Kein Friede seiner Asche - Carolyn Haines - E-Book

Kein Friede seiner Asche E-Book

Carolyn Haines

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Beschreibung

Spannend und humorvoll - ein neuer Fall für Sarah Booth Delaney Lawrence Ambrose war einst ein bekannter Schriftsteller. Nun plant er ein Comeback und zwar mit einem Buch über Zinnia, Mississippi, Sarah Booth Delaneys Heimatstadt. Auf seiner Dinnerparty, zu der er zum Erscheinen des Buches eingeladen hat, droht Lawrence mit skandalösen Enthüllungen in seiner Biografie - und offensichtlich hat tatsächlich jeder der Gäste etwas zu verbergen. Als Sarah am nächsten Morgen über eine Leiche stolpert, beginnt sie mit ihren Ermittlungen. Doch diesmal bringt sie sich damit selbst in Gefahr! Und dann ist da ja auch noch der Hausgeist Jitty, der Sarah mit allen Mitteln unter die Haube bringen will ... Der zweite Fall der Cosy-Crime-Reihe mit Sarah Booth Delaney und Jitty. Wer Tante Dimity liebt, wird auch Jitty mögen! Band 3: "Und führe uns in Versuchung". eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.

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Seitenzahl: 551

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Inhalt

Cover

Weitere Titel von Carolyn Haines

Die Serie

Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Danksagungen

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Ein weiteres Gespräch mit der Autorin Carolyn Haines, geführt mit ihrer Romanfigur Cece Dee Falcon

Weitere Titel von Carolyn Haines

Witzige Cosy-Crime-Reihe – Sarah Booth Delaney ermittelt:

Band 1: Wer die Toten stört

Band 3: Und führe uns in Versuchung

Band 4: Ein Jeglicher hat seine Sünde

Band 5: Und leise tönt der Grabgesang

Band 6: Unselig sind die Friedfertigen

Atmosphärische Südstaaten-Romane (Einzeltitel):

Am Ende dieses Sommers

Das Mädchen im Fluss

Der Fluss des verlorenen Mondes

Im Nebel eines neuen Morgens

Die Serie

Sarah Booth Delaney ist eine unkonventionelle Südstaaten-Schönheit mit einem Problem: Ledig, über 30 und ohne Arbeit, steht sie kurz davor, Dahlia House, den von ihr bewohnten angestammten Familiensitz, zu verlieren. Obendrein wird sie von einem streitbaren Geist heimgesucht: Jitty, das einstige Kindermädchen ihrer Ururgroßmutter und nie um einen altklugen Ratschlag verlegen.

Durch Zufall wird Sarah Privatermittlerin und versucht nicht nur, ihre Geldprobleme, sondern fortan auch Kriminalfälle im Mississippi-Delta zu lösen. Unterstützung erhält sie dabei von ihrer Freundin Tinkie Richmond und der Journalistin Cece, die einmal ein Mann war. Ab den Bänden 2 und 3 gesellen sich Hund Sweetie Pie und Pferd Reveler zu ihr und sorgen für tierischen Beistand.

Klassische Spannung, trockener Humor und ein Ensemble charmant-schräger Charaktere machen die Cosy-Crime-Reihe um Sarah Booth Delaney so liebens- und lesenswert!

Über dieses Buch

Spannend und humorvoll – ein neuer Fall für Sarah Booth Delaney

Lawrence Ambrose war einst ein bekannter Schriftsteller. Nun plant er ein Comeback und zwar mit einem Buch über Zinnia, Mississippi, Sarah Booth Delaneys Heimatstadt. Auf seiner Dinnerparty, zu der er zum Erscheinen des Buches eingeladen hat, droht Lawrence mit skandalösen Enthüllungen in seiner Biografie - und offensichtlich hat tatsächlich jeder der Gäste etwas zu verbergen. Als Sarah am nächsten Morgen über eine Leiche stolpert, beginnt sie mit ihren Ermittlungen. Doch diesmal bringt sie sich damit selbst in Gefahr! Und dann ist da ja auch noch der Hausgeist Jitty, der Sarah mit allen Mitteln unter die Haube bringen will …

Über die Autorin

Carolyn Haines (*1953) ist eine amerikanische Bestsellerautorin. Neben den humorvollen Krimis um Privatermittlerin Sarah Booth Delaney hat die ehemalige Journalistin auch hochgelobte Südstaaten-Romane geschrieben, die auf sehr atmosphärische Weise die Mississippi-Gegend im letzten Jahrhundert porträtieren. Für ihr Werk wurde Haines mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Harper Lee Award.

In Mississippi geboren, lebt die engagierte Tierschützerin heute mit ihren Pferden, Hunden und Katzen auf einer Farm im Süden Alabamas.

Homepage der Autorin: http://carolynhaines.com/.

Carolyn Haines

Kein Friede seiner Asche

Sarah Booth Delaneys zweiter Fall

Aus dem amerikanischen Englisch von Dietmar Schmidt

beTHRILLED

Digitale Erstausgabe

»be« - Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2000 by Carolyn Haines

Titel der amerikanischen Originalausgabe: „Buried Bones“

Originalverlag: Bantam Books

Published by arrangement with Bantam Books, a division of Random House, Inc.

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Stefan Bauer

Covergestaltung: Kirstin Osenau unter Verwendung von Motiven © shutterstock: suns07butterfly | cristatus | MSSA | majivecka | Denise Kappa

eBook-Erstellung: 3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 978-3-7325-5643-4

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Dieses Buch widme ich dem Andenken von Eugene Walter,der auch heute noch einen entscheidenden Einfluss auf mich ausübt.

Danksagungen

Mit jedem veröffentlichten Buch lerne ich den Wert guter Freunde und guter Kritiker höher zu schätzen. Kein Schriftsteller, keine Schriftstellerin könnte bessere Freunde (und Kritiker!) haben als den Deep South Writers Salon: Rene Paul, Stephanie Chisholm, Susan Tanner, Jan Zimlich und Rebecca Barrett. Dank ihnen wurde ich eine bessere Autorin.

Meine Agentin Marian Young hat auch in den mageren Jahren zu mir gehalten – und sich einen Sinn für Humor bewahrt, dank dessen sie mir meine Launen nachsehen kann. Wenn sie an ein Buch glaubt, dann steht sie hundertprozentig dazu.

Die Zusammenarbeit mit Kara Cesare und Kate Miciak bei Bantam Books zählt zu meinen besten Erfahrungen mit Verlagshäusern. Und die künstlerische Abteilung bei Bantam kann ich nur in höchsten Tönen loben. Großartige Titelbilder!

Weiterhin danke ich den Buchhändlern, besonders denen, die sich auf Kriminalliteratur spezialisiert haben und mit solchem Nachdruck das Genre fördern. Sie sind wirklich unermüdlich.

1

Wir Delaney-Frauen haben noch nie großes Talent bewiesen, wenn es darum ging, die Schwermut zu vertreiben. Vielleicht ist unsere Neigung zur Melancholie tatsächlich – wie Jitty stets betont – das Anzeichen für eine obskure Unterleibsstörung, die sich durch unsere ganze Familie zieht: Uterus desolatus, die einsame Gebärmutter, ein Leiden, das sich in tieftrauriger Untröstlichkeit niederschlägt.

Von alters her, so heißt es, haben die Delaney-Frauen dieses Organ zum Zentrum ihrer Gefühlswelt erklärt, obwohl Enttäuschungen hier schwerer zählen als irgendwo sonst. Ich fürchte, keine Ausnahme von dieser alten Familientradition zu bilden.

In der Kleinstadt Zinnia im Staate Mississippi, wo ich lebe, war kein Radiosender zu empfangen, der nicht I’ll be home for Christmas spielte. Meiner festen, unerschütterlichen Überzeugung zufolge gehört es strengstens verboten, in der Weihnachtszeit ein Lied zu senden, das Kastanien, wohlige Kaminfeuer und Schlittenfahrten zu zweit auch nur erwähnt, denn aus meinen psychologischen Fachzeitschriften geht eindeutig hervor, wie steil die Selbstmordrate gerade vor dem Christfest ansteigt. Und das kann nur an den sadistischen Radiomoderatoren liegen, die solche Platten auflegen.

Nach erfolgreichem Abschluss meines ersten Falls hatte Tinkie mich wie versprochen für meine Nachforschungen bezahlt. Wenigstens vorerst blieb Dahlia House dem Zugriff meiner Gläubiger entzogen. Darum hätte ich eigentlich bester Dinge sein und in dem Gefühl schwelgen müssen, mir läge die ganze Welt zu Füßen. Stattdessen saß ich im Salon und kämpfte mit einem Knäuel Lametta; neben mir stand ein Christbaum, der aussah, als hätten die Insassen einer Nervenheilanstalt ihn geschmückt.

Ich schaltete das Radio aus und schleuderte in der gleichen Bewegung das Lametta ins Feuer. Eine farbenfrohe Flammenerscheinung belohnte mich. Ermutigt raffte ich die Magnolienblätter, Stechpalmen- und Zedernholzzweige zusammen, die ich geschnitten und ins Haus gebracht hatte, um daraus Weihnachtsschmuck zu basteln, und schmiss sie in hohem Bogen dem Lametta hinterher in den Kamin.

Ich bin die Letzte der Delaneys und habe die Schallplattensammlung meiner Mutter geerbt, die eine unfassbare Auswahl großartiger Lieder bietet. Ich setzte mich auf den Teppich und begann zu stöbern. Die Radiomusik entzog sich meinem Einfluss, aber ich konnte mir schließlich ein eigenes Programm zusammenstellen.

