Plätzchenduft und Tannengrün - Claus Beese (Hrsg.) - E-Book

Plätzchenduft und Tannengrün E-Book

Claus Beese (Hrsg.)

0,0

Beschreibung

19 weihnachtliche Geschichten und 12 Gedichte zur Heiligen Nacht, erzählt und aufgesagt von 13 Autoren der Lagerfeuer-Runde aus ganz Deutschland. Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob sie alle tatsächlich jemals geschehen sind, die Hauptsache ist, sie werden schön erzählt. Lassen Sie sich entführen in die Welt der großen Festtags-Gefühle rund um den geschmückten Weihnachtsbaum. Ein Angler auf Fehmarn ist vollkommen überrascht, als ihm am Heiligabend ein ganz besonderer Fang an die Angel geht. Sogar die Bundeswehr muss eingreifen. Ob der Weihnachtsmann dem kleinen Paul im Heim helfen kann, der einen ganz speziellen Wunsch hat? Backen Sie Weihnachtskekse für Afrika und erleben Sie die Geschichte vom Weihnachtsstern und dem gestohlenen Tannenbaum. Zwischen Weih-nachtsmännern und Juwelieren herrscht vor dem Fest ein besonders gespanntes Verhältnis und auch wenn das Bäumchen ein wenig "filigran" ist, und Trompete spielende Weihnachtsengel im Kinderheim gesichtet werden, hat doch eine kleine Tanne Probleme mit ihren Körpermaßen. Wie plötzlich und unvorbereitet einen Weihnachten treffen kann, erfahren Sie ebenso, wie ein absolut sicheres Rezept gegen den Feiertagsstress: Weihnachten einfach unter Palmen verbringen. Genießen Sie die Zeit der Sternenlichter und stillen Diamanten. Machen Sie sich ein paar schöne Stunden mit den zauberhaften Geschichten und Gedichten zur Weihnacht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Claus Beese (Hrsg.)

Plätzchenduft und Tannengrün

Weihnachtsgeschichten-Anthologie der Lagerfeuer-Autoren

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Zum Buch

Vorwort

Das Ungeheuer von Staberhuk

Der kleine Paul

Weihnachtsbeschluss

Kekse für Afrika

Die Geschichte vom Weihnachtsstern

Sonntag im Winter

Der gestohlene Weihnachtsbaum

Das Weihnachtsleuchten

Die Fee mit dem Röckchen

Weihnachtsmänner

Wunschzettel

Erkenntnis

Ein filigranes Bäumchen

Kindheitserinnerung

„Oh, du fröhliche”

Sternenlichter

Schwere Kinderherzen

Das Glöckchen

Ein Sonntag im Advent

Der Weihnachtsengel vom Kinderheim

Stille Nacht

Weihnachtszeit

Die kleine Weihnachtstanne

Der Trompeter

Weihnachten

Die heilige Familie

…und dann ist plötzlich Weihnachten

Weihnacht

Grüß Mama…

Weihnachten unter Palmen

Zeit der stillen Diamanten

Nachwort

Die Autoren

Weitere Bücher der Lagerfeuer-Autoren

Impressum neobooks

Zum Buch

Dieses Buch ist als Printausgabe beim Mohland Verlag unter der

ISBN-Nummer 978-3-86675-214-6

erschienen und im Handel, beim Verlag oder beim Autor erhältlich.

Keine Zeit eines Jahres wird je so tiefgehende Gedanken,

intensive Gefühle

und kindliche Erinnerungen in sich bergen,

wie die besinnliche Weihnachtszeit.

Vorwort

Von Klaus-Dieter Welker

Funken wirbelten wie Glühwürmchen in den nächtlichen Himmel, als eine einzelne Windböe das Lagerfeuer am Rande der Dünen erfasste.  „Ein leichter Nordwest“, murmelte eine der dunklen Gestalten. „Hoffentlich bringt er nicht noch mehr Schnee mit.“  „Nein, danach sieht es nicht aus. Ich glaube, bald klart es auf.“

