Johann Sebastian Bach - La Mara - E-Book

Johann Sebastian Bach E-Book

La Mara

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Beschreibung

Die Biografie eines der wohl berühmtesten deutschen Komponisten aus der 1868-1882 in Leipzig erschienenen 5-bändigen Reihe "Musikalische Studienköpfe."

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Johann Sebastian Bach

La Mara

Inhalt:

Marie Lipsius (La Mara) – Biografie und Bibliografie

Johann Sebastian Bach

Johann Sebastian Bach, La Mara

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com

Marie Lipsius (La Mara) – Biografie und Bibliografie

Unter dem Pseudonym La Mara bekannte Musikschriftstellerin, geb. 30. Dez. 1837 in Leipzig, verstorben am 2. März 1927 in Schmölen. Hat sich besonders durch ihr anziehendes und vielverbreitetes Werk »Musikalische Studienköpfe« (Leipz. 1868–82, 5 Bde. in wiederholten Auflagen; Bd. 1 in 7. Aufl. 1894) einen Namen gemacht. Außerdem veröffentlichte sie: »Musikalische Gedanken-Polyphonie. Aussprüche berühmter Tonsetzer über ihre Kunst« (Bresl. 1873); »L. van Beethoven« (2. Aufl., Leipz. 1873); »Im Hochgebirge, Skizzen aus Oberbayern etc.« (das. 1876); »Das Bühnenfestspiel in Bayreuth« (das. 1877); »Sommerglück«, Skizzen (Karlsr. 1881); »Musikerbriefe aus fünf Jahrhunderten« (Leipz. 1886, 2 Bde.); »Klassisches und Romantisches aus der Tonwelt« (das. 1892); »Im Lande der Sehnsucht. Cicerone durch italienische Kunst und Natur in Versen« (das. 1901) sowie eine deutsche Bearbeitung von Liszts Werk »Friedrich Chopin« (das. 1880) und mehrere Sammlungen von Briefen Franz Liszts (Weiteres s. Liszt 1) und »Berlioz' Briefe an die Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein« (das. 1903).

Wichtige Werke:

Musikalische Studienköpfe, 5 Bde., Leipzig 1868-1882:Classisches und Romantisches aus der Tonwelt, Leipzig 1892.Beethovens unsterbliche Geliebte. Das Geheimnis der Gräfin Brunswik und ihre Memoiren, Leipzig 1909.Liszt und die Frauen, Leipzig 1911.Beethoven und die Brunsviks. Nach Familienpapieren aus Therese Brunsviks Nachlass, Leipzig 1920.An der Schwelle des Jenseits. Letzte Erinnerungen an die Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein, die Freundin Liszts, Leipzig 1925.

Johann Sebastian Bach

I.

Groß, gewaltig, voll eherner Kraft, ragt aus dem achtzehnten Jahrhundert, das uns die höchste Blüte der Tonkunst gebar, die Gestalt Johann Sebastian Bach's hervor. Wie eine Wundererscheinung staunen wir ihn, den Begründer und Vater der deutschen Tonkunst, wie ihn Marx genannt, den größten Harmoniker und Contrapunktisten, Orgelspieler und Kirchencomponisten, den die Welt je gesehen, noch heute an. Die schlichten Gebilde des Volksgeistes: Volkslied und Choral dienen ihm zum Fundament seiner Riesenbauten, und was er singt und mit souveräner Meisterschaft gestaltet, legt er am Altar des Höchsten nieder. Ihm erklingen seine Preis-, seine Dank-und Bittgesänge, wie die Menschheit keine erhabeneren kennt. Seine Weise ist ernst, oft hart und herbe; sie weiß nichts von schmeichelndem Klangreiz und sinnlichem Zauber – wol aber von ethischer, sittigender Kraft. Gefühlsüberschwang, Empfindsamkeit sind ihr fern; sie ist eine durchaus gesunde Kost, wie das tägliche Brod, dessen wir nie überdrüssig werden. Sie ist, wie die alten Griechen es forderten, ein bildender Factor an der Erziehung des inwendigen Menschen. Diese Musik buhlt nicht um die Gunst der Menge. Was wäre die auch dem Genius gewesen, der einsam droben stand auf höchsten Höhen seiner Kunst, von Keinem übertroffen, von Vielen bewundert, aber von Wenigen verstanden! Der Welt und ihrem Treiben abgewandt, nur ab und zu mit ihr vorübergehend in Berührung gebracht, ganz nur nach Innen gekehrt, schuf er voll Naivetät und Tiefsinns, voll Einfalt und Gelehrsamkeit nur sich selbst zur Genüge, was der Geist ihm eingab, unbekümmert darum, ob man draußen seiner achtete, oder ob die Schätze seines unvergleichlichen Wissens und Könnens, von denen Jahrhunderte noch zu zehren vermochten, verborgen und vergraben blieben. Ihm war es genug, wenn sie die Gemeinde, für die er sie schrieb, erbauten und erhoben; nach dem lauten Ruhm der Mit- und Nachwelt fragte der stolze Meister nicht, der seine höchste Ehre darin erblickte, Höchstes zu leisten und seine Kunst in den Dienst des Herrn zu stellen.

