Jerry Cotton 3579 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton 3579 E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Im Hotel The Langham an der Fifth Avenue trafen sich Vertreter der IISA Trade Show mit den polnischen Betreibern eines neuartigen Fahrgeschäfts. Diese wollten sich mittel- bis langfristig auf dem amerikanischen Markt etablieren. Im Anschluss an das Begrüßungsdinner wurde Ted Banson, der Marketingchef der Messe, erstochen im Aufzug aufgefunden. Vorher war er mit einer jungen Frau in der Hotelbar gesehen worden. Wir erhielten einen Tipp von einem FBI-Kollegen aus Florida. Dort beschäftigte seit einigen Jahren eine Mordserie die Ermittlungsbehörden. Vielleicht war Banson einer Serienkillerin zum Opfer gefallen, die bereits vierzehn Männer getötet hatte. Und eines war klar, die Täterin würde nicht aufhören zu morden, wenn wir sie nicht aufhielten ...

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Ein reiner Engel

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Ein reiner Engel

»Du hast 'nen Blick drauf, als ob du es gerne hart magst – genau wie ich!«

Zum wiederholten Mal landete die Pranke von Ted Banson auf dem Hintern der bereits schwer genervten Serviererin.

»Hör endlich auf mit dem Scheiß!«, zischte Luka Crouch. »Du blamierst die ganze Firma!«

»Neidisch, du Knirps?« Banson grinste ihn hämisch an.

Okay, er war betrunken. So what? Er hatte der IISA Trade Show das geilste Fahrgeschäft ever besorgt. Die Horror Box 5.0. Der absolute Knaller. Er hatte allen Grund zu feiern.

Die Serviererin kehrte zurück. Crouch schloss die Augen und presste die Lippen aufeinander.

Und schon klatschte es erneut vernehmlich.

»Ich bin kein Bäcker, Baby, aber wenn du willst, kann ich dir ordentlich den Teig kneten!«

Gestern Nachmittag waren sie angekommen, und heute Abend gab es das Begrüßungsdinner für die polnische Delegation. Ted Banson war in Hochstimmung. Der zwölf Fuß hohe Speisesaal im The Langham mit seinen kunstvoll verzierten Stuckprofilen und den goldenen Wandleuchten im Art-déco-inspirierten Design war dafür genau der richtige Rahmen.

Bob Parson, der Boss der IISA Trade Show, hatte die polnischen Gäste mit einer launigen Rede willkommen geheißen und dabei die Bedeutung der Trade Show herausgehoben.

Bei dieser internationalen Show, die einmal im Jahr in Gibsonton, Florida, veranstaltet wurde, handelte es sich um eine der bedeutendsten Fachmessen der Schausteller- und Vergnügungsindustrie.

Wer hier vertreten war, dem standen sämtliche Vergnügungsparks, Jahrmärkte und Unterhaltungsevents weltweit offen.

Die Trade Show war aber nicht nur eine Fachmesse, sondern auch ein Treffpunkt für die internationale Schaustellercommunity. Sie bot eine einzigartige Gelegenheit, neue Produkte zu entdecken, sich weiterzubilden und Kontakte zu knüpfen.

Ted Banson hob seinen Whiskytumbler und prostete ungelenk einem weiblichen Mitglied der polnischen Delegation zu. Sie gefiel ihm, und er würde die nächsten Tage dazu nutzen, ihre Bekanntschaft zu vertiefen.

Eine Polin fehlte ihm noch in seiner umfangreichen Sammlung intimer Abenteuer. Die junge Frau übersah seinen Wink geflissentlich. Auch das konnte seinen Jagdeifer nicht bremsen. Es reizte ihn nur noch mehr.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie Luka Crouch vertraulich mit Bob Parson sprach. Sicher beschwerte er sich über seinen harmlosen Flirt mit der hübschen Serviererin.

Ted Banson verzog das Gesicht. Seit der Account Manager vor einem Jahr in die Firma gekommen war, kabbelten sie sich.