Ein bärtiges Gesicht tauchte aus der Dunkelheit auf und legte ein weiteres Scheit auf die Flammen.  „Das wäre auch nicht schlimm“, ließ sich eine weitere Stimme vernehmen. „Weiße Weihnachten, was gibt es Schöneres?“ „Na, Weihnachten unter Palmen“, lachte eine diesmal weibliche Stimme. „Stellt es euch doch mal vor: eine warme, klare Nacht. Keine jagenden Wolken, kein kalter Wind.“

„Ohne Schnee würde mir etwas fehlen. Und eine festlich geschmückte Kokospalme: nein, so sehr ich Kokos auf Makronen liebe, mir ist ein schöner Tannenbaum lieber.“

Es war eine bunt zusammengewürfelte Schar, die sich um das Feuer versammelt hatte. Männer und Frauen, junge und ältere. Aus ganz Deutschland hatten sie sich zusammengefunden, von den Küsten der Nord- und Ostsee, den hessischen Wäldern, den Ufern des Rheins und der Mosel bis weit hinunter in den Süden. Und so verschieden wie ihre Herkunft, ihr Alter und ihr Geschlecht, so unterschiedlich waren ihre Geschichten. Ein jeder von ihnen hatte seine eigenen Erfahrungen gemacht, hatte gute und schlechte Zeiten erlebt.

Eins aber hatten sie alle gemein: sie liebten Geschichten. Es konnten wahre sein, die sie selbst erlebt hatten und die für sie – und vielleicht auch für andere – eine besondere Bedeutung hatten. Aber ebenso konnten sie aus dem Reich der Phantasie stammen, einer anderen, ganz besonderen Welt mit ihrem Zauber. Sie konnten besinnlich, nachdenklich, manchmal traurig, aber ebenso heiter und voller Lebenslust sein.

Sie waren wie das Lagerfeuer, an dem sie nun saßen und das sie wärmte. Das heitere Knistern harziger Kiefernzweige oder ein Funkenregen weckte bei dem einen Erinnerungen an lustige kleine Begebenheiten, die rote Glut brachte den anderen zum Träumen von längst vergangenen Zeiten, von Liebe, von funkelndem rotem Wein. Die lodernden Flammen waren ein Aufbruch, die Kraft der Jugend. Die Wärme war Geborgenheit, war Vertrauen. Und der Wind, der sie umwehte, erzählte seine eigene Geschichte.

„Weihnachten. Das ist mehr als eine Geschichte. Es ist etwas ganz Besonderes, für jeden von uns auf seine eigene Art“, sagte Claus leise und blickte in die Runde. „Ich würde euch gerne eine Geschichte erzählen, wenn ihr wollt. Und vielleicht fällt euch ja auch etwas ein, das ihr uns erzählen könntet.“

Ja, das wollten sie, darum waren sie hier. Und so rückten sie näher an das Feuer, das sich in ihren Augen spiegelte.

Das Ungeheuer von Staberhuk

Von Claus Beese

Welcher Teufel hatte mich geritten, ausgerechnet am Vormittag des Heiligen Abend angeln zu wollen? Ich will es nicht beschwören, aber es bestand durchaus die Möglichkeit, dass es mit dem Wunsch meiner beiden weiblichen Familienangehörigen zusammenhing, Weihnachten auf Mallorca zu verbringen. Mir fehlte dafür jedes Verständnis, denn zwar wurde das Fest der Feste nahezu überall auf der Welt und in jeder Klimaregion gefeiert, doch Heiliger Abend ohne Schnee, Christbaum und ein wenig Gemütlichkeit war nun mal für mich kein Weihnachtsfest. „Feliz Navidad” anstelle Fröhlicher Weihnachten war nichts für mich, und anstatt am Strand von Malle bei 20 Grad zu grillen, stand ich lieber bei knappen null Grad am Strand von Fehmarn, um mir seefrischen Weihnachtsdorsch zu angeln.