Kaum schlossen sich meine Finger um ein Album von Denise LaSalle, als ich spürte, wie in mir der Kampfgeist neu erwachte. Die Platte war leider ein wenig zerkratzt, aber dadurch verlor eine im Mississippi-Delta geborene Bluessängerin nicht im Geringsten an feministischer Kraft. Was wäre passender gewesen, als die Schwermut mit schwermütigem Blues zu vertreiben? Denise schob ihr ganzes Elend auf ihren nichtsnutzigen Mann. Ihr genügten ein Crown Royal, ihr Auto und die Jazzkeller-Band, zu der sie tanzte. Und mir schenkte sie einen neuen Leitspruch: »Wenn du nicht mit dem zusammen sein kannst, den du liebst, dann liebe eben den, mit dem du zusammen bist.«

Im Meer schwimmen reichlich Fische. Ich brauchte mir nur eine Angel zu besorgen und die Leine auszuwerfen.

Von frischer Energie erfüllt, kroch ich hinter Tante Lou-Lanes Pferdehaarsofa, drang zur Steckdose vor und rammte den Stecker des Verlängerungskabels hinein. Vielleicht bin ich keine Meisterin der tradierten Weihnachtsdekoration, dafür hatte ich etwas viel Besseres gefunden. Etwas, das mich ansprach. Und ich hatte es zum absoluten Schleuderpreis erstanden.

Ich linste über das Sofa hinweg zum Kaminsims und grinste zufrieden. Neonröhren strahlten giftgrün auf und bildeten unverkennbar den Umriss eines Adventskranzes mit rotem Schmuck, der blinkend an- und ausging. Was für ein Meisterwerk, ein unglaublicher Fund aus Rudy’s Junk Shop, dem hiesigen Trödelladen.

Ich ergriff den Stecker der zweiten Verlängerungsschnur und rammte ihn ebenfalls in die Dose. Das Rot, Grün, Blau und Gelb altmodischer Christbaumkerzen erwachte flackernd zum Leben und warf ein faszinierendes Schattenspiel an die hohe Decke des Salons. Neonlicht und altes Brauchtum in friedlichem Miteinander vereint! Ein Moment, der an die glorreiche Tradition der Delaneys anknüpfte.

Noch ehe ich aufstehen konnte, um mein Werk in Gänze zu bewundern, vernahm ich das deutliche Räuspern, mit dem Jitty ihr Erscheinen kundtat.

»Also hast du’s doch noch geschafft, dass es hier im Zimmer wie in ’nem chinesischen Hurenhaus aussieht«, sagte Jitty. »Ganz zu schweigen von dir. Ich hab überhaupt nicht gewusst, dass es deine Schlabberkleider auch aus Flanell gibt. Mädchen, wir haben späten Nachmittag. Trägst du das Ding etwa schon seit heut Morgen? Und guck dir bloß deine Socken an! Nur weil sie rot sind und wir Weihnachten haben, heißt das noch lange nicht, dass du so was tragen solltest.«

Ich zog mich am Sofa auf die Knie und folgte der Stimme bis hin zum brokatbezogenen Lehnstuhl. Dort saß sie; in ihren dunklen Augen schimmerte die vielfarbige Weihnachtsbeleuchtung, für die sie nur Verachtung übrig hatte. Hinter ihr pulsierte das Licht des Neonkranzes im Takt von Denise LaSalles gesungener Freiheitserklärung und tauchte Jitty in einen höllischen Glorienschein.

»Frohe Weihnachten, Jitty«, sagte ich und wischte mir im Aufstehen den Staub von den Knien. »Ich habe geschmückt.«

»Honey, du musst dir unbedingt helfen lassen«, entgegnete sie. »Das ist doch kein Weihnachtsschmuck, das ist Sachbeschädigung.«

Ich überquerte die breiten Bretter aus poliertem Eichenholz, die den Fußboden des Salons bildeten, und musterte mein Werk von Jittys Blickpunkt aus. Mir gefiel sie gut, die vier Meter hohe Tanne mit ihren tausend Kerzen, den mindestens fünfhundert Äpfeln, Nüssen, Sternen und Engeln, diversen Schleifen aus rotem Samt, einigen hölzernen Spielzeugen und fünf Paketen echter silberner Eiszapfen, die ich auf dem Speicher gefunden hatte. Ganz zu schweigen von den Socken, die am Kaminsims hingen, und dem Dornbuschzweig, den ich mühsam mit Gummibonbons in allen Regenbogenfarben beklebt hatte. Ich wandte mich Jitty zu. »Ich finde, es sieht klasse aus.«

»Du brauchst gar nicht dein beleidigtes Gesicht aufzusetzen, Sarah Booth«, erwiderte sie kühl. »Einige Frauen haben eben ein Händchen fürs Schmücken und andere nicht. Du könntest aber trotzdem ’n Stück besser werden, wenn du nur ein bisschen Lehre annehmen würdest. Guck dir doch mal –«

»Ruhe!« Auf keinen Fall wollte ich es zulassen, dass in meinem Hause der Name jener satanischen Dekorationsexpertin fiel. In meinem Hause! Dieser Gedanke schenkte mir einen Augenblick der Freude. Ich, Sarah Booth Delaney, hatte Dahlia House freigekauft. Natürlich war ich nach wie vor schwer verschuldet, aber wenigstens brauchte ich nicht mehr jedes Mal, wenn ich ein Auto hörte, hinter geschlossenen Vorhängen hervorzulugen, ob da etwa der Sheriff und ein Gerichtsvollzieher herangefahren kamen.

»Was guckst du auf einmal so selbstzufrieden?«, fragte Jitty mit leisem Klapperschlangenrasseln in der Stimme.

Ich blickte sie an. Zum ersten Mal an diesem Tag blickte ich sie wirklich an. Verschwunden war der Glanz und Flitter der Siebzigerjahre. Jitty hatte wohl gerade wieder zu einem neuen Ich gefunden.

»Wo um alles in der Welt hast du diese Kleider her?«, fragte ich, wobei ich mit dem Finger auf sie wies und durch langsames Zirkeln ihr komplettes Outfit mit einschloss: von den enggewickelten Locken, die ein Kopftuch im Turbanstil bändigte, über das taillierte blaue Gingankleid zu den hochhackigen Pumps. Jitty sah aus wie das Negativ von Jane Wyatt in einer Wiederholung von ›Vater ist der Beste‹. Entsetzt blieb mein schweifender Blick an ihrer Wespentaille hängen. Mein Gott, das waren weniger als sechzig Zentimeter!

»Irgendjemand muss hier ja dem Verfall der guten Sitten Einhalt gebieten. Von diesem Unsinn à la ›Freie Liebe, und wenn’s nur guttut, dann tu es‹ will ich nichts mehr hören. Was wir hier dringend brauchen, ist ein bisschen Familiensinn.« Jitty hielt sich kerzengerade, als hätte sie einen Besenstiel verschluckt. »Wenn wir erst ’n bisschen Familiensinn zeigen, stellt sich vielleicht auch die Familie ein.«

Ihr selbstgefälliger Ton hätte mir gleich Warnung sein sollen.

»Du meinst, du bist mit Gloria Steinern fertig und ins Lager dieser Fünfzigerjahre-Atavistin Phyllis Schlafly übergetreten?« Und ich hatte geglaubt, es gäbe nichts Schlimmeres als Polyesterklamotten und metallisch glitzernden Lidschatten! Jittys Haar, das normalerweise ein energieerfülltes Eigenleben führte, sah nun aus, als habe sie es so lange drangsaliert, bis es sich in sein Schicksal fügte.

»Du führst ein leichtsinniges, zügelloses Leben, Sarah Booth. ’s wird höchste Zeit, dass du ’ne Familie gründest. Ich dachte, am besten geh ich dir mit gutem Beispiel voran.«

Ich kniff die Augen zu und hoffte, dass ich nur einen schlimmen, einen wirklich schlimmen Albtraum hatte. Ausgerechnet Jitty, das Kindermädchen meiner Ururgroßmutter, die schon vor dem Bürgerkrieg auf Dahlia House lebte, wollte mir ein Beispiel bieten? Eine Frau, die sich von mir nährte – im wörtlichen, im übertragenen und im spirituellen Sinne -, bezeichnete mich (durch die Blume zwar) als Flittchen ohne moralisches Rückgrat? Und das von einem Geisterwesen, das noch vor vier Wochen am liebsten einen Truthahnstopfer ergriffen hätte, um das Sperma des Bankiers und Junggesellen Harold Erkwell in mich hineinzuquetschen?

»Jetzt mach aber mal halblang –«, begann ich.

»Hörst du wohl auf, mit dem Finger auf mich zu zeigen, kleines Fräulein«, fuhr Jitty mich an und sprang vom Sessel auf. Mich durchfuhr heftige Schadenfreude, als ich sie gefährlich auf ihren hohen, schlanken Absätzen schwanken sah. So ganz hatte sie die Haltung einer Loretta Young noch nicht gemeistert.

