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Im La Fontaine in Manhattan herrschte am späten Abend eine ruhige Atmosphäre. Unter den letzten Gästen befand sich Lorenzo Caprese. Er war der Enkel des Mafiapaten Victor Caprese. Zwei Männer betraten das Restaurant. Ein heftiger Streit mit dem Besitzer eskalierte, in dem es um die Zahlung von Schutzgeld ging. In einem Handgemenge wurde der Enkel des Mafiabosses erschossen. Die Täter flohen in wilder Panik. Wir vom FBI stellten Vermutungen darüber an, welche Hintergründe die Tat gehabt haben könnte. War Lorenzo tatsächlich ein zufälliges Opfer gewesen? Gab es Streitigkeiten innerhalb der Familie Caprese? Oder war Lorenzo in eine Fehde mit einer anderen Mafiafamilie geraten? In dem Fall mussten wir einen Krieg auf den Straßen New Yorks verhindern ...
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Spirale der Gewalt
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Alles ging rasend schnell. Von dem Moment an, als die zwei vermummten Männer mit gezogenen Pistolen in das Restaurant stürmten, blieben Lorenzo Caprese nur noch zwei Minuten zu leben. Es wäre vernünftiger gewesen, sitzen zu bleiben und abzuwarten. Doch wie hätte er das wissen sollen?
»He, was soll das?«, rief er stattdessen den Gangstern zu, während er aufstand und sich ihnen in den Weg stellte. »Sehe ich das richtig? Ihr wollt hier einen Überfall veranstalten? Ihr wisst wohl nicht, mit wem ihr es zu tun habt. Ich bin Lorenzo Caprese, verdammt noch mal! Ihr legt euch gerade mit dem Falschen an. Verschwindet auf der Stelle! Dann kommt ihr vielleicht ungeschoren davon!«
Die Gangster blickten sich an, schienen aber nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Offenbar konnten sie mit dem Namen Caprese nichts anfangen.
»Setz dich mal besser wieder hin!«, riet ihm einer der beiden. »Um dich geht es gerade nicht.«
Lorenzo Caprese lachte. »Ich setze mich nirgendwohin!«
Damit griff er in seine Jacke, wo ein schwarzes Pistolenholster zum Vorschein kam. Er versuchte, den Verschluss zu öffnen. Als er die Waffe endlich zu fassen bekam, war es zu spät.
Ein ohrenbetäubender Knall hallte durch das Restaurant, und Lorenzo Caprese brach getroffen zusammen. Seine Pistole fiel klappernd zu Boden, während er sich die Brust hielt und nach Luft schnappte.
Ich war gerade weggedämmert, als mich das Schrillen meines Telefons jäh aus dem Schlaf riss. Im ersten Moment wusste ich nicht, wo ich war – das Zimmer war dunkel, der Wecker zeigte kurz nach zwei. Ich griff blind nach dem Handy, das auf dem Nachttisch lag.
»Cotton«, murmelte ich mit rauer Stimme.
»Jerry, hier ist John D. High.«
Sofort war ich hellwach. Wenn der Chef mitten in der Nacht anrief, bedeutete das nichts Gutes.
»Was ist passiert?«, wollte ich wissen.
Ich konnte hören, wie Mr High tief durchatmete, bevor er antwortete. »Lorenzo Caprese wurde vor etwa einer Stunde im Restaurant La Fontaine mitten in Manhattan erschossen. Das NYPD ist bereits vor Ort, die Spurensicherung ebenfalls. Aber ich möchte, dass Sie und Phil sich die Sache so bald wie möglich selbst ansehen.«
Lorenzo Caprese. Der Name ließ mich innehalten. Lorenzo war der Enkel von Victor Caprese, dem Oberhaupt einer kleinen Mafiafamilie, die in den letzten Jahren zunehmend an Einfluss in der Unterwelt New Yorks gewonnen hatte. Die Capreses waren in Drogengeschäfte, Waffenhandel und Geldwäsche verwickelt. Allerdings fehlten bisher stichhaltige Beweise, um sie endlich hochgehen zu lassen. Victor Caprese war sehr vorsichtig und konnte sich auf verschwiegene Mitwisser verlassen. Unliebsame Zeugen verschwanden spurlos, bevor es zu einer Aussage kommen konnte.
»Glauben Sie, dass es um eine Fehde zwischen den Capreses und einer anderen Familie gehen könnte?«, fragte ich, während ich nach meiner Kleidung tastete.