Der Junge hatte einfach keinen Humor. Er war prüde und zickig wie eine Mormonenjungfer. Banson war sich sicher, dass er noch nie eine Freundin gehabt hatte, obwohl er stramm auf die Dreißig zuging.

Bob Parson erhob sich und schlug mit einem Dessertlöffel dezent an sein Weinglas.

»Ich hoffe, Sie alle waren einverstanden mit dem Menü aus der preisgekrönten Küche des Ai Fiori. Besonders unsere Gäste aus Warschau haben einen ausgesprochen anstrengenden Tag hinter sich. Wer darum jetzt das Bedürfnis nach Ruhe und einem warmen Bett verspürt, der möge sich gerne auf sein Zimmer zurückziehen. Alle anderen lade ich ein, den überaus interessanten Abend im Loungebereich der angrenzenden Bar ausklingen zu lassen.«

Die Delegation der HB Polska bestand aus fünf Mitarbeitern. Bis auf den Geschäftsführer verabschiedeten sich alle höflich von ihren Gastgebern und zogen sich auf ihre Zimmer zurück.

Von den Vertretern der IISA Trade Show folgten Vicky Largo, Luka Crouch und Ted Banson ihrem Boss Bob Parson in die Bar und ließen sich hier in einer kleinen Sitzecke mit niedrigen nachtblauen Sofas nieder.

Die Stimmung war nun lockerer. Bob Parson gab ein paar Anekdoten über das ein oder andere abgedrehte Fahrgeschäft und seine schrägen Betreiber zum Besten.

Und Jerzy Wozniak, der sympathische Konstrukteur der Horror Box 5.0, erzählte lustig von seinem letzten Weihnachtsfest im Familienkreis, an dem neben seinen sieben Kindern achtzehn weitere Verwandten teilgenommen hatten, von denen drei Neffen erst am zweiten Weihnachtstag in einer Ausnüchterungszelle aufgewacht waren.

Als nach Mitternacht die asiatisch anmutende Kellnerin an ihren Tisch trat, um eine weitere Bestellung aufzunehmen, umklammerte Ted Banson besitzergreifend ihre Taille und zog sie auf seinen Schoß.

»Mäuschen, bei deinem Hintern vergesse ich glatt, was ich bestellen wollte«, nuschelte er mit schwerer Zunge.

Zitternd vor Wut knallte Luka Crouch sein Whiskyglas auf die Tischplatte und schnellte hoch.

»Ich wünsche noch einen angenehmen Abend!«, stieß er hervor und verließ genervt die Bar.

Bob Parson brauchte sein ganzes diplomatisches Geschick, um die irritierten Gäste wieder herabzudimmen. Trotzdem kam nach diesem Fauxpas keine rechte Stimmung mehr auf, und zwanzig Minuten später löste sich die kleine Gesellschaft auf.

Lediglich Ted Banson blieb und verzog sich mit schleppenden Schritten an die Bar, wo er sich mühsam auf einen Hocker hievte.

»Wie wär's mit einem starken Kaffee?«, empfing ihn der Barkeeper, bevor Ted einen weiteren Bourbon in Auftrag geben konnte.

Banson nickte schwerfällig, unfähig zur Gegenwehr, und versuchte angestrengt sich zu erinnern, was genau ein Kaffee war und was man damit anstellte.

Erst als die dampfende Tasse vor ihm stand, nahm er von dem Gedanken Abstand, dass man sich damit die Schuhe putzte.

»Harten Tag gehabt, Mister?«

Ted Banson starrte den freundlich lächelnden Mann hinter der Theke an. »Was?«

»Ich meine, hatten Sie einen anstrengenden Arbeitstag und holen sich hier die nötige Bettschwere?«

Banson untersuchte jedes einzelne Wort auf mögliche Fallen und versteckte Bedeutungszusammenhänge. Dann verzog er den Mund zu einem hintersinnigen Lächeln.