»Kleines Fräulein?« Meine Stimme wurde ohne mein Dazutun um eine gute Oktave schriller. »Kleines Fräulein? Was soll das denn nun?«

»Du bist ein kleines Fräulein«, entgegnete Jitty mit glitzernden Augen. »Fräulein wie unverheiratet, über dreißig und ohne irgendwelche Aussichten – und wenn du dich jetzt nicht bald zusammenreißt und ein anständiges Leben beginnst und dich deinem Alter entsprechend verhältst, dann endest du noch als altes Fräulein. Und mach diese Sex-Musik aus. Wenn du dir weiter so was anhörst, dann wirst du noch –«

»Schwanger«, sagte ich, denn allmählich kam ich der Sache auf den Grund. »Das ist das Problem. Du ärgerst dich über mich, weil ich nicht schwanger geworden bin.« Das war doch wirklich die Höhe! »Du bist wütend, weil meine ... Begegnung mit Hamilton Garrett dem Fünften nicht ... nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat. Und jetzt folgt die gespenstische Strafe auf dem Fuße, die du dir für mich ausgedacht hast. Mein Gott! Nun lebe ich nicht mehr mit einer hartgesottenen Rockerbraut zusammen, nein, sondern mit Tante Jemina, die versucht, Donna Reed an die Wand zu spielen!«

»Kind«, sagte Jitty behutsam. »Nicht Ergebnis. Kind. Das ist es nämlich, was hier im Moment schiefläuft. Du hast deinen Hang zur Romantik verloren. Das muss mit diesen Unterleibsgeschichten zusammenhängen, mit denen in deiner Familie alle zu tun hatten. Du hast dir deinen Mann einfach durch die Finger schlüpfen lassen. Du hast nicht mal probiert, ihn an dich zu binden.«

Die Erinnerung an meine leidenschaftliche – und von vornherein zum Scheitern verurteilte – Thanksgiving-Romanze genügte, um alle Feiertagsstimmung, die ich mobilisiert hatte, zur Vordertür hinauszubefördern und über die gefrorenen Flächen des Mississippi-Deltas davonschlittern zu lassen. »Hamilton ist wieder in Europa. Mir hat er nicht mal eine Weihnachtskarte geschickt. Und da bist du wütend, dass ich nicht das Gefäß bin, in dem sein Same gedeiht?« Ohne nachzudenken, stemmte ich die Hände in die Hüften, und ich spürte, wie sich Röte über mein Gesicht legte.

»Du musst unbedingt zum Arzt gehen. Wenn mit deinem Unterleib alles in Ordnung wäre, dann hätten diese ... du weißt schon ... von Garrett doch etwas –«

»Spermien, Jitty. Du darfst das Wort ruhig aussprechen.« Mir gefiel ihr Fünfzigerjahre-Benimm überhaupt nicht. Jitty war immer ein Gespenst gewesen, das die Dinge beim Namen nannte.

»Wenn du dich mehr bemüht hättest, dann wärst du jetzt vielleicht in anderen Umständen.«

»Was hätte ich deiner Meinung nach denn tun sollen? Dabei auf dem Kopf stehen? Oder betrachtet man das als unmoralisch in einem Land, wo Vater der Beste ist?«

»Du musst etwas Wasser trinken«, entgegnete sie. »Du bist ja ganz rot im Gesicht, und jeden Moment platzen dir die Augen aus dem Kopf.«

»Huch, könnte es vielleicht sein, dass ich wütend bin?« In meinen Schläfen pochte der Puls.

Sie schnaubte. »Bei mir ist dein Sarkasmus verschwendet. Und undamenhaft ist er obendrein. Wenn du wirklich einen Mann kriegen willst, dann musst du aufhören, dich wie eine Furie aufzuführen.«

»Hamilton ist nicht lange genug geblieben, um mich als Furie zu erleben.«

Jitty setzte sich auf die Sessellehne, kickte einen Schuh fort und begann sich den Fuß zu massieren. »Wenn du ein Kind erwarten würdest, dann wäre Hamilton schon längst wieder nach Zinnia zurückgekommen.«

Ich konnte es nicht glauben. »Du meinst, ich hätte ihm damit eine Falle stellen sollen, um ihn zur Heirat zu nötigen?«

Sie fuhr mit der Fußmassage fort; sie war nicht willens – oder unfähig –, mir in die Augen zu sehen. »Viele Ehen fangen so an. Wo ist der Unterschied, ob nun Sex, Kochkunst oder ein Kind der Köder in der Falle ist?«

Ich schwieg und wartete ab, bis sie den Blick zu mir hob. »Ich will keinen Mann, dem ich eine Falle stellen muss.«

»Sei doch nicht kindisch«, erwiderte sie; in der Art, wie sie die Füße von sich streckte, deutete sich doch noch eine Spur der Siebzigerjahre-Jitty an. Dabei fiel es gar nicht auf, dass sie nur einen Schuh trug. »Männer denken nicht von sich aus ans Heiraten. Keiner von ihnen. Frauen müssen ihnen diese Idee in den Kopf setzen. Du hättest eben besser auf dieses Sperma Acht geben sollen, dann wäre schon ein Baby gekommen. Und dein Hamilton ... ist doch bestimmt ein Ehrenmann, oder?«

»Jitty«, sagte ich warnend.

»Hol dir einen Arzttermin. Vielleicht ist eine deiner Leitungen verstopft. Hat natürlich keine Eile damit. Wahrscheinlich dauert es noch mal fünf Jahre, bis du wieder aus dem Höschen schlüpfst.«

»Jitty!« Nun war sie zu weit gegangen. Ich kann nicht sagen, worüber ich wütender war: über die Andeutung, dass ich niemanden ins Bett bekäme, oder über den Vorwurf, dass ich es wahrscheinlich gar nicht erst versuchen würde. Denn wenn ich der Wahrheit die Ehre gab, musste ich zugeben, dass Hamiltons Rückkehr nach Europa mich mehr geschmerzt hatte, als ich vor mir selbst eingestehen wollte.

Jitty wechselte unvermittelt die Taktik. »Ich hatte gedacht, zum Abendessen würde sich Schmorbraten anbieten«, sagte sie. »Wenn du weiter so viel Teekuchen futterst, dann wirst du zu dick, um irgendjemandem attraktiv zu erscheinen außer den Schweinemästern aus Shelby. Ha, die Jungs wissen ’ne Frau mit ein paar Pfunden mehr natürlich zu schätzen.«

Sie flackerte und begann allmählich zu verblassen. Das sah ihr ähnlich: erst einen Streit vom Zaun brechen und dann das Weite suchen.

»Du kommst sofort zurück!«, befahl ich, als auch der letzte Hauch ihrer Gestalt verschwand. »Jitty!«

»Geh an die Tür«, sagte sie. Ihre Stimme war nicht lauter als ein Seufzen.

Beim Läuten der Türglocke zuckte ich zusammen. Wir hatten Freitagabend am letzten Wochenende vor Weihnachten. Wer konnte bloß an der Tür sein? Jedenfalls nicht Cece, die Gesellschaftsredakteurin der örtlichen Zeitung, für die ich gelegentlich arbeitete. Sie hatte Abgabetermine für die Sonntagsausgabe einzuhalten. Und Tammy konnte es auch nicht sein. Zinnias Medium verbrachte das Wochenende in Mound Bayou mit ihrer Enkelin, der kleinen Dahlia.

Harold Erkwell?

Mein Daumen juckte ein klein wenig bei dem Gedanken an den distinguierten Bankier, der mir einen Klunker und die Ehe angeboten hatte – was ich jeweils übereilt abgelehnt hatte. War es möglich, dass doch noch ein kleines Feuer für Harold in mir brannte? Und wenn kein Feuer, dann wenigstens eine Sparflamme?

»Sarah Booth, sind Sie daheim?« Erneut läutete die Glocke, dann klopfte es laut an der Tür.

Ich eilte aus dem Salon in den Flur; dabei empfand ich eine gewisse Zufriedenheit über den Flitterkranz, mit dem ich die Büste von Stonewall Jackson verziert hatte, welche sich beinahe so lange im Hause meiner Familie befand wie Jitty. Der Bürgerkriegsgeneral sah hart aus – nein, vielleicht doch nicht hart, eher entschlossen. Der glitzernde rote Kranz verlieh auch ihm Festtagsstimmung. Ha! Da konnte Jitty sich so abfällig äußern wie sie wollte, fürs Dekorieren hatte ich eben doch ein Händchen.

Es läutete erneut, diesmal mit mehr Nachdruck. Unnachgiebig klopfte etwas stakkatohaft an die Tür. Hämmerte da jemand mit dem Griff eines Gehstocks? Ich kannte keine Menschenseele, die einen Gehstock benutzte. Ich huschte ans Türfester und zog die Spitzengardine ganz vorsichtig um eine Winzigkeit beiseite. Zwei strahlend blaue Augen, die von schwarz gefassten Brillengläsern vergrößert wurden und über denen ein schneeweißer Haarschopf leuchtete, blickten mir offen ins Gesicht. Ihren Besitzer hatte ich noch nie gesehen.

»Öffnen Sie nur, Dahling, ich komme, um mich ganz offiziell zum Affen zu machen.« Das A in ›Darling‹ dehnte er übertrieben, noch stärker, als es selbst im tiefsten Süden üblich ist.

Ich tat wie geheißen und sah mich einem älteren Herrn gegenüber, dem es gelungen war, den meisten äußeren Zeichen hohen Alters zu entgehen – er war noch immer sehr behände. Höflich verbeugte er sich bis fast zum Boden.

»Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Lawrence Ambrose, und ich war ein sehr guter Freund Ihrer Eltern, besonders Ihrer Mutter. Ich habe sie verehrt. Sie war jeder Zoll eine echte Dame.«

Perplex starrte ich ihn an. Solange ich zurückdenken konnte, hatte ich immer wieder von Lawrence Ambrose gehört, dem Sohn Mississippis, der die literarische Welt von Paris im Sturm erobert hatte. Indessen brillierte er nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als bildender Künstler, als Dramaturg und auf einem guten Dutzend weiterer Gebiete. Mir war zwar bekannt gewesen, dass Ambrose in Zinnia lebte, als Einsiedler auf dem weitläufigen Besitz der Caldwells, aber ich hätte niemals damit gerechnet, ihm einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

»Bitte, kommen Sie doch herein«, brachte ich hervor.

»Ich glaube sehr, dass auch in Ihnen etwas von einem Äffchen steckt, meine Liebe«, sagte Lawrence und bot mir seinen Arm. »Zwar gibt es zumindest in unserer westlichen Kultur kein Tierkreiszeichen Affe, aber es sollte es geben. Irgendwo zwischen Skorpion und Steinbock, meinen Sie nicht auch? Welches Sternzeichen sind Sie?«

Nur ganz leicht auf seinen Stock gestützt, führte er mich ins Haus.