Der laue Westwind ließ keine festliche Stimmung aufkommen, aber wozu auch? Frau und Tochter vergnügten sich bei den Spaniern, und mir allein würde der olle Rauschebart sicher nichts unter den Baum legen. Da konnte ich genau so gut selbst für mein Festtagsmenü sorgen, ohne dass sich zwei Nasen kraus zogen. Niemand würde mit spitzer Stimme sagen: „Riechst du es? Ich glaube, Papa kommt gleich heim. Heute gibt es wohl Fisch anstatt Gans!” Nein, mein Weihnachtsgeschenk hatte ich mir selbst gemacht. Angelsachen gepackt, rein in den Wagen und ab nach Staberhuk. Weit und breit kein Frost, kein Schnee, das Meer plätscherte mit leisen Wellen gegen den Strand. Klasse Wetter! Wenn jetzt noch die Geschuppten mitspielten, würde ich mir heute Abend leckere Dorschfilets in der Pfanne goldbraun braten.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich in meinem Leben schon viele Dorsche gefangen habe, was also auf ein gewisses Maß an Erfahrung schließen lässt. Doch heute war es wie verhext, nichts, aber auch rein gar nichts tat sich an der Rute. Ich hatte nur „kleines” Gepäck dabei, rechnete ich doch damit, größere Mengen an Fischfilet nach Hause schleppen zu müssen. Allerdings sah es im Augenblick eher nicht danach aus. Ah, vermutlich falsche Stelle. Ein paar hundert Meter weiter in Richtung Leuchtturm fiel der Grund etwas steiler ab, und dort würden sich die Dorsche vermutlich stapeln.

Ich merkte recht schnell, dass sie das nicht taten. Egal, was ich als Köder an die Leine baumelte, es ließ sich keiner der Ostsee-Leoparden zum Biss überreden. Also noch etwas weiter in Richtung Kap. Ich krabbelte über Felsblöcke, stapfte durch den tiefen Sand, schlidderte über Geröll und kam dabei gut ins Schwitzen. Ich merkte weder, dass es langsam dämmerig wurde, noch dass die Temperatur weit unter den Gefrierpunkt gefallen war. Der Wind hatte auf Nord gedreht, und ich schaute erstaunt in den Himmel, als plötzlich weiße Flocken herabsegelten. Im Nu machte sich ein Schneetreiben auf, wie ich es noch nie gesehen hatte. Der scharfe Nordwind wehte die Eiskristalle mit solcher Wucht heran, dass sie mir schmerzhaft ins Gesicht schlugen. Wie kleine Nadelstiche piekste das. Ich zog die Ohrenklappen meiner Fellmütze herab, stellte den Kragen meiner Jacke hoch und wollte in die Handschuhe schlüpfen. Wo waren sie noch gleich? Ah, richtig. Im Wagen. Dort hatte ich sie nämlich vergessen. Gut, denn dort würden sie mit Sicherheit nicht nass werden können.

Ganz im Gegensatz zu mir. Ich verwandelte mich innerhalb von Minuten in einen wandelnden Schneemann. Es schien mir geraten, langsam ans Einpacken zu denken. Heute würden sie ungeschoren davonkommen. Ich war geneigt, den Ostseedorschen eine gewisse Galgenfrist einzuräumen, noch dazu wo doch Weihnachten war. Ich würde in diesem Jahr ausnahmsweise einmal die Nächstenliebe auch den Fischen angedeihen lassen. Petrus sei Dank, waren es ja nur drei Tage, nach deren Ablauf es keine Ausflüchte mehr gab. Die Pfanne wartete.

Upps! Was war das? Die Schnur ließ sich nicht einkurbeln. Ich hatte nicht aufgepasst, und so war an den Schnurlaufringen dickes Eis gewachsen. Die Schnur hing fest, und ich musste die Ringe irgendwie auftauen. Zu allem Überfluss zerrte etwas mit uriger Kraft an der Leine. Ein Königreich für ein Feuerzeug, warum musste ich auch Nichtraucher sein? Der Fisch zog an der Leine und normalerweise müsste jetzt die Rolle die Schnur freigeben, um den Druck auf die Rute zu vermindern. Doch das ging ja nicht! Ich spürte so etwas wie Panik aufkommen. Das Gerät war kurz vor dem Bersten, als ich mich entschied, dem Fisch ins Wasser entgegenzugehen. Ah, ich lag völlig richtig mit meiner Vermutung, dass es hier schnell tiefer würde. Die Ostsee eroberte meine Stiefel, und der Fisch zog noch immer. Um mich herum wirbelten die weißen Flocken und hoch über mir fingerten die Lichtbalken des Leuchtturmes durch die Dunkelheit. Während mir unten die Beine abstarben, rann mir oben der Schweiß in die Augen.

