1,99 €
Auf einer einsamen Landstraße lief eine junge Frau vor ein Auto. Sie war verwahrlost, desorientiert und stark unterkühlt. Bei der Überprüfung ihrer Identität stellte sich heraus, dass sie Clarissa Underwood hieß. Sie und ihre gesamte achtköpfige Familie waren vor einem Jahr spurlos verschwunden. Auf der Farm der Underwoods waren damals Hinweise gefunden worden, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen waren. Bei Clarissas Befragung erschien der Fall auf einmal in einem ganz anderen Licht. Denn wieder zu Kräften gekommen, berichtete sie, dass ihr Dad ihre Familie in einem geheimen unterirdischen Bunker versteckt hielt ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
In der Gewalt der Bunkermenschen
Vorschau
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Die Dielen knarrten unter ihren Stiefeln, als Sheriff Dalton und Deputy Harris das Farmhaus betraten.
Die Haustür war unverschlossen, kein Laut drang nach draußen.
Im Wohnzimmer flimmerte stumm der Fernseher.
Das Essen auf dem Tisch dampfte nicht mehr. Fliegen balgten sich um die kalten Reste.
Ein Stuhl lag umgeworfen auf dem Boden.
Von den Bewohnern, acht an der Zahl, fehlte jede Spur.
Dalton bemerkte einen großen dunklen Fleck neben dem Tisch. Er kniete sich hin und betrachtete ihn aus der Nähe.
»Blut«, sagte er leise. »Noch ziemlich frisch.«
Harris schluckte. »Was, zur Hölle, ist hier bloß passiert?«
»Weiß der Teufel«, antwortete Dalton mit rauer Stimme.
Die Scheinwerfer des dunkelblauen Volvo schnitten gelbe Korridore in die Dunkelheit und über den feucht glänzenden Asphalt. Sie arbeiteten im Akkord gegen den Nieselregen, der einen öligen Film auf der Windschutzscheibe hinterließ.
Nick Watson lenkte lässig mit einer Hand, während die andere auf dem Schaltknüppel ruhte. Die Uhr auf dem Display blinkte. 22:47 Uhr. Wieder einmal zu spät. Kein Wunder, dass es Marisa immer schwerer fiel zu glauben, dass er wirklich nur Überstunden machte.
»Wie heißt sie, und wo wohnt sie?«, drang die helle, nicht ganz ernst klingende Stimme seiner Frau aus der Freisprechanlage.
Watson lachte gekünstelt. »Schatz, ich schwöre dir, das war der Bericht des Callahan-Projekts. Der hat sich hingezogen wie Kaugummi.«
»Klingt wahnsinnig spannend«, erwiderte Marisa und gähnte betont. »Vielleicht solltest du nur für mich arbeiten. Ich zahle auch besser.«
Watson grinste breit. »Du meinst, als dein persönlicher Kaffeekoch?«
»Lieber als mein persönlicher Masseur. Allerdings lege ich Wert auf Pünktlichkeit.«
In der Leitung knackte es, dann kehrte für einen Moment Stille ein. Der Empfang in diesem Waldstück war schon immer schlecht gewesen. Nick Watson fuhr die Strecke fast jeden Tag. Eine abgelegene Landstraße nördlich von Yonkers, die sich durch dichte Mischwälder schlängelte. Tagsüber ein Idyll für Wanderer und erholungsbedürftige Städter. Nachts und bei Regen eher die Kulisse für einen Horrorfilm.
»Ich bin in fünfzehn, vielleicht zwanzig Minuten da. Wartest du auf mich?«
»Vielleicht«, antwortete Marisa. »Wenn du Glück hast.«
Watson grinste breit und griff nach der Wasserflasche im Becherhalter. Im selben Moment rutschte ihm der Schlüsselanhänger, den er achtlos auf das Armaturenbrett gelegt hatte, in den Fußraum. Eigentlich hätte er ihn dort liegen lassen können, wäre es nicht eine dieser Kleinigkeiten gewesen, die bei ihm eine leichte Zwangsneurose auslösten.
»Verdammt ... warte kurz, ich muss ...«
Er beugte sich ein wenig vor und wandte den Blick für den Bruchteil einer Sekunde von der Straße ab. Der Motor brummte leise weiter, und der Wagen rollte mit einer konstanten Geschwindigkeit von sechzig Meilen pro Stunde durch die Dunkelheit.
