Unter Iren - Thomas Lennert - E-Book

Unter Iren E-Book

Thomas Lennert

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Beschreibung

Die Gründe, warum ich mir die kleine irische Universität Galway für ein Auslandssemester Medizin 1963 aussuchte, waren durchaus zweifelhaft. Irische Freunde behaupteten, es hätte etwas mit einem steckengebliebenen Aufzug in Dublin zu tun gehabt. Es könnte aber auch daran gelegen haben, dass dem Präsidenten des University College Galway der National University of Ireland in den Semesterferien keine Schreibkräfte zur Verfügung standen. Wie auch immer, es wurde ein voller Erfolg. Nicht nur lernte ich die traumhaft schöne irische Westküste kennen, ich fand auch heraus, dass irische Hühner besser bekocht werden als irische Menschen. Dafür genoss ich reichlich das irische Bier. Und Theater, Literatur und 'ballad singers' in O'Donoghue's Kneipe in Dublin, wo die 'Dubliners' gerade ihren Anfang nahmen. Ich habe gelernt, dass die bösen schwarzen englischen Ratten niemals ihren Fuß auf heiligen irischen Boden setzen durften und dass die irische Marine die einzige Marine der Welt ist, in der die Matrosen zum Mittagessen mit dem Fahrrad nach Hause fahren dürfen.- Ich erlebte die tiefe Trauer, die über dem Land lag als der geliebte Sohn von Mutter Irland, John F. Kennedy, ermordet wurde. Ein knappes halbes Jahr vorher hatte er noch auf dem Marktplatz von Galway eine berühmte Rede gehalten. Medizin habe ich übrigens auch gelernt, vor allem die Leiden von alten Fischersfrauen von den Aran-Inseln, die man immer nur mittwochs und samstags aus dem Krankenhaus entlassen durfte, weil an anderen Tagen der Dampfer nicht fuhr. Habe ich überhaupt schon die irischen Mädchen erwähnt?... Kurz, es war mein schönstes Studiensemester!

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Seitenzahl: 89

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Thomas Lennert

Unter Iren

mein irisches Tagebuch 1963/64

- mit elf Zeichnungen des Autors -

In memory of Margaret ‘Maggie‘ McMahon, Bill Sweeny and Bill Choo-Foo as well as Denise, Doc, Eilish, Angela and Patricia.

© 2019 Thomas Lennert

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

978-3-7497-3662-1 (Hardcover)

978-3-7497-3663-8 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Irland 1963/64: Land und Leute

Der ‘Böll-Effekt‘

Irland: Land der Widersprüche

Irische Kultur

Irische Politik

‘Brilliant failures‘

Geschichtlicher Rückblick

Das Verhältnis Irland – England

Studentisches Leben

Galway: mein Tagebuch

Nachtrag in Briefen

Zum Schluss ein Fest

Vorwort

Anfang 1963 beschloss ich auf Anregung des Auslandsreferenten meiner Stipendienorganisation, der ’Studienstiftung des deutschen Volkes‘, Herrn Dr. Hartmut Rahn, ein Semester meines Medizinstudiums im Ausland zu verbringen. Aus sprachlichen Gründen kam nur eine angelsächsische Universität infrage. Für USA, Oxford oder Cambridge waren immer ein ganzes Jahr erforderlich, also blieben nur kleinere Universitäten in England oder Irland. Eine Mediziner-Kommission aus USA evaluiert regelmäßig englische und irische Universitäten daraufhin, ob sie für amerikanische Studenten geeignet und gleichwertig sind. Der aktuelle Bericht dieser Kommission lag mir vor. Sie empfahl erstaunlicherweise für Medizin besonders die kleine Universität Galway der National University of Ireland. Insider haben später behauptet, die Kommission sei in Dublin im Aufzug stecken geblieben, was einen schlechten Eindruck hinterließ, während sie in Galway gleich nach Beendigung des Dienstgeschäftes golfen, fischen und reiten konnten, was ihnen sehr gefiel. Ich entschied mich also für Galway. Meine deutschen Professoren, die damals allerdings noch überwiegend nur ein schlechtes Schul-Englisch beherrschten, warnten mich vor der Verschulung an angelsächsischen Universitäten gegenüber der weltberühmten akademischen Freiheit in Deutschland, aber ich ließ mich nicht abschrecken und bewarb mich für das Wintersemester 1963/64 beim Präsidenten des University College Galway (UCG). Das war im April. Ich erhielt keine Antwort. Die Studienstiftung drängte auf eine Entscheidung, also bewarb ich mich erneut im Juni. Im Juli erhielt ich einen überraschenden Brief von der Deutschen Botschaft in Dublin. Darin teilte mir der Kulturreferent, Herr Dr. Beckers, sehr freundlich mit, der Präsident der Universität Galway, Herr Prof. Dr. Newell, habe ihn gebeten, mir auf meine Schreiben zu antworten, da ihm selbst „während der Semesterferien keine Schreibkräfte zur Verfügung ständen“. (In der Studentenvertretung der FU Berlin, der ich zeitweilig angehörte, gab es während der Semesterferien allein drei hauptamtliche Schreibkräfte!). Aber natürlich könne ich gerne kommen und man sagte mir jede Hilfe zu. Ich muss sagen, das gefiel mir. Es klang nach sehr überschaubaren Verhältnissen und die suchte ich ja. Also machte ich mich im September auf in mein irisches Abenteuer.

