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Noch ein Buch über Israel -muss das denn sein? Wo es doch unendlich viele Reiseführer, Bildbände, Erlebnisberichte und politische Analysen gibt. Aber wer weiß noch, wie dieser Staat in seinen Anfangsjahren war, voller Hoffnung und Erwartung? Dies ist die nostalgische Erinnerung an diese Zeit. Die Generation des Autors war die erste aus Deutschland, die damals unbefangen, aber durchaus im Bewusstsein einer kollektiven Mitverantwortung für geschehene Verbrechen, in das ferne unbekannte Israel fuhr und überwältigt wurde von der Herzlichkeit und dem schmerzhaft intensiven Interesse seiner Bewohner an allem, was eine neue, unbelastete Jugend aus Deutschland berichten konnte. Wenn heute aus dieser Generation Kritik geübt wird an der derzeitigen Politik der israelischen Regierung, so ist das nicht etwa "Antisemitismus", sondern Ausdruck einer tiefen Sorge, dass das Land, in das man sich damals verliebt hat, seine Zukunft verspielen könnte. Wenn auch der Traum des kürzlich verstorbenen Uri Avnery von einem friedlichen Nebeneinander zweier Staaten, eines israelischen (nicht nur jüdischen) und eines palästinensischen, geeint durch gemeinsame wirtschaftliche, geopolitische und ökologische Interessen, in immer weitere Ferne rückt und nur noch durch ein Wunder verwirklicht werden könnte, so hat doch auch einst schon der Staatsgründer und Ministerpräsident David Ben Gurion gesagt: "Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist!"
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Seitenzahl: 71
Veröffentlichungsjahr: 2018
Thomas Lennert
I S R A E L1960
Tagebuch einer Reise
mit zwanzig farbigen Zeichnungen des Autors
© 2018 Thomas Lennert
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7469-8377-6
Hardcover:
978-3-7469-8378-3
e-Book:
978-3-7469-8379-0
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Widmung
Meiner Frau Dorothee gewidmet, mit der ich 27 Jahrespäter auf meinen Spuren durch Israel gezogen bin.
Inhalt
Ein notwendiges Vorwort
Griechisches Vorspiel
In Athen
B Erez Israel
In und um Tel Aviv
Jerusalem – das erste Mal
Wieder in Tel Aviv
In Jaffa
Besuch in Schaar Hefer bei „Alten Arndtern“
Wieder in Jerusalem
Über Haifa nach Neot Mordechai
Im Kibbuz Neot Mordechai
In Safed, der Stadt der Künstler und Mystiker
Zum Berg der Bergpredigt am Kineret
Kapernaum und Tiberias
Im Kibbuz Ein Gev und Merchavia
Nazareth
Jom Kippur auf dem Carmel
Akko
Kibbuz Gal’ed
Kibbuz Nir Eliahu
Mit Ben Gurion im Kibbuz Sde Boker
Zum letzten Mal in Jerusalem
Ashkalon und Beersheva
Fahrt zum Toten Meer und nach Sodom
In Eilat
Wieder in Tel Aviv
Wieder in Athen
Fahrt zum Kap Sunion
Abschied von Athen
Ein notwendiges Vorwort
Dies ist kein üblicher Reisebericht. Es ist das Protokoll einer dreimonatigen Expedition in ein mir unbekanntes Land im Jahre 1960. Gleichzeitig beschreibt es die Verwirklichung eines Traumes, den ich schon lange geträumt hatte. Der Staat Israel war damals zwölf Jahre alt, der Schreiber zwanzig, beide also noch in der Blüte ihrer Jugend mit ihren Träumen und Hoffnungen auf die Zukunft. Israel war damals ein fröhlicher und optimistischer Staat, der auf seine Erfolge in der Fruchtbarmachung der Wüste stolz war, seine arabischen Bewohner allerdings unter strenger Militärverwaltung hielt. Ein Staat, in dem die europäischen Juden, die schon zu Beginn des Jahrhunderts eingewandert waren oder als Überlebende des Holocaust gekommen waren, die politische Führungsschicht bildeten. Auf die orientalischen Juden schaute man etwas geringschätzig herab, allerdings waren etwa das Kunsthandwerk der Jemeniten und ihre Tanzkunst recht beliebt. Der Glaube an die Ideen des Zionismus war verbreitet, die orthodoxe Religiosität war auf eine Minderheit beschränkt. Rechte nationalistische Parteien wie die Cherut hatten politisch wenig Einfluss, die Sozialdemokraten der Mapai bildeten die Mehrheit und stellten den Ministerpräsidenten. Es bestand eine dreijährige Wehrpflicht für Männer. zwei Jahre für Frauen, allerdings nicht für muslimische und christliche Araber. Das Militär unterstand einer zivilen Kontrolle. Man traf viele Soldaten in Uniform auf der Straße beim Trampen, ihr Auftreten war eher locker und gelassen, ohne militaristische Züge. Die Kibbuzbewegung versuchte, eine sozialistische Lebensform in einer überwiegend kapitalistischen Umgebung aufrecht zu erhalten, einschließlich neuer Formen der kollektiven Erziehung.