Als er wieder aufsah, war sie plötzlich da. Mitten auf der Fahrbahn, wie aus dem Nichts. Eine Frau. Jung. Blass. Ihr blondes Haar war nass und fiel ihr schwer wie ein Vorhang über die Schultern. Wie erstarrt stand sie da, die Arme eng am Körper, der Blick leer und durchdringend zugleich. Als würde sie ihn anstarren ... und irgendwie doch nicht.
Nick Watsons Herz machte einen Sprung. Seine Hände krampften sich um das Lenkrad.
»Scheiße!«
Er trat voll auf die Bremse. Die Reifen quietschten schrill auf dem nassen Asphalt. Der Wagen brach aus, stellte sich quer und kam schlingernd eine Armlänge vor der Unbekannten zum Stehen.
Sekundenlang herrschte eisige Stille, nur unterbrochen vom Brummen des Motors und Watsons keuchendem Atem.
»Nick? Nick, was war das!«
Die Stimme seiner Frau klang blechern aus der Freisprechanlage, er hörte sie jedoch kaum. Er starrte auf die Gestalt, die bleich und unheimlich wie ein Gespenst vor ihm stand. Ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell, ihre Lippen formten unhörbare Worte.
Dann, als könnten ihre Beine ihr Gewicht nicht mehr tragen, knickten ihre Knie ein. Sie ruderte mit den Armen, stürzte und schlug seitlich auf dem Asphalt auf.
»Verdammt!«
Watson hämmerte auf den Touchscreen des Wagens und beendete das Gespräch. Er riss die Fahrertür auf und sprang hinaus. Kalte Nachtluft schlug ihm entgegen, feucht und schneidend. Das Rauschen des Waldes vermischte sich mit dem leisen Prasseln des Regens, der sein Gesicht traf.
Die Frau lag zusammengesunken auf dem Asphalt. Ihre Haut war unnatürlich blass, als hätte sie wochenlang keine Sonne gesehen. Watson kniete sich neben sie, zögerte einen Moment und berührte dann vorsichtig ihre Schulter.
»Hey ... können Sie mich hören? Hallo?«
Keine Reaktion. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Brust hob und senkte sich flach, aber regelmäßig. Es war kein Blut zu sehen, keine sichtbare Verletzung. Sie trug ein dünnes weißes Kleid, das nicht in diese Jahreszeit passte – oder überhaupt in diese Realität.
Nick Watson tastete nach seinem Handy. Seine Hände zitterten leicht, doch er zwang sich, ruhig zu bleiben. Notruf. 911.
»Notrufzentrale, wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte eine weibliche Stimme, die älter klang.
»Ich ... ich brauche einen Krankenwagen. Hier liegt eine Frau. Sie ist auf der Straße zusammengebrochen. Ich bin fast ... ich hätte sie fast ...«
»Beruhigen Sie sich, Sir. Wo genau sind Sie?«
»Ich bin auf der Route 52, nördlich von Yonkers, etwa zehn Minuten vor der Abzweigung nach Winding Creek. Es ist dunkel, sie stand einfach auf der Straße ... Ich habe keine Ahnung, wer sie ist.«
Die Stimme in der Leitung wurde ruhiger, professioneller. »Ich schicke Ihnen einen Krankenwagen. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind. Atmet die Frau?«
»Ja. Sie atmet. Aber sie reagiert nicht.«
»Gut. Sprechen Sie trotzdem mit ihr, auch wenn sie nicht antwortet.«
Nick Watson ließ das auf Lautsprecher geschaltete Handy auf dem Boden liegen und wandte sich wieder der Frau zu. Der Motor des Volvo lief noch, die Scheinwerfer beleuchteten die Szenerie wie eine Theaterbühne. Das Ganze hatte etwas Surreales. Wie ein Traum, aus dem er jeden Moment erwachte.
»Sir?«, sagte die Stimme, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte. »Sir, sind Sie noch da? Keine Sorge, okay? Hilfe ist unterwegs. Sir ... Sir ...?«
Watson antwortete nicht. Er nahm die Worte aus dem Telefonhörer kaum wahr.
Die Frau hatte die Augen geöffnet und starrte ihn an. Sie sagte etwas, doch ihre Worte verwehten im Wind.
Watson beugte sich über sie, neigte den Kopf und legte ein Ohr an ihre Lippen, bis er verstand, was sie sagte.
»Sie ... sind alle noch bei ihm.«
Nick Watson runzelte die Stirn und räusperte sich. »Wer sind sie? Und wer ist er?«
»Er hat den Verstand verloren«, sagte sie. Und so schwach, dass sie selbst so klang wie das Säuseln des Windes, fügte sie hinzu: »Er wird sie alle umbringen!«
Dann sank sie bewusstlos zur Seite.