»Ein Betthäschen wäre mir bedeutend lieber«, erwiderte er zwinkernd. »Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ich denke schon«, gab der Barkeeper mit routinierter Höflichkeit zurück. Dann warf er einen Blick in die fast menschenleere Bar. »Allerdings fürchte ich, damit werden Sie heute kein Glück haben.«

Es gab solche Momente im Leben, auch wenn sie selten waren. Momente, in denen man an so etwas wie eine übergeordnete Fügung glauben möchte.

Denn kaum hatte der Barkeeper zu Ende gesprochen, als die Tür aufging und eine atemberaubend hübsche junge Frau eintrat und sich suchend umschaute.

Ted Banson und der Barkeeper tauschten einen ungläubigen Blick. So was kam doch sonst nur in Märchen vor.

Oder in sehr schlechten Filmen.

Schlagartig kehrte die Lebenskraft in Ted Banson zurück. Er rutschte von seinem Hocker und machte einen Schritt auf die Unbekannte zu.

»Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Miss. Darf ich Sie einladen? Zu einem Getränk Ihrer Wahl?«

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Sehr freundlich. Ja gerne. Ein Bourbon wäre prima. Bitte mit Eis.«

Banson nickte dem Barkeeper triumphierend zu und zeigte ihm zwei Finger. Er war zurück im Spiel! Und wusste auf einmal wieder ganz genau, was die Situation erforderte.

Er rückte der jungen Frau zuvorkommend einen Hocker zurecht. Kurz darauf stießen sie mit ihren Gläsern an.

»Auf einen schönen Abend!«, sagte Ted Banson mit einem gewinnenden Lächeln, hinter dem sich ein Knäuel strategischer Hintergedanken verbarg.

»Ich bin froh, dass ich Ihnen begegnet bin«, erwiderte sie mit entwaffnender Ehrlichkeit. »Ich war noch nie in New York und kenne hier keinen Menschen. Der Taxifahrer hat mich vor dem Hotel abgesetzt. Ich habe nicht mal nach einem Zimmer gefragt. Stattdessen habe ich mich gleich in die Bar verirrt.«

Banson betrachtete ihr hübsches Gesicht. Sie war stark geschminkt, wahrscheinlich aus purer Unsicherheit, denn das hatte sie gar nicht nötig.

»Sind wir uns schon mal irgendwo begegnet?«, rätselte er. »Irgendwie ist mir so, als hätte ich Sie schon einmal gesehen.«

Die junge Frau lächelte unangenehm berührt. »Soll ich Ihnen was verraten? Das bekomme ich immer wieder zu hören. Offenbar habe ich ein Allerweltsgesicht, das jeden an irgendwen erinnert.«

Ted Banson hob übertrieben abwehrend die Hände. »Um Gottes willen, so hab ich das nicht gemeint. Jetzt verrate ich Ihnen auch etwas. Ich bin schon lange nicht mehr so einer hübschen Frau begegnet wie Ihnen. Ehrenwort!«

Das Kompliment tat seine Wirkung.

»Sie sind ein Schmeichler«, sagte die Frau und drohte spielerisch mit dem Finger. »Vor solchen Leuten muss man sich in Acht nehmen.«

»Vor mir nicht«, versicherte Banson mit treuherzigem Augenaufschlag. »Ich bin der harmloseste Mensch, den Sie sich vorstellen können. Das wird Ihnen jeder aus meinem Bekanntenkreis bestätigen.«

Sie trank ihr Glas aus. Als sie es zurück auf die schwarze Marmortheke stellte, unterdrückte sie ein Gähnen.

»Sie sind nicht etwa schon müde?«, erkundigte sich Ted Banson besorgt. Er sah seine Felle unversehens davonschwimmen.

»Ich bin sehr früh aufgestanden und war den ganzen Tag unterwegs«, entschuldigte sich die junge Frau. »Normalerweise bin ich eine Nachteule.«

Hinter Bansons Stirn arbeitete es. Vielleicht gab es doch noch eine letzte, eine allerletzte Chance, den Abend zu einem befriedigenden Ende zu bringen.