Der nachfolgende Text besteht aus Teilen eines Berichtes, den ich danach an die Studienstiftung schickte. Er enthält nur wenige Details zum Medizinstudium, die ich in einem zweiten Bericht formuliert und an anderer Stellet publiziert habe1 Ergänzt wird der Bericht durch Tagebucheintragungen, die allerdings Ende Januar 1964 abbrachen, und Auszügen aus Briefen, die ich aus Irland an die Familie schickte.

Thomas Lennert, Berlin, Oktober 2019

Abb. 1 Brief der Botschaft

1 Th. Lennert: Möglichkeiten eines Medizinstudiums in Irland. Der Medizinstudent 1, 5-12, 1965

Irland 1963/64: Land und Leute

Der “Böll-Effekt“

Es ist merkwürdig, da liest man Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“, ist begeistert, fahrt nach Irland, ist nach drei Tagen enttäuscht, weil man die ‘Einzelsäuferkojen‘ nicht findet, nach drei Wochen lächelt man über das Buch und sagt sich, er war halt doch nur als Tourist in Irland, nach drei Monaten hat man Böll vergessen. Nach weiteren drei Monaten kommt man zurück nach Deutschland, nach Berlin, mit Mauer, Passierscheindiskussionen, Vietnam-Krise…, greift nach einiger Zeit noch einmal zu Böll und ist fast versucht, ihn doch ganz passabel zu finden und eigentlich auch „typisch irisch“. Fast, denn nach einigem Nachdenken und Erinnern weiß man natürlich wieder, dass er es nicht ist. Aber dieser Zwiespalt, dieser Widerspruch, in den man beinahe geraten wäre, er ist so bezeichnend für das Irland-Verständnis, wie es außerhalb des Landes existiert, und er gibt auch schon einen Hinweis auf die ganze Tragik des irischen Selbstverständnisses. – Übrigens, nichts gegen Böll, sein Buch ist liebenswert und will gar nicht mehr sein als subjektive Impression. Dafür, dass sein Buch in Deutschland mangels brauchbarer anderer Irland-Literatur fast zur Bibel aller potentiellen Irlandfahrer geworden ist, kann man Böll schließlich nicht verantwortlich machen.

Irland: Land der Widersprüche

Irland ist eines der widersprüchlichsten Länder Europas und für den, der es beschreiben soll, wahrscheinlich das unbequemste. Es wäre leicht, Irland als ein von der katholischen Kirche unterjochtes Land darzustellen. Schwerer ist es zu erklären, warum das irische Volk jahrhundertelang freiwillig Entbehrungen und Verfolgung um seines Glaubens willen auf sich nahm. Noch schwerer wird es, wenn man erfahrt, dass einfache Geistliche an der Seite der irischen Freiheitskämpfer kämpften, während der Papst gute Katholiken wegen ihrer Mitgliedschaft in der IRA, der irischen Untergrundbewegung, exkommunizierte. Oder wenn man heute hört, dass ‘parish priests‘, Dorfpfarrer, in entlegenen ländlichen Gegenden die Entstehimg landwirtschaftlicher Kooperativen in die Wege leiten, während die Regierung einen Gesetzentwurf zur obligatorischen kostenlosen Schwangerenbetreuimg unter dem Druck der Kirche fallen lässt, weil er nach katholischer Auffassung in die Rechte der Familie eingreift. Der kürzlich verstorbene irische Autor Brendan Behan, einer der freiesten und humansten Geister, die das moderne Irland hervorgebracht hat, sagte einmal zu Amerikanern: „Ireland is the only country, where left wing politics and the Catholic religion are inextricably mixed. It may confuse you. Don’t worry, it confuses us a lot more.“