Dieses Israel gibt es nicht mehr. Nach mehreren Kriegen hält es seit über 40 Jahren die Westbank besetzt, was nicht nur für die Palästinenser unerträglich ist, sondern sich auch sehr negativ auf das Leben der Israelis ausgewirkt hat. Auf der anderen Seite haben die zweite Intifada mit ihren schrecklichen Selbstmordattentaten und die ständigen Raketenangriffe durch Hamas und Hisbollah eine diffuse Angst in Israel wachsen lassen. Darauf bauen ultrarechte Kräfte, die von einem Groß-Israel bis zum Jordan träumen und dieses durch die völkerrechtswidrigen Siedlungen zu erreichen versuchen. In der Auseinandersetzung mit den Palästinensern kommt es zu rassistischen Ausfällen, ja sogar zu Rufen nach ethnischer Säuberung. Die oft beschworene „einzige Demokratie im Nahen Osten“ ist in großer Gefahr durch Aufweichung der Gewaltenteilung, politische Einflussnahme auf die Justiz und Einschränkung der Religionsfreiheit. Die Kibbuzbewegung ist so gut wie tot. Die Spanne zwischen arm und reich, die traditionell eng war, ist erheblich weiter geworden, was zu sozialen Unruhen geführt hat.
Dabei ist Israel heute ein blühender moderner Staat, die Wirtschaft boomt, die Wissenschaft ist weltberühmt, das Militär soll das schlagkräftigste in der ganzen Region sein. Der Tourismus ist ungebrochen, die Welt der Palästinenser wird dabei allerdings oft ausgeblendet. Tel Aviv erinnert mit seinen Hochhäusern und Schnellstraßen an Los Angeles, das herrliche Jerusalem wird durch eine Straßenbahn verschandelt, die in erster Linie dem ungehinderten Verkehr der illegalen Siedler Ost-Jerusalems in die Innenstadt dient. Die Linke im Lande ist politisch tot, über die Gründe wird vielerorts diskutiert. Als Schriftsteller und Filmemacher üben sie aber weiterhin heftige Kritik an den derzeitigen Zuständen des Landes. Sie werden gerne als „Nestbeschmutzer“, wenn nicht sogar, ebenso wie viele Kritiker im Ausland, als „Antisemiten“ beschimpft. Um die politische Vorherrschaft ringen jetzt überwiegend russische und amerikanische Einwanderer. Die orientalischen Juden sind, das muss als positiv angemerkt werden, weitgehend integriert und bilden inzwischen die Mehrheit.
Diese Bilanz ist bitter. Sie beruht auf insgesamt sechs Reisen nach Israel, zuletzt 2012, mit vielen Gesprächen mit israelischen und arabischen Politikern und Intellektuellen.. Viele, die wie ich schon in den 60er Jahren dieses Land lieben gelernt hatten, machen sich große Sorgen um das weitere Schicksal dieses mutigen und kühnen Staatsexperiments. Man mag uns als romantische Nostalgiker bezeichnen, und, wie der israelische Politiker Avraham Burg, Sohn des aus Dresden stammenden ehemaligen Innen- und Religionsministers Joseph Burg, kürzlich in Berlin erklärte, als er vor der Verklärung der ersten Jahre Israels warnte: „Nostalgia, too, is no more, what it used to be!“
Sei’s drum! Vielleicht war es ja nur ein flüchtiger Traum. Aber ich werde ihn immer im Gedächtnis behalten als etwas Wunderbares.