Im Salon ließ Lawrence Ambrose sich in den Clubsessel neben dem Kamin sinken und wies mit seinem Gehstock auf meine Weihnachtsdekoration. »Wunderschön, Dahling. Das lässt mich ans SoHo der Fünfzigerjahre denken. Andy Warhol hätte Sie in höchstem Maße um diese Schöpfung beneidet. In der Zeit, bevor er zu einer Karikatur seiner selbst wurde, meine ich. Einmal...« Er senkte den Stock, und ich sah, wie seine Hand zitterte, dann schloss er sie fest um den Pferdekopfgriff. Lawrence Ambrose war plötzlich blass geworden. »Ein typisches Zeichen des Alters, wenn die Vergangenheit das Gespräch dominiert. Bitte verzeihen Sie mir.«

Er wirkte dermaßen peinlich berührt, dass ich rasch ein neues Thema finden musste. Essen eignet sich zu diesem Zweck immer vorzüglich. »Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Und etwas Teekuchen?« Wenn er mir die Kalorienbomben wegaß, passte ich am nächsten Tag vielleicht noch in meine Hose.

»Teekuchen?«, fragte er und wölbte zwei struppige weiße Augenbrauen. »Sie meinen doch nicht etwa diesen entsetzlichen Fabrikpapp, den man im Supermarkt angedreht bekommt?«

Obgleich er immer noch blass war, wirkte er wieder lebhafter. »Nein«, versicherte ich ihm beeindruckt, dass er den Unterschied überhaupt kannte. »Selbst gemacht. Nach einem geheimen Familienrezept.«

»Dahling, auf der ganzen Welt gibt es nichts, was einem geheimen Familienrezept gleichkäme. Außer vielleicht einem ›italienischen Nachmittag‹ mit einer versierten Geliebten.«

Als ich diese Antwort hörte, erstarrte ich mitten in der Bewegung.

»Sie würden sich wundern, wenn Sie hörten, wie viele Zinnianer sich solch dekadenten Freuden bereits hingegeben haben«, fügte er hinzu, und seine Augen funkelten ungezogen. »Und wie etwas so Wunderbares im Laufe der Zeit zum Quell größter Ängste werden kann, ist über alle Maßen erstaunlich. In letzter Zeit bin ich zu einem Experten für geheime Ängste geworden. Und für Geheimnisse im Allgemeinen.« Sein Lächeln drückte pures Entzücken aus.

»Ich hole beides. Kaffee und Teekuchen«, entschuldigte ich mich und ging in die Küche. Lawrence Ambrose war ein beeindruckender Mensch, aber er hatte mich völlig überrumpelt. Was um alles in der Welt wollte dieser Schriftsteller von mir? Meine Mutter hatte ihn gewissermaßen adoptiert und signierte Ausgaben seiner Werke gesammelt. Sie besaß sogar ein Bild, das ihn als Begleiter Rita Hayworth’ bei einer Oscar-Verleihung zeigte. Mutter hatte seinen Schreibstil geliebt.

In früheren Jahren hatten sich wilde Gerüchte um seine Partys gerankt – Bacchanale mit Maibaumtänzen, Uraufführungen von Theaterstücken in aufwändigen Kostümen draußen im Freien. Man erzählte sich sogar die Geschichte, Ambrose hätte einmal die Puppe Cliff Finchs, eines eher verrufenen Gouverneurs von Mississippi, in effigie gehenkt und verbrannt, ein Spektakel, das mit einem Faustkampf gegen den Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr von Zinnia endete. All das war geschehen, bevor er sich ins Eremitendasein zurückzog. Wie er hier vor mir saß, erschien er mir indes nicht sonderlich einsiedlerisch. Vielleicht war er nur ein weiteres Beispiel dafür, wie rasch und entstellt sich Gerüchte in einer Kleinstadt verbreiten.

Während ich darauf wartete, dass der Kaffee durchlief, überlegte ich, aus welchem Grund Ambrose mich wohl besuchte. Als ich das Tablett fertig beladen hatte, brachte ich es in den Salon. Lawrence nahm seinen Kaffee und den Kuchen mit der Ungezwungenheit eines Mannes entgegen, der sich in einem Salon zu Hause fühlt.

»Sie müssen sich fragen, was mich zu Ihnen führt. Leider ist die Geschichte eher lang und wie die meisten langen Geschichten langweilig. Natürlich geht es darin um Geld. Und um Geheimnisse.«

Er liebte es wohl, verschmitzt mit Andeutungen um sich zu werfen und dabei gerade genug preiszugeben, um das Interesse seiner Zuhörer aufrechtzuerhalten. Das aber gelang ihm mit solchem Stil und Humor, dass ich davon eher fasziniert war, als dass es mich verärgerte. »Ich liebe Geheimnisse«, entgegnete ich. »Gewöhnlich bringen sie mir gutes Geld ein.«

»A-ha, ich hab’s doch gleich gewusst, Sie sind wenigstens teilweise Affe: clever und neugierig. Erst die Fakten, dann die Geheimnisse. Meine letzten Bücher waren finanzielle Fehlschläge, und heute rührt kein Verleger meine Arbeit mehr an, nicht mal mit der Kneifzange. Sie behaupten, ich verkaufe mich katastrophal und niemand erinnere sich mehr an mich oder schere sich darum, wer ich einmal gewesen bin.«

Er biss vom Kuchen ab. »Himmlisch, Sarah Booth. Wer hätte gedacht, dass eine kleine Range mit Rattenschwänzchen zu einer Frau heranwächst, die solch göttlichen Teekuchen zustande bringt.« Kaum dass er Luft geholt hatte, fuhr er fort: »Nun habe ich beschlossen, meine Memoiren zu veröffentlichen. Hätten Sie vielleicht einen Schuss Brandy, um den Kaffee etwas zu beleben? Koffein ist schlecht für die Leber, Dahling. Brandy wirkt den Säuren entgegen.«

Zuerst hatte ich geglaubt, Lawrence habe bereits das Alter erreicht, wo man vom Hundertsten ins Tausendste kommt und nicht beim Thema bleiben kann, doch seine wachen blauen Augen straften dieses Urteil Lügen. Er war nicht nur im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten, er wusste auch ganz genau, was er sagte. »Gewiss«, antwortete ich, ergriff die entsprechende Karaffe und goss ihm einen großzügigen Schluck in die Tasse.

»Zu meinen größten Freuden gehört es, junge Talente aufzuspüren. An Heiligabend findet bei mir zu Hause ein kleines Beisammensein statt«, sagte er. »Einige Autoren erscheinen, einige Herausgeber, ein paar Filmleute, ein Maler und die üblichen Verdächtigen aus den gebildeten Kreisen von Sunflower County. Weil Sie an einem Buch schreiben, dachte ich, dass Sie die Gesellschaft vielleicht zu schätzen wüssten.«

»Was für ein ...« Ich verstummte. Mit der Lüge, ein Buch zu schreiben, hatte ich meine Laufbahn als Privatdetektivin begonnen. Und wie Mutter mir einmal sagte, gibt es Momente, in denen es für die Wahrheit zu spät ist. Außerdem kam mir die Party recht interessant vor, besonders wenn man den Ruf bedachte, den die Feste bei Lawrence früher genossen hatten. »Das klingt wundervoll«, sagte ich.

»Außerdem locke ich meine Biografin wieder in heimatliche Gefilde zurück. Ich glaube, Sie kennen sie. Brianna Rathbone.« Lawrence klopfte mit dem Gehstock auf den Fußboden. »Eine hinreißende junge Frau. Sie hat in New York gelebt, aber nun ist sie ins Delta zurückgekommen, um mit mir an meinem Buch zu arbeiten. Meinen Memoiren. Damit wird eine neue Epoche für mich eingeläutet. Brianna verkehrt im internationalen Jetset, aber sie stammt aus den Südstaaten. Ich denke, die Kombination aus meiner Lebensgeschichte und ihrem Prominentenstatus wird das Buch auf Platz eins der Bestsellerlisten katapultieren. Sie erinnern sich doch an sie, oder?«

Der Aufprall seines Stockes im Zusammenhang mit Briannas Namen wirkte wie ein leichter Stromstoß, unter dem die reptilienhaften Instinkte meines Gehirns wild zuckten: Ich empfand den schier unwiderstehlichen Drang, mich zusammenzuringeln und dann zuzuschlagen.

»Ja.« Das Wort kam mehr als Krächzen heraus. Die niederen Instinkte hatten mich fest im Griff. An Brianna erinnerte ich mich ganz genau. »Ich wusste nicht, dass Brianna sich für die Schriftstellerei interessiert«, sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen. »Sie ist ein Fotomodell. Sie gehört zur Hautevolee. Zu den Schönen dieser Welt.«

»Als ehemaliges Model und Jetsetterin ist Brianna ideal geeignet, meinem Werk das gewisse Etwas zu verleihen.« Lawrence zog die Brauen hoch. »Meinen Sie nicht auch?«

»Brianna kann schreiben?«, entfuhr es mir. Noch treffender wäre wohl die Frage gewesen, ob sie denn lesen könne.

»An Stilkunst mangelt es mir nicht«, entgegnete Lawrence und setzte sich gerade. »Die traurige Wahrheit lautet, dass mein Licht verblasst ist. Ich benötige darum eine Biografin, die den Funken zu neuem Leben erweckt. Ob es einem nun gefällt oder nicht, der Welt geht es um Berühmtheit, nicht um Kunst. Miss Rathbone ist auf dem Titelbild der ›Vogue‹ gewesen. Sie geht mit Gustav Brecht aus, dem Großverleger. Sie besitzt den Schwung, den man braucht, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln. Sie hat einen Ruf.«

Daran, dass Brianna einen Ruf hatte, konnte kein Zweifel bestehen. Sie hatte mit der Hälfte aller Männer in New York geschlafen. Und nun schlief sie mit einem Großverleger. War das gut? Brianna hatte mich immer an eine Schwarze Witwe erinnert. Eine Gattenfresserin. Oder zumindest Verstümmlerin. Mir war zwar klar, wie vorteilhaft es sein konnte, wenn man eine Biografin hatte, die mit dem Verleger ins Bett ging, doch was geschah, wenn sie diesem das Bein abbiss? Trotzdem hielt ich den Mund.