»Vorschlag: Ich zeige Ihnen jetzt mein Zimmer, dann können Sie entscheiden, ob es Ihren Anforderungen genügt, oder ob Sie sich lieber nach einem anderen Hotel umsehen wollen.«

Sie kniff die Augen zusammen und musterte ihn prüfend. »Und Sie versprechen mir, dass Sie dabei keine Hintergedanken haben?«

Ruckartig streckte Banson drei Finger in die Luft. »Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist!«

Trotzdem zögert sie einen Moment, bis sie sich endlich einen Ruck gab. »Also schön, ich vertraue Ihnen.«

Zufrieden nickte Ted Banson dem Barkeeper zu. »Setzen Sie es auf die IISA-Rechnung.«

»Alles klar, Sir.«

Ted Banson spürte den ungläubigen Blick des Barkeepers im Rücken, als er hinter seiner Zufallsbekanntschaft die Bar verließ.

Es war ein wohliges Gefühl.

Während sie auf den Lift warteten, zog die junge Frau mithilfe eines kleinen Taschenspiegels ihre Augenbrauen nach.

»Ich bitte Sie, das haben Sie nicht nötig.« Banson schüttelte galant den Kopf. »Im Grunde brauchen Sie überhaupt kein Make-up. Sie sind eine natürliche Schönheit, wie man sie heutzutage nur noch selten sieht.«

Verschämt lächelnd steckte sie den Spiegel wieder ein.

Die Lifttüren öffneten sich lautlos.

»Wo liegt Ihr Zimmer?«

»In der dreizehnten Etage.«

Banson drückte auf den entsprechenden Knopf.

»Es gibt Leute, die weigern sich, auf dieser Etage zu wohnen.«

»Warum?«

»Weil es Unglück bringt.«

Er sah etwas Silbernes blitzen und spürte einen unmenschlichen Schmerz in der Brust.

Dann spürte er nichts mehr.

»Howdy«, begrüßte mich mein Partner Phil Decker aufgeräumt, als er an der gewohnten Ecke zu mir in den Jaguar stieg.

Wenn er dieses Codewort benutzte, wusste ich, dass er ein großartiges Wochenende verbracht hatte und bereit war, sich voller Elan in die neue Arbeitswoche zu stürzen.

»Ihr Name?«

»Christine. Eine alte Jugendfreundin. Lebt heute mit Mann und drei Kindern in Ohio.«

»Und der hat nichts dagegen, dass seine Frau ihr Wochenende mal eben bei ihrer alten Flamme verbringt?«

»Keine Angst, geschlafen hat sie bei ihrer Schwester in Flatbush. Aber Samstagabend waren wir im Yankee Stadion und haben das wilde Derby gegen die Mets gesehen.«

Ich zog anerkennend die Brauen hoch. »Eine Frau, die sich für Baseball interessiert. Du hast recht, die muss man sich warmhalten.«

»Gestern haben wir uns dann noch mit ihrer Schwester und deren Mann einen ausgedehnten Brunch im Prospect Park gegönnt. Anschließend habe ich Christine zum Flughafen gebracht.« Er streckte genüsslich die Beine aus und verschränkte die Arme hinterm Kopf. »Und wie war dein Wochenende, Partner?«

Da gab es nicht viel zu erzählen. Den Samstag hatte ich damit verbracht, mein Apartment auf Vordermann zu bringen. Und am Sonntag hatte ich mir in der Galerie Zwirner in Chelsea eine spektakuläre Lichtinstallation des amerikanischen Künstlers Doug Wheeler angeschaut.

Im Field Office schien das ereignisreiche Wochenende eine unerwartete Fortsetzung zu finden. Die Tür zu unserem Büro stand weit offen, und unsere Kollegen und Kolleginnen standen fröhlich plaudernd um Phils Schreibtisch herum.

Als wir näher traten, entdeckte ich eine große Schale mit kandierten Äpfeln, Funnel Cakes und Fried Oreos.

»Hat jemand Geburtstag?«, fragte ich irritiert in die Runde.

