Ist ja tierisch - Claus Beese (Hrsg.) - E-Book

Ist ja tierisch E-Book

Claus Beese (Hrsg.)

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Beschreibung

26 tierisch unterhaltsame Kurzgeschichten und 14 Gedichte, erzählt von 15 Autoren am virtuellen Lagerfeuer im World Wide Web. Des Menschen bester Freund ist sein Haustier. Wobei nicht immer ganz klar ist, wer tatsächlich wen domestiziert. Mal ist es viechischer, als es seinem Besitzer lieb sein kann. Mal ist es aber auch so angepasst und treu, dass man es kaum von seinem Halter unterscheiden kann. Doch sie bescheren uns Geschichten am laufenden Band. Gefühlvolle, traurige, amüsante und herzerfrischende Erlebnisse. Ob mit Fell, mit Haaren oder Schuppen, mit Federn oder Schleim, sie bringen uns zum Staunen, Kopfschütteln oder treiben uns zur Verzweiflung; und manchmal beschämen sie uns auch. Ein Herr mit Katzenallergie möchte sein Eigentum nicht mit der Nachbarschaftskatze teilen und erlebt sein Waterloo. Wann brauchen Ponys eine Fress-bremse und wann nicht? Wie kam der Martinsfischer zu seinem Namen und ist Legehenne Hedwig wirklich reif für den Topf? Wieso rastet Ganter Gunter so aus und welch verheerende Wirkung hat ein Neuronensturm? Was geschieht, wenn morgens früh der Wecker kräht und die Hausperle sich mit dem Eckenschieter anlegt? Wer ist Amanda und welche Folgen hat es, wenn Urs Hügel macht? Warum betrinken sich Hans-Jürgen und Mister Humphrey sinnlos? Ist es wirklich eine Schweinerei, wenn der Hase irgendwo im Pfeffer liegt? - Geschichten, die uns vor Augen führen, dass auch Tiere nur Menschen sind

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Claus Beese (Hrsg.)

Ist ja tierisch

Tiergeschichten-Anthologie der Lagerfeuer-Autoren

Dieses eBook wurde erstellt bei

Dieses E-Book wurde erstellt für Claus Beese ([email protected])

am 21.11.2014 um 15:56 Uhr, IP: 95.33.110.107

Inhaltsverzeichnis

Titel

Zum Buch

Vorwort

Diese Katze

Die Fressbremse

Stefans freie Wildbahn

Jagdausflug

Der Martinsfischer

Das Fischlein

Dreimal schwarzer Kater

Hühnerhofgeschichten

Der seltsame Fang

Gunter, der Ganter

Goliath - Kleiner Kater Nimmersatt

Stefans Bauernhof

Frühlingsboten

Neuronensturm

Der Käfer und der Schmetterling

Der Eckenschieter

Das fängt ja gut an

Tierisch

Warum die Spinnen spinnen

Schwein gehabt

Frühjahrsputz mit Hund

Stefans Krabbelwelten

Wenn morgens früh der Wecker kräht

Mitzis Rache

Eine Hündin namens Stincker

Emma

Jakob

Stefans Hundeleben

Socke und ich

Amanda

Der kleine Gecko

Urs macht Hügel

Der Weberknecht

Stefans Vogelkunde

Katzenjammer

Mister Humphrey

Der Junggeselle

Schweinerei

Hasenpfeffer

Warum die Fische Schuppen haben

Nachwort

Die Lagerfeuer-Autoren:

Weitere Bücher der Lagerfeuer-Autoren:

Impressum

Impressum neobooks

Zum Buch

Dieses Buch ist als Printausgabe beim Mohland Verlag unter der

ISBN-Nummer 978-3-86675-220-7

Vorwort

von Klaus-Dieter Welker

Zwischen Tag und Dunkelheit - Flinke Finger huschten über die Saiten, zupften die Akkorde und begleiteten den hereinbrechenden Abend, während der Nebel sich über das kleine Tal legte und die Konturen der Bäume und Büsche verwischte.