In dieser seiner tiefen Innerlichkeit, seiner allem äußeren Glanz abholden Wesenheit hat man ihn als den musikalischen Vertreter des Lutherthums, des Protestantismus bezeichnet; während man wiederum seine Tonschöpfungen in ihrem kühnen, himmelanstrebenden Bau, ihrer reichen, vielverschnörkelten Ornamentik den aus gleicher Gottbegeisterung erwachsenen gothischen Dombauten verglich. Wie unsere Zeit diese letzteren zu erhalten und vor zeitlichem Verfall zu schützen strebt, wie sie selbst unvollendet Gebliebenes zu ergänzen und zu herrlicher Vollendung zu bringen sich müht, so hat sie sich's auch vorzugsweise zur Aufgabe gestellt, die Thaten Bach's wieder lebendig werden zu lassen für das Genießen der Gegenwart. Was lange in Schlummers Banden lag, wird nun auferweckt und feiert eine glorreiche Auferstehung, nicht nur zur Erbauung einer kleinen Kunstgemeinde, sondern zum Frommen und Segen der Kunst selber, die sich verjüngt, wenn sie sich mit Ewigem berührt.

Einem alten Musikergeschlecht, das seit hundert Jahren schon die Städte Thüringens mit Organisten und Cantoren, Hof- und Stadtmusicis versorgte und von Generation zu Generation Künstler von steigender Bedeutsamkeit hervorbrachte, entstammte Johann Sebastian Bach, der ruhmreichste Repräsentant des musikalischen Namens, dessen vier Lettern sich durch Notenschrift bezeichnen lassen. Der Zweig der Familie, der ihn als stolzeste Blüte zeitigte, hatte in Wechmar bei Gotha seine Heimat. Als ältesten der bisher ermittelten directen Vorfahren Sebastian's lernen wir daselbst durch Spitta – Bach's neuesten und eingehendsten Biographen, dessen Angaben wir im Wesentlichen folgen1 – den um die Mitte des 16. Jahrhunderts lebenden Hans Bach kennen. Dessen Sohn Veit bezeichnete Sebastian selbst, der auf sein altkünstlerisches Herkommen Werth legte, als den Ahnherrn seiner Familie. Bäcker und Maler seines Zeichens, wanderte er nach Ungarn aus, kehrte aber, als Lutheraner dort angefeindet, in seine thüringische Heimat zurück, als deren echter Sohn er neben dem Betriebe seines Handwerks die Musik liebte und übte. Was aber bei ihm nur Nebenbeschäftigung – wiewol nach des großen Bach Worten "gleichsam der Anfang zur Musik bei seinen Nachkommen" – war, ward schon bei seinem jüngeren Bruder, wie bei seinem eigenen Sohn Hans, zur Profession. Der Letztere, ein lustiger Spielmann, den ein Kupferstich in Philipp Emanuel Bach's Besitze mit Narrenkappe und Schellen abgebildet zeigte, ward unseres Sebastian's Urgroßvater. Flott auf der Fiedel, den Kopf voller Späße, war er, der dem Pestjahr 1626 zur Beute verfiel, eine volksthümliche Persönlichkeit. Von seinen Söhnen, deren drei er Hans, deren zwei er Heinrich taufte, wurde Christoph der Großvater Sebastian's. Er repräsentirt sammt den Seinen ausschließlich das zünftige, weltliche, sogenannte Kunstpfeiferthum, während seine Brüder und deren Nachkommen als Orgelspieler und Componisten die bevorzugtere Stellung im Dienste der Kirche einnahmen oder auch beiden Anforderungen gerecht zu werden wußten. Inmitten der nach dem Jammer des langen Krieges auch unter seinen Berufsgenossen eingerissenen sittlichen Verwilderung strebten er und die Musiker seines Geschlechtes darnach, die Würde der Kunst und ihres Standes hoch zu halten. Schlichte Frömmigkeit und Ehrbarkeit der Sitte waren von Alters her bei ihnen heimisch. In selbstloser Bescheidenheit dienten sie ihrer Kunst und hielten an der Heimat fest, in deren Natureinsamkeit und Stille sich ihr Sinn vertiefte und verinnerlichte. Ein ihnen Allen eigenes lebhaftes Gemeinsamkeitsgefühl veranlaßte die männlichen Glieder der Familie zu alljährlichen Zusammenkünften in Arnstadt, Eisenach oder Erfurt, den Hauptsammelpunkten der Musiker ihres Stammes. War doch beispielsweise ein Zweig desselben an letztgenanntem Ort ein volles Jahrhundert hindurch so ausschließlich im Besitz der dortigen Stadtpfeiferstellen, daß man auch später, nachdem dieselben längst in andere Hände übergegangen waren, die Stadtmusikanten noch immer "die Bache" nannte.