Dionne Jackson nahm lächelnd einen knallroten kandierten Apfel und reichte ihn mir.

»Ich war gestern mit Lamonte auf dem Coney Island Boardwalk. Sein Freund hat dort Geburtstag gefeiert. Ich habe euch ein paar Spezialitäten von da mitgebbracht.«

Phil bekam einen Deep fried Oreo in die Hand gedrückt und betrachtete ihn skeptisch von allen Seiten, bevor er kräftig hineinbiss.

»Wir waren auch im Luna Park«, berichtete Dionne strahlend. »Sind sogar mit dem Cyclone gefahren, einer hölzernen Achterbahn von 1927. Ich kann euch sagen, das ist nichts für schwache Nerven!«

Offenbar war jeder schon einmal an diesem ikonischen Küstenabschnitt in Brooklyn gewesen und gab jetzt seine eigenen persönlichen Erlebnisse zum Besten.

Kristen Steele hatte als kleines Mädchen einmal die Freakshow besucht und konnte danach tagelang nicht schlafen.

Ben Bruckner war mit seiner Schulklasse am Boardwalk gewesen und hatte sich später zu Hause den Mund verbrannt, als er versuchte, den Feuerschlucker nachzumachen.

Und Zeerookah war bei einem Looping einmal fast aus dem Thunderbolt gefallen, einer modernen Stahlachterbahn mit Steilkurven und G-Kräften zum Abheben.

Steve Dillaggio war gerade dabei, eine Clownnummer aus der Circus Sideshow verblüffend echt nachzumachen, als Helen hereinkam und mir dezent zunickte.

»Der Chef will euch sprechen.«

Ich gab Phil ein Zeichen und legte meinen kandierten Apfel neben das Keyboard auf den Schreibtisch. Dann machten wir uns auf den Weg zum Büro von Mr High.

Er war in einen Text auf seinem Bildschirm vertieft und bot uns mit einer Handbewegung Platz an, ohne aufzusehen.

»Ich bin sofort bei Ihnen«, murmelte er, während er sich Notizen auf einem Blatt Papier machte.

Nach einer Weile schloss er die Datei, erhob sich und kam zu uns an den Besprechungstisch.

»Was fällt Ihnen zu dem Phantom von Florida ein?«

Phil und ich tauschten einen überraschten Blick. Mit allem hatten wir gerechnet, aber nicht mit einem Fall, der seit Jahren in der Zuständigkeit des Field Office in Tampa lag.

»Eine junge Frau, die seit einigen Jahren wahllos Morde begeht«, antwortete Phil zögernd.

»Wobei die Opfer ausschließlich Männer sind«, ergänzte ich. »Es ist einer der ungeklärten Fälle der Kollegen in Tampa, dabei wird die Aufklärung zusätzlich dadurch erschwert, dass die mutmaßliche Täterin ständig ihre Identitäten wechselt.«

Mr High nickte nachdrücklich. »Darum die Bezeichnung Phantom. Seit zehn Jahren – denn vor zehn Jahren geschah der erste Mord – spreche ich bei jeder Zusammenkunft in Washington mit den Kollegen aus Florida über diesen Fall und erlebe ihre wachsende Verzweiflung. Denn trotz erheblichem Aufwand an Zeit, Geld und Personal sind sie in dieser Zeit der Aufklärung des Falls keinen Schritt näher gekommen.«

Ich versuchte immer noch, mir einen Reim auf diese Ausführungen zu machen.

»Mit anderen Worten, sie bitten uns um Amtshilfe?«, fragte ich.

Über das Gesicht unseres Chefs flog ein Lächeln. »Diese Blöße würden sie sich kaum geben. Nein, es sieht eher so aus, als hätte das Phantom seinen Aktionsradius erweitert.«

Ich runzelte die Stirn. »Soll das heißen, es ist jetzt unser Fall?«

Mr High hob beschwichtigend die Hand. »Der Reihe nach. Ich erhielt vorhin den Anruf eines Kollegen aus Tampa. Special Agent Floyd Markle. Ich bin ihm bei der letzten Jahrestagung in Washington begegnet. Ein guter Mann. Leitet die Ermittlungen im Phantom-Fall.«

Mr High warf einen Blick auf seine Notizen. Wir ließen ihm Zeit.