Wie verrückt muss man eigentlich sein, fragte ich mich, um dies hier nicht schnellstmöglich zu beenden? Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich noch nicht verrückt genug war und watete zurück zum Strand. Die Rute würde im nächsten Augenblick zerbrechen oder die Schnur mit lautem Knall zerreißen. Egal. Verbissen kämpfte ich mich weiter den Strand hinauf, als das Unerwartete geschah. Schlagartig ließ der Zug am anderen Ende der Leine nach, und ich fiel vornüber. Das war nicht angenehm, ersparte mir aber eine unliebsame Begegnung mit dem schweren Blei. Mit einem scharfen Laut zischte es an mir vorbei und verschwand in der flimmernden Dunkelheit des Abendhimmels. Es flog zielsicher in die Richtung, aus der das leise Schellen von Schlittenglocken zu vernehmen war. Dann folgte ein dumpfer Schlag, als sei es gegen irgendetwas gestoßen. Vom Himmel hoch ertönte ein unterdrückter Schrei, dann fiel etwas Rotes herab und landete in einer der Schneewehen, die der Wind mittlerweile aufgetürmt hatte.

Meine Hosenbeine waren im Nu steifgefroren, doch stakste ich zu dem weißen Haufen hinüber und fing an, das merkwürdige Ding auszugraben, das da vom Himmel gefallen war. Ich hoffte, dass es kein teurer Satellit gewesen war, doch andererseits beruhigte mich die Überzeugung, dass kein Angelblei so hoch fliegen konnte. Ich zerrte und zog an einer roten Mütze, griff auch in den mächtigen weißen Bart und langsam kam ein alter Mann mit leichtem Übergewicht zum Vorschein. Ganz offensichtlich war er ohnmächtig, und ich wünschte, irgendjemand würde jetzt hier vorbeikommen, um mir zu helfen.

„Halt! Was machen Sie da?”, ertönte hinter mir eine scharfe Stimme. Ich blickte mich um. Eine Handvoll Bundeswehrsoldaten war im Anmarsch. Sie mochten von der nahe gelegenen Radarstation kommen und der erste von ihnen hob abwehrbereit seine Schneeschaufel. Offenbar schien ihr Motto das der Pfadfinder zu sein. „Allzeit bereit, zu jeder Jahreszeit!”

„Wonach sieht es denn aus? Ich habe mit meiner Angel irgendwas vom Himmel gefischt. Helfen Sie mir mal, alleine kriege ich den Kerl nicht aus der Schneewehe.” Man musste nur klare Anweisungen geben, dann wurden auch keine dummen Fragen gestellt. Hilfreiche Hände packten zu, und gemeinsam zogen wir den vom Himmel Gefallenen aus dem Schneehaufen. „Wenn das nicht der Weihnachtsmann ist...”, murmelte der Soldat, den ich bereits auf dem Herweg als Wachhabenden am Tor der Station gesehen hatte. Ich schaute ihn groß an, und mein Blick verhieß nichts Gutes. Weihnachtsmann! Der wollte mich wohl veräppeln. Bevor ich jedoch etwas erwidern konnte, packten Soldatenfäuste zu. Sie hoben den Rauschebart hoch und schleppten ihn zum Stützpunkt. Ich hatte Mühe, ihnen mit meiner steifen Hose und der halben Ostsee in den Stiefeln zu folgen. Schließlich hakten mich zwei freundliche Bundeswehrkameraden rechts und links unter, hoben mich ein wenig an und trugen mich das letzte Stück des Weges. Mein gesamter Unterkörper war völlig vereist.