Thomas Lennert
Berlin, Mai 2015
Griechisches Vorspiel
29. 7. 1960
Berge, noch frisch und grün, oder leuchtend vor Schnee, starke Adern die Täler, und dazwischen lange, kühle Tunnel, in die sich weich und schnell der Zug drängt.
30. 7.
Berge, jetzt kahl und trocken, vom Wind rund gerieben oder von Schnee und Wasser zerbrochen. Wenige Büsche verteilt auf den Hängen, hier und dort Ziegen oder Esel, auch Ochsen vor den Gespannen ärmlich brauner Menschen. Dazwischen Ruß und Asche, verstaubte Fabriken, nachts Bahnhöfe ohne Licht mit Rufen und Pfiffen, die unseren mühsamen Schlaf zerreißen.
„Just a moment, Sir!“ brüllt George1 jedesmal auf den Bahnsteig. „Do you speak English?“ They didn’t.
31. 7.
Berge, schließlich wild und übermenschlich kahl. Da sind Hänge, leuchtend von reinen, sandigen Felsen ohne Grün im Dunst eines blassblauen Himmels. Oder kniehohe Büsche, wie Moos über die Kuppen verteilt. Dann ein endlos weiter Blick über die Ebene von Thessalien, aus der hier und dort wie Blasen die Berge aufsteigen. Später finden sie zusammen und bilden Gebirgsstöcke, blassblau in der Ferne oder hart, kantig, braun und zerrissen in der Nähe. Wieder unzählige Tunnel. Der Zug schleicht nur noch, wie zufällig hier und dort ein Haltepunkt, der auf ein paar Hütten, Esel und Menschen in der Nähe schließen lässt. Alles strömt aus dem Zug zum Brunnen. Wenn sie getrunken haben, treibt der Schaffner die Widerstrebenden in den Zug, dem nächsten Brunnen zu. Merkwürdig viele Befestigungen, besonders an Brücken, befremdend in dieser so menschenleeren Gegend.
Was muss das für ein Volk sein, von dem ein Fünftel in der Hauptstadt wohnt, der Rest verteilt über endlose Täler und Bergketten, auf Eseln allen Verkehr bewältigend! Es sind Griechen im Zug. Von ihnen geht es wohl aus, dieses fiebrige Gespanntsein auf das Nahen der Stadt. Sind doch die Berge gleich kahl geblieben, das Meer lässt sich vielleicht ahnen irgendwo hinter dem Dunst. Sonst nur hier und da schäbige Bahnhöfe, die große Namen tragen: THEBAI, DELPHI oder LARISSA. Und dann ist sie plötzlich da, die Stadt. Alles hängt aus den Fenstern. Olivenhaine, Palmen, weiße Häuser, Staub, sich immer mehr verdichtend, Menschen, Autos, Pferde, Lärm. Wieder Boden unter den Füßen und die Geborgenheit im pulsierenden Leben fröhlicher Menschen.
In Athen
Es war eine Laune, die uns abends noch zur Akropolis trieb. Es sei Festival of Athens, so hörte man. Für zehn Drachmen bekamen wir Karten, dazu die Mitteilung, es handele sich um eine Tragödie von Euripides: OI PHOINISSOI.
Ein großes antikes Amphitheater, unten ein wenig erneuert, hinter der Bühne begrenzt durch die Ruinen eines doppelreihigen Bogenganges, durch dessen große Öffnungen die Lichter und der Straßenlärm von Athen hereindrangen. Dicht gedrängt das Publikum, laut, leendig, rauchend, diskutierend, ab und zu applaudierend, wenn die Honoratioren ihren Logen zustrebten.