Auch Sebastian's Vater, Johann Ambrosius, und dessen Zwillingsbruder, Johann Christoph, mit dem ihn eine so verwunderliche äußere und innere Aehnlichkeit verband, daß selbst ihre Frauen sie nur durch die Kleidung von einander unterscheiden konnten, traten als Kunstpfeifer das musikalische väterliche Erbtheil an. Dem Ersteren wurde, als Stadtmusikus zu Eisenach, in seiner Ehe mit Elisabeth Lämmerhirt aus Erfurt, unter sechs Söhnen und zwei Töchtern als jüngstes Kind Johann Sebastian geboren. Er trat am 21. März 1685 in's Leben. Durch das Geigenspiel des Vaters, der ihm ohne Zweifel die erste Anweisung in seiner Kunst ertheilte, empfing er seine ersten musikalischen Eindrücke. Weitere Anregung seiner künstlerischen Begabung durfte er seines Vaters Vetter, Johann Christoph, dem hervorragendsten seiner Vorfahren, der als Stadtorganist zu Eisenach's Ruhme wirkte, wie dem daselbst blühenden Currentchor danken, an dessen Umzügen sich der mit einer hübschen Sopranstimme Begabte vermuthlich, wie 200 Jahre früher Martin Luther, frühzeitig betheiligte. Als der zehnjährige Knabe Mutter und Vater in schneller Aufeinanderfolge verloren hatte, nahm ein älterer Bruder, der ebenfalls den in der Familie beliebten Namen Johann Christoph führte, den Verwaisten in sein Haus. Zu ihm, der als Organist in Ohrdruf seines Amtes waltete, siedelte er über. Für seine allgemeine Ausbildung sorgte nun das dortige Lyceum, für seine musikalische der Bruder, der seine eigene Lehrzeit unter Obhut des dem Vater befreundeten, berühmten Orgelmeisters Pachelbel in Erfurt bestanden hatte. So wurde Sebastian durch ihn in aller Frühe mit der Kunstweise des Letzteren bekannt. Doch scheint es, daß Johann Christoph sich seinem Pflegebefohlenen gegenüber nicht sonderlich mittheilsam erwies. Die Musikstücke, die er ihm vorlegte, hatte der Letztere baldigst durchstudirt. Eine Sammlung, die er sich von Werken der damaligen angesehensten Componisten: Froberger, Pachelbel, Buxtehude u. A. angelegt hatte, aber enthielt er ihm trotz seiner Bitten beharrlich vor. So trachtete der musikeifrige Sebastian denn darnach, sich den verbotenen Schatz heimlich anzueignen. In nächtlicher Stille, wenn Alles schlief, schlich er sich zu dem ihn bergenden Schranke und zog aus dem Gitterwerk desselben mit seinen kleinen Händen das sorglich zusammengerollte Heft heraus. In Ermangelung eines Lichtes mußte ihm der Mond zur Leuchte dienen, um sich den kostbaren Inhalt durch Abschrift zu eigen zu machen. Sechs volle Monate bedurfte er zu der mühseligen Arbeit, und als sie endlich glücklich beendet war, ertappte ihn der Bruder über dem schwer erworbenen Besitze und entriß ihm denselben unerbittlich.