In der Wachstube am Tor schälten sie den Rotgekleideten und mich aus den Klamotten, und verschwanden mit ihnen.„Wir haben Wäschetrockner hier, das geht recht schnell, dann können sie sich wieder anziehen. Bis dahin nehmen Sie die hier”, meinte der Wachhabende und reichte uns ein paar warme Wolldecken. Der alte Mann mit dem weißen Bart und der roten Unterwäsche fasste sich stöhnend an den Kopf, wo eine dicke Beule auf seiner Stirn prangte.„Wenn ich nur wüsste, was mich aus meinem Schlitten geworfen hat”, murmelte er. Sein Blick fiel auf mich und meine Angelrute. „Hmmm”, machte er nachdenklich. „Ich schwöre, ich habe daran keine Schuld”, beeilte ich mich zu versichern. Doch so wirklich schien er mir nicht glauben zu wollen. Ich begann, die ganze Geschichte zu erzählen und berichtete von dem unsichtbaren Riesenfisch, der meine Rute fast zerlegt hatte.

Man hatte uns heißen Tee mit Rum gebracht, und langsam kehrte das Gefühl in meine Beine zurück. Auch der Weihnachtsmann ließ sich nicht bitten und leerte seinen Becher. Etwas schien ihn zu beschäftigen, denn er machte einen abwesenden Eindruck. „Das habe ich schon von vielen Anglern hier gehört. Und mir selbst ist es auch schon passiert”, sinnierte der Torwächter. „Das Ungeheuer von Staberhuk hat also wieder einmal zugeschlagen.”„Ungeheuer?”, klang es wie im Chor aus meinem und dem Munde des Weihnachtsmannes.„Ja, Ungeheuer. Noch niemand hat es zu Gesicht bekommen, aber gelegentlich beißt es an den Angelruten an. Es hat bereits viele zerbrochen, unzählige Ruten in die See gezogen, meistens jedoch reißt es sich wieder los, bevor man es auch nur in Sichtweite bekommt. Niemand kann sagen, was es ist. Treibende Bäume, die sich in den Leinen verfangen, Heringshaie oder etwas noch Größeres!”

Unsere Sachen waren trocken und wir schlüpften hinein. Ah, mollig warm waren sie noch. Nur meine Stiefel trieften vor Nässe. Ich erhielt leihweise ein paar „Knobelbecher” in meiner Größe und versprach, sie in den nächsten Tagen wieder vorbeizubringen. Der Abschied war kurz, auf einen gellenden Pfiff des Alten hin ertönte das Klingen von kleinen Glocken und vor dem Tor der Radarstation landete ein Schlittengespann. Geduldig warteten die Rentiere bis ihr Kutscher eingestiegen war. Der Alte winkte uns zu.„Wir sehen uns in nächster Zeit ja des Öfteren!”, rief er gutgelaunt. „Ich habe ab morgen 364 Tage Urlaub und hier ist ein interessantes Angelrevier! Hahaha! Fröhliche Weihnachten!”

Die Rentiere zogen an und der Schlitten hob ab. Wir standen inmitten der weißen Pracht vor dem Tor und wenn nicht ganz deutlich die Spuren des Schlittens im Schnee gewesen wären, ...!„Unglaublich!”, murmelte ich. Der Wachhabende grinste nur.„So unglaublich, wie die Geschichte vom Ungeheuer von Staberhuk? Nein, nicht ganz. Tatsächlich verfolgen wir in jedem Jahr zu Weihnachten den Weg des Weihnachtsmannes am Himmel auf unserem Radargerät. Es ist schon toll zu sehen, wie er hoch über uns durch die Nacht flitzt. Na, er hat ja auch allerhand zu tun. Übrigens, volle Deckung. Da kommt unser Weihnachtsessen!”

Der Wachmann zog mich unter ein Vordach und am Himmel ertönten erneut die Schlittenglocken. Ein hohles Sausen lag in der Luft, dann plumpste ein Netz aus der Dunkelheit und landete genau vor der Radarstation. Es war voller prächtiger Dorsche und Schollen. Lautes Gelächter verlor sich in der Dunkelheit.

„Das macht er immer so", erklärte der Wachhabende. „Dürfen wir Sie zum Essen einladen? Der Grill steht schon bereit, und es ist genug für alle da.” Ich willigte dankbar ein und war mir sicher, dass dies der Beginn einer langen Freundschaft war. Was konnte man sich Schöneres zu Weihnachten wünschen?