»Das ist genau das, was Sie herausfinden sollen. Es könnte sich um einen internen Streit innerhalb der Familie oder um einen Konflikt mit einer anderen Gang handeln. Sie wissen, wie das läuft. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen, bevor die Situation eskaliert. Einen Bandenkrieg müssen wir unter allen Umständen verhindern. Dabei könnten auch Unschuldige zu Schaden kommen.«
»Vielleicht gibt es ganz andere Gründe für Lorenzo Capreses Tod. Möglicherweise ist sein Mörder im persönlichen Umfeld zu finden«, wandte ich ein.
»Das wäre mir am liebsten. Auch in diesem Fall müssen wir die Angelegenheit im Auge behalten. Victor Caprese wird den Tod seines Enkels sicher nicht auf sich beruhen lassen.«
Ich nickte, obwohl Mr High das nicht sehen konnte.
»Ich erwarte Ihren Bericht, sobald Sie vor Ort sind und erste brauchbare Erkenntnisse vorliegen.«
Das Gespräch endete abrupt, und ich starrte einen Moment auf das Smartphone in meiner Hand, bevor ich es zurück auf den Nachttisch legte.
Keine fünf Minuten später saß ich in meinem Jaguar. Der Motor brummte leise, während ich durch die stillen Straßen von Manhattan fuhr. Hier und da blitzten die Lichter eines vorbeifahrenden Taxis auf, während ich durch die breiten Avenues steuerte.
Mr High hatte auch Phil informiert. Er wartete bereits am üblichen Treffpunkt auf mich. Wir konnten uns also ohne jede weitere Verzögerung zum Tatort begeben.
Als ich vor dem Restaurant anhielt, spiegelten sich die blauen und roten Lichter der Streifenwagen in den Fenstern des Lokals. Der Eingang war abgesperrt. Mehrere Beamte standen draußen, rauchten und unterhielten sich leise. Ein paar Journalisten hatten sich eingefunden. Sie warteten hinter der Absperrung, ihre Kameras waren auf den Eingang gerichtet.
Ich stieg aus und trat auf die Absperrung zu. Phil tat es mir gleich. Einer der Polizisten nickte uns zu, als wir ihm unsere FBI-Ausweise zeigten, und hob das Band für uns an.
Sofort waren wir von Kameras und Mikrofonen umgeben.
»Was ist hier passiert?«
»Warum ist das FBI hier?«
»Ist jemand ermordet worden?«
Ich verstand das Interesse. Die Journalisten machten nur ihren Job.
Dennoch antwortete ich auf alle Fragen vorschriftsgemäß mit »Kein Kommentar«. Zu oft wurden Ermittlungen von allzu diensteifrigen Pressevertretern vermasselt, weil sie Ermittlungsergebnisse zu früh ans Licht der Öffentlichkeit brachten.
»Der Lieutenant ist drinnen«, sagte der Officer. »Er wartet bereits auf Sie, Agent Cotton.«
Auch das NYPD nahm die Angelegenheit sehr ernst. Normalerweise traf man mitten in der Nacht an den Tatorten nur Detectives an. Ganz selten war ein Polizist im Rang eines Lieutenants vor Ort.
Wir gingen durch die schwere Eingangstür des Restaurants. Abgesehen von den gedämpften Stimmen der anwesenden Cops herrschte Stille im Raum.
Der Anblick des großen Brunnens in der Mitte zog mich sofort in seinen Bann. Seine stilvolle Eleganz stand in krassem Gegensatz zu dem Drama, das sich hier vor wenigen Stunden abgespielt hatte.
Mitten im Raum lag die Leiche von Lorenzo Caprese. Sein weißer Anzug war blutdurchtränkt. Es war nicht zu übersehen, wo die Kugel in den Körper eingedrungen war. Sie hatte sehr wahrscheinlich einen Lungenflügel zerfetzt. Letztendlich hatten innere Blutungen zu einem relativ schnellen Tod geführt. Genaueres würde die Gerichtsmedizin herausfinden. Ich war mir aber ziemlich sicher, dass meine erste Einschätzung bestätigt werden würde.
Eine Pistole lag nur wenige Inch von seiner Hand entfernt. Das dazugehörige Holster war leer. Anscheinend hatte er es noch geschafft, die Waffe zu ziehen, um sich zu verteidigen. Der Mörder hatte offensichtlich eine schnellere Hand gehabt.
Er war zu jung, um so zu sterben, dachte ich, während ich einen Moment auf seinen leblosen Körper starrte.
Auch Steve Dillaggio und Zeerookah waren vor Ort.