Der Lärm der Städte und Dörfer lag hinter ihnen. Hier herrschte Stille, die nur von den nächtlichen Lauten des Waldes, dem verhaltenen Plätschern des Baches und hin und wieder dem Quaken eines Frosches unterbrochen wurde. Und natürlich den leisen Gesprächen am Lagerfeuer, welches auf der kleinen Lichtung entzündet worden war. In der Luft lag der herbe Geruch des frischen Rauches, der sich in der Luft kräuselte, vom Wind hinauf in den Himmel getragen wurde und sich dort mit den dunklen Wolken vermischte.

Es schien schon eine Ewigkeit her zu sein, seit sie sich zum letzten Mal gesehen, sich an einem wärmenden Feuer versammelt und die Nähe der anderen genossen hatten. Und doch war die Vertrautheit zu spüren, die Kameradschaft und die freundschaftliche Verbundenheit, auch wenn neue Gesichter die Runde belebten. Ihr Kreis war gewachsen, neue Freundschaften waren geschlossen worden. Sie hatten die Faszination des Feuers gespürt.

Es war aber nicht die Anziehungskraft des Feuers allein. Es war mehr, das sie dazu getrieben hatte, sich auf den Weg zu machen, hin zu diesem fernen Platz. Die Männer und Frauen, die Jungen und Alten, die sich auf den Stämmen und knorrigen Baumstümpfen, im weichen Moos oder auf mitgebrachten Matten rings um das Feuer niederließen, hatten eines gemeinsam: ihre Liebe zu den Geschichten und Märchen, seien sie nun wahr oder in ihrer Phantasie erschaffen.

Ein neues Scheit Fichtenholz wanderte in das Feuer um es zu nähren, und wie flüssiges Gold fiel ein Tropfen Harz von dem Kloben in die Flammen. Aus dem träumenden Schweigen des düsteren Waldes erscholl das Bellen eines Fuchses.

„Na, das hätte ich mir denken können“, grinste einer in die Runde. „Der Hühnerdieb gibt niemals Ruhe. Der hofft mal wieder auf eine gute Mahlzeit, die er stibitzen kann.“

„Dann braucht er wohl dringend eine Fressbremse“, ließ sich eine lachende Frauenstimme vernehmen.

„Oder borg dir mal „Gunter“ aus. Da überlegt es sich auch ein Fuchs lieber dreimal, ob er sich auf den Hof wagt“, stimmte Claus in das Lachen ein.

Fröhlich prosteten sie sich in der Dunkelheit zu. Aufgeschreckt durch das Klingen der Gläser flatterte ein kleiner Nachtfalter, der bisher selig auf einem nahen Ginsterstrauch vor sich hin geträumt hatte, um das Feuer. Eine hübsche junge Frau hielt sogleich ihre Hand über ihr Glas, in dem der Rotwein funkelte.

„Hans-Jürgen“, prustete sie vor sich hin. „Natürlich, wo Rotwein fließt, da ist mein kleiner, dem Alkohol verfallener Freund nicht weit.“

„Ein versoffener Nachtfalter? Das klingt nach einer guten Geschichte“, meldete sich ein weiterer zu Wort. „Komm, erzähl sie uns.“

Diese Katze

von Claus Beese

Manchmal passiert gar nichts und manchmal passieren viele Dinge zur selben Zeit. Warum das so ist, mag mancher mit dem Wort Zufall abtun, doch so einfach mache ich es mir nicht. Ich bemühe mich schon, zu reflektieren, ob es mit einem Fehlverhalten meinerseits zu tun haben könnte. Doch meist verlaufen diese Bemühungen im Sande, denn mir ist nicht bewusst, dass ich mich jemals fehlverhalten hätte. Lieber Leser, sie merken schon: In mir wohnt ein gesundes Selbstbewusstsein.