»Darf ich beim Dinner mit Ihnen rechnen?«, fragte Lawrence.

So vielversprechend die Einladung auch klang, ich hätte lieber eine Stunde in einer Schlangengrube verbracht, als mit Brianna Rathbone zu Abend zu essen. Ich wollte gerade höflich ablehnen, als Lawrence das Gespräch erneut in eine andere Bahn lenkte.

»Eigentlich habe ich zwei Gründe, dieses Dinner zu geben, Sarah Booth. Gestern habe ich Rasmus, meinen Lieblingskater, tot aufgefunden. Er war zwanzig Jahre alt und muss an Altersschwäche gestorben sein. Er hat es immer gemocht, wenn ich Besuch hatte, und regelmäßig hat er auf den Köpfen der Gäste Katzenyoga betrieben. Ich bedaure jetzt sehr, dass ich nicht früher zu einer Abendgesellschaft geladen habe, denn daran hätte er seine Freude gehabt. Nun gebe ich das Dinner ihm zu Ehren.«

Plötzlich klangen in Lawrences Stimme eine Verzweiflung und eine Trauer mit, die mich tief im Herzen anrührten. Er schauderte, obwohl er seinen Mantel nicht ausgezogen hatte und das Feuer heiß war. Zwar dämmerte mir rasch, dass er meisterhaft mit meinen Gefühlen jonglierte, und doch brachte ich es nicht übers Herz, ihn abzuweisen. Ich stand auf und legte noch ein Scheit in den Kamin. »Was ist der andere Grund?«, fragte ich.

Er zog die Augenbrauen hoch, und das Glitzern seiner blauen Augen kündete sowohl von Schalkhaftigkeit als auch von Erregung. »Geheimnisse. Der zweite Grund ist der, dass jeder einzelne der geladenen Gäste ein Geheimnis besitzt und ich jedes davon kenne.«

»Wann gibt es das Abendessen?«, fragte ich. Sein Übermut hatte mich angesteckt. Geheimnisse besitzen immer einen hohen Unterhaltungswert.

»Ich habe allen sechs Uhr gesagt, was bedeutet, dass sie um sieben kommen, weil jeder einen großen Auftritt hinlegen möchte. Also, sieben wäre wunderbar. Bringen Sie Ihr Opernglas mit, Dahling, die Pfauen gehen auf Parade.« Wieder wölbte er langsam die Augenbrauen und hielt sie hochgezogen. »Ich habe vor, dafür zu sorgen, dass sie am Ende in wilder Flucht durchgehen. Das wird ein großer Spaß.«

»Ich finde, es klingt wirklich großartig, aber weshalb laden Sie ausgerechnet mich dazu ein?«, musste ich fragen.

»Damit Sie Zeugin sind, Dahling. Da sind Sie die allererste Wahl – als Schriftstellerin und Detektivin.«

2

»Lass es so«, sagte Jitty, die hinter mir stand, während ich mit einem juwelenverzierten Kamm in meinem störrischen Haarwust herumstocherte. Mir gefiel die beiläufige Eleganz der Hochfrisur zwar sehr, aber ich fürchtete, dass sie die Unbilden des nahenden Abends nicht überstehen würde.

»Diese »Konstruktion« ... sie kommt mir so ... so unsicher vor.«

»Du machst dir Sorgen um dein Haar? Guck lieber mal auf deine Brust!«

Jitty war entschieden gegen mein todschickes, mit rotem Flitter besetztes Cocktailkleid, das ich in Memphis bei einem Einkaufsbummel mit Cece erstanden hatte. Wie versprochen hatte Cece Dee Falcon während der ganzen Fahrt für Unterhaltung gesorgt – ununterbrochen warf sie mit Klatsch und Quasi-Tatsachen um sich, die sie im Zuge ihrer Zeitungsarbeit ausgrub und katalogisierte. Außerdem versorgte sie mich mit ausgezeichneten Modetipps. Trotzdem war ich nicht darauf gefasst gewesen, was für eine Erfahrung es bedeutete, mit Cece Kleider anzuprobieren. Die meiste Zeit vergesse ich schlichtweg, dass Cece einmal ein Mann gewesen ist. Lang schon gehörte der schlaksige, nervöse Highschooljunge Cecil Falcon der Vergangenheit an. Dank eines begabten Teams schwedischer Chirurgen war eine sehr weibliche, elegante, sexy Frau an seine Stelle getreten. Nichts geht über einen beengten Umkleideraum, um das ›Vorher‹ mit dem ›Nachher‹ zu vergleichen.

Selbst als ich mir ein Diamant-Medaillon um den Hals hängte, betrachtete ich mein Äußeres noch kritisch im Spiegel. Cece konnte mit ihren schmalen Hüften und eckigen Schlüsselbeinen einfach alles tragen. Zugleich war sie Expertin, wenn es darum ging, andere einzukleiden. Mein Kleid besaß ›Pariser Verve‹. Vorn war es tief ausgeschnitten, hinten wagemutig rückenfrei. Der Schnitt lenkte den Blick sehr auf mein Dekolleté, das sich nach meinen Teekuchen-Exzessen noch deutlicher als früher abzeichnete. Spiele deine Trümpfe aus, hatte meine Mutter immer gesagt. Mein Make-up war sehr sparsam und betonte das Grün in meinen Augen.

Jitty trat einen Schritt von mir zurück. »Honey, deine Teeküchlein sammeln sich alle in deiner Taille, und es sieht ganz so aus, als wollten sie das Gelände nicht wieder räumen.«

Während ich Büstenhalter und Korsetts schon lange aussortiert hatte, war Jitty nun in steifem BH, Hüfthalter, Mieder und Altweiberkorsett eingeschnürt, damit nur ja nichts an ihr wippte oder hüpfte. Gott bewahre, dass es ihr auch nur einmal gelingen sollte, tief Luft zu holen: Denn wenn ein wenig Sauerstoff den Weg in ihr Hirn fände, wäre sie am Ende noch fähig, ausnahmsweise einen klaren Gedanken zu fassen!

»In den Handbüchern für Detektive steht kein Wort davon, dass ich nicht mollig sein darf«, entgegnete ich und wappnete mich für ihren Ausbruch.

»Mädchen, nun reiß dich doch zusammen! Du redest ja schon wie ’ne alte Jungfer.«

»Ich bin schließlich eine angehende alte Jungfer«, erinnerte ich sie. »Aber ich verfüge über ein angenehmes Wesen und die Befähigung, mir meine Kleider selber zu schneidern«, fügte ich hinzu, um der Bemerkung den Stachel zu nehmen.

»Ja, ja, mach du nur weiter deine Witze«, sagte Jitty. »Das Leben hat die fatale Tendenz, einen beim Wort zu nehmen, meine Liebe!«

Diese philosophische Anmerkung bewirkte, dass mir die Gänsehaut wie ein winziges Kavallerieregiment den Arm hinaufgaloppierte. »Du brauchst nicht wach zu bleiben, bis ich zurückkomme«, sagte ich und nahm meine Handtasche und die Schlüssel. Dann ging ich die Treppe hinunter und trat in die Nacht.

Das Wetter war für eine Heiligabendfeier ideal. Frost bedeckte die brachliegenden Baumwollfelder: eine Tundra aus silbrigem Weiß, die bis in den dunkelblauen, sternenübersäten Himmel über dem Delta hinaufzureichen schien. Obwohl Schnee angesagt war, hätte die Nacht nicht klarer sein können. Sie erinnerte mich an ein lang zurückliegendes weißes Weihnachtsfest. Damals war Dahlia House wie im Bilderbuch geschmückt gewesen und mir als ein Ort vorgekommen, wo es nur Glückseligkeit geben konnte. Damals war ich vier gewesen.

Nun ja, eine Decke aus kaltem, weißem Schnee erweicht selbst das Herz eines Zynikers. Let it snow, let it snow, let it snow. Wie ein Mantra wiederholte ich auf dem Weg zur Party in Gedanken immer wieder die Liedzeile, nur damit ich nicht an das denken musste, was mir nicht allein an diesem Abend fehlte: ein Begleiter.

Lawrence Ambrose bewohnte ein Gartenhaus auf Magnolia Place, einer der wenigen Besitzungen, die noch immer als Baumwollplantage dienten. Das Land gehörte den Vardaman-Caldwells, doch sie waren viel auf Reisen und zumeist im Ausland unterwegs. Gut eine halbe Meile vom Hauptgebäude entfernt, bot das geräumige Gästehaus einem Schriftsteller die ideale Unterkunft, denn es vereinigte in sich Eleganz und Abgeschiedenheit – es war von der Hauptstraße weit genug entfernt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, wenn Lawrence beschloss, eine seiner berühmten Partys zu veranstalten.

Immergrüne Virginische Eichen säumten die Zufahrt, die so riesig und knorrig waren, dass sie zweihundert Jahre alt sein mussten. Ich parkte auf der vorgesehenen Fläche neben einer Reihe sehr hübscher Autos und einem silbernen Porsche, der vermutlich Brianna gehörte, denn er war genau wie sie: schnell und mit hohem Wartungsaufwand.

Aus dem Haus schlug Stimmengewirr auf die breite Galerieveranda, wo sich mehrere Katzen auf Schaukelstühlen räkelten. Geöffnete Weinflaschen und saubere Gläser standen auf kleinen Tischen neben riesigen Messingtöpfen, die mit frischen Gewürzen gefüllt waren. Ich identifizierte Basilikum, Dill und Rosmarin, aber es gab noch Dutzende anderer Kräuter, die ich zwar kannte, aber nicht hätte benennen können.