Der kleine Paul

Von Klaus-Dieter Welker

Wollte man den Statistiken Glauben schenken, dann gab es ihn eigentlich nicht. Junge Studenten hatten sein Dasein unmöglich gemacht. Mit spitzer Feder, mit Hochleistungsrechnern und anderem intelligenten Unfug hatten sie errechnet, wie schnell er sein musste, um jedes Kind an Weihnachten zu bescheren. Wie viele Rentiere er vor seinen Schlitten spannen musste, um die ganzen Geschenke in der Christnacht transportieren zu können, und dass diese – und dann auch er – bei der errechneten wahnwitzigen Geschwindigkeit letztendlich verdampfen würden. Er schüttelte den Schnee von seinem Mantel und schaute auf seine Rentiere. Natürlich „dampften“ sie ein wenig. Das war ja auch kein Wunder, die kalte Luft ließ den Atem vor ihren Mäulern kondensieren. Aber von einem „Verdampfen“ konnte gewiss keine Rede sein.

Was wussten diese jungen Hüpfer schon von den Wundern der Weihnacht? Bei ihnen musste alles berechenbar, messbar und in Zahlen belegbar sein. Da fing das ganze Unglück ja an. Kaum waren die Menschen alt und klug genug, um zu rechnen und zu schreiben, begannen sie, sich als „allwissend“ zu betrachten. Und je älter und „klüger“ sie wurden, desto weniger glaubten sie an die Wunder dieser Welt. Es war also nur eine Frage der Zeit bis sie auch ihn aus ihren Gedächtnissen gerechnet hatten, keine Briefe mehr mit ihren großen und kleinen Wünschen an ihn schickten und darauf vertrauten, dass er sie, so gut es eben möglich war, erfüllen würde. Und gar zu viele erzählten ihren Kindern überhaupt nicht mehr von ihm, sondern mieteten sich gleich einen „Weihnachtsmann“, der ihn ersetzen sollte. Vielleicht würde es nicht mehr lange dauern, bis er überflüssig wurde.

Nein, das waren zu trübe Gedanken für diese Nacht. Noch war es nicht so weit, noch gab es Menschen, die an ihn glaubten. Und die wollte und durfte er nicht enttäuschen. Er schaute auf seine Liste, die in den letzten Jahren immer kürzer geworden war. Da mussten diese jungen Studenten mal dringend ihre Berechnungen aktualisieren, dachte er wehmütig schmunzelnd. Die Zahlen, die sie zugrunde gelegt hatten, waren längst überholt. Ja, früher einmal...

„Ach was, hör auf damit“, schimpfte er sich selbst. Der nächste auf seiner Liste war Paul. ‚Sankt-Vincent-Heim‘ hatte in Schönschrift auf dem Brief gestanden, der an ihn adressiert gewesen war. Das war selten geworden; inzwischen schrieben ihm die Menschen mit Computern oder Schreibmaschinen. Oder sie legten ihren Wunschzettel auf das Fensterbrett – falls sie ihn nicht gleich ihren Eltern, Ehegatten oder sonstigen Verwandten gaben, damit die wussten, was sie im nächsten Juwelier-, Spiele- oder Geschenkladen einzukaufen hatten.

„Lieber Weihnachtsmann“, hatte in dem Brief von Paul gestanden, „ich wünsche mir so sehr, dass Heinrich wieder eine gute Arbeit findet, damit Ulrike nicht mehr arbeiten muss und wieder mehr Zeit für mich hat. Und dass ich dann vielleicht wieder nach Hause kann. Ich vermisse die beiden so sehr. Hier bin ich ganz allein, obwohl ganz viele andere auch hier sind. Aber die haben meistens keine Zeit für mich. Die meiste Zeit bin ich alleine in meinem Zimmer und nach draußen darf ich nur, wenn eine Schwester dabei ist. Aber die müssen sich ja noch um so viele andere kümmern. Bitte, bitte! Du kannst bestimmt eine Arbeit für Heinrich finden. Und wenn das nicht geht, könntest du dann vielleicht machen, dass sie mich öfters besuchen kommen? Viele Grüße an das Christkind. Dein Paul.“

Der Brief war ordentlich und ohne Fehler geschrieben. Entweder ist er ein kluges Bürschchen, oder es hat ihm einer geholfen, dachte er. Nur die Wasserflecke unter „Dein Paul“ passten nicht dazu.