Ich räkele mich so gerne auf meiner alten, total ausgeleierten Liege auf dem Hof in der Sonne. Leise zischend brate ich dort vor mich hin, während ich dem Gesang der Vögel im Garten lausche. Gelegentlich gaukelt ein Schmetterling vorbei, eine Wolke zieht über den Himmel und verdeckt für kurze Zeit die Sonne, lässt es merklich kühler werden. Doch schon ist sie wieder da, und die Gänsehaut auf meiner markant-männlichen Brust verschwindet. Ich spüre, wie sich die feinen Härchen auf meinen Armen aufrichten. – Sie ist wieder da. Leise schleicht sie heran, lautlos, jedes Geräusch vermeidend. Doch ich weiß, sie ist da. Gleich wird sie um die Garagenecke biegen und mit einem scheelen Blick auf mich mit federndem, schnellem Schritt vorbeihuschen. Die Vögel werden ihren Gesang unterbrechen und anfangen zu zetern, wenn sie sie sehen. Das ficht sie nicht an, sie wird sich wie immer ihr Plätzchen unter dem Apfelbaum suchen und stumpf zur Seite fallen. Sie wird sich einmal strecken, herzhaft gähnen und dabei ihr Raubtiergebiss zeigen, sich in das weiche grüne Gras schmiegen und fast augenblicklich werden leise Schnarchgeräusche ertönen.

Ich mag sie nicht, die Katze. Es ist mein Grundstück, mein Rasen und mein Schatten, den mein Apfelbaum spendet. Doch das interessiert sie nicht im Geringsten. Sie respektiert mich nicht. Ja, schlimmer noch, sie tut so, als wäre ich gar nicht vorhanden. Ich mag sie nicht, diese Katze.

Es knirscht. Dann knackt es. Es macht „Ratsch“, und ich liege auf dem Boden. Weltuntergang! Meine liebste, alte, ausgelegene Gartenliege hat den Dienst quittiert. Ich reflektiere. Gut, es könnte sein, dass mit den bei mir im Laufe der Jahre sich ansammelnden Pfunden die Kräfte der Liege nachließen. Es könnte natürlich auch sein, dass sie ganz einfach nur altersschwach war. Sicher! Die Gerätschaften sind ja heute alle leicht und nicht mehr für die Ewigkeit gebaut. Da spielten ein oder zwei Pfund mehr Muskelmasse an meinem markant-männlichen Körper doch absolut und überhaupt keine Rolle.

Eben ist der Lieferdienst wieder abgefahren. Auf dem Hof steht meine neue Gartenliege. Starkes eloxiertes Aluminiumgestänge, mit starker Bespannung und einer doppelt dicken Auflage, die ein wohlig weiches Liegegefühl vermittelt. Der Stoff in zartgelb, dem eines Zitronenfalters ähnlich. Ein Traum von einer Gartenliege und natürlich, wie sollte es anders sein, nicht ganz billig. Doch man gönnt sich ja sonst nichts. Und manche Ausgaben müssen einfach sein, lassen sich beim besten Willen gar nicht vermeiden. Sie ruft nach mir, meine Liege. Doch so, mit der normalen Kleidung eines Arbeitstages, mag ich sie nicht einweihen. Ich gehe mich umziehen.

Locker und leger gekleidet betrete ich wenig später den Hof und … erstarre. 

Meine Liege, mein neues, teures Stück Feierabendgemütlichkeit ist besetzt. Ein Knäuel aus Fell mit Tigerstreifen und weißen Pfoten fällt gerade auf der weichen Auflage stumpf auf die Seite, reckt sich wohlig und spreizt die Krallen, gähnt dabei, dass sein Raubtiergebiss alle Zähne sehen lässt, und beginnt augenblicklich leise zu schnarchen. Ich stehe ein wenig ratlos da, mit Sonnenöl und Handtuch, einem Gläschen Sekt und etwas zu knabbern. Muss ich mir das bieten lassen? Ich mag die Katze nicht.

Ich befreie meine Hände von unnötigem Ballast und schreite zur Tat. 