Steve unterhielt sich mit Lieutenant Matt Brady, der ihm gestenreich schilderte, was sich hier zugetragen hatte. Ich kannte Matt als zuverlässigen Officer und war daher froh, dass er für die Ermittlungen in diesem Fall zuständig war. Die Zusammenarbeit mit dem NYPD würde dadurch unproblematisch verlaufen.
»Das sieht nicht gut aus, Jerry«, sagte Zeerookah mit ernstem Blick, als er auf uns zutrat. »Caprese hat anscheinend den Fehler begangen, sich mit den falschen Leuten anzulegen. Und nun ist er tot.«
»Was wissen wir über den Tathergang?«
»Nicht besonders viel. Caprese war in Begleitung einer jungen Frau. Sie haben hier gespeist und viel getrunken.«
»Seine Ehefrau?«
»Nein. Es handelt sich um eine enge Freundin. Sie ist sehr jung und außerordentlich hübsch.«
»Also eher Geliebte als Freundin.«
»Kann durchaus sein.«
»Hat man sie schon vernommen, Zeery?«
»Sie ist ziemlich hysterisch, wie du dir denken kannst.«
»Hat sie irgendwas gesehen? Kann sie uns etwas über den oder die Täter sagen?«
Zeerookah zuckte mit den Schultern. »Nichts Konkretes. Zwei Männer mit Schirmmützen und Halstüchern haben das Lokal kurz nach Mitternacht überfallen. Caprese wollte eingreifen. Als er seine Waffe zog, haben sie ihn niedergeschossen.«
»Was ist mit den anderen Gästen?«
»Caprese und seine Begleitung waren die letzten Gäste. Außer zwei Bedienungen und dem Inhaber war zum Tatzeitpunkt niemand mehr anwesend.«
Ich warf einen Blick auf den Tatort. »Und die beiden Täter?«
»Verschwunden. Keine Spur von ihnen, zumindest noch nicht. Sie haben keine Fingerabdrücke hinterlassen. Auf den Überwachungskameras ist sehr wahrscheinlich der Tathergang zu sehen.«
Zeerookah deutete auf ein Schild, das am Eingang befestigt war. »Die Gäste werden darauf hingewiesen, dass im Gastraum aus Sicherheitsgründen Kameras angebracht sind. Ob die Aufnahmen für eine Identifizierung der Täter reichen, müssen wir abwarten. Ich habe veranlasst, dass eine Kopie davon ins Field Office geschickt wird. Ben hat mit der Auswertung bereits begonnen.«
Das war eine gute Nachricht.
»Sind auch außerhalb des Lokals irgendwo Kameras, die uns weiterhelfen könnten? Es wäre interessant zu wissen, woher die Täter kamen und in welche Richtung sie nach der Tat geflohen sind.«
»Das wird gerade gecheckt. Kann allerdings eine Weile dauern, bis wir dazu erste Informationen erhalten. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auf brauchbares Material stoßen werden.«
Ich seufzte, zog mein Notizbuch aus der Tasche und notierte mir die Details. Das würde eine lange Nacht werden.
In einer Ecke des Lokals saß Lorenzo Capreses Begleitung. Sie war blass und wirkte verstört, als könnte sie das Geschehene nicht begreifen. Ich ging langsam auf sie zu, während sich Phil mit Zeerookah unterhielt.
»Miss?«, sagte ich sanft.
Ihre Augen flackerten, als sie zu mir aufsah.
»Ich bin Special Agent Cotton vom FBI. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«
Sie nickte stumm. Ihre Lippen zitterten. Sie war eindeutig in einem Schockzustand, doch ich musste versuchen, so viele Informationen wie möglich aus ihr herauszubekommen.
»Würden Sie mir zunächst sagen, wie Sie heißen?«
»Phyllis Sanborn. Mein Name ist Phyllis Sanborn.«
»Miss Sanborn, in welchem Verhältnis standen Sie zu dem Opfer?«
Statt einer Antwort fing die junge Frau an zu schluchzen.
»Miss Sanborn, ich kann mir gut vorstellen, wie aufgewühlt Sie in diesem Moment sein müssen. So leid es mir tut, ich muss Ihnen diese Fragen stellen. Und ich muss es jetzt tun. Je schneller wir Informationen über das Opfer und den Tathergang erhalten, umso größer ist die Chance, dass wir die Täter schnappen. Das verstehen Sie sicher.«
Phyllis Sanborn nickte.
