Kindheiten - Marion Röttgen - E-Book

Kindheiten E-Book

Marion Röttgen

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Beschreibung

Mit feiner Ironie erzählt Marion Röttgen von den kleinen und großen Tragödien der Kindheit. Ihre Kurzgeschichten spielen um die Jahrhundertwende, in den fünfziger Jahren und heute. Es sind Skizzen alltäglicher Situa­tionen, die durch ihre Schlichtheit betroffen machen und wohl jeden Leser an Erfahrungen aus der eigenen Kindheit erinnern.

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kindheiten

Über das BuchÜber die AutorinSchimmagolä SchmiseleböEine Hupe im Jahre 1902Der PuppenkopfDie schönen MäntelDer PomponSchwarz lackierte Fingernägel und roter SektDer Schrei oder die Kindheit ist zu EndeFerien am SeeUllaDie taubenblaue Tante MattiEin Garten für MarionDas HausMax oder der erste große KummerDas Kind und der KlavierspielerDu bist doch schon ein großer JungeWo wir uns bilden, da ist unser VaterlandImpressum

Über das Buch

Mit feiner Ironie erzählt Marion Röttgen von den kleinen und großen Tragödien der Kindheit. Ihre Kurzgeschichten spielen um die Jahrhundertwende, in den fünfziger Jahren und heute. Es sind Skizzen alltäglicher Situa­tionen, die durch ihre Schlichtheit betroffen machen und wohl jeden Leser an Erfahrungen aus der eigenen Kindheit erinnern.

Das Buch ist auch einer Printausgabe erhältlich.

ISBN-13: 978-3939322903

Broschiert: 104 Seiten Verlag: Opus Magnum, Edition Amici

www.opus-magnum.com

Über die Autorin

Marion Röttgen lebt mit ihrer Familie in Stuttgart.

Sie hat in Literaturwissenschaft promoviert, Logopädie und Sprecherziehung studiert und lehrt als Professorin an der IB-Hochschule.

Schimmagolä Schmiselebö

Klein-Erna hatte es nicht leicht. Erna Helene Henriette hieß sie nach ihren verstorbenen Tanten, den Schwestern der Mutter, die alle an Tuberkulose gestorben waren. Dass ausgerechnet Erna zum Rufnamen gewählt wurde, obwohl Klein-Erna die proletarische Witzfigur Hamburgs ist, war dem starrköpfigen Vater zu verdanken. Gustav Marten war als Elsässer mit einer bretonischen Mutter französischsprachig groß geworden und fand Gefallen an dem herben Klang des Namens, der ihm – anders als die anderen beiden – in reizvoller Weise deutsch vorkam. Sonst gab es wenig, was ihm an Deutschland gefiel, und genau betrachtet verwundert es nicht, dass die Ehe mit der jungen Hamburgerin Minna von Beginn an unglücklich für beide Seiten war. Geheiratet hatten sie aus wechselseitigem Irrtum.

Minna war von südländischer Schönheit und ähnelte ganz ihrer italienischen Großmutter aus dem Tessin. Die scharf gezeichneten, langgezogenen schwarzen Brauen über den tief braunen Augen im Kontrast zu den dunkelblonden Haaren hätten eine leidenschaftliche Mentalität vermuten lassen, wäre nicht der melancholische Zug um den Mund gewesen und hätte nicht die bräunlich blasse Haut ihr, auch als sie noch gesund war, ein kränkliches Aussehen verliehen.

Ihrem Wesen nach war sie ganz Hamburgerin. Hanseatisch zurückhaltend, höhere Tochter aus gutem Hause, mit einer Neigung zum Phlegma, hatte sie eine protestantisch prüde Erziehung verinnerlicht. Das feurige Dunkel der Augen täuschte, und ihr Klavierspiel war die Gewohnheit eines wohlerzogenen Mädchens. Als der junge Elsässer Offizier ihr in mediterraner Leidenschaft während der Verlobungszeit zu Füßen saß und zu seiner Gitarre mit lässiger Begabung französische Liebeslieder sang, meinten beide, sich ineinander zu spiegeln.