„Heh! Du! Runter da!“ 

Das Schnarchen wird lauter. Zusätzlich schnurrt das Vieh in höchster Wonne. Ich tippe sie an, piekse mit meinem Finger in ihre speckige Seite. Das Schnurren stoppt, das Schnarchen bleibt. Sie reagiert nicht. Wieder einmal tut sie so, als gäbe es mich gar nicht. Ich werde rabiat, schiebe meine Hände unter den haarigen Katzenkörper und hebe ihn hoch. Der Katzenleib auf meinen Händen folgt der Bewegung, doch die Krallen an allen vier Pfoten hängen fest im Bezug der Auflage. Ich schüttele das Katzenvieh und langsam, fast in Zeitlupe öffnet sich ein Auge und schaut mich ausdruckslos an. Wenigstens hat sie das Schnarchen eingestellt. Ob das ein gutes Zeichen ist?

Was dann passiert, ist mir nicht ganz klar. Auf jeden Fall sind meine Unterarme plötzlich blutig, sie schmerzen höllisch und auf meiner Liege steht etwas, das ich so noch nie gesehen habe. Es ähnelt einer Flaschenbürste mit Buckel und kampfbereit ausgefahrenen Krallen. Es wird besser sein, wenn ich die Wunden desinfiziere. Auch wäre es nicht gut, wenn das Blut auf meine neue Liege tropft. Ich mag dieses Katzenvieh nicht.

Mit verbundenen Armen betrete ich etwas später den Hof. In mir schäumt es. Ich greife die ganze Liege und kippe sie einfach auf die Seite. Geschmeidig lässt sie sich vom Polster gleiten und steht abwartend da. Kaum stelle ich die Liege wieder in Position, ist sie wieder auf dem Polster, kippt stumpf zur Seite und … 

„Chchchchchchch!“, fauche ich sie an. Es wird Zeit, dass ihr mal jemand so richtig die Meinung sagt. 

„Wauwauwau!“, versuche ich es mit Fremdsprachen. Langsam, wie in Zeitlupe, öffnet sich ein Auge und schaut mich ausdruckslos an... - Es reicht. Ich trete den taktischen Rückzug an, ziehe mich vom Schauplatz des Geschehens zurück und zeige ihr so, was ich von ihr halte. Bei mir macht sie es doch auch so, ignoriert mich einfach. Allerdings bin ich mir über den Erfolg dieser Maßnahme im Zweifel, denn immer noch liegt sie auf der Liege, während ich dumm in der Gegend herumstehe. In mir beginnt es zu kochen. Ich bin jetzt bereit zum Äußersten. Ich mag diese Katze einfach nicht.

Ich laufe in die Wohnung, greife das Telefon und wähle die Nummer. 

„Ja! Es eilt! Kommen Sie so schnell wie möglich! Natürlich noch heute!“, brülle ich in den Hörer. Warum müssen Menschen immer so schwer von Begriff sein? Das muss er doch hören, dass ich in einer wirklichen Notlage bin. 

Er hat es gehört. Kaum eine halbe Stunde später ist der Lieferdienst wieder da, und bringt eine zweite Liege. Haha! Triumph auf der ganzen Linie. Mit Schwung werfe ich mich auf die zartgelbe Matratze, recke und strecke mich, kuschele mich wohlig in das kleine Nestchen, das mir die extraweiche Auflage bereitet. Jetzt ist auch ein Gläschen Sekt genehm, auch ein zweites und drittes. Der Alkohol und die Sonne machen mich schläfrig. Warum soll ich nicht auch nach der ganzen Aufregung ein wenig Augenpflege betreiben? Sanft dämmere ich hinüber in Morpheus' Arme, entschlüpfe der garstigen Welt und wandele in ein schöneres Leben… - und merke dabei nicht, wie sich die feinen Härchen an meinen Armen aufstellen.