Ich schenkte mir ein Glas Merlot ein, streichelte einen freundlichen flachsblonden Kater und lauschte auf die Melange von Stimmen im Haus. Briannas kehliges Lachen war nicht zu überhören.

Ach, Brianna!

Als ich die Tür öffnete, war sie die Erste, die ich sah. Honigblondes schulterlanges Haar, schwarzes Futteralkleid, ausgeprägte Hüftknochen – hungrig. Mit einem Gang wie ein Panter im Käfig hielt sie direkt auf mich zu. Einige Sekunden lang fühlte ich mich in die zehnte Klasse zurückversetzt und starrte in das makellose Gesicht, das auf der ganzen Welt die Titelbilder von Zeitschriften schmückte.

»Sarah Booth Delaney«, sagte sie und trat so weit vor, dass sie meine Hand nehmen konnte. »Ich hätte mir nie träumen lassen, dich hier zu treffen.«

Gedolmetscht: Was sucht bloß jemand wie du unter lauter vom Starruhm geküssten Menschen? Ihr Tonfall stellte eindeutig klar, dass ich nicht zu dieser illustren Gesellschaft gehörte.

»Lawrence interessiert sich für mein Buch«, entgegnete ich. Die Lüge rollte mir von der Zunge wie Quecksilbertropfen. »Er findet, ich hätte Talent.«

»Toll. Aber glaubt andrerseits nicht jeder, dass ausgerechnet sein erbärmliches kleines Leben etwas Besonderes wäre?« Sie warf ihr Haar über die Schulter. »Ich hätte nie gedacht, dass du schreiben kannst.«

»Das habe ich mir auf der Highschool angeeignet, während du dir auf den Knien eine Eins er...«

Harold Erkwell erschien an meiner Seite. Er machte eine beeindruckende Gestalt in seinem schwarzen Wollanzug, der sein pfeffer- und salzfarbenes Haar herausstrich. »Tolles Kleid, Sarah Booth«, sagte er und legte mir seine Hände auf die bloßen Schultern. »Appetitlich.«

»In der Tat, ein guter Appetit«, sagte Brianna und schürzte beim P die kollagenprallen Lippen. »Noch zehn Pfund, Sarah Booth, und du gehst als süßes Tönnchen durch.« Sie stolzierte davon, und allein Harolds Hände auf meinen Schultern retteten ihr das Leben.

»Der reiße ich die Kehle auf«, sagte ich zuckersüß.

»Zu unsauber«, entgegnete Harold, drehte mich in die andere Richtung und gab mir einen sanften Stoß.

»Ich bin überrascht, dich hier zu treffen«, sagte ich und begriff im gleichen Augenblick, dass er viel eher hierher gehörte als ich. Harold war ein bedeutender Mäzen – ob für Literatur, bildende Künste, Musik oder Theater. Da lag es nahe, dass er zu Lawrences Freunden gehörte.

»Ich bin hier, um auf Lawrence aufzupassen. Er plant etwas.« Eine tiefe Sorgenfalte stand ihm auf der Stirn.

»Wie meinst du das?«, fragte ich.

Ehe Harold antworten konnte, schnappte ihn mir Lillian Sparks weg und begann auf ihn einzureden wegen ihrer Kampagne, das erste im Neuen Jahr geborene Baby von Sunflower County für zwölf Monate mit Baumwollwindeln zu versorgen, selbstverständlich aus Baumwolle, die in Sunflower County angebaut worden war.

Ich tauchte in die Party ein und fand mich schließlich im Gespräch mit einem New Yorker Literaturagenten und einem gut aussehenden Schauspieler wieder, der auf eine Chance in Hollywood hoffte. Beide blickten emsig an mir vorbei, sie waren auf der Suche nach jemandem mit besseren Beziehungen. Ein kleiner, affektierter Mann gesellte sich zu uns, der ununterbrochen berühmte Namen fallen ließ und stets im Mittelpunkt des Gesprächs stehen musste. Zuerst glaubte ich, sein Vorname sei Dean, erst später ging mir auf, dass es sein Titel war, den er wohl so oft wiederholt hatte, dass er zu einem integralen Bestandteil seiner Identität geworden war.

»Natürlich ist Joyce niemals ein geselliger Mensch gewesen«, erklärte Dean Joseph Grace mit leiernder Stimme. »Ich habe einmal mit William Burroughs zu Mittag gegessen, und dabei stellte ich fest, dass zwischen Joyce und Burroughs Gemeinsamkeiten bestehen, die zuvor noch niemand bemerkt hatte. Auf der Stelle erkannte ich, dass man damit einem jungen Gelehrten an der Universität ein wunderbares Thema für eine Dissertation liefern kann. Genau das ist nämlich heutzutage das Problem: Den Studenten mangelt es an originellen Einfällen. Kein Funke von Kreativität mehr vorhanden.«

Ohne Zweifel sprach er von der Universität von Mississippi, kurz Ole Miss genannt, den Heiligen Jagdgründen, wo die Daddy’s Girls sich geeignete Ehegatten suchen. Ich hätte den Herrn Dekan freilich davon in Kenntnis setzen können, dass die Studentinnen sich sehr wohl originell und kreativ zeigten, wenn es darum ging, den designierten Gemahl in die Falle zu locken.

»Sie haben doch Burroughs und Joyce gelesen?« Der forschende Blick aus seinen braunen Augen spießte mich auf, als hätte er es möglicherweise mit einem Höhlenmenschen zu tun.

»Wer hätte das nicht?«, entgegnete ich mutig. Zu meinem Entsetzen flohen der Agent und der Schauspieler; offenbar war der Selbsterhaltungstrieb bei ihnen stärker ausgeprägt als bei mir.

Die Rettung traf keinen Augenblick zu früh ein: Madame Rosalyn Bell, frühere Primaballerina und tyrannische Ballettlehrerin, ergriff mich beim Arm. »Die Schultern zurück, Sarah Booth, und Brust raus«, sagte sie. »Ich möchte Ihnen jemanden vorstellen.«

Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wer das sein konnte. Alle Gäste, die ich bisher kennen gelernt hatte, taten unheimlich wichtig oder versprühten Gift und Galle.

»Kommen Sie mit, meine Liebe. Er ist draußen und raucht. Das hängt mit seiner Kultur zusammen, wissen Sie.«

Bevor ich einen Einwand vorbringen konnte, bohrten sich ihre schmalen Finger tief in meinen Arm, und sie schob mich in die kalte Nacht hinaus. »Sind Sie nun wirklich Privatdetektivin?«, fragte sie, nachdem sie mich mit der gleichen Bewegung wie vor zwanzig Jahren in der Ballettschule zu sich umgedreht hatte.

»Ich habe einen –«

»Keine Ausflüchte, Sarah Booth. Entweder sind Sie es, oder Sie sind es nicht.«

»Ich bin es.« Das mochte ich an Madame – sie duldete kein müßiges Gefasel.

»Sie haben ein gutes Auge für Menschen. Wenn Sie im Detektivgewerbe arbeiten, brauchen Sie es auch. Was halten Sie von Briannas Absicht, Lawrences Lebensgeschichte niederzuschreiben?«

Auch Brianna hatte zu Madame Rosalyns Schülerinnen gehört. Sie war eine hervorragende Tänzerin mit ausgezeichneter Körperhaltung gewesen. Etwas an ihrem Wesen hatte Madame jedoch stets daran gemahnt, dass sie, Madame, nur eine Angestellte war. Ich erinnere mich lebhaft an einen Moment, wo die zierliche Ballettlehrerin die Hand hob, um Brianna für eine besonders grausame Bemerkung gegenüber einem der pummeligeren Mädchen zu ohrfeigen. Doch etwas hatte Madame damals zurückgehalten; sie hatte die Hand gesenkt und war davongegangen.

»Ich wusste gar nicht, dass sich Brianna für das Schreiben interessiert. Auf der Highschool tat sie es jedenfalls nicht.«

»Sie weichen schon wieder aus, Sarah Booth. Das ist eine unschöne Angewohnheit, und ich hatte gehofft, Sie hätten sich schon lange davon gelöst. Brianna interessiert sich nicht fürs Schreiben, sie möchte wieder ins Rampenlicht treten. Ganz. Egal. Wie.«

Was Madame damit sagen wollte, war glasklar, und mir sträubten sich die Nackenhaare. Auch Rosalyn bebte beinahe vor Anspannung.

»Ein Buch zu schreiben kommt mir aber nicht besonders glamourös vor«, sagte ich in der Hoffnung, sie zu beruhigen.

»Lawrence weiß einfach alles über mindestens die Hälfte aller heute hoch im Kurs stehenden Schriftsteller. Während seiner Pariser Jahre kannte er jeden, der etwas darstellte. Manche Geheimnisse lässt man lieber in der Vergangenheit ruhen, Sarah Booth. Schädliche Geheimnisse. Auf diese Geheimnisse hat Brianna es abgesehen. Lawrence will es zwar nicht wahrhaben, aber Brianna schnüffelt in seinem Haus herum und durchwühlt alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Ich habe sie zweimal dabei erwischt. Wenn sie findet, was sie sucht ... Die Vergangenheit ist niemals tot. Lawrence begreift einfach nicht, wie schädlich oder wie gefährlich sie sein kann, wenn man sie nicht ruhen lässt.«

Mir fielen Lawrences deutliche Anspielungen wieder ein. In der Tat, Brianna hätte nichts mehr genossen, als die schmutzige Wäsche anderer Menschen ans Licht zu zerren und sich an ihrem Unglück zu weiden. Trotzdem fragte ich mich, woher Brianna die Disziplin nehmen wollte, ein Buch zu beenden, selbst wenn sie damit anfing. Schreiben erfordert Abgeschiedenheit, und Brianna hatte sich in ihrer eigenen Gesellschaft nie wohl gefühlt – was ich sehr gut verstand. »Da würde ich mir keine allzu großen Sorgen machen. Ich bezweifle, dass Brianna irgendetwas schreiben kann, und ein Buch schon gar nicht. Und selbst wenn sie es durch ein großes Wunder fertig stellte, wer würde es veröffentlichen wollen?« Bei dieser Schlussfolgerung durchzuckte mich tiefe Befriedigung.