Es ist ebenfalls einfach, in Irland einen unterentwickelten Agrarstaat zu sehen, in dem die Menschen noch Zeit haben und ‘arm, aber glücklich‘ sind. Man wird aber unsicher in seinem Urteil, wenn man hört, welche ungeheuren und vielfach auch erfolgreichen Anstrengungen die Regierung unternimmt, um das Land zu modernisieren und zu industrialisieren, wobei zu bedenken ist, dass trotz einer schon fast 50jährigen Unabhängigkeit Irland aufgrund historischer und politischer Gegebenheiten erst seit etwa zehn Jahren die Chance bekam, sich aufwärts zu entwickeln. Erst seit rund fünf Jahren ist die Emigration so weit zurück gegangen, dass sie heute mit der natürlichen Bevölkerungszunahme Schritt hält. Wie weit diese Emigration ging, erhellen ein paar Zahlen: Vor der großen Hungersnot im Jahre 1845, die den Beginn einer großen Auswanderungswelle bedeutete, die, wie gesagt, erst heute langsam zum Stehen kommt, hatte Irland acht Millionen Einwohner. Während der Hungersnot starben etwa eine Million Menschen, eine weitere Million wanderte aus. Heute hat Irland (einschl. Nordirland) vier Millionen Einwohner, und das bei dem sprichwörtlichen Kinderreichtum irisch-katholischer Familien. Wie vielschichtig das Problem ist, zeigt einmal die historische Tatsache, dass die Hungersnot nicht etwa nur eine Naturkatastrophe war. Zwar fiel fast die gesamte Kartoffelernte aus, das reichlich vorhandene Getreide und Fleisch aber musste, wie schon vorher, zum größten Teil an die englischen Grundbesitzer abgeliefert werden, die vielfach als sogenannte „absentees“ in England lebten. Erst als die Not katastrophale Formen angenommen hatte, erklärte sich England bereit, ein paar Ladungen amerikanischen Mais zur Verfügung zu stellen. – Andererseits ist heute das Problem der Auswanderung nicht mehr ein rein wirtschaftliches. Die jahrhundertalte Tradition lässt vielen Iren auch heute noch die Emigration als selbstverständlich erscheinen, obwohl sie es nicht mehr nötig hätten. Dabei nehmen sie im Ausland oft Arbeiten an, die sie in der Heimat verächtlich von sich gewiesen hätten. Das typische Beispiel ist der Ire, der nach Amerika geht, weil er dort Verwandte hat, als ungelernter Arbeiter schwer schuften muss, zwei Jahre spart, um eimnal wieder die Heimat besuchen zu können, dort aber dann herumfahrt wie ein junger Gott und mit geringschätzigem Lächeln Bemerkungen über die Rückständigkeit Irlands fallen lässt. Damit aber wird er Vielen wiederum den Anstoß zur Auswanderung geben. Und wenn dann einer dieser jungen Götter Kennedy heißt und sogar Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist, dann wird darin nur der Beweis für die Richtigkeit jener geringschätzigen Bemerkungen gesehen, und man träumt weiter vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Irische Kultur

Es gibt noch andere Aspekte eines weit verbreiteten vereinfachten und damit verfälschenden Irlandbildes. Da glauben viele Menschen, aus der Tatsache, dass einige der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendsten Schriftsteller und Dichter Irlands, wie Joyce, Beckett, O’Casey, aber auch schon Oscar Wilde, das Land verließen und mit ihm zerfielen, schließen zu können, dass Irland ein Land sei, das den Geist unterdrücke, das reine Provinz sei und für seine Avantgarde keinen Platz habe. Diese Meinung wird noch unterstützt dadurch, dass viele dieser Emigranten die starke Bindung an ihre Heimat nur überwinden können, indem sie nach außen ihr Land schmähen oder lächerlich machen, wie etwa Joyce in dem satirischen Gedicht „Gas from a Bumer“ oder O’Casey, indem er bis heute die Aufführung seiner Stücke an professionellen Bühnen Irlands untersagt hat, nachdem einmal eines seiner Stücke zu einem Dubliner Festival auf Drängen der Kirche nicht zugelassen wurde. Von Oscar Wilde ist eine Bemerkung gegenüber W.B. Yeats bekannt: „We Irish are too poetic to be really great poets. We are a nation of brillant failures, but we are the greatest talkers since the Greeks.“ – ‘Brilliant failure‘ – großartiger Versager also, wer in den Annen von Mother Ireland aufwächst und von ihr genährt wird, bedeutend und anerkannt nur, wer ihr den Rücken kehrt. Eine Bemerkung, die aus der heutigen Sicht merkwürdig anmuten muss einem Manne gegenüber, der einmal der bedeutendste Poet Irlands werden sollte und der Weltruhm, symbolisiert durch den Nobel-Preis, erlangte, dabei aber den größten Teil seines Lebens, und sicher den schöpferischsten, in Irland verbrachte.

Aber auch Joyce, Beckett, O’Casey – was wären sie ohne Irland! Der ‘Ulysses‘ ist eine einzige Hymne an Dublin, der Schlussmonolog der Mrs. Bloom ist unverwechselbar irisch. Er klingt wie das Marktgeschwätz Dubliner Hausfrauen, in seiner Mischung aus Klatsch, Selbstironie gepaart mit Selbstmitleid und dem ‘Drang nach Höherem‘. Beckett fällt in seiner eigenen englischen Übersetzung des ursprünglich französisch geschriebenen ’Warten auf Godot‘, wie Alan Simpson in seinem Buch ’Beckett and Behan‘ (London, 1962) nachweist, vielleicht ohne es zu merken, wieder in ‘Dublinese‘ zurück, in Redewendungen, wie sie von einfachen Dublinem gerne benutzt werden, die sich sprachlich über ihr eigenes soziales Niveau erheben wollen, ohne dass es ihnen so recht gelingt. Möglicherweise beruht darauf der ungleich größere Erfolg des Stückes in Irland im Vergleich zu England. Wie eine Ironie des Schicksals muss es einem Vorkommen, dass das Stück in Dublin praktisch ungekürzt lief, während bei der Londoner Uraufführung auf Anordnung des Lord Chamberlain, des britischen Zensors, einige Passagen gestrichen oder gemildert werden mussten.