Der Anruf meines Chefs erreichte mich, kurz bevor ich an unserer Ecke ankam, wo Phil bereits auf mich wartete. Mein Partner hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, trat von einem Bein aufs andere und blickte drein wie drei Tage Regenwetter, was vielleicht daran lag, dass es in New York wirklich die letzten drei Tage geregnet hatte.
Mal stärker, mal schwächer, fast ohne Pause. Der Nieselregen, der auf Phil niederging, war vergleichsweise harmlos, aber perfider als ein ehrlicher Wolkenbruch, der einen innerhalb weniger Minuten bis auf die Knochen durchnässte. Das hier war ein nasser Tod auf Raten, der sich auf leisen Sohlen anschlich und letztlich zum selben Ergebnis führte.
»Sir?«, sagte ich, nahm den Hörer ab und ließ den Jaguar F-Type am Straßenrand ausrollen. »Wir sind so gut wie im Office.«
»Das dachte ich mir«, sagte die freundliche Stimme von Mr High. »Deshalb rufe ich an. Ich möchte, dass Sie stattdessen ins Westchester Community Health Center fahren. Auf Zimmer 305 liegt eine junge Frau, deren Aussage Sie aufnehmen sollten.«
Phil sah mich stirnrunzelnd an, während er sich pitschnass auf dem Beifahrersitz niederließ. Über die Freisprechanlage bekam er jedes Wort mit, das gesprochen wurde.
»Alles klar«, antwortete ich und fuhr los. »Irgendwelche Details?«
»Die Frau heißt Clarissa Underwood und wurde letzte Nacht von einem Autofahrer aufgegriffen, nachdem sie in einem Waldstück orientierungslos auf die Fahrbahn getorkelt ist.«
Ich nickte, sagte jedoch nichts. Ich wusste, dass das nicht alles sein konnte. Ein Beinaheunfall auf einer Landstraße würde nicht das FBI auf den Plan rufen.
»Miss Underwood wird seit über einem Jahr vermisst. Und um ehrlich zu sein, hielt man sie bis heute für tot.«
Selbst das brachte mich noch nicht aus der Ruhe. Fast täglich verschwanden Menschen. Manche für immer, aber viele tauchten nach einiger Zeit wieder auf.
»Weiß man etwas über die Umstände ihres Verschwindens?«, fragte ich. »Wurde sie entführt?«
Für einen Moment herrschte Stille. Mir war, als hätte jemand das Büro unseres Chefs betreten. Vielleicht Helen, seine Sekretärin. Mr High sagte etwas, das offensichtlich nicht an mich gerichtet war. Kurz darauf klang seine Stimme wieder laut durch die Leitung.
»Entschuldigen Sie, das plötzliche Auftauchen von Miss Underwood nach über einem Jahr erregt einiges Aufsehen, zumal sie nicht die Einzige ist, die verschwunden ist.«
Ich horchte auf.
»Ihre ganze Familie ist mit ihr verschwunden. Vater, Mutter, drei Geschwister und zwei Cousins, die alle auf der elterlichen Farm lebten.«
»Und es gab keine Spur von ihnen?«, fragte ich erstaunt.
»Nun, alles deutete darauf hin, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen waren. Als die Kollegen die Gegend absuchten, entdeckten sie in einem nahe gelegenen Waldstück eine gut versteckte Drogenplantage. Sie war höchstwahrscheinlich von Clarissas Vater Sam Underwood angelegt worden. Oder von einem seine Söhne. Wir vermuteten daher, dass ihm und seiner Familie dieses Nebengeschäft zum Verhängnis wurde.«
»Acht Leichen verschwinden zu lassen, ist nicht einfach«, gab ich zu bedenken. »Auch nicht für Drogengangster.«
»Stimmt. Die Möglichkeit einer Entführung wurde deshalb nie vollständig verworfen«, erwiderte unser Chef.
»Und jetzt ist ein Familienmitglied wiederaufgetaucht«, nahm Phil den Faden auf.
»Clarissa ist Sam Underwoods ältere Tochter«, erklärte Mr High. »Anscheinend war sie die ganze Nacht im Wald unterwegs.«
»Konnte sie Angaben zu ihren Entführern machen?«, fragte ich gespannt.
»Ihren ersten Aussagen zufolge gab es gar keine Entführung«, antwortete Mr High zu unserer Überraschung.
»Aber ...«, wandte ich ein und wurde jäh unterbrochen.
»Clarissa Underwood hat den Kollegen des Yonkers PD gegenüber ausgesagt, dass sich ihre Familie seit ihrem Verschwinden in einer Art Bunker versteckt hält.«
»Ein Bunker, Sir?« Ich glaubte, mich verhört zu haben.