»Wenn es sein muss, kauft Layton Rathbone seiner Tochter einen ganzen Verlag«, entgegnete Rosalyn. »Das glaubt wenigstens Lawrence. Er denkt, Brianna benutzen zu können, um seine Memoiren zu lancieren, aber sein Plan hat einen Schönheitsfehler. Niemand benutzt einen Rathbone für seine Zwecke und kommt damit durch.«

Ein tiefes, sinnliches Lachen erklang und bot den perfekten Kontrast zu der Kälte, die in Rosalyns Worten mitschwang. Wir drehten beide den Kopf. Ich sah ihn am Rand des erhellten Bereichs stehen, als eindrucksvollen Schattenriss gegen die Lampen im Hinterhof – einen hochgewachsenen, schlanken Mann in einem italienischen Anzug, der den langen Oberkörper, die schmalen Hüften und breiten Schultern betonte. Als er sich umdrehte, blieb ich wie gebannt stehen. Das Licht aus einem Dutzend lodernder Laternen fing sich in seinen goldblonden Locken und verlieh dem Blick seiner haselnussbraunen Augen zusätzliche Intensität.

Rosalyn führte mich zu ihm. »Willem Arquillo, das hier ist die Dame, deren Bekanntschaft ich Ihnen versprochen hatte. Sarah Booth Delaney, Señor Arquillo.«

Mit zwei langen Schritten trat er zu mir und ergriff meine Hand. Er hob sie und küsste mich sehr bedächtig auf die Handfläche. In der kalten Delta-Nacht wirkten seine Lippen ausgesprochen warm.

»Sie sind noch schöner, als Rosalyn Sie mir beschrieben hat«, sagte er. Er hielt meine Hand fest, während er sich Madame Bell zuwandte. »Exquisit«, flüsterte er.

»Ich habe Ihre Gemälde in Memphis bewundert«, sagte ich, während mir langsam bewusst wurde, dass es durchaus seine Vorteile haben konnte, Kontakte in der Kunstszene zu pflegen. Abgesehen davon, dass Willem Arquillo ein großartiger Maler war, der Bildmotive der Frühen Meister mit kontroversen politischen Aussagen kombinierte, sah er auch noch hinreißend aus. Lawrence hatte zwar erwähnt, dass ein Künstler zu Gast sein würde, aber keinen Namen genannt. »Was führt Sie nach Zinnia?«

Ich hatte (natürlich von Cece) Gerüchte gehört, dass Arquillo daran arbeite, eine Handelsbeziehung zwischen Mississippi und Nicaragua aufzubauen – zwischen zwei Dritte-Welt-Ländern, wie er es so treffend formulierte. Solche Verhandlungen aber führte man in Jackson, der Hauptstadt des Bundesstaats, und nicht in einem kleinen, verschlafenen Nest wie Zinnia.

»Geschäft und Vergnügen«, antwortete er charmant. »Lawrence und ich hatten noch etwas zu erledigen. Wir sind seit langem befreundet.«

Willems melodische Stimme jagte mir einen Schauder den Rücken hinab. »Soviel ich weiß, ist Lawrence Kunstsammler. Hat er auch Bilder von Ihnen?«

Er blickte mich scharf an, doch seine Stimme war so sanft wie eine Liebkosung. »Vermutlich mehr, als er glaubt. Aber es langweilt mich, von mir selbst zu reden. Wie ich höre, sind Sie Schriftstellerin. Helfen Sie Lawrence bei seinem großen Vorhaben, der großen Enthüllung seines Lebens? Er hat mir gesagt, dass er ganz nach oben auf die Bestsellerliste kommt. Ich frage mich nur, wie viele Schädel er dabei unter seinen Schuhen zertritt.«

Bevor ich seine Frage beantworten, oder selbst fragen konnte, was er damit andeuten wolle, wurde die Hintertür geöffnet, und Brianna trat in die Nacht hinaus.

»Also hier habt ihr Willem versteckt«, sagte sie. »Ich hätte es wissen müssen. Wenn es irgendwo einen Mann ohne Begleitung gibt, lockt Sarah Booth ihn garantiert in die Dunkelheit hinaus.«

Ehe ich auch nur ein Wort erwidern konnte, entgegnete Willem: »Du schmeichelst mir, Brianna, aber ich habe nur auf eine Zigarette das Haus verlassen. Nun muss ich mich entschuldigen. Lawrence hat versprochen, mir eine kurze Einführung in die Barockepoche der Südstaatenkunst zu geben.«

Er drückte meine Hand vielsagend, dann ließ er sie los. Mit völliger Gelassenheit ergriff er Madames Arm. Brianna und ich blieben allein im Hof zurück, und plötzlich schien es kälter geworden zu sein.

»Schade, dass er sich nur für Südstaatenbarock interessiert«, sagte ich zu ihr. »Wenn er Südstaatenschlampen mögen würde, hätte er sich vielleicht weiter mit dir unterhalten.« Im Bewusstsein, dass die Fronten nun geklärt waren, ging ich zur Hintertür. Jetzt hatten wir beide Blut geleckt.

Gerade als ich nach dem Knauf griff, öffnete sich die Tür abermals, und ein großer, schlanker Mann trat in den dunklen Hof. Er wurde nur von hinten erleuchtet, und ich konnte sein Gesicht nicht erkennen. »Sarah Booth«, sagte er mit Wärme, nahm meine Hand und tätschelte sie. »Wie schön, dich zu sehen. Wie viele Jahre ist es her? Aber eigentlich suche ich meine Tochter.«

Er neigte den Kopf, sodass ihm das Licht ins Gesicht fiel. »Mr. Rathbone«, sagte ich überrascht. »Ich wusste nicht, dass Sie in Zinnia sind.« Layton Rathbone und seine Gattin kamen nur selten nach Hause. Sie verfolgten Geschäftsinteressen in Europa. In der Stadt hieß es, Pamela Rathbone sei den Niederungen ihrer Herkunft entstiegen und ziehe die exklusive Luft ›des Kontinents‹ vor. Wie ein Mann, der so nett war wie Layton, eine Frau wie Pamela heiraten und ein Höllengezücht wie Brianna in die Welt setzen konnte, überstieg mein Begriffsvermögen.

»Nur eine Stippvisite, um mein kleines Mädchen zu sehen.« Er tätschelte mir noch mal die Hand, bevor er sie losließ. »Das Verlagsgeschäft ist für sie völliges Neuland. Ein Vater ist immer besorgt, wenn sein Baby eine neue Herausforderung annimmt, besonders, wenn er eine Tochter hat wie Brianna.«

Layton Rathbone war ein Finanzgenie, das Sojabohnen zu Gold machte, aber wenn es um seine Tochter ging, war er wie Knetgummi – sie formte ihn ganz nach ihren Launen. Trotzdem stand es mir nicht zu, ihn darauf hinzuweisen, dass schon alleine der Gedanke, Brianna könne irgendetwas verfassen, schlichtweg lachhaft war.

»Ich glaube, mein Mädchen ist irgendwo dort draußen«, sagte er und spähte an mir vorbei in die Schatten.

»Ähem«, machte ich. »Es hat mich gefreut, Sie wiederzusehen.« Damit flitzte ich ins Haus. Ich fand eine freie Stelle an der Wand und ließ meinen Blick durch den Raum wandern, beäugte die anderen Gäste, während ich gleichzeitig Lawrences Haus bewunderte – ein Hort der Kunst, angefüllt mit Liebhaberstücken. An jeder freien Wandfläche hing eine Studie oder ein Gemälde. Überall standen Bücher dicht an dicht in Glasschränken, die auch Skulpturen und Statuetten enthielten, eine Mischung aus zierlichen und protzigen Stücken. Ein Kellner nahm mein leeres Weinglas entgegen und reichte mir ein neues. Ich probierte Horsd’oeuvres von einem Tablett und staunte über den unerwarteten Geschmack gedämpfter Kohlblätter mit einer Füllung aus Mett und Pinienkernen. Ausgezeichnet.

Cece war in einem weißen Kleid gekommen, das ihr einfach blendend stand: ein glattes, hautenges, geschmackvolles Schmuckstück. Ich zeigte ihr quer durch den Raum den erhobenen Daumen und gab ihr zu verstehen, dass ich mit ihr sprechen wolle, sobald sie einen Moment Zeit hätte. Augenblicklich wurde sie von Dean Joseph Grace mit Beschlag belegt. Ceces Brustwarze auf Augenhöhe, stand er vor ihr und strich sich beim Sprechen beständig das silbersträhnige dunkle Haar zurück.

Binnen Sekunden erhitzte sich die Unterhaltung. Beide blickten sie quer durch den Raum auf Lawrence, bevor sie sich wieder einander zuwandten. Zu meinem Erstaunen stupste Grace Cece mit dem Finger vor die Brust. Mit zorngerötetem Gesicht ballte Cece die Faust, dann hielt sie wie erstarrt inne und stolzierte brüsk davon.

Ich wollte mich gerade um sie kümmern, als ich aus einer Ecke des Raumes Madames hoch erhobene Stimme hörte. Sie stritt sich mit einem großen, dürren Mann mit silbernem Haar, der dringend einen Friseur gebraucht hätte.

Madame war eindeutig wütend. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um dem großen Mann ins Gesicht zu blicken, und ihre Miene drückte tiefsten Abscheu aus. Während ich noch überlegte, ob ich mich einmischen sollte, ergriff mich jemand beim Arm und hielt mich zurück.