Sie ist da! Lauert dort drüben auf der anderen Liege. Jetzt nimmt sie Anlauf, duckt sich zum Sprung. Sie erklimmt meinen markant-männlichen Körper und kaum, dass sie auf meinem breiten Brustkorb steht, fällt sie stumpf zur Seite, gähnt herzhaft, dass man ihr prachtvolles Raubtiergebiss sehen kann und fängt leise an zu schnarchen. Ihre Pfoten stoßen mich an und sie gibt erst Ruhe, als ich im Schlaf beginne, sie zu kraulen. Zart streichen meine Finger durch ihr wunderbar weiches Fell und ich genieße das sanfte Vibrieren dieses schnurrenden Knäuels. Ich mag sie nicht, diese Katze!

Die Fressbremse

von Anita Koschorrek-Müller

Zum dritten Mal drückte ich den Klingelknopf an Bauer Harms' Haustür. Was sollte ich bloß tun, wenn er nicht zu Hause war? Vor Stunden hatte ich schon versucht ihn telefonisch zu erreichen, vergeblich. Ich hörte Schritte und Matthias Harms öffnete die Tür. Er trug einen zerschlissenen, grau und blau gestreiften Bademantel, sah ziemlich verschlafen aus, die Haare standen zu Berge und eine Rasur war dringend nötig. 

„Was in aller Welt willst du denn hier, heute, am Sonntag?“, schnauzte er mich an. 

„Matthias, bin ich froh, dass du zu Hause bist. Ich habe schon den ganzen Morgen versucht dich anzurufen!“ 

„Gestern war Schützenfest, da musste ich heute ausschlafen. Erna und Richard haben die Tiere gefüttert und sind zum Gottesdienst“, erklärte der vermutlich noch nicht ganz nüchterne Bauer. 

„Matthias, das ist ein Notfall, du musst unbedingt helfen! Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden könnte“, flehte ich ihn an. „Du weißt doch, dass ich morgen verreise, deshalb ist es ja so dringend.“ 

„Was gibt es denn Wichtiges, dessentwegen du mich am heiligen Sonntag aus dem Bett klingelst?“, brummte Bauer Harms und rieb sich das zerknitterte Gesicht. 

„Komm mit!“

Am Arm zog ich ihn auf den Hof zu meinem Wagen mit dem Pferdeanhänger. Ich öffnete die hintere Tür, klappte die Rampe herunter und führte das braun weiß gescheckte Pony am Halfter aus dem Hänger. 

„Das ist Katinka, sechs Jahre alt, eine Stute“, stellte ich das Pferdchen dem Bauern vor. 

„Sechs Jahre? Kaum zu glauben. Das Pony sieht aus, als hätte es schon dreißig Jahre auf dem Buckel.“ Bauer Harms besah sich Katinka von allen Seiten. „Mein Gott, welch eine elende Kreatur! Wo hast du die denn aufgegabelt?“ 

„Beim Schlachter! Und wenn ich sie diesem Lump nicht abgekauft hätte, wäre sie am Montag in der Wurscht.“ 

„Na ja, viel Wurst hätte er aus der nicht machen können, so mager wie die ist“, stellte Matthias Harms fachmännisch fest.

Ich versuchte den Bauern davon zu überzeugen, dass er Katinka aufnehmen müsse. Er war ihre letzte Rettung. Meine Überredungskünste wurden davon untermauert, dass ich für das Pony den gleichen Boxenpreis zahlen würde wie für mein Pferd Sam, einen dunkelbraunen Wallach mit weißer Blesse, der seit zwei Jahren hier in Pension war. Wir standen noch auf dem Hof und verhandelten über die Unterbringung der kleinen Stute, als Erna und Richard vorfuhren. Erna war Bauer Harms' Schwester und Richard ihr Sohn. Die beiden waren nach dem Tod der Bäuerin auf den Hof gezogen und als gelernter Pferdewirt war Richard in den Familienbetrieb mit eingestiegen. 

Er kam über den Hof marschiert und begutachtete Katinka. 