»Mehr weiß ich auch nicht. Deshalb möchte ich, dass Sie mit ihr sprechen. Finden Sie heraus, was an dieser Behauptung dran ist. Und erstatten Sie mir danach bitte Bericht.«
»Mysteriöse Geschichte«, sagte Phil, nachdem ich aufgelegt hatte. Seine schlechte Laune war mit einem Schlag verflogen. »Wenn diese Clarissa bereit ist auszusagen, sollte es kein Problem sein, auch den Rest ihrer Familie ausfindig zu machen.«
Ich nickte, während ich an einer Kreuzung den Blinker setzte. »Wenn diese Frau wirklich geflohen ist, frage ich mich, ob die Underwoods überhaupt gefunden werden möchten.«
Im Krankenzimmer roch es nach Desinfektionsmitteln und künstlicher Luft. Nur das rhythmische Piepen des Herzmonitors durchbrach die Stille. Gleichmäßig, fast beruhigend.
Clarissa Underwood saß aufgerichtet in ihrem Bett. Kaum hatten wir uns vorgestellt und den Grund unseres Kommens genannt, war etwas Kaltes, Abweisendes in ihren Blick getreten.
Sie hatte ein schmales, auffallend blasses Gesicht und lange blonde Haare, die länger keinen Friseur mehr gesehen hatten. Tiefe Ringe hatten sich unter ihre Augen gegraben. Sie wirkten fast wie mit Kajal aufgetragen, bei näherem Hinsehen war ich mir sicher, dass sie das Ergebnis vieler schlafloser Nächte waren.
»Sie haben ausgesagt, dass Ihr Vater Sie nicht entführt hat, sondern ... versteckt?« Ich sprach ruhig und betont sachlich.
Clarissa blinzelte gegen das grelle Licht der Neonröhre über ihrem Kopf. Dann sah sie mich an. »Dad glaubt, dass es Krieg gibt.«
Ich runzelte die Stirn. »Ist nicht immer irgendwo Krieg?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Hier. Bei uns. In Amerika.« Ihre Stimme war rau und brüchig, aber klar und verständlich. »Er bereitet sich seit Jahren auf diesen Fall vor. Er hortet Vorräte, Ausrüstung.«
Ich warf Phil einen schnellen Blick zu. »Ihr Vater ist also ein Prepper?«
Clarissa lehnte sich zurück, ihr Blick wanderte zur Decke, als wären dort Bilder, die niemand außer ihr sehen konnte.
»Und das ist der Grund, warum sich Ihre ganze Familie in einem unterirdischen Bunker versteckt hält?«
»Dad sagte, es gebe Anzeichen dafür, dass der Krieg kurz bevorstehe. Er hat gute Kontakte aus seiner Zeit beim Militär, die ihm davon erzählt haben.«
Ich runzelte die Stirn. »Was genau haben sie denn erzählt?«
»Dass es mit Stromausfällen anfängt. Dann kommen die Plünderer. Dann die Regierung. Und dann ... dann ist alles zu spät.«
Ich räusperte mich und setzte mich auf den freien Stuhl neben ihr. Was sie mir da erzählte, war offenbar einem wirren Geist entsprungen. Das war umso mehr ein Grund, sich um die Familie Underwood Sorgen zu machen.
»Miss Underwood, verraten Sie uns, wo sich dieser Bunker befindet?«
Jetzt sah sie gehetzt zu mir auf. »Ich weiß es nicht. Irgendwo im Wald östlich bei Windig Creek.«
»Sie wissen nicht, wo der Bunker ist, an dem Ihr Vater jahrelang gebaut haben muss?«, fragte Phil ungläubig.
»Wir ... wussten bis vor Kurzem nicht einmal, dass es ihn gibt. Dad ist ein Mann mit vielen Geheimnissen.«
Ich warf Phil einen raschen Blick zu, den Clarissa nicht bemerkte, weil sie wieder vor sich hin starrte.
»Erzählen Sie mir bitte genau, was passiert ist, bevor Ihr Vater Sie zu dem Bunker geführt hat«, sagte ich.
Clarissa schluckte, und ihr Gesicht verzerrte sich leicht. Es war, als würde ihr die Erinnerung daran unsägliche Schmerzen bereiten.