»Sarah Booth, ich muss dich sprechen.«

Harold blickte mich durchdringend an, doch stand auch eine gewisse Belustigung in seinen Augen. In meinem linken Daumen spürte ich ein Pochen – dem Daumen, an dem Harold auf seiner magisch erleuchteten Zufahrt in einer kalten Novembernacht sehr vielsagend gesaugt hatte.

»Können wir uns treffen?«, fragte er.

»Wann?« Ich blickte zu Madame hinüber, deren Gesicht die Farbe Roter Bete angenommen hatte. Lawrence hatte sich zu der Gruppe gesellt und stellte sich gestikulierend zwischen Madame und den großen Mann. Auch Brianna und ihr Vater traten näher. Layton hatte Brianna den Arm um die Schultern gelegt, und nun bemerkte ich, dass er nicht mehr der flotte Mittvierziger war, an den ich mich erinnerte. Trotzdem sah er immer noch gut aus. Verdammt sei Brianna! Sogar was genetische Veranlagungen anging, war sie im Vorteil.

»Morgen ist Weihnachten«, sagte Harold. »Iss mit mir zu Abend. Ich mache einen Hühnerententruthahn, das ist ein Truthahn, der mit Ente und Huhn gefüllt ist. Um sieben. Danach gibt es sogar selbst gemachte Bonbons.«

»Wunderbar«, stimmte ich ihm zu. Angespannt beobachtete ich, was dieses Luder von Brianna mit Madame anstellen würde. Bei unserem kleinen Stelldichein im Hof hatte Madame etwas gesagt, das mir nun wirklich Sorgen bereitete. Soviel ich wusste, hatte Brianna zwar noch nie ein geschriebenes Wort verfasst, aber immer gerne Interviews gegeben – an Boulevardzeitungen. Darin hatte sie mit unverhohlenem Vergnügen ihre verflossenen Liebhaber seziert. Sie besaß zweifellos eine grausame Ader (von etwa einer Meile Breite), und wenn Lawrence wirklich so unklug gewesen war, ihr wichtige Geheimnisse anzuvertrauen, so würde Brianna es kaum erwarten können, sie auszuposaunen.

»Soll ich dich abholen?«, fragte Harold.

Meine plötzliche Vorfreude überraschte mich selbst am meisten. »Das wäre furchtbar nett, Harold. Nun muss ich mich aber um etwas anderes kümmern.«

»Etwas Detektivisches?«, fragte er und warf einen besorgten Blick auf die streitende Gruppe. »Madame ist empört. Mir bereitet dieses Buchprojekt Kopfschmerzen. Lawrences Verhalten ebenfalls.«

»Ich versuche zu ergründen, was hier vor sich geht«, wich ich ihm aus. Auf keinen Fall wollte ich irgendetwas zugeben.

»Du wirst mir morgen Abend sämtliche Details erzählen müssen.«

»Wir tauschen eins zu eins«, versprach ich und schob mich unauffällig zur streitenden Gruppe, bis ich Lauschposition erreicht hatte.

»Lawrence, nun sag ihnen doch, dass es so nicht geht«, bat Madame gerade und legte Lawrence eine schmale Hand auf die Schulter. »Bitte. Du hast mir versprochen, dass es in dem Buch nur um die Pariser Jahre gehen würde. Welchen Sinn hätte es denn, bis in deine Jugend zurückzugehen?«

»Filmisch gesprochen, haben die Jahre im Delta seinen Charakter geprägt«, erwiderte der dürre Mann, dessen Nasenflügel bebten. »Diese Jahre gehören in den Film. Auch die Kriegsjahre. Einiges wird am Ende zwar wieder herausgeschnitten, aber ich entscheide, ob und wo gekürzt wird. Brianna hat mir uneingeschränkte künstlerische Freiheit zugesagt, und darauf bestehe ich.« Sein Blick schien Madame eindringlich davor warnen zu wollen, ihm zu widersprechen.

Brianna klatschte in Höhe ihrer schmalen Beckenknochen in die Hände. Zu essen brauchte sie nichts; sie nährte sich vom Leid anderer. »Ich musste mir den Hintern wundschuften, um Sam dazu zu bewegen, über das Projekt auch nur nachzudenken, Lawrence. Gustav rechnet mit einer Filmoption. Bitte mach es für uns nicht noch schwieriger.«

»Künstlerische Freiheit und gutes Urteilsvermögen sind manchmal zwei Paar Schuhe«, entgegnete Lawrence in dem vernünftigsten Tonfall, den ich angesichts solcher Einschüchterungsversuche je gehört habe. »Die Geschichte so sehr in die Länge zu dehnen kann den Leser nur langweilen – oder, im Falle des Films, den Zuschauer. Das Herz der Geschichte ist es, das Aufmerksamkeit verdient. Ramone Gilliard hat das instinktiv erkannt. Werfen Sie nur einen Blick auf seine Arbeit.«

»Gilliard ist ein Fürsorgeempfänger, den selbst dann niemand finanzieren würde, wenn Gott ihm das Drehbuch schriebe«, erwiderte der dürre Mann scharf. »Und ich darf Sie erinnern, wie unverkäuflich Ihre eigenen Erzeugnisse sind, Lawrence. Nur Briannas Name auf dem Buch und mein Ruf als Filmemacher bürgen für einen Erfolg. Und damit wir dieses Gespräch nicht noch einmal führen müssen, weise ich darauf hin, dass es in Ihren Tagen, als die Filme noch – unkompliziert waren, starke Einschränkungen gab. Heute verfügen wir über gewisse kinematografische Techniken, Lawrence ...« Er schlug dem Autor auf die Schulter. »Überlassen Sie das den Profis. So, und nun brauche ich Nachschub. Ich muss etwas trinken.« Er ging davon, als wäre er ein Hauptmann, der gerade seiner Kompanie den Befehl zum Wegtreten erteilt hat. Brianna folgte ihm dichtauf.

»Lawrence«, sagte Madame kaum hörbar und mit bebender Stimme. »Was hast du getan? Was hast du Brianna erzählt? Erinnerst du dich denn nicht mehr, dass wir übereingekommen sind, die Vergangenheit –«

»Es ist alles in Ordnung, Rosalyn, Dahling, du weißt doch, wie diese Leute sind.« Er tätschelte ihr begütigend das grazile Handgelenk. »Mach dir nur keine Sorgen. Ich halte die Zügel fest in der Hand.« Er nahm Madame beim Arm, doch er blickte dabei Layton Rathbone an. Briannas Vater stand neben einem Klavier. Er wandte sich abrupt ab und folgte seiner Tochter.

Lawrences Blick strich durch den Raum und verharrte schließlich auf mir. »Sieh nur, Rosalyn, du hast die Aufmerksamkeit unserer angehenden Autorin gewonnen.«

»Stimmt etwas nicht?« Zu behaupten, ich hätte nicht gelauscht, wäre albern gewesen.

»Nicht der Rede wert«, entgegnete Lawrence. »Aber es ist wunderbar, Sie zu sehen, Dahling. Rot ist Ihre Farbe. Ich habe nur für Sie eine ganz besondere Leckerei zubereiten lassen. Gefüllte Okras. Gestatten Sie mir, Ihnen einen Teller zu bringen. Die Frauen heutzutage sind einfach zu mager. Als ich in Frankreich war und mit der Deneuve arbeitete, musste ich das arme Kind beinah zum Essen zwingen. Der Regisseur freilich war in diese ätherische Erscheinung vernarrt, diese riesigen Augen. Ich bin stets ein Fan von Gina Lollobrigida gewesen. Rubens hatte Recht! Eine Frau muss eine Frau sein, kein dürrer Ast. Die Mode ist so wankelmütig, meine Liebe!«

Als er meinen Arm umfasste, war sein Griff fest, seine Hand aber eiskalt. Er führte mich von Madame fort, und zwar genau in die entgegengesetzte Richtung, in die Brianna abgezogen war.

»Wer war denn dieser selbstverliebte Mistkerl?«, fragte ich ihn.

»Ach, ein Hollywoodmensch. Sam Rayburn. Wir wollen gleichzeitig mit Erscheinen des Buches einen Film herausbringen. Soll großes Aufsehen erregen. So macht man das heute, jedenfalls behaupten das alle.«

Ich wäre fast gestolpert, als ich den Namen hörte. »Der Sam Rayburn? Der Produzent von ›Marilyn wird blond‹?« Das war der Kassenschlager unter den Verschwörungsfilmen über Marilyn Monroe und ihre angebliche Ermordung mit Thorazinzäpfchen.

»Brianna versichert mir, dass es kein Hochstapler ist. Sehr empfindlich, der Knabe. Aber man sollte nichts, was er sagt, für bare Münze nehmen. So ist es in Hollywood, Dahling. Das Interesse ist dort wie ein Hitzegewitter – schon vorüber, bevor man gemerkt hat, dass es da war.«

»Was genau behandeln Sie denn nun eigentlich in Ihren Memoiren?«, fragte ich.

»Ach, wenn ich Ihnen das sagen würde, dann gäbe es doch keine Spannung mehr. Sehen Sie sich um. Jeder hier ist nur gekommen, um zu erfahren, was ich in meinen Memoiren schreibe. Verraten Sie mir eins, Sarah Booth. Was ist beim Schreiben das Wichtigste?«

Mir war klar, dass er glaubte, ich schriebe tatsächlich an einem Buch. Nun bekam ich also die Quittung für meine Lüge. Trotzdem: Kneifen gilt nicht. »In einem Sachbuch ist das Wichtigste die Wahrheit. In der Belletristik ist wohl am entscheidendsten, eine Geschichte glaubwürdig zu erzählen.«

»Dean Grace, unsere Autorität auf allen möglichen Gebieten, hätte Ihnen für diese Antwort gewiss eine Eins gegeben.«

»Und Sie?« Plötzlich war ich neugierig, was er dazu zu sagen hatte.