, dazu kommt noch die miserable Qualität der Küche.« Nicht einmal beim Tee versteht man hier Spaß. Jahrhundertelang schieden sich die Geister bei der Frage, ob zuerst der Tee in die Tasse kommt oder die Milch. Nicht der einzige Religionskrieg in der Geschichte des Landes. 2003 setzte die »Royal Society of Chemistry« der Auseinandersetzung ein Ende. Eine wissenschaftliche Studie legte die protokollarische Abfolge ein für alle Mal fest. Weiß vor Schwarz, Milch vor Tee! Im Grunde sind sie nicht nur ein bisschen eigen, die Briten. Sie sind ganz schön crazy.
TIPPS
Im Gassengeflecht der Shambles, einer historischen Straße in York, kann einem der ewige Niesel nichts anhaben, die Dächer der Fachwerkhäuschen der Innenstadt kuscheln sich so eng aneinander, dass man bei jeglichem Wetter trocknen Fußes unterwegs ist. An den Fassaden der brustschwachen Häuschen hängen heute noch eiserne Haken. Früher waren hier die Schlächter zu Hause. Verkauft wurde vor den Türen, bezahlt hat man nach der Länge des Fleischstücks.
Mitten in York befindet sich ein mit Narzissen bewachsener Hügel, auf dem ein mittelalterlicher Steinturm steht, der Clifford’s Tower. Es würde nicht wundern, wenn Richard Harris im Kettenhemd erschiene, während hinter seinem Rücken Vanessa Redgrave ihrem Lancelot (Franco Nero) eine flüchtige Kusshand zuschickt: Das Set für den Kultfilm Camelot, den oscargekrönten Streifen von Joshua Logan, wäre nirgendwo passender verortet als hier. Der Turm gehörte einst zum York Castle, er ist dessen einziges noch verbliebenes Relikt.
Die Stadt York ist bis zum Rand gefüllt mit Skurrilität. Eine davon ist das York Castle Museum, eines der informativsten, vielleicht sogar das hübscheste, sicher das seltsamste der Stadt. Es erzählt die Geschichte Englands von 1066 bis heute. Besucher tragen historische Kostüme und nehmen an Kriegsszenen teil. In einem anderen Teil des wunderlichen Hauses spaziert man durch Säle, in denen Straßenzüge Yorks nachgebildet sind, inklusive eingerichteter Geschäfte, Kneipen, Pferdestallungen und malerischer Hinterhöfe. Man spaziert durch eine längst vergangene Welt. Witzig und schön.
Neapel, Italien
Ohne Chaos kein Leben. Seit Jahrhunderten bringen Philosophen die beiden Begriffe in Kongruenz, vielleicht auch nur um die Unzulänglichkeit menschlichen Strebens zu relativieren. Die Begriffsverwandtschaft ist in Neapel mehr als offensichtlich. Kaum dass der Reisende seine ersten Schritte in die vor Lust und Leidenschaft vibrierende Stadt setzt, die seit jeher als Synonym südländischer Lebensfreude gilt, nimmt sie ihn gefangen. Glauben und Aberglauben pochen in ihren Adern. Der Puls des Südens. Häuser schmiegen sich indiskret aneinander, aus den brüchigen Fassaden quillt Unrat, Wäschestücke hängen quer über den Gassen, und die blau-weißen Wimpel des ortsansässigen Fußballklubs schaukeln im Wind. Wenn gegen Abend rotgoldene Sonnenstrahlen die Uferpromenade in ein brodelndes Meer an Flaneuren verwandeln, gleicht das einem über die Abhänge des nahe gelegenen Vesuvs sich ergießenden Lavastrom. Zwischen Via Toledo, Via Chiaia und der Spaccanapoli, einem der historischen Straßenzüge Neapels, die wie Lebenslinien die Innenstadt queren, kocht das Leben hoch. Pizza und Spaghetti, Kinder und Großmütter, Vespafahrer und Blüten der Nacht. Gehsteige verwandeln sich in Lustgärten, Kellner laufen tellerjonglierend von drinnen nach draußen, Verliebte nagen einander in Hauseingängen ab, Touristen bilden endlose Schlangen vor Gelati-Buden, alte Männer schleppen säckeweise Muscheln, Gamberetti und anderes Meeresgetier von den Fischständen mit nach Hause, und die (immer noch) Marlboro rauchenden Väter plündern die Losstände, bevor sie sich den Verlust beim Glücksspiel in der nächsten Bar schönsaufen. Im ehrwürdigen Dom indes tut sich dreimal pro Jahr Wunderliches: Dann nämlich wird das Blut des Stadtheiligen Gennaro, das in einer silbernen Ampulle im Allerheiligsten der Kirche verwahrt wird, hervorgeholt und zum Hochaltar getragen. Der Kardinal hält das Behältnis hoch, und vor den Augen der Gläubigen verflüssigt sich das gestockte Blut des Märtyrers. Wenn das geschieht, läuten die Glocken der Stadt, sind doch die Neapolitaner wieder einmal davongekommen: kein Vulkanausbruch, kein Erdbeben – das Weiterleben muss gefeiert werden. Heute gibt es allen Grund dazu!
Napoli para siempre! Wer auf das Leben trinken will, dem Tod ein Schnippchen schlagen möchte und das Glück lauthals begrüßen muss, sollte hierherreisen. Und wenn auch nur für ein paar Tage. Die aber, versprochen, haben es in sich!
Pulcinella
Piazza Plebiscito
TIPPS
Wer ein einzigartiges Kunstwerk innerhalb einer betörend schönen Museumskapelle erleben will, muss zur Cappella Sansevero. In der Mitte des Raums ist ein Kunstwerk Giuseppe Sanmartinos aufgebaut: Der verhüllte Jesus. Staunen und wundern!
Piazza del Plebiscito. Früher war’s ein Parkplatz, in den 1990er-Jahren besann man sich eines Besseren und schuf ganz in der Nähe des Castel Nuovo einen der spektakulärsten Plätze der Welt. Er hält ein geheimnisvolles Spiel bereit: Man verbinde sich die Augen und versuche, von der Mitte des Platzes aus in gerader Linie zwischen den beiden Reiterstatuen hindurch auf den monumentalen Säulengang der »Basilika San Francesco di Paola« zuzugehen. Es klappt garantiert nicht, endet man doch, wo man nicht hinwollte – auf der gegenüberliegenden Seite, vor dem Palazzo Reale, dem Königlichen Schloss.
Neapel ist ein einziges Kunstwerk. Das beginnt und endet in der U-Bahn. Von achtzehn U-Bahn-Stationen sind elf veritable Museen. Aussteigen, bewundern, weiterfahren. Um den Preis eines U-Bahn-Tickets kann man einen Tag lang in den Stationen mehr als zweihundert Arbeiten zeitgenössischer Künstler erleben.
Nólsoy, Färöer