„Mmh, das Pony hat aber auch schon mal bessere Zeiten erlebt.“ 

„Und?“, fragte ich nun Richard, da Matthias Harms sich mit einer Zusage zurückhielt. „Könnt ihr Katinka aufnehmen? Ich habe sie gerade vorm Schlachter gerettet.“ 

„Das wird eng“, meinte der junge Mann. „Wir sind zurzeit voll belegt.“

Erna hatte sich dazu gesellt und schaltete sich in das Gespräch ein. 

„Wir werden schon ein Eckchen finden. Wenn sich das Wetter weiter so hält, kann sie tagsüber mit auf die Weide.“ 

Bauer Harms sagte nichts und Richard druckste herum. 

„Mama, wie soll das denn gehen? Wo haben wir denn noch ein Eckchen?“ 

„Ich werd schon was finden“, antwortete Erna und tätschelte dem Pony den Hals. „Na, Katinka, du bleibst jetzt bei uns!“ 

Damit war das letzte Wort gesprochen. Ich war froh, dass das Pferdchen ein neues Zuhause hatte und konnte beruhigt meinen Urlaub antreten.

Nach einer Woche rief ich auf dem Hof an. Erna war am Apparat. 

„Wie geht es Katinka?“, lautete meine erste Frage. 

„Alles bestens! Sie frisst ordentlich, geht jeden Tag mit auf die Weide und fügt sich in die Herde ein. Mach dir keinen Kopf. Dem Pony geht es richtig gut.“ 

Samstags kam ich aus dem Urlaub zurück und fuhr noch am selben Tag zum Hof. Die Pferde waren fast alle auf der Weide. Ich setzte mich auf das Holztor an der Koppel und hielt Ausschau nach meinen beiden Pferden. Sam hatte mich erkannt und kam angetrabt, gefolgt von Katinka. 

Natürlich hatte ich ein paar Möhren dabei und etwas trockenes Brot. Sam blieb dicht vor mir stehen und rieb seinen Kopf an meiner Schulter. Ich streichelte das weiche Pferdemaul und redete mit ihm. 

„Na, mein Junge. Hast du mich vermisst?“ Sam knabberte an der Möhre, die ich ihm hinhielt. Zögernd näherte sich nun auch Katinka. „Na, Kleine? Möchtest du auch 'ne Möhre?“ 

Richard kam über den Hof zu mir ans Gatter. 

„Hat sich gut herausgemacht, deine Katinka!“ 

„Mmh, sieht klasse aus!“ Ich konnte Richard nur beipflichten. 

„Erna hat sich um sie gekümmert“, erzählte er. „Die hat einen Narren an dem Pony gefressen und Sam hat Katinka immer im Schlepptau.“

Leider hatte ich heute keine Zeit zum Ausreiten und verabschiedete mich von Richard. Sam bekam noch eine Möhre und ging gemächlich wieder auf die Weide. Katinka sah mich durch ihre dichte Mähne aufmerksam an und wartete. 

„Das ist ihre Masche!“, lachte Richard. „Die bleibt solange vor dir stehen, bis sie etwas Fressbares erbettelt hat.“ 

Katinka bekam natürlich auch ihre Möhre und trabte munter hinter Sam davon.

Die Wochen vergingen und wenn ich mit Sam ausritt, begleitete uns das Pony. Mit der Zeit wurde das Pferdchen jedoch immer dicker und die Ausritte wurden für das Tier beschwerlich. Ich sprach Richard darauf an. 

„Das Pony wird zu dick. Könnt ihr das Futter nicht reduzieren?“ 

„Mmh, du hast Recht“, bestätigte Richard meine Beobachtung. „Da müssen wir was unternehmen. Diese Woche kommt der Tierarzt auf den Hof. Der kann sich Katinka mal ansehen und dann überlegen wir, was wir tun können.“

Der Tierarzt bescheinigte, dass Katinka bei bester Gesundheit war, nur zu dick. Er riet zu einer Fressbremse, einer Art Maulkorb, der die Futteraufnahme während des Weidegangs verringert. 