Welche Tragik, als der reife, sinnliche Mann eine erschrockene Braut in den Armen hielt, die starr vor Ekel seiner Leidenschaft mit Entsetzen und Flucht begegnete. Minna hatte sich die Ehe vorgestellt, wie sie das großbürgerliche Familienleben ihrer Eltern erlebte, die einander stets mit distanzierter Zuneigung und wechselseitigem Respekt begegnet waren. Welcher Kummer, als das liebe, brave Mädchen begriff, dass ihre Tugenden verspottet wurden, ihre Kochkunst nicht dem französischen Geschmack entsprach, ihre Lieder als banal, ihre Bildung als medioker empfunden wurden. Eifersucht war der einzige Beweis einer restlichen Leidenschaft, die sich in Gustav aus Enttäuschung in Jähzorn und Tyrannei verwandelte. Zumindest die Schönheit der jungen Frau wollte Gustav für sich besitzen.

So kam es, dass er sie und sich selbst einschloss in der Hamburger Bürgervilla, alle einstigen Vergnügungen und Geselligkeiten einstellend. Acht Jahre nach dem erstgeborenen Sohn Hugo entsprang aus einer der wenigen ehelichen Begegnungen noch eine kleine Tochter. In Erna fand die seelisch verkümmernde Mutter endlich eine Gefährtin, die heranwachsend das Leid der Mutter ahnte und durch ihr ungemein fröhliches Naturell einen Lichtschimmer in die Trübsal des dunklen Hauses brachte.

Aus einer Mischung von Tradition, Geiz, Starrsinn und bewusstem Widerspruch zu den Wünschen seiner Frau hatte Gustav das Haus so bauen lassen, dass alle repräsentativen Räume zur dunklen Nordseite auf die Straße gingen. Die Sehnsucht nach Sonne war vielleicht das einzige in Minnas Wesen Verbliebene, das an ihre südliche Herkunft erinnerte. Aber auch der Garten war nach Süden nicht gestaltet worden, sodass die sonnige Küche zum liebsten Aufenthalt von Mutter und Tochter wurde.

Das kleine Mädchen ging noch nicht zur Schule, sprach aber gut französisch, weil der herrische Vater unerbittlich darauf bestand, dass bei Tisch nur seine Muttersprache gesprochen wurde. Minna, die noch gewohnt gewesen war, am Tisch ihrer Eltern aus Gründen des Respekts im Stehen zu essen, akzeptierte den Wunsch ihres Gatten aus Überzeugung. Nicht nur, weil auch sie meinte, die Kinder schuldeten ihrem Vater Gehorsam, sondern weil sie den Nutzen der Zweisprachigkeit erkannte und selber bedauerte, dass sie die Sprache ihrer Tessiner Großmutter kaum verstanden hatte.

Ihrer kleinen Tochter erzählte sie oft von den Ferien, die sie an einem See inmitten hoher Berge bei ihr verbracht hatte, von der alle sagten, sie sei ihr so ähnlich. Die italienische Großmutter war jung Witwe geworden und hatte sich von der Schweizer Familie in das Tessiner Bergdorf zurückgezogen, in dem sie groß geworden war. Die deutsche Sprache und die deutsche Familie waren ihr fremd geworden bis auf Minna, ihr Enkelkind, das man ihr aus dem fernen Hamburg in den Sommerferien zur Erholung schickte. Die Sorge, dass auch dieses Kind an Tuberkulose sterben könnte wie seine fünf Geschwister, hatte die Hamburger Familie ermutigt, jedes Jahr die Kosten der weiten Reise auf sich zu nehmen. Die Schweizer Butter und die fette Bergmilch, so hoffte man, würde das Kind vor einer Infektion schützen.

Erna hörte der Mutter gerne zu, wenn sie vom Gebirge erzählte. Berge schienen ihr etwas Wundervolles zu sein. In Hamburg gab es nur den Süllberg, sonst war das Land, wie Erna es kannte, flach. ‚Platt wie ein Pfannkuchen‘, sagte ihre Mutter immer. Ihr Leben lang währte die durch die Erzählungen der Mutter geweckte Sehnsucht nach den Bergen, sodass sie schließlich als alte Frau Hamburg verlassen sollte, um in den Alpen ihren Lebensabend zu verbringen.