Fünfzehn Jahre zählte Sebastian, da ward es ihm in Ohrdruf und im Hause des Bruders, dessen Familie sich mehrte, zu eng; er glaubte schon der eigenen Kraft vertrauen zu dürfen und wanderte mit einem Freund, Georg Erdmann, gemeinsam nach Lüneburg, wo er auf Empfehlung seines Cantors, dem er sich durch seine tüchtigen Leistungen lieb gemacht hatte, im dasigen Michaeliskloster Aufnahme fand. Durch zwei Bache war dort der Name bereits musikalisch bekannt geworden; auch waren die thüringischen Knaben ohnehin ihrer musikalischen Fertigkeit wegen gut berufen; genug, Sebastian und sein Ohrdrufer Genosse traten im April 1700 in die auserlesene Schar der Mettenschüler ein und wurden zugleich mit dem zweithöchsten Gehaltsatze der Discantisten bedacht. Seine äußere Existenz war gesichert, und auch als er bald darauf seinen schönen Sopran verlor, half ihm seine Verwendbarkeit als Clavier- und Orgelspieler wie als Violinist weiter. Die rege Betheiligung des Klosterchors an der Kirchenmusik, die Reichthümer der musikalischen Bibliothek boten Sebastian hinreichende Gelegenheit, auf dem Gebiet kirchlicher Vocalmusik Kenntnisse und Erfahrungen zu sammeln. Aber auch auf seinem eigensten Feld, der Instrumentalmusik, von der aus sein Genius seinen Aufschwung nahm, brauchte er nach Anregung und Nahrung nicht weit zu suchen. Eines eigentlichen Lehrers in der musikalischen Composition und Technik bedurfte er bereits nicht mehr. "Durch das Betrachten der Werke der damaligen berühmten und gründlichen Componisten und angewandtes eigenes Nachsinnen nur" – so belehren uns seine ersten Biographen, sein Sohn Philipp Emanuel und sein Schüler Agricola2 – erlernte er die Composition und vermochte, von den Traditionen seines Geschlechts geleitet, seine eigenen Wege und Ziele zu finden. Von den verschiedenen Persönlichkeiten und Kunstrichtungen nahm er mit dem Instincte des Genies und voll rastlosen Strebens auf, was seiner Entwickelung förderlich war; was ihm Bedeutendes begegnete, verschmolz er mit dem eigenen Wesen.

In Lüneburg gewann Georg Böhm, der geistvolle Organist der Johanniskirche, erkennbaren Einfluß auf ihn. Ein Thüringer Kind wie Bach, trachtete er im Einklange mit dessen späteren Bestrebungen, das von den heimischen Orgelspielern Erlernte mit der damaligen norddeutschen Orgelkunst, welche technische Gewandtheit, geistreiche Anmuth, eigenthümliche Harmonik und seine Klangwirkung charakterisirten, zu verbinden. Aber auch mit den Hauptvertretern der letzteren drängte es Sebastian, der an der Quelle zu schöpfen liebte, sich bekannt zu machen, und so trugen ihn seine Füße wiederholt nach Hamburg, um die berühmten Orgelvirtuosen Reinken und Lübeck daselbst zu hören. Zu anderen Malen pilgerte er wiederum nach dem nahen Celle, wo die nach französischem Muster eingerichtete Capelle des letzten Herzogs ihm Gelegenheit bot, praktische Orchesterstudien zu machen und sich mit der instrumentalen Tanz- und der Claviermusik der Franzosen, die an Formengrazie und Ausdruckslebendigkeit der deutschen Kunst voraus war, des Näheren zu befreunden.