»Es war mitten in der Nacht. Dad stand plötzlich in dem Zimmer, das ich mit meiner Schwester Samantha teilte. Er sagte, es sei so weit. Der Feind habe seine Truppe in Stellung gebracht und werde in den nächsten Stunden zuschlagen. Er ... forderte uns auf, uns anzuziehen, das Nötigste einzupacken und ins Wohnzimmer zu kommen. Als alle versammelt waren, erklärte er, dass wir unsere Spuren verwischen müssten. Er schnitt sich selbst in die Hand und ließ das Blut auf den Boden tropfen. Dann warfen wir ein paar Möbel um.«
Ich nickte verstehend. Sam Underwood wollte bewusst den Eindruck erwecken, dass es zu einem Kampf gekommen war.
»Wie ging es dann weiter?«, fragte ich.
Clarissa zuckte mit den Schultern. »Wir machten uns auf den Weg. Dad führte uns auf einen Pfad durch einen nahe gelegenen Wald. Irgendwann verließen wir den Wald und gingen querfeldein. Papa orientierte sich mit einem GPS-Gerät. Wir sind die halbe Nacht gelaufen, bis wir endlich da waren.«
»Beim Bunker?«, fragte ich überflüssigerweise.
Clarissa nickte verhalten.
»Können Sie uns dorthin führen?«, fragte Phil.
Clarissa schüttelte bedauernd den Kopf. »Wie gesagt es war Nacht, und es war dunkel ...«
»Bitte denken Sie nach«, unterbrach ich sie. »Jede Information könnte uns helfen. Können Sie sich an irgendetwas erinnern? Vielleicht später, auf der Flucht?«
»Ich ... weiß es nicht. Ich bin einfach ... gerannt.«
»Wie groß ist der Bunker?«, fragte Phil, um ihr Gedächtnis aufzufrischen.
»Groß genug für zehn Leute«, sagte sie leise. »Vielleicht auch mehr. Es gibt Schlafräume, eine Küche, Lagerräume, Wasserfilter. Einfach alles. Es ist wie ein unterirdisches Haus, nur ohne Fenster. Ohne Tageslicht.«
Ich beugte mich zu ihr hinunter und musterte sie genau. Sie war Mitte zwanzig, sah sogar etwas älter aus. In diesem Moment wirkte sie auf mich wie ein kleines Kind, das sein Zuhause verloren hatte.
»Was hat Sie zur Flucht getrieben?«, fragte ich in die Stille hinein.
Sie schaute mich einen Moment lang an, als wäre die Frage zu absurd, um sie mit einer Antwort zu würdigen.
»Mein Dad ...« Sie hustete leise, griff nach dem Wasserglas auf dem Nachttisch und trank einen Schluck. »Er führt Böses im Schilde.«
Ich runzelte die Stirn, und mein Herz schlug mir bis zum Hals. »Wie kommen Sie darauf?«
»Weil er uns nicht die Wahrheit gesagt hat. Der Sprengstoff ...«
»Ihr Vater bewahrt Sprengstoff in diesem Bunker auf?«
Clarissa zögerte. Ihre Hände krallten sich in die dünne Decke. Dann nickte sie. »Der Raum ist immer verschlossen, mit einem Code gesichert. Ich habe meinen Vater heimlich beobachtet. Später in der Nacht bin ich noch einmal hingegangen. Ich dachte, ich würde vielleicht ... einen Funksender finden, irgendwas. Stattdessen war da dieses ... Zeug. Säcke. Kisten. Alles mit Warnschildern.« Sie schluckte, hustete. »Dad hat immer gesagt, wenn jemand den Bunker entdecke, dann komme keiner von uns lebend raus. Bisher dachte ich, er meinte die Gefahr durch plündernde Banden, aber ...«
Sie brach ab, und eine Träne lief ihr über die Wange. Clarissa hatte begriffen, dass ihr Vater vorhatte, den Bunker in die Luft zu sprengen, sollte jemand von außen eindringen.
»War das der Grund für die Flucht?«, fragte ich.
Clarissa nickte. »Ich habe gewartet, bis alle geschlafen haben. Dann ... habe ich den Code für den Ausgang aktiviert.«
Ich sah sie erstaunt an. »Woher haben Sie den? Ich dachte, Ihr Vater ...«
»19041775«, entgegnete sie wie aus der Pistole geschossen. Und bevor ich nachfragen konnte, fügte sie hinzu: »19. April 1775. Die Schlacht von Lexington und Concord.«
Jetzt war der Groschen gefallen. Der Beginn des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Ein geschichtsträchtiges Datum und nicht nur unter selbst ernannten Freiheitskämpfern ein Symbol für den bewaffneten Widerstand gegen staatliche Bevormundung.
»Dad hat diesen Tag so oft erwähnt, dass es nicht schwer zu erraten war«, fügte Clarissa hinzu.