Mittags saß das Kind gern neben seiner Mutter auf einem hohen Kinderstühlchen am Küchentisch und hörte ihren Erzählungen zu, während das Hausmädchen Trine Petersilie hackte oder Zwiebeln schnitt und der Mutter half, das Mittagessen zuzubereiten. Es war friedlich in der Küche. Trine sprach nicht viel, sie war still und schüchtern. Ihre Krankheit hatte dazu geführt, dass sie oft die Stelle hatte wechseln müssen. Gustav Marten hatte sie für einen geringen Lohn von einem Kollegen übernommen, dem das Anfallsleiden des Mädchens lästig geworden war. In der geschäftig friedfertigen Stimmung vergaß Erna jeden Tag aufs Neue, wie das stille Glück am Mittag enden sollte.

Schon von Weitem hörte man dann plötzlich den Bruder Hugo. Kaum ein Tag, an dem er sich in der gleichen Weise ankündigte. Ein Kobold vom ersten Tag seiner Geburt an, mangelte es ihm nie an neuen Einfällen. So konnte es sein, dass er laut johlend den Gartenweg zum Kücheneingang stürmte, oder er sang plattdeutsche Fischerlieder. Zuweilen schmetterte der musikalische Knabe eine Arie Verdis, oder er machte mit dem ihm eigenen Imitationstalent Tierlaute oder Geräusche der Straße nach.

Wenn Hugo seine Begrüßung auch vielfältig variierte, seinen Auftritt in der Küche gestaltete er stets ähnlich, und sein Abgang war zu Ernas Wut stets der gleiche. Doch zunächst war Hugo einmal da und sorgte dafür, dass auch jedermann Notiz davon nahm. Mit lautem Gejohle warf er seinen Ranzen auf die Küchenbank und berichtete mit Stolz, er sei wieder einmal der Beste gewesen. Über die Einzelheiten ließ er sich aus guten Gründen nie genau aus. Hugo war trotz seiner vielfältigen Begabungen alles andere als ein guter Schüler. Vorwitzig und mit natürlichem Selbstbewusstsein widersetzte er sich allen Versuchen, ihn zu Gehorsam zu zwingen, wenn er von der Richtigkeit der Forderungen nicht überzeugt war. Kluge Lehrer schätzten den phantasievollen Burschen, schwache Lehrer versuchten vergeblich, Hugos Unbeugsamkeit durch Ohrfeigen oder Stockschläge auf die Hände zu brechen. Der Knabe ertrug alle Misshandlungen mit Stolz und einem unbesiegbaren Humor, der ihm ermöglichte, seinen angeborenen Gerechtigkeitssinn auch später das Dritte Reich hindurch ohne Kompromisse zu bewahren.

Die schlechten Noten bemäntelte Hugo mit komischen Geschichten, die selbst den strengen Vater zum Lachen brachten. In der Küche fand jeden Mittag eine Art Kabarett statt, bei dem das ganze Lehrerkollegium Revue passierte. Dazu stellte sich Hugo auf einen Stuhl und benutzte alles, was er an Küchengeräten greifen konnte.

Auf dem Höhepunkt seiner theatralischen Darbietung angekommen, sprang er vom Stuhl herunter, zog Trine die Schürzenbänder auf, gab seiner Mutter einen stürmischen Kuss und zog die kleine Schwester an ihren dünnen Zöpfen.

Seinen Ranzen greifend, rannte er aus der Küche, doch im letzten Moment, bevor er die Tür hinter sich zuschlug, rief er mit leiser Stimme zu seiner kleinen Schwester gewandt: ‚Schimmagolä Schmiselebö‘.