»In den Tagesberichten las er heute Morgen von einem Mord im The Langham an der Fifth Avenue. Ein Hotelgast wurde im Aufzug niedergestochen. Weil ihm einige Angaben zur Tat dubios erschienen, meldete er sich beim zuständigen Beamten des Midtown North Precinct, Detective Sergeant Josh Cardinal, und erkundigte sich nach den näheren Tatumständen.« Er schob das Blatt von sich weg und sah uns angespannt an. »Um es kurz zu machen – Special Agent Floyd Markle sieht bei dieser Tat deutliche Hinweise darauf, dass sie vom Phantom verübt wurde.«

»Hat er erklärt, welche Hinweise genau er damit meint?«

»Nicht am Telefon, Jerry. Das wird er Ihnen heute Abend persönlich sagen, wenn Sie ihn am JFK Airport abholen.« Er erhob sich zum Zeichen, dass die Unterredung zu Ende war und kehrte zurück an seinen Schreibtisch. »Aber erst einmal werden Sie sich vor Ort selbst ein Bild machen. Hotel The Langham, 400 Fifth Avenue. Melden Sie sich bei Detective Sergeant Josh Cardinal. Viel Erfolg, Agents!«

Als ich die Lobby des Fünfsterneluxushotels betrat, fühlte ich mich unvermittelt in eine Parallelwelt versetzt. Eine Welt, in der man niemals Geldsorgen hatte, sich von den exquisitesten Menüs der weltweit besten Köche ernährte und in dem Bewusstsein lebte, dass alle anderen Menschen ausschließlich damit beschäftigt waren, einem selbst das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

Bei Zimmerpreisen zwischen vierhundert und fünfzehnhundert Dollar pro Nacht würde ich allerdings nie in die Verlegenheit kommen, diese Vorstellung einem Realitätscheck zu unterziehen.

Dass unter diesem Dach in der vergangenen Nacht ein Mensch gewaltsam aus dem Leben gerissen worden war, musste man unwillkürlich für Fake News halten, wenn man die entspannten und sorglosen Mienen der Hotelgäste betrachtete, die sich um diese Zeit im Foyer aufhielten.

Der Concierge am Empfang, einer junger Mann mit Stirnglatze und einem Adamsapfel von der Größe eines Gänseeis, musterte unsere ID Cards wie Kakerlaken, die über sein Frühstücksmüsli wanderten.

»Nehmen Sie den linken Flur, Raum 23«, raunte er uns zu, wie man sich eine Fluse vom gestärkten Oberhemd wischte. »Detective Sergeant Cardinal erwartet Sie.«

Das tat er tatsächlich, und seiner Miene nach zu schließen, fühlte er sich in dieser Umgebung ähnlich fehl am Platz wie ich.

Zwei seiner Mitarbeiter saßen an dem einzigen Tisch im Raum, einem protzigen Ungetüm aus Ebenholz, dessen Wert ich auf sechs durchschnittliche Monatsgehälter taxierte, und gingen konzentriert ihrer Arbeit nach.

»Dann erzählen Sie mal, Detective, was genau ist letzte Nacht hier passiert?«, wandte ich mich an den leitenden Mordermittler, nachdem wir uns vorgestellt hatten. Sein sympathisches Gesicht erinnerte mich an einen sprechenden Karpfen aus einem alten Kinderbuch.

Josh Cardinal nahm seinen schmalen Notizblock zu Hilfe. »Nach unseren bisherigen Erkenntnissen geschah der Mord zwischen 1:12 und 1:26 Uhr, und zwar in Aufzug 7. Beim Opfer handelt es sich um einen gewissen Edward Banson, Marketingchef bei IISA Trade Show.«

»Der – was?«, hakte Phil verwirrt nach.