»Lorenzo war mein Freund«, sagte sie mit belegter Stimme.
Ich bemerkte ihr Zögern. Es schien fast so, als wäre sie sich nicht ganz sicher, ob diese Aussage richtig war. Damit musste ich mich später näher beschäftigen. Nun war es erst einmal wichtig zu erfahren, was sich zum Tatzeitpunkt hier abgespielt hatte. Dabei konnte jedes winzige Detail von Bedeutung sein.
»Können Sie mir erzählen, was passiert ist?«, fragte ich.
Sie schluckte schwer und sprach anschließend mit leiser, brüchiger Stimme. »Wir waren zum Essen hier. Lorenzo hatte getrunken. Er war ein bisschen aufgedreht, aber das war normal für ihn.«
Sie stockte, ich ließ ihr Zeit.
»Dann kamen diese Männer. Sie waren maskiert. Plötzlich zogen sie Waffen. Sie waren anscheinend auf das Geld in der Kasse aus. So genau habe ich das nicht mitgekriegt.«
»Was ist dann passiert?«, fragte ich vorsichtig weiter.
»Lorenzo ...«, begann sie, und ihre Augen füllten sich dabei mit Tränen. »Er stand auf und hat ihnen gedroht. Er sagte, sie wüssten nicht, mit wem sie sich anlegen. Er dachte wohl, dass er sie allein mit Worten in die Flucht schlagen könnte. Und dann fiel ein Schuss.«
Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, um sie zu beruhigen. »Danke, Miss. Haben Sie irgendetwas gesehen oder gehört, das uns helfen könnte, die Täter zu identifizieren? Irgendetwas, das Ihnen aufgefallen ist?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe sie nicht genau gesehen. Es ging alles so schnell, und ich hatte solche Angst.«
»Das ist verständlich«, sagte ich mit sanfter Stimme.
Wir hatten keine konkrete Spur. Handelte es sich möglicherweise nur um einen Raubüberfall, der schiefgegangen war? Dann wäre Lorenzo Caprese nur ein zufälliges Opfer gewesen. Oder war er gezielt getötet worden?
Ich war mir ziemlich sicher, dass wir in diesem Fall nicht auf Fingerabdrücke oder verwertbares DNA-Material hoffen konnten.
Uns blieben nur die Zeugen und eventuell die Auswertung der Überwachungskameras.
Ich setzte mich an einen freien Tisch und winkte Phil zu mir heran.
»Wen knöpfen wir uns als Nächsten vor?«, fragte ich meinen Partner.
»Steve und Zeerookah kümmern sich gerade um den Eigentümer des Restaurants und die Bedienung. Daher würde ich vorschlagen, dass wir mit dem Kellner weitermachen.«
»Einverstanden.«
Phil stand auf, um den Mann herzuholen, der orientierungslos im Raum zu stehen schien.
Als der Mann schließlich bei mir war, bedeutete ich ihm sich zu setzen. Er mochte um die fünfzig Jahre alt sein. Sein dichtes, kurz geschnittenes Haar wies erste graue Strähnen auf.
»Mister ...?«
»Manning. Ernesto Manning.«
»Mister Manning, ich bin Agent Cotton. Und das ist mein Partner Agent Decker. Wir versuchen herauszufinden, was sich hier zugetragen hat. Bitte schildern Sie uns den Ablauf der Geschehnisse aus Ihrer Sicht.«
Zum Tathergang selbst konnte Manning keine genaueren Angaben machen. Er bestätigte mehr oder weniger das, was ich von Phyllis Sanborn gehört hatte. Auch er betonte, dass alles sehr schnell gegangen war.
Allerdings schien es sich laut seiner Aussage nicht um einen normalen Überfall gehandelt zu haben. Die Täter hatten davon gesprochen, in Zukunft regelmäßig Schutzgeld kassieren zu wollen. Das deutete auf die Beteiligung einer Mafiafamilie hin.
»Können Sie sich an den genauen Wortlaut erinnern?«
»Ja. Ich habe alles genau gehört. Ich stand ja keine zehn Yards von den Mistkerlen entfernt, als sie Howard mit lautstarker Stimme darlegten, was sie von ihm wollten.«
»Howard ist der Besitzer des Lokals?«, vergewisserte ich mich.