Was heißt das? schrie diese sofort zurück, doch die Tür war schon hinter Hugo zugeschlagen. Was heißt das, Mama, ich will wissen, was das heißt!, schrie Erna aufgebracht. Jeden Mittag dasselbe Ritual. Du weißt doch, es heißt gar nichts. Hugo will dich nur ärgern. Und das gelang. Die Tür ging einen Spalt auf, herein schaute das freche Bubengesicht, und Hugo rief dieses Mal laut und triumphierend: ‚Schimmagolä Schmiselebö‘. Das kleine Mädchen bekam einen roten Kopf vor Wut, es strampelte auf seinem Stuhl, versuchte herauszuklettern, verhakelte sich aber in seinem ungestümen Zorn und klemmte sich auch noch die Finger. Vergeblich versuchten die Frauen, Erna zu beruhigen. Sie glaubte ihnen nicht. Er sagt etwas ganz Gemeines. Ich weiß das genau. Das ist Französisch. Als sich zum dritten Mal die Tür öffnete und dieses Mal ganz leise und tückisch wieder das ‚Schimmagolä Schmiselebö‘ ertönte, wurde die Mutter zornig, warf hinter Hugo die Tür zu. Hör auf jetzt! Ein paar Minuten vergingen, die jedoch nicht genügten, das aufgeregte Schluchzen des Mädchens zu besänftigen, bis Hugo, der ums Haus gelaufen war, von der anderen Seite durch die Glastür der Küche schaute, das Gesicht gegen die Scheibe presste und seine Lippen zu einem runden Kussmund formte: Schsch... Man hörte nichts, aber Klein-Erna verstand sehr wohl. Sie schrie und tobte und schlug mit den Fäusten auf das Tischbrettchen ihres Kinderstuhls. Was heißt Schimmagolä Schmiselebö? Das ist was ganz Gemeines. Ich will wissen, was das heißt! Hugo grinste, verschwand im Haus und ließ Erna in Ruhe... bis zum nächsten Mittag.

Eine Hupe im Jahre 1902

Ulrich hatte in dem Trödelladen eines Hamburger Elbvororts eine kleine Hupe gefunden. Der Ball war aus rotem Gummi, das Horn aus glänzendem Messing. Eine schöne Hupe. Ulrich hatte Sinn für Unsinn. Das Schönste an der Hupe war, dass sie laut trötete und sich genauso anhörte wie eine Autohupe.

Ulrich ging in die sechste Klasse des Gymnasiums für Jungen. Der Klassenraum war im ersten Stock und hatte, wie damals alle Schulen, Holzbänke, in die man wie in Straßenbahnsitze einsteigen musste. Auf den schrägen Pulten hatten ganze Generationen von Schülern ihre Initialen eingeritzt.

Ulrich bohrte ganz versunken mit einer Stricknadel seiner Mutter auf dem Pult eine tiefe herzförmige Rille, als Oberstudienrat Dr. Schubert die geistige Abwesenheit seines Schülers bemerkte und ihn mit strenger Miene an die Tafel zitierte. Den Schachtelhalm sollte Ulrich an die Tafel malen. Mein Gott, den Schachtelhalm. Nichts interessierte Ulrich weniger als der Schachtelhalm. Das Ergebnis an der Tafel löste eine Lachsalve bei den Mitschülern aus, ironische Verachtung bei Dr. Schubert und Wut bei Ulrich. Sechs, setzen, sagte Lehrer Schubert.

Ulrich trabte erbittert in seine letzte Reihe und kochte wegen der Erniedrigung. Da kam ihm die rettende Idee. Die Hupe! Ulrich nahm das kleine Wunderwerk aus seinem Ranzen und drückte. Pföh, pföh, tönte es. Die Schüler sprangen auf, stürzten an die Fenster: Herr Lehrer, ein Auto. Herr Lehrer, ein Auto. Gab es doch hier gerade einmal zwei Automobile, den Maibach von Reeder Jens Jensen und den Mercedes von Bürgermeister Hans Brüggemann.

Auch Dr. Schubert eilte neugierig an das Fenster, versuchte über die Schülerwand hinweg zu sehen. Vergeblich, schon um die Ecke, schade. Es dauerte, bis die Schüler gackernd, kichernd und von Autos schwärmend wieder ihre Plätze eingenommen hatten. Gerade hatte Lehrer Schubert wieder begonnen, die interessante Struktur des Schachtelhalms zu erläutern, als es schon wieder trötete: pföh, pföh.