Erna blutete das Herz, als ihr kleiner Liebling auf Diät gesetzt wurde. Es kam eine Regenperiode und die Tiere blieben öfter im Stall. Ich traf Richard, der seinen abendlichen Kontrollgang machte, bei den Boxen. 

„Also, Richard, das mit der Fressbremse bringt keinen Erfolg. Habt ihr denn auch das Futter reduziert?“ Ich machte mir Sorgen. Das Pony sah aus wie eine Wuchtbrumme. 

„Tja“, der junge Mann schob seine Kappe in den Nacken. „Ich hab schon mit meiner Mutter geredet, damit sie Katinka nicht immer wieder etwas zusteckt.“ 

„Dann kann eine Diät ja nix werden, wenn Erna sich nicht dran hält“, ereiferte ich mich. Matthias Harms und seine Schwester kamen in den Stall. 

„‘n Abend! Na, deiner Katinka geht’s ja richtig gut.“ Der Bauer warf einen Blick in die Box und meinte lachend: „Hat ja mächtig zugelegt. Der Schlachter würde sie dir jetzt nicht mehr so günstig verkaufen.“ 

„Sehr witzig“, bemerkte ich angesäuert. 

„Matthias!“, rief Erna aufgebracht. „Du bist unmöglich!“ 

Das Pony kam näher und schnaubte. Ich vermutete, dass es sich bei Erna etwas erbetteln wollte. Vielleicht sollte ich mal allein mit Erna reden, so von Frau zu Frau, damit sie einsah, wie unvernünftig ihr Verhalten war.

Am nächsten Tag rief mich Erna im Büro an. „Kannst du heute Abend vorbei kommen?“ 

„Ist ganz schlecht. Ich muss Überstunden machen“, antwortete ich. „Ist denn was Besonderes?“ 

„Wir haben heute Abend eine kleine Feier, wäre schön, wenn du dabei wärst“, erzählte sie. 

„Ich sehe mal, was sich machen lässt.“ 

Viel Lust, am Abend noch zum Hof zu fahren, hatte ich nicht. 

„Es wäre uns wichtig, wenn du noch reinschaust“, betonte Erna. „Egal wie spät.“

Um 20 Uhr schaltete ich meinen Computer ab und streckte mich. Endlich Feierabend. Jetzt nach Hause, eine heiße Dusche und dann was beim Italiener bestellen. Oder sollte ich noch Ernas Einladung folgen und zum Hof fahren? Nee, absolut keine Lust. 

Mein Handy klingelte, eine SMS: 'Komm bitte! Wir warten auf dich! Lg Richard' 

Als ich meinen Wagen auf dem Hof parkte und ausstieg hörte ich Ernas Stimme. 

„Matthias, sie kommt. Ich geh schon rüber, bring du den Schnaps mit!“ 

Es war niemand zu sehen, von wegen „kleine Feier“ und ich ging erst mal hinüber zum Stall. Richard und Erna standen vor Katinkas Box und grinsten. Matthias kam dazu, eine Flasche Schnaps und Gläser in der Hand. 

„Und? Was gibt’s denn so Wichtiges zu feiern?“, fragte ich etwas unwirsch. Ich wäre nach dem langen Arbeitstag lieber nach Hause gefahren, als mir hier diese grinsenden Gesichter anzuschauen. 

„Wir wollten mir dir feiern, dass Katinka keine Fressbremse mehr braucht!“, verkündete Erna. „Was soll denn der Quatsch?“, antwortete ich ungehalten. Richard nahm mich bei den Schultern und drehte mich um, sodass mein Blick in die Box fiel. Dort stand Katinka und neben ihr ein Winzling, braun und weiß gescheckt, der gerade versuchte, an ihrem Euter zu trinken. Ich traute meinen Augen kaum! Sprachlos blickte ich in die Runde. Matthias drückte mir ein gefülltes Schnapsglas in die Hand.