»Genau, Howard Bligh. Ein feiner Kerl, kann ich Ihnen sagen.«
»Okay. Und was haben sie gesagt?«
»Sie haben ihm gedroht und von regelmäßigen Zahlungen gesprochen, die er leisten solle. Andernfalls würden sie das Lokal abfackeln.«
Die ganze Geschichte kam mir merkwürdig vor. Auch wenn es sich um eine Schutzgelderpressung handelte, war ein solches Vorgehen untypisch für die Mafia. In diesen Kreisen versuchte man, möglichst nicht aufzufallen. Daher war ein derart stümperhaftes Vorgehen mehr als ungewöhnlich.
»Ist Ihnen an den Tätern irgendetwas aufgefallen? Denken Sie bitte nach. Jede vermeintliche Kleinigkeit kann für unsere Ermittlungen von Bedeutung sein«, sagte ich.
Manning senkte den Blick und starrte die Tischplatte an. Er vermied es, mir in die Augen zu sehen, als er antwortete. »Was meinen Sie damit?«
»Wie sahen die Täter aus?«, antwortete Phil an meiner Stelle. »Welche Kleidung trugen sie? Hatten sie irgendwelche körperlichen Merkmale? Tattoos? Narben? Wie hörten sich ihre Stimmen an? Sprachen sie mit einem Akzent? Solche Dinge sind für uns sehr interessant. Dadurch gelingt es uns vielleicht, die Anzahl der möglichen Täter einzugrenzen.«
»Mir ist gar nichts aufgefallen«, flüsterte Manning. »Verstehen Sie, ich fürchtete um mein Leben. Ich stehe unter Schock.«
Er hob seine zitternde Hand und streckte sie uns demonstrativ entgegen. Der gute Mann war tatsächlich mit den Nerven am Ende. Vielleicht konnten wir ihn ein bisschen beruhigen, indem wir das Gespräch in eine andere Richtung lenkten.
»Erzählen Sie uns, was vor dem Überfall geschehen ist«, bat ich.
»Wir haben gewartet«, antwortete Manning.
»Gewartet? Worauf?«, wollte ich wissen.
»Na, bis Caprese und seine Tussi endlich gehen. Sie waren die letzten Gäste. Aber daran war überhaupt nicht zu denken. Die beiden hatten ja wichtige Dinge zu bereden.« Beim letzten Satz war ein sarkastischer Unterton nicht zu überhören.
»Welche Dinge?«
Manning zögerte. »Na ja, ich habe nicht gelauscht, Agent Cotton. Das ist nicht meine Art. Ich respektiere die Privatsphäre unserer Gäste, das müssen Sie mir glauben. Doch das Gespräch war so laut, dass man es gar nicht überhören konnte.«
»Keine Sorge. Uns ist schon klar, dass das Personal manchmal ungewollt Gesprächsfetzen auffängt, ohne lauschen zu müssen. Das liegt in der Natur der Sache. Also, worüber haben die zwei gesprochen?«
»Sie haben über ihr gemeinsames Kind gesprochen, Agent Cotton. Besser gesagt, über das Kind, das Lorenzo Capreses Freundin erwartet. Und er war offenbar nicht sehr erfreut darüber, Vater zu werden.«
Das war tatsächlich interessant. War Caprese nicht verheiratet? Konnte die Schwangerschaft von Phyllis Sanborn möglicherweise ein Motiv für die Tat sein? Hatte sie einen eifersüchtigen Ehemann, der durchgedreht war? War diese allzu plakativ dargestellte Schutzgelderpressung nur als Ablenkung vom eigentlichen Motiv für die Tat gedacht gewesen? Meine Gedanken rasten. Warum hatte uns die junge Frau vorhin nichts von dem Streit erzählt? Sie hatte es so dargestellt, als hätten sie einen unbeschwerten Abend im La Fontaine verbracht.
»Vielen Dank, Mister Manning. Sie haben uns sehr geholfen«, sagte ich.
Der Kellner war sichtlich froh, von uns entlassen zu werden.
»Kann ich nach Hause fahren?«, fragte er, als er aufstand.
»Ja, aber halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung. Wir werden Sie sicherlich noch einmal befragen. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas ein, das für uns Bedeutung sein könnte. Rufen Sie mich in diesem Fall bitte sofort an.« Damit reichte ich ihm meine Visitenkarte.
Manning nahm sie entgegen und wechselte ein paar Worte mit seinem Chef, dann zog er seine Jacke an und verließ das Restaurant.
»Was denkst du, Phil?«, fragte ich, während ich mich zurücklehnte.
»Es kommen schwierige Ermittlungen auf uns zu. Lorenzo Capreses Tod wird hohe Wellen schlagen. Nicht nur das FBI wird hinter den Tätern